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Kapitel A: Der Markt, die Marktformen und das Marktgleichgewicht im homogenen Polypol in:

Klaus Herdzina, Stephan Seiter

Einführung in die Mikroökonomik, page 160 - 189

11. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8006-3630-3, ISBN online: 978-3-8006-4346-2, https://doi.org/10.15358/9783800643462_160

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Kapitel A: Marktgleichgewicht im homogenen Polypol 149 5. Teil: Die Theorie des Marktgleichgewichts Kapitel A: Marktgleichgewicht im homogenen Polypol 5. Teil Die Theorie des Marktgleichgewichts Nach der Darstellung der Theorie der Nachfrage und der Theorie des Angebotes gilt es nunmehr, die Gesetzmäßigkeiten der Preisbildung auf den Gütermärkten zu erörtern. Dies geschieht zunächst im Rahmen der Theorie des Marktgleichgewichts. Diese Theorie basiert auf der Annahme, dass sich die Nachfrage- und die Angebotskurven wegen der Gültigkeit der ceteris-paribus-Bedingung im Untersuchungszeitraum nicht verschieben. Nur gelegentlich werden Verschiebungen der Kurven und damit sog. Marktprozesse angedeutet. Eine ausführliche Theorie der Marktprozesse folgt im 6. Teil. Die nunmehr zu behandelnde Marktgleichgewichtstheorie zeigt, wie sich aus Nachfrage- und Angebotsfunktion ein Marktgleichgewicht herleiten lässt, d. h. eine Situation, in der die Pläne der Nachfrager und die Pläne der Anbieter durch die Preisbildung aufeinander abgestimmt sind. Die Marktgleichgewichtstheorie handelt also von der Ausgleichsfunktion des Preises. Wie bereits die Nachfrage- und die Angebotstheorie, so kann auch die Marktgleichgewichtstheorie einmal als Bedingungstheorie und zum anderen als explikative Theorie verstanden werden. Die Marktgleichgewichtstheorie ist in erster Linie als Bedingungstheorie konzipiert, wobei sie Bedingungen in zweierlei Hinsicht formuliert: – erstens Bedingungen für die Existenz (und Stabilität) eines Marktgleichgewichts, – zweitens Bedingungen für eine gesamtwirtschaftlich besonders günstige Lage des Marktgleichgewichts im Hinblick auf Konsumentenversorgung und Faktorallokation. Nur wenn die von der Theorie formulierten Bedingungen in der Realität vorliegen, kann die Theorie auch als explikative, d. h. als eine die Realität erklärende Theorie verwendet werden. Sofern die von der Theorie formulierten Bedingungen in der Realität nicht gegeben sind, gibt die Theorie aber zumindest Auskunft darüber, in welcher Weise die Gegebenheiten der Realität zu modifizieren sind, um ein Marktgleichgewicht bzw. das gesamtwirtschaftlich besonders günstige Marktgleichgewicht zu realisieren oder sich ihm anzunähern. Wie am Ende des 4. Teils mehrfach angedeutet, werden die Wirtschaftspläne der Haushalte und Unternehmungen maßgeblich von der Marktsituation, in welcher sich die Wirtschaftssubjekte befinden, beeinflusst. Bei der Herleitung der Nachfrage- und der Angebotskurve wurde bislang durchweg eine Marktsituation unterstellt, in welcher weder Nachfrager noch Anbieter den Preis des Gutes beeinflussen können. Da aber auch andere Marktsituationen denkbar sind und in der Realität vorkommen, gilt es zunächst, eine Klassifikation der verschiedenen 150 5. Teil: Die Theorie des Marktgleichgewichts Marktsituationen bzw. Marktgestaltungen (der sog. Marktformen) vorzunehmen. Im folgenden Kapitel A werden zunächst der Markt und die Marktformen behandelt. Anschließend wird auf die bislang unterstellte Situation unbeeinflussbarer Marktpreise, d. h. auf die Marktform des homogenen Polypols, ihre Prämissen und ihre gesamtwirtschaftlichen Konsequenzen eingegangen. In Kapitel B wird das Marktgleichgewicht im Monopol, im heterogenen Polypol und im Oligopol erörtert. Dabei werden die Abweichungen in den Prämissen und in den Marktergebnissen gegenüber dem homogenen Polypol besonders herausgestellt. In Kapitel C erfolgt schließlich eine Kritik der Marktgleichgewichtstheorie. A. Der Markt, die Marktformen und das Marktgleichgewicht im homogenen Polypol I. Der Markt und die Marktformen 1. Der Markt In den vorangegangenen Ausführungen ist immer wieder vom Markt gesprochen worden, ohne dass dieser Begriff näher erläutert worden ist. Dies schien bislang entbehrlich, weil das Konzept des Marktes auch in der Alltagssprache ständig verwendet wird und daher zweifellos hinreichend sichere Vorstellungen darüber existieren, was ein Markt ist. Dennoch zeigt ein etwas genaueres Nachdenken darüber sofort, dass dieser Begriff sowohl in der Alltagssprache wie möglicherweise auch in der wissenschaftlichen Fachsprache in vielfältiger Weise auftaucht. In der Alltagssprache ist vom Wochenmarkt, vom Weihnachtsmarkt, vom Supermarkt, vom Baumarkt, vom Kaufmarkt oder vom Mediamarkt die Rede. Dabei sind einmal offensichtlich zeitlich und örtlich begrenzte Geschehnisse gemeint, bei denen bestimmte, sachlich zusammengehörende, Gütergruppen angeboten und nachgefragt werden (Wochenmarkt, Weihnachtsmarkt). Es sind andererseits aber auch nur einzelne Anbieter gemeint, welche mehr oder weniger eng zusammengehörende Gütergruppen anbieten (Supermarkt, Baumarkt). Schließlich sind es vereinzelt auch direkt nur Firmenbezeichnungen (Kaufmarkt, Mediamarkt). Derartige lediglich auf das Güterangebot ausgerichtete Begriffsinhalte kommen in der wissenschaftlichen Fachsprache nicht vor. Der Gütermarkt, der Geldmarkt, der Kassamarkt und der Terminmarkt für Wertpapiere, der Devisenmarkt, der europäische Binnenmarkt, der Weltmarkt u. a. meinen stets das Zusammentreffen von Angebot und Nachfrage. Aber auch hier sind die zeitlichen und räumlichen Dimensionen sowie die Enge der sachlichen Zusammengehörigkeit der gehandelten Objekte (eher homogen oder durchaus extrem heterogen) sehr unterschiedlich. Im Folgenden soll eher eine vergleichsweise enge Zusammengehörigkeit unterstellt werden d. h. unter dem Markt wird der ökonomische Ort des Zusammentreffens von Angebot und Nachfrage für ein bestimmtes Gut X verstanden. Darin sind letztlich auch zeitliche und räumliche Eingrenzungen enthalten, über die zunächst aber noch nicht nachgedacht werden soll. Auf die sach- Kapitel A: Marktgleichgewicht im homogenen Polypol 151 liche Abgrenzung des Gutes X und damit seines Marktes wird bereits in den folgenden Abschnitten näher eingegangen. Auch wenn man diese Eingrenzungen vornimmt, lassen sich viele Arten von Märkten unterscheiden. Etwa die verschiedenen Konsumgütermärkte und die zahlreichen Investitionsgütermärkte bzw. Sachkapitalmärkte. Fasst man den Gutsbegriff extrem weit, so können auch die Faktormärkte, also neben den Sachkapitalmärkten auch die Arbeitsmärkte, die Bodenmärkte und die Märkte für Know-How, etwa Patente und Lizenzen, einbezogen werden. Darüber hinaus sind die Finanzkapitalmärkte, die Aktienmärkte, die Devisenmärkte und alle ihre Teilmärkte, etwa der Rentenmarkt oder der Markt für US-Dollar, zu nennen. Im Folgenden wird fast ausschließlich auf Konsumgütermärkte abgestellt. Das immer wieder genannte Gut X möge also irgend ein Konsumgut sein. Im später folgenden Abschnitt II.5. wird zusätzlich auf einige weitere Märkte eingegangen. 