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Kapitel C: Kritik und Erweiterungen der Theorie des Marktgleichgewichts in:

Klaus Herdzina, Stephan Seiter

Einführung in die Mikroökonomik, page 213 - 225

11. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8006-3630-3, ISBN online: 978-3-8006-4346-2, https://doi.org/10.15358/9783800643462_213

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202 5. Teil: Die Theorie des Marktgleichgewichts vertragliche Absprachen (Kartelle) zustande kommen. Da abgestimmtes Verhalten und Absprachen in der Regel durch Kartellgesetze verboten sind und weil Preisführerschaft bzw. die Orientierung an einem Preisführer gewisse Risiken birgt, weichen zahlreiche Oligopolisten in Aktivitäten des Nichtpreiswettbewerbs (Qualität, Service usw.) aus. Kapitel C: Kritik und Erweiterungen der Theorie des Marktgleichgewichts C. Kritik und Erweiterungen der Theorie des Marktgleichgewichts I. Die Gleichgewichtstheorie als Bedingungstheorie Bezüglich der Theorie des Marktgleichgewichts ist nunmehr zu fragen, ob sie ihre Aufgaben als explikative Theorie bzw. als Bedingungstheorie erfüllt. Was die Eignung der Theorie als Bedingungstheorie anlangt, so soll auf die Bedingungen für die Realisierung individueller Gleichgewichte nicht mehr eingegangen werden. Der Frage, ob es den Haushalten bzw. den Unternehmungen möglich ist, die in der Theorie dargelegten Handlungsanweisungen zu befolgen, ist am Ende des 3. und des 4. Teils nachgegangen worden. Auch wenn in der Marktgleichgewichtstheorie nunmehr Marktformen erörtert worden sind, in denen die Unternehmen den Marktpreis beeinflussen können, so ergeben die Analysen dieser Marktformen bezüglich der Regeln der Gewinnmaximierung nichts Neues. Die allgemeine Gewinnmaximierungsbedingung (4.21) war bereits im 4. Teil hergeleitet worden. Im Folgenden ist ausschließlich auf die Bedingungen für die Existenz und Stabilität des Marktgleichgewichts sowie auf die Bedingungen für ein gesamtwirtschaftliches Optimum einzugehen. 1. Die Bedingungen für die Existenz und die Stabilität des Gleichgewichts Was die Bedingungen für die Existenz des Marktgleichgewichts im homogenen Polypol anlangt, so sind diese vergleichsweise unproblematisch. Die Existenz eines Schnittpunktes von Nachfrage- und Angebotskurve ist selbstverständlich und ruft noch einmal die seltene Sondersituation freier Güter sowie das nicht so seltene Phänomen öffentlicher Güter (Fehlen einer privaten Marktnachfrage trotz Existenz entsprechender Bedürfnisse) in Erinnerung. Bezüglich der Existenz eines Marktgleichgewichts auf unvollkommenen Märkten ist auf die Probleme der Herleitung von Marktnachfrage- und Marktangebotskurven für heterogene Güter hinzuweisen. Es wurde bereits angedeutet, dass es hier notwendig sein könnte, die Gesamtmarktanalyse aufzugeben und nur individuelle Unternehmungsgleichgewichte zu betrachten. Auf diesen Punkt ist später noch einmal zurückzukommen. Auch die Bedingungen für die Stabilität des Marktgleichgewichts verstehen sich weitgehend von selbst. Die Frage der Stabilität berührt insbesondere die Organisationsform des Marktes bzw. die Art der Findung des Gleichgewichtspreises. Mit dem Auktionatormodell wird ein Weg aufgezeigt, das Marktgleichgewicht auch bei inversen Verläufen von Marktangebot und Marktnachfrage zu finden. Kapitel C: Kritik und Erweiterungen der Theorie des Marktgleichgewichts 203 Von außerordentlicher wirtschaftspolitischer Bedeutung ist schließlich die von der Theorie vermittelte Erkenntnis, dass eine freie Preisbildung für den Marktausgleich unabdingbar ist und dass politisch festgelegte Höchst- und Mindestpreise diesen verhindern, was sich in der Realität vor allem auf Agrarmärkten und sehr eindrucksvoll auch auf Arbeitsmärkten mit dem denkbaren Entstehen von Mindestlohnarbeitslosigkeit und auf Devisenmärkten z. B. mit dem Phänomen der importierten Inflation bei stabilen Wechselkursen zeigt. 2. Die Bedingungen für ein gesamtwirtschaftliches Optimum Die Marktgleichgewichtstheorie behauptet die Existenz eines gesamtwirtschaftlichen Optimums, wenn auf allen Märkten der Volkswirtschaft homogene Polypole realisiert sind. Gegen diese Behauptung richten sich verschiedene schwerwiegende Einwände, die hier nicht alle im Einzelnen erörtert werden können. Insbesondere den zuvor schon angesprochenen Gedanken, dass die Nachfrager möglicherweise gar keine völlig identischen Güter wünschen, sondern einen bestimmten Grad an Produktdifferenzierung präferieren (E. H. Chamberlin, J. M. Clark), soll nicht weiter nachgegangen werden. Er schließt logisch nicht aus, dass jede Produktvariante von vielen Unternehmungen angeboten wird. Im Folgenden sollen vier maßgebliche Einwände kurz angesprochen werden, und zwar das Second-Best-Problem, das Problem der externen Effekte, das Problem der Größendegression und das Problem der Fortschrittsaktivitäten. a) Das Second-Best-Problem Ein häufig geäußerter Einwand gegen das vorgetragene Optimumkonzept lautet, dass die Bedingungen des homogenen Polypols derartig extrem sind, dass sie in der Praxis gar nicht realisierbar seien. Für die Eignung der Theorie als Bedingungstheorie ist dieser Einwand zunächst insoweit nicht relevant, als auch eine gar nicht oder nur schwer erreichbare Idealsituation als Leitbild und Zielgröße fungieren kann. Relevant in diesem Zusammenhang ist allerdings die wiederum auf Cournot zurückgehende These, dass eine Annäherung an die Prämissen des homogenen Polypols zu einer entsprechenden Annäherung an die optimalen Marktergebnisse führt. Cournot hatte in seinem Oligopolmodell mit Mengenstrategie gezeigt, dass mit steigender Zahl der Anbieter eine Annäherung an die im homogenen Polypol realisierte Angebotsmenge erfolgt. Die generelle Gültigkeit dieser These ist inzwischen nachhaltig in Frage gestellt worden. In zahlreichen Beispielen ist u. a. von N. Kaldor, J. M. Clark sowie R. G. Lipsey und K. Lancaster gezeigt worden, dass Annäherungen an die Prämissen des homogenen Polypols die Marktergebnisse nicht in jedem Fall verbessern (vgl. auch das zuvor erörterte Beispiel der Überschusskapazität durch Marktzutritt im heterogenen Polypol). Eine geschlossene Theorie bezüglich der dann zweitbesten Lösung (Second Best), wenn das Optimum nicht erreichbar ist, konnte aber bislang nicht entwickelt werden. b) Das Problem der externen Effekte Die These von der Existenz eines gesamtwirtschaftlichen Optimums bei homogenen Polypolen wird auch durch die Problematik der sog. externen Effekte berührt. 