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2.3 Die traditionelle Forschung zu den Erfolgsfaktoren von Innovationen in:

Jürgen Hauschildt, Sören Salomo

Innovationsmanagement, page 44 - 47

5. Edition 2010, ISBN print: 978-3-8006-3655-6, ISBN online: 978-3-8006-4353-0, https://doi.org/10.15358/9783800643530_44

Series: Vahlens Handbücher der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften

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2.3 Die traditionelle Forschung zu den Erfolgsfaktoren 31 2.3 Die traditionelle Forschung zu den Erfolgsfaktoren von Innovationen „… the more we study innovation, the more we realize how complex a process it is and how difficult it is to ’master‘ it, whether at a corporate or government policy level.“ MarinovaPhillimore (2003), S. 51 (1) Erfolgsbezug als Kern der betriebswirtschaftlichen Sichtweise Innovationen in Unternehmungen sollen nachhaltig den Gewinn der Unternehmung steigern. Dieser Absicht entspricht es zu fragen, durch welche Instru mente des Innovationsmanagements der Innovationserfolg ermöglicht wird. Diese klare Ausrichtung kennzeichnet die betriebswirtschaftliche Sichtweise. Sie unterscheidet sich dabei prinzipiell von einer • naturwissenschaftlich-technischen Sichtweise, bei der eine technische Funktion der Innovation im Vordergrund steht, von einer • sozialwissenschaftlichen Sichtweise, die nach den gesellschaft lichen Umständen fragt, unter denen Innovationen gedeihen, von einer • politikwissenschaftlichen Sichtweise, die nach Zielen und Gestaltungsmöglichkeiten eines politischen Einflusses auf Innovations aktivitäten fragt, von einer • volkswirtschaftlichen Sichtweise, die die gesamtwirtschaftlichen Voraussetzungen und Wirkungen der Inno vationsaktivität untersucht. Betriebswirte fragen demgegenüber nach den Ursachen des Innovationserfolgs für das Unternehmen („Erfolgsfaktoren“). (2) Paarweiser Vergleich erfolgreicher und erfolgloser Innovationen Die Forschung zu den Erfolgsfaktoren der Innovation geht auf eine englische Gruppe von Ingenieuren zurück, deren Ergebnisse als SAPPHO-Studie im Jahre 1974 ver- öffentlicht wurden1. Unter Roy Rothwell am SPRU in Brighton fragte diese Gruppe, durch welche Eigenschaften sich erfolgreiche Unternehmen und Projekte von nicht erfolgreichen unterscheiden. Diese Arbeiten wurden vor allem in Kanada von Cooper und Kleinschmidt weitergeführt. Im Jahre 1979 legten sie eine in Konzept und Vorgehensweise ähnliche Studie unter dem Namen NewProd vor. Damit erfolgte der Durchbruch. Seither lassen sich mit Sicherheit mehr als 60 großzahlige empirische Untersuchungen identifizieren, die sich intensiv um die Frage bemühen, ob es „das“ Erfolgskonzept gibt, das man den Unternehmen an die Hand geben sollte, wenn sie das Wagnis eingehen, qualitativ neuartige Produkte auf den Markt zu bringen. Die Fülle der Ergebnisse verlangt inzwischen nach Verdichtung. In den letzten Jahren sind konsequenterweise mehrere Meta-Analysen erschienen, die – mit unterschiedlichem methodischen Anspruchsniveau – folgende Bündel von Erfolgsfaktoren für Innovationen aus den vielen Einzelstudien herausdestilliert haben: Balachandra/Friar • 2 beziehen sich auf 19 Studien und liefern eine schlichte Auszählung der Nennungen einzelner Erfolgsfaktoren (Abbildung 2.1). Mit der Dreiteilung 1 Rothwell et al. (1974), S. 258 ff., die Vorläuferstudie von Myers/Marquis (1969) fand weniger Aufmerksamkeit. 2 Balachandra/Friar (1997). Vahlens Handbücher; Hausschildt/Salomol „Innovationsmanagement“ (5. Auflage); Hersteller: Frau Deuringer; Stand: 02.11.2010 Seite 31 2. Kapitel: Innovation als Managementaufgabe32 in „marktbezogene“, „technologiebezogene“ und „organisationsbezogene“ Faktoren kommen sie zu dem gleichen Ergebnis wie methodisch anspruchsvollere Studien. Montoya-Weiss/Calantone • 1 beziehen sich auf 44 Untersuchungen und extra hieren zusätzlich "strategische" Faktoren erfolgreicher Produktinno vation. Die Meta-Analyse von • Henard/Szymanski2 greift auf 60 Forschungsarbeiten zurück, sortiert die Befunde unter anderen Begriffen und weckt gewisse Zweifel an der Bedeutsamkeit der organisatorischen Erfolgs faktoren (Abbildung 2.2). Auf den ersten Blick sind die Befunde intuitiv plausibel: Innovationen sind dann erfolgreich, wenn sie in einer innovationsfreudigen Unternehmenskultur erfolgen, die die arbeitsteilige • Natur der Leistungen anerkennt; ein technologisch neuartiges Produkt hervorbringen, das • den Kunden einen neuartigen Nutzen stiftet, und wenn • dieses Produkt nach professioneller Marktforschung sowie • nach strategischer Planung in den Markt eingeführt wird. • Dieser Innovationsprozess verlangt zudem engagierten Einsatz von Schlüssel personen, die möglichst bereits Erfahrungen mit Innovationsprojekten gesammelt haben, und professionelles Projektmanagement. Diese Befunde sind so einleuchtend, dass man die Umsetzung dieser gesicherten Erkenntnisse in die Praxis getrost den Unternehmensberatern überlassen könnte. 1 Montoya-Weiss/Calantone (1994). 2 Henard/Szymanski (2001). Organisationsbezogene Faktoren • Mitarbeiterexpertise (59) • Timing (58) • Planung des Projektes (52) • Top-Management- Unterstützung (37) • Engagement des Projekt-Teams (28) Bedeutsame Erfolgsfaktoren der Innovation Ergebnisse einer Meta-Analyse von 19 empirischen Untersuchungen Marktbezogene Faktoren • Betonung des Marketing (35) • Fähigkeit, Märkte zu schaffen (31) • Stärken in Technologie und Marketing (42) Technologiebezogene Faktoren • Wahrscheinlichkeit des technologischen Erfolgs (70) • Fit zwischen technologischer Strategie und Geschäftsstrategie (56) in Klammern: absolute, kumulierte Nennungen Abbildung 2.1: Ergebnisse einer Metaanalyse von 19 empirischen Untersuchungen (Balachandra/Friar 1997) Vahlens Handbücher; Hausschildt/Salomol „Innovationsmanagement“ (5. Auflage); Hersteller: Frau Deuringer; Stand: 02.11.2010 Seite 32 2.3 Die traditionelle Forschung zu den Erfolgsfaktoren 33 (3) Defizite der Erfolgsfaktorenforschung Aber diese schöne Welt ist nur auf den ersten Blick heil. Es macht stutzig, dass die Meta-Analysen nicht zu identischen Befunden kommen. Immerhin ließe sich das noch mit dem Zeitablauf begründen. Tatsächlich werden auf den zweiten Blick erhebliche Defizite der bisherigen Forschung erkennbar, die uns warnen, aus diesen ersten Einsichten unmittelbar Handlungsempfehlungen abzuleiten1. Inhaltliche Defizite • : Das besondere Interesse gilt nach den maßgeblichen Vorarbeiten von Cooper und Kleinschmidt der Marketingperspektive. Völlig unverständlich ist dabei, dass der Kooperation mit Marktpartnern eine so geringe Aufmerksamkeit zuteil wurde. Wenn technologische Prozesse betrachtet werden, konzentriert man sich einseitig auf systematische Forschung und Entwicklung. Dem Innovationsprozess als solchem wird eine zu geringe Aufmerksamkeit geschenkt. Im Focus der Erfolgsfaktorenforschung stehen Großunternehmen. Kleine und mittlere Unternehmen sind in den Stichproben nicht gesondert berücksichtigt worden. Der Innovationsgrad als wichtige moderierende Variable wird nicht kontrolliert, inkrementale und radikale Innovationen werden ohne weitere Begründung gleichgesetzt. Die relative Seltenheit radikaler Innovationen wird nicht beachtet2. Methodische Defizite • : Der größte Teil dieser empirischen Studien stammt aus dem englischsprachigen, vor allem dem US-amerikanischen Raum. Sie berücksichtigen insbesondere die kontinentaleuropäischen Forschungstraditionen, Hochschulstrukturen, Ausbildungscharakteristika, Finanzierungs-, Besteuerungs- und Förderungsverhältnisse nicht. Die meisten Studien sind Fragebogenerhebungen mit Schrotschuss-Streuung und sehr niedrigen Rücklaufquoten. Die Daten beruhen auf subjektiven Wahrnehmungen und Beurteilungen. Dabei wird der „informant bias“ schlicht übersehen, da we- 1 S.a. Astebro (2004), S. 315, Gerpott (2005), S. 119 ff. 2 Totterdell et al. (2002), S. 355. Produkteigenschaften • Produktüberlegenheit gg. Konkurrenzprodukten („Product Advantage“, 0,44) • Innovationsgrad („Product Innovativeness “, 0,30) • Kapazitäten und Ressourcen („Company Resources “, 0,30) Strategische Faktoren • Technologisches Potential („Technological Synergy “, 0,42) • Vermarktungspotential („Marketing Synergy “, 0,26) Prozesseigenschaften • Markt- und Kundenorientierung („Market Orientation“, 0,27) Markteigenschaften Bedeutsame Erfolgsfaktoren der Innovation Ergebnisse einer Meta-Analyse von 60 empirischen Untersuchungen