2. Die Marktformen: Struktur-, Verhaltens- und Elastizitätenansatz Der Markt als ökonomischer Ort des Zusammentreffens von Angebot und Nachfrage kann sich den Marktteilnehmern bzw. einem externen Beobachter in unterschiedlicher Gestalt präsentieren. Diese Gestalt des Marktes ist von Bedeutung für die Art des Zusammentreffens von Angebot und Nachfrage und damit für die Preisbildung. Will man alternative Gestaltungen des Marktes im Hinblick auf ihre Unterschiede bezüglich der Preisbildung klassifizieren, so stellt sich zunächst die Frage nach den Klassifikationskriterien. Prinzipiell ist es möglich, diese Unterschiede in drei verschiedenen Kategorien zu erfassen. Zum einen wird an den denkbaren marktstrukturellen Ursachen der Unterschiede in der Preisbildung angeknüpft, zweitens werden die von den Marktteilnehmern praktizierten Verhaltensweisen selbst herausgestellt und drittens bezieht man sich auf die Wirkungen, d. h. auf die jeweiligen Marktergebnisse. In der Marktformenlehre hat es sich nun eingebürgert, insbesondere die Marktstruktur sowie das Marktverhalten hervorzuheben. Bezüglich des Marktverhaltens ist dabei zwischen einem eher verbal vorgetragenen Ansatz, der Lehre von den Verhaltensweisen (i. e. S.), und einem arithmetischen Ansatz, dem Elastizitätenkonzept, zu unterscheiden. Die Lehre von den Verhaltensweisen (insb. R. Frisch, W. Eucken, F. Machlup, E. Schneider) basiert auf dem Grundgedanken, dass objektive marktstrukturelle Gegebenheiten für das tatsächliche Marktverhalten nur teilweise relevant sind, zumal die Marktteilnehmer sie in der Regel nicht genau kennen. Von Bedeutung sei das tatsächliche Verhalten der Marktteilnehmer. Damit wird deutlich, dass dieser Ansatz primär darauf abzielt, reales Marktgeschehen zu beschreiben. Der Frage, inwieweit auch Erklärungen geliefert werden, soll hier nicht weiter nachgegangen werden. Immerhin wird angedeutet, dass die Marktteilnehmer bestimmte Vermutungen oder „Erwartungen“ (Eucken) bezüglich der objektiven Marktgegebenheiten haben bzw. sich von der Marktsituation ein „Bild“ (Machlup) machen. Eine interessante diesbezügliche Formulierung lautet: „Ein Anbieter hat Grund zu der Annahme, . . .“ (Machlup). Auf Grund seiner Annahmen über die Existenz von Konkurrenten und deren Reaktionen werden dann beispiels- 152 5. Teil: Die Theorie des Marktgleichgewichts weise die Strategietypen der elementaren Anpassung (Mengenanpassung, Preisanpassung, Optionsempfang und Optionsfixierung), der parametrischen Aktion (autonome, konjekturale und Überlegenheitsaktion) sowie der allgemeinen Verhandlung unterschieden (R. Frisch). Eine andere Klassifikation (E. Schneider) trennt in Kampf- und Verhandlungsstrategie und friedliche Anpassung, wobei diese wiederum die Unterformen der Mengenanpassung, der Preis-, der Mengenund der Optionsfixierung enthält. Innerhalb von Preis- und Mengenfixierung wird monopolistische, oligopolistische und polypolistische Fixierung unterschieden, bezüglich der beiden letzten Varianten wird noch einmal zwischen homogener und heterogener Konkurrenz getrennt. Die Marktformenlehre auf der Basis der Verhaltensweisen trägt der Vielfalt realen Marktgeschehens zwar durchaus Rechnung, führt aber letztlich auch zu einer vergleichsweise unübersichtlichen Klassifikation. Demgegenüber ist das im angelsächsischen Raum entwickelte Elastizitätenkonzept (insb. J. Robinson, N. Kaldor) zunächst insoweit vergleichsweise einfach, als es nach Maßgabe der direkten Preiselastizität der Nachfrage nur zwischen perfect competition (e = ?) und imperfect competition (e < ?) unterscheidet. Tiefer gehende Klassifikationen nach Maßgabe der Kreuzpreiselastizität der Nachfrage (N. Kaldor, R. Triffin) lassen eine Unterscheidung in homogene Konkurrenz, heterogene Konkurrenz und Monopol zu, die Verwendung der Kreuzmengenelastizität (R. Triffin) ermöglicht es schließlich, zwischen polypolistischer und oligopolistischer Konkurrenz zu unterscheiden. Auf Grund diverser auch mit dem Elastizitätenkonzept verbundener Probleme (insbesondere bezüglich der Frage der empirischen Ermittlung der Koeffizienten) hat sich in der Marktformenlehre der zuerst erwähnte Marktstrukturansatz weitgehend durchgesetzt. Marktformen werden dabei nach marktstrukturellen Gegebenheiten, der sog. Marktmorphologie, unterschieden. Die Marktformenklassifikation auf der Basis der Marktstruktur soll im Folgenden näher erläutert werden. Dabei ist aber jetzt schon anzudeuten, dass auch die Verwendung des Strukturkonzepts zahlreiche Probleme aufwirft, welche später das Einbauen von Verhaltens- und möglicherweise von Elastizitätskriterien notwendig machen. 3. Der Marktstrukturansatz Die Klassifikation von Marktformen auf der Grundlage der Marktstruktur oder Marktmorphologie enthält eine qualitative und eine quantitative Dimension. Die qualitative Dimension kann als der Markttyp, die quantitative Dimension als die Marktbesetzung bezeichnet werden. a) Der Markttyp Als Kriterium zur Unterscheidung verschiedener Markttypen werden unter anderem der Organisationsgrad, der Grad der Offenheit sowie vor allem der Vollkommenheitsgrad des Marktes herausgestellt. Nach dem Organisationsgrad lässt sich zwischen stark organisierten und weniger stark organisierten Märkten unterscheiden. Völlig unorganisierte Märkte kann man in modernen Marktwirtschaften aus der Betrachtung ausschließen, da gewisse Mindestorganisationsgrade in Form gesetzlicher Regelungen (etwa Vertragsnormen, Sicherheitsvorschriften, Laden- Kapitel A: Marktgleichgewicht im homogenen Polypol 153 öffnungszeiten u. a.) stets gegeben sind. Gesetzliche wie auch durch Konvention festgelegte Regeln können aber mehr oder weniger weitreichend sein und letztlich darin gipfeln, dass für einen Markt Ort, Zeit, Teilnehmerkreis, Art der gehandelten Güter und sogar das Verfahren der Preisbildung präzise festgelegt sind, wie die Beispiele der Wertpapier- und der Produktbörsen zeigen. Der Organisationsgrad des Marktes ist für die Art der Preisbildung und möglicherweise auch für die Höhe des Preises von maßgeblicher Bedeutung. Nach dem Grad der Offenheit des Marktes lassen sich geschlossene und mehr oder weniger offene Märkte unterscheiden. Das Kriterium der Offenheit stellt darauf ab, ob und inwieweit es Wirtschaftssubjekten möglich ist, am Marktgeschehen überhaupt teilzunehmen. Ein erstes und nachhaltiges Hindernis zur Marktteilnahme können rechtliche Zugangsbeschränkungen sein. So war es potenziellen Anbietern auf dem Telekommunikationsmarkt lange Zeit nicht erlaubt, den