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4.4 Warenverkehr und Umsatzsteuer in:

Wolfgang Eisele, Alois Paul Knobloch

Technik des betrieblichen Rechnungswesens, page 144 - 156

Buchführung und Bilanzierung, Kosten- und Leistungsrechnung, Sonderbilanzen

8. Edition 2011, ISBN print: 978-3-8006-3784-3, ISBN online: 978-3-8006-4350-9, https://doi.org/10.15358/9783800643509_144

Series: Vahlens Handbücher der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften

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4 Warenverkehr124 Vahlens Handbücher – Eisele/Knobloch – Technik des betrieblichen Rechnungswesens (8. Aufl.) – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.07.2011 Seite 124 Status: Imprimatur waren. Der Bruttoabschluss ist insoweit aussagefähiger als der lediglich die bereits saldierte Größe Roherfolg ausweisende Nettoabschluss. Die Buchungssätze lauten: GuV-Konto an Wareneinkauf, Warenverkauf an GuV-Konto. Beide Verfahren des Warenkontenabschlusses lassen die Bedeutung des Inventurergebnisses für den Erfolgsausweis erkennen: Beständeerfassung und vor allem Beständebewertung beeinflussen unmittelbar die Höhe des Roherfolgs. Das gilt auch für Inventurdifferenzen infolge nicht bestimmungsgemäßen Verbrauchs (Verderb, Schwund, Diebstahl), die als Warenabgang dem Verkaufsoder GuV-Konto belastet werden, um den Ausweis eines zu hohen Rohgewinns zu verhindern. Trotz des höheren Informationsgehalts ist der Bruttoabschluss nur für große (§ 267 Abs. 3 HGB) Kapitalgesellschaften und publizitätspflichtige Unternehmen verbindlich anzuwenden (§§ 275 Abs. 2 und 3, 276 HGB; § 5 Abs. 1 PublG). Dabei sind im Interesse der besseren Periodenvergleichbarkeit ausnahmslos die endgültig zustande gekommenen Warenverkäufe, d. h. die um Erlösschmälerungen bereinigten Umsatzerlöse, auszuweisen. 4.4 Warenverkehr und Umsatzsteuer 4.4.1 Grundlagen der geltenden Umsatzbesteuerung (Mehrwertsteuer) Bei den allgemeinen Buchungsfällen zum Warenverkehr wurde bisher vernachlässigt, dass alle Warenbewegungen zwischen Beschaffungsmarkt und Betrieb einerseits und Absatzmarkt und Betrieb andererseits eine Umsatzsteuerpflicht auslösen. Nach § 1 Abs. 1 UStG unterliegen folgende Umsätze der Umsatzbesteuerung (sog. steuerbare Umsätze): Anfangsbestand Zugänge 200 100 40 260 300 300 S HWareneinkauf Endbestand Wareneinsatz Saldo: Umsatzerlöse 450 450 450 450 S HWarenverkauf Verkauf Wareneinsatz Übrige Aufwendungen Reingewinn 260 110 80 450 450 450 S HGuV Erlöse aus Warenverkauf 4.4 Warenverkehr und Umsatzsteuer 125 Vahlens Handbücher – Eisele/Knobloch – Technik des betrieblichen Rechnungswesens (8. Aufl.) – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.07.2011 Seite 125 Status: Imprimatur a) jede Lieferung und sonstige Leistung, die ein Unternehmer im Inland gegen Entgelt im Rahmen seines Unternehmens ausführt; b) die Einfuhr von Gegenständen aus dem Drittlandsgebiet in das Inland oder die österreichischen Gebiete Jungholz und Mittelberg (Einfuhrumsatzsteuer); c) der innergemeinschaftliche Erwerb im Inland gegen Entgelt. Wie eine Lieferung oder sonstige Leistung wird auch die Entnahme oder Verwendung eines Gegenstandes durch den Unternehmer für Zwecke, die außerhalb des Unternehmens liegen, behandelt (§ 3 Abs. 1b, 9a UStG). Dies beinhaltet sowohl den Entnahme- und Leistungs-Eigenverbrauch des Unternehmers als auch unentgeltliche Lieferungen oder sonstige Leistungen von Gesellschaften an ihre Anteilseigner (Gesellschafterverbrauch) oder Arbeitnehmer, sofern es sich im letzten Fall nicht lediglich um Aufmerksamkeiten handelt (zum Eigenverbrauch ausführlicher s. u. S. 127 sowie Teil A, Abschn. 4.6, S. 151 ff.). Von der Umsatzbesteuerung ausgenommen sind Ausfuhrlieferungen (§ 4 Nr. 1 UStG) und die sonstigen in § 4 UStG bezeichneten, zwar grundsätzlich steuerbaren, jedoch aufgrund dieser Sonderregelung steuerbefreiten Lieferungen, sonstigen Leistungen und Eigenverbräuche. Dazu gehören vor allem Umsätze im Geld- und Kapitalverkehr, wie bspw. die Gewährung von Krediten oder das Einlagen- und Wertpapiergeschäft (§ 4 Nr. 8 UStG). Zuschüsse bzw. Ausgleichszahlungen, die von der öffentlichen Hand gewährt werden, sind nur dann von der Umsatzsteuerpflicht ausgenommen, wenn die gewährende Stelle nicht als Empfängerin einer Dienstleistung anzusehen ist (BFH vom 13. 11. 1997 in BStBl. II 1998, S. 169 ff., und EuGH vom 29. 2. 1996, UR 1996, S. 119 ff.); ansonsten ist die Leistung gemäß § 1 Abs. 1 Nr. 1 UStG steuerbar. Dies gilt auch dann, wenn die Dienstleistung im Hinblick auf ein öffentliches Interesse erbracht wird; in dem dem BFH-Urteil zugrunde liegenden Fall geht es um einen gemeindlichen Baukostenzuschuss für eine Tiefgarage, der unter der Bedingung gewährt wurde, dass die entstehenden Stellplätze der Allgemeinheit zur Verfügung stehen. Rechtstechnisch ist die Umsatzsteuer eine Verkehrsteuer, da sie an Tauschvorgänge des Wirtschaftsverkehrs anknüpft. Verfahrensmäßig ist sie eine Veranlagungsteuer, da sie für einen abgeschlossenen Zeitraum, normalerweise das Kalenderjahr, erhoben wird (Besteuerungszeitraum; § 16 Abs. 1 UStG). Die Berechnung von Vorauszahlungen und ihre Entrichtung an das Finanzamt hat binnen 10 Tagen nach Ablauf jedes Kalendermonats für diesen zu erfolgen (Voranmeldungszeitraum; § 18 Abs. 1 UStG; Voranmeldungszeitraum ist das Kalendervierteljahr, wenn die Umsatzsteuer im vorangegangenen Kalenderjahr weniger