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Kapitel B: Arbeitsteilige Volkswirtschaft und Wirtschaftssystem in:

Klaus Herdzina, Stephan Seiter

Einführung in die Mikroökonomik, page 36 - 50

11. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8006-3630-3, ISBN online: 978-3-8006-4346-2, https://doi.org/10.15358/9783800643462_36

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22 1. Teil: Grundlagen mit möglichst niedrigen Kosten zu produzieren bzw. allgemein die Produktivität oder die Rentabilität zu erhöhen (Einzelheiten dazu folgen im 4. Teil). Als Produktivität bezeichnet man das Verhältnis von Ausstoß zu Einsatz (z. B. P/L als Arbeitsproduktivität), unter Rentabilität versteht man das Verhältnis von Gewinn zu Finanzkapitaleinsatz (auch als Rendite oder rate of return bezeichnet). Ein Wirtschaftssubjekt (vgl. dazu den folgenden Abschnitt), das auf der Grundlage einer eindeutigen, d. h. widerspruchsfreien, sog. transitiven Zielhierarchie und in Kenntnis der verfügbaren Mittel stets rationale Wirtschaftspläne aufstellt und das uneingeschränkt der Handlungsanweisung des ökonomischen Prinzips folgt, wird in der Literatur als homo oeconomicus bezeichnet. Das Konzept des ökonomischen Prinzips bzw. des homo oeconomicus ist in der wirtschaftswissenschaftlichen Diskussion vielfacher Kritik ausgesetzt. Dabei bezieht sich diese Kritik weniger auf die Forderung bzw. den Rat, so zu handeln, und auf das Aufzeigen der Kriterien für ein solches Handeln, sondern vielmehr auf die zuweilen explizite Behauptung oder aber die implizite Unterstellung, dass die Akteure in der Realität sich tatsächlich so verhalten. Auf diese Diskussion wird später im 3. und 4. Teil, jeweils in Kapitel C, zurückzukommen sein. Wenn Wirtschaften als planmäßiges Handeln im Sinne des ökonomischen Prinzips zu verstehen ist, wird deutlich, dass der häufig verwendete Begriff von der Planwirtschaft einen Pleonasmus darstellt, also die überflüssige Anhäufung sinngleicher Worte. Jede Wirtschaft ist eine „Planwirtschaft“. Unterschiedliche Arten von Wirtschaften unterscheiden sich aber dadurch, ob zentral geplant wird (Zentralplanwirtschaft) oder ob dezentral geplant wird und die Einzelpläne über Märkte koordiniert werden (Marktwirtschaft als dezentrale „Planwirtschaft“). Zu weiteren Einzelheiten vgl. Kapitel B, Abschnitt III. Kapitel B: Arbeitsteilige Volkswirtschaft und Wirtschaftssystem B. Arbeitsteilige Volkswirtschaft und Wirtschaftssystem I. Einzelwirtschaften und Gesamtwirtschaft 1. Die Wirtschaftssubjekte als Akteure Bei allen bisherigen Überlegungen ist die Frage nach den Akteuren, d. h. den wirtschaftenden Subjekten und ihren Beziehungen zueinander, noch offen geblieben. Wenn das Wirtschaften zuvor als planmäßige Disposition über knappe Güter definiert wurde, so treten die Wirtschaftssubjekte nunmehr auf als die Träger wirtschaftlicher Entscheidungen, welche auf Grund einer gemeinsamen Willensbildung und der daraus folgenden Zielsetzung über die Verwendung eines gemeinsamen begrenzten Budgets, d.h. über den Erwerb und die Verwendung knapper Güter entscheiden. Sie sind es, welche die planmäßigen Dispositionen durchführen. Bedeutsam hierbei ist, dass es sich bei solchen Einzelwirtschaften um Einzelpersonen oder um Personengruppen, um isoliert agierende Subjekte oder um solche, die im Zusammenspiel mit anderen agieren, handeln kann. Mit dem Ziel, einfache wirtschaftliche Entscheidungen besonders anschaulich zu machen, arbeitet die Kapitel B: Arbeitsteilige Volkswirtschaft und Wirtschaftssystem 23 Ökonomik zuweilen mit Modellen, in denen Einzelpersonen ohne Kontakt zu anderen Wirtschaftssubjekten agieren (Robinson-Modelle). Die wirtschaftliche Wirklichkeit ist jedoch dadurch gekennzeichnet, – dass die Wirtschaftssubjekte häufig Personengruppen darstellen, woraus bezüglich der Erfordernisse einer gemeinsamen Willensbildung und einer einheitlichen Zielsetzung besondere Probleme erwachsen, auf die im Rahmen einfacherer Analysen aber noch nicht näher eingegangen wird, – dass die Wirtschaftssubjekte nicht isoliert agieren, sondern im Rahmen einer Gesamtwirtschaft miteinander in wirtschaftlichen (und sozialen) Beziehungen stehen. In einfachen ökonomischen Analysen wird in der Regel von sozialen Beziehungen abstrahiert, während die wirtschaftlichen Tausch- und Handelsbeziehungen naturgemäß im Zentrum der Erörterungen stehen. Speziell das Zusammenspiel verschiedener Einzelwirtschaften im Rahmen einer arbeitsteiligen Gesamtwirtschaft (Volks- oder Weltwirtschaft) und die dabei auftretenden Abstimmungs- und Koordinierungsprozesse bilden die zentralen Untersuchungsobjekte der Volkswirtschaftslehre. 2. Wirtschaftssubjekte und Wirtschaftskreislauf Die planmäßigen Dispositionen der Wirtschaftssubjekte können sich auf den Konsum von Gütern sowie auf die Produktion von Gütern beziehen. In Einpersonenwirtschaften ohne Kontakt zu anderen findet sowohl Konsum als auch Produktion statt. Das Gleiche gilt für sog. geschlossene Hauswirtschaften, z. B. sich selbst versorgende (autarke) Bauernhöfe ohne Wirtschaftsbeziehungen nach außen (Selbstversorgungswirtschaften), wie sie in verschiedenen Phasen der Menschheitsgeschichte anzutreffen sind. Demgegenüber kann man in modernen, arbeitsteiligen Volkswirtschaften die Wirtschaftssubjekte danach einteilen, ob ihr Hauptaktivitätsbereich der Konsum oder die Produktion von Gütern darstellt. Produzierende Wirtschaftssubjekte nennt man Unternehmungen oder Betriebe, konsumierende Wirtschaftssubjekte nennt man Haushalte. Da die Haushalte aber auf die Produktion von Gütern angewiesen sind und die Unternehmen letztlich für den Konsum der Haushalte produzieren, sind Interaktionen zwischen Unternehmungen und Haushalten erforderlich, welche in einem einfachen gesamtwirtschaftlichen Kreislaufbild veranschaulicht werden können (vgl. Abb. 1.10.). Dabei stellen die gestrichelten Linien reale Ströme und die durchgezogenen Linien Geldströme dar. Abb. 1.10. 