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9.3.3 Strategische Innovationsanreize im Oligopol in:

Eberhard Feess, Andreas Seeliger

Umweltökonomie und Umweltpolitik, page 214 - 216

4. Edition 2013, ISBN print: 978-3-8006-4668-5, ISBN online: 978-3-8006-4365-3, https://doi.org/10.15358/9783800643653_214

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Vahlen – Allg. Reihe – Feess/Seeliger, Umweltökonomie und Unweltpolitik, 4. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.09.2013 Status: Imprimatur Seite 204 9 Umwelttechnischer Fortschritt (dynamische  Anreizwirkungen)204 Monopolmenge ist. Denn der Preis c0 ist bei einer nicht-drastischen Innovation definitionsgemäß kleiner als der Monopolpreis, so dass die Menge größer sein muss. Bei drastischen Innovationen befindet sich das Unternehmen nach der Innovation in der gleichen Situation wie ein Monopolist, so dass der marginale Innovationsanreiz mit dem des Monopolisten identisch ist (die Gewinnfunktion ist identisch). Sofern wir eine ste tig variierbare Innovation betrachten, stellt sich daher das gleiche Resultat ein. Allerdings ergibt sich ein größerer Innovationsanreiz als im Monopol, wenn wir annehmen, dass es nur eine mögliche Innovation gibt, die feststehende Kosten K(I) verursacht. Dieser höhere Anreiz liegt daran, dass der Monopolist ohne Innovation einen positiven Gewinn macht, während der unseres Unternehmens in der Ausgangssituation vollständiger Konkurrenz Null beträgt. Es kann daher sein, dass sich die Innovation für unseren Monopolisten nicht lohnt, weil z.B. der neue Gewinn angesichts der hohen Kosten der Innovation 10 statt 15 beträgt. Für das Unternehmen bei ursprünglich vollständiger Konkurrenz beträgt der neue Gewinn dann auch 10, was sich bei einem Ausgangsgewinn von Null lohnt. Das eigentlich interessante Ergebnis des betrachteten Modells aber lautet, dass der Innovationsanreiz in allen Fällen gemessen am Pareto-Optimum zu gering ist, weil sich die Innovation auf eine (wieder gemessen am Pareto-Optimum) zu geringe Produktionsmenge bezieht. Die folgenden Abschnitte werden allerdings zeigen, dass diese Anreize zur Unterinnovation wesentlich darauf beruhen, dass nur ein möglicher Innovator berücksich tigt wird. Andernfalls können die strategischen Interdependenzen zwischen verschiedenen potentiellen Innovatoren durchaus dazu führen, dass gemessen am Optimum zu viel in F&E investiert wird.14 9.3.3 Strategische Innovationsanreize im Oligopol Im vorhergehenden Abschnitt haben wir die Innovationsanreize im Monopol und bei voll ständiger Konkurrenz skizziert, ohne die „strategischen“ Effekte der Innovationen berück sichtigt zu haben, die für Oligopolmärkte charakteristisch sind. Auf diese wollen wir nun kurz eingehen, ohne die Resultate allerdings formal herzuleiten.15 Stellen wir uns hier zu ein zweistufiges Spiel vor, in dem auf der zweiten Stufe zwei Unternehmen in einem Cournot- oder Bertrand-Wettbewerb über ihre Angebotsmengen bzw. -preise entschei den. Die Kostenfunktion des Unternehmens 2 sei gegeben, während das Unternehmen 1 auf der ersten Stufe des Spiels eine Innovation durchführen kann, die die Kostenfunktion in der zweiten Stufe des Spiels bestimmt. In dieser Situation muss das Unternehmen 1 bei der Entscheidung über die Höhe seiner Innovation nicht nur die Kostenverminderung und die damit verbundene Preissenkung bzw. Mengenerhöhung in der zweiten Stufe bei gege bener Strategie des Konkurrenten einkalkulieren, sondern auch die Auswirkungen, die das geänderte eigene Verhalten in der zweiten Periode auf das Verhalten des Konkurrenten hat. Da dieses (antizipierte) Verhalten des Konkurrenten indirekt also das eigene Ver halten beeinflusst, entsteht neben dem direkten Innovations- 14 Vgl. vor allem Abschnitt 9.3.4.1. 15 Vgl. hierzu die Originalaufsätze von Fudenberg/Tirole (1984) und Bulow/Genakopolos/ Klemperer (1985). Einsichtige Darstellungen finden sich z.B. bei Tirole (2006) und Mas-Colell/ Whinston/ Green (1995), S. 414 ff. Vahlen – Allg. Reihe – Feess/Seeliger, Umweltökonomie und Unweltpolitik, 4. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.09.2013 Status: Imprimatur Seite 205 9.3 Einige Grundgedanken der Innovationstheorie 205 anreiz ein indirekter Effekt, den man als strategischen Innovationsanreiz bezeichnet. Eine interessante Frage lautet, unter welchen Annahmen über die Wettbewerbsform auf der zweiten Stufe dieser stra tegische Innovationsanreiz positiv oder negativ ist (d.h. den direkten Innovationsanreiz verstärkt oder vermindert). Zur besseren Übersichtlichkeit gehen wir immer davon aus, dass das innovative Unternehmen das Unternehmen 1 ist, während die Kostenfunktion von Unternehmen 2 gegeben ist. Die Antwort auf diese Frage ist erstaunlich einfach. Betrachten wir zunächst den Cournot-Wettbewerb. Beim Cournot-Wettbewerb sind die Reaktionsfunktionen negativ geneigt, was bedeutet, dass eine Mengenerhöhung des einen Oligopolisten im Gleichge wicht zu einer Mengenverminderung des anderen Oligopolisten führt.16 Dies liegt daran, dass bei normal verlaufenden Nachfragefunktionen eine Mengenerhöhung einen immer kleineren Grenzerlös bewirkt, je größer die Ausgangsmenge schon ist. Vereinfachend for muliert kann man auch sagen, dass eine hohe eigene Menge zu einem sehr niedrigen Preis führt, wenn der Konkurrent ebenfalls eine hohe Menge anbietet. Nun bewirkt die kosten senkende Innovation von Unternehmen 1, dass Unternehmen 1 in der zweiten Periode im Cournot-Nash-Gleichgewicht eine höhere Menge anbietet, weil die Menge umso höher ist, je niedriger die Grenzkosten sind. Dies