als 7.500 € betrug; § 18 Abs. 2 UStG). Übersteigt die Steuer für das vorangegangene Kalenderjahr nicht den Betrag von 1.000 €, kann das Finanzamt den Unternehmer von Voranmeldung und Vorauszahlungen befreien. Wirtschaftlich ist die Umsatzsteuer eine Verbrauchsteuer mit ausschließlicher Belastung des Endverbrauchers (Steuerdestinatar), während der Unternehmer (Steuerschuldner) unbelastet bleibt. Dies wird dadurch erreicht, dass die Steuer auf jeder Produktions- und Handelsstufe des Warenwegs lediglich von dem aus Bruttoumsatz abzüglich Vorumsatz ermittelten Nettoumsatz (Allphasen- Nettoumsatzsteuer) erhoben wird. Tatsächlich wird dadurch nur die Wertschöpfung (sog. Mehrwert) auf jeder einzelnen Umsatzstufe besteuert. Da die aus 4 Warenverkehr126 Vahlens Handbücher – Eisele/Knobloch – Technik des betrieblichen Rechnungswesens (8. Aufl.) – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.07.2011 Seite 126 Status: Imprimatur Kundenumsätzen vergütete Umsatzsteuer an das Finanzamt abzuführen und die für Lieferantenumsätze gezahlte Vorsteuer als Forderung gegenüber dem Finanzamt geltend zu machen sind, wirkt die Umsatzsteuer wie ein durchlaufender Posten. Die Unternehmung selbst bleibt umsatzsteuerfrei. Der Regelsteuersatz der Umsatzsteuer beträgt gegenwärtig 19 %, der ermäßigte Steuersatz für bestimmte Lieferungen und Leistungen (Waren des täglichen Bedarfs nach der Anlage zu § 12 Abs. 2 Nr. 1 UStG sowie neben weiteren auch die Leistungen bestimmter Berufsgruppen) 7 % der Bemessungsgrundlage (§ 12 Abs. 1 und 2 UStG). Der seit dem 1. 4. 1998 geltende Regelsteuersatz von 16 % wurde im Haushaltsbegleitgesetz 2006 mit Wirkung zum 1. 1. 2007 um 3 %-Punkte auf 19 % erhöht (BGBl. I 2006, S. 1403, BStBl. I 2006, S. 410; BMF vom 11. 8. 2006, BStBl. I 2006, S. 477). Hinsichtlich der zeitlichen Abgrenzung von Lieferungen und Leistungen ist bei einer Änderung des Regel- (bzw. ermäßigten) Steuersatzes die Vorschrift des § 27 UStG anzuwenden. Danach ist der für die Bemessung der Umsatzsteuer maßgebliche Zeitpunkt derjenige, zu welchem die Lieferung oder Leistung ausgeführt wird. Dies gilt grundsätzlich auch für Teilleistungen nach § 13 Abs. 1 UStG. Hier ist nicht der Zeitpunkt der Gesamtleistung, sondern der Ausführungszeitpunkt der jeweiligen Teilleistung relevant (vgl. IDW, Umsatzsteuer, S. 104). Teilleistungen liegen im umsatzsteuerlichen Sinne allerdings nur dann vor, wenn eine Leistung grundsätzlich teilbar ist und für die einzelnen Teile gesondert ein Entgelt vereinbart wird (§ 13 Abs. 1 Nr. 1 lit. a UStG). Dies ist i. d. R. dann anzunehmen, wenn gesonderte Entgeltabrechnungen vorgenommen werden (Abschn. 180 UStR). Im folgenden Beispiel eines 3-stufigen Warenwegs wird mit einem Umsatzsteuersatz von 10 % gerechnet. Aus Gründen der rechnerischen Vereinfachung, und um die Zahlenbeispiele möglichst übersichtlich zu gestalten, wird auch künftig stets mit 10 % Umsatzsteuer gerechnet. Umsatzstufen Fakturierung (Ausgabenrechnung) Mehrwert USt Vorsteuer Zahllast an Finanzamt Herstellung Warenwert 5.000 + 10 % USt 500 Brutto-Rechnungsbetrag 5.500 5.000 500 – 500 Großhandel Warenwert 7.000 + 10 % USt 700 Brutto-Rechnungsbetrag 7.700 2.000 700 500 200 Einzelhandel Endverbraucher Warenwert 10.000 + 10 % USt 1.000 Brutto-Rechnungsbetrag 11.000 3.000 1.000 700 300 Probe: 10.000 Wertschöpfung 2.200 USt- Schuld 1.200 Steuerforderung 1.000 Abzuführende MwSt 4.4 Warenverkehr und Umsatzsteuer 127 Vahlens Handbücher – Eisele/Knobloch – Technik des betrieblichen Rechnungswesens (8. Aufl.) – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.07.2011 Seite 127 Status: Imprimatur Der Endverbraucher bezahlt im Bruttorechnungsbetrag genau den Betrag an Umsatzsteuer, den die vorangegangenen Unternehmensstufen des Warenweges zusammen an das Finanzamt abgeführt haben. Dabei beträgt die zu entrichtende Mehrwertsteuerschuld (Zahllast) auf jeder einzelnen Umsatzstufe jeweils 10 % der Wertschöpfung. Die beabsichtigte Besteuerung der Wertschöpfung (Mehrwert) wird also über das Vorsteuerverfahren erreicht, das die Aufrechnung von Umsatzsteuerschuld und Umsatzsteuerforderung gegenüber dem Finanzamt auf jeder Stufe des Warenwegs vorsieht (§ 16 Abs. 2 UStG). Grundsätzlich abziehbar sind die in § 15 Abs. 1 UStG bezeichneten Vorsteuerbeträge auf Lieferungen und sonstige Leistungen, die von anderen Unternehmern für das eigene Unternehmen ausgeführt und in Rechnungen gemäß § 14 UStG separat ausgewiesen werden, sowie die entrichtete Einfuhrumsatzsteuer und die Steuer für den innergemeinschaftlichen Erwerb. Der Unternehmer muss die Lieferung seinem Unternehmen zuordnen (Abschn. 192 Abs. 18 UStR); Voraussetzung ist aber eine mindestens 10 %ige unternehmerische Nutzung (vgl. R 4.2 EStR). Der Unternehmer ist selbst Endverbraucher, wenn er dem Betrieb Waren zum persönlichen Gebrauch entnimmt (Entnahme-Eigenverbrauch). Die Umsatzsteuer auf den Eigenverbrauch fällt an, um die Waren mit den bei Lieferung in Rechnung gestellten, durch den Vorsteuerabzug gegenüber dem Finanzamt allerdings geltend gemachten Umsatzsteuerbeträgen letztlich wieder zu belasten. Analog sind auch sonstige Leistungen an den Unternehmer zu betrachten und mit Umsatzsteuer zu belasten (Leistungs-Eigenverbrauch; vgl. zum Eigenverbrauch Teil A, Abschn. 