204 5. Teil: Die Theorie des Marktgleichgewichts Externe Effekte im weiteren Sinn sind definiert als Vor- oder Nachteile, die einem Wirtschaftssubjekt durch die Aktivitäten anderer Wirtschaftssubjekte entstehen. Soweit sie sich in den Preisen der Güter niederschlagen (z. B. technischer Fortschritt in sinkenden Güterpreisen), werden sie als pekuniäre externe Effekte bezeichnet und berühren die Ergebnisse der bisherigen Analyse nicht. Demgegen- über bewirken die sog. technischen externen Effekte (externe Effekte im engeren Sinn) eine Differenz zwischen privater und sozialer Grenzproduktivität bzw. zwischen privaten und sozialen Grenzkosten, welche sich nicht in den Preisen der Güter niederschlägt. Das Standardlehrbuchbeispiel eines positiven externen Effekts zwischen zwei Unternehmungen ist der Fall eines Obstbauern und eines Imkers, deren Produktionen sich, ohne dass sie miteinander in Geschäftsbeziehungen stehen, gegenseitig positiv beeinflussen. Die Produktion jedes der beiden steigert die Produktivität des Anderen. Negative externe Effekte von erheblicher empirischer Relevanz bilden alle Arten von Umweltverschmutzung durch Unternehmungen, aber auch durch Haushalte. Treten bei der Produktion eines Gutes gesundheitsschädigende Emissionen auf, so entstehen den Unternehmungen allein die privaten (Grenz)kosten dieser Produktion in Höhe der mit ihren Preisen bewerteten Faktoreinsatzmengen. Die von der (Mehr)produktion ausgehenden Schäden für andere stellen soziale (Grenz)kosten dar, die von den verursachenden Unternehmungen nicht getragen werden. Orientiert sich die Preisbildung an den (zu niedrigen) privaten Grenzkosten, so wird von dem schädigenden Gut eine zu große Menge zu einem zu niedrigen Preis abgesetzt. Das gesamtwirtschaftliche Optimum wird bei Existenz von externen Effekten daher selbst im homogenen Polypol nicht erreicht. Es liegt dann sogar in dieser Marktform ein Marktversagen vor. Angesichts dieser Erkenntnis stellt sich die Frage nach den wirtschaftspolitischen Konsequenzen. Sie wird unterschiedlich beantwortet. Zum einen wird darauf hingewiesen, dass privatwirtschaftlich organisierte Internalisierungen von (erkannten) externen Effekten möglich sind (Coase-Theorem). So können sich die betroffenen Unternehmen etwa auf eine gemeinsame Gewinnmaximierung verständigen oder sich sogar zusammenschließen. Zu bedenken ist allerdings, dass die dabei auftretenden Monopolisierungstendenzen möglicherweise neue Abweichungen vom gesamtwirtschaftlichen Optimum auslösen. Soweit man geneigt ist, den privatwirtschaftlichen Lösungen weniger zu vertrauen, werden staatliche Eingriffe in das Marktgeschehen propagiert. Staatliche Eingriffe können insbesondere in der Form von Produktionsverboten bzw. technischen Auflagen bei der Produktion ergriffen werden. Ferner ist daran zu denken, Verursachern positiver externer Effekte Subventionen zu zahlen und die Verursacher negativer externer Effekte mit Steuern zu belegen (Pigou-Lösung). Durch eine Steuer kann beispielsweise versucht werden, die privaten Grenzkosten auf die Höhe der sozialen Grenzkosten anzuheben und dadurch die Menge des Gutes zu reduzieren und seinen Preis zu erhöhen. Hierbei wirft die Ermittlung der sozialen Grenzkosten und damit des kompensierenden Steuersatzes aber kaum lösbare Probleme auf. Im Übrigen dürfen die wenigen, immer wieder zitierten Standardbeispiele für externe Effekte den Blick dafür nicht verstellen, dass externe Effekte fast allgegenwärtig sind. Sie durch private oder staatliche Maßnahmen total kompensieren Kapitel C: Kritik und Erweiterungen der Theorie des Marktgleichgewichts 205 zu wollen, ist daher eine Illusion. Zudem führen auch staatliche Versuche, externe Effekte auszugleichen, zu Folgewirkungen – also möglicherweise neuen negativen externen Effekten –, so dass an die Stelle von Marktversagen Staatsversagen tritt. Insoweit kann es nur darum gehen, in den besonders schwerwiegenden Fällen externer Effekte, insbesondere bei der Umweltverschmutzung, kompensierende bzw. verhindernde Maßnahmen durchzusetzen. c) Das Problem der Größendegression Die These von der Existenz eines gesamtwirtschaftlichen Optimums im homogenen Polypol wird ferner durch das Phänomen der Größendegression erschüttert. Der zuvor behandelte Vergleich der Preisbildung im Monopol und im homogenen Polypol basierte auf der Annahme gleicher Kosten. Gleiche Kosten in kleinen (polypolistischen) und großen (monopolistischen) Unternehmungen ergeben sich jedoch nur dann, wenn Größenvorteile fehlen, die Produktionsbedingungen also durch konstante Skalenerträge gekennzeichnet sind. Existieren demgegenüber steigende Skalenerträge, d. h. führen Erhöhungen der Einsatzmengen aller Faktoren (proportionale Faktorvariation) zu überproportionalen Ertragssteigerungen, so liegen die Stückkostenminima größerer Unternehmungen niedriger als die Stückkostenminima kleinerer Unternehmungen. Eine die (kurzfristigen) Stückkostenkurven