Markt zu betreten, weil die Deutsche Bundespost hier eine gesetzlich garantierte Monopolstellung besaß. Auf anderen Märkten ist der Nachweis bestimmter Qualifikationen unabdingbar (etwa Apotheken), während auf rechtlich völlig offenen Märkten der Marktzutritt jederzeit möglich ist. Zum Bereich der rechtlichen Zugangsbeschränkungen zählen auch jene, die sich nur gegen bestimmte Gruppen von Wirtschaftssubjekten richten wie etwa Importverbote gegen ausländische Konkurrenten. Neben rechtlichen Zugangsbeschränkungen existieren möglicherweise auch wirtschaftliche Hemmnisse, die den Marktzutritt de facto erschweren oder gar unmöglich machen. Als Eintrittsbarrieren werden insbesondere economies of scale genannt, welche dazu führen, dass die am Markt agierenden Unternehmen Massenproduktion bei hoher Unternehmensgröße durchführen. Um in den kostengünstigsten Größenbereich zu gelangen, müsste ein hinzukommender Anbieter sofort erhebliche Produktionskapazitäten errichten, was zu einem hohen und möglicherweise nicht finanzierbaren Bedarf an Sachkapital führt. Inwieweit die Höhe des Kapitalbedarfs aber eine schwerwiegende Eintrittsbarriere darstellt, ist in der Literatur umstritten. Immerhin ist klar, dass die Preisbildung am Markt in erheblichem Maße davon beeinflusst wird, ob potenzielle Konkurrenz existiert, ob die Marktteilnehmer also mit dem Zutritt neuer Akteure zu rechnen haben oder nicht. Der Grad der Offenheit von Märkten wird in der neueren Literatur unter dem Schlagwort von der contestability, also der Angreifbarkeit von Märkten, erörtert. Nach dem Vollkommenheitsgrad des Marktes lassen sich vollkommene und mehr oder weniger unvollkommene Märkte unterscheiden. Was das Kriterium der Vollkommenheit anlangt, so ist zu beachten, dass damit keinerlei Werturteil (besonders gut, besonders günstig usw.) verbunden ist, sondern dass es sich um ein in der ökonomischen Theorie (fast) einheitlich verwendetes Konzept handelt, das durch zwei präzise Definitionsmerkmale gekennzeichnet ist. Ein vollkommener Markt liegt vor, wenn die auf ihm gehandelten Güter homogen sind und wenn vollständige Markttransparenz existiert. Vollständige Markttransparenz ist gegeben, wenn alle Marktteilnehmer über alle Marktbedingungen vollständig informiert sind. Wie im 3. Teil bereits angesprochen, heißt das bezüglich der Nachfrager, dass ihnen unter anderem die Qualität der Güter, die Preise, aber auch alle Anbieter, bei denen die Güter erworben wer- 154 5. Teil: Die Theorie des Marktgleichgewichts den können, bekannt sind. Wie im 4. Teil angedeutet, heißt das bezüglich der Anbieter, dass ihnen alle Marktgegebenheiten, aber auch die Produktions- und Kostenbedingungen bekannt sind. Die Homogenität der Güter ist gegeben, wenn diese von den Anbietern bzw. den Nachfragern als völlig gleichwertig angesehen werden. Im Hinblick auf die hier zu behandelnden Konsumgütermärkte und das Ausmaß der Konkurrenzbeziehungen zwischen den Anbietern ist vor allem die Sichtweise der Nachfrager von Interesse. Nachfrager sehen Güter als homogen an, wenn zwischen ihnen – keine sachlichen Unterschiede bestehen, die Güter also qualitativ gleichartig sind, – keine zeitlichen Unterschiede bestehen, sie also sofort verfügbar sind bzw. gleiche Lieferfristen haben, – keine räumlichen Unterschiede bestehen, sie also am gleichen Raumpunkt oder in gleicher Entfernung vom Nachfrager angeboten werden, – keine persönlichen Unterschiede bestehen, wenn also kein Anbieter aus persönlichen Gründen (etwa verwandtschaftliche Beziehungen) präferiert wird. Diese Aufzählung ist als erschöpfende Auflistung aller nur denkbaren Möglichkeiten zur Unterscheidung von Gütern zu interpretieren. So zählen Unterschiede im Kundendienst oder in den Lieferungs- und Zahlungsbedingungen zu den sachlichen Unterschieden, freundliche und zuvorkommende Bedienung zu den persönlichen oder möglicherweise auch zu den sachlichen Unterschieden. Man bedenke, dass man beim Kauf von Sachgütern eigentlich auch immer Dienstleistungen mit erwirbt, beispielsweise freundliche Bedienung, gute Beratung, Kulanz und Kundendienst. Sind alle Bedingungen des vollkommenen Marktes erfüllt, so ergibt sich daraus eine ganz bestimmte Konsequenz: auf einem vollkommenen Markt kann immer nur ein Preis existieren. Es gilt das law of indifference, das Gesetz der Unterschiedslosigkeit der Preise (Jevons). Würden nämlich einzelne Anbieter höhere Preise verlangen als die anderen, so würde niemand mehr bei ihnen kaufen. Bei völliger Gleichartigkeit der Güter und Markttransparenz (sowie Vorliegen der zuvor bereits erörterten Prämissen, also Nutzenmaximierung und Rationalverhalten der Nachfrager) kann sich immer nur ein Preis durchsetzen, und zwar der niedrigste aus der Sicht der Nachfrager. Daraus folgt nun andererseits, dass immer dann, wenn in der Realität unterschiedliche Preise für (scheinbar) gleichartige Güter beobachtet werden, diese eben doch nicht völlig gleich sein können bzw. es an der Markttransparenz fehlt. Der Markt muss demnach unvollkommen sein, d. h. eines oder mehrere Unvollkommenheitsmerkmale aufweisen. Diese Überlegungen werfen die Frage auf, ob es in der Realität überhaupt vollkommene Märkte gibt. Beispiele für sachliche Gleichartigkeit lassen sich insbesondere bei landwirtschaftlichen Gütern (den einzelnen Getreidearten) sowie bei zahlreichen standardisierten Investitionsgütern, vor allem bei metallischen Rohstoffen, aber auch bei standardisierten Konsumgütern (etwa gemäß festgelegter Handelsklassen) in beachtlicher Zahl finden. Auch das Fehlen persönlicher, zeitlicher und räumlicher Unterschiede (Markt an bestimmten Marktplätzen) ist vielfältig nachweisbar. Zu fragen ist allerdings, ob alle Bedingungen gleichzeitig vorliegen und ob auch jeweils vollständige Markttransparenz besteht. Dies kann Kapitel A: Marktgleichgewicht im homogenen Polypol 155 offenbar nur in sehr seltenen Fällen unterstellt werden (etwa an Produktbörsen). Andererseits ist zu bedenken, dass die Konsequenz eines einheitlichen Preises sich nicht nur bei Vorliegen objektiver Gleichartigkeit der Güter und Markttransparenz ergibt, sondern auch dann, wenn die Nachfrager subjektiv keine Unterschiede zwischen den Gütern erkennen bzw. wenn diese ihnen gleichgültig sind. Trotz alledem lässt sich kaum bestreiten, dass insbesondere die hier zu behandelnden Konsumgütermärkte in der Regel unvollkommene Märkte sind. Dennoch ist es aus zwei Gründen sinnvoll, sich in der ökonomischen Theorie mit vollkommenen Märkten zu beschäftigen. Sie dienen einmal als gedanklicher Fixpunkt, von welchem ausgehend man den Unvollkommenheitsgrad vieler realer Märkte beschreiben und analysieren kann. Wegen besonderer – noch zu erörternder – positiver Konsequenzen bezüglich Konsumentenversorgung und Faktorallokation dienen sie möglicherweise auch als