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7.2 Das Coase-Theorem in der ursprünglichen Fassung in:

Eberhard Feess, Andreas Seeliger

Umweltökonomie und Umweltpolitik, page 153 - 157

4. Edition 2013, ISBN print: 978-3-8006-4668-5, ISBN online: 978-3-8006-4365-3, https://doi.org/10.15358/9783800643653_153

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Vahlen – Allg. Reihe – Feess/Seeliger, Umweltökonomie und Unweltpolitik, 4. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.09.2013 Status: Imprimatur Seite 142 7 Verhandlungslösungen142 Überlegungen zeigen indes, dass man die Ansätze durchaus als komplementär betrachten kann, weil die jeweils bessere Internalisierungsstrategie von den Nebenbedingungen abhängt. Diese Sichtweise wollen wir im vorliegenden Kapitel vermitteln. Wir werden das Coase-Theorem in folgenden Schritten darstellen und diskutieren. Nach der Erläuterung des Grundgedankens in Abschnitt 7.2 stellen wir in Abschnitt 7.3 die Coasesche Kritik der Pigouschen Steuerlösung dar. Dabei folgen wir der Coaseschen Argumentation, die zwar intuitiv überzeugend, vom Standpunkt der modernen mikro ökonomischen Theorie aber methodisch unzureichend ist. Denn im Unterschied zur Coa seschen Argumentation lässt sich die wirkliche theoretische Bedeutung seiner Überlegun gen nur untersuchen, wenn diese in die nicht-kooperative Spieltheorie integriert werden. Diesen Weg schlagen wir in Abschnitt 7.4 ein, wobei wir uns allerdings auf den einfach sten Fall, nämlich den mit vollständiger Information aller Beteiligten, beschränken. Dies machen wir nicht deshalb, weil wir vollständige Information für besonders realistisch hal ten, sondern weil wir die mit einer asymmetrischen Informationsverteilung verbundenen Probleme zusammenhängend in Kapitel  11 diskutieren werden. Dabei werden wir auch ausführlich auf das Coase-Theorem zurückkommen (Abschnitt 11.4). Wir beenden das siebte Kapitel mit einer Zusammenfassung der wichtigsten Resultate in Abschnitt 7.5. Die mit dem Coase-Theorem verbundene, oben schon angedeutete Kritik des Verursa cherprinzips vertagen wir auf das Ende des achten Kapitels. Dies liegt daran, dass sich einige der Coaseschen Kritikpunkte auf Grundlage der modernen ökonomischen Theo rie des Rechts (ÖTR) erheblich präzisieren und verschärfen lassen, so dass wir die ÖTR zunächst schildern wollen, bevor wir das Verursacherprinzip besprechen. 7.2 Das Coase Theorem in der ursprünglichen Fassung Coase illustriert seine Grundgedanken mit einem einfachen, recht hübschen Beispiel: In diesem Beispiel gibt es einen Viehzüchter V, dessen Herden die Felder eines Getreidebauern G zertrampeln. Damit begründen sie einen negativen externen Effekt, weil dem Getreidebauern Kosten, beispielsweise durch Rekultivierungsmaßnahmen oder entgange ne Umsätze, entstehen. Coase betont zunächst, dass es keineswegs selbstverständlich ist, die Eigentumsrechte dem Getreidebauern zuzuordnen. Zwar kann man das Vieh als physi schen Verursacher der externen Effekte auffassen, ob aber dem Getreidebauern das Recht zur Untersagung der externen Effekte eingeräumt wird, hängt von der normativen Wür digung der Gesamtumstände durch die Gesellschaft und die Rechtsprechung ab. Denn schließlich werden nicht alle externen Effekte untersagt – dies zeigt das einfache Beispiel eines Gartenbesitzers, dem um 15 Uhr das Recht zum Rasenmähen zu- und um 23 Uhr abgesprochen wird.1 Verfolgen wir nun die ökonomischen Grundgedanken von Coase, indem wir die entsprechenden Zusammenhänge in Abbildung 7.1 darstellen. 1 Die damit eingeleitete Kritik des Verursacherprinzips und juristischer Kausalitätsüberlegungen ins gesamt diskutieren wir wie erwähnt in Abschnitt 8.8. Vahlen – Allg. Reihe – Feess/Seeliger, Umweltökonomie und Unweltpolitik, 4. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.09.2013 Status: Imprimatur Seite 143 7.2 Das Coase-Theorem in der ursprünglichen Fassung 143 In Abbildung 7.1 gelten folgende Notationen: • x ist die Fressmenge der Tiere; • U x∂ / ∂ ist der Grenznutzen des Viehzüchters, wobei die maximale Fressmenge xmax dort erreicht ist, wo der Grenznutzen auf Null gesunken ist. Die Fressmenge kann also genauso interpretiert werden, wie die Emissionen in unseren bisherigen Beispielen, so dass die Coasesche Situation umstandslos auf alle Umweltprobleme mit einem Schädiger und einem Geschädigten übertragen werden kann; • K x∂ / ∂ sind die Grenzschäden bzw. Grenzkosten des Getreidebauern, so dass wir – unter den üblichen Annahmen sinkender Grenznutzen und steigender Grenzschäden – ein eindeutiges Optimum bei xf erhalten. Wir nehmen nun zunächst an, dass die Eigentumsrechte beim Viehzüchter liegen. Wenn