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9.2.4 Keine Anpassung der Umweltpolitik in:

Eberhard Feess, Andreas Seeliger

Umweltökonomie und Umweltpolitik, page 207 - 210

4. Edition 2013, ISBN print: 978-3-8006-4668-5, ISBN online: 978-3-8006-4365-3, https://doi.org/10.15358/9783800643653_207

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Vahlen – Allg. Reihe – Feess/Seeliger, Umweltökonomie und Unweltpolitik, 4. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.09.2013 Status: Imprimatur Seite 197 9.2 Dynamische Anreizwirkungen bei vollständiger Konkurrenz 197 Im Unterschied zu Abgaben und Zertifikaten gibt es für die Unternehmen keine Zusatzkosten durch die Bepreisung von Emissionen, so dass die Gesamtkosten mit Innovation für ein Unternehmen i ( )s sI I I ic K e F= + (9.24) und ohne Innovation ( )s sN N Nc K e= (9.25) sind. Für das indifferente Unternehmen x gilt demnach 0 ( ) ( )s s sN N I I idc K e K e F= ⇔ − = . (9.26) Vergleicht man diese Bedingung wieder mit der Bedingung für ex-ante Effizienz aus Gleichung (9.1), so stellt man sofort fest, dass die Innovationsanreize zu niedrig sind, weil kein Preis für die emittierten Einheiten bezahlt wird – das Unternehmen vergleicht lediglich seine Vermeidungskosten, aber die Umweltschäden, welche bei Abgaben und Zertifikaten über den Preis internalisiert sind, werden nicht berücksichtigt. Selbst wenn die Fixkosten Null sind, ist noch nicht einmal gesagt, dass ein Unternehmen die Innovation durchführt – ist die pareto-effiziente Standardverschärfung nämlich groß, so kann es trotz der nach der Innovation günstigeren Grenzkostenfunktion sein, dass ( ) ( )s sN N I IK e K e< gilt, weil der Grenzkosteneffekt vom Mengeneffekt überkompensiert wird. Zusammenfassend bedeutet dies, dass die Analyse der dynamischen Anreizwirkung unter der Nebenbedingung einer optimalen Anpassung der Umweltpolitik unsere bisher positive Einschätzung marktorientierter Instrumente im Vergleich zu Auflagen bestärkt – Abgaben und Zertifikate induzieren unter diesen Umständen pareto-effiziente Innovati onsanreize, Auflagen zu niedrige. 9.2.4 Keine Anpassung der Umweltpolitik In der Realität muss häufig davon ausgegangen werden, dass die Umweltbehörde ihre Po litik zumindest nicht mit unendlicher Geschwindigkeit an das Innovationsverhalten von Unternehmen anpasst – dies wäre, wenn wir Unsicherheit oder gar asymmetrische Infor mation unterstellen, möglicherweise auch gar nicht sinnvoll, da dies die Planungssicherheit von Unternehmen reduzieren würde. In diesem Abschnitt betrachten wir den Extremfall, in dem die Umweltbehörde überhaupt nicht reagiert. Das Spiel besteht also nun einfach aus den folgenden beiden Stufen: • Stufe 0: Im Ausgangszustand hat jedes Unternehmen die Grenzvermeidungskostenfunktion ( )N iK e′ und die Umweltpolitik ist – gegeben diese Grenzvermeidungskostenfunktionen – optimal. • Stufe 1: Die Unternehmen entscheiden simultan über die Innovation. Wir beginnen wieder mit Steuern. Vahlen – Allg. Reihe – Feess/Seeliger, Umweltökonomie und Unweltpolitik, 4. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.09.2013 Status: Imprimatur Seite 198 9 Umwelttechnischer Fortschritt (dynamische  Anreizwirkungen)198 9.2.4.1 Steuern Der einzige Unterschied zur ex-post optimalen Anpassung ist, dass der Steuersatz nun im Schnittpunkt der Grenzschadensfunktion mit der alten aggregierten Grenzkostenfunktion der Vermeidung verbleibt, d.h. es gilt wie im Ausgangszustand ( ) ( )f fN A NS E K E′ ′= . Dies bedeutet unmittelbar, dass der Steuersatz höher ist als der Steuersatz bei optimaler Anpassung, da der Steuersatz umso niedriger ist, je niedriger die aggregierte Grenzkostenfunktion der Vermeidung verläuft. Ex post, also nachdem einige Unternehmen innoviert haben, bedeutet dies, dass die Unternehmen – gemessen an den aggregierten Grenzkosten der Vermeidung – zu viel Schadstoffe vermeiden bzw. zu wenig emittieren. Dies ist offensichtlich, denn je höher die Steuer, desto höher der Vermeidungsanreiz. Wie sieht es mit dem Innovationsverhalten aus? Je höher die Steuer, desto höher der Anreiz diese zu umgehen, indem durch niedrigere Vermeidungskosten weniger emittiert wird. Mit anderen Worten: Je höher die Steuer, desto höher der Innovationsanreiz. Und da die unangepasste Steuer über dem Schnittpunkt von Grenzschäden und Grenzkosten der Vermeidung liegt, ist auch der Innovationsanreiz zu hoch. Somit ergibt sich, dass eine nicht angepasste Steuer gemessen am Pareto-Optimum zu hohe Innovationsanreize setzt und zu niedrige Emissionen induziert. Abbildung 9.2 zeigt, dass die neuen Gesamtemissionen 1E nicht nur unter den alten Emissionen 0 , fE sondern aufgrund des überhöhten Steuersatzes auch unter den pareto-effizienten Emissionen 1 fE liegen. S U E E1 E f 0 t f0 p, t E f1 K ′1 K ′0 Abbildung 9.2: Steuern und Innovationsanreize Vahlen – Allg. Reihe – Feess/Seeliger, Umweltökonomie und Unweltpolitik, 4. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.09.2013 Status: Imprimatur Seite 199 9.2 Dynamische Anreizwirkungen bei vollständiger Konkurrenz 199 9.2.4.2 Freie und auktionierte Zertifikate Erneut können wir unsere Überlegungen auf freie Zertifikate beschränken, weil offensichtlich ist, dass auktionierte Zertifikate wegen des Opportunitätskostenprinzips zu den gleichen Ergebnissen führen. Weil die Umweltpolitik keine Anpassung vornimmt, bleibt die Menge an Zertifikaten nach der Innovation unverändert. Es bleibt also, wie in Abbildung 9.3 illustriert, zwangsläufig bei der Menge 0 , fE obwohl die effiziente Menge niedriger (also 1 ) fE wäre. Angesichts der niedrigen Vermeidungskosten und der hohen Zertifikatemenge kommt es zu einem Preisverfall – der Zertifikatepreis sinkt nicht nur auf sein ex-post effizientes Niveaus 1 , fp sondern darüber hinaus wegen der hohen Zertifikatemenge sogar auf 1.p Es stellen sich also genau gegensätzliche Ergebnisse zur Steuerlösung ein – gemessen am Optimum sind die Emissionen zu hoch und der Schadstoffpreis (der Zertifikatepreis) ist zu niedrig. Und da der Schadstoffpreis gemessen am Optimum zu niedrig ist, sind auch die Innovationsanreize zu gering. Es kommt zu ineffizient hohen Emissionen und zu ineffizient niedrigen Innovationen. Abgaben und Zertifikate haben somit nur dann die gleichen Auswirkungen auf die Innovationsanreize, wenn die Umweltbehörde ex-post effizient anpasst. 9.2.4.3 Auflagen Da die Auflagen nun gegeben bleiben, emittieren die innovierenden Unternehmen gemes sen am Optimum zu viel und die nicht-innovierenden zu wenig – wobei letzterer Effekt wiederum durch die sinkenden aggregierten Grenzschäden zustande kommt, wenn die innovierenden Unternehmen (wie im Optimum) tatsächlich weniger emittieren S ′ p f0 p f1 p1 K ′, p E =E f1 K ′N K ′I E f0 E1 Abbildung 9.3: Zertifikate und Innovationsanreize Vahlen – Allg. Reihe – Feess/Seeliger, Umweltökonomie und Unweltpolitik, 4. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.09.2013 Status: Imprimatur Seite 200 9 Umwelttechnischer Fortschritt (dynamische  Anreizwirkungen)200 würden. Insgesamt sind die Emissionen zu hoch, weil keinerlei Anpassung an die nach unten ver schobene aggregierte Grenzkostenfunktion erfolgt. Interessanterweise ist aber im Unter schied zu Abgaben (eindeutig zu hohe Innovationsanreize) und Zertifikaten (eindeutig zu niedrige Innovationsanreize) nicht klar, ob sich zu hohe oder zu niedrige Innovationsanreize ergeben. Offensichtlich gilt für das letzte innovierende Unternehmen mit der Indifferenz bedin gung 0 0( ) ( )N N I N xK e K e F− = , (9.27) während unsere bekannte Bedingung für ex-ante Effizienz ( ) ( ) ( ) ( )f f f f fN I N N I I xS E e e K e K e F′ − + − = (9.28) lautet. Vergleicht man die Bedingungen, so erkennt man gegenläufige Effekte: Auf der einen Seite ist die Kostenersparnis (und damit auch der Innovationsanreiz) zu gering, weil erneut die nicht-vermiedenen Emissionen keine Kosten verursachen. Im privaten Kalkül fehlt also die Berücksichtigung der Grenzschäden ( ) ( )f f fN IS E e e′ − . Auf der anderen Seite ist aber 0 0( ) ( )N N I NK e K e− größer als ( ) ( ) f f N N I IK e K e− : Angesichts der fehlenden Anpassung der Umweltpolitik dürfen die Unternehmen unabhängig davon ob sie innovieren oder nicht weiterhin das Ausgangsniveau 0Ne emittieren, während sie bei ex-post Effizienz ohne Innovation mehr ( 0fN Ne e> ) und mit Innovation weniger ( 0fI Ne e< ) emittieren dürfen, so dass die Kostendifferenz ohne Anpassung größer ist. Da nicht klar ist, welcher Effekt dominiert, können Auflagen zu hohe oder zu niedrige Innovationsanreize liefern. Zusammenfassend kommen wir somit zu dem Resultat, dass ohne ex-post effiziente Anpassung alle Instrumente zu unterschiedlichen Resultaten führen. Alle sind ineffizient, und welche Ineffizienzen überwiegen kann ohne genauere (und damit angreifbare) Mo dellspezifikationen nicht gesagt werden. 9.3 Einige Grundgedanken der Innovationstheorie 9.3.1 Überblick Wie in Abschnitt 9.1 ausführlich erläutert, sind die modernen spieltheoretischen Arbeiten zum umwelttechnischen Fortschritt ohne die Grundlagen der allgemeinen Innovationstheorie kaum verständlich. Wir erläutern daher im Folgenden weitgehend unformal einige besonders wichtige Standardresultate der industrieökonomischen Behandlung des Innovationsproblems.8 Wir beginnen in Abschnitt 9.3.2 mit einer einfachen Darstellung der Innovationsanreize im Monopol und bei vollständiger Konkurrenz, mit denen deutlich wird, dass diese (selbst bei vollständiger Konkurrenz) unter durchaus plausiblen Bedin gungen vom sozialen Optimum abweichen. Besondere Bedeutung hat in unserem Zusam menhang Abschnitt 9.3.3, in dem wir skizzieren, warum die spezifische Form des oligo polistischen Güterwettbewerbs (Preis- vs. Mengenwettbewerb) das Innovationsverhalten nachdrücklich beeinflusst. Dabei handelt es sich um Überlegungen, die 8 Vgl. zum Folgenden z.B. Moro (1993).

