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9.3.4 Patentrennen, Nicht-Patentrennen und spillover-Effekte in:

Eberhard Feess, Andreas Seeliger

Umweltökonomie und Umweltpolitik, page 216 - 218

4. Edition 2013, ISBN print: 978-3-8006-4668-5, ISBN online: 978-3-8006-4365-3, https://doi.org/10.15358/9783800643653_216

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Vahlen – Allg. Reihe – Feess/Seeliger, Umweltökonomie und Unweltpolitik, 4. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.09.2013 Status: Imprimatur Seite 206 9 Umwelttechnischer Fortschritt (dynamische  Anreizwirkungen)206 9.3.4 Patentrennen, Nicht-Patentrennen und spillover-Effekte In den vorhergehenden Abschnitten gingen wir davon aus, dass die strategischen Interdependenzen hinsichtlich der Innovationsanreize ausschließlich über den Gütermarkt vermittelt werden. Damit ist gemeint, dass beispielsweise ein Oligopolist im Mengenwettbewerb einen Anreiz zur Überinvestition in F&E hat, weil er dadurch seine Gleichgewichtsmenge erhöht und der Konkurrent als Reaktion darauf seine eigene Gleichgewichtsmenge reduziert, was sich wiederum günstig für den Innovator auswirkt. Wir haben aber nicht einbezogen, dass sich die strategische Interdependenz nicht nur auf die (indirekten) Gütermarkteffekte, sondern auch direkt auf die Innovation selbst beziehen kann. Um dies zu berücksichtigen, werden in der industrieökonomischen Literatur vor allem zwei Hauptrichtungen unterschieden, die man als tournament- (also Turnier) und nicht-tournament-Wettbewerbe bezeichnet: 1. unter dem tournament-Wettbewerb versteht man ein Patentrennen. Dabei wird angenommen, dass es eine Prozessinnovation gibt, die nur von dem Unternehmen genutzt werden darf, das die Innovation als erstes durchführt; 2. unter dem nicht-tournament-Wettbewerb versteht man dagegen, dass die Innovation grundsätzlich nicht patentiert werden kann und damit jedem Unternehmen zugänglich ist. Allerdings gibt es unterschiedliche Annahmen darüber, welche Informationen nicht-innovative Unternehmen eigentlich über die Innovation erhalten. Wenn wir annehmen, dass die Unternehmen gar nichts über die Innovationen anderer Unternehmen erfahren (diese also wegen Kompetenz oder sonstigen Problemen nicht nutzen können), dann sind wir wieder im Modell von Abschnitt 9.3.3 mit unabhängigen Innovationen angelangt. Deshalb wird in der Literatur zum nontournament-Wettbewerb angenommen, dass es mehr oder weniger stark ausgeprägte spillover-Effekte gibt, die angeben, in welchem Ausmaß ,,fremde“ Innovationen genutzt werden können. 9.3.4.1 Patentrennen In der tournament- bzw. Patentrennen-Literatur wird vor allem die Frage untersucht, wie sich die Anzahl der Marktteilnehmer auf den Innovationsanreiz auswirkt. Dabei wird angenommen, dass Unsicherheit über den erfolgreichen Abschluss der Innovation besteht und die Wahrscheinlichkeit dafür, eine Innovation in einem bestimmten Zeit punkt zu beenden, von den eingesetzten F&E-Ausgaben abhängt. Die Wahrscheinlichkeit steigt also mit den F&E-Ausgaben. Trotz der zahlreichen verschiedenen Modellvarianten und der extremen Sensitivität gegenüber den Annahmen können einige Ergebnisse dieses Patentrennen-Typs vereinfachend folgendermaßen zusammengefasst werden:19 1. sofern die F&E-Ausgaben zu Beginn der Innovationsanstrengungen vollständig getätigt werden müssen, sinken die gewinnmaximalen Innovationsausgaben, wenn die Anzahl der am Markt tätigen Unternehmen zunimmt.20 Dies liegt daran, dass der Nutzen der Innovation (weitgehend) unabhängig von der Anzahl der Unternehmen 19 Vgl. zum Folgenden auch Moro (1993), S. 5 f. 20 Vgl. z.B. Loury (1979). Vahlen – Allg. Reihe – Feess/Seeliger, Umweltökonomie und Unweltpolitik, 4. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.09.2013 Status: Imprimatur Seite 207 9.3 Einige Grundgedanken der Innovationstheorie 207 ist,21 während die Wahrscheinlichkeit, das Patentrennen tatsächlich als erster zu beenden, mit der Anzahl der Teilnehmer ceteris paribus abnimmt. Allerdings kann daraus nicht geschlossen werden, dass die gesamten Innovationsausgaben am Markt zurückgehen, wenn die Anzahl der Unternehmen steigt. Vielmehr zeigt sich, dass diese unter recht allgemeinen Bedingungen sogar zunehmen, weil die Abnahme des Innovationsanreizes pro Unterneh men durch die Zunahme der Anzahl der Unternehmen überkompensiert wird; 2. weniger eindeutig sind die Ergebnisse, wenn die F&E-Ausgaben nicht zu Beginn des Innovationsvorhabens, sondern (realistischer) kontinuierlich verausgabt werden. Wenn dann die Anzahl der Unternehmen zunimmt, gibt es zwei gegenläufige Effekte: Auf der einen Seite nimmt die Wahrscheinlichkeit, den Patent-Wettlauf zu gewin nen, ceteris paribus wieder ab, was den Innovationsanreiz (gegeben den konstanten Patentnutzen) wieder reduziert. Auf der anderen Seite werden die Ausgaben aber genau aus diesem Grund auch bei sinkenden Grenzwahrscheinlichkeiten pro Periode möglichst früh getätigt, weil die Chance, mit einer späten Innovation noch das tournament zu gewinnen, mit steigender Anzahl der