der Getreidebauer über keinerlei Maßnahmen verfügt, um die gefräßigen Tiere zu bändigen, so fressen diese (mindestens) bis sie satt sind, d.h. bis zu xmax in Abbildung 7.1. Die Ineffizienz besteht also darin, dass die Tiere auch dann noch fressen, wenn der dadurch hervorgerufene Grenznutzen bereits kleiner (nämlich Null) ist als der Grenzschaden des Getreidebauern. Coase fragt nun, ob ein solch ineffizienter Zustand wirklich stabil sein kann oder ob die Betroffenen nicht von sich aus für eine Verbesserung der Situation sorgen werden. Offenkundig ist die Fressmenge xmax nicht pareto-effizient. Im Zentrum der Überlegungen von Coase steht nun die elementare ökonomische Einsicht, dass beim Übergang Abbildung 7.1: Internalisierung externer Effekte 0 fx x2 x ∂U ∂x z ∂K ∂x xmax ∂K ∂x , ∂U ∂x Vahlen – Allg. Reihe – Feess/Seeliger, Umweltökonomie und Unweltpolitik, 4. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.09.2013 Status: Imprimatur Seite 144 7 Verhandlungslösungen144 vom ineffizienten (xmax) zum effizienten Zustand (xf) bei geeigneten Umverteilungen alle Be teiligten profitieren können. Dies folgt einfach aus der Definition eines Pareto- Optimums: Ein Zustand ist ja nur dann pareto-effizient, wenn es nicht möglich ist, alle Beteiligten auf dem gleichen Nutzenniveau zu belassen und das Nutzenniveau mindestens eines Be teiligten zu erhöhen. Wenn aber z.B. einer auf seinem Nutzenindex bleibt und ein anderer seinen Nutzen erhöht, so kann der zweite dem ersten einen Teil seines Nutzenzuwachses abgeben, so dass sich beide verbessern. Dies ist der einfache Grundgedanke, der ja auch schon den Tauschhandlungen in der Edgeworth-Box zugrunde liegt. Konkret bedeutet dies, dass der Getreidebauer G dem Viehzüchter V Kompensationszahlungen dafür anbieten wird, dass seine Viecher sich mäßigen. Nehmen wir an, G bietet marginal den Betrag z dafür, dass die Fressmenge nur x2 ist. Dann haben beide ihren Nutzen erhöht, weil z über U x∂ / ∂ und unter K x∂ / ∂ liegt. Coase behauptet daher, dass der Verhandlungsprozess erst zum Stillstand kommen wird, wenn eine Verbesserung für beide zusammen nicht mehr möglich ist – also bei der pareto-effizienten Fressmenge xf. Die Verhandlungen der Betroffenen führen also ganz ohne staatliche Vorgaben (Abga ben, Zertifikate oder gar Auflagen) zum Optimum – sofern die Eigentumsrechte festgelegt und dadurch Verhandlungen möglich sind. Dies ist ein zentrales Resultat der Coaseschen Überlegungen. Der Grundgedanke ist also sehr einfach: Au- ßerhalb des Optimums können sich beide noch verbessern – dies folgt aus der Definition eines Optimums – also ist es auch im Interesse beider, bis zum Optimum zu verhandeln. Berühmt wurde der Aufsatz von Coase aber erst dadurch, dass sich das Ergebnis ei ner pareto-effizienten Allokation auch dann einstellt, wenn die Eigentumsrechte nicht dem Viehzüchter, sondern dem Getreidebauern zugeordnet werden. Ohne Kompensationszah lungen wird nun der Getreidebauer jede Aktivität der armen Tiere gnadenlos unterbin den, so dass es zu der Fressmenge Null kommt, die natürlich ebenso wenig pareto-effizient ist wie die Fressmenge xmax. Analog zur gerade geschilderten Situation hat aber nun der Viehzüchter einen Anlass, dem Getreidebauern Zahlungen für eine Ausdehnung der Fressmenge anzubieten.2 Wieder kommt es zur pareto-effizienten Internalisierung exter ner Effekte, nur dass sich die Beteiligten diesmal nicht ausgehend von xmax, sondern ausgehend von Null nach xf bewegen. Dieses Ergebnis nennt man das Coase-Theorem: Bei jeder Festlegung der Eigentumsrechte kommt es zur pareto-effizienten Internalisierung externer Effekte, so dass es keinen Grund gibt, warum unbedingt der (geschädigte) Getreidebauer die Eigentumsrechte bekommen sollte: Die selbstverständliche Vorstellung, man müsse ausgerechnet den phy sischen Verursacher mit Auflagen, Steuern oder Zertifikaten belasten, erweist sich bei Coase als normative Setzung ohne begründbaren, ökonomischen Gehalt:3 „The traditional approach has tended to obscure the nature of the choice that has to be made. The question is commonly thought of as one in which A inflicts harm on B and what has to be decided is: how should we restrain A? But this is wrong. We are dealing with a problem of a reciprocal nature. To avoid the harm to B would inflict harm on A. 2 Selbstverständlich könnte auch der Getreidebauer die Bereitschaft zur Annahme von Kompensati onszahlungen signalisieren, d.h. es ist nicht zwingend, wer das Angebot macht. 3 Die damit begründete, tiefere Kritik des Verursacherprinzips diskutieren wir in Abschnitt 8.8 aus führlich. Vahlen – Allg. Reihe – Feess/Seeliger, Umweltökonomie und Unweltpolitik, 4. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.09.2013 Status: Imprimatur Seite 145 7.2 Das Coase-Theorem in der ursprünglichen Fassung 145 The real question that has to be decided is: should A be allowed to harm B or should B be allowed to harm A?“4 Bevor wir im folgenden Abschnitt der Coaseschen Kritik der Pigou-Steuer nachge hen, müssen wir zur Vermeidung von Missverständnissen zwei Einschränkungen hinzufügen. Das Coase-Theorem behauptet zwar, dass jede Festlegung der Eigentumsrechte zur Pareto-Effizienz führt, doch heißt dies noch lange nicht, dass die Festlegung der Eigen tumsrechte bedeutungslos ist: • erstens verändert die Festlegung der Eigentumsrechte die Einkommensverteilung, weil es beispielsweise für den Getreidebauern natürlich angenehmer ist, Kompensationszahlungen zu erhalten, als diese leisten zu müssen. Jede Änderung der Rechtsordnung hat daher Auswirkungen auf die Verteilung. Es ist gerade dieser Sachver halt, der den Übergang zu Regelungen mit geringeren Transaktionskosten oft so schwierig macht, weil damit auch stets Verteilungswirkungen verbunden sind, die die entsprechenden Interessengruppen auf den Plan rufen; • während diese Überlegung recht einfach ist und in der Literatur auch stets hervorgehoben wird, muss zweitens aber auch bedacht werden, dass die Festlegung der Eigentumsrechte auch die Höhe der Umweltbelastungen – d.h. im Beispiel von Coase: die Höhe der Fressmenge – verändert. Bedenken Sie dazu, dass jede Ver änderung der Eigentumsrechte eine Veränderung der Einkommen impliziert, weil man in einem Fall Geld bekommt und im anderen Geld bezahlt. Neben einer (di rekten) Verteilungswirkung hat die Änderung der Einkommenssituation aber auch eine (indirekte) Auswirkung auf die Allokation: Die Nachfrage des Viehzüchters nach dem Getreide für seine Kühe ist nämlich im Allgemeinen nicht unabhängig vom Einkommen, so dass die Allokation auch vom Einkommen und damit von den Eigentumsrechten abhängt. Dies gilt immer dann, wenn die Einkommenselastizität der Nachfrage nicht Null ist. Allgemein kann man also sagen, dass die Umweltquali tät höher (niedriger) ist, wenn die Eigentumsrechte den Geschädigten (Schädigern) zugesprochen werden. Diesen sog. Einkommenseffekt haben wir in Abbildung 7.1 vernachlässigt, um den entscheidenden Punkt, dass es in beiden Fällen zur pareto effizienten Allokation kommt, einfacher darstellen zu können. Beachten Sie aber bitte, dass die Fressmenge normalerweise (d.h. bei einer positiven Einkommens elastizität) „weiter rechts“ liegen wird, wenn die Eigentumsrechte dem Viehzüchter zugeordnet werden. Lassen Sie uns abschließend zur einfachsten Darstellung des Coase-Theorems noch mals die Verwandtschaft zur Edgeworth-Box hervorheben: Auch dort tauschen (ver handeln) die Wirtschaftssubjekte so lange, bis ein pareto-effizienter Zustand (identische Grenzraten der Substitution) erreicht ist. Dabei zeigt die Edgeworth-Box auch deutlich den zuletzt angesprochenen Punkt, dass jede unterschiedliche Festlegung der Erstausstattungen zu unterschiedlichen Allokationen führt. 4 Coase (1960), S. 2. Vahlen – Allg. Reihe – Feess/Seeliger, Umweltökonomie und Unweltpolitik, 4. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.09.2013 Status: Imprimatur Seite 146 7 Verhandlungslösungen146 7.3 Die Coasesche Kritik der Steuerlösung Eine erste Kritik von Coase an der Pigou-Steuer kann darin gesehen werden, dass diese stets den physischen Verursacher zur Kasse bittet, was nicht zwingend ist. Allerdings ist dies zwar nicht uninteressant, aber ökonomisch eher nebensächlich, da es sich ja um einen eher normativen Aspekt handelt. Wesentlich wichtiger ist daher, dass eine Pigou- Steuer unter den Coaseschen Annahmen über Verhandlungen nicht nur überflüssig, sondern sogar schädlich ist! Coase widerspricht also dem Argument, dass mit der Pigou- Steuer bei vollständiger Information über die Grenznutzen- und Grenzkostenverläufe stets eine pareto-effiziente Internalisierung externer Effekte erreicht werden kann. Diese Überlegung erläutern wir mit Hilfe von Abbildung 7.2. In Abbildung  7.2 nehmen wir an, dass beim physischen Schädiger pro abgefressener Getreideeinheit eine Pigou-Steuer t in Höhe der pareto-effizienten Grenzschäden ( )ft K x U x= ∂ / ∂ = ∂ / ∂ erhoben wird. Der Zweck einer Pigou-Steuer besteht ja dar in, die Entscheidungssituation des physischen Verursachers externer Effekte, in unserem Fall also des Viehzüchters, zu verändern. Konkret bedeutet dies, dass der Nettogrenznutzen einer abgefressenen Einheit für den Viehzüchter nun nicht mehr U x∂ / ∂ , sondern Abbildung 7.2: Kritik der Pigou-Steuer t f ∂U ∂x − ft x * x f max ∂Υ ∂x x ∂Κ ∂x ∂K ∂x , ∂U ∂x