k1, . . ., kn umhüllende Linie (langfristige Stückkostenkurve kl) weist dann eine fallende Tendenz auf (vgl. zuvor Abb. 4.18.). Eine entsprechende langfristige Gesamtkostenkurve verläuft degressiv (Größendegression). Auf die Ursachen und das Ausmaß von Größenvorteilen kann hier nicht vertieft eingegangen werden. Prinzipiell resultieren Größenvorteile daraus, dass größere Unternehmungen in verschiedenen Unternehmensbereichen (Fertigung, Organisation, Beschaffung, Finanzierung, Absatz) höhere Grade an Arbeitsteilung in Verbindung mit qualitativ höherwertigem Kapitaleinsatz realisieren können (Massenproduktionsgesetz nach K. Bücher). Sind bei einer bestimmten Unternehmensgröße alle dem gegenwärtigen technologischen Stand entsprechenden Kostenvorteile ausgeschöpft, so bewirken weitere Erhöhungen der Unternehmensgröße keine weiteren Kostensenkungen. Da dann nur noch multiple Unternehmenserweiterungen möglich sind, verläuft die langfristige Stückkostenkurve horizontal (vgl. zuvor Abb. 4.19.). Da Größenvorteile in einem gewissen Umfang stets existieren und da sie sich andererseits nicht unbegrenzt fortsetzen dürften, können Abb. 4.18. und Abb. 4.19. nunmehr zu einer neuen Abb. 5.19. zusammengefügt werden, in welcher qx1 die sog. mindestoptimale Größe (MOG) ausweist. Die Existenz einer solchen mindestoptimalen Unternehmensgröße hat nun weitreichende Konsequenzen für die in allokationstechnischer Hinsicht optimale Marktform. Liegt die MOG in Höhe oder gar jenseits der Höhe der jeweils nachgefragten Menge, so ist es – um mit niedrigst möglichen Stückkosten kmin zu produzieren – sinnvoll, die gesamte Produktion eines Gutes einem einzigen Unternehmen zu übertragen. Es liegt der Fall eines natürlichen Monopols vor. Aber auch wenn die Größenvorteile mehr oder weniger früh enden, ist es denkbar, dass ein Markt nur von einer relativ geringen Zahl kostenoptimal produzierender Unternehmungen versorgt werden kann. Der aus Allokationsgründen notwendige Konzentrationsgrad liegt dann entsprechend hoch. Bei einer polypolistischen 206 5. Teil: Die Theorie des Marktgleichgewichts Abb. 5.19. Marktstruktur würden die Nachfrager also möglicherweise schlechter versorgt, obwohl im homogenen Polypol im jeweiligen Betriebsoptimum produziert wird und dieses bei Abweichungen vom homogenen Polypol verfehlt wird. Wie viele kostenoptimal produzierende Unternehmungen auf einem Markt agieren können, hängt nun nicht nur von der Lage der mindestoptimalen Größe der Unternehmungen, sondern auch von der Größe des Marktes ab. Auf entsprechend großen Märkten können auch bei Vorliegen erheblicher Größenvorteile polypolistische Marktstrukturen realisiert sein. Sofern die mindestoptimale Unternehmensgröße also hoch liegt oder sogar steigt, kommt der Erweiterung des Marktes durch den Abbau von Handelshemmnissen (etwa im europäischen Binnenmarkt) erhebliche Bedeutung zu. d) Das Problem der Fortschrittsaktivitäten Ein letzter zentraler Kritikpunkt an der Marktgleichgewichtstheorie und dem Konzept des homogenen Polypols bezieht sich auf den statischen Charakter der Analyse und damit insbesondere auf die Vernachlässigung des technischen und organisatorischen Fortschritts. Die Marktgleichgewichtstheorie und die ihr vorgelagerte Nachfrage- und Angebotstheorie basieren auf der Annahme, dass die Nutzenvorstellungen, die Einkommen, der Stand der Technik und die Kosten sich nicht ändern, im Übrigen auch darauf, dass das auf dem Markte befindliche Gut X vorgegeben und unveränderbar ist. Auf der Grundlage derart konstanter Daten werden die Bedingungen für ein gesamtwirtschaftliches Optimum hergeleitet. Sie beziehen sich auf jenen Zeitraum, in dem sich die Daten nicht ändern, also möglicherweise nur auf einen einzigen Zeitpunkt. Auch wenn die Erkenntnisse einer derart statischen Analyse zunächst durchaus nützlich sind, so fragt es sich doch, welche Relevanz die Bedingungen für ein derartiges Optimum in einer realen Welt haben, in welcher sich die ökonomischen Daten permanent ändern. Die Zweifel gipfeln schließlich in der These, dass ein System, das zu jedem beliebigen Zeitpunkt sein Optimum erreicht, dieses im Zeitablauf verfehlt (J. A. Schumpeter). In diesem Zusammenhang wird vor allem gefragt, ob und in welchem Umfang sich auf den jeweiligen Märkten Kräfte entwickeln, die zu einer positiven Veränderung der Marktgegebenheiten im Sinne einer Realisierung von Produkt- und Kapitel C: Kritik und Erweiterungen der Theorie des Marktgleichgewichts 207 Verfahrensfortschritt führen. Gerade bezüglich der Fähigkeit, Fortschrittsaktivitäten zu entfalten, ist die Marktform des homogenen Polypols aber erheblichen Zweifeln ausgesetzt. Es wird gefragt, ob in einer Marktkonstellation, in welcher letztlich alle Unternehmen nur noch den landesüblichen Normalgewinn erzielen, das zur Finanzierung von Forschung und Entwicklung notwendige Risikokapital verfügbar ist. Entsprechend ist formuliert worden, dass es zur Realisierung von Fortschritt gewisser Mindestgrößen von Unternehmungen, gewisser Monopolgrade und damit gewisser Extragewinne bedarf (J. A. Schumpeter). Neben die Frage nach der allokationsoptimalen Unternehmergröße und dem allokationsoptimalen Konzentrationsgrad ist demnach die Frage nach der fortschrittsoptimalen Größe und dem fortschrittsoptimalen Konzentrationsgrad getreten. Auf die zahlreichen Untersuchungen zur Lage einer fortschrittsoptimalen Unternehmensgröße und einer fortschrittsoptimalen Marktform kann an dieser Stelle nicht näher eingegangen werden. Immerhin ist anzumerken, dass eindeutige Erkenntnisse nicht vorliegen. Empirisch belegen lässt sich, dass der Fortschrittsprozess in verschiedene Teilprozesse zerfällt – Grundlagenforschung, angewandte