wirtschaftspolitisches Idealbild von Märkten, dem es sich so weit wie nur möglich anzunähern gilt. Zur Definition eines derartigen Leitbildes reichen aber die soeben beschriebenen qualitativen Merkmale von Märkten nicht aus. Es müssen bestimmte quantitative Merkmale hinzukommen, die im Folgenden näher zu erläutern sind. Bevor auf die quantitative Dimension der Marktbesetzung eingegangen wird, ist eine letzte Bemerkung zur qualitativen Dimension, d. h. zum Markttyp, zu machen: Der Markttyp erscheint hier, im Einklang mit der gängigen Terminologie der Preistheorie, als Marktstrukturmerkmal. Diese Terminologie ist sehr unglücklich. Machlup hat den Strukturbegriff, wenn er derartig ungenau verwendet wird, als ein „weaselword“, einen Schwafelbegriff, bezeichnet. Der begrifflichen Präzision willen sollte man den Strukturbegriff eigentlich nur verwenden, wenn eine quantitative Dimension gemeint ist. Dieser allein präzise statistische Strukturbegriff versteht Struktur als die Zusammensetzung einer Gesamtgröße, darstellbar durch die Zahl und die relative Häufigkeit der Teilgrößen. Genau genommen sind also nur die folgenden quantitativen Merkmale Strukturphänomene. b) Die Marktbesetzung Das Kriterium der Marktbesetzung knüpft an der Zahl und an der relativen Grö- ße der Marktteilnehmer an. Was die Zahl der Marktteilnehmer betrifft, so können auf jeder Marktseite von einem Marktteilnehmer bis zu unendlich vielen Teilnehmern zahllose Varianten vorkommen. Die Zahl der Marktbesetzungsformen wäre demnach unendlich groß. Im Hinblick auf die zu erörternden Unterschiede in der Preisbildung ist es aber nicht erforderlich, derart viele Marktgestaltungen aufzulisten. Relevante Unterschiede in der Preisbildung dürften lediglich dann nachweisbar sein, wenn man zwischen drei Besetzungsformen differenziert, und zwar die Fälle, in denen ein Marktteilnehmer, wenige Marktteilnehmer oder aber viele Marktteilnehmer auftreten. Da diese Konstellationen auf jeder der beiden Marktseiten vorkommen können, ergibt sich ein Marktbesetzungsschema von 3 · 3 = 9 Fällen (vgl. Tab. 5.1.). Die Benennungen Monopol, Oligopol und Polypol stehen für die Angebotsseite (Alleinverkauf usw.), die Begriffe Monopson usw. für die Nachfrageseite (Alleineinkauf usw.). In der Regel werden aber auch auf der Nachfrageseite die (eigentlich falschen) Begriffe Monopol, Oligopol und Polypol verwendet (siehe z. B. bilaterales Monopol). 156 5. Teil: Die Theorie des Marktgleichgewichts Tab. 5.1. Zahl der Nachfrager einer wenige viele Zahl der Anbieter einer bilaterales Monopol beschränktes Monopol Monopol wenige beschränktes Monopson bilaterales Oligopol Oligopol viele Monopson Oligopson bilaterales Polypol Das Marktbesetzungsschema der Tab. 5.1. geht implizit von der Annahme aus, dass die Marktteilnehmer einer Marktseite (in etwa) gleich groß sind. Genau genommen werden also die Fälle ein Großer, wenige Mittelgroße und viele Kleine unterschieden. Damit wäre auch die relative Größe der Marktteilnehmer, also ihr jeweiliger Marktanteil, gleich (symmetrische Größenverteilung). Stellt man aber wiederum auf zu erwartende Unterschiede in der Preisbildung ab, so ist es offenbar zweckmäßig, noch zwei Zwischenformen in das Marktbesetzungsschema aufzunehmen, und zwar die Fälle, in denen – ein großer sowie weitere mittelgroße und/oder kleine Marktteilnehmer (Teilmonopol), – wenige mittelgroße sowie weitere kleine Marktteilnehmer (Teiloligopol) auftreten. Bezieht man diese Fälle unterschiedlicher relativer Größe (asymmetrische Größenverteilung) mit ein, so erweitert sich das 3 · 3-Besetzungsschema der Tab. 5.1. zu einem 5 · 5-Besetzungsschema mit 25 verschiedenen Fällen. Dieses gängige 3 · 3- bzw. 5 · 5-Besetzungsschcma weist einen gravierenden Schwachpunkt auf. Im Gegensatz zur eindeutigen Trennungslinie zwischen einem und wenigen Marktteilnehmern lässt sich die Trennungslinie zwischen wenigen und vielen rein zahlenmäßig nicht präzise festlegen. Zur Abgrenzung zwischen wenigen und vielen müssen daher weitere Kriterien, nämlich Marktergebnis- und Marktverhaltenskriterien, herangezogen werden. Ein Oligopol liegt demnach vor, wenn die Zahl der Marktteilnehmer so niedrig ist, dass jeder einzelne mit seinen Aktivitäten einen Einfluss auf das Marktgeschehen hat, welchen die anderen Marktteilnehmer der gleichen Marktseite spüren und der deshalb möglicherweise ihre Reaktion herausfordert. In diesem Sinne ist das Oligopol als eine Marktsituation mit Interdependenz bzw. Reaktionsverbundenheit zu kennzeichnen. Im Elastizitätenansatz wird dies dadurch ausgedrückt, dass die Kreuzmengenelastizität nicht gleich Null ist. Demgegenüber liegt ein Polypol vor, wenn die Zahl der Marktteilnehmer so groß ist, dass der Einzelne keinen Einfluss auf das Marktgeschehen hat bzw. sich die Wirkungen seiner Aktivitäten auf so viele Andere verteilen, dass niemand sie spürt und es daher auch nicht zu Reaktionen kommt. Die Kreuzmengenelastizität ist gleich Null. Diese etwas vagen Formulierungen machen allerdings deutlich, dass auch bei Einbeziehen von Er- Kapitel A: Marktgleichgewicht im homogenen Polypol 157 gebniskriterien (Markteinfluss) und Verhaltenskriterien (Reaktionen) der Übergang vom Oligopol zum Polypol fließend ist. c) Die Marktform Die Kombination von Markttyp und Marktbesetzung ergibt die Marktform. Geht man vom 5 · 5-Besetzungsschema aus und kombiniert man dieses mit den drei Ausprägungen von Markttypen, nämlich organisiert und nicht organisiert, offen und geschlossen sowie vollkommen und unvollkommen, so resultieren daraus 200 Marktformen. Bezüglich der qualitativen Merkmale ist aber zu berücksichtigen, dass diese nicht nur als Ja-Nein-Alternativen zu verstehen sind. Wie zuvor angesprochen wurde, können sinnvollerweise verschiedene Organisationsgrade, Offenheitsgrade und Vollkommenheitsgrade von Märkten unterschieden werden. Die Menge an unterscheidbaren Marktformen geht also weit über 200 hinaus. Will man lediglich die Grundzüge alternativer Preisbildungsformen erörtern, so ist es notwendig, sich auf eine deutlich geringere Zahl von Marktformen zu konzentrieren. Bei den weiteren Darstellungen sollen daher die folgenden Vereinfachungen vorgenommen werden: (1) Es wird vom symmetrischen Marktbesetzungsschema ausgegangen, d. h. Teilmonopol und Teiloligopol werden nicht behandelt. (2) Im Hinblick auf die im Zentrum des Interesses stehenden Konsumgütermärkte wird davon ausgegangen, dass die Zahl der Nachfrager groß ist. Davon abweichend werden bei der Darstellung des Monopols auch das Monopson und das bilaterale Monopol behandelt, also Marktformen mit nur einem Nachfrager. (3) Der Organisationsgrad und der Grad der Offenheit von Märkten werden nicht in allen Variationen durchgespielt, sondern nur in Einzelfällen in die Analyse einbezogen. Daraus folgt, dass im Wesentlichen