4.6, S. 151 ff.). Bemessungsgrundlage der Umsatzsteuer ist das Entgelt, d. h. alles, was der Empfänger einer Lieferung oder sonstigen Leistung aufzuwenden hat, um den Nettowert der Lieferung zu erhalten (§ 10 Abs. 1 UStG). Nicht zum Entgelt gehört damit die Umsatzsteuer selbst; sie wird vom Nettorechnungsbetrag erhoben und gehört steuerlich nicht zu den Anschaffungskosten der erworbenen Wirtschaftsgüter, sofern sie eine abziehbare Vorsteuer repräsentiert (§ 9b EStG). Das Entgelt schließt jedoch neben dem Nettowert auch anfallenden Auslagenersatz mit ein. Allerdings dürfen Zahlungszuschläge, z. B. wegen verspäteter Zahlung (Verzugszinsen), nicht der Umsatzsteuer unterworfen werden, weil sie kein Teil des Entgelts sind, sondern Schadensersatz darstellen (Abschn. 3 Abs. 3 und Abschn. 149 Abs. 3 UStR). Grundsätzlich muss aber jede (nachträgliche) Änderung der Bemessungsgrundlage für einen steuerpflichtigen Umsatz (z. B. durch Skonti, Boni, Rücksendungen, Preisnachlässe, Gutschriften) zu einer Berichtigung der Umsatzsteuerkonten sowohl beim Lieferanten als auch beim Empfänger (Kunden) der Lieferung bzw. Leistung führen (§ 17 UStG). Im Regelfall wird die Umsatzsteuer nach den vereinbarten bzw. verlangten Entgelten (Solleinnahmen) berechnet (Sollbesteuerung, § 16 Abs. 1 UStG). Gegenüber dem Finanzamt entsteht die Umsatzsteuerschuld mit Ablauf des Voranmeldungszeitraums, in dem die Leistungen ausgeführt wurden, unabhängig vom Zeitpunkt des Zahlungseingangs (§ 13 Abs. 1 Nr. 1 Buchstabe a UStG). Aufgrund der damit verbundenen Umsatzsteuervorauszahlungen (§ 18 Abs. 1 und 2 UStG) können die sich ergebenden Liquiditäts- und Finanzierungswirkungen im Einzelfall von besonderer Bedeutung sein. Andererseits kann auch beim Wa- 4 Warenverkehr128 Vahlens Handbücher – Eisele/Knobloch – Technik des betrieblichen Rechnungswesens (8. Aufl.) – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.07.2011 Seite 128 Status: Imprimatur renbezug die von Lieferanten in Rechnung gestellte Umsatzsteuer, unabhängig von deren Begleichung beim Lieferanten, als Vorsteuer zum nächsten Voranmeldungszeitraum in Anrechnung gebracht werden. Anstelle der Sollbesteuerung kann auf Antrag die Besteuerung nach vereinnahmten Entgelten (Istbesteuerung) erfolgen. Einen Antrag können jedoch nur Unternehmer stellen, deren Umsatz im letzten Kalenderjahr 250. 000 € nicht überschritten hat oder die nach § 148 AO von der Buchführungs- und Jahresabschlusspflicht befreit sind (§ 20 Abs. 1 Nr. 1 und 2 UStG). Des Weiteren ist eine Istbesteuerung möglich, wenn die Umsätze aus einer Tätigkeit als Angehöriger eines freien Berufes im Sinne des § 18 Abs. 1 Nr. 1 EStG stammen (§ 20 Abs. 1 Nr. 3 UStG). Die Besteuerung von Kleinunternehmern wird in § 19 UStG geregelt. Absatz 1 bezieht sich auf „Kleinst“-Unternehmer, deren Gesamtumsatz, bereinigt um Umsätze von Wirtschaftsgütern des Anlagevermögens, aber einschließlich der auf den Umsatz entfallenden Umsatzsteuer, im vergangenen Kalenderjahr 17.500 € nicht überstiegen hat und im laufenden Jahr voraussichtlich 50.000 € nicht übersteigen wird und die deshalb umsatzsteuerfrei gestellt sind. Sie dürfen dann aber weder einen Vorsteuerabzug durchführen noch ihren Kunden die Steuer gesondert in Rechnung stellen. Im Falle der erstmaligen Verwendung eines Wirtschaftsgutes vor Beginn des Zeitraums der Steuerbefreiung ist jedoch gegebenenfalls (bei Änderung der für den Vorsteuerabzug maßgebenden Verhältnisse) eine Vorsteuerkorrektur nach § 15a UStG vorzunehmen. Allerdings wird in § 19 Abs. 2 UStG ein Optionsrecht eingeräumt, das Kleinunternehmern die Möglichkeit eröffnet, umsatzsteuerrechtlich wie größere Unternehmen behandelt zu werden. Dadurch erlangt der Unternehmer die Berechtigung zum Vorsteuerabzug, ist aber auch mindestens 5 Kalenderjahre an diese Entscheidung gebunden. Neben den Vereinfachungsmöglichkeiten des § 19 UStG kann für bestimmte Gruppen von Unternehmern die Umsatzbesteuerung mit Hilfe branchenspezifischer Vorsteuer- und Umsatzsteuerdurchschnittssätze erfolgen (§§ 23, 23a, 24 UStG). Im Rahmen der Bestrebungen, die Umsatzsteuer innerhalb der EU (vormals EG) zu harmonisieren, haben Bundestag und Bundesrat das Gesetz zur Anpassung des Umsatzsteuergesetzes und anderer Rechtsvorschriften an den EG-Binnenmarkt (Umsatzsteuer-Binnenmarktgesetz, UStBG) vom 25. 8. 1992 (BGBl. I 1992, S. 1548) verabschiedet, wodurch die EG-Richtlinie zur Ergänzung des gemeinsamen Mehrwertsteuersystems und zur Änderung der 6. EG-Richtlinie in nationales Recht umgesetzt wurde. Aufgrund des Umsatzsteuer-Binnenmarktgesetzes ist hinsichtlich der Herkunft von Lieferungen zwischen Inland sowie Gemeinschafts- und Drittlandsgebiet zu unterscheiden (§ 1 Abs. 2, 2a UStG), wobei das Gemeinschaftsgebiet aus den Gebieten der Mitgliedstaaten der Europäischen Union einschließlich des Inlandes besteht. Neben einer Vielzahl von Detailregelungen für spezielle innergemeinschaftliche Transaktionen (z. B. Versandhandel, Lohnveredelung, innergemeinschaftliche Güterbeförderung sowie Vermittlungsleistungen und Reihengeschäfte) sieht das Gesetz für den innergemeinschaftlichen Handel die folgende grundlegende umsatzsteuerliche Behandlung vor: Handelt es sich bei dem Verkäufer 4.4 Warenverkehr und Umsatzsteuer 129 Vahlens Handbücher – Eisele/Knobloch – Technik des betrieblichen Rechnungswesens (8. Aufl.) – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.07.2011 Seite 129 Status: Imprimatur beispielsweise um einen deutschen Unternehmer, bei dem Abnehmer um einen privaten Verbraucher aus einem