Forschung, Erfindung, Innovation, Diffusion – und dass in den einzelnen Phasen möglicherweise unterschiedliche Unternehmensgrößen und Marktformen dominieren. Die Hypothese, dass große und monopolistische Unternehmen durchweg fortschrittsaktiver sind als kleine und polypolistische, hat sich als falsch erwiesen. Außerordentlich bedeutsam für das Ausmaß an Fortschrittsaktivität auf einem Markt dürfte das Ausmaß an Wettbewerb sein. Auf die Frage, ob es eine wettbewerbsoptimale Marktform gibt und wie die häufig anzutreffende Gleichsetzung von homogenem Polypol und vollständiger Konkurrenz zu beurteilen ist, wird im 6. Teil noch zurückzukommen sein. II. Die Gleichgewichtstheorie als explikative Theorie Was die Eignung der Theorie des Marktgleichgewichts als explikative Theorie betrifft, so stehen drei Fragestellungen im Zentrum des Interesses. (1) Lassen sich aus den marktstrukturell definierten Marktformen die entsprechenden Verhaltensweisen tatsächlich deterministisch herleiten und auch empirisch präzise belegen? (2) Welche empirische Relevanz haben die einzelnen Marktformen? (3) Lassen sich die einzelnen Marktformen (und Märkte) theoretisch und empirisch präzise abgrenzen? Diese drei Fragen sind im Folgenden kurz zu erörtern. 1. Marktform und Verhaltensweise Bezüglich der Frage, ob die jeweilige strukturell definierte Marktform ein entsprechendes Marktverhalten determiniert oder zumindest deutlich nahe legt, ist Skepsis angebracht. Zunächst kann auf die Überlegungen am Ende des 3. und 4. Teils zurückgegriffen werden. Dort wurde gezeigt, dass selbst in der Situation von Marktteilnehmern, die den Marktpreis nicht beeinflussen können, Verhal- 208 5. Teil: Die Theorie des Marktgleichgewichts tensweisen denkbar und empirisch belegbar sind, die vom Prinzip der Nutzenmaximierung bzw. der Gewinnmaximierung abweichen. Diese Überlegungen brauchen nicht wiederholt zu werden. Die Gesamtmarktanalyse der Marktgleichgewichtstheorie hat allerdings gezeigt, dass im homogenen Polypol (dem Fall, in dem der einzelne Anbieter den Preis nicht beeinflussen kann) sehr viel für die Verhaltensweise der Gewinnmaximierung spricht. Angesichts der Offenheit des Marktes bleibt dem einzelnen Anbieter eigentlich gar nichts anderes übrig als im Gewinnmaximum, das dann dem Betriebsoptimum entspricht, zu produzieren. Jede andere Ausbringungsmenge bedeutet Verlust bzw. zieht einen Gewinn nach sich, der unter der für die Aufnahme von Unternehmertätigkeit erforderlichen landesüblichen Verzinsung des Eigenkapitals liegt. Ähnlich ist die Situation im heterogenen Polypol, sofern man auch hier mit E. H. Chamberlin von der Offenheit des Marktes ausgeht. Wie im homogenen Polypol resultiert aus dem Marktzutritt neuer Anbieter eine Tangentensituation, die dem einzelnen Anbieter den landesüblichen Gewinn nur dann sichert, wenn er genau im Gewinnmaximum anbietet. Unterstellt man demgegenüber für beide polypolistische Marktformen, dass der Markt doch nicht völlig offen (contestable) ist, so sind von der Gewinnmaximierung abweichende Verhaltensweisen denkbar und auch empirisch zu belegen. Dementsprechend weist die Marktgleichgewichtstheorie für das Monopol und für das Oligopol nach, dass verschiedene Zielsetzungen und Strategien möglich sind. Was das Monopol betrifft, so lässt sich mit Hilfe des Instrumentariums der Theorie zeigen, welches die Vorgehensweisen bei Umsatzmaximierung, Absatzmaximierung, Preisdifferenzierung, Eintrittsverhinderung usw. sind. Insoweit ist die Theorie zunächst in der Lage, real beobachtbare Verhaltensweisen zu beschreiben. Inwieweit es ihr allerdings gelingt, diese Verhaltensformen auch zu erklären, muss offen bleiben. Von Einzelfällen abgesehen (Furcht vor Marktzutritt lässt das Setzen eines eintrittsverhindernden Preises erwarten) zeigt sie nicht genau genug auf, unter welchen Bedingungen der Monopolist die eine oder die andere Verhaltensweise wählt. Eine nützliche Erweiterung der Monopoltheorie geht dahin, zwischen dauerhaft gesicherten, möglicherweise über einen exklusiven Zugang zu bestimmten Ressourcen verfügenden Monopolisten (A. Cournot) und temporären Monopolisten im Sinne von Pionierunternehmen, die lediglich kurzfristige und stets gefährdete Vorsprungspositionen besitzen (J. A. Schumpeter, H. Arndt), zu unterscheiden. Entsprechende Verhaltensalternativen wie für das Monopol ergeben sich auch für das Monopson. Für das Zusammentreffen von Monopol und Monopson, das sog. bilaterale Monopol, kann gezeigt werden, dass bei rationalem Verhalten beider Akteure lediglich eine Preisspanne nachweisbar ist und dass der tatsächlich ausgehandelte Preis nicht zuletzt vom Verhandlungsgeschick der Akteure abhängt, was mit dem Einsatz unterschiedlichster Verhaltensweisen begründbar ist. Bezüglich des Oligopols zeigt die Marktgleichgewichtstheorie, dass der Katalog an denkbaren Verhaltensweisen noch viel breiter ist. Auch hierbei kann die Theorie zunächst nur beschreiben, welche Verhaltensweisen möglich sind und empi- Kapitel C: Kritik und Erweiterungen der Theorie des Marktgleichgewichts 209 risch vorkommen. Auch hier bleiben die Erklärungsansätze sehr vage, d. h. die Theorie zeigt nicht genau genug auf, unter welchen Bedingungen welche Strategie gewählt wird. Andererseits soll nicht verkannt werden, dass die Grundaussage der Theorie, nach der das Oligopol Preisstarrheit, Nichtpreiswettbewerb und bewusstes Parallelverhalten nahe legt sowie wettbewerbsbeschränkendes Marktverhalten – etwa abgestimmtes Verhalten und Kartelle – besonders begünstigt, von erheblichem Erklärungswert und damit von Nutzen für die Wirtschaftspolitik ist. Letztlich lässt sich allerdings zeigen, dass in jeder strukturell definierten Marktform jede Art von Marktverhalten möglich (wenn auch vielleicht nicht immer sinnvoll) ist. Diese Erkenntnis hat bekanntlich dazu geführt, dass man den marktstrukturellen Ansatz zum Teil völlig ablehnt und dazu übergeht, Marktformen nur nach dem praktizierten Verhalten einzuteilen (siehe den zuvor dargestellten Verhaltensansatz). Bei einem derartigen Vorgehen wird jedoch auf den Versuch einer Erklärung des jeweiligen Verhaltens aus ökonomischen und objektiv nachvollziehbaren Phänomenen praktisch verzichtet. 