24 1. Teil: Grundlagen Die hier verwendete Gleichsetzung von Unternehmung und Betrieb findet sich nicht durchgängig in der ökonomischen Literatur. Vor allem im betriebswirtschaftlichen Schrifttum wird der Terminus „Betrieb“ häufig als Oberbegriff verwendet und dann zwischen Unternehmungen und Haushalten differenziert. Dabei wird der Tatsache Rechnung getragen, dass auch in Haushalten Produktionsakte (Kochen, Saubermachen, Reparieren u. a.) vorgenommen werden. Weitere gängige Sprachregelungen sind die, dass der Betrieb als die Produktionsstätte im ökonomischen Sinn und die Unternehmung als die rechtliche Einheit verstanden werden bzw. dass der Betrieb allgemein als Produktionsstätte und die Unternehmung als die sog. kapitalistische Betriebsform in einer Marktwirtschaft erscheinen. In den meisten volkswirtschaftlichen Darstellungen wird es aus Vereinfachungsgründen als legitim angesehen, Betrieb und Unternehmung gleichzusetzen. Dieser Sprachregelung wird auch hier gefolgt. Für tiefer gehende ökonomische Erörterungen ist es erforderlich, die Gruppe der Haushalte und der Unternehmungen weiter aufzuspalten: So kann bezüglich der Haushalte zumindest zwischen privaten und öffentlichen Haushalten unterschieden werden. Zu den privaten Haushalten zählen Einzel- und Familienhaushalte, aber auch Anstaltshaushalte und private Organisationen ohne Erwerbscharakter (z. B. Vereine). Weitere Einteilungen der Einzel- und Familienhaushalte etwa nach Einkommenshöhe, Haupteinkommensart u. a. Kriterien empfehlen sich entsprechend dem jeweiligen Untersuchungsgegenstand (z. B. Frage der Einkommensverteilung). Die öffentlichen Haushalte sind in der Bundesrepublik die Gebietskörperschaften (Bund, Länder, Gemeinden) sowie parafiskalische Institutionen (z. B. Rentenversicherung). Auch bezüglich der Unternehmungen kann eine Unterscheidung in private und öffentliche Unternehmungen vorgenommen werden. Darüber hinaus sind je nach Fragestellung Unterscheidungen in Produzenten von Konsum- und Investitionsgütern, in Unternehmungen des primären (Landwirtschaft, Urproduktion), sekundären (Industrie) und tertiären Sektors (Dienstleistungen) sowie weitere, tiefergehende Untergliederungen nach Branchenzugehörigkeit, Größe und Rechtsform zweckmäßig. Zahlreiche weitere Untergliederungen von Haushalten und Unternehmungen, etwa auch nach regionaler Zugehörigkeit, sind anzutreffen. In gesamtwirtschaftlichen Kreislaufmodellen ist es darüber hinaus üblich, öffentliche Haushalte und Unternehmungen zu einem Sektor Staat und ausländische Haushalte und Unternehmungen zu einem Sektor Ausland zusammenzufassen. Führt man in das zuvor abgebildete zweipolige Kreislaufschema den Staat und das Ausland ein, so ergibt sich ein vierpoliger Kreislauf. Trägt man anschließend noch der Tatsache Rechnung, dass Haushalte nicht nur Konsumausgaben tätigen, sondern auch sparen, damit Vermögen bilden und gleichzeitig die Finanzierungsmittel für die Investitionstätigkeit der Unternehmungen liefern, so ist ein fünfter Pol namens „Vermögensänderung“ als gedanklicher Spartopf der Volkswirtschaft einzubauen. Der nunmehr fünfpolige Kreislauf der Abb. 1.11., in welchem aus Vereinfachungsgründen nur die Geldströme eingezeichnet sind, verdeutlicht eine zentrale gesamtwirtschaftliche Thematik: Eine gleichgewichtige Kreislaufsitua- Kapitel B: Arbeitsteilige Volkswirtschaft und Wirtschaftssystem 25 tion muss dadurch gekennzeichnet sein, dass in jeden Pol ebenso viele Mittel hineinfließen wie aus ihm herausfließen. In anderer Formulierung heißt das, dass der durch Sparen, Steuerzahlungen an den Staat und Erwerb von ausländischen Gütern (Import) entstehende Nachfrageausfall bei den inländischen Unternehmungen durch Investitionsakte von Unternehmungen, staatliche Nachfrage und Auslandsnachfrage (Export) kompensiert werden muss. Tiefergehende Überlegungen dahingehend, ob Sparen gleich Investieren, Staatseinnahmen gleich Staatsausgaben und Export gleich Import sein müssen oder ob etwa eine Investitionslücke (I < S) durch öffentliche Haushaltsdefizite (Staatsausgaben > Staatseinnahmen) oder Außenhandelsüberschüsse (Export > Import) kompensiert werden können, sind Gegenstand sog. makroökonomischer Analysen. Sie können hier nur angedeutet, aber nicht weiter verfolgt werden. Abb. 1.11. Die hier kurz vorgestellten Kreislaufdarstellungen sind vereinfachte Abbilder einer komplexen Realität, welche sich auf Deutschland bezogen darin zeigt, dass etwa 40 Millionen Haushalte und bis zu 4 Millionen Unternehmungen existieren. Bezeichnet man Unternehmungen mit weniger als 500 Beschäftigten als kleine und mittlere Unternehmungen (KMU), so liegt ihr Anteil bei über 99% aller Unternehmungen. Bezeichnet man alternativ nur die Unternehmen mit weniger als 10 Beschäftigten als KMU, so liegt ihr Anteil immerhin noch bei 75%. Die große Zahl von Wirtschaftssubjekten, insbesondere auch von Unternehmungen, wirft die Frage nach den Ursachen ihres Entstehens und die Frage nach den Koordinationsmechanismen zwischen ihnen auf. Auf diese Fragen wird im Folgenden eingegangen. II. Die Arbeitsteilung 1. Begriff und Entwicklung der Arbeitsteilung Da die zur Herstellung von Gütern erforderlichen Produktionsfaktoren zu einem bestimmten Zeitpunkt gegeben und im Zeitablauf nur begrenzt vermehrbar sind, erfordert das ökonomische Prinzip, dass diese Produktionsfaktoren so effizient wie möglich eingesetzt werden, um das jeweilige Maximum an Produktionsmög- 26 1. Teil: Grundlagen lichkeiten auszuschöpfen. Da man bezüglich der Produktion von Gütern die Erfolg-Einsatz-Relation als Produktivität bezeichnet (z. B. P/L = Arbeitsproduktivität), gilt es also, die Produktivität zu steigern. Als ein Verfahren, die Produktionsmöglichkeiten auszuschöpfen bzw. sie im Zuge von technischen und organisatorischen Verbesserungen (d. h. durch technischen Fortschritt) noch zu erweitern und damit die Produktivität zu steigern, hat sich die Arbeitsteilung erwiesen. Unter Arbeitsteilung versteht man die Zerlegung eines Produktionsprozesses (z. B. Automobilproduktion) in verschiedene, sowohl nebeneinander gelagerte (z. B. Herstellung von Motoren und von Getrieben) als auch nacheinander gelagerte (z. B. Formen von Blechen und Lackieren der Bleche) Teilprozesse. Arbeitsteilung ist nicht nur ein Kennzeichen neuzeitlicher Volkswirtschaften. Bereits Robinson Crusoe wendet eine Vorstufe der Arbeitsteilung