anderen EU-Mitgliedsland, so unterliegt dieser Vorgang in Deutschland der Mehrwertsteuer. Im Gegensatz zur vorausgehenden Regelung gilt somit grundsätzlich das Ursprungslandprinzip. Liegt dagegen eine Lieferung an einen umsatzsteuerpflichtigen Unternehmer aus einem anderen EU-Staat vor, so gilt weiterhin das Bestimmungslandprinzip. In diesem Fall hat der Erwerber in seinem Herkunftsland Umsatzsteuer auf den Erwerb (so genannte Erwerbsteuer) anstelle der bisherigen Einfuhrumsatzsteuer zu entrichten, die dann als Vorsteuer abzugsfähig ist (§ 4 Nr. 1 lit. b UStG i. V. m. § 6a Abs. 1 UStG). Diese Regelung gilt bei Neufahrzeugen für alle Erwerber (§ 6a Abs. 1 UStG). Da im europäischen Binnenmarkt keine Grenzkontrollen mehr durchgeführt werden und damit die Formalitäten bezüglich der Einfuhrumsatzsteuer entfallen, bedarf es eines anderen Kontrollmechanismus, um eine missbräuchliche Ausnutzung der mit der Erwerbsteuer verbundenen Steuerbefreiung von Lieferungen in ein anderes Mitgliedsland der EU zu verhindern. Diesem Zweck dienen insbesondere die EU-weite Verteilung von Umsatzsteuer-Identifikationsnummern sowie erweiterte Melde- und Aufzeichnungspflichten. Durch das Gesetz zur Änderung des Umsatzsteuergesetzes und anderer Gesetze vom 9. 8. 1994 (BGBl. I 1994, S. 2058–2061) gilt seit dem 1. 1. 1995 grundsätzlich die Differenzbesteuerung bei beweglichen körperlichen Gegenständen aus zweiter Hand. Danach hat ein Unternehmer, der Wiederverkäufer ist, bei der Veräußerung eines beweglichen Gebrauchtgegenstandes die Umsatzsteuer lediglich nach dem Unterschiedsbetrag zwischen Verkaufs- und Einkaufspreis zu bemessen. Wiederverkäufer ist der Unternehmer dann, wenn er gewerbsmäßig mit beweglichen körperlichen Gegenständen handelt oder solche im eigenen Namen öffentlich versteigert. Die Veräußerung der Gebrauchtgegenstände muss danach zum Grundgeschäft des Unternehmers, also zum eigentlichen Betriebszweck gehören. Voraussetzung für die Anwendung der Differenzbesteuerung ist, dass der Wiederverkäufer beim Erwerb der Gegenstände keine Vorsteuer geltend machen kann (§ 25a UStG). Die vormalige Rechtslage sah die Differenzbesteuerung nur für Umsätze mit Gebrauchtwagen vor. Die aktuelle Regelung umfasst nahezu alle Umsätze mit beweglichen Gebrauchtgegenständen; sie kann nach entsprechender Erklärung gegenüber dem Finanzamt auch auf bestimmte Kunstgegenstände, Sammlungsstücke oder Antiquitäten angewandt werden. Ausgenommen von der Differenzbesteuerung sind dagegen Umsätze mit Edelsteinen oder Edelmetallen nach § 25a Abs. 1 Nr. 3 UStG. 4.4.2 Wareneinkauf und Warenverkauf mit Umsatzsteuer Die konsequente Anwendung des Vorsteuerabzugsverfahrens stellt strenge Anforderungen an die im umsatzsteuerrechtlichen Sinne ordnungsmäßige Fakturierung. Nach § 14 Abs. 4 Nr. 8 UStG ist der Lieferant zum gesonderten Ausweis des Steuerbetrags auf der Rechnung verpflichtet. Eine Ausnahme von dieser Regelung gilt nur für Kleinbetragsrechnungen bis zu einem Betrag von 150 € einschließlich Umsatzsteuer sowie für Fahrausweise und Belege im Rei- 4 Warenverkehr130 Vahlens Handbücher – Eisele/Knobloch – Technik des betrieblichen Rechnungswesens (8. Aufl.) – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.07.2011 Seite 130 Status: Imprimatur segepäckverkehr; bei diesen Rechnungen genügt die Angabe des enthaltenen Steuersatzes für die Aufteilung des Rechnungsbetrages in Entgelt und Steuerbetrag (§§ 33 und 34 UStDV; zur Trennung des Bruttobetrages s. S. 134 f.). Bei Änderungen der Bemessungsgrundlage sind Belege zu erteilen, aus denen die Verteilung der Entgeltänderungen auf unterschiedlich besteuerte Umsätze hervorgeht (§ 17 Abs. 4 UStG). Erfolgt die Fakturierung durch Telefax, Telex, Teletex oder Datenfernübertragung bzw. Datenträgeraustausch ist zu beachten, dass eine zum Vorsteuerabzug berechtigende Rechnung im Sinne des § 14 UStG die Existenz einer Urkunde voraussetzt. Als solche sind im Falle der Rechnungsstellung durch Telex und Telefax die beim Empfänger ankommenden Schriftstücke anzusehen (BMF v. 25. 5. 1992, BStBl. I 1992, S. 376–378). Im Falle elektronisch ausgestellter Rechnungen ist die Echtheit der Herkunft und die Unversehrtheit des Inhalts durch digitale Signaturen zu gewährleisten (vgl. § 14 Abs. 3 UStG; BMF v. 29. 1. 2004, BStBl. I 2004, S.260 f.). Die Aufzeichnungspflichten zur Feststellung der Steuer und der Grundlagen ihrer Berechnung ergeben sich aus § 22 UStG und den §§ 63 bis 68 der UStDV. Erleichterungen bei Erfüllung dieser Pflichten sind vor allem der UStDV sowie Finanzministererlassen zu entnehmen. Die getrennte Erfassung und Aufzeichnung von Netto-Rechnungsbetrag und Umsatzsteuer wirkt sich zwangsläufig auf die Kontenführung und Buchungstechnik aus. Im Sinne einer Mindestgliederung sind hauptsächlich folgende umsatzsteuerbezogene Kontenbereiche zu unterscheiden: a) Erlöskonten b) Umsatzsteuerkonten (im Folgenden als Mehrwertsteuerkonten gekennzeichnet) c) Vorsteuerkonten d) Umsatzsteueraufwandskonten Zu a) Die Erlöskontengliederung hat entsprechend der nach Steuersätzen getrennten Ermittlung der Umsatzsteuer zu erfolgen. Daraus ergibt sich die getrennte Aufzeichnung der Entgelte nach folgenden Gesichtspunkten: – Erlöskonto für Lieferungen und Leistungen zum Regelsteuersatz; – Erlöskonto für Lieferungen und Leistungen zum ermäßigten Steuersatz; – Erlöskonto für umsatzsteuerfreie Leistungen, die zum Vorsteuerabzug berechtigen (z. B. Ausfuhr); – Erlöskonto für umsatzsteuerfreie Leistungen, die den Vorsteuerabzug ausschließen (z. B. Kreditgeschäfte; Vermietung und Verpachtung an Nichtunternehmer); – Erlöskonto für umsatzsteuerfreie Leistungen mit der Möglichkeit des Verzichts auf Steuerbefreiung nach § 9 UStG (z. B. bei Umsätzen aus Vermietung und Verpachtung gewerblich genutzter Objekte an Unternehmer); – Erlöskonto für innergemeinschaftliche Lieferungen. Aufzuzeichnen ist jeweils das umsatzsteuerliche Entgelt, d. h. der Nettopreis ohne Umsatzsteuer (§ 22 UStG). Der Unternehmer kann seinen Aufzeichnungs- 4.4 Warenverkehr und Umsatzsteuer 131 Vahlens Handbücher – Eisele/Knobloch – Technik des betrieblichen Rechnungswesens (8. Aufl.) – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.07.2011 Seite 131 Status: Imprimatur pflichten vereinfachend auch dadurch nachkommen, dass er Entgelt und Umsatzsteuer in einer Summe ausweist und erst am Ende des Voranmeldungszeitraumes die Aufschlüsselung der Summe nach Entgelt und Umsatzsteuer vornimmt (§ 63 Abs. 3 UStDV). Zu b) Im Ausgangsbereich der Umsatzsteuer ist mindestens das Konto „(berechnete, fällige) Umsatzsteuer“ bzw. „Mehrwertsteuer (MwSt)“ zu führen. Regelmäßig ist auch ein gesondertes Konto für „unberechtigt ausgewiesene Umsatzsteuer“ zu errichten. Der allgemeine Inhalt des Mehrwertsteuerkontos ergibt sich aus folgendem Kontenbild: S Mehrwertsteuerkonto (MwSt) H Berichtigung für: Rücksendungen von Kunden Steuerbeträge für in Ausgangsrechnungen ausgewiesene USt-SchuldGutschriften an Kunden Kundenskonti Kundenboni Saldo: Verbindl. an FA Das Mehrwertsteuerkonto wird als passivisches Bestandskonto geführt: Im Kontenrahmen des Groß- und Außenhandels unter den Umsatzsteuer-Verbindlichkeiten der Kontenklasse 1 (z. B. Konto 1811 Umsatzsteuer Normalsteuersatz bzw. Mehrwertsteuer), im Kontenrahmen des Einzelhandels in Kontenklasse 4 unter den sonstigen Verbindlichkeiten (z. B. Konto 480 Umsatzsteuer), ebenso unter den sonstigen Verbindlichkeiten in den industriellen Kontenrahmen – entweder in Kontenklasse 1 (z. B. Konto 175) wie beim Gemeinschaftskontenrahmen GKR oder in Kontenklasse 4 (z. B. Konto 480) wie beim Industriekontenrahmen IKR (vgl. hierzu die Kontenrahmen im Anhang A.1–A.4, S. 1300–1317). Auf dem Mehrwertsteuerkonto (Umsatzsteuer-Schuldkonto) ist auch die auf den Eigenverbrauch entfallende Umsatzsteuer zu buchen. Die Bemessungsgrundlage in den Fällen des Eigen- oder Gesellschafterverbrauchs ergibt sich aus § 10 Abs. 4 UStG: Sie richtet sich bei Entnahmen von Gegenständen (z. B. von Waren) nach deren Einkaufspreis zuzüglich der Nebenkosten oder, wenn ein Einkaufspreis nicht existiert, nach den Selbstkosten, bei Inanspruchnahme von sonstigen Leistungen (z. B. private Telefonnutzung) nach den auf die unternehmensfremde Verwendung entfallenden Kosten, soweit diese zum vollen oder teilweisen Vorsteuerabzug berechtigten (Abschn.  155 UStR; im Einzelnen vgl. hierzu Teil A, Abschn. 13.10, S. 571 ff.). Die Ermittlung des Einkaufspreises zuzüglich der Nebenkosten bzw. der Selbstkosten bezieht sich jeweils auf den Zeitpunkt des Umsatzes und umfasst alles, was der Unternehmer für die Erlangung der Verfügungsmacht bzw. die Schaffung der Verfügungsmöglichkeit aufwenden muss. Buchungstechnisch ist es zweckmäßig, die Bemessungsgrundlagen für Eigenverbrauchstatbestände vor Übernahme in das Privatkonto auf besonderen Vorkonten oder Voraufzeichnungen zum Privatkonto zu erfassen (getrennte Erfassung der Bemessungsgrundlagen). Die auf den Eigenverbrauch entfallende Umsatzsteuer ist dann für den Voranmeldungszeitraum zu berechnen, dem Privatkonto unmittelbar (Umsatzsteuer gehört nicht zur Bemessungsgrundlage) zu 4 Warenverkehr132 Vahlens Handbücher – Eisele/Knobloch – Technik des betrieblichen Rechnungswesens (8. Aufl.) – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.07.2011 Seite 132 Status: Imprimatur belasten und dem Mehrwertsteuerkonto gutzuschreiben (Umsatzsteuer gehört einkommensteuerlich zu den nicht abzugsfähigen Ausgaben, § 12 Nr. 3 EStG). Zu c) Im Eingangsbereich der Umsatzsteuer hat die gesonderte Aufzeichnung der Netto-Vorumsätze und der auf diese entfallenden Umsatzsteuer (Vorsteuer) zu erfolgen. Abzugsfähige Umsatzsteuer fällt nicht nur beim Einkauf von Waren bzw. Vorräten an, sondern auch anlässlich des Entstehens von Aufwendungen im Zuge der allgemeinen Verwaltung (z. B. Aufwendungen für Büromaterial, Reiseaufwendungen) und bei Investitionen. Zur Ermittlung der Vorsteuerbeträge sind je nach Bedarf ein oder mehrere (z. B. getrennt nach verschiedenen Steuersätzen) Vorsteuerkonten einzurichten, deren Inhalt im Wesentlichen die folgenden Tatbestände umfasst: S Vorsteuerkonto H Steuerbeträge für in Eingangsrechnungen gesondert ausgewiesene Vorsteuern Berichtigungen für: Rücksendungen an Lieferanten Gutschriften von Lieferanten Lieferantenskonti Lieferantenboni Saldo: Forderung an FA Da nach den Vorschriften des UStBG (vgl. hierzu Teil A, Abschn. 