2. Zur empirischen Relevanz der einzelnen Marktformen Nachdem festzustellen war, dass die Marktgleichgewichtstheorie unterschiedliches Marktverhalten in unterschiedlichen Marktformen zwar nicht im Einzelnen, wohl aber in der groben Tendenz nachzuweisen vermag, stellt sich die Frage nach der empirischen Relevanz der einzelnen Marktformen. Insbesondere bezüglich des homogenen Polypols sind erhebliche Zweifel angebracht. Es wurde schon darauf hingewiesen, dass die Bedingungen dieser Marktform so streng formuliert sind (homogene Güter, vollständige Markttransparenz, unendlich viele Anbieter), dass sie insbesondere auf Konsum- und auf Investitionsgütermärkten genau genommen gar nicht realisiert sein können und dass sie näherungsweise allenfalls auf Devisenmärkten vorkommen. Andererseits ist zu bedenken, dass die relevante Folge dieser Marktform, nämlich der fehlende individuelle Einfluss auf den Preis, bereits eintritt, wenn diese Prämissen nur annäherungsweise erfüllt sind. Demgemäß lassen sich in der Realität Märkte mit Mengenanpasserverhalten durchaus finden, insbesondere Börsen und börsenähnlich funktionierende Märkte mit fast homogenen Massenprodukten, also z. B. wiederum Devisenmärkte. Wenn man andererseits in Rechnung stellt, dass derartige Märkte doch relativ selten vorkommen, so folgt daraus eine wichtige wirtschaftspolitische Einsicht. Die dem homogenen Polypol nachgesagten – wenn auch teilweise anzweifelbaren – gesamtwirtschaftlich optimalen Marktergebnisse stellen sich in der Realität nur selten bzw. nur annäherungsweise ein. Die – wiederum umstrittene – wirtschaftspolitische Konsequenz lautet dann, die Gegebenheiten der Realität den von der Theorie aufgezeigten Prämissen so weit wie möglich anzunähern (vgl. dazu die vorherigen kritischen Anmerkungen). Die Frage nach der empirischen Relevanz des Monopols mag zunächst überraschen, nachdem sich offenbar zahllose Belege für die reale Existenz von Monopolisten finden lassen. Man denke nur an einzelne Angebote der Deutschen Bahn AG und der Deutschen Telekom sowie an viele tausend (insbesondere durch 210 5. Teil: Die Theorie des Marktgleichgewichts Patente geschützte) Alleinanbieter von spezifischen Gütern, insbesondere von Investitionsgütern. Insoweit scheint das Monopol ein real sehr häufig vorkommendes Phänomen zu sein. Die Krux einer derartigen Schlussfolgerung liegt allerdings in einem bislang nicht weiter hinterfragten Sachverhalt, nämlich der Definition und Abgrenzung des Gutes X. Der Monopolist wurde zuvor definiert als Alleinanbieter auf einem vollkommenen Markt, also eines einzigen (homogenen) Gutes X. Wenn es nun aber, wie mehrfach angeklungen, kaum vorkommt, dass homogene Güter von verschiedenen Anbietern angeboten werden, da zumindest räumliche, in der Regel auch sachliche, zeitliche und persönliche Unterschiede bestehen, dann ist praktisch jede Unternehmung Alleinanbieter ihres eigenen (homogenen) Gutes X. Das Monopol ist dann allgegenwärtig. Wir leben in einer „world of monopolies“ (J. Robinson). Demgegenüber ist zu bedenken, dass offenbar die meisten dieser Monopolisten Konkurrenten besitzen, da es bezüglich des Gutes X in der Regel mehr oder weniger enge Substitutionsgüter gibt, auf welche die Nachfrager auszuweichen vermögen. Auch die Deutsche Bahn AG hat diesbezüglich der von ihr angebotenen Beförderungsleistungen die Konkurrenzangebote von Schifffahrt, Flugzeug- und Automobiltransportunternehmungen in Rechnung zu stellen. In einer derartigen Situation befinden sich letztlich die meisten Unternehmen. Wiederum streng genommen und genau entgegengesetzt argumentiert kann man die These vertreten, dass es in der Realität überhaupt keine Monopole gibt, da jeder Anbieter von Gütern mit jedem anderen Anbieter um die Kaufkraft der Nachfrager konkurriert. Man denke an die Überlegung eines Haushalts, ob er einen bestimmten Geldbetrag zum Erwerb eines Pelzmantels, einer Stereoanlage, einer Polstergarnitur, eines Gebrauchtwagens oder zur Finanzierung einer Urlaubsreise verwenden soll. Die beiden Auffassungen von der Allgegenwart bzw. der Nichtexistenz von Monopolen sind offenbar Extrempositionen, welche den empirisch beobachtbaren Unterschieden im Marktverhalten bzw. der Preispolitik auf Märkten nicht hinreichend Rechnung tragen. Die empirisch relevante Frage lautet offensichtlich, wie viele enge Substitutionsgüter (d. h. mäßig heterogene Güter) bezüglich eines Gutes X existieren bzw. wie viele Konkurrenten der „Monopolist“ des Gutes X zu beachten hat. Da in der Regel Substitutionsgüter und damit Konkurrenten vorhanden sind, kommt den Marktformen des heterogenen Polypols und des heterogenen Oligopols erhebliche empirische Bedeutung zu. Auf Grund des Zusammentreffens von Monopol- und Konkurrenzelementen auf realen Märkten hat die von der Theorie für das heterogene Polypol und das heterogene Oligopol formulierte doppelt geknickte Preis-Absatz-Kurve beachtlichen Erklärungswert. Besitzt ein Anbieter wenige und zudem schwache Konkurrenten, so wird der monopolistische Spielraum seiner Preis-Absatz-Kurve lang sein. Seine Marktposition wird sich der des reinen Monopolisten annähern (vgl. Abb. 5.20.a.). Besitzt ein Anbieter viele und zudem starke Konkurrenten, so wird der monopolistische Spielraum seiner