von dem Marktformenschema der Tab. 5.2. ausgegangen wird. Tab. 5.2. Markttyp Vollkommener Markt Unvollkommener Markt Zahl der Anbieter einer Monopol (monopolistische Preisdifferenzierung) wenige homogenes Oligopol heterogenes Oligopol viele homogenes Polypol heterogenes Polypol Unterschieden werden demnach Monopol (ergänzt um Monopson und bilaterales Monopol), Oligopol und Polypol jeweils auf dem vollkommenen und auf dem unvollkommenen Markt, wobei für die einzelnen Marktformen die in Tab. 5.2. eingetragenen Bezeichnungen geläufig sind. Gewisse begriffliche Schwierigkeiten entstehen beim Monopol, da dieses streng genommen nur als Alleinverkauf eines 158 5. Teil: Die Theorie des Marktgleichgewichts einzigen (homogenen) Gutes verstanden werden kann. Es besteht aber die Möglichkeit, dass der Monopolist dieses Gut heterogenisiert, um es zu unterschiedlichen Preisen verkaufen zu können (als Beispiel sei auf Tag- und Nachtstrom hingewiesen). Dieser Sachverhalt wird als monopolistische Preisdifferenzierung bezeichnet. Im folgenden zweiten Abschnitt wird zunächst das Marktgleichgewicht im homogenen Polypol behandelt. Im anschließenden Kapitel B werden das Monopol und die übrigen Marktformen angesprochen. II. Das Marktgleichgewicht im homogenen Polypol 1. Das Marktgleichgewicht auf Konsumgütermärkten a) Definition und Lage des Marktgleichgewichts Das homogene Polypol wurde kurz zuvor als diejenige Marktform umschrieben, bei der viele kleine, gleich große Anbieter auf einem vollkommenen Markt zusammentreffen. Auf die Frage des Organisationsgrades und des Grades der Offenheit des Marktes wird im Augenblick noch nicht eingegangen. Etwas später wird aber darauf zurückzukommen sein. Was die Zahl der Anbieter betrifft, so bedeutet die Aussage ,,viele“, dass jeder einzelne von ihnen so klein sein soll, dass von seinen Aktivitäten keinerlei Einfluss auf das Marktgeschehen, d. h. auf die Höhe des Preises, ausgeht. Sehr streng genommen ist das nur dann der Fall, wenn die Zahl der Anbieter unendlich groß und der Marktanteil jedes Einzelnen extrem klein, genau genommen gleich Null ist. Derartig streng und mathematisch exakt soll im Folgenden aber nicht argumentiert werden. Marktsituationen, in welchen der Einfluss des Einzelnen so minimal ist, dass man ihn vernachlässigen kann, sind vorstellbar und auch empirisch nachweisbar. Damit wird deutlich, dass im homogenen Polypol jene Konstellation vorliegt, welche im 2., im 3. und im 4. Teil bereits unterstellt worden war. Auf die Frage, welche Mengen sie bei alternativen, unbeeinflussbaren Preisen nachzufragen wünschen, nennen die Haushalte jene Mengen, die ihrer Grenznutzenkurve entsprechen bzw. die gemäß dem Ausmaß der Einkommensrestriktion links von der Grenznutzenkurve liegen. Die sich ergebende Nachfragekurve ist eine Abfolge von Haushaltsgleichgewichten. Die Aggregation aller individuellen Nachfragefunktionen (2.3) ergibt die Marktnachfragefunktion, die nunmehr als (5.1) Nx = f(px) erscheint und für welche im Normalfall eine inverse Beziehung zwischen Preis und nachgefragter Menge unterstellt wird. Auf die Frage, welche Mengen sie bei alternativen, unbeeinflussbaren Preisen anzubieten wünschen, nennen die Unternehmungen jene Mengen, die ihrer Grenzkostenkurve entsprechen. Die sich ergebende Angebotskurve ist eine Abfolge von Unternehmensgleichgewichten. Die Aggregation aller individuellen Angebotskurven (2.11) bzw. (4.4) ergibt die Marktangebotsfunktion, die nunmehr als (5.2) Ax = f(px) erscheint und für welche durch die Aggregation aller Grenzkostenkurven eine direkte Beziehung zwischen Preis und angebotener Menge zu unterstellen ist. Kapitel A: Marktgleichgewicht im homogenen Polypol 159 Platziert man die Marktnachfragekurve und die Marktangebotskurve in einem einzigen Preis-Mengen-Diagramm, so zeigt es sich, dass die Pläne der beiden Marktseiten prinzipiell nicht übereinstimmen (vgl. Abb. 5.1.). Abb. 5.1. Bei hohen Preisen (z. B. bei p2) wünschen die Anbieter viel zu verkaufen (q3), die Nachfrager hingegen wenig zu kaufen (q2). Es herrscht ein Angebotsmengen- überschuss (AMÜ) q3 – q2. Bei niedrigen Preisen (z. B. bei p3) ist es umgekehrt. Es besteht ein Nachfragemengenüberschuss (NMÜ) q3 – q2. Es zeigt sich andererseits aber auch, dass der Preis als gemeinsame Determinante von Nachfrage und Angebot das Bindeglied (das Scharnier) zwischen Nachfrage und Angebot bildet, welches die ex-post-Koordination von Nachfrage und Angebot herbeizuführen vermag. Beim Preis p1 ist die nachgefragte Menge q1 gleich der angebotenen Menge q1, es gibt weder Angebots- noch Nachfrageüberschüsse. Der Preis erfüllt die Ausgleichsfunktion. Im Schnittpunkt von Nachfragekurve und Angebotskurve herrscht sowohl Haushaltsgleichgewicht als auch Unternehmensgleichgewicht. Dieser Punkt wird als Marktgleichgewicht bezeichnet. Es umfasst einen Gleichgewichtspreis p* (hier p1) und eine Gleichgewichtsmenge q* (hier q1). Die Lage des Marktgleichgewichtes und damit die Höhe des Gleichgewichtspreises ist abhängig von der Lage der Marktnachfragekurve und von der Lage der Marktangebotskurve. Würde die Nachfragekurve in Abb. 5.1. weiter rechts liegen, so wäre der Gleichgewichtspreis höher, z. B. p2. Würde die Nachfragekurve weiter links liegen, so wäre der Gleichgewichtspreis niedriger, z. B. p3. Entsprechend Umgekehrtes gilt für eine weiter rechts oder weiter links liegende Angebotskurve. Die Höhe des Gleichgewichtspreises p* ist also abhängig von der Lage der Nachfrage- und der Angebotskurve, d. h. es gilt (5.3) px* = f(Nx, Ax). Während (5.1) und (5.2) die Abhängigkeit der Nachfrage- bzw. der Angebotsmengen von hypothetischen Preisen ausdrücken, beschreibt (5.3) die Abhängigkeit des tatsächlich realisierten Gleichgewichtspreises von der Lage der Nachfrage- und der Angebotskurve. (5.1) und (5.2) beschreiben demnach hypothetische Preis- Mengen-Beziehungen und insoweit die Pläne der Marktparteien, (5.3) bezieht sich auf den tatsächlich realisierten markträumenden Preis. 