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Kapitel A: Die Güternachfrage der Haushalte in:

Klaus Herdzina, Stephan Seiter

Einführung in die Mikroökonomik, page 58 - 65

11. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8006-3630-3, ISBN online: 978-3-8006-4346-2, https://doi.org/10.15358/9783800643462_58

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Kapitel A: Die Güternachfrage der Haushalte 45 2. Teil: Einführung in die Nachfrage- und Angebotstheorie Kapitel A: Die Güternachfrage der Haushalte 2. Teil Einführung in die Nachfrage- und Angebotstheorie Zentrale Aufgabe der ökonomischen Theorie ist es, das Wirtschaftsgeschehen zu erklären. In das Aufgabenfeld der Mikroökonomischen Theorie gehört unter anderem die Erklärung des Nachfrageverhaltens der Haushalte und des Angebotsverhaltens der Unternehmungen. Erklärung bedeutet, Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge zwischen ökonomischen Variablen aufzudecken. Bevor in diesem Sinne danach gefragt werden kann, warum bestimmte Beziehungen zwischen einzelnen Determinanten und dem Nachfrage- bzw. Angebotsverhalten bestehen (vgl. dazu den 3. und 4. Teil), gilt es in einer einführenden Analyse zunächst, – die Determinanten des Nachfrage- und Angebotsverhaltens zu identifizieren, – ihre Wirkungsrichtung zu ermitteln und – die Stärke ihres Einflusses zu analysieren. Dies soll im 2. Teil geschehen. In Kapitel A werden die wichtigsten Determinanten der Nachfrage der Haushalte dargelegt, und es werden Aussagen über ihre Wirkungsrichtung gemacht. In analoger Weise werden in Kapitel B die Determinanten des Angebotes der Unternehmungen erörtert. In Kapitel C wird auf die Stärke der Zusammenhänge eingegangen, die man mit Hilfe sog. Nachfrage- und Angebotselastizitäten ausdrückt. A. Die Güternachfrage der Haushalte I. Die individuelle Nachfrage eines Haushalts 1. Die Determinanten der Nachfrage und die globale Nachfragefunktion Für die Anbieter eines beliebigen Konsumgutes (Brot, Zucker, CD-ROMs) ist es wichtig zu wissen, wie viel Mengeneinheiten ihres Gutes die Haushalte in einem bestimmten Betrachtungszeitraum nachfragen werden. Da sich die Marktnachfrage aus den Nachfragemengen der einzelnen Haushalte zusammensetzt, gilt es zunächst, sich darüber klar zu werden, von welchen Größen die individuelle Nachfrage eines einzelnen Haushalts abhängt. Gesucht werden also die Determinanten der Nachfragemenge eines Gutes X (Nx) pro Zeiteinheit (t). Der erfragte Sachverhalt wird durch eine Nachfragefunktion mit Nx/t als abhängiger Variabler und den noch zu benennenden Determinanten als unabhängigen Variablen abgebildet. Wichtig in diesem Zusammenhang ist, dass das Gut X ein beliebiges Konsumgut darstellt, über dessen genaue Bezeichnung (z. B. Brot oder nur Schwarzbrot) noch nicht nachgedacht werden soll. Das 46 2. Teil: Einführung in die Nachfrage- und Angebotstheorie Gut X sei in Art und Qualität klar definiert. Wichtig ist ferner, dass sich die Frage immer auf einen bestimmten, fest definierten Zeitraum t (Tag, Monat u. a.) beziehen muss. Auch wenn das Symbol t später aus Vereinfachungsgründen weg gelassen wird, ist an den zeitlichen Bezug der Aussage stets zu denken. Grundlegend für die Beantwortung der Frage nach den Determinanten der Nachfragemenge ist es zunächst, welche Zielsetzung der Haushalt verfolgt. Dieser Frage soll hier aber nicht weiter nachgegangen werden, da als dominante Zielsetzung von Haushalten die Befriedigung der (eigenen) Bedürfnisse und damit die Erhöhung des Nutzens angenommen werden kann (in der Angebotstheorie kommt alternativen Zielsetzungen der Unternehmen hingegen erhebliche Bedeutung zu). Auf der Basis dieser Annahme können als Determinanten der Güternachfrage von Haushalten die folgenden Variablen genannt werden: (1) Der Nutzen des Gutes (Ux), d. h. das Ausmaß an Bedürfnisbefriedigung, die das Gut X erbringt, oder mit anderen Worten das generelle Ausmaß an subjektiver Wertschätzung für das Gut und damit die Intensität des Bedürfnisses. Beispielsweise hängt die Nachfrage nach Schokolade davon ab, ob der Konsument Schokolade mag und