führt bei negativ geneigten Reaktionsfunktionen dazu, dass Unternehmen 2 eine niedrigere Menge anbietet – ein Effekt, der den Gewinn von Unternehmen 1 ceteris paribus erhöht. Man spricht auch davon, dass es sich um stra tegische Substitute17 handelt, weil die aggressive Strategie des einen Unternehmens zu einer weniger aggressiven Strategie des anderen Unternehmens führt. Für Unternehmen 1 wirkt sich eine hohe Innovation bei strategischen Substituten also auch deshalb positiv aus, weil Unternehmen 2 darauf mit einer Mengenverminderung reagiert, so dass es im Mengenwettbewerb zu einem positiven strategischen Innovationsanreiz kommt. Im Preiswettbewerb stellt sich dagegen genau der entgegengesetzte Effekt ein, weil die Reaktionsfunktionen keine negative, sondern eine positive Steigung aufweisen.18 In die sem Fall spricht man von strategischen Komplementen, weil die aggressive Strategie von Unternehmen 1 eine ebenfalls aggressive Strategie von Unternehmen 2 auslöst. Auch dies ist einsichtig, weil Unternehmen 2 bei einer Preissenkung von Unternehmen 1 im Gleich gewicht aus Angst vor einem zu starken Nachfragerückgang ebenfalls den Preis senkt. Dies wiederum führt dazu, dass der strategische Innovationsanreiz für Unternehmen 1 negativ ist. Die Innovation führt im Gleichgewicht zu einer Preissenkung für das eigene Produkt, aber die dadurch ausgelöste Preissenkung des Konkurrenten reduziert den Ge winn ceteris paribus. Der Innovationsanreiz ist daher im Preiswettbewerb geringer als im Mengenwettbewerb. Wir werden vor allem in Abschnitt 10.4 über den Zusammenhang von Umweltpolitik und strategischer Handelspolitik sehen, dass die Anreize zu hohen oder niedrigen Umweltstandards im Kontext international unvollständiger Märkte ganz entscheidend davon abhängen, ob es sich um strategische Substitute (Mengenwettbewerb) oder strategische Komplemente (Preiswettbewerb) handelt. 16 Vgl. ausführlich oben, Abschnitt 2.4.3. 17 Nicht zu verwechseln mit gewöhnlichen Substituten, um die es sich im Oligopol natürlich immer handelt (andernfalls würde man die Güter nicht zu einem Markt zusammenfassen). 18 Dies setzt voraus, dass es sich um heterogene Produkte handelt, weil im homogenen Oligopol bei Preiswettbewerb keine wohldefinierten Reaktionsfunktionen existieren (vgl. ausführlich oben, Abschnitt 2.4.3.4). Vahlen – Allg. Reihe – Feess/Seeliger, Umweltökonomie und Unweltpolitik, 4. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.09.2013 Status: Imprimatur Seite 206 9 Umwelttechnischer Fortschritt (dynamische  Anreizwirkungen)206 9.3.4 Patentrennen, Nicht-Patentrennen und spillover-Effekte In den vorhergehenden Abschnitten gingen wir davon aus, dass die strategischen Interdependenzen hinsichtlich der Innovationsanreize ausschließlich über den Gütermarkt vermittelt werden. Damit ist gemeint, dass beispielsweise ein Oligopolist im Mengenwettbewerb einen Anreiz zur Überinvestition in F&E hat, weil er dadurch seine Gleichgewichtsmenge erhöht und der Konkurrent als Reaktion darauf seine eigene Gleichgewichtsmenge reduziert, was sich wiederum günstig für den Innovator auswirkt. Wir haben aber nicht einbezogen, dass sich die strategische Interdependenz nicht nur auf die (indirekten) Gütermarkteffekte, sondern auch direkt auf die Innovation selbst beziehen kann. Um dies zu berücksichtigen, werden in der industrieökonomischen Literatur vor allem zwei Hauptrichtungen unterschieden, die man als tournament- (also Turnier) und nicht-tournament-Wettbewerbe bezeichnet: 1. unter dem tournament-Wettbewerb versteht man ein Patentrennen. Dabei wird angenommen, dass es eine Prozessinnovation gibt, die nur von dem Unternehmen genutzt werden darf, das die Innovation als erstes durchführt; 2. unter dem nicht-tournament-Wettbewerb versteht man dagegen, dass die Innovation grundsätzlich nicht patentiert werden kann und damit jedem Unternehmen zugänglich ist. Allerdings gibt es unterschiedliche Annahmen darüber, welche Informationen nicht-innovative Unternehmen eigentlich über die Innovation erhalten. Wenn wir annehmen, dass die Unternehmen gar nichts über die Innovationen anderer Unternehmen erfahren (diese also wegen Kompetenz oder sonstigen Problemen nicht nutzen können), dann sind wir wieder im Modell von Abschnitt 9.3.3 mit unabhängigen Innovationen angelangt. Deshalb wird in der Literatur zum nontournament-Wettbewerb angenommen, dass es mehr oder weniger stark ausgeprägte spillover-Effekte gibt, die angeben, in welchem Ausmaß ,,fremde“ Innovationen genutzt werden können. 9.3.4.1 Patentrennen In der tournament- bzw. Patentrennen-Literatur wird vor allem die Frage untersucht, wie sich die Anzahl der Marktteilnehmer auf den Innovationsanreiz auswirkt. Dabei wird angenommen, dass Unsicherheit über den erfolgreichen Abschluss der Innovation besteht und die Wahrscheinlichkeit dafür, eine Innovation in einem bestimmten Zeit punkt zu beenden, von den eingesetzten F&E-Ausgaben abhängt. Die Wahrscheinlichkeit steigt also mit den F&E-Ausgaben. Trotz der zahlreichen verschiedenen Modellvarianten und der extremen Sensitivität gegenüber den Annahmen können einige Ergebnisse dieses Patentrennen-Typs vereinfachend folgendermaßen zusammengefasst werden:19 1. sofern die F&E-Ausgaben zu Beginn der Innovationsanstrengungen vollständig getätigt werden müssen, sinken die gewinnmaximalen Innovationsausgaben, wenn die Anzahl der am Markt tätigen Unternehmen zunimmt.20 Dies liegt daran, dass der Nutzen der Innovation (weitgehend) unabhängig von der Anzahl der Unternehmen 19 Vgl. zum Folgenden auch Moro (1993), S. 5 f. 20 Vgl. z.B. Loury (1979).