160 5. Teil: Die Theorie des Marktgleichgewichts Völlig analoge Schlussfolgerungen gelten für die Höhe der Gleichgewichtsmenge q*, das heißt es gilt (5.4) qx* = f(Nx, Ax). Die Höhe der Gleichgewichtsmenge ist abhängig von der Lage der Nachfrageund der Angebotskurve. Im Hinblick auf die im 6. Teil zu erörternde Marktprozesstheorie kann aber hier schon angedeutet werden, dass sich das Marktgleichgewicht mit Gleichgewichtspreis und Gleichgewichtsmenge verändert, wenn sich die Marktnachfragekurve bzw. die Marktangebotskurve verschiebt. b) Existenz und Stabilität des Marktgleichgewichts Voraussetzung für die Existenz eines Marktgleichgewichts ist, dass sich Marktnachfrage- und Marktangebotskurve schneiden. Im Fall der freien Güter, bei denen das Angebot (möglicherweise preisunabhängig) die Nachfrage bei jedem Preis übersteigt, kommt ein Marktpreis nicht zustande (vgl. Abb. 5.2.a.). Es ergibt sich also eine für die Nachfrager sehr günstige Situation (vgl. dazu bereits Abb. 1.6. im 1. Teil). Auch in einem zweiten Fall mit sehr niedriger Nachfrage und einem Angebot, welches auf Grund hoher Stückkosten erst bei einem hohen Preis und entsprechender Menge (Preisuntergrenze im Betriebsoptimum) einsetzt, existiert kein Preis, bei dem die Pläne der Nachfrager und die Pläne der Anbieter übereinstimmen (vgl. Abb. 5.2.b.). In diesem Fall kann die Nachfrage offenbar nicht befriedigt werden. Sie kann erst dann befriedigt werden, wenn sich infolge technischen Fortschritts oder durch staatliche Subventionierung Kostensenkungen realisieren lassen, welche die Angebotskurve genügend weit nach unten verschieben. Ein Marktgleichgewicht ist auch erreichbar, wenn die Nachfrager mit Hilfe von staatlichen Transferzahlungen Einkommenssteigerungen erzielen, welche dazu führen, dass die Nachfragekurve sich entsprechend weit nach rechts verschiebt. Ein dritter Fall fehlenden Marktgleichgewichts ist bei öffentlichen Gütern gegeben, bei denen sich trotz der Existenz entsprechender Bedürfnisse keine private Nachfrage und damit auch kein privates Angebot bildet (sog. Marktversagen). Abb. 5.2. Die Stabilität des Marktgleichgewichts ist gegeben, wenn bei Abweichungen vom Gleichgewicht Kräfte wirksam werden, welche zum Gleichgewicht zurückführen. Ob ein Gleichgewicht stabil ist oder nicht, hängt in erster Linie davon ab, ob die Angebots- und die Nachfragekurven normal verlaufen. Am Normalfall der Abb. 5.1. soll demonstriert werden, wie das Gleichgewicht bei Abweichungen gefunden werden kann. Dabei sei zunächst angenommen, dass sich die beiden Kapitel A: Marktgleichgewicht im homogenen Polypol 161 Marktparteien einer bestimmten Organisationsform des Marktes, nämlich eines Auktionators, bedienen. Dieser ruft verschiedene Preise aus und lässt sich die Angebots- und die Nachfragemengen nennen. Stellt er (etwa bei p2) einen Angebotsüberschuss fest, so senkt er den Preis, stellt er (etwa bei p3) einen Nachfrage- überschuss fest, so erhöht er den Preis. Dies vollzieht er so lange, bis er den Gleichgewichtspreis gefunden hat. Auch ohne Auktionator ist ein Preisbildungsvorgang denkbar, bei dem die Anbieter bei Angebotsüberschuss gemeinsam oder in gegenseitigem Unterbieten Preiszugeständnisse machen, bis der für alle zu akzeptierende Gleichgewichtspreis gefunden ist. Entsprechend würden sich die Nachfrager bei einem Nachfrageüberhang gegenseitig überbieten, bis der Gleichgewichtspreis gefunden ist. Entscheidend dafür, dass die Preisbewegung in Richtung auf den Gleichgewichtspreis erfolgt, ist offenbar, dass bei Preisen oberhalb von p* Angebotsüberschüsse und bei Preisen unterhalb von p* Nachfrageüberschüsse bestehen. Dies ist beim Normalverlauf der Kurven gemäß Abb. 5.1. der Fall. Dies ist sogar bei einer nicht dem Normalverlauf entsprechenden Angebotskurve gemäß Abb. 5.3.a. der Fall. Das Gleichgewicht ist stabil. Lediglich im Fall der Abb. 5.3.b. wäre das Gleichgewicht Abb. 5.3. instabil. Bei Abweichungen vom Gleichgewicht würden die Marktkräfte immer weiter von ihm wegführen. Hier wäre nur der Auktionator wieder in der Lage, den Gleichgewichtspreis zu ermitteln und durchzusetzen. Derartige Situationen sind für die hier zu behandelnden Konsumgütermärkte weniger wahrscheinlich. Sie haben aber erhebliche Relevanz für den Devisenmarkt. c) Politische Preisfestsetzung Auch wenn die Bedingungen für die Existenz und die Stabilität eines Marktgleichgewichts erfüllt sind, ist es noch nicht vollkommen sichergestellt, dass dieses Marktgleichgewicht tatsächlich realisiert wird. Weitere Voraussetzung für die Realisierung des Marktgleichgewichts ist nämlich eine freie Preisbildung, d. h. ein nach oben und unten frei beweglicher Preis. Ein frei beweglicher Preis ist nicht gegeben, wenn politische Preise gesetzt werden. Sind die politischen Instanzen beispielsweise der Meinung, dass der Preis nicht unter p2 sinken darf, so werden sie diesen Preis als Mindestpreis deklarieren. Ursache für eine derartige Preisfestsetzung ist in der Regel der Versuch, den Anbietern über die Preisgarantie ein gesichertes Einkommen zu gewährleisten. Wie 162 5. Teil: Die Theorie des Marktgleichgewichts Abb. 5.4.a. zeigt, entsteht bei p2 aber ein nicht absetzbarer Angebotsüberschuss. Das Ziel der Einkommenssicherung wird also nicht erreicht. Es wird nur dann erreicht, wenn der Staat neben der Preisgarantie auch eine Mengengarantie ausspricht, d. h. wenn er den Angebotsüberschuss vom Markt nimmt. Die Nachfrage wird dann beim Preis p2 durch die hinzukommende Staatsnachfrage NSt unendlich elastisch. Agrarmärkte sowie der Devisenmarkt mit stabilen Wechselkursen sind Beispiele für derartige politische Preisbildung. Sind die politischen Instanzen der Meinung, dass der Preis nicht über p3 steigen darf, so werden sie diesen Preis als Höchstpreis deklarieren. Ursache dafür ist in der Regel das sozialpolitische Motiv, bei lebensnotwendigen Gütern bestimmte Preisobergrenzen nicht zu überschreiten. Wie Abb. 5.4.b. zeigt, ergibt sich bei p3 aber ein Nachfrageüberhang (ein Angebotsdefizit), d. h. die Güter kommen nicht in der gewünschten Menge auf den Markt. Auch hier könnte der Staat durch eigenes Angebot den Ausgleich herbeiführen (ASt) oder durch Subventionen an private Anbieter eine Angebotssteigerung (A2) auslösen. Beispiele für Höchstpreissetzungen finden sich vor allem im Realtyp der Zentralplanwirtschaft. Im Realtyp Marktwirtschaft sind vor allem Mietpreisobergrenzen, generelle Preisstopps zur Inflationsbekämpfung sowie wiederum der Devisenmarkt mit stabilen Wechselkursen zu nennen. Grundsätzlich ist festzuhalten, dass politisch festgesetzte Preise die marktwirtschaftliche Ausgleichsfunktion nicht erfüllen können. Da sie den marktwirtschaftlichen Preisbildungsprozess außer Kraft setzten, bezeichnet man sie als marktinkonforme Maßnahmen. Demgegenüber beeinflussen die zuvor (unter b) beschriebenen Maßnahmen des Staates, also Subventionen an Unternehmen bzw. Transferzahlungen an Haushalte, lediglich die Lage der Angebots- bzw. der Nachfragekurve. Sie setzen die freie Preisbildung selbst nicht außer Kraft. Man bezeichnet sie daher als marktkonforme Maßnahmen. Abb. 5.4. 