wie gern er sie isst, die Nachfrage nach Turnschuhen hängt davon ab, ob und wie häufig der Konsument Sport treiben möchte bzw. ob er es chic findet, in Turnschuhen zu laufen. Wie später (im 3. Teil) noch deutlich werden wird, kann Ux auch interpretiert werden als der jeweils aktuelle Grad der Bedürfnisbefriedigung, der von der verfügbaren bzw. konsumierten Menge des Gutes abhängt. So dürfte der Nutzen einer dritten Tafel Schokolade klein sein, wenn man gerade zwei Tafeln gegessen hat, und zwar auch dann, wenn man Schokolade generell sehr gern mag. (2) Der Preis des Gutes (px), da die Hergabe von Geld beim Kauf eines Gutes den Verzicht auf den Kauf anderer Güter impliziert. So ist es beim Kauf von Käse oder Turnschuhen beispielsweise der Verzicht auf den Kauf von Schokolade oder von Jeans. (3) Die Preise anderer Güter, wobei zwischen den Preisen von Substitutionsgütern py (py1, . . ., pyn) und den Preisen von Komplementärgütern pz (pz1, . . ., pzn) zu unterscheiden ist. So sind es beim Käsekauf beispielsweise die Preise der Substitutionsgüter Wurst oder Schinken sowie die Preise der Komplementärgüter Brot oder diverser Beilagen, etwa für Käsefondue. (4) Das Einkommen des Haushalts (E) bzw. – wie vielfach formuliert – die zum Kauf der Konsumgüter verfügbare Konsumsumme. Das Einkommen legt fest, ob der Haushalt sich das Gut überhaupt leisten kann, etwa ein Automobil, bzw. wie oft er es sich leisten kann, etwa einen Theater- oder Restaurantbesuch. Alle bisher genannten Determinanten beziehen sich zunächst ebenfalls auf den gewählten Betrachtungszeitraum t, d. h. es wird z. B. angenommen, dass die heutige Nachfrage vom heutigen Güterpreis abhängt. In die Nachfrageüberlegungen von heute gehen aber zweifellos auch vermutete zukünftige Entwicklungen des Nutzens, der Preise und des Einkommens ein. Genau genommen wären also alle bisher genannten Determinanten einmal mit dem Zeitindex t sowie ferner mit den Zeitindices (t + 1), (t + 2) usw. zu berücksichtigen. Aus Vereinfachungsgründen sollen die auf die Zukunft bezogenen Variablen zu einer einzigen Determinante, Kapitel A: Die Güternachfrage der Haushalte 47 (5) den Erwartungen (Q) über zukünftige Änderungen der übrigen Einflussgrö- ßen, zusammengefasst werden. Beim Heizölkauf ist es beispielsweise die Erwartung über die Entwicklung des Heizölpreises, bei der Buchung einer Urlaubsreise beispielsweise die Erwartung eines gleich bleibenden Nutzens und nicht etwa einer Verschlechterung der Umweltqualität durch steigende Verschmutzung des Meerwassers beim Badeurlaub. Die zuvor erfragte Nachfragefunktion kann also wie folgt geschrieben werden: (2.1) Nx/t = f(Ux, px, py, pz, E, Q, . . .). Diese Funktion kann man als globale Nachfragefunktion bezeichnen, da sie offenbar alle wichtigen Nachfragedeterminanten umfasst. Dabei geht man zunächst davon aus, dass die Nachfragedeterminanten untereinander unabhängig sind, dass also beispielsweise Preis- oder Einkommensänderungen das Nutzenempfinden nicht verändern. Auf diese nicht unproblematische Annahme ist später noch einzugehen. Zu beachten ist ferner, dass py, pz und Q Sammelausdrücke für mehrere Variable darstellen. Außerdem wird angedeutet, dass es weitere Determinanten (z. B. das Vermögen) geben kann. Bei Überlegungen darüber, welche weiteren Determinanten noch relevant sind, ist aber zu bedenken, dass diese möglicherweise über die Determinante „Nutzen“ eingebaut werden können. So hat das Wetter ohne Zweifel Einfluss auf den Nutzen von Erfrischungsgetränken oder Pullovern und damit auf deren Nachfrage. 