Preis-Absatz-Kurve nur kurz sein (vgl. Abb. 5.20.b.) und im Extremfall auf Null schrumpfen, so dass die Preis-Absatz-Kurve zur Preisgeraden wird (homogenes Polypol). Kapitel C: Kritik und Erweiterungen der Theorie des Marktgleichgewichts 211 Abb. 5.20. Die zuvor angesprochene These von der Allgegenwart der Monopole, welche sich aus der fast allgegenwärtigen Heterogenität der Güter herleitet, findet eine weitere Stütze, wenn man nicht so sehr auf Konsumgütermärkte, sondern auf Investitionsgütermärkte abstellt, da gerade Investitionsgüter häufig beachtenswerte Spezifika aufweisen. Diese Spezifika können derart ausgeprägt sein, dass sie letzlich sogar nur auf einen einzigen Nachfrager hin ausgerichtet sind, wie es etwa bei Spezialmaschinen oder bei sehr individuellen Accessoires (z. B. Daimlerstern) der Fall ist. Daraus folgt, dass das bilaterale Monopol gerade auf Investitionsgütermärkten eine sehr häufig vorkommende Marktform ist. Auf die Bedeutung des bilateralen Monopols für zahlreiche Arbeitsmärkte wurde zuvor bereits hingewiesen. Ein weiterer Aspekt, welcher die Frage der empirischen Relevanz der einzelnen Marktformen berührt, erwächst aus der allen bisherigen Ausführungen zu Grunde liegenden Symmetrieannahme (alle Anbieter eines Marktes sind gleich groß). Mit dieser Annahme wurden die empirisch zweifellos höchst relevanten Marktformen des Teilmonopols und des Teiloligopols ausgeschlossen. Bezüglich des homogenen und des heterogenen Polypols wurde gar unterstellt, dass alle Anbieter mit gleichen Kosten produzieren. In der Realität dürfte häufig aber bereits die mangelnde Markttransparenz der Anbieter bewirken, dass nicht alle die gegenwärtig technisch optimale Produktionsfunktion kennen und dass sie folglich nicht alle mit den günstigsten Kosten produzieren. Wenn aber die Betriebsoptima der einzelnen Anbieter unterschiedlich hoch liegen, dann wird es nebeneinander sog. Grenzanbieter (mit lediglich landesüblichem Normalgewinn) und kostengünstigere intramarginale Anbieter (mit längerfristigem Extragewinn) geben. In einer solchen Situation fragt es sich, ob die intramarginalen Anbieter ihre Extragewinne dazu verwenden, um ihre Position weiter auszubauen, und ob dann nicht Teiloligopole oder bei Ausscheiden der Grenzanbieter Oligopole entstehen. Unabhängig von der Frage der empirischen Relevanz asymmetrischer Marktformen war zuvor die Bedeutung unvollkommener Märkte mit vielen oder aber mit wenigen Anbietern aufgezeigt worden. Damit stellt sich nunmehr die Frage, ob heterogene Polypole oder heterogene Oligopole in der Realität überwiegen. Diese Frage führt zurück zum zuvor verwendeten Begriff der „engen Substitutionsgüter“ bzw. der „mäßig heterogenen Güter“ und damit zum Marktabgrenzungsproblem. 212 5. Teil: Die Theorie des Marktgleichgewichts 3. Das Marktabgrenzungsproblem Bisher wurde das Problem der Definition und damit der Abgrenzung des Gutes X nicht besonders behandelt. Diese Abgrenzung ist jedoch nur eindeutig bei homogenen Gütern, die es aber – von verschiedenen Unternehmungen angeboten – in der Praxis kaum geben dürfte. Daher stellt sich die Frage, bis zu welchem Heterogenitätsgrad Güter noch dem gleichen Markt, dem sog. relevanten Markt, zugerechnet werden können. Dies sei an einem Beispiel demonstriert: Ist es sinnvoll, einen Markt für Straßenfahrzeuge zu definieren? Dann wären Automobile, Traktoren, Motorräder, Fahrräder und Kinderwagen auf diesem Markt. Hält man das nicht für sinnvoll und teilt man diesen Markt in fünf Märkte auf, so gäbe es unter anderem einen Automobilmarkt, auf dem PKW, LKW, Sattelschlepper und Autobusse angeboten werden. Hält man auch das nicht für sinnvoll und gliedert man ihn in vier Märkte auf, so gäbe es unter anderem einen PKW-Markt, auf dem Kleinwagen, Mittelklassewagen, Wagen der gehobenen Klasse, Sportwagen und Cabrios angeboten werden. Hält man auch das nicht für sinnvoll, so kann man wiederum fünf Märkte unterscheiden, wobei dann zu klären wäre, wo die Grenze zwischen Klein- und Mittelklassewagen zu ziehen ist. Überdies mag gefragt werden, ob nicht noch weiter zwischen Otto- und Dieselmotoren, zwischen Schaltgetriebeund Automatikwagen, zwischen zweirad- und allradangetriebenen Wagen sowie zwischen Stufenheckwagen, Coupés und Caravans zu differenzieren ist. Nur nebenbei sei noch gefragt, ob es nicht Konkurrenzbeziehungen zwischen Cabrios und Motorrädern gibt. Zudem ist neben der sachlichen Abgrenzung zumindest noch die räumliche Abgrenzung des relevanten Marktes vorzunehmen. Die Frage der sachgerechten Abgrenzung des relevanten Marktes ist Gegenstand einer über den engeren Rahmen der Mikroökonomik hinausgehenden Disziplin, der Wettbewerbstheorie und der Wettbewerbspolitik. Die dort entwickelten Marktabgrenzungskonzepte können hier nicht vertieft dargestellt werden. Im Wesentlichen laufen sie darauf hinaus, den Markt von der Nachfrageseite her als sog. Bedarfsmarkt zu definieren. Dabei werden jene Güter dem gleichen Markt zugeschrieben, die von der Mehrzahl der Nachfrager als substituierbar empfunden werden bzw. die bei Preisänderungen tatsächlich gegeneinander substituiert werden. Dabei treten in der Regel erhebliche Ungenauigkeiten auf, so dass die letztlich verwendete Marktgrenze nur zu oft durch ein Werturteil festzulegen ist. In gewissen Fällen lassen sich – durch entsprechend niedrige Kreuzpreiselastizitäten der Nachfrage gemessene – Substitutionslücken (J. Robinson) zwischen Gütern nachweisen. Dann ist es möglich, klare und für mehrere Güter auch gleiche Marktgrenzen festzulegen (etwa zwischen allen PKW und allen Motorrädern). Allzu oft wird man aber feststellen müssen, dass eindeutige und für mehrere Güter gleiche Substitutionslücken nicht nachweisbar sind. Dies