an, indem er seine Arbeit in mehrere nacheinander gelagerte Einzelaktivitäten zerlegt. In frühzeitlichen Selbstversorgungswirtschaften (Nomadenstämme, autarke Bauernhöfe) wird das Prinzip der Aufteilung der Arbeit auf die einzelnen Mitglieder derartiger Einzelwirtschaften genutzt und es führt zu entsprechenden Produktivitätssteigerungen. Für die nachhaltigen Produktivitätssteigerungen unserer Zeit sind jedoch das Herausbilden von Tauschwirtschaften, die immer weitergehende Entwicklung der Integration von Einzelwirtschaften zu großen Volkswirtschaften (letztlich zur Weltwirtschaft) sowie auch das Wachstum der Bevölkerung ursächlich. Die immer weiter vorangetriebene Zerlegung der Arbeit setzt nämlich eine entsprechend große Zahl von Arbeitenden, welche sich auf die jeweiligen Teilverrichtungen spezialisieren können, sowie eine große Zahl von Konsumenten als Abnehmer der Güter voraus. Unabhängig vom historischen Trend zu immer nachhaltigerer Teilung der Arbeit lassen sich auch zu einem beliebigen Zeitpunkt stets verschiedene Arten von Arbeitsteilung unterscheiden: Arbeitsteilung innerhalb der Mitglieder einer Einzelwirtschaft, insbesondere eines Unternehmens (sog. innerbetriebliche Arbeitsteilung), Arbeitsteilung zwischen verschiedenen Unternehmen (zwischenbetriebliche Arbeitsteilung) und Arbeitsteilung zwischen einzelnen Volkswirtschaften (internationale Arbeitsteilung). Insbesondere die Phänomene der zwischenbetrieblichen und der internationalen Arbeitsteilung werfen die Frage nach dem historischen Entstehen arbeitsteiliger Unternehmungen und ihrer jeweiligen Tausch- und Zahlungsaktivitäten auf. Bereits Adam Smith macht 1776 deutlich, dass ein sog. Hausvater Güter dann nicht selbst herstellen wird, wenn es für ihn billiger ist, diese auf dem Markt zu erwerben. Gleiches gilt für Unternehmungen und auch für ganze Volkswirtschaften. Ein Automobilproduzent (ein Land) wird Reifen oder Batterien (Weizen, Apfelsinen) dann nicht selbst herstellen, wenn es günstiger ist, sie von anderen Unternehmen (Volkswirtschaften) zu beziehen (zu importieren), welche die benötigten Güter auf Grund spezifischer Produktionsvorteile kostengünstiger herstellen können. In moderner Sprachregelung kann man formulieren, dass an die Stelle der eigenen Produktion der Erwerb über den Markt tritt, wenn die marktbedingten Transaktionskosten niedriger sind als die innerbetrieblichen Produktionskosten. 1776 bzw. 1817 erklären Adam Smith und David Ricardo auf diese Weise das Entstehen von Außenhandelsbeziehungen, also von internationaler Arbeitsteilung, Kapitel B: Arbeitsteilige Volkswirtschaft und Wirtschaftssystem 27 1937 erklärt Ronald Coase in gleicher Weise das Entstehen von Unternehmungen, d. h. die jeweilige Erscheinungsform von zwischenbetrieblicher Arbeitsteilung. Als Übergang von der innerbetrieblichen zur zwischenbetrieblichen Arbeitsteilung ist das in jüngerer Zeit verstärkt zu beobachtende Outsourcing zu verstehen, bei dem Ausgliederungen von bislang unternehmensinternen Aktivitäten auf neue selbstständige Unternehmungen stattfinden. Umgekehrt stellen Unternehmenszusammenschlüsse Vorgänge dar, bei denen eine bisherige zwischenbetriebliche Arbeitsteilung durch eine innerbetriebliche Arbeitsteilung ersetzt wird. Mit der Gegenüberstellung des Gütererwerbs über den Markt und der Eigenherstellung der Güter sind auch schon die beiden Grundformen der Koordination von ökonomischen Aktivitäten angesprochen, nämlich einerseits die Koordination über den Markt (Marktwirtschaft) und andererseits die interne Koordination innerhalb einer Organisation, etwa einer Unternehmung oder sogar einer ganzen Volkswirtschaft (Zentralplanwirtschaft). Hierauf ist im folgenden Kapitel III. genauer einzugehen. 2. Vorteile und Probleme der Arbeitsteilung Die aus der Arbeitsteilung erwachsenden Vorteile sind bereits angesprochen worden. Nachhaltige Produktionssteigerungen auf Grund von Produktivitätssteigerungen sind möglich. Im berühmten Stecknadelbeispiel zeigt A. Smith 1776 auf, dass bereits eine Aufteilung der Stecknadelproduktion von einem auf zehn Arbeiter das Produktionsergebnis von einer Nadel pro Arbeitskraft auf 4.800 Nadeln pro Arbeitskraft steigert. Die Ursachen derartiger Produktivitätssteigerungen liegen vor allem darin, dass – die Menschen nach Maßgabe ihrer jeweiligen natürlichen Begabungen und Fertigkeiten im Produktionsprozess eingesetzt werden können und nicht mit Arbeiten konfrontiert werden, für die sie weniger befähigt sind, – die Ausbildungszeiten der Menschen sich verkürzen, da das Spektrum der zu erlernenden Fertigkeiten sich verkleinert, – die Menschen im Zuge der Spezialisierung im Arbeitsprozess ihre Fertigkeiten und ihre Schnelligkeit durch ständige Übung und durch permanentes Lernen weiter steigern (Learning by Doing), – Umstellungs- und Umrüstzeiten entfallen durch dauerhaftes Verbleiben bei einer Tätigkeit, – die Möglichkeiten des Einsatzes von Sachkapital, insbesondere von Spezialmaschinen mit hohem Ausstoßvolumen, steigen. Dementsprechend war A. Smith daher nicht nur für inner- und zwischenbetriebliche, sondern für weltweite Arbeitsteilung und freien Außenhandel zwischen den Staaten als Grundlage für eine Steigerung des Wohlstands der Nationen eingetreten. Es kann andererseits aber nicht übersehen werden, dass insbesondere eine sehr weit vorangetriebene Arbeitsteilung auch Probleme aufwirft. Individuelle Probleme der Arbeitsteilung liegen vor allem in physischen und psychischen Schädigungen von Menschen bei zu einseitigen und engen Tätigkeitsfeldern sowie in der möglicherweise mangelnden Beziehung des Einzelnen zum Gesamtproduktionsprozess und zum Gesamtprodukt. Derartige Schädigungen können die Arbeitsprodukti- 28 1. Teil: Grundlagen vität auch wieder senken. Darüber hinaus kann es der eng spezialisierte Mensch als problematisch empfinden, dass er vollkommen von anderen abhängig ist. Die Abhängigkeit der Menschen, Wirtschaftseinheiten und Volkswirtschaften untereinander bildet zugleich auch ein bedeutsames gesamtwirtschaftliches Problem, welches immer wieder zu Autarkiebestrebungen von Wirtschaftssubjekten und Volkswirtschaften führt und geführt hat, um Versorgungsengpässen