2. Reduzierte Nachfragefunktionen und die Nachfragefunktion im engeren Sinn Der Aussagegehalt der globalen Nachfragefunktion ist vergleichsweise gering, da sie lediglich eine Aufzählung von Determinanten darstellt. Im Hinblick auf die Frage nach Wirkungsrichtung und -intensität einzelner Determinanten ist es notwendig, den Einfluss jeder der Determinanten isoliert herauszuarbeiten. Dies geschieht durch die Bildung sog. reduzierter Nachfragefunktionen, in denen die Abhängigkeit der Nachfragemenge von jeweils einer Determinante erscheint, also (2.2) Nx = f(Ux) (2.3) Nx = f(px) (2.4) Nx = f(py) (2.5) Nx = f(pz) (2.6) Nx = f(E) (2.7) Nx = f(Q). Zu beachten ist, dass jede dieser reduzierten Nachfragefunktionen die ceterisparibus-Bedingung enthält. Will man nämlich den Einfluss einzelner Determinanten isoliert herausarbeiten, so ist es notwendig, dass von den übrigen Determinanten im Betrachtungszeitraum keinerlei Einfluss ausgeht. Dies dürfte aber nur dann der Fall sein, wenn sich die übrigen Determinanten nicht ändern. Die Funktion (2.3) ist demnach genau genommen wie folgt zu schreiben: (2.3) x x x y zN f(p ) mit U , p , p , E, Q,= wobei die Balken über den Symbolen deren Konstanthaltung ausdrücken. 48 2. Teil: Einführung in die Nachfrage- und Angebotstheorie Nach der Darstellung der reduzierten Nachfragefunktionen sollen nunmehr aus empirischen Beobachtungen gewonnene Hypothesen über die Wirkungsrichtung der Nachfragedeterminanten formuliert und in einfachen Schaubildern verdeutlicht werden (vgl. Abb. 2.1.). So kann normalerweise davon ausgegangen werden, dass die nachgefragte Menge eines Gutes – mit steigender genereller Wertschätzung des Gutes zunimmt (Abb. 2.1.a.), – mit steigendem Preis des Gutes zurückgeht (Abb. 2.1.b.), – mit steigendem Preis eines Substitutionsgutes zunimmt (Abb. 2.1.c.), – mit steigendem Preis eines Komplementärgutes zurückgeht (Abb. 2.1.d.). So dürfte die Nachfrage nach Äpfeln immer dann steigen, wenn die generelle Wertschätzung zunimmt („Äpfel sind gesund“), wenn der Preis der Äpfel sinkt, wenn der Preis der Birnen steigt oder wenn der Preis von Butter und Mehl sinkt, weil das Backen von Apfelkuchen billiger geworden ist. Sehr unterschiedlich können dagegen die Wirkungen von Einkommensänderungen ausfallen. So wird die Nachfragemenge mit steigendem Einkommen – zunehmen im häufigen Fall sog. Nichtsättigungsgüter (Abb. 2.1.e.?.), – konstant bleiben bei Sättigungsgütern (Abb. 2.1.e.?.), – abnehmen bei inferioren Gütern (Abb. 2.1.e.?). Zur Unterscheidung von Nichtsättigungsgütern, Sättigungsgütern und inferioren Gütern vgl. auch die vorherigen Ausführungen, im 1. Teil, Kap. A, Abschnitt III, Punkt 2. Wegen der vielfältigen Möglichkeiten sind auch die Einflüsse der Erwartungen auf die Güternachfrage nicht durch eine einzige Hypothese einzufangen. Es ist aber beispielsweise eine Erfahrungstatsache, dass die Nachfragemenge steigt, wenn Preissteigerungen erwartet werden. Während also eine Steigerung des im Zeitraum t aktuellen Preises px einen Nachfragerückgang auslöst (vgl. Abb. 2.1.b.), führt die Erwartung, dass dieser Preis in Zukunft weiter steigen wird, also die Steigerung des erwarteten Preises pxe, genau zum Gegenteil, nämlich zu Nachfragesteigerungen, zu sog. Hamsterkäufen (vgl. Abb. 2.1.f.). Wie erstmals in Abb. 1.5. dargestellt, erscheint in Abb. 2.1. und den noch folgenden Abbildungen auf der Abszisse das allgemeine Mengensymbol qx. Am Graphen der Funktion findet sich Nx als Symbol der nachgefragten Menge. Dieses Verfahren ist zweckmäßig, weil später insb. in Abb. 2.1.b. auch noch angebotene Mengen aufgeführt und mit dem Symbol Ax bezeichnet werden. In der Abb. 2.1. und in zahlreichen noch folgenden Abbildungen ist ferner zu beachten, dass die abhängige Variable qx bzw. Nx auf der Abszisse und die jeweilige unabhängige Variable auf der Ordinate abgetragen ist. Dieses der mathematischen Konvention widersprechende Verfahren ist insbesondere bezüglich Abb. 2.1.b. deshalb sinnvoll, weil in späteren Überlegungen zur Preisbildung (Teil 5 und 6) die Fragestellung umgedreht, d. h. die Abhängigkeit des Preises von der Nachfrage untersucht wird. Um dann die bislang verwendeten Abbildungen nicht spiegeln zu müssen, ist es zweckmäßig, von Anfang an festzulegen, dass die Mengen immer auf der Abszisse erscheinen. Bei einer mathematischen Spezifikation der Funktionen hat das Verfahren allerdings den Nachteil, dass die Steigung der Funktion auf die Ordinate und das absolute Glied auf die Abszisse bezogen ist. Kapitel A: Die Güternachfrage der Haushalte 49 Abb. 2.1. Im Hinblick auf die im 5. und 6. Teil zu erörternde Preisbildung kommt einer der zuvor