2. Das individuelle Gleichgewicht des einzelnen Anbieters Nachdem die Bildung des Marktgleichgewichts durch das Zusammentreffen von Marktnachfrage und Marktangebot beschrieben worden ist, soll im Folgenden noch einmal auf die Marktsituation des einzelnen Anbieters eingegangen werden. Sie war im 4. Teil bereits ausführlich erörtert worden. Nunmehr gilt es aber, den Zusammenhang mit der Marktpreisbildung herzustellen. Kapitel A: Marktgleichgewicht im homogenen Polypol 163 Der Zusammenhang zwischen Marktpreisbildung und dem individuellen Angebot eines einzelnen Anbieters soll mit Hilfe eines einfachen Zahlenbeispiels veranschaulicht werden (vgl. dazu auch die graphische Darstellung in Abb. 5.5.). Dabei wird von folgenden Annahmen ausgegangen: (1) Die Marktnachfragefunktion habe die Gestalt Nx = – 100px + 10.000. (2) Die Marktangebotsfunktion muss für die folgende Analyse nicht mathematisch exakt spezifiziert werden. Sie habe die Gestalt A1 in Abb. 5.5.a. (3) Die Zahl der Anbieter betrage n = 100, wobei aus Vereinfachungsgründen zunächst unterstellt wird, dass alle Anbieter genau gleich groß sind und mit gleichen Kosten produzieren. Der hier zu behandelnde einzelne Anbieter ist daher repräsentativ für alle anderen. Abb. 5.5. Aus Marktnachfrage und Marktangebot ergibt sich das Marktgleichgewicht mit dem Gleichgewichtspreis 40 und der Gleichgewichtsmenge 6.000 (vgl. Abb. 5.5.a.). Fragt man nun, welche Position der einzelne Anbieter einnimmt, so sind zwei Möglichkeiten zu erörtern: Der einzelne Anbieter betreibt Preispolitik oder aber er passt sich mit seiner Angebotsmenge an. Preispolitik zu betreiben ist für den einzelnen Anbieter sinnlos. Würde er statt des Marktpreises von 40 Euro auch nur einen minimal höheren Preis verlangen (z. B. 40,01), so würde er wegen der Vollkommenheit des Marktes (homogene Güter und vollkommene Markttransparenz) sofort alle Nachfrager verlieren. Auch eine Preissenkung ist nicht sinnvoll. Zwar würde der Anbieter bereits beim Preis von 39,99 alle Nachfrager auf sich ziehen, aber er könnte diese Nachfrage bei seiner begrenzten Kapazität nicht befriedigen. Würde er innerhalb seiner Kapazität bzw. an der Kapazitätsgrenze zum niedrigeren Preis verkaufen, wäre sein Gewinn stets geringer als in jenem Fall, in dem er sich an den Marktpreis von 40 Euro hält. Daraus folgt, dass der einzelne Anbieter im homogenen Polypol als Mengenanpasser agiert, d. h. er nimmt den Marktpreis als eine nicht beeinflussbare Größe, als ein Datum, hin und sucht bei diesem Preis seine gewinnmaximale Menge. Wie im 4. Teil dargestellt, findet er diese Menge durch Realisierung der speziellen Gewinnmaximierungsbedingung (4.25), welche die Gleichheit von Preis und Grenzkosten fordert. Der Zusammenhang zwischen Marktpreisbildung und individuellem Angebot eines repräsentativen Anbieters stellt sich also wie folgt dar: Der Marktpreis von 6.000 7.000 10.000 164 5. Teil: Die Theorie des Marktgleichgewichts 40 Euro ist als ein Datum aus dem Marktschema (Abb. 5.5.a.) in das Preis- Mengen-Schema des einzelnen Anbieters (Abb. 5.5.b.) zu übertragen. Im Schnittpunkt dieser Preisgeraden mit der Grenzkostenkurve findet der einzelne Anbieter sein individuelles Gleichgewicht, sein Gewinnmaximum. Sind, wie hier unterstellt, alle Anbieter bei gleichen Kosten gleich groß, dann liegt dieses Gleichgewicht bei der Menge qx = 60. Gleichgewichtsmenge 60 mal 100 Anbieter ergibt die Marktgleichgewichtsmenge 6.000. Da die Marktangebotskurve A1 als Aggregation von 100 individuellen Grenzkostenkurven zu interpretieren ist, weist sie beim Preis 40 die Menge 6.000 aus. 3. Marktzutritt und kostenminimale Produktion In Abb. 5.5.b. ist eine Situation unterstellt worden, in welcher jeder einzelne Anbieter in seinem Gewinnmaximum bei der Menge qx = 60 einen Stückgewinn g erzielt. Dieser Stückgewinn betrage beispielsweise g = px – k = 8, wenn bei der Menge qx = 60 Stückkosten in Höhe von k = 32 anfallen. Demgemäß entsteht ein Gesamtgewinn G = qx · g in Höhe von 480 Euro. Auf die Interpretation dieses Stück- bzw. Gesamtgewinns ist nunmehr etwas näher einzugehen. Der Gesamtgewinn G ist zu definieren als Differenz zwischen Erlösen und Gesamtkosten. Vgl. dazu (4.19), noch einmal dargestellt als (5.5) G = R – K. Die Gesamtkosten K setzen sich zusammen aus variablen Kosten Kv und fixen Kosten Kf. Es gilt also (5.6) K = Kv + Kf. Die fixen Kosten ergeben sich als Produkt aus der eingesetzten Menge des konstanten Faktors v2 und seinem Faktorpreis l2, d. h. es gilt (5.7) Kf = v2 · l2. Im 4. Teil ist bereits mehrfach angeklungen, dass die häufig so bezeichneten Faktorpreise eigentlich als Faktorkostensätze zu verstehen sind, da sie alle in Verbindung mit dem Faktoreinsatz entstehenden Kosten (beispielsweise Löhne und Lohnnebenkosten) enthalten. Bezüglich des Faktorblocks v2 kann nunmehr angenommen werden, dass er weitgehend den Produktionsfaktor Sachkapital umfasst. Demgemäß kann l2 als Kapitalkostensatz interpretiert werden. Ein derartiger Kapitalkostensatz wird unter anderem Wartungs- und Reparaturkosten, möglicherweise spezifische Risikozuschläge, insbesondere aber die dem Verschleiß des Sachkapitals entsprechenden Abschreibungen sowie die Finanzierungskosten enthalten. Ist die Finanzierung mit Hilfe von Fremdkapital erfolgt, so sind die mit den Kapitalgebern vereinbarten Zinsen in den Kapitalkostensatz einzubauen. Liegt Eigenkapitalfinanzierung vor, so ist die von den Eigenkapitalgebern erwartete Eigenkapitalverzinsung zu berücksichtigen. Eigenkapitalgeber wie beispielsweise Aktionäre in Aktiengesellschaften oder Gesellschafter in Personengesellschaften werden ihr Geldkapital der Unternehmung nämlich nur dann zur Verfügung stellen, wenn sie durch diese Anlage mindestens jene Kapitalverzinsung erreichen, die sie bei Alternativanlagen in anderen Unternehmungen oder beim Erwerb von Kapitel A: Marktgleichgewicht im homogenen Polypol 165 Staatspapieren realisieren könnten. Diese Verzinsung alternativer Anlageformen kann als landesübliche Eigenkapitalverzinsung bzw., da sie den aus der Anlage fließenden Gewinn darstellt, als landesüblicher Gewinn oder Normalgewinn bezeichnet werden. Damit wird deutlich: der Kapitalkostensatz l2 bzw. die Gesamtkosten K und die Stückkosten k enthalten bereits den von den Kapitalgebern erwarteten landesüblichen Normalgewinn. Dies bedeutet nun aber, dass der in der X-Produktion entstehende Gesamtgewinn G bzw. Stückgewinn g einen über den landesüblichen Normalgewinn hinausgehenden Extragewinn darstellt, welcher in der X-Produktion erzielt wird, welcher in alternativen Produktionsrichtungen W hingegen fehlt. Da dieser Gewinn aus einer für die Anbieter günstigen Marktkonstellation bzw. Marktlage resultiert, kann er auch als Marktlagengewinn bezeichnet werden. Aus der Existenz eines derartigen Gewinnes folgt, dass Anbieter in den alternativen W-Produktionen geneigt sein werden, dort anfallende Ersatzinvestitionen zu unterlassen und die über die Abschreibungen frei gewordenen Geldkapitalbeträge in der X-Produktion zu investieren. Ein Zustrom von Anbietern aus alternativen W-Produktionen in die X-Produktion setzt voraus, dass es sich beim Markt des Gutes X um einen offenen Markt handelt. Das heißt zunächst einmal, dass rechtliche Marktzugangsbeschränkungen fehlen müssen. Eintrittsbarrieren können aber auch als wirtschaftliche