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6.6.3 Erstausgabe der Zertifikate in:

Eberhard Feess, Andreas Seeliger

Umweltökonomie und Umweltpolitik, page 137 - 138

4. Edition 2013, ISBN print: 978-3-8006-4668-5, ISBN online: 978-3-8006-4365-3, https://doi.org/10.15358/9783800643653_137

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Vahlen – Allg. Reihe – Feess/Seeliger, Umweltökonomie und Unweltpolitik, 4. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.09.2013 Status: Imprimatur Seite 126 6 Zertifikate126 Die CAIR wurde jedoch bereits 2008 per Gerichtsentscheid außer Kraft gesetzt. Unter der Auflage, eine mit der Rechtsprechung konforme Neuregelung zu schaffen, durfte die CAIR ein halbes Jahr später wieder eingesetzt werden. Es dauerte allerdings drei Jahre, bis mit der Cross-State Air Pollution Rule (CSAPR) eine Nachfolgeregelung erarbeitet wurde. Diese wurde allerding im August 2012 ebenfalls durch die Gerichte gestoppt und die CAIR erneut in leicht veränderter Form eingesetzt.15 6.6.3 Erstausgabe der Zertifikate Hinsichtlich der Erstausgabe der Basiszertifikate hat sich der Gesetzgeber in den USA für ein modifiziertes grandfathering entschieden.16 Die (kostenlose) Regelzuteilung je Kraftwerkseinheit orientierte sich in beiden Phasen am durchschnittlichen Brennstoffverbrauch der Basisperiode 1985–1987 multipliziert mit einem durchschnittlich für alle Anlagen geforderten Sauberkeitsgrad. Während letzterer in der ersten Phase noch bei 2,5 lbs SO2/MBTU lag, wurde er für die zweite Phase auf 1,2 lbs SO2/MBTU verschärft. 17 Für Neuanlagen (ab 1990) galt mit Beginn von Phase II ein weitaus schärferer Grenzwert in Höhe von 0,3 lbs SO2/MBTU. Im Gegensatz zu Auktionen hat (auch das modifizier te) grandfathering den Nachteil, dass die Zertifikate nicht sofort jenen Betreibern mit den höchsten Grenzvermeidungskosten zufließen.18 Der Hauptnachteil des grandfathering, dass frühzeitige Schadstoffvermeidungen durch eine geringere Zuteilung „bestraft“ wer den, wurde allerdings durch die Orientierung der Zuteilung an der Energieerzeugung einer Basisperiode, multipliziert mit einem maximalen Verschmutzungswert, vermieden. Somit bestand kein Anreiz für die Anlagenbetreiber, durch die besonders „schmutzige“ Pro duktion von Elektroenergie die Ausgabe zu beeinflussen. Auch wurden sehr schmutzige Anlagen bereits in der ersten Phase gezwungen, Emissionen zu vermeiden oder Zertifika te am Markt zu erwerben.19 Der Gesetzgeber favorisierte das modifizierte grandfathering gegenüber Auktionen insbesondere, um einen plötzlichen Kostenschub für die Energieerzeuger zu vermeiden. Allerdings spielen auch Auktionen eine gewisse Rolle im Rahmen des Clean Air Acts. Von den Basiszertifikaten behielt die EPA jährlich ca. 2,8 % als „Special Allowance Reserve“ zurück.20 Die bis Ende März eines laufenden Jahres durchzuführenden Auktionen der EPA umfassen vier simultane Einzelauktionen. In der ersten Auktion bietet die EPA Zertifikate an, die noch im gleichen Jahr in Anspruch genommen werden können. Der Auktionspreis gilt daher als Trend für den Spot-Handel. Die Zertifikate der zweiten 15 Vgl. EPA (2012a). Ein Ende der gerichtlichen Auseinandersetzungen ist noch nicht abzusehen. Aktuell beschäftigt sich der Oberste Gerichtshof mit dem Fall. Eine Dokumentation der aktuellen Entwicklung erfolgt auf der Homepage der EPA (http://www.epa.gov/crossstaterule/ bulletins.html). 16 Vgl. Schwarz (2001). 17 Der Grenzwert in Phase II entspricht einer Emissionskonzentration von 1.400 mg/m3, wobei der ent sprechende Grenzwert für deutsche Großfeuerungsanlagen bei 400 mg/m3 liegt, vgl. Endres/Rehbinder/ Schwarze (1994), S. 140, FN 8. 18 Für eine weitergehende Diskussion von Auktionen und grandfathering vgl. Spulber (1985), Sta vins (1995), Goulder et al. (1997) und Fullerton/Metcalf (2001). 19 So wurde Neuanlagen lediglich eine Zertifikatemenge von 65 % ihrer Gesamtkapazität zugestanden. Siehe detailliert auch Schwarz (2001), S. 137 ff. 20 Für eine ausführliche Darstellung vgl. Christensen/Svendsen (1999). Vahlen – Allg. Reihe – Feess/Seeliger, Umweltökonomie und Unweltpolitik, 4. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.09.2013 Status: Imprimatur Seite 127 6.6 Zertifikate in der Praxis 127 Auk tion dürfen erst sieben Jahre nach ihrer Zuteilung angerechnet werden. Verbleiben diese „Forward“-Zertifikate im Pool der EPA, so werden sie in der dritten Auktion im Folge jahr nochmals offeriert. An der vierten Auktion schließlich nehmen ausschließlich private Anbieter teil. Anlass zur Skepsis hinsichtlich der Eignung der ersten Auktion als Informationsquel le für den Spot-Markt und der damit beabsichtigten Senkung der Transaktionskosten des Handels gab das Auktionsdesign. Die Zertifikatekäufer müssen einen Betrag in Hö he ihres Gebotes zahlen, wobei der Käufer mit dem höchsten Gebot den Angebotspreis des Verkäufers mit dem niedrigsten Angebotspreis zahlt. Dies liefert für Verkäufer einen Anreiz zur Untertreibung des Angebotspreises, um die Wahrscheinlichkeit zu erhöhen, einem Zertifikatekäufer mit hohem Preis zugewiesen zu werden. Spiegelbildliche Anreize ergeben sich für potenzielle Käufer, so dass die Auktion nicht zur wahrheitsgemäßen Of fenbarung der wirklichen Präferenzen führt und das Preissignal daher verzerrt ist.21 Nach den ersten Auktionen stellte man in der Tat fest, dass die Zertifikatepreise weit unter den Erwartungen lagen und zudem keine privaten Zertifikate angeboten wurden.22 6.6.4 Evaluation der Maßnahmen Grundsätzlich kann die SO2-Politik in den USA mit Bezug auf die ökologische Treffsicherheit als sehr erfolgreich eingestuft werden. Im Vergleich zu 1980 haben sich die Gesamtemissionen aller im Programm erfassten Anlagen (über 3.500) um ca. 80 % reduziert.23 So beliefen sich die SO2-Emissionen in 1980 noch auf 17,3 Mio. t, während sie in 2012 lediglich 3,3 Mio. t betrugen. Der Rückgang ist dabei kontinuierlich über alle Jahre hinweg zu beobachten, allerdings mit einem gewissen Beschleunigungsprozess ab 2005. Damit liegen die aktuellen Emissionen deutlich unter dem ursprünglichen langfristigen Ziel von 8,95 Millionen Tonnen.24 Bezüglich der regionalen Konzentration lässt sich feststellen, dass es aktuell keine Hot-Spots gibt. Noch 1990 lag die Schadstoffkonzentration in zahlreichen östlichen Bundesstaaten bei deutlich über 20 μg/m3. In 2011 lagen die Konzentrationsraten selbst im Ballungsgebiet der Kohlekraftwerke (bspw. entlang des Ohio-Rivers) bei nur noch ca. 6 μg/m3, in den meisten anderen Regionen sogar unter 6 μg/m3. Bei der Darstellung der Kosteneffizienz von Zertifikaten in Abschnitt 6.3 wurde darauf hingewiesen, dass jedes Unternehmen im theoretischen Idealfall solange Zertifikate nach fragt, bis die unternehmensspezifischen Grenzkosten der Schadstoffverminderung 21 Vgl. hierzu z.B. Cason (1995) sowie die experimentelle Bestätigung in Cason/Plot (1996). 22 Siehe hierzu z.B. Brookshire/Burness (2001), S. 56. 23 Die im Folgenden angegebenen Emissionsmengen und Konzentrationen entstammen dem umfangreichen Material, das auf der EPA-Homepage regelmäßig aktualisiert wird (http://www. epa.gov/airmarkets). 24 Schmalensee/Stavins (2012) weisen jedoch darauf hin, dass die Emissionsreduktionen nicht ausschließlich auf das Acid Rain Program zurückzuführen sind. Ein wichtiger Einflussfaktor ist bspw. die Deregulierung des amerikanische Eisenbahngütertransports, die es ermöglichte, die deutlich günstigere Kohle aus den westlichen Förderstaaten zu den Kraftwerken in den östlichen Regionen zu befördern. Da diese Kohle nicht nur günstiger sondern auch wesentlich SO2-ärmer als die in den Oststaaten gelegenen Kohlevorkommen ist, entstand die Umweltverbesserung quasi als unbeabsichtigter Nebeneffekt der Eisenbahn-Deregulierung.

