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8.4.1 Effizienzbedingungen bei Monokausalität in:

Eberhard Feess, Andreas Seeliger

Umweltökonomie und Umweltpolitik, page 173 - 174

4. Edition 2013, ISBN print: 978-3-8006-4668-5, ISBN online: 978-3-8006-4365-3, https://doi.org/10.15358/9783800643653_173

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Vahlen – Allg. Reihe – Feess/Seeliger, Umweltökonomie und Unweltpolitik, 4. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.09.2013 Status: Imprimatur Seite 163 8.4 Gefährdungs- und Verschuldenshaftung bei monokausalen Schäden 163 • im schwierigsten Fall der Multikausalität wirken zahlreiche Emissionen zusammen (beispielsweise bei der großräumigen Luftverschmutzung). In der ÖTR werden darüber hinaus häufig sog. bilaterale Schäden untersucht, bei denen der Schadenserwartungswert sowohl vom Verhalten des Schädigers als auch vom Verhalten des Geschädigten abhängt. Das klassische Beispiel dafür ist ein Unfall zwischen einem Auto- und einem Fahrradfahrer, bei dem auch die Sorgfalt des Fahrradfahrers das Risiko beeinflusst. Solche bilateralen Schäden behandeln wir hier aus zwei Gründen nicht: Erstens verfügen die Geschädigten bei Umweltschäden oft über keine (effizienten) Abwehrmaßnahmen. Zweitens und vor allem können bilaterale Schäden als einfacher Spe zialfall der in Abschnitt 8.6 untersuchten Multikausalität aufgefasst werden, so dass sich eine explizite Behandlung erübrigt. Wir beschränken uns daher auf die Untersuchung der Monokausalität, alternativen Kausalität und Multikausalität. 8.4 Gefährdungs- und Verschuldenshaftung bei monokausalen Schäden 8.4.1 Effizienzbedingungen bei Monokausalität Wir beginnen den Vergleich zwischen der Gefährdungs- und Verschuldenshaftung nun mit dem einfachsten Fall monokausaler Schäden. Für die formale Untersuchung verwenden wir analog zu den bisherigen Kapiteln folgende Bezeichnungen: • U(x) ist der Nutzen der möglicherweise umweltschädigenden Aktivität. Demnach können wir x beispielsweise wieder als Emissionen oder – analog zum Coase- Theorem – als Fressmenge der Tiere interpretieren. x könnte aber auch als eine Verringerung von Sorgfaltsaufwendungen, beispielsweise bei der Überprüfung von Öltanks, auf gefasst werden: Je höher x, desto niedriger die Vermeidungskosten und desto höher der Nutzen des Unternehmens. Wie stets nehmen wir an, dass der Grenznutzen abnimmt ( 0,U x∂ / ∂ > 2 2 0).U x∂ / ∂ < • S(x) als Schadenserwartungswert.10 Je höher die Emissionen bzw. je geringer die Sorgfalt, desto höher der Schadenserwartungswert. Dabei unterstellen wir wieder steigende Grenzschäden, d.h. 0,S x∂ / ∂ > 2 2 0.S x∂ / ∂ > Demnach lautet die soziale Wohlfahrtsfunktion wie gewohnt ( ) ( )W U x S x= − (8.1) mit der Bedingung erster Ordnung U S x x ∂ ∂ = . ∂ ∂ (8.2) 10 Sofern wir Risikoneutralität unterstellen, spielt es keine Rolle, ob wir sichere oder unsichere Schäden betrachten. Gerade bei der Behandlung des Zivilrechts ist es aber plausibler, von unsicheren Schäden auszugehen, weil Aktivitäten, die sichere und zivilrechtlich zurechenbare Schäden verursachen, erst gar nicht genehmigt werden. Wir sprechen daher explizit vom Schadenserwartungswert. Vahlen – Allg. Reihe – Feess/Seeliger, Umweltökonomie und Unweltpolitik, 4. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.09.2013 Status: Imprimatur Seite 164 8 Umwelthaftung164 Wie stets drückt Bedingung (8.2) aus, dass im Optimum die Grenznutzen der Emissionen (allgemein: der riskanten Aktivität) den Grenzschäden entsprechen müssen. Die zugehörigen pareto-effizienten Emissionen bezeichnen wir erneut mit fx . Wir vergleichen nun die Gefährdungs- und Verschuldenshaftung nach dem Kriterium, ob sie dazu geeignet sind, dass soziale Optimum fx herbeizuführen. 8.4.2 Gefährdungshaftung Die offenkundigste Neuerung des Umwelthaftungsgesetzes besteht wie erläutert darin, dass die Betreiber der in Anhang 1 UHG genannten Anlagen auch dann Schadenersatz leisten müssen, wenn ihnen keinerlei Fahrlässigkeit vorgeworfen werden kann. Da ein gewinnmaximierendes Unternehmen bei seiner Entscheidung über x demnach stets den Schadenserwartungswert einkalkulieren muss, lautet seine Zielfunktion ( ) ( ) ( )G x U x S x= − . (8.3) Die Zielfunktion des Unternehmens entspricht demnach der sozialen Wohlfahrtsfunktion, weil alle Schäden beim potentiellen Schädiger „internalisiert“ sind. Dies ist eine hinreichende Bedingung dafür, dass die Gefährdungshaftung zum Optimum fx führt, weil sich das Unternehmen genauso verhält, wie sich auch ein sozialer Planer verhalten würde. Ein entscheidender Vorteil der Gefährdungshaftung bei Monokausalität kann darin gesehen werden, dass die von der Umweltbehörde benötigten Informationen extrem gering sind: Da die Umweltbehörde bzw. die Gerichte keinerlei Verhaltensstandard festlegen müssen, benötigen sie weder Kenntnisse über die tatsächlichen Emissionen noch über die Vermeidungskosten des betreffenden Unternehmens. Erforderlich ist „lediglich“, dass der Schaden eindeutig beziffert und auf die Emissionen des betreffenden Unternehmens zu rückgeführt werden kann (Monetarisierung und Kausalität). Weil die Notwendigkeit zur Vorgabe irgendwelcher Standards – sei es in Form direkter Auflagen, Mengenbegrenzun gen oder Abgaben – entfällt, spricht man auch davon, dass die Gefährdungshaftung als einziges umweltpolitisches Instrument neben einer Internalisierungs- auch eine Dezentra lisierungsfunktion wahrnehmen kann. Insofern handelt es sich um ein marktorientiertes Instrument der Umweltpolitik par excellence. 8.4.3 Verschuldenshaftung Auf den ersten Blick scheint die Vermutung nahe liegend zu sein, dass die Gefährdungshaftung zu einer größeren Sorgfalt bzw. zu geringeren Emissionen führt als die Verschuldenshaftung, weil ja unabhängig vom Verhalten alle eingetretenen Schäden ersetzt wer den müssen. Dies war auch eine Hoffnung der Bundesregierung bei der Einführung der Gefährdungshaftung. Eine recht einfache Überlegung zeigt allerdings, dass auch die Verschuldenshaftung zu den pareto-effizienten Emissionen führt, sofern die Umweltbehörde11 die Vermeidungskosten der einzelnen Unternehmen kennt und die jeweiligen Verschuldens standards entsprechend festlegt. 11 Die Begriffe „Umweltbehörde“ und „Gericht“ verwenden wir synonym, weil wir damit lediglich eine Instanz meinen, die sich um die Maximierung der sozialen Wohlfahrtsfunktion bemüht.