Chapter Preview

References

Zusammenfassung

Umweltökonomie – neue Aspekte

Die rasanten Entwicklungen in der Umweltpolitik in den vergangenen Jahren führten zu umfangreichen Anpassungen in diesem beliebten Lehrbuch, die insbesondere die anwendungsorientierten Abschnitte betreffen. Hier wurden vor allem die Kapitel über die Umweltinstrumente (Auflagen, Steuern, Zertifikate), die Kosten-Nutzen-Analyse sowie die internationalen Umweltaspekte (bspw. Klimakonferenzen) grundlegend aktualisiert. Darüber hinaus enthält das Kapitel zur Ressourcenökonomie nun ebenfalls eine anwendungsbezogene Diskussion.

Umweltökonomie – die Schwerpunkte

- Spieltheoretische Grundlagen

- Theorie externer Effekte

- Auflagen

- Steuern und Abgaben

- Zertifikate

- Verhandlungslösungen

- Umwelthaftung

- Umwelttechnischer Fortschritt

- Internationale Aspekte des Umweltproblems

- Umweltpolitik bei asymmetrischer Informationsverteilung

- Kosten-Nutzen-Analyse

- Ressourcenökonomie

Zielgruppe

Studierende der Volks- und Betriebswirtschaftslehre an Universitäten und Hochschulen sowie interessierte Praktiker in Wirtschaft, Politik und Verwaltung

Prof. Dr. Eberhard Feess ist seit 2008 Professor für Managerial Economics an der Frankfurt School of Finance and Management. Zuvor hatte er Lehrstühle an der EBS, der Johann Wolfgang Goethe Universität Frankfurt und der RWTH Aachen.

Prof. Dr. Andreas Seeliger lehrt seit 2011 Volks- und Energiewirtschaftslehre an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg Mosbach. Zuvor war er bei Frontier Economics, der Trianel European Energy Trading sowie dem Energiewirtschaftlichen Institut an der Universität zu Köln beschäftigt.