in Krisenzeiten zu entgehen. Das zentrale gesamtwirtschaftliche Problem der Arbeitsteilung ist jedoch in der nicht mehr gegebenen Überschaubarkeit des volkswirtschaftlichen Produktionsprozesses zu sehen. Wenn in Millionen von Produktionsstätten jeweils sehr eng umrissene, aber voneinander wechselseitig abhängige Produktionsprozesse ablaufen, dann ist angesichts allseitiger Interdependenz die Frage nach dem Koordinationsmechanismus aufgeworfen. Ein Koordinationsmechanismus ist gefragt, welcher sicherstellt, dass die Pläne der Unternehmen sowohl untereinander als auch im Bezug auf die Pläne der Haushalte abgestimmt werden. Jede Art von Wirtschaften, aber besonders das Wirtschaften in großen, unübersichtlichen, arbeitsteiligen Volkswirtschaften setzt daher die Existenz eines Koordinationsmechanismus bzw. eines Ordnungsrahmens voraus. Die Frage nach dem Koordinationsmechanismus, nach dem Ordnungsrahmen des Wirtschaftens, ist die Frage nach dem „System des Wirtschaftens“, kurz nach dem „Wirtschaftssystem“. III. Das Wirtschaftssystem 1. Das Planungsproblem und die Grundformen von Wirtschaftssystemen Wirtschaften im Sinne von planmäßiger Disposition über knappe Güter zur Befriedigung von Bedürfnissen setzt die Kenntnis der Rangordnung der Bedürfnisse sowie der verfügbaren Mittel voraus. Auf dieser Grundlage kann ein rationaler Wirtschaftsplan aufgestellt werden. Eine derartige Wirtschaftsplanung ist in kleinen ökonomischen Einheiten (Haushalten, Unternehmungen, frühzeitlichen Selbstversorgungswirtschaften) vergleichsweise einfach, da die erforderlichen Kenntnisse vorhanden bzw. relativ leicht zu erwerben sind. Demgegenüber ist die Wirtschaftsplanung in großen arbeitsteiligen Volkswirtschaften außerordentlich kompliziert, da weder die Rangordnung der Bedürfnisse der Mitglieder der Gesellschaft noch die verfügbaren Mittel direkt überschaubar oder leicht zu identifizieren sind. Für große, arbeitsteilige Volkswirtschaften stellt sich daher – sehr viel komplexer als für kleine ökonomische Einheiten – die Frage nach dem System der Wirtschaftsplanung, nach dem Wirtschaftssystem. Ein Blick auf das reale Wirtschaftsgeschehen in verschiedenen Ländern zeigt, dass es offenbar mehrere Möglichkeiten gibt, das Wirtschaften zu organisieren. Wenn es aber mehrere Wirtschaftssysteme gibt, so stellen sich die beiden folgenden Fragen: (1) Wie viele Wirtschaftssysteme gibt es und welche konkrete Gestalt haben sie? (2) Nach welchen Abgrenzungsmerkmalen werden sie unterschieden? Kapitel B: Arbeitsteilige Volkswirtschaft und Wirtschaftssystem 29 Was die Zahl der denkbaren Wirtschaftssysteme anlangt, so ist zunächst die folgende Erkenntnis von Bedeutung. Real existierende Systeme (die sog. Realtypen) setzen sich aus bestimmten Grundformen (den sog. Idealtypen bzw. den reinen Prinzipien) zusammen. Fragt man zunächst nach diesen reinen Prinzipien, so zeigt es sich, dass bereits die Frage nach der Zahl dieser Grundformen in der Literatur unterschiedlich beantwortet wird. Im Anschluss an W. Eucken (1940) ist es üblich, zwischen den beiden Idealtypen der Zentralplanwirtschaft (von Eucken zentralgeleitete Wirtschaft genannt) und der Marktwirtschaft (von Eucken Verkehrswirtschaft genannt) zu unterscheiden. Hauptunterscheidungskriterium dieser beiden Grundformen ist die Art der Koordination der Wirtschaftspläne, da – die Koordination durch eine Zentralbehörde (Zentralplanwirtschaft) oder – die Koordination durch die Preisbildung auf Märkten (Marktwirtschaft) vollzogen werden kann. Eucken selbst hatte aber bereits weiter differenziert und bezüglich der zentralgeleiteten Wirtschaft zwischen der einfachen zentralgeleiteten Wirtschaft in kleineren ökonomischen Einheiten, d. h. der Eigenwirtschaft von Familien und Sippen (und eigentlich auch von Unternehmungen) und der Zentralverwaltungswirtschaft ganzer Volkswirtschaften unterschieden. Offensichtlich bereits im Hinblick auf reale Ausprägungen hatte er weiter in eine total zentralgeleitete Wirtschaft und in solche mit freiem Konsumguttausch bzw. freier Konsumwahl differenziert. Auch die Verkehrswirtschaft (Marktwirtschaft) kommt in zwei Ausprägungen als Naturaltauschwirtschaft bzw. als Geldwirtschaft vor. Die dualistische Einteilung in Zentralplan- und Marktwirtschaft war aber bereits lange vor Eucken geläufig, und es hatte auch Versuche gegeben, sie zu erweitern. Bereits 1873 hatte A. Schäffle neben dem öffentlichen kollektivistischen und dem privaten individualistischen System als drittes – die Koordination durch Nächstenliebe, Humanität und Solidarität (karitatives System) erwähnt. Bedeutsam im Hinblick auf reale Ausprägungen von Wirtschaftssystemen ist dabei die Erkenntnis, dass es sich bei den drei Typen nicht um einander ausschließende, sondern um sich ergänzende (komplementäre) Systeme handelt, die in diversen Mischungen den jeweiligen Realtyp bilden können. Im Jahr 1973 wird der Ansatz von K. Boulding aufgegriffen, indem er zwischen den drei Organisationsformen exchange, threat und love unterscheidet. In weiteren Vertiefungen der Thematik und zur Überwindung des Dualismuskonzepts wurden als weitere Koordinationsformen – die Koordination durch Verhandlungen (sog. Selbstverwaltungswirtschaft), bzw. durch Gruppenvereinbarungen (ständische Ordnungen, Verbändewirtschaft), – die Koordination durch Wahlen (Wirtschaftsdemokratie) und – die Koordination durch Netzwerke (gewachsene traditionelle Beziehungen auf persönlicher oder institutioneller Basis) erkannt. Dabei ist anzumerken, dass die einzelnen Koordinationsformen sich teilweise überschneiden und möglicherweise nur als partielle Koordinationsformen innerhalb einer Marktwirtschaft oder einer Zentralplanwirtschaft vorkom- 30 1. Teil: Grundlagen men können. Dementsprechend liegt es auch nahe, einzelne Koordinationsformen als Unterfälle der beiden Hauptformen darzustellen und Verhandlungen und Gruppenvereinbarungen sowie Netzwerke der Marktwirtschaft und das Wahlsystem der Zentralplanwirtschaft zuzuordnen. Bemerkenswert ist dabei allerdings, dass Wahlen als Abstimmungsmechanismus über Umfang und Zusammensetzung des Angebotes an öffentlichen Gütern im staatlichen Sektor mit