4.4.1, S. 127) die Bemessungsgrundlagen für den innergemeinschaftlichen Erwerb von Gegenständen aufzuzeichnen sind (§ 22 Abs. 2 Nr. 7 UStG), müssen gegebenenfalls eigenständige Vorsteuerkonten eingerichtet werden. Das Vorsteuerkonto ist ein aktivisches Bestandskonto und weist im Saldo einen Erstattungsanspruch gegenüber dem Finanzamt aus. Die Vorsteuer wird im Kontenrahmen des Groß- und Außenhandels z. B. im Konto 141 Vorsteuer Normalsteuersatz, im Kontenrahmen des Einzelhandels unter den sonstigen Vermögensgegenständen (z. B. Konto 260 Vorsteuer) sowie im Gemeinschaftskontenrahmen GKR unter den sonstigen Forderungen (z. B. Konto 155) erfasst. Im Industriekontenrahmen IKR wird sie in die sonstigen Vermögensgegenstände (z. B. Konto 260) eingestellt (vgl. die Kontenrahmen im Anhang A.1–A.4, S. 1304–1321). Zu d) Mehrwertsteuer- und Vorsteuerkonten sind Bestandskonten und erscheinen als solche in der Bilanz. Die Umsatzsteuer kann aber auch im Aufwandsbereich in Erscheinung treten und besitzt dann nicht mehr den Charakter eines durchlaufenden Postens. Besondere Umsatzsteueraufwandskonten sind dann einzurichten, wenn nicht abziehbare Vorsteuer anfällt, z. B. für Lieferungen und Leistungen, die zur Ausführung steuerfreier Umsätze Verwendung finden (§ 15 Abs. 2 UStG). Handelt es sich dabei um Anlagenbeschaffungen, so geht die Vorsteuer in die Anschaffungskosten ein. Die Vereinfachungsregelung des (vormaligen) § 9b Abs. 1 Satz 2 EStG, wonach der nicht-abziehbare Teil des Vorsteuerbetrages nicht den Anschaffungs- oder Herstellungskosten zugerechnet zu werden brauchte, ist durch das Gesetz zur Änderung steuerlicher Vorschriften (Steueränderungsgesetz 2001 – StÄndG 2001; BGBl. I 2001, S. 3795) zum Ende des Jahres 2001 abgeschafft worden. Besitzt die Umsatzsteuer Aufwandscharak- 4.4 Warenverkehr und Umsatzsteuer 133 Vahlens Handbücher – Eisele/Knobloch – Technik des betrieblichen Rechnungswesens (8. Aufl.) – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.07.2011 Seite 133 Status: Imprimatur ter, dann ist entweder auf demselben Konto zu buchen, auf dem die Leistung (Anschaffung) erfasst wird, oder aber auf einem Konto „Nichtabziehbare Vorsteuer“. Je nach der Zweckbestimmung der dem Umsatz zugrunde liegenden Leistungsart gehört die Umsatzsteuer in den Bereich der betrieblichen oder neutralen Aufwendungen. Beispiel: Ein Arzt kauft ein medizinisches Gerät für 10.000 + 10 % USt und Verbandsmaterial für 500 + 10 % USt. Ärzte sind nach § 15 Abs. 2 Nr. 1 UStG i. V. m. § 4 Nr. 14 UStG nicht vorsteuerabzugsberechtigt. Die Umsatzsteuer, die auf das medizinische Gerät entfällt, ist in die Anschaffungskosten einzubeziehen (R 9b Abs. 1 EStR) und unterliegt der planmäßigen Abschreibung. Analoges gilt nach neuer Rechtslage für das Verbandsmaterial. Die Aufzeichnungsvorschriften zur Umsatzsteuer sind vom Nettowertprinzip beherrscht. Dennoch sind buchungstechnisch zwei Vorgehensweisen bei der Verbuchung auf dem Vorsteuer- und Mehrwertsteuerkonto zu unterscheiden: das (sofortige) Nettoverfahren und das (vorläufige) Bruttoverfahren. Bei der Nettoverbuchung erfolgt die Trennung von Entgelt und Umsatzsteuer unmittelbar und für jeden einzelnen Buchungsfall; bei der Bruttoverbuchung dagegen werden Entgelt einschließlich Steuerbetrag zunächst in einer Summe aufgezeichnet und erst zum Schluss jedes Voranmeldungszeitraumes rechnerisch getrennt (§ 63 Abs. 3 und 5 UStDV). Beispiel: Warenvorfälle eines Monats (Voranmeldungszeitraum): – Wareneinkauf auf Ziel (Buchungsbeleg Eingangsrechnung Nr. . . .) 4.000 + 10 % USt – Warenverkauf auf Ziel (Buchungsbeleg Ausgangsrechnung Nr. . . .) 6.000 + 10 % USt 1) Nettoverbuchung: – beschaffungsmarktbezogene Buchungen (1): Wareneinkauf Vorsteuer 4.000 400 an Kreditoren 4.400 – absatzmarktbezogene Buchungen (2): Debitoren 6.600 an Warenverkauf Mehrwertsteuer 6.000 600 Wareneinkauf Debitoren (1) 4.000 (2) 6.600 Vorsteuer Mehrwertsteuer (1) 400 600 (2) Kreditoren Warenverkauf 4.400 (1) 6.000 (2) 4 Warenverkehr134 Vahlens Handbücher – Eisele/Knobloch – Technik des betrieblichen Rechnungswesens (8. Aufl.) – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.07.2011 Seite 134 Status: Imprimatur 2) Bruttoverbuchung: Buchungssätze während des Voranmeldungszeitraumes: – beschaffungsmarktbezogen: Wareneinkauf 4.400 an Kreditoren 4.400 – absatzmarktbezogen: Debitoren 6.600 an Warenverkauf 6.600 Buchungssätze am Monatsende: – beschaffungsmarktbezogen: Vorsteuer 400 an Wareneinkauf 400 – absatzmarktbezogen: Warenverkauf 600 an Mehrwertsteuer 600 Die Herausrechnung der Umsatzsteuer aus der Summe der aufgezeichneten Bruttoentgelte erfolgt beim Bruttoverfahren am Ende des Voranmeldungszeitraumes auf der Ein- und der Ausgangsseite durch Anwendung eines Multiplikators bzw. Divisors auf den Bruttorechnungsbetrag. Für die den Beispielen zugrunde gelegten und für die aktuellen Umsatzsteuersätze sind die Umrechnungsfaktoren der folgenden Tabelle zu entnehmen: Regelsteuersatz ermäßigter Steuersatz Steuersatz 10 % 19 % 5 % 7 % Multiplikator Divisor 0,0909 11,00 0,1597 6,26 0,0476 21,00 0,0654 15,29 Beispiel: Umsatzsteuersatz 10 % Bruttobetrag × Multiplikator = Umsatzsteuer 165 × 0,091 = 15 oder: Bruttobetrag Divisor = Umsatzsteuer 165 11 = 15 Indem die Buchung der Umsatzsteuer erst am Monatsende in einem Rechengang erfolgen kann, bewirkt das Bruttoverfahren eine gesetzlich zulässige Vereinfachung besonders dort, wo Abnehmer nicht umsatzsteuerpflichtig sind (Endverbraucher) und folglich kein Interesse an einem getrennten Entgelt- und Steuerausweis besteht. Das trifft besonders für den Einzelhandel zu, wo üblicherweise keine entsprechenden Rechnungen ausgestellt werden und der Bruttoausweis auf Kassenzetteln, Bons oder ähnlichen Belegen genügt. Gleichermaßen kommt das Bruttoverfahren bei sog. Kleinbetragsrechnungen bis zu einem Betrag von 150 € zur