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8.1 Eine Fallstudie: Zielbildung für GROWIAN in:

Jürgen Hauschildt, Sören Salomo

Innovationsmanagement, page 239 - 242

5. Edition 2010, ISBN print: 978-3-8006-3655-6, ISBN online: 978-3-8006-4353-0, https://doi.org/10.15358/9783800643530_239

Series: Vahlens Handbücher der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften

Bibliographic information
Inhaltsübersicht 8.1 Eine Fallstudie: Zielbildung für GROWIAN . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 228 8.2 Kennzeichnung von Innovationszielen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 230 8.2.1 Dimensionen von Innovationszielen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 230 8.2.2 Ordnungsformen mehrfacher Ziele . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 232 8.3 Theoretische Erwägungen zur Zielbildung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 233 8.4 Empirische Befunde zur Zielbildung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 236 8.4.1 Zu den Zieldimensionen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 237 8.4.2 Zum Prozesscharakter der Zielbildung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 238 8.4.3 Zum Wandel und zur Präzision der Ziele . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 239 8.5 Zur Organisation der Zielbildung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 244 8.5.1 Weckung des Zielbildungsbewusstseins . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 244 8.5.2 Kontrolle der Zielunklarheit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 245 8.5.3 Negativkataloge . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 246 8.5.4 Ablauf der Zielbildung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 247 8. Kapitel: Zielbildung in Innovationsprozessen Vahlens Handbücher; Hausschildt/Salomol „Innovationsmanagement“ (5. Auflage); Hersteller: Frau Deuringer; Stand: 02.11.2010 Seite 227 8. Kapitel: Zielbildung in Innovationsprozessen228 8.1 Eine Fallstudie: Zielbildung für GROWIAN GROWIAN ist ein Akronym, zusammengesetzt aus den Anfangsbuchstaben der Großen Windenergie-Anlage. Dieses seinerzeit weltgrößte Windkraftsystem wurde im Kaiser-Wilhelm-Koog in Schleswig-Holstein errichtet, um die Möglichkeiten der großtechnischen Gewinnung von elektrischer Energie aus der natürlichen Bewegung der Luft zu untersuchen. Das Projekt wurde fast vollständig vom deutschen Bundesministerium für Forschung und Technologie finanziert. Der Zielbildungsprozess für das GROWIAN-Projekt wurde von Pulczynski1 aus Akten und Befragungen detailliert rekonstruiert. Die folgende Darstellung zeigt die wesentlichen Etappen dieses Prozesses2: (1) Der Zielbildungsprozess startete zwischen 1973 und 1974. In dieser Zeit löste die Energiekrise die Suche nach neuen Energiequellen aus. Zwar wurde die Windenergienutzung seinerzeit stark von der staatlichen Forschungspolitik im Bereich der Atomenergie überschattet. Aber schon im Jahre 1973 wies die Bundesregierung darauf hin, dass sie die Nutzungsmöglichkeiten „weiterer, neuer, umweltfreundlicher Energiequellen (u. a. auch der Sonnenenergie oder geothermischer Energie)“ untersuchen wollte. Im Herbst 1974 wurde das Energieprogramm fortgeschrieben. Dabei wurde erstmalig – wenn auch reichlich versteckt – die Erschließung neuer Energiequellen für den großtechnischen Einsatz gefordert. (2) In der Bundestagsdrucksache 8/1357 vom 19.12.1977 wurde dann erstmalig die Windenergie explizit genannt. Diese offizielle Zielartikulation erfolgte anderthalb Jahre nach den eigentlichen Zielentscheidungen: Das bedeutsamste Ereignis im Zielbildungsprozess, das dieser Zieldeklaration vorausging, war eine Expertendiskussion, die bereits am 11. 6. 