beschriebenen reduzierten Nachfragefunktionen besondere Bedeutung zu, und zwar der Funktion (2.3) Nx = f(px). Sie wird als die Nachfragefunktion i. e. S. bezeichnet. Damit sei festgelegt: Wenn im Folgenden von der Nachfragefunktion (ohne weiteren Zusatz) gesprochen wird, so ist diese Funktion (2.3) gemeint. In Abb. 2.1.b. wurde eine inverse Beziehung zwischen dem Preis des Gutes und der nachgefragten Menge unterstellt. Die genaue Begründung für die Lage und den Verlauf der Nachfragekurve als dem graphischen Abbild der Nachfragefunktion soll im 3. Teil geliefert werden. Im Augenblick möge der Hinweis genügen, dass ein inverser Verlauf deshalb plausibel erscheint, weil der Haushalt mit steigendem Preis geneigt sein wird, auf andere Güter auszuweichen (Substitutionseffekt), bzw. weil seine Konsumsumme nicht mehr ausreicht, die bisherige Menge 50 2. Teil: Einführung in die Nachfrage- und Angebotstheorie des Gutes X zu erwerben (Einkommenseffekt). Die Tatsache, dass steigende Güterpreise bewirken, dass von einem gegebenen nominellen Einkommen weniger gekauft werden kann, wird in der Ökonomik auch in der Weise umschrieben, dass das sog. Realeinkommen, also die kaufbare Gütermenge, sinkt. Bevor im 3. Teil genauer auf die Herleitung der Nachfragekurve eingegangen wird, sind noch einige einführende Bemerkungen zu dieser Funktion zu machen. Die Nachfragefunktion ist eine Aussage über den Einfluss des Preises des Gutes X auf die nachgefragte Menge des Gutes X. Sie gibt Antwort auf die Frage, wie viele Einheiten des Gutes der Haushalt nachfragen würde, wenn der Preis verschiedene Höhen hätte. Sie drückt also hypothetische Preis-Mengen- Kombinationen aus. Der Verlauf der Kurve kann möglicherweise durch Befragung des Haushaltes empirisch ermittelt werden. So kann gefragt werden: Wie viel würden Sie kaufen, wenn der Preis p1, p2, . . . betragen würde? Diese Frage enthält eine für die kommenden Überlegungen wichtige Unterstellung. Es wird nämlich davon ausgegangen, dass der einzelne Nachfrager den Preis des Gutes X nicht beeinflussen kann. Auf diese Prämisse der Nachfragetheorie wird im Folgenden (insbesondere im 5. Teil) noch näher einzugehen sein. Bezüglich der Nachfragefunktion (2.3) und ihres graphischen Abbildes der Nachfragekurve ist noch einmal darauf hinzuweisen, dass in ihr die übrigen Determinanten der Nachfrage (der Nutzen, das Einkommen usw.) nicht expliziert erscheinen. Sie sind aber nicht verschwunden, sondern im Gegenteil außerordentlich wirksam, denn sie bestimmen die Lage der Kurve. Die Kurve liegt an ihrem derzeitigen Platz, weil der Nutzen, das Einkommen und die übrigen Determinanten gerade bestimmte Werte aufweisen. Daraus folgt nun aber, dass die Nachfragefunktion und -kurve nur für einen bestimmten (möglicherweise nur kurzen) Zeitraum t gilt, in welchem die übrigen Nachfragedeterminanten konstant sind (ceteris paribus). Diese übrigen Determinanten haben damit einen Einfluss auf die Lage der im Zeitraum t gültigen Nachfragekurve. Da sie sich annahmegemäß im Zeitraum t nicht ändern, bleibt die Nachfragekurve im Moment an ihrem Platz fixiert. Daraus folgt nun aber, dass sich die Nachfragekurve ver- Abb. 2.2. schiebt, wenn sich eine oder mehrere der anderen Determinanten ändern. So verschiebt sich die Nachfragekurve beispielsweise nach rechts (vgl. Abb. 2.2. in Verbindung mit Abb. 2.1.), Kapitel A: Die Güternachfrage der Haushalte 51 – wenn der Nutzen im Sinne der generellen Wertschätzung für das Gut steigt (vgl. Abb. 2.1.a.), – wenn der Preis eines Substitutionsgutes steigt (vgl. Abb. 2.1.c.), – wenn der Preis eines Komplementärgutes fällt (vgl. Abb. 2.1.d.), – wenn das Einkommen steigt und das Gut ein Nichtsättigungsgut ist (vgl. Abb. 2.1.e.?.), – wenn Preissteigerungen beim Gut X erwartet werden (vgl. Abb. 2.1.f.), weil in diesen Fällen bei jedem denkbaren Preis des Gutes X mehr davon nachgefragt wird. Mit der Erwähnung von Kurvenverschiebungen ist eine über den soeben dargestellten Sachverhalt hinausgehende wichtige Unterscheidung angesprochen, nämlich zwischen – Bewegungen auf einer Kurve und – Verschiebungen einer