zentraler behördlicher Lenkung speziell in jenen realen Wirtschaftssystemen vorkommen, in denen für den Bereich der privaten Güter weitgehend das Marktprinzip gilt. Im Folgenden kann keine vertiefende Darstellung der einzelnen reinen Koordinationsprinzipien erfolgen, sondern es soll von den beiden zuerst genannten Grundformen der Marktwirtschaft und der Zentralplanwirtschaft ausgegangen werden. Was die gewählten Abgrenzungsmerkmale zur Unterscheidung dieser beiden Grundformen anlangt, so ist festzustellen, dass zwar mehrheitlich am gewählten Koordinationsmechanismus (s. o.) angesetzt wird, dass daneben aber auch andere Unterscheidungskriterien wie etwa die Entscheidungskompetenz, der Informationsmechanismus oder die Eigentumsordnung herangezogen werden. Darüber hinaus wird beispielsweise noch danach gefragt, ob als geistige Grundhaltung das Individualprinzip oder das Sozialprinzip zum Tragen kommt. Bei der folgenden kurzen Darstellung der beiden Idealtypen Zentralplanwirtschaft und Marktwirtschaft sollen als Abgrenzungskriterien die Entscheidungskompetenz, der Informationsmechanismus, die Eigentumsordnung, der Koordinationsmechanismus und der Lenkungsmechanismus gewählt werden. Dabei beziehen sich die genannten Kriterien auf folgende Fragestellungen und Aufgabenfelder: (1) Die Entscheidungskompetenz bzw. Planungskompetenz regelt die Frage, wer was planen darf, d. h. wer Pläne aufstellen darf und worauf sich diese Pläne beziehen. (2) Der Informationsmechanismus hat die Aufgabe, über die Grundlagen der Planung zu informieren, also über die Rangordnung der Bedürfnisse, über die verfügbaren Produktionsfaktoren und über die daraus resultierenden Knappheitsgrade bei Gütern und Faktoren. (3) Die Eigentumsordnung bezieht sich auf die Frage, wem die Produktionsfaktoren, insbesondere die sachlichen Produktionsfaktoren Boden und Kapital, gehören, da die Durchsetzung von Wirtschaftsplänen die Verfügungsgewalt über Produktionsfaktoren voraussetzt. (4) Der Koordinationsmechanismus hat die Aufgabe, die einzelnen Pläne bzw. Teilpläne aufeinander abzustimmen, d. h. beispielsweise einen Ausgleich zwischen der Güterproduktion und der Güternachfrage herzustellen (Ausgleichsmechanismus). (5) Der Lenkungsmechanismus hat die Aufgabe, die Produktionsfaktoren in ihre jeweils effizientesten Verwendungen zu führen, um ein Maximum an Güterproduktion nach Maßgabe der Rangordnung der Bedürfnisse zu erreichen (Allokationsmechanismus). In der folgenden kurzen Darstellung der beiden Idealtypen wird auf die Lösung der genannten Aufgabenfelder für eine ganze Volkswirtschaft abgestellt, also nicht auf die zuvor erwähnte Zentralplanung innerhalb einer Unternehmung und auch nicht auf den denkbaren Einbau marktwirtschaftlicher Steuerungselemente Kapitel B: Arbeitsteilige Volkswirtschaft und Wirtschaftssystem 31 innerhalb von Unternehmungen, etwa in Form interner Verrechnungspreise oder der Einrichtung sog. profit centers. Diese Thematik gehört in den Untersuchungsbereich der Betriebswirtschaftslehre. 2. Die Idealtypen der Zentralplanwirtschaft und der Marktwirtschaft In der idealtypischen Zentralplanwirtschaft liegt die Entscheidungs- bzw. Planungskompetenz bei einer zentralen Planungsbehörde. Sie stellt einen zentralen Volkswirtschaftsplan auf, der sämtliche Teilbereiche des Wirtschaftens (Produktion, Investition, Konsum, Ersparnis u. a.) enthält. Grundlage der Planung bilden Informationen über die verfügbaren Produktionsmittel, welche man bei den einzelnen Produktionsstätten einholt, sowie Informationen über die Rangordnung der Bedürfnisse, die man durch Befragung der Bevölkerung erhält. (Eine totale Zentralplanung ist genaugenommen erst gegeben, wenn an die Stelle der Befragung die autoritäre Festlegung der Konsum- und Produktionsziele durch zentrale politische Gremien tritt.) Die Koordination der einzelnen Teilpläne des Zentralplanes erfolgt bereits bei der Planaufstellung (sog. ex-ante-Koordination). Der Ausgleich von Güterproduktion und Güternachfrage wird durch Ausgabe von Bezugsscheinen nach Maßgabe des Produktionsplanes herbeigeführt, wobei im Falle von Verfehlungen der Produktionsziele Rationierungen erfolgen. Die zentrale Planungsbehörde übernimmt auch die Lenkung der Produktionsfaktoren, das heißt sie macht den Haushalten Auflagen bezüglich ihres Angebots an Arbeitsleistungen, sie teilt den Produktionsstätten die Arbeitskräfte, den Boden und das Sachkapital zu und sie macht ihnen Auflagen bezüglich ihres Einsatzes und der Höhe der Produktion, d. h. sie legt quantitative Produktionssolls fest. Die Einhaltung der Planvorschriften erfolgt durch diverse Kontroll- und Zwangsmaßnahmen, wobei der Eigentumsordnung zentrale Bedeutung zukommt. Die zentrale Planungsbehörde kann ihren Plan nämlich nur dann durchsetzen, wenn sie auch die Verfügungsgewalt über die Produktionsfaktoren besitzt, d. h. wenn diese sich nicht im Privateigentum bestimmter Einzelsubjekte, sondern im Kollektiveigentum der Gemeinschaft befinden. In der idealtypischen Marktwirtschaft ist die Entscheidungs- und Planungskompetenz total dezentralisiert (dezentrale Planwirtschaft). Alle Unternehmungen und Haushalte stellen eigene Wirtschaftspläne auf, die Unternehmungen beispielsweise bezüglich Produktion und Investition, die Haushalte bezüglich Konsum und Ersparnis. Da die Plandurchsetzung die Verfügungsgewalt über die Produktionsfaktoren voraussetzt, ist auch das Eigentum an den Produktionsfaktoren dezentralisiert, d. h. es herrscht Privateigentum an den Produktionsfaktoren. Da die Aufstellung der Wirtschaftspläne seitens der Haushalte und Unternehmen selbständig und unabhängig voneinander erfolgt, kommt dem Koordinationsmechanismus besondere Bedeutung zu. Es bedarf eines Instruments, das die Pläne der Wirtschaftssubjekte im Nachhinein zur Übereinstimmung bringt (sog. expost-Koordination), das also beispielsweise das Güterangebot der Unternehmen und die Güternachfrage der Haushalte zum Ausgleich bringt. Dieses Koordinationsinstrument ist der Markt. Von seinem Koordinationsinstrument erhält das System seinen Namen: Marktwirtschaft: Auf den Märkten erfolgt der Ausgleich von Angebot und Nachfrage durch freie Preisbildung. Die