Anwendung, in denen die Angaben über Entgelt und Steuerbetrag in einer Summe zum Ausweis gelangen (§§ 33, 35 UStDV). Ebenso dürfen nachträgliche Entgeltänderungen (z. B. Preisnachlässe, Boni, Gutschriften), nach unterschiedlichen Steuersätzen getrennt aufgezeichnet, brutto verbucht werden. Die Trennung in steuerliches Nettoentgelt und Umsatzsteuer hat 4.4 Warenverkehr und Umsatzsteuer 135 Vahlens Handbücher – Eisele/Knobloch – Technik des betrieblichen Rechnungswesens (8. Aufl.) – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.07.2011 Seite 135 Status: Imprimatur jedoch analog spätestens zum Schluss eines jeden Voranmeldungszeitraumes zu erfolgen. Eine Kombination von Brutto- und Nettoverfahren wird sich außer im Falle der Lieferung sowohl an mehrwertsteuerpflichtige Abnehmer als auch an Endverbraucher besonders dort empfehlen, wo zahlreiche Entgeltänderungen laufende Steuerkorrekturen bedingen. Für den Voranmeldungszeitraum hat auch die Ermittlung der Höhe von Schuld oder Forderung gegenüber dem Finanzamt zu erfolgen. Die monatliche Umsatzsteuerzahllast errechnet sich aus der für Lieferungen, Leistungen und Eigenverbrauch in diesem Zeitraum zu zahlenden Steuer abzüglich der nach § 15 UStG verrechenbaren und im Veranlagungszeitraum angefallenen Vorsteuerbeträge. Dies geschieht durch Aufrechnung der Einzelsalden der umsatzsteuerrelevanten Konten, speziell durch Übertragung des Vorsteuerkontensaldos auf das Mehrwertsteuerkonto (Umsatzsteuer-Schuldkonto). Im obigen Beispiel wird unter der Voraussetzung, dass in dem betreffenden Voranmeldungszeitraum keine weiteren Vorgänge mit umsatzsteuerlicher Wirkung (Vor- und Mehrwertsteuer) angefallen sind, der Betrag von 400 für Vorsteuer bis zum 10. des folgenden Monats über das Mehrwertsteuerkonto abgeschlossen (= Vorsteuerabzug) und der Saldo des Mehrwertsteuerkontos (= Zahllast) durch Überweisung an das Finanzamt ausgeglichen. Übersteigen die Vorsteuerbeträge die Mehrwertsteuerbeträge eines Voranmeldungszeitraumes, dann entsteht ein Erstattungsanspruch (Sollsaldo des MwSt- Kontos) gegenüber dem Finanzamt. Die Zahllast des dem Jahresabschluss vorangehenden Monats ist als Sonstige Verbindlichkeit, ein Vorsteuerüberschuss als Sonstige Forderung (Sonstige Vermögensgegenstände), soweit jeweils noch nicht ausgeglichen, zu bilanzieren. Auch ein getrennter Ausweis von Vorsteuerguthaben und Mehrwertsteuerschuld in der Schlussbilanz ist denkbar. Erfolgt die buchmäßige Verrechnung der Umsatzsteuerkonten erst zum Jahresabschluss, dann werden die monatlich errechneten und abgeführten Umsatzsteuervorauszahlungen auf einem zusätzlichen Übergangskonto „Umsatzsteuer-Zahlungen an Finanzamt“ festgehalten und am Jahresende mitverrechnet. Ist zur buchmäßigen Abwicklung und Ermittlung der monatlichen Zahllast (1) 400 400 (3) 400 400 (3) Vorsteuer Vorsteuerabzug (3) (4) 400 200 600 (2) 600 600 (2) Mehrwertsteuer Verkauf 200 (4) Zahllast an das Finanzamt Bank 4 Warenverkehr136 Vahlens Handbücher – Eisele/Knobloch – Technik des betrieblichen Rechnungswesens (8. Aufl.) – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.07.2011 Seite 136 Status: Imprimatur die Saldenzusammenführung mehrerer Vorsteuer- und Mehrwertsteuerkonten erforderlich, so kann sich auch ein zwischengeschaltetes Umsatzsteuer-Verrechnungskonto als zweckmäßig erweisen. 4.5 Warenbezugsaufwand, Verpackungsaufwand, Einstandspreis- und Erlöskorrekturen 4.5.1 Die Verbuchung des Bezugsaufwands Beim Bezug von Waren und Stoffen entstehen Aufwendungen, wie z. B. Eingangsfrachten, Verpackungsspesen, Rollgelder, Speditionsgebühren, Wagenstandsgelder, Postgebühren, Provisionen, Transportversicherungen und Einfuhrzölle, die direkt mit diesen Vorratsgütern verbunden sind und folglich zum wirtschaftlichen Wareneinsatz gehören. Diese Aufwendungen erhöhen als Nebenkosten des Erwerbs (Anschaffungsnebenkosten) die reinen Einkaufspreise der Waren bzw. Stoffe und sind demnach dem Wareneinkaufskonto zu belasten. Einkaufspreise einschließlich Bezugsaufwendungen ergeben die Einstandspreise, die gleich den Anschaffungskosten sind. Um die Bezugsaufwendungen überschau- und kontrollierbar zu halten und um den Einblick in die Zusammensetzung der Anschaffungskosten zu verbessern, werden diese in der Praxis in aller Regel auf besonderen Unterkonten des Wareneinkaufskontos (Warenvorkonten) gebucht. Eine Speditionsrechnung für angelieferte Handelsware zum Bruttorechnungsbetrag über 440 spricht demnach folgende Konten an: Bezugsaufwand für Waren (Eingangsfrachten) Vorsteuer 400 40 an Warenverbindlichkeiten 440 Da der Bezugsaufwand den Warenwert erhöht, sind die Salden der Warenvorkonten am Periodenende über die zugehörigen Wareneinkaufskonten abzuschließen (vorbereitende Abschlussbuchungen). Ein offener Ausweis durch direkten Abschluss über das GuV-Konto würde demgegenüber zu einem sachlich ungerechtfertigten, zu hohen Aufwandsausweis für Bezugsaufwand führen, weil der bilanzierungspflichtige Anschaffungswert alle Aufwendungen enthalten muss, die zur Erlangung und Verfügbarmachung der Waren verausgabt wurden. Dazu zählen auch die Anschaffungsnebenkosten. Dadurch gehen korrekterweise nur die auf die abgesetzten Waren entfallenden Bezugsaufwendungen bei Saldierung des Wareneinkaufskontos in den Wareneinsatz ein und erscheinen beim Bruttoabschluss der Warenkonten in der GuV-Rechnung. 4.5 Warenbezugsaufwand, Einstandspreisund Erlöskorrekturen