sei am bekannten Streckenmodell (z. B. der Autobahntankstellen) sowie am Bienenwabenmodell demonstriert. An einer Autobahn konkurriert offenbar jede Tankstelle mit den zwei (oder vier) nächst gelegenen, und offenbar konkurriert jede mit zwei anderen (vgl. Abb. 5.21.a.). Das heißt, eine für mehrere Unternehmungen gleiche Substitu- Kapitel C: Kritik und Erweiterungen der Theorie des Marktgleichgewichts 213 A bb. 5.21. tionslücke und damit ein einheitlicher Markt für mehrere Anbieter lässt sich nicht nachweisen. Entsprechendes gilt im zweidimensionalen Raum. Anbieter A in Abb. 5.21.b. – etwa ein Einzelhändler – konkurriert offenbar am intensivsten mit den sechs räumlich benachbarten Anbietern B, C, D, E, F und G. Danach werden die Konkurrenzbeziehungen schwächer, bis sie sich schließlich ganz verflüchtigen. Anbieter B konkurriert am intensivsten mit A, G, H, I, K und C. Jeder Anbieter operiert also auf einem Markt mit anderen Grenzen; jedes Unternehmen hat einen eigenen Markt. Die Herleitung sog. unternehmungsbezogener Märkte sei noch einmal wie folgt verdeutlicht: An die Stelle des bislang implizit verwendeten Verfahrens einer Partialanalyse, bei der eine Gruppe von Unternehmungen aus dem volkswirtschaftlichen Gesamtzusammenhang herausgenommen und zu einem einheitlichen Markt zusammengefasst wird (A. Marshall, E. H. Chamberlin, J. Robinson), tritt zunächst eine Totalanalyse. Hierbei wird jedes Unternehmen bezüglich seiner Beziehungen zu allen anderen Unternehmen untersucht (N. Kaldor, H. v. Stackelberg, R. Triffin). Zieht man dort, wo sich die Substitutionsbeziehungen verflüchtigen, wieder eine Marktgrenze, so kehrt man zur Partialanalyse zurück. Man bildet für jede einzelne Unternehmung einen unternehmungsbezogenen Markt (eine firmcentered industry nach A. G. Papandreou). Da ein solcher Markt neben der räumlichen Dimension noch eine sachliche, eine zeitliche und eine personelle Dimension besitzt, ist er nur als ein komplexes, multidimensionales Gebilde zu begreifen. Damit führen die Überlegungen zurück zu der Frage, ob in der Realität Polypole oder Oligopole vorherrschen. Sie zu beantworten ist genau genommen gar nicht möglich, da die Antwort von der Abgrenzung des Marktes abhängt. Grenzt man den Markt weiter ab, so sind definitionsgemäß mehr Marktteilnehmer auf ihm vertreten und umgekehrt. Stellt man überdies den Gedanken des unternehmungsbezogenen Marktes in Rechnung, so ergibt sich daraus eine weitere Konsequenz. Polypole – etwa alle Einzelhändler in der Bundesrepublik – lassen sich offenbar in eine Kette von miteinander verbundenen Oligopolbeziehungen aufgliedern, etwa Einzelhändler A und seine sechs engsten Konkurrenten, Einzelhändler B und seine sechs engsten Konkurrenten usw. (vgl. Abb. 5.21. b.). Es entstehen sog. Kettenoligopole nach A. Henderson und A. Philipps. Ob man nunmehr von Polypolen oder aber von Oligopolen spricht, ist fast schon Geschmackssache. 214 5. Teil: Die Theorie des Marktgleichgewichts Aus alledem wird deutlich, dass die Marktgleichgewichtstheorie mit ihrer Unterscheidung und Analyse elementarer Marktformen nur erste – wenn auch wichtige – Ansätze zu einer umfassenden allgemeinen Markttheorie liefert. Dementsprechend ist sie auch nur im Ansatz geeignet, reales Marktgeschehen zu erklären. Hinzu kommt, dass die Gleichgewichtstheorie ein weiteres Phänomen realen Marktgeschehens noch nicht bzw. nur in Ansätzen thematisiert: die Variabilität von Märkten und Marktformen. Die bei Aufhebung der ceteris-paribus-Bedingung auftretenden Marktprozesse sind Gegenstand des folgenden 6. Teils. Kontrollfragen zum 5. Teil 1. Nach welchen Kriterien werden Marktformen abgegrenzt? Erläutern Sie insbesondere die Kriterien des Marktstrukturansatzes. 2. Nennen Sie die Bedingungen für die Existenz eines vollkommenen Marktes. Welche Folge für die Preisbildung ergibt sich auf einem vollkommenen Markt? 3. Warum befasst sich die Mikroökonomik so intensiv mit vollkommenen Märkten, obwohl diese in der Realität kaum vorkommen? 4. Erläutern Sie für die Marktform des homogenen Polypols die Begriffe Haushaltsgleichgewicht, Unternehmensgleichgewicht und Marktgleichgewicht. Nennen und erläutern Sie Fälle, in denen kein Marktgleichgewicht zustande kommt. Wann ist das Marktgleichgewicht stabil? 5. Die Marktnachfragefunktion laute Nx = –100 px + 10.000, die Marktangebotsfunktion laute A, = 50 px + 4.000. Wie hoch ist der Gleichgewichtspreis? Wie hoch ist der Angebotsüberschuss, wenn ein politischer Mindestpreis p = 60 gesetzt wird? 6. Zwei Jungökonomen streiten sich. A behauptet: „Der Preis ist abhängig von der Nachfrage“. B widerspricht: „Die Nachfrage ist abhängig vom Preis“. Wer hat recht? 7. Erläutern Sie für das homogene Polypol die Begriffe Marktnachfragefunktion und individuelle Preis-Absatz-Funktion. Erläutern Sie in diesem Zusammenhang die Aussage, dass der einzelne Anbieter in dieser Marktform ein Mengenanpasser sei. 8. Erläutern Sie die Konzepte des landesüblichen Normalgewinns und des Extragewinns. Zeigen Sie auf, wie durch Marktzutritt im homogenen Polypol eine Situation eintritt, in der alle Anbieter mit Normalgewinn im Betriebsoptimum produzieren. Was ist ein gesamtwirtschaftliches Mikrogleichgewicht und wann liegt es vor? 9. Zeigen Sie für die Marktform des Monopols die Beziehungen zwischen Nachfragemenge, Preis, Gesamterlös, Grenzerlös und direkter Preiselastizität der Nachfrage auf. 10. Stellen Sie dar, wie ein gewinnmaximierender Monopolist sein individuelles Gleichgewicht ermittelt. Kann dieses Gleichgewicht auf einem Punkt der Nachfragekurve liegen, wo diese unelastisch ist? Was kann der Monopolist tun, wenn er seinen Gewinn über das soeben ermittelte Maximum hinaus noch weiter steigern möchte?