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References

Zusammenfassung

Umweltökonomie – neue Aspekte

Die rasanten Entwicklungen in der Umweltpolitik in den vergangenen Jahren führten zu umfangreichen Anpassungen in diesem beliebten Lehrbuch, die insbesondere die anwendungsorientierten Abschnitte betreffen. Hier wurden vor allem die Kapitel über die Umweltinstrumente (Auflagen, Steuern, Zertifikate), die Kosten-Nutzen-Analyse sowie die internationalen Umweltaspekte (bspw. Klimakonferenzen) grundlegend aktualisiert. Darüber hinaus enthält das Kapitel zur Ressourcenökonomie nun ebenfalls eine anwendungsbezogene Diskussion.

Umweltökonomie – die Schwerpunkte

- Spieltheoretische Grundlagen

- Theorie externer Effekte

- Auflagen

- Steuern und Abgaben

- Zertifikate

- Verhandlungslösungen

- Umwelthaftung

- Umwelttechnischer Fortschritt

- Internationale Aspekte des Umweltproblems

- Umweltpolitik bei asymmetrischer Informationsverteilung

- Kosten-Nutzen-Analyse

- Ressourcenökonomie

Zielgruppe

Studierende der Volks- und Betriebswirtschaftslehre an Universitäten und Hochschulen sowie interessierte Praktiker in Wirtschaft, Politik und Verwaltung

Prof. Dr. Eberhard Feess ist seit 2008 Professor für Managerial Economics an der Frankfurt School of Finance and Management. Zuvor hatte er Lehrstühle an der EBS, der Johann Wolfgang Goethe Universität Frankfurt und der RWTH Aachen.

Prof. Dr. Andreas Seeliger lehrt seit 2011 Volks- und Energiewirtschaftslehre an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg Mosbach. Zuvor war er bei Frontier Economics, der Trianel European Energy Trading sowie dem Energiewirtschaftlichen Institut an der Universität zu Köln beschäftigt.