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References

Zusammenfassung

Ein wahrer Klassiker zum betrieblichen Rechnungswesen.

"Der 'Eisele/Knobloch' gehört mit Sicherheit zum besten, was es auf dem Lehrbuchmarkt zu diesem Thema gibt."

in: Studium 90/2012

Die »Technik des betrieblichen Rechnungswesen« war und ist ein Gesamtwerk:

Es umfasst das betriebliche Rechnungswesen in der Breite ausgehend vom handels- und steuerrechtlichen Einzelabschluss und den dafür einschlägigen internationalen Rechnungslegungsgrundsätzen (IFRS), über die Grundlagen der Kosten- und Leistungsrechnung bis hin zu den Sonderfällen der Bilanzierung und in der Tiefe von der Auslegung der abstrakten Bilanzierungsnormen durch Rechtsprechung, Verwaltung und Schrifttum bis hin zum grundlegenden Buchungssatz.

"Das Werk vermittelt umfassendes anwendungsbezogenes Grundlagenwissen und fordert die Fähigkeit zur selbstständigen Problemlösung."

in: Controller Magazin 1/2012

"Das knapp 1.500 Seiten dicke Lehrbuch ist auch in der 8. Auflage ein Gesamtwerk: Es deckt konsequent alles ab, was man als Student wissen muss, wenn man sich auf das betriebliche Rechnungswesen spezialisiert. [...] Am bewährten didaktischen Konzept hat sich auch bei der Neuauflage nichts geändert: Durch die anwendungs- sowie praxisbezogene Wissensvermittlung wird der Leser schnell zum Profi auf dem Gebiet des betrieblichen Rechnungswesens."

in: Studium 90/2012

Beste Autoren-Kompetenz

Prof. Dr. Wolfgang Eisele war Inhaber des Lehrstuhls für Rechnungswesen und Finanzierung an der Universität Hohenheim. Prof. Dr. Alois Paul Knobloch ist Inhaber des Lehrstuhls für Betriebswirtschaftslehre, insbesondere Rechnungswesen und Finanzwirtschaft, an der Universität des Saarlandes.