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References

Zusammenfassung

Mikroökonomie leicht und verständlich

Dieses Lehrbuch bietet eine verständliche Darstellung eines zentralen Teilgebiets der Ökonomik. Da Inhalt und Aussagewert der Mikroökonomik häufig dadurch unklar bleiben, dass die Studenten zuviel rechnen müssen und dabei nicht mehr genügend zum Denken kommen, wird die Algebra in nur sparsamer Dosierung eingesetzt. Dafür stellt das Buch die grundlegenden Fragestellungen und Modelle umso klarer und lesefreundlicher dar und unterstützt das Lernen mit zahlreichen Kontrollfragen.

* Grundlagen

* Einführung in die Nachfrage- und Angebotstheorie

* Theorie der Nachfrage

* Theorie des Angebots

* Theorie des Marktgleichgewichts

* Theorie der Marktprozesse

Das Lehrbuch beantwortet unter anderem folgende Fragen:

* Warum und in welcher Menge fragen Haushalte bestimmte Güter nach?

* Welche Ziele verfolgen Unternehmen?

* Wann ist ein Marktpreis stabil?

* Welche Marktform ist effizient?

* Fördert Wettbewerb den technischen Fortschritt?

Die Autoren

Prof. Dr. Klaus Herdzina ist Professor an der Universität Hohenheim.

Prof. Dr. Stephan Seiter ist Professor an der ESB Business School an der Hochschule Reutlingen.