1976 stattgefunden hatte. Dies war der Tag der Wissenschaftler. Sie setzten sich enthusiastisch dafür ein, eine relativ große Windenergieanlage zu bauen. Sie gaben technische Spezifikationen von großer Detaillierung. Der wichtigste Experte gab den Rat, die Windkraftanlage mit zwei Rotorblättern in Composite-Bauweise zu bauen, das Rotorsystem mit einer Pendelnabe zu versehen und der Anlage eine Kapazität von 1 bis 3 Megawatt zu geben. Die Experten hinterließen den Eindruck, dass die meisten technischen Probleme bereits gelöst seien, zumindest prinzipiell. Der wichtigste Einfluss der Wissenschaftler auf die Entscheidung lag in der Konstruktion der Rotorblätter. Es wurde unmissverständlich klargemacht, dass eine Windkraftanlage der diskutierten Größe nur mit Rotorblättern aus Composite-Materialien zu realisieren sei. (3) Einen Monat später, am 16. Juli 1976, wurde eine beschränkte Ausschreibung über die Ausarbeitung baureifer Unterlagen für eine große Windenergieanlage im Megawatt-Leistungsbereich an 16 Unternehmen verschickt. In dieser Aufforderung wurden die Ziele weiter eingeengt: Der Rotor sollte zwei Rotorblätter in Composite-Bauweise besitzen – dies war eine Zielfixierung. Die Kapazität sollte zwischen 2 und 3 Megawatt liegen, hier gab es noch einen Spielraum. Über die Höhe des Turmes und den Durchmesser des Rotors war nichts gesagt. Hier herrschte demnach noch völlige Freiheit in der Zielbildung. 1 Pulczynski (1991). 2 Hauschildt/Pulczynski (1992). Vahlens Handbücher; Hausschildt/Salomol „Innovationsmanagement“ (5. Auflage); Hersteller: Frau Deuringer; Stand: 02.11.2010 Seite 228 8.1 Eine Fallstudie: Zielbildung für GROWIAN 229 (4) Ende 1977 gab es die erste Präsentation der technischen Alternativen. Zum Hauptproblem erhob man dabei den Durchmesser des Rotors. Drei Alternativen wurden vorgestellt: 80 m, 100 m und 113 m. Dies war der Augenblick, in dem die Repräsentanten der Bundesregierung die gravierendste (Fehl-)Ent scheidung zum Leistungsziel trafen. Obwohl die Experten einen Rotordurchmesser von 80 m bevorzugten, bestanden die Repräsentanten des politischen Systems auf einer größeren Lösung von 100,4 m Rotordurchmesser. Mit dieser Fixierung wurde die nächste Zielentscheidung präjudiziert: die Turmhöhe. Man legte sie auf 96,6 m fest und bestimmte damit die Nabenhöhe auf 102,1 m über Grund. Die übrigen Zielbestandteile wurden folgendermaßen bestimmt: Kostenziel: Das Gesamtprojekt wurde vom BMFT mit einem Budget von 38,9 Mio. DM ausgestattet. Zeitziel: Die gesamte Einheit sollte nach einer Bau- und Testzeit von 32 Monaten betriebsbereit übergeben werden. Das übergeordnete Gesamtziel lautete: Die Anlage sollte drei Jahre laufen, zum einen, um alle notwendigen Informationen zu sammeln (technologiepolitischer Auftrag), zum anderen, um die elektrische Energie in das öffentliche Versorgungsnetz einzuspeisen (energiewirtschaftlicher Auftrag). (5) Wir gehen in das Jahr 1987: Am 8. Mai wurde GROWIAN außer Betrieb ge setzt. Im Jahre 1988 wurde er völlig abgerissen. Zwar waren damit die gesetzten Konstruktions- Ziele weitgehend erfüllt: Turm von 102 m Höhe, Zweiblatt-Rotor-System, allerdings nicht in Composite-Bauweise, Energie erzeugungs kapazität von 3 Megawatt, Pendelnabe nach dem System Hütter. Aber: Anstatt drei Jahre im Betrieb zu sein, betrug die tatsächliche Betriebsdauer wegen technischer Probleme an der Pendelnabe nur 420 Stunden, das sind 17,5 Tage. Das energiepolitische Ziel wurde verfehlt. Verglichen mit der ursprünglichen Zeitplanung war die endgültige Komponentenmontage der Anlage um ca. 20 Monate verzögert. Diese Verzögerung korreliert mit dem Anstieg der Kosten: Die Investition überschritt das ursprüngliche Budget um mehr als 33 %. Das Kostenziel wurde nicht eingehalten. Für den externen Beobachter war diese Innovation kein Erfolg, sondern ein Misserfolg, der nicht zuletzt auf zu rigide bestimmte Ziele zurückzuführen war. Die Fallstudie regt zu folgenden Fragen an: Wer legt die Ziele fest? Wer hat Einfluss auf die Zielbildung? • Welche Eigenschaften hat ein klar definiertes Projektziel? • Wie ist das Verhältnis der Teilziele zueinander zu bestimmen? Welches Teil ziel hat • Priorität? Welche Bedeutung hat eine formelle Artikulation von Zielen für den Innovations- • prozess? Ist es empfehlenswert, Ziele für Innovationen klar und verbindlich zu formu lieren? • Oder sollte man Ziele vage formulieren, um einen Konsens der Beteiligten zu erreichen? Verlangen Innovationen Spielräume bei der Festlegung der Ziele? • Vahlens Handbücher; Hausschildt/Salomol „Innovationsmanagement“ (5. Auflage); Hersteller: Frau Deuringer; Stand: 02.11.2010 Seite 229 8. Kapitel: Zielbildung in Innovationsprozessen230 Welche Möglichkeiten gibt es, Ziele flexibel zu formulieren? • Unter welchen Bedingungen sind Zieländerungen sinnvoll? • Welches ist der späteste Zeitpunkt für Zieländerungen? Wie kann man Ziele irre- • versibel machen? Wie sind Informationsprozesse und Zielbildung miteinander verflochten? • Die folgende Darstellung soll Antworten auf diese Fragen geben. • 8.2 Kennzeichnung von Innovationszielen „One simultaneously chooses a policy to attain certain objectives and chooses the objectives themselves.“ Lindblom (1964), S. 67 Innovationsentscheidungen gelten in der Theorie als Spezialfälle von Entscheidungen und haben in der Entscheidungstheorie keinen eigenen Platz. Die normative Behandlung von Entscheidungszielen gilt somit uneingeschränkt auch für Innovationsziele. Es herrscht die Norm der Zielklarheit: Ziele sind unmissverständlich und opera tional festzulegen. Es ist sprachlich verräterisch, dass die Entscheidungstheorie so gern mit der Formulierung „gegeben sei folgende Zielfunktion …“ operiert. Man entlastet sich, darüber nachzudenken, was dieser markigen Annahme vorausgeht. Diese axiomatische Grundhaltung teilt die Entscheidungstheorie mit Praktikern. Zielklarheit gilt als Voraussetzung erfolgreichen Projektmanagements. Das Akronym SMART für Zielbestimmung steht für Specific, Measurable, Achiev able, Realistic/ Relevant, Tangible/Time-bound – wohl nicht nur eine mnemotechnische Hilfe, sondern zugleich auch ein Markenzeichen für Markigkeit. Die folgende Darstellung ist ein vehementer Protest gegen diese Voreingenommenheit. Die Kritik geht aber noch einen Schritt weiter. Es ist zu befürchten, dass Ziele, die diesen Lehrbuchansprüchen entsprechen, Innovationen sogar verhindern. Sie sind Ausdruck einer naiven Machbarkeitsphilosophie, die vielleicht dem Tagesgeschäft, eventuell auch noch einer inkrementalen Produktverbesserung angemessen ist. In Abbildung 8.1 werden die Gefahren einer unreflektierten Übernahme derartiger SMART-Anforderungen für Innovationen mit hohem Neuigkeitsgrad pointierend zusammengefasst. Damit sind zunächst die „Dimensionen“ präzise zu bestimmen, durch die Ziele gekennzeichnet sind. 8.2.1 Dimensionen von Innovationszielen Ziele sind normative Aussagen von Entscheidungsträgern, die einen gewünschten, von ihnen oder anderen anzustrebenden, zukünftigen Zustand der Realität beschreiben1. Ziele sollen die Auswahl von Alternativen dadurch lenken, dass die versprochenen oder angebotenen Wirkungen der Alternativen mit den Forderungen des Ziels verglichen und damit beurteilbar werden2. Ziele sind unterschiedlich exakt und extensiv 1 Hauschildt (1970), S. 551. 2 Hamel (1974), S. 50 ff. Vahlens Handbücher; Hausschildt/Salomol „Innovationsmanagement“ (5. Auflage); Hersteller: Frau Deuringer; Stand: 02.11.2010 Seite 230

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Zusammenfassung

Immer einen Schritt voraus im Innovationsmanagement

...sind Sie mit diesem Standardwerk. Das Werk präsentiert systematisch den Stand des Innovationsmanagements und liefert theoretisch wie empirisch fundierte Aussagen zum erfolgreichen Management von Innovationen. Von der Konzeption bis zur Steuerung und Evaluation werden alle Bereiche des modernen Innovationsmanagements beleuchtet.

Erprobt und zuverlässig

Das didaktische Konzept hat sich ausgezeichnet bewährt und führt von der Fallstudie über die theoretischen Grundlagen bis hin zu konkreten Empfehlungen für die Praxis.

Aus dem Inhalt:

* Was ist und was will Innovationsmanagement?

* Die Funktionen des Innovationsmanagements

* Widerstände gegen Innovationen

* Promotoren und Teams als Akteure des Innovationsprozesses

* Kooperation und Innovation

* Fuzzy Front End

* Generierung innovativer Alternativen

Bringt besonders

Studierende der Betriebswirtschaftslehre an Universitäten und Fachhochschulen sowie Manager in Sachen Innovationsmanagement wichtige Schritte voran.