Preise liefern allen Marktteilnehmern zugleich die Informationen über die jeweilige Knappheit von 32 1. Teil: Grundlagen Gütern und Faktoren und ihre Entwicklung. Die Preise bilden insoweit den Informationsmechanismus der Marktwirtschaft. Steigende Preise signalisieren zunehmende, fallende Preise signalisieren abnehmende Knappheit. Die Preise bilden zugleich den Lenkungsmechanismus der Marktwirtschaft. Steigende Güterpreise geben den Unternehmen den Anreiz, die Produktion durch Mehreinsatz von Produktionsfaktoren auszudehnen. Durch Mehrproduktion und Angebotssteigerung kommt es wieder zu einer Preissenkung und damit zum Wegfallen des Anreizes. Sinkende Güterpreise signalisieren den Unternehmen, dass es sich nunmehr weniger lohnt, die entsprechenden Güter zu produzieren. Produktionsfaktoren werden aus dieser Produktionsrichtung abgezogen. Durch Minderproduktion und Angebotsreduzierung kommt es wieder zu einer Preissteigerung und damit zur Stabilisierung der Marktsituation. Die jeweilige Preisentwicklung, genauer gesagt die Änderung der Preisverhältnisse, der Preisrelationen, der sog. relativen Preise der Güter bewirkt, dass die Produktion umstrukturiert wird und dass die Produktionsfaktoren in die von den Nachfragern der Güter gewünschten Verwendungen gelenkt werden (Allokationsmechanismus). Die beiden reinen Prinzipien (Idealtypen) der Zentralplanwirtschaft und der Marktwirtschaft werden in Tabelle 1.2. noch einmal kurz vergleichend gegen- übergestellt. Tabelle 1.2. Abgrenzungsmerkmale Zentralplanwirtschaft Marktwirtschaft 1. Entscheidungskompetenz Zentrale Planung: Planungsbehörde legt Produktions- und Konsummengen fest Dezentrale Planung: Unternehmen planen u. a. Produktion und Investition, Haushalte planen u. a. Konsum und Ersparnis 2. Informationsmechanismus alternativ: Befragung der Produktionsstätten und der Haushalte oder autoritäre Festlegung Preise auf Märkten als Knappheitsanzeiger1) 3. Koordinationsmechanismus Planungsbehörde organisiert die Koordination von Produktion und Nachfrage auf allen Produktionsstufen ex ante mit Hilfe von Bezugsscheinen Preise auf Märkten gleichen Angebot und Nachfrage ex post aus1) 4. Lenkungsmechanismus Planungsbehörde lenkt die Produktionsfaktoren und legt die Produktionssolls fest Preise auf Märkten lenken die Produktionsfaktoren1) 5. Eigentumsordnung Kollektiveigentum Privateigentum 1) Informations-, Ausgleichs- und Lenkungsfunktion der Preise in der Marktwirtschaft Kapitel B: Arbeitsteilige Volkswirtschaft und Wirtschaftssystem 33 3. Realtypische Wirtschaftssysteme Die zuvor dargestellten reinen Prinzipien der Zentralplanwirtschaft und der Marktwirtschaft sind in der wirtschaftlichen Wirklichkeit in keiner einzigen Volkswirtschaft vollständig verwirklicht. Real existierende Wirtschaftssysteme sind dadurch gekennzeichnet, dass sie auf der Grundlage einer (wirtschafts-) politischen Entscheidung über die Vorteile bzw. die Nachteile des jeweiligen reinen Prinzips zur Lösung einzelner Planungsprobleme Elemente der beiden reinen Prinzipien verwenden. Als Nachteile der reinen Zentralplanwirtschaft werden u. a. die aus der eingeschränkten ökonomischen Freiheit resultierenden Motivationsverluste und die mangelnde Beweglichkeit behördlicher Lenkungsmechanismen, das sog. Staatsversagen, gesehen. Als Nachteile der reinen Marktwirtschaft erscheinen dementsprechend das Marktversagen bei öffentlichen Gütern und diverse Fehlentwicklungen wie die mangelnde Versorgung von Jugendlichen, Kranken, Alten und Arbeitslosen, die weitgehende Kurzfristigkeit von Marktabläufen und damit die Vernachlässigung von Nachhaltigkeitsaspekten bezüglich der Umwelt und möglicherweise auch das Entstehen von konjunkturellen Schwankungen und unerwünschten strukturellen Effekten wie das Entstehen von Verdichtungsräumen bei gleichzeitiger Entleerung peripherer Regionen. Darüber hinaus ist die Marktwirtschaft durch das Erstreben und Erreichen wirtschaftlicher Machtstellungen einzelner Wirtschaftssubjekte und die damit einhergehende Reduzierung des Wettbewerbs ständig gefährdet. Realtypische Wirtschaftssysteme sind daher durchweg als Mischsysteme organisiert, wobei in der Regel aber die Elemente eines der beiden Idealtypen deutlich dominieren. Daraufhin hat es sich eingebürgert, auch die Realtypen nach dem in ihnen jeweils dominierenden Prinzip als Zentralplanwirtschaften bzw. als Marktwirtschaften zu bezeichnen. So wurden beispielsweise die in den ehemaligen sozialistischen Ländern praktizierten Systeme trotz der Existenz zahlreicher marktwirtschaftlicher Elemente (z. B. Ansätze von dezentraler Planung wie etwa freie Konsum- und Arbeitsplatzwahl) wegen der Dominanz der Zentralplanung als Zentralplanwirtschaften etikettiert. Analog werden die zunächst in den westlichen Ländern und nunmehr fast weltweit praktizierten Systeme wegen der Dominanz der marktwirtschaftlichen Elemente als Marktwirtschaften bezeichnet, obwohl in allen diesen Ländern in mehr oder weniger starkem Umfang Zentralplanungselemente enthalten sind (insbesondere die Versorgung mit öffentlichen Gütern sowie Eingriffe in den Marktmechanismus in vielfältiger Form). Zum Teil wird die bewusst angestrebte Abweichung vom Idealtyp Marktwirtschaft durch eine besondere Etikettierung herausgestellt, wie es beispielsweise beim Konzept der Sozialen Marktwirtschaft in der Bundesrepublik Deutschland der Fall ist. Die Frage nach der Zahl der denkbaren Realtypen ist angesichts vielfältiger Kombinationsmöglichkeiten von Markt und Zentralplanung bereits bei Verwendung dieses dualen Ansatzes nicht eindeutig zu beantworten. Gemäß den soeben vorgetragenen Überlegungen lassen sich zunächst auch zwei Realtypen unterscheiden. Andererseits ist es möglich, Unterformen als eigene Realtypen herauszustellen, so z. B. die Soziale Marktwirtschaft, die durch eine sog. Globalsteuerung 34 1. Teil: Grundlagen gelenkte Marktwirtschaft, den Konkurrenzsozialismus sowie die zuvor erwähnten divergierenden Erscheinungsformen einer zentral geleiteten Wirtschaft nach W. Eucken. In der Übersicht 1.1 findet sich ohne weitere vertiefende Erläuterungen die Einordnung diverser historisch praktizierter Konzeptionen als