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6.1 Grundsachverhalte des Wechsels in:

Wolfgang Eisele, Alois Paul Knobloch

Technik des betrieblichen Rechnungswesens, page 209 - 213

Buchführung und Bilanzierung, Kosten- und Leistungsrechnung, Sonderbilanzen

8. Edition 2011, ISBN print: 978-3-8006-3784-3, ISBN online: 978-3-8006-4350-9, https://doi.org/10.15358/9783800643509_209

Series: Vahlens Handbücher der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften

Bibliographic information
Vahlens Handbücher – Eisele/Knobloch – Technik des betrieblichen Rechnungswesens (8. Aufl.) – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.07.2011 Seite 189 Status: Imprimatur 6 Wechselgeschäfte 6.1 Grundsachverhalte des Wechsels In Verbindung mit Warengeschäften kommt es häufig vor, dass der Kunde den eingeforderten Rechnungsbetrag nicht sofort bezahlen kann und deshalb eine Kreditierung wünscht. Nur selten kann der Betrieb in diesem Falle die Finanzierungsfunktion durch Einräumung eines längerfristigen Zahlungsziels selbst übernehmen. Üblicherweise wird dann die Warenforderung in eine Wechselforderung transformiert: An das Warengeschäft schließt sich ein Wechselgeschäft an. Dabei finden Wechselgeschäfte ihre Begründung nicht nur aus der Geschäftsverbindung zwischen Betrieb und Kunde (Besitzwechsel), sondern auch aus der Verbindung zwischen Betrieb und Lieferant (Schuldwechsel, Akzept); Letztere dienen dann der Finanzierung der Warenbezüge. Die sich aus dem Wechselverkehr ergebenden Forderungen und Verbindlichkeiten sind streng von anderen Ansprüchen aus Schuldverhältnissen zu trennen; sie dürfen nicht gegenseitig aufgerechnet werden. Dem Wesen nach ist der Wechsel ein an besondere Formerfordernisse (Wechselformular) gebundenes, schuldrechtliches Wertpapier, das ein Zahlungsversprechen enthält und in dem der Aussteller des Wechsels den zur Zahlung Verpflichteten (Bezogener oder Wechselschuldner) anweist, eine bestimmte Geldsumme an den Zahlungsempfänger (Wechselnehmer oder Remittent) zu zahlen (gezogener Wechsel oder Tratte). Als Zahlungsempfänger können auf der Vorderseite des Wechsels entweder ein Dritter oder der bzw. die Aussteller selbst (Wechsel an eigene Order) genannt sein. Im Normalfall stellt der Warenlieferant den Wechsel aus, während der Kunde den Wechsel durch seine Unterschrift anerkennt („Querschreiben“) und sich dadurch verpflichtet, den Wechsel bei Fälligkeit (i. d. R. 90 Tage nach der Ausstellung) einzulösen, d. h. die Wechselsumme an den Aussteller oder aber an einen bestimmten Dritten zu bezahlen. Der Aussteller haftet beim gezogenen Wechsel, falls er diesen weitergibt, jedoch als Rückgriffsschuldner. Zur Verdeutlichung dieser Sachverhalte sind auf der folgenden Seite ein gezogener Wechsel sowie die gesetzlichen Bestandteile nach Art. 1 WG, deren Fehlen den Wechsel unter Umständen nichtig macht („Wechselstrenge“), dargestellt. Verpflichtet sich dagegen der Aussteller selbst zur Zahlung der Wechselsumme, so liegt ein sog. eigener Wechsel oder Solawechsel vor. Grundsätzlich hat der Wechselnehmer drei Möglichkeiten, den Wechsel zu verwerten: – Aufbewahrung des Wechsels im Portefeuille und Vorlage zur Zahlung gegenüber dem Bezogenen am Verfalltag; – Verkauf des Wechsels vor Verfall an die Hausbank (Diskontierung) unter Abzug des auf die Zeitspanne zwischen Einreichung und Fälligkeit entfallenden Wechselzinses (Diskont); 6 W ech selg esch äfte 190 V ah len s H and bücher – E isele/K nobloch – Tech n ik des betrieblichen R ech nu ngsw esen s (8. A u fl.) – H ersteller: Frau D eu ringer Stand: 05.07.2011 Seite 190 Statu s: Im prim atu r Gesetzliche Bestandteile des Wechsels (1) Das Wort „Wechsel“ im Text der Urkunde (Wechselklausel). (2) Die unbedingte Anweisung, eine bestimmte Geldsumme zu zahlen. (3) Name der Person oder Firma, die zahlen soll (Bezogener) (4) Die Verfallzeit gibt an, wann die Wechselsumme gezahlt werden soll. (5) Angabe des Zahlungsortes, d. h. der Ort, an dem die Zahlung erfolgen soll. (6) Name des Wechselnehmers (Remittenten), an den oder an dessen Order gezahlt werden soll. (7) Ausstellungstag und Ausstellungsort. (8) Unterschrift des Ausstellers (Trassant) Wechselformular 6.1 Grundsachverhalte des Wechsels 191 Vahlens Handbücher – Eisele/Knobloch – Technik des betrieblichen Rechnungswesens (8. Aufl.) – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.07.2011 Seite 191 Status: Imprimatur – Weitergabe des Wechsels an einen Lieferanten zur Begleichung eigener Schulden (Indossierung, s. nachfolgende Abb.). Aus wirtschaftlicher Sicht stellt der Wechsel damit sowohl ein Instrument zur Gewährung und Sicherung kurzfristiger Kredite als auch ein echtes Zahlungsmittel dar (zu den ökonomischen Funktionen des Wechsels ausführlich Eisele, Wechsel, Sp. 2203–2210). Dies wird auch bei der bilanzmäßigen Behandlung von Besitzwechseln nach dem Handelsgesetzbuch deutlich. Besitzwechsel werden nämlich nicht unter einer eigenständigen Position ausgewiesen: Liegt den Wechseln ein Warengeschäft zugrunde, sind sie unter den entsprechenden Forderungspositionen zu erfassen, verbriefen sie dagegen nur ein reines Finanzierungsgeschäft (Finanzwechsel), so sind sie unter der Position „sonstige Wertpapiere“ auszuweisen. Namensindossament oder Vollindossament Der Indossant vermerkt den Namen des Indossatars. Angstindossament Die Wechselhaftung wird durch den Vermerk „ohne Obligo“ (ohne Haftung) ausgeschlossen. Rektaindossament Durch die negative Orderklausel „nicht an dessen Order“ wird die Weitergabe des Wechsels ausgeschlossen. Der Wechsel ist direkt beim Bezogenen einzulösen (recta via, lat. = gerader Weg). Inkassoindossament Die Bank erwirbt nicht das Eigentum an dem Wechsel. Sie ist lediglich zum Einzug legitimiert. Beispiel für eine Indossamentenkette auf der Rückseite des Wechsels 6 Wechselgeschäfte192 Vahlens Handbücher – Eisele/Knobloch – Technik des betrieblichen Rechnungswesens (8. Aufl.) – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.07.2011 Seite 192 Status: Imprimatur Mit der Einführung des Europäischen Systems der Zentralbanken (ESZB) und als dessen Kern der Europäischen Zentralbank am 1. 1. 1999 hat der Wechsel hinsichtlich seiner Zahlungs- und Kreditmittelfunktion substantiell an Bedeutung verloren. Während bis zu diesem Zeitpunkt die Rediskontierung von Wechseln durch die Deutsche Bundesbank noch zu einem zentralen Element ihrer Geldmengensteuerung gehörte, wurde die Diskontpolitik nicht in das geldpolitische Instrumentarium des ESZB übernommen. Längerfristige Refinanzierungsgeschäfte am offenen Markt bestimmen seither den geldpolitischen Leitzins für die Euro-Währung. Handelswechseln kommt in diesem Zusammenhang noch die Funktion eines Sicherungsmittels zu, da sie als Sicherheiten für die Refinanzierungsgeschäfte von der Deutschen Bundesbank im Rahmen der von ihr festzulegenden Kategorie-II-Sicherheiten hereingenommen werden. Hierfür sind zwei gute Unterschriften nötig: die der bonitätsmäßig einwandfreien Nichtbank sowie des hinterlegenden Kreditinstitutes. Die Wechsel können eine (Rest-) Laufzeit von bis zu 180 Tagen aufweisen (vgl. Kubista, Geldpolitik, S. 11–13). Einen Überblick über die Grundsachverhalte des Wechsels gibt folgende Abbildung: Wechselgeschäften liegt ein verzinsliches Kreditverhältnis (Zahlung des Warenwertes erst nach drei Monaten bei Wechselvorlage) im Sinne einer Nebenleistung zur Warenlieferung zugrunde; deshalb sind sie auch stets mit einer Reihe von Nebenaufwendungen (Wechselkosten) verbunden. Hierzu gehören insbesondere der Wechselzins (Diskont) für die zwischen Wechselverfalltag und Fälligkeit der ursprünglichen Warenforderung verstreichende Zeit und die sog. Wechselumlaufkosten