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7.3 Die Coasesche Kritik der Steuerlösung in:

Eberhard Feess, Andreas Seeliger

Umweltökonomie und Umweltpolitik, page 157 - 158

4. Edition 2013, ISBN print: 978-3-8006-4668-5, ISBN online: 978-3-8006-4365-3, https://doi.org/10.15358/9783800643653_157

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Vahlen – Allg. Reihe – Feess/Seeliger, Umweltökonomie und Unweltpolitik, 4. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.09.2013 Status: Imprimatur Seite 146 7 Verhandlungslösungen146 7.3 Die Coasesche Kritik der Steuerlösung Eine erste Kritik von Coase an der Pigou-Steuer kann darin gesehen werden, dass diese stets den physischen Verursacher zur Kasse bittet, was nicht zwingend ist. Allerdings ist dies zwar nicht uninteressant, aber ökonomisch eher nebensächlich, da es sich ja um einen eher normativen Aspekt handelt. Wesentlich wichtiger ist daher, dass eine Pigou- Steuer unter den Coaseschen Annahmen über Verhandlungen nicht nur überflüssig, sondern sogar schädlich ist! Coase widerspricht also dem Argument, dass mit der Pigou- Steuer bei vollständiger Information über die Grenznutzen- und Grenzkostenverläufe stets eine pareto-effiziente Internalisierung externer Effekte erreicht werden kann. Diese Überlegung erläutern wir mit Hilfe von Abbildung 7.2. In Abbildung  7.2 nehmen wir an, dass beim physischen Schädiger pro abgefressener Getreideeinheit eine Pigou-Steuer t in Höhe der pareto-effizienten Grenzschäden ( )ft K x U x= ∂ / ∂ = ∂ / ∂ erhoben wird. Der Zweck einer Pigou-Steuer besteht ja dar in, die Entscheidungssituation des physischen Verursachers externer Effekte, in unserem Fall also des Viehzüchters, zu verändern. Konkret bedeutet dies, dass der Nettogrenznutzen einer abgefressenen Einheit für den Viehzüchter nun nicht mehr U x∂ / ∂ , sondern Abbildung 7.2: Kritik der Pigou-Steuer t f ∂U ∂x − ft x * x f max ∂Υ ∂x x ∂Κ ∂x ∂K ∂x , ∂U ∂x Vahlen – Allg. Reihe – Feess/Seeliger, Umweltökonomie und Unweltpolitik, 4. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.09.2013 Status: Imprimatur Seite 147 7.4 Integration des Coase-Theorems in die moderne Verhandlungstheorie 147 nur noch fU x t∂ / ∂ − ist. Denn für jede Einheit muss er den Steuersatz t f an die Umweltbehörde entrichten. Ohne Verhandlungen käme es zur pareto-effizienten Fressmenge xf, bei der gerade fU x t∂ / ∂ = gilt. Wir finden also genau die gleiche Situation vor wie bei einer pareto-effizienten Emissionssteuer. Coase überlegt nun aber erneut, ob dieser Zustand stabil sein kann. Im Rahmen des Coase-Theorems wird ein Zustand immer dann als instabil bezeichnet, wenn sich beide Beteiligte noch verbessern können. Denn dann – so Coase – haben beide ein Interesse an Verhandlungen, die dann von irgendjemandem begonnen werden. Offenbar ist es tatsächlich der Fall, dass sich im Punkt x f beide noch verbessern können: Denn dort liegt der Nettogrenznutzen fU x t∂ / ∂ − unter dem Grenzschaden K x∂ / ∂ , so dass sich beide verbessern können, indem weniger abgefressen wird und der Getreidebauer eine Kompensationszahlung an den Viehzüchter leistet. Der Verhandlungsprozess kommt wieder zum Stillstand, wenn sich beide nicht mehr verbes sern können – also im Ausgleich von fU x t∂ / ∂ − und .K x∂ / ∂ Diesen Punkt haben wir in Abbildung 7.2 mit x* symbolisiert, weil es sich um die Fressmenge handelt, die den Nutzen beider maximiert – gegeben die Pigou-Steuer t f. Auf den ersten Blick ist es schon recht verblüffend, dass sich beide Beteiligten noch verbessern können, obwohl die pareto-effiziente Fressmenge x f der Ausgangspunkt der Verhandlungen ist. Lassen Sie uns also genau überlegen, wodurch die Ineffizienz des Verhandlungsprozesses eigentlich hervorgerufen wird: Nach Coase führen alle Verhandlungen dazu, dass der gemeinsame Nutzen der Beteiligten maximiert wird. Daraus folgt unmit telbar, dass Verhandlungen genau dann effizient sind, wenn der Gesamtnutzen der Be teiligten gleichzeitig dem sozialen Nutzen entspricht. Dies ist ohne staatliche Eingriffe gegeben, weil ja lediglich der Viehzüchter und der Getreidebauer von der Fressmenge betroffen sind. Wenn es keine dritten Personen gibt, so kann es aber auch nicht sein, dass der Gesamtnutzen der Beteiligten vom sozialen Nutzen abweicht. Dies ist die Situation ohne Steuer, wie wir sie in Abschnitt 7.2 dargestellt haben. Die Steuer führt aber dazu, dass nicht mehr der ganze Nutzen aus dem Abfraß bei den Beteiligten anfällt – der Staat kassiert die Steuer und reduziert daher den Nettonut zen des Viehzüchters. Es gibt also einen staatlichen Eingriff, der die Zielfunktion eines Beteiligten verändert und daher eine Abweichung ihres Nutzens vom Gesamtnutzen indu ziert. Dies führt dazu, dass der Viehzüchter sich mit geringeren Kompensationszahlungen zufrieden gibt und die Fressmenge unter die optimale Menge sinkt – der externe Effekt wird zu stark eingeschränkt. Die Pigou-Steuer verhindert eine effiziente Internalisierung über Verhandlungen. Dieses Ergebnis ist zwar faszinierend, doch werden die folgenden Abschnitte zu einigen ganz erheblichen Einschränkungen führen. 7.4 Integration des Coase Theorems in die moderne Verhandlungstheorie 7.4.1 Grundgedanke Bevor wir die Kritik der Pigou-Steuer im Rahmen einer – auch praxisorientierten – Wür digung des Coase-Theorems in Abschnitt 7.5 wieder aufgreifen, müssen wir zunächst eine genauere theoretische Einschätzung vornehmen. Fragen wir dazu, ob Coase

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References

Zusammenfassung

Umweltökonomie – neue Aspekte

Die rasanten Entwicklungen in der Umweltpolitik in den vergangenen Jahren führten zu umfangreichen Anpassungen in diesem beliebten Lehrbuch, die insbesondere die anwendungsorientierten Abschnitte betreffen. Hier wurden vor allem die Kapitel über die Umweltinstrumente (Auflagen, Steuern, Zertifikate), die Kosten-Nutzen-Analyse sowie die internationalen Umweltaspekte (bspw. Klimakonferenzen) grundlegend aktualisiert. Darüber hinaus enthält das Kapitel zur Ressourcenökonomie nun ebenfalls eine anwendungsbezogene Diskussion.

Umweltökonomie – die Schwerpunkte

- Spieltheoretische Grundlagen

- Theorie externer Effekte

- Auflagen

- Steuern und Abgaben

- Zertifikate

- Verhandlungslösungen

- Umwelthaftung

- Umwelttechnischer Fortschritt

- Internationale Aspekte des Umweltproblems

- Umweltpolitik bei asymmetrischer Informationsverteilung

- Kosten-Nutzen-Analyse

- Ressourcenökonomie

Zielgruppe

Studierende der Volks- und Betriebswirtschaftslehre an Universitäten und Hochschulen sowie interessierte Praktiker in Wirtschaft, Politik und Verwaltung

Prof. Dr. Eberhard Feess ist seit 2008 Professor für Managerial Economics an der Frankfurt School of Finance and Management. Zuvor hatte er Lehrstühle an der EBS, der Johann Wolfgang Goethe Universität Frankfurt und der RWTH Aachen.

Prof. Dr. Andreas Seeliger lehrt seit 2011 Volks- und Energiewirtschaftslehre an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg Mosbach. Zuvor war er bei Frontier Economics, der Trianel European Energy Trading sowie dem Energiewirtschaftlichen Institut an der Universität zu Köln beschäftigt.