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References

Zusammenfassung

Umweltökonomie – neue Aspekte

Die rasanten Entwicklungen in der Umweltpolitik in den vergangenen Jahren führten zu umfangreichen Anpassungen in diesem beliebten Lehrbuch, die insbesondere die anwendungsorientierten Abschnitte betreffen. Hier wurden vor allem die Kapitel über die Umweltinstrumente (Auflagen, Steuern, Zertifikate), die Kosten-Nutzen-Analyse sowie die internationalen Umweltaspekte (bspw. Klimakonferenzen) grundlegend aktualisiert. Darüber hinaus enthält das Kapitel zur Ressourcenökonomie nun ebenfalls eine anwendungsbezogene Diskussion.

Umweltökonomie – die Schwerpunkte

- Spieltheoretische Grundlagen

- Theorie externer Effekte

- Auflagen

- Steuern und Abgaben

- Zertifikate

- Verhandlungslösungen

- Umwelthaftung

- Umwelttechnischer Fortschritt

- Internationale Aspekte des Umweltproblems

- Umweltpolitik bei asymmetrischer Informationsverteilung

- Kosten-Nutzen-Analyse

- Ressourcenökonomie

Zielgruppe

Studierende der Volks- und Betriebswirtschaftslehre an Universitäten und Hochschulen sowie interessierte Praktiker in Wirtschaft, Politik und Verwaltung

Prof. Dr. Eberhard Feess ist seit 2008 Professor für Managerial Economics an der Frankfurt School of Finance and Management. Zuvor hatte er Lehrstühle an der EBS, der Johann Wolfgang Goethe Universität Frankfurt und der RWTH Aachen.

Prof. Dr. Andreas Seeliger lehrt seit 2011 Volks- und Energiewirtschaftslehre an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg Mosbach. Zuvor war er bei Frontier Economics, der Trianel European Energy Trading sowie dem Energiewirtschaftlichen Institut an der Universität zu Köln beschäftigt.