oder Wechselspesen wie Inkassoprovision, Protestge- Wechselnehmer (Remittent) Wechselaussteller (Trassant) = Wechselnehmer (Remittent) Wechselaussteller (Trassant) Schuldner Lieferer Wechselnehmer (Remittent) Dritter (Lieferer bzw. Bank) Indossierung bzw. Diskontierung des Wechsels Ware bzw. Diskonterlös Bezahlung des Wechselbetrages Ware Solawechsel (Zahlungsversprechen) Tratte (Zahlungsaufforderung) Akzept Bezogener (Trassant) Präsentation des Wechsels bei Fälligkeit Grundsachverhalte des Wechsels 6.2 Der Normallauf des Wechsels 193 Vahlens Handbücher – Eisele/Knobloch – Technik des betrieblichen Rechnungswesens (8. Aufl.) – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.07.2011 Seite 193 Status: Imprimatur bühren sowie sonstige Nebenaufwendungen, z. B. Porto- und Telefonauslagen. In der Regel sind die Wechselkosten von demjenigen zu tragen, dessen Schuld mit dem Wechsel beglichen wird: Letztlich wird also der Bezogene damit belastet werden (sog. spesenfreie Papiere). Da der Wechselzins bei Wechseln mit festgelegter Laufzeit nicht in Form einer gesonderten Zinsangabe (Zinsklausel) der Wechselsumme hinzugefügt werden darf (Art. 5 Abs. 1 WG), muss der Diskont entweder sofort in die Wechselsumme miteinbezogen, der Wechsel also auf einen entsprechend höheren Betrag ausgestellt werden oder es erfolgt eine getrennte Berechnung der Wechselkosten durch den Wechselinhaber und deren gesonderte Einforderung beim Schuldner. Entsprechende Erstattungsansprüche sind in der Bilanz unter Sonstige Vermögensgegenstände auszuweisen. Umsatzsteuerlich werden die Nebenaufwendungen (Wechselkosten) im Wechselverkehr zwischen Lieferant und Kunde nach tradierter Beurteilung durch Rechtsprechung und Verwaltung zunächst nicht als Folge einer steuerbefreiten Kreditgewährung im Sinne des § 4 Nr. 8 UStG behandelt. Danach sind Diskontund Wechselumlaufkosten (Wechselspesen) als Nebenleistung und somit als Bestandteil der Warenlieferung anzusehen und erhöhen dementsprechend das umsatzsteuerpflichtige Entgelt der Lieferung, das vom Aussteller zu versteuern ist und beim Bezogenen dem Vorsteuerabzug unterliegt (§ 10 Abs. 1 UStG). Die angefallenen Wechselkosten müssen deshalb dem Bezogenen auch mitgeteilt und gesondert in Rechnung gestellt werden (Beleg). Durch den BFH-Beschluss vom 18. 12. 1980 bezüglich der Abzahlungsgeschäfte nach § 1a des zum 1. 1. 1991 durch das Verbraucherkreditgesetz ersetzten und letzlich ins BGB integrierten Abzahlungsgesetzes (BStBl. II 1981, S. 197 ff.) ist auch bei Wechselgeschäften ein Umdenkungsprozess über deren umsatzsteuerliche Behandlung in Gang gesetzt worden. Auch die Kreditgewährung mittels Handelswechsel kann als selbständige Leistung anerkannt werden, wenn eine eindeutige Trennung zwischen dem Kreditgeschäft und der Lieferung oder sonstigen Leistung vorgenommen wird. Voraussetzung hierfür ist, dass die Lieferung oder sonstige Leistung und die Kreditgewährung mit den dafür aufzuwendenden Entgelten bei Abschluss des Umsatzgeschäftes gesondert vereinbart werden, in der Vereinbarung über die Kreditgewährung auch der Jahreszins angegeben wird und die Entgelte für die beiden Leistungen gesondert abgerechnet werden (Abschn. 29a Abs. 2 UStR). Die für die Kreditgewährung gezahlten Entgelte (Zinsen) sind dann nicht Teil des Entgelts für die Warenlieferung, sondern fallen unter die Steuerbefreiung nach § 4 Nr. 8 UStG. Nach § 9 UStG kann allerdings auf die Steuerbefreiung verzichtet werden. Sofern nicht anders angegeben, wird in den nachfolgenden Beispielen von der Umsatzsteuerpflicht des Wechsels ausgegangen, um die im Vergleich zur Steuerbefreiung kompliziertere Verbuchung darzustellen. 6.2 Der Normallauf des Wechsels Die buchmäßige Existenz eines Wechsels als monetäres Äquivalent eines Warengeschäfts beginnt mit der Wechselannahme durch den Kunden. Mit dem Ak-