Kurve. Eine Bewegung auf einer Kurve liegt vor, wenn sich die in einer Funktion ausdrücklich genannte Determinante ändert, also z. B. in Funktion (2.2) der Nutzen, in Funktion (2.3) der Preis, in Funktion (2.6) das Einkommen usw. (vgl. dazu alle Graphen in Abb. 2.1.). Eine Verschiebung der Kurve ergibt sich hingegen, wenn sich eine der nicht ausdrücklich genannten Determinanten ändert, also z. B. in Funktion (2.3) das Einkommen oder in Funktion (2.6) der Preis, also immer dann, wenn die ceteris-paribus-Bedingung aufgehoben wird. Die Unterscheidung zwischen Bewegungen auf der Kurve und Verschiebungen der Kurve gibt Anlass, auf einen für die Praxis wichtigen Sachverhalt hinzuweisen. Zeigen sich zwischen zwei historischen Zeitpunkten t1 und t2 unerwartete Entwicklungen, etwa steigende Nachfragemengen bei steigendem Preis des Gutes X, so kann das nicht als Beleg für eine ansteigende Nachfragekurve, also als Widerlegung des in Abb. 2.1.b. geschilderten Zusammenhanges, angesehen werden. Höchstwahrscheinlich hat sich die fallende Nachfragekurve nach rechts verschoben, etwa infolge Einkommens- oder Nutzensteigerungen, wodurch der negative Effekt der gleichzeitigen Preissteigerung überkompensiert worden ist. Erst wenn sich nachweisen ließe, dass alle anderen Determinanten wirklich konstant geblieben sind, könnte von einer steigenden Nachfragekurve ausgegangen werden. Aber auch dann wäre nach den Ursachen zu suchen, beispielsweise danach, ob nicht noch weitere, bisher ungenannte oder unerkannte Einflussgrößen im Spiel sind. II. Die Marktnachfrage Da die Anbieter eines Gutes X letztlich nicht so sehr an der Höhe der Nachfrage eines einzigen Haushaltes, sondern an der Höhe der Marktnachfrage interessiert sind, gilt es, diese zu ermitteln. Zur Marktnachfrage gelangt man, indem man die von allen am Markte auftretenden Nachfragern gewünschten Nachfragemengen addiert. Damit wird deutlich, dass die Marktnachfrage prinzipiell von den gleichen Determinanten abhängig ist wie die individuelle Nachfrage eines einzelnen 52 2. Teil: Einführung in die Nachfrage- und Angebotstheorie Haushalts. Als weitere Nachfragedeterminante kommt lediglich die Zahl der Nachfrager hinzu. Auf die Frage, ob die Zahl der am Markt auftretenden Haushalte leicht oder weniger leicht zu ermitteln ist, soll hier noch nicht eingegangen werden. An der Nachfragefunktion i. e. S. soll lediglich demonstriert werden, wie sich die Addition der Nachfragemengen technisch vollzieht. Wegen der Addition der auf der Abszisse abgetragenen Mengen spricht man auch von einer Horizontaladdition der individuellen Nachfragekurven. In Abb. 2.3. wurde unterstellt, dass der Markt aus zwei Nachfragern besteht. Abb. 2.3. Aus Gründen der Übersichtlichkeit wurde für die Marktnachfrage kein neues Symbol eingeführt. Im Folgenden wird aus dem Zusammenhang jeweils deutlich werden, ob die individuelle Nachfrage eines Haushalts oder ob die Marktnachfrage gemeint ist. Marktnachfragekurven haben prinzipiell den gleichen Verlauf wie individuelle Nachfragekurven und sie verschieben sich aus den gleichen Gründen. Ein zusätzlicher Grund für Verschiebungen ist eine Änderung der Zahl der Nachfrager. Steigt die Zahl der Nachfrager, so wird die nachgefragte Menge bei jedem denkbaren Preis größer und die Nachfragekurve verschiebt sich nach rechts. Geht die Zahl der Nachfrager zurück, so wird die jeweils nachgefragte Menge kleiner und die Nachfragekurve verschiebt sich nach links. Kapitel B: Das Güterangebot der Unternehmungen B. Das Güterangebot der Unternehmungen I. Das individuelle Angebot einer Unternehmung 1. Die Determinanten des Angebotes und die globale Angebotsfunktion Die Aussagen zum Güterangebot der Unternehmungen (Determinanten des Angebots, Angebotsfunktion usw.) folgen dem gleichen Argumentationsmuster wie die Aussagen zur Güternachfrage. Auf die Darstellung verschiedener Details, die für das Angebot ebenso gelten wie für die Nachfrage, kann daher verzichtet werden. Andere Aussagen können vergleichsweise kurz gefasst werden. Besonderheiten, die speziell für das Güterangebot gelten, sind herauszuheben.