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References

Zusammenfassung

Umweltökonomie – neue Aspekte

Die rasanten Entwicklungen in der Umweltpolitik in den vergangenen Jahren führten zu umfangreichen Anpassungen in diesem beliebten Lehrbuch, die insbesondere die anwendungsorientierten Abschnitte betreffen. Hier wurden vor allem die Kapitel über die Umweltinstrumente (Auflagen, Steuern, Zertifikate), die Kosten-Nutzen-Analyse sowie die internationalen Umweltaspekte (bspw. Klimakonferenzen) grundlegend aktualisiert. Darüber hinaus enthält das Kapitel zur Ressourcenökonomie nun ebenfalls eine anwendungsbezogene Diskussion.

Umweltökonomie – die Schwerpunkte

- Spieltheoretische Grundlagen

- Theorie externer Effekte

- Auflagen

- Steuern und Abgaben

- Zertifikate

- Verhandlungslösungen

- Umwelthaftung

- Umwelttechnischer Fortschritt

- Internationale Aspekte des Umweltproblems

- Umweltpolitik bei asymmetrischer Informationsverteilung

- Kosten-Nutzen-Analyse

- Ressourcenökonomie

Zielgruppe

Studierende der Volks- und Betriebswirtschaftslehre an Universitäten und Hochschulen sowie interessierte Praktiker in Wirtschaft, Politik und Verwaltung

Prof. Dr. Eberhard Feess ist seit 2008 Professor für Managerial Economics an der Frankfurt School of Finance and Management. Zuvor hatte er Lehrstühle an der EBS, der Johann Wolfgang Goethe Universität Frankfurt und der RWTH Aachen.

Prof. Dr. Andreas Seeliger lehrt seit 2011 Volks- und Energiewirtschaftslehre an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg Mosbach. Zuvor war er bei Frontier Economics, der Trianel European Energy Trading sowie dem Energiewirtschaftlichen Institut an der Universität zu Köln beschäftigt.