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References

Zusammenfassung

Ein wahrer Klassiker zum betrieblichen Rechnungswesen.

"Der 'Eisele/Knobloch' gehört mit Sicherheit zum besten, was es auf dem Lehrbuchmarkt zu diesem Thema gibt."

in: Studium 90/2012

Die »Technik des betrieblichen Rechnungswesen« war und ist ein Gesamtwerk:

Es umfasst das betriebliche Rechnungswesen in der Breite ausgehend vom handels- und steuerrechtlichen Einzelabschluss und den dafür einschlägigen internationalen Rechnungslegungsgrundsätzen (IFRS), über die Grundlagen der Kosten- und Leistungsrechnung bis hin zu den Sonderfällen der Bilanzierung und in der Tiefe von der Auslegung der abstrakten Bilanzierungsnormen durch Rechtsprechung, Verwaltung und Schrifttum bis hin zum grundlegenden Buchungssatz.

"Das Werk vermittelt umfassendes anwendungsbezogenes Grundlagenwissen und fordert die Fähigkeit zur selbstständigen Problemlösung."

in: Controller Magazin 1/2012

"Das knapp 1.500 Seiten dicke Lehrbuch ist auch in der 8. Auflage ein Gesamtwerk: Es deckt konsequent alles ab, was man als Student wissen muss, wenn man sich auf das betriebliche Rechnungswesen spezialisiert. [...] Am bewährten didaktischen Konzept hat sich auch bei der Neuauflage nichts geändert: Durch die anwendungs- sowie praxisbezogene Wissensvermittlung wird der Leser schnell zum Profi auf dem Gebiet des betrieblichen Rechnungswesens."

in: Studium 90/2012

Beste Autoren-Kompetenz

Prof. Dr. Wolfgang Eisele war Inhaber des Lehrstuhls für Rechnungswesen und Finanzierung an der Universität Hohenheim. Prof. Dr. Alois Paul Knobloch ist Inhaber des Lehrstuhls für Betriebswirtschaftslehre, insbesondere Rechnungswesen und Finanzwirtschaft, an der Universität des Saarlandes.