Mischsysteme zwischen den Extremen der Zentralplanwirtschaft und der Marktwirtschaft. Dabei handelt es sich allerdings nur um grobe Positionierungen. Die einzelnen Abstände sind nicht zentimetergenau zu interpretieren. Sie variieren je nach dem gewählten Abgrenzungsmerkmal. Übersicht 1.1 Marktwirtschaft Zentralplanwirtschaft Merkantilismus Klassischer Liberalismus Marxismus- Leninismus Interventionismus Revisionismus Wirtschaftslenkung „Nationalsozialismus“ Neoliberalismus Freiheitlicher Sozialismus Soziale Marktwirtschaft Planification Konkurrenzsozialismus Noch komplexer wird die Antwort auf die Frage nach der Zahl der Realtypen und ihren jeweiligen Ausprägungen, wenn man die zuvor erwähnten weiteren Idealtypen (reinen Prinzipien) der Koordination durch Karitas, durch Verhandlungen und Gruppenvereinbarungen, durch Wahlen und durch Netzwerke mit in Betracht zieht. Reale Volkswirtschaften erweisen sich dann als höchst komplexe Gebilde, in denen letztlich alle Koordinationsprinzipien anzutreffen sind, in denen die jeweiligen Gewichte der einzelnen Prinzipien aber unterschiedlich sind und im historischen Zeitablauf auch Änderungen erfahren. Kapitel B: Arbeitsteilige Volkswirtschaft und Wirtschaftssystem 35 Greift man beispielsweise das reale Wirtschaftssystem der Bundesrepublik Deutschland heraus, so zeigt es sich, dass ein großer Teil der ökonomischen Transaktionen über Märkte erfolgt. Die einzelnen Wirtschaftssubjekte selbst bilden ihrerseits einfache zentralgeleitete Wirtschaften im Sinne von Eucken, da in ihnen (weitgehend) Zentralplanung stattfindet. Der Zentralplanungsbereich wird darüber hinaus durch die staatliche Administration mit erheblichem Anteil an der gesamtwirtschaftlichen Aktivität gebildet. Die staatliche Zentralplanung erfolgt dort, wo der Markt versagt, oder auch dort, wo der Markt durch die Aktivitäten einzelner gefährdet ist und geschützt werden muss. Über die jeweilige Zusammensetzung der Parlamente, über die Regierungen und damit über das Angebot an öffentlichen Gütern entscheiden die Haushalte durch Wahlen. Wahlen finden schließlich auch bei der internen Willensbildung von Verbänden (Arbeitgeberverbände, Gewerkschaften) statt, diese schließen Gruppenvereinbarungen mit anderen bzw. lösen Konflikte mit Hilfe von Verhandlungen (z. B. Tarifverhandlungen). Haushalte wie Unternehmungen sind schließlich in Netzwerke vielfältiger Form wie etwa familiäre, verwandtschaftliche und freundschaftliche Bindungen bzw. langfristige Lieferanten-Kunden-Beziehungen eingebunden, und sie lösen zahlreiche weitere Koordinationsprobleme, wo Märkte und staatliche Institutionen versagen, durch Karitas, also solidarische Aktivitäten, humanitäres Handeln, Schenkungen, Stiftungen und anderes. Kapitel B: Arbeitsteilige Volkswirtschaft und Wirtschaftssystem Abb. 1.12. Als Illustration jener komplexen Mischung unterschiedlicher und einander ergänzender Koordinationsprinzipien in der Bundesrepublik Deutschland könnte die Abb. 1.12. eines sechspoligen Kräftefeldes verstanden werden, aus der deutlich wird, dass hier das Prinzip Markt dominiert, die Prinzipien Zentralplanung und Wahlen mit erheblichem Gewicht hinzukommen und ebenfalls wichtige Ergän- 36 1. Teil: Grundlagen zungen durch Verhandlungen und Gruppenvereinbarungen, durch Netzwerke und durch Karitas geliefert werden. Dabei sollte das in der Mitte entstandene Sechseck nicht in dem Sinne überinterpretiert werden, dass die jeweiligen Strecken vom Mittelpunkt aus exakt quantifizierbar wären. Sie stellen lediglich Tendenzaussagen dar. Mit Hilfe der Abb. 1.12. wäre es auch reizvoll, historische Entwicklungsprozesse eines Landes nachzuzeichnen oder aber Ländervergleiche anzustellen und zu illustrieren. Mehr oder weniger eindeutige Aussagen wären aber nur bei sehr offensichtlichen Unterschieden (etwa ehemalige Sowjetunion und USA oder DDR vor 1990 und Ostdeutschland heute) möglich und graphisch darstellbar. 1. Teil: Grundlagen Kapitel C: Volkswirtschaftliche und Mikroökonomische Theorie C. Volkswirtschaftslehre und Mikroökonomische Theorie I. Volkswirtschaftslehre und Wirtschaftstheorie 1. Die Aufgaben der Volkswirtschaftslehre und die Bedeutung der Wirtschaftstheorie Vor dem Hintergrund der zuvor erörterten Sachverhalte ist nunmehr darzulegen, welche Aufgaben und Fragestellungen im Rahmen der Volkswirtschaftslehre behandelt werden und welche speziellen Themen in den Bereich der Mikroökonomischen Theorie fallen. Da die Volkswirtschaftslehre das gesamte Wirtschaftsgeschehen als ihren Erkenntnisgegenstand versteht, befasst sie sich dementsprechend mit allen zuvor dargestellten Fragen. Ausgehend vom Phänomen der Knappheit erörtert sie die bei dem Versuch der Knappheitsreduzierung auftretenden Probleme, so z. B. die Fragen des Wachstums, der Beschäftigung, der Allokation und der Verteilung, aber auch die Frage nach dem zu wählenden Wirtschaftssystem. Bevor auf die Teilgebiete der Volkswirtschaftslehre und insbesondere auf das Teilgebiet „Mikroökonomische Theorie“ näher eingegangen wird, sollen zuvor noch einige Einzelheiten dieses Befassens mit dem Wirtschaftsgeschehen dargelegt werden. Den Wirtschaftswissenschaften (und damit auch der Volkswirtschaftslehre) werden üblicherweise vier zentrale Aufgaben zugeschrieben, nämlich die Beschreibung, die Erklärung und die Prognose des Wirtschaftsgeschehens sowie die Beratung bei der Gestaltung des Wirtschaftsgeschehens. Wichtigste Aufgabe in diesem Kontext ist die Erklärung des Wirtschaftsgeschehens. Voraussetzung für die Prognose zukünftiger Wirtschaftsentwicklung sowie für die Beratung von Wirtschaftssubjekten, wie sie das Wirtschaftsgeschehen im Sinne einer Realisierung der von ihnen angestrebten Ziele beeinflussen können, ist es, dass man wirtschaftliche Vorgänge zu erklären vermag, d. h. dass man die Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge kennt. Auch wenn sich die Erklärungen letztlich auf raum- und zeitbezogene Einzelphänomene beziehen (z. B. auf die Ursachen des Steigens der Automobilnachfrage in der Bundesrepublik im Jahre 1991), so wird man zu solchen Erklärungen nur gelangen, wenn man die generell geltenden Gesetzmäßigkeiten zwischen den