Hemmnisse in Form von Größenersparnissen existieren und den neuen Unternehmungen wegen extrem hohen Kapitalbedarfs den Zugang zum Markt erschweren oder ihn sogar verhindern. Derartig hohe Eintrittsschwellen sind im homogenen Polypol allerdings nicht anzunehmen. Bei einer Vielzahl von kleinen Anbietern ist davon auszugehen, dass der zur Errichtung neuer Angebotskapazitäten erforderliche Kapitalbedarf niedrig ist. In wirtschaftlicher Hinsicht dürfte im homogenen Polypol stets die Situation eines offenen Marktes, eines contestable market, vorliegen. Der Zustrom neuer Anbieter bewirkt eine Rechtsverschiebung der Marktangebotskurve (vgl. Abb. 5.5.a.). Die dabei auftretenden Angebotsüberschüsse können nur durch Preissenkung beseitigt werden. Bei fallendem Preis px wird sich jeder einzelne Anbieter entlang seiner Grenzkostenkurve anpassen und seine Angebotsmenge entsprechend zurücknehmen (vgl. Abb. 5.5.b.). Durch diesen Vorgang reduziert sich der am Markte erzielte Extragewinn. Anbieter werden aber so lange noch zuströmen, wie der Extragewinn positiv ist. Der Zustrom wird dann aufhören, wenn der Preis auf das Minimum der Stückkosten gesunken ist, wenn alle Anbieter im Betriebsoptimum produzieren. Im Zahlenbeispiel der Abb. 5.5. ist dies bei der Angebotskurve A2 beim Preise px = 30 der Fall. Die Zahl der Anbieter möge auf n = 125 gestiegen sein, jeder einzelne von ihnen bietet in dem für alle gleich liegenden Betriebsoptimum die Menge qx = 56 an. Das Gesamtangebot beträgt 125 · 56 = 7.000 Stück. Im 4. Teil war die nunmehr entstandene Lage, in der jeder einzelne Anbieter sein Gewinnmaximum im Betriebsoptimum findet, als Nullgewinnsituation bezeichnet worden. Gemäß der zuvor angestellten Überlegung, dass die Stückkosten den landesüblichen Normalgewinn enthalten, ist jetzt zu folgern, dass alle An- 166 5. Teil: Die Theorie des Marktgleichgewichts bieter nur den landesüblichen Normalgewinn erzielen, d. h. der zuvor entstandene Extragewinn ist gleich Null. Wird auf allen Märkten der Volkswirtschaft lediglich der landesübliche Normalgewinn und nirgendwo mehr ein Extragewinn erzielt, so besteht für Anbieter kein Anlass mehr, irgendeinen Markt zu verlassen und einen anderen Markt zu betreten. Eine derartige Situation wird als gesamtwirtschaftliches Mikrogleichgewicht bezeichnet. 4. Gesamtwirtschaftliches Gleichgewicht und Pareto-Optimum Die Situation eines gesamtwirtschaftlichen Mikrogleichgewichts ergibt sich unter den Bedingungen des homogenen Polypols und der Offenheit der Märkte. Diese Situation ist im Hinblick auf die Versorgungslage der Konsumenten besonders erwünscht, weil die Preise auf ihren niedrigst möglichen Stand gesunken sind, weil die angebotenen Mengen so groß wie nur möglich sind und weil alle Anbieter mit niedrigst möglichen Stückkosten produzieren. D. h. andererseits, dass die höchst mögliche Produktivität erreicht ist, die Produktionsfaktoren also gesamtwirtschaftlich optimal eingesetzt sind. Eine derartige Situation wird auch als Pareto-Optimum bezeichnet (nach V. Pareto, dem Autor, der die nachfolgende Bedingung formuliert hat). Ein Pareto-Optimum ist gegeben, wenn es nicht mehr möglich ist, die Wohlfahrt eines Individuums zu erhöhen, ohne gleichzeitig die Wohlfahrt eines anderen Individuums zu vermindern. Das Pareto-Optimum ist erreicht, wenn drei Bedingungen erfüllt sind: (1) Alle Haushalte befinden sich im Haushaltsgleichgewicht gemäß zweitem Gossenschen Gesetz, und ihre Grenzraten der Substitution sind wegen der Anpassung an die für alle gleichen Güterpreise identisch (Bedingung des optimalen Konsums). (2) Alle Unternehmungen produzieren in der Minimalkostenkombination, die bei konstanten Skalenerträgen im Betriebsoptimum erreicht wird, und ihre Grenzraten der technischen Substitution sind wegen der Anpassung an die für alle gleichen Faktorpreise identisch. In diesem Fall ist die maximal mögliche Güterproduktion erreicht, d. h. die Volkswirtschaft befindet sich auf der im 1. Teil in Abb. 1.3. dargestellten Transformationskurve (Bedingung der effizienten Produktion). (3) Nachgefragte und angebotene Gütermengen stimmen überein, d. h. das durch die Steigung der Transformationskurve dargestellte Austauschverhältnis der Güter in der Produktion, die sog. Grenzrate der Transformation, ist gleich dem Austauschverhältnis der Güter im Konsum, also der Grenzrate der Substitution (Bedingung der optimalen Abstimmung von Konsum und Produktion). Die Volkswirtschaft befindet sich in dem im 1. Teil in Abb. 1.4. dargestellten Tangentialpunkt von Transformationskurve und gesellschaftlicher Indifferenzkurve. Auf die algebraische bzw. graphische Herleitung dieser Bedingungen, welche üblicherweise in einem Modell mit zwei Haushalten, zwei Unternehmungen, zwei Gütern und zwei Produktionsfaktoren erfolgt, soll an dieser Stelle verzichtet werden. Auf die Interpretation des Pareto-Optimums als gesamtwirtschaftliche Wunschsituation ist jedoch noch einzugehen, da sie mit diversen Problemen be- Kapitel A: Marktgleichgewicht im homogenen Polypol 167 haftet ist. So ist das Pareto-Optimum zunächst immer nur im Hinblick auf die gegebene Nachfragestruktur und damit auf die jeweilige Einkommensverteilung definiert. Darüber hinaus basiert es u. a. auf der Annahme gegebener Nutzen- und Kostensituationen, konstanter (oder abnehmender) Skalenerträge und des Fehlens sog. externer Effekte. Auf diese Probleme ist später noch zurückzukommen. 5. Das Marktgleichgewicht auf Kapital-, Arbeits- und Devisenmärkten Die bisherige Darstellung des Marktgleichgewichtes auf Konsumgütermärkten und insbesondere die Überlegungen bezüglich politischer Preise geben Anlass, nunmehr kurz auf einige weitere Märkte einzugehen, um die zahlreichen Gemeinsamkeiten mit den Konsumgütermärkten, aber auch einige interessante Besonderheiten herauszustellen. Zunächst lässt sich festhalten, dass die bisherigen, auf das homogene Polypol auf Konsumgütermärkten bezogenen Überlegungen prinzipiell auch für viele andere Märkte Gültigkeit haben. Dementsprechend finden sich grafische Darstellungen wie die vorherige Abb. 5.1. mit ansteigenden Angebotskurven, fallenden Nachfragekurven und mit Marktgleichgewichten in deren Schnittpunkten auch für diese anderen Märkte. Lediglich die Bezeichnungen der Angebots- und Nachfragekurven sind den jeweiligen anderen Märkten entsprechend modifiziert. Dies soll nun an einigen markanten Beispielen erläutert werden. Im Folgenden werden daher Sachkapitalmärkte, Arbeitsmärkte, Finanzkapitalmärkte und Devisenmärkte angesprochen. Bei der Erläuterung der jeweiligen Marktangebots- und Marktnachfragekurven muss – wie für das Agieren auf Konsumgütermärkten im 3. und im 4. Teil geschehen – auch auf die einzelwirtschaftlichen Entscheidungskalküls der Marktteilnehmer eingegangen werden. Wegen der nunmehr beabsichