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7.2 Neuorientierung der Kostenrechnung in:

Wolfgang Eisele, Alois Paul Knobloch

Technik des betrieblichen Rechnungswesens, page 957 - 959

Buchführung und Bilanzierung, Kosten- und Leistungsrechnung, Sonderbilanzen

8. Edition 2011, ISBN print: 978-3-8006-3784-3, ISBN online: 978-3-8006-4350-9, https://doi.org/10.15358/9783800643509_957

Series: Vahlens Handbücher der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften

Bibliographic information
7 Strategische Erweiterung der Kostenrechnung938 Vahlens Handbücher – Eisele/Knobloch – Technik des betrieblichen Rechnungswesens (8. Aufl.) – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.07.2011 Seite 938 Status: Imprimatur Dieser Strukturwandel führt zu veränderten Anforderungen des Unternehmensumfeldes, denen die traditionellen Verfahren der Kostenrechnung nicht uneingeschränkt genügen. Die zunehmende Kritik bezieht sich zum einen und insbesondere auf die vornehmlich periodenbezogene Orientierung der Kostenrechnung, die insoweit die Beantwortung strategischer Fragestellungen erschwert. Aus dieser Überbewertung der eher kurzfristigen Ergebnisgrö- ßen durch die traditionelle Kosten- und Leistungsrechnung, zieht dann auch ein Managementkonzept, wie das der Balanced Scorecard, Erkenntnisse und Handlungsempfehlungen zur Effizienzverbesserung gerade auch im operativen Bereich, indem eine betont strategische Orientierung der internen Geschäftsprozessperspektive gefördert wird (Kaplan/Norton, Balanced Scorecard, 1996; „The balanced scorecard is a model of business performance evaluation that balances measures of financial performance, internal operations, innovation and learning, and customer satisfaction“: Hilton, Managerial Accounting, S. 9 und S. 425–431). Zum anderen ist die detaillierte Beschäftigung mit der Planung und Kontrolle der Einzelkosten angesichts gestiegener Gemeinkosten wenig realitätsgerecht: So sind mittlerweile zur Schlüsselung der Gemeinkosten vielfach Zuschlagssätze von mehreren hundert Prozent auf die Lohneinzelkosten erforderlich, was zu unzulässigen Verzerrungen der Ergebnisse führt (Coenenberg/ Fischer/Günther, Kostenrechnung, S. 146 f.). Da zur Steuerung des Unternehmens im globalen Wettbewerb eine effiziente Kostenrechnung unerlässlich ist, bedarf es neuer Ansätze, die diese veränderten Rahmenbedingungen berücksichtigen. Die generelle Zielrichtung ist dabei auf Konzepte des Kostenmanagements gerichtet. 7.2 Neuorientierung der Kostenrechnung Die Kostenrechnung als entscheidungsvorbereitendes Instrument der Unternehmensführung hat sich nicht nur den veränderten Rahmenbedingungen des Unternehmensumfeldes zu stellen. Vielmehr muss die Implementierung einer strategisch orientierten Kostenrechnung auch im Einklang mit der grundlegenden Wettbewerbsstrategie erfolgen. Häufig wird in diesem Zusammenhang zwischen zwei Grundsatzstrategien unterschieden (Porter, Wettbewerbsvorteile, S. 37 ff.): Kostenführerschaft und Differenzierung. Die Festlegung der Strategie kann dabei nicht auf der Gesamtunternehmensebene erfolgen, sondern muss für jeden Geschäftsbereich einzeln erarbeitet werden. Während die Strategie der Kostenführerschaft das Ziel verfolgt, als kostengünstigster Hersteller ein Produkt anzubieten, das sehr ähnliche Leistungsmerkmale wie die Konkurrenzprodukte aufweist, beinhaltet die Strategie der Differenzierung das Ziel, sich durch die Schaffung eines zusätzlichen Kundennutzens von den Konkurrenten abzuheben, umso einen höheren Preis beim Abnehmer durchsetzen zu können. Dabei erhöhen Leistungen wie Ersatzteilhaltung, kurze Lieferfristen etc. den Umfang des Gemeinkostenbereichs und verstärken die bereits oben angesprochene Problematik der unzureichen- 7.2 Neuorientierung der Kostenrechnung 939 Vahlens Handbücher – Eisele/Knobloch – Technik des betrieblichen Rechnungswesens (8. Aufl.) – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.07.2011 Seite 939 Status: Imprimatur den Gemeinkostenverrechnung. Die Differenzierung stellt damit besondere Anforderungen an das Kostenrechnungssystem. Denn die langfristig orientierte Festlegung der Preispolitik erfordert eine möglichst präzise Gegenüberstellung der prognostizierten Kosten des zusätzlichen Kundennutzens mit der erwarteten durchsetzbaren Preiserhöhung. Während die Orientierung an der Differenzierungsstrategie den Einsatz strategischer Kostenrechnungssysteme besonders notwendig erscheinen lässt, sind die traditionellen Verfahren der Kostenrechnung im Rahmen der Kostenführerschaftsstrategie grundsätzlich weiterhin relevant (Ewert/Wagenhofer, Interne Unternehmensrechnung, S. 251 f.). In den letzten gut zwanzig Jahren haben sich in den Unternehmen neue Kostenrechnungssysteme etabliert, die den aktuellen Anforderungen des Unternehmensumfeldes ebenso gerecht werden sollen wie der Orientierung an der verfolgten Wettbewerbsstrategie des Unternehmens. Angesichts der hierfür notwendigen Gegenüberstellung von Kosten und Nutzen bietet sich der strategischen Kostenrechnung auch bezüglich des zunehmend in den Vordergrund ökonomischer Überlegungen tretenden Umweltaspekts eine beachtenswerte Perspektive. Denn einerseits fallen umweltbezogene Kosten häufig als Überwachungs- und Dokumentationskosten im Gemeinkostenbereich der Unternehmung an, dessen Bedeutung daher weiter verstärkt wird, andererseits kann die Schaffung umweltgerechter Lösungen in Logistik, Produktion und Absatz zu einem erhöhten Kundennutzen und somit zu einem strategischen Wettbewerbsvorteil führen. Die Grundzüge einer umweltorientierten Erweiterung (Teil B, Abschn. 7.6, S. 971 ff.) der Kostenrechnung werden aus diesem Grund mit Orientierung an den wohl wichtigsten Weiterentwicklungen der Kostenrechnung der letzten Jahre, der Prozesskostenrechnung, dem Zielkostenmanagement (Target Costing) und der Lebenszyklusrechnung im Folgenden behandelt. Als vornehmlich in der Praxis entwickelte Konzepte sind diese in der Theorie umstritten, da es sich nicht um vollständig neue Kostenrechnungssysteme, sondern lediglich um realitätsgerechtere Modifikationen der traditionellen Verfahren handelt. Aus diesem Grund werden sie hier als strategische Erweiterungen der Kostenrechnung betrachtet. Die Bedeutung der Prozesskostenrechnung liegt vor allem in der detaillierten Analyse des Gemeinkostenbereiches, dessen gestiegener Umfang hauptsächlich auf dem verbreiteten Einsatz der Differenzierungsstrategie beruht. Ergänzend soll das Konzept des Zielkostenmanagements den Unternehmen dazu verhelfen, auch in einem verschärften Preiswettbewerb bestehen zu können. Durch gezielte Gegenüberstellung des realisierbaren Kundennutzens mit den zugehörigen betrieblichen Kosten wird der Versuch unternommen, bereits frühzeitig eine nachhaltige Kostenstruktur zu realisieren. Die Lebenszyklusrechnung ordnet die Kosten und Erlöse einem Produkt folgerichtig periodenübergreifend zu. Dadurch können Fehlinterpretationen, die bei rein periodischer Betrachtung möglich sind, vermieden und darüber hinaus Kosten und Erlöse im Zeitablauf optimiert werden. 7 Strategische Erweiterung der Kostenrechnung940 Vahlens Handbücher – Eisele/Knobloch – Technik des betrieblichen Rechnungswesens (8. Aufl.) – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.07.2011 Seite 940 Status: Imprimatur 7.3 Prozesskostenrechnung 7.3.1 Zielsetzung Die bisher behandelten traditionellen Kostenrechnungsverfahren stellen die Kosten der Produktion bzw. der produktionsnahen Bereiche in den Vordergrund der Betrachtung. Demgegenüber werden die Kosten der produktionsbegleitenden und damit indirekt wirkenden Leistungsbereiche zumeist nicht näher analysiert, sondern vielmehr als fixe Gemeinkosten betrachtet und entweder mittels wertbezogener Zuschlagssätze auf die Produkte zugerechnet (vgl. Teil B, Abschn. 3.3.1, S. 870 ff.) oder als mehr oder weniger strukturierter Block gesondert ausgewiesen (vgl. Teil B, Abschn. 4.3, S. 899 ff.). Darauf stützt sich der Vorwurf einer zu einseitigen Produktionsprozessorientierung der traditionellen Kostenrechnungssysteme, die folglich ungeeignete Bezugsgrößen und unzutreffende Kostenverrechnungssätze ermitteln. Die Prozesskostenrechnung will dem durch eine erweiterte Kostentransparenz, die auf einem spezifizierten System der Kostenzerlegung vor allem im Bereich indirekter Leistungsbezüge beruht, abhelfen. Konzepte der Prozesskostenrechnung werden unter den Begriffen Activity accounting, activity-based cost system, aktivitätsorientierte Kostenrechnung, cost-driver accounting, prozessorientierte Kostenrechnung, Transaction Costing und Vorgangskostenrechnung geführt. Die Kosten der indirekten Bereiche sind zumeist weniger von Herstellkosten oder Ausbringungsmengen als vielmehr von der Vielfalt (Variantenreichtum) und Komplexität der Produkte abhängig (Franz, Prozeßkostenrechnung, S. 112). Daher können sie durch die traditionell in der Kostenrechnung eingesetzten Bezugsgrößen (z. B. Herstellkosten, Maschinenstunden, Ausbringungsmengen) nicht verursachungsgerecht verrechnet werden, denn diese Größen geben i. d. R. keinen zutreffenden Maßstab der Kostenverursachung für die indirekten Leistungsbereiche ab. Die Anwendung solcher Bezugsgrößen führt vielmehr zu falschen, weil nicht verursachungsgerechten Umlagen der Gemeinkosten, was die Gefahr von langfristigen, strategischen Fehlentscheidungen provoziert. Ein Vergleich eines einfachen Standardproduktes mit einer komplexen Variante macht dies unmittelbar deutlich (Horváth/Mayer, Prozeßkostenrechnung, S. 215 f.): Unbestritten ist der Planungs-, Steuerungs- und Koordinationsaufwand bei komplexen Produkten kleiner Auflagenhöhe wesentlich höher als bei einfachen Großserienprodukten. Bei entsprechender Gemeinkostenhöhe kann die Verrechnung über die traditionellen Zuschlagssätze zu erheblichen Verzerrungen führen. Das Standardprodukt wird zu teuer kalkuliert und mit zu geringem Deckungsbeitrag ausgewiesen, während der komplexeren Variante nur ein Teil der von ihr verursachten Kosten zugeteilt wird und diese daher scheinbar profitabler ist. Richtet sich die Unternehmensführung nach diesen Erkenntnissen, dann wird sie die Varianten forcieren und deren Vielfalt ausweiten. Bei nicht auskömmlichen Preisen dieser Produkte kann das fatale Folgen haben: Die Gemeinkosten steigen und die Unternehmensergebnisse gehen zurück. Die durch die nicht verursachungsgerechte Gemeinkostenumlage verzerrten Kostenstrukturen der Produkte bergen demnach die Gefahr der Fehleinschätzung zukunftsbezogener

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References

Zusammenfassung

Ein wahrer Klassiker zum betrieblichen Rechnungswesen.

"Der 'Eisele/Knobloch' gehört mit Sicherheit zum besten, was es auf dem Lehrbuchmarkt zu diesem Thema gibt."

in: Studium 90/2012

Die »Technik des betrieblichen Rechnungswesen« war und ist ein Gesamtwerk:

Es umfasst das betriebliche Rechnungswesen in der Breite ausgehend vom handels- und steuerrechtlichen Einzelabschluss und den dafür einschlägigen internationalen Rechnungslegungsgrundsätzen (IFRS), über die Grundlagen der Kosten- und Leistungsrechnung bis hin zu den Sonderfällen der Bilanzierung und in der Tiefe von der Auslegung der abstrakten Bilanzierungsnormen durch Rechtsprechung, Verwaltung und Schrifttum bis hin zum grundlegenden Buchungssatz.

"Das Werk vermittelt umfassendes anwendungsbezogenes Grundlagenwissen und fordert die Fähigkeit zur selbstständigen Problemlösung."

in: Controller Magazin 1/2012

"Das knapp 1.500 Seiten dicke Lehrbuch ist auch in der 8. Auflage ein Gesamtwerk: Es deckt konsequent alles ab, was man als Student wissen muss, wenn man sich auf das betriebliche Rechnungswesen spezialisiert. [...] Am bewährten didaktischen Konzept hat sich auch bei der Neuauflage nichts geändert: Durch die anwendungs- sowie praxisbezogene Wissensvermittlung wird der Leser schnell zum Profi auf dem Gebiet des betrieblichen Rechnungswesens."

in: Studium 90/2012

Beste Autoren-Kompetenz

Prof. Dr. Wolfgang Eisele war Inhaber des Lehrstuhls für Rechnungswesen und Finanzierung an der Universität Hohenheim. Prof. Dr. Alois Paul Knobloch ist Inhaber des Lehrstuhls für Betriebswirtschaftslehre, insbesondere Rechnungswesen und Finanzwirtschaft, an der Universität des Saarlandes.