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Zusammenfassung

Mikroökonomie leicht und verständlich

Dieses Lehrbuch bietet eine verständliche Darstellung eines zentralen Teilgebiets der Ökonomik. Da Inhalt und Aussagewert der Mikroökonomik häufig dadurch unklar bleiben, dass die Studenten zuviel rechnen müssen und dabei nicht mehr genügend zum Denken kommen, wird die Algebra in nur sparsamer Dosierung eingesetzt. Dafür stellt das Buch die grundlegenden Fragestellungen und Modelle umso klarer und lesefreundlicher dar und unterstützt das Lernen mit zahlreichen Kontrollfragen.

* Grundlagen

* Einführung in die Nachfrage- und Angebotstheorie

* Theorie der Nachfrage

* Theorie des Angebots

* Theorie des Marktgleichgewichts

* Theorie der Marktprozesse

Das Lehrbuch beantwortet unter anderem folgende Fragen:

* Warum und in welcher Menge fragen Haushalte bestimmte Güter nach?

* Welche Ziele verfolgen Unternehmen?

* Wann ist ein Marktpreis stabil?

* Welche Marktform ist effizient?

* Fördert Wettbewerb den technischen Fortschritt?

Die Autoren

Prof. Dr. Klaus Herdzina ist Professor an der Universität Hohenheim.

Prof. Dr. Stephan Seiter ist Professor an der ESB Business School an der Hochschule Reutlingen.