in Klammern: Betakoeffizienten einer multiplen Regressionsanalyse Abbildung 2.2: Ergebnisse einer Metaanalyse von 60 empirischen Untersuchungen (Henard/Szymanski 2001) Vahlens Handbücher; Hausschildt/Salomol „Innovationsmanagement“ (5. Auflage); Hersteller: Frau Deuringer; Stand: 02.11.2010 Seite 33 2. Kapitel: Innovation als Managementaufgabe34 der die hierarchische Position noch die Funktion der Befragten sauber kontrolliert werden1. Erfolgsfaktor und Erfolg werden meist zum gleichen Zeitpunkt erfasst, was eine Identifizierung von Ursache und Wirkung erschwert. Last not least: Was „Erfolg“ ist, wird nicht gleichartig und gleichbleibend bestimmt. Leider zeigt sich auch in neueren Studien keine merkliche Besserung bezüglich dieser methodischen Defizite2. Aus wissenschaftstheoretischer Perspektive muss leider festgehalten werden, dass die bisherige Erfolgsfaktorenforschung unter heftigen theoretischen und methodischen Defiziten leidet3. Hier setzt unsere weitere Darstellung an. Sie fragt nach den theoretischen Leitlinien zur Bestimmung der Erfolgsfaktoren und versucht zugleich, die Inno vationsproblematik mit traditionellen betriebswirt schaftlichen Konzepten zu verbinden. 2.4 Die theoretischen Leitlinien Innovation ist die Hervorbringung eines neuartigen Produktes oder neuartigen Verfahrens durch die Kombina tion von Produktionsfaktoren. Sie ist insoweit ein klassisches betriebswirtschaftliches Problem4. Dieses neu artige Produkt oder Verfahren ist auf einem Markt durchzusetzen oder im innerbetrieblichen Einsatz einzu setzen. Auch diese Aufgabe ist eine Domäne der Betriebswirtschaftslehre. Die Steuerung dieser Prozesse ist eine Führungsaufgabe. Auch für dieses reklamiert unser Fach die Kompetenz. Eine betriebswirtschaftliche Theorie der Innovation muss somit auf drei theoretische Ansätze zurückgreifen (vgl. Abbildung 2.3): auf die • führungsbezogene Sichtweise, die den Innovationsprozess als einen Entscheidungs- und Durchsetzungsprozess oder in technischer Hinsicht als einen Entwicklungs- und Realisationsprozess sieht, auf die • ressourcenorientierte Sichtweise, die den Innovationsprozess als eine spezifische Kombination bestimmter Produktionsfaktoren begreift, auf die • diffusionsbezogene Sichtweise, die den Innovationsprozess als einen Verwertungsprozess innerhalb und außerhalb der etablierten Wertschöpfungskette versteht. Aber Innovationen unterscheiden sich substantiell von Routineprozessen der betrieblichen Tätigkeit. Daher sind diese traditionsreichen Sichtweisen im Fol genden unter der Innovationsperspektive neu zu bestimmen. 2.4.1 Führungstheoretische Perspektive Entscheidung über und Durchsetzung von Innovationen – was unterscheidet sie von Entscheidungen des betrieblichen Routinebetriebes und deren Durchsetzung? 1 Ernst (2001), Moenart et al. (1994), S. 33 f. 2 Page/Schirr (2008), S. 244. 3 Brown/Eisenhardt (1995), S. 352 f. 4 Vgl. die systematischen Betrachtungen von Krishnan/Ulrich (2001), S. 2 ff., 5 f., 7 f. Vahlens Handbücher; Hausschildt/Salomol „Innovationsmanagement“ (5. Auflage); Hersteller: Frau Deuringer; Stand: 02.11.2010 Seite 34

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Zusammenfassung

Immer einen Schritt voraus im Innovationsmanagement

...sind Sie mit diesem Standardwerk. Das Werk präsentiert systematisch den Stand des Innovationsmanagements und liefert theoretisch wie empirisch fundierte Aussagen zum erfolgreichen Management von Innovationen. Von der Konzeption bis zur Steuerung und Evaluation werden alle Bereiche des modernen Innovationsmanagements beleuchtet.

Erprobt und zuverlässig

Das didaktische Konzept hat sich ausgezeichnet bewährt und führt von der Fallstudie über die theoretischen Grundlagen bis hin zu konkreten Empfehlungen für die Praxis.

Aus dem Inhalt:

* Was ist und was will Innovationsmanagement?

* Die Funktionen des Innovationsmanagements

* Widerstände gegen Innovationen

* Promotoren und Teams als Akteure des Innovationsprozesses

* Kooperation und Innovation

* Fuzzy Front End

* Generierung innovativer Alternativen

Bringt besonders

Studierende der Betriebswirtschaftslehre an Universitäten und Fachhochschulen sowie Manager in Sachen Innovationsmanagement wichtige Schritte voran.