Unternehmen geringer wird. Dies kann ohne weiteres dazu führen, dass die Innovation bei einer steigenden Anzahl von Unternehmen (im Erwartungswert) früher getätigt wird. In einem weiteren Modelltyp zum Patentrennen wird davon ausgegangen, dass es einen Monopolisten und einen potentiellen ,,Eindringling“ gibt, die um ein Patent konkurrieren. Noch stärker als im Modelltyp zuvor reagieren die Innovationsanreize hier sehr sensitiv auf die genauen Annahmen der Modelle. Insbesondere die Frage, ob der Innovationsanreiz für den (bisherigen) Monopolisten oder den (potentiellen) Eindringling größer ist, hängt stark von den unterstellten Auszahlungen ab, die sich für die verschiedenen Fälle (Monopolist oder Eindringling gewinnt das Patentrennen) ergeben. In den meisten Modellen ergibt sich aber, dass der Innovationsanreiz des Monopolisten durch den potentiellen Eindringling größer wird. Denn ohne Eindringling ist der Innovationsanreiz des Monopolisten aus den in Abschnitt 9.3.2 erläuterten Gründen zu gering, während mit Eindringling befürchtet werden muss, dass zumindest ein Teil der Monopolgewinne durch die Konkurrenz verloren geht. Insgesamt zeigt die Literatur zu Patentrennen, dass die privaten Innovationsanreize durchaus über den pareto-effizienten liegen können. Dies liegt daran, dass alle am Markt tätigen Unternehmen wegen des tournament-Charakters der Innovation einen Anreiz zur Forschung haben, so dass es möglicherweise zu unnötigen „Doppelausgaben“ kommt. 9.3.4.2 Nicht-Patentrennen und spillovers Ohne Möglichkeit zur Patentierung von Innovationen muss dagegen damit gerechnet wer den, dass die privaten Innovationsanreize unter den pareto-effizienten liegen, sofern die spillover-Effekte groß sind. Dies wird unmittelbar deutlich, wenn wir annehmen, dass die spillover-Effekte vollständig sind. Vollständige spillover-Effekte bedeuten, dass alle am Markt tätigen Unternehmen die Innovation in gleicher Weise nutzen können, so 21 Dieses „weitgehend“ muss hinzugefügt werden, weil – wie in Abschnitt 9.3.2 gezeigt – auch die strate gischen Gütermarkt-Interdependenzen berücksichtigt werden müssen und hier außerdem vernachlässigt wird, dass die Innovation durch Lizenzvergaben vermarktet werden kann. Vahlen – Allg. Reihe – Feess/Seeliger, Umweltökonomie und Unweltpolitik, 4. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.09.2013 Status: Imprimatur Seite 208 9 Umwelttechnischer Fortschritt (dynamische  Anreizwirkungen)208 dass das innovierende Unternehmen zwar die Innovationskosten alleine tragen muss, die In novationsnutzen sich aber gleichmäßig verteilen. Es verwundert nicht, dass es in diesem und ähnlich gelagerten Fällen dazu kommen kann, dass Innovationen überhaupt nicht durchgeführt werden.22 Wenn die spillover-Effekte Null sind, so sind wir wie erwähnt wieder in den Modelltypen aus den Abschnitten 9.3.2 und 9.3.3 angekommen, weil die Innovationen der verschiedenen Unternehmen ja dann unabhängig voneinander sind und die strategischen Effekte nur durch die Gütermarkt-Konkurrenz entstehen. Im Mengenwettbewerb kommt es dann zu Über- und im Preiswettbewerb zu Unterinvestitionen in F&E. Aus den Überlegungen zum Mengenwettbewerb in Abschnitt 9.3.2 ohne spillover-Effekte und den in novationsvermindernden Folgen von spillover-Effekten folgt, dass die Innovationsanreize im Mengenwettbewerb von der Höhe der spillover-Effekte bestimmt werden, weil es zwei gegenläufige Effekte gibt: auf der einen Seite besteht im Mengenwettbewerb ein Anreiz zur Überinvestition, um dadurch die Konkurrenten zur Wahl einer niedrigen Produkti onsmenge zu bewegen. Auf der anderen Seite bewirken die spillover-Effekte, dass andere Unternehmen durch die eigenen F&E-Ausgaben billiger produzieren können, was den In novationsanreiz vermindert. Je näher der spillover-Effekt bei Eins liegt, desto eher die Gefahr der Unterinvestition. Diese Überlegungen zeigen, dass es purer Zufall wäre, wenn sich die beiden gegenläufigen Effekte genau ausgleichen würden und es dadurch zur pareto-effi zienten Innovation käme. Im Allgemeinen kann also angenommen werden, dass der Staat die Wohlfahrt durch Innovationssteuern oder Innovationssubventionen erhöhen kann, sofern er über die Entscheidungssituationen der beteiligten Unternehmen halbwegs gut informiert ist. 9.3.5 Zusammenfassung Unsere kurze, selbstverständlich in jeder Hinsicht unvollständige und vereinfachende Übersicht über Innovationsanreize hat gezeigt, dass diese von zahlreichen Faktoren wie 1. dem genauen oligopolistischen Wettbewerb, 2. dem Vorliegen von tournament- vs. non-tournament-Wettbewerb auf dem Innovationsmarkt, 3. und der Höhe der spillover-Effekte abhängen und daher sensibel auf die jeweiligen Modellprämissen reagieren. Als einzige Schlussfolgerung lässt sich festhalten, dass im Allgemeinen damit gerechnet werden muss, dass die privaten Innovationsanreize in die eine oder andere Richtung von den pareto effizienten abweichen, so dass die soziale Wohlfahrt durch Steuern, Subventionen oder andere Maßnahmen erhöht werden kann. 22 Vgl. z.B. Mariotti (1992).

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References

Zusammenfassung

Umweltökonomie – neue Aspekte

Die rasanten Entwicklungen in der Umweltpolitik in den vergangenen Jahren führten zu umfangreichen Anpassungen in diesem beliebten Lehrbuch, die insbesondere die anwendungsorientierten Abschnitte betreffen. Hier wurden vor allem die Kapitel über die Umweltinstrumente (Auflagen, Steuern, Zertifikate), die Kosten-Nutzen-Analyse sowie die internationalen Umweltaspekte (bspw. Klimakonferenzen) grundlegend aktualisiert. Darüber hinaus enthält das Kapitel zur Ressourcenökonomie nun ebenfalls eine anwendungsbezogene Diskussion.

Umweltökonomie – die Schwerpunkte

- Spieltheoretische Grundlagen

- Theorie externer Effekte

- Auflagen

- Steuern und Abgaben

- Zertifikate

- Verhandlungslösungen

- Umwelthaftung

- Umwelttechnischer Fortschritt

- Internationale Aspekte des Umweltproblems

- Umweltpolitik bei asymmetrischer Informationsverteilung

- Kosten-Nutzen-Analyse

- Ressourcenökonomie

Zielgruppe

Studierende der Volks- und Betriebswirtschaftslehre an Universitäten und Hochschulen sowie interessierte Praktiker in Wirtschaft, Politik und Verwaltung

Prof. Dr. Eberhard Feess ist seit 2008 Professor für Managerial Economics an der Frankfurt School of Finance and Management. Zuvor hatte er Lehrstühle an der EBS, der Johann Wolfgang Goethe Universität Frankfurt und der RWTH Aachen.

Prof. Dr. Andreas Seeliger lehrt seit 2011 Volks- und Energiewirtschaftslehre an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg Mosbach. Zuvor war er bei Frontier Economics, der Trianel European Energy Trading sowie dem Energiewirtschaftlichen Institut an der Universität zu Köln beschäftigt.