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References

Zusammenfassung

Umweltökonomie – neue Aspekte

Die rasanten Entwicklungen in der Umweltpolitik in den vergangenen Jahren führten zu umfangreichen Anpassungen in diesem beliebten Lehrbuch, die insbesondere die anwendungsorientierten Abschnitte betreffen. Hier wurden vor allem die Kapitel über die Umweltinstrumente (Auflagen, Steuern, Zertifikate), die Kosten-Nutzen-Analyse sowie die internationalen Umweltaspekte (bspw. Klimakonferenzen) grundlegend aktualisiert. Darüber hinaus enthält das Kapitel zur Ressourcenökonomie nun ebenfalls eine anwendungsbezogene Diskussion.

Umweltökonomie – die Schwerpunkte

- Spieltheoretische Grundlagen

- Theorie externer Effekte

- Auflagen

- Steuern und Abgaben

- Zertifikate

- Verhandlungslösungen

- Umwelthaftung

- Umwelttechnischer Fortschritt

- Internationale Aspekte des Umweltproblems

- Umweltpolitik bei asymmetrischer Informationsverteilung

- Kosten-Nutzen-Analyse

- Ressourcenökonomie

Zielgruppe

Studierende der Volks- und Betriebswirtschaftslehre an Universitäten und Hochschulen sowie interessierte Praktiker in Wirtschaft, Politik und Verwaltung

Prof. Dr. Eberhard Feess ist seit 2008 Professor für Managerial Economics an der Frankfurt School of Finance and Management. Zuvor hatte er Lehrstühle an der EBS, der Johann Wolfgang Goethe Universität Frankfurt und der RWTH Aachen.

Prof. Dr. Andreas Seeliger lehrt seit 2011 Volks- und Energiewirtschaftslehre an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg Mosbach. Zuvor war er bei Frontier Economics, der Trianel European Energy Trading sowie dem Energiewirtschaftlichen Institut an der Universität zu Köln beschäftigt.