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References

Zusammenfassung

Mikroökonomie leicht und verständlich

Dieses Lehrbuch bietet eine verständliche Darstellung eines zentralen Teilgebiets der Ökonomik. Da Inhalt und Aussagewert der Mikroökonomik häufig dadurch unklar bleiben, dass die Studenten zuviel rechnen müssen und dabei nicht mehr genügend zum Denken kommen, wird die Algebra in nur sparsamer Dosierung eingesetzt. Dafür stellt das Buch die grundlegenden Fragestellungen und Modelle umso klarer und lesefreundlicher dar und unterstützt das Lernen mit zahlreichen Kontrollfragen.

* Grundlagen

* Einführung in die Nachfrage- und Angebotstheorie

* Theorie der Nachfrage

* Theorie des Angebots

* Theorie des Marktgleichgewichts

* Theorie der Marktprozesse

Das Lehrbuch beantwortet unter anderem folgende Fragen:

* Warum und in welcher Menge fragen Haushalte bestimmte Güter nach?

* Welche Ziele verfolgen Unternehmen?

* Wann ist ein Marktpreis stabil?

* Welche Marktform ist effizient?

* Fördert Wettbewerb den technischen Fortschritt?

Die Autoren

Prof. Dr. Klaus Herdzina ist Professor an der Universität Hohenheim.

Prof. Dr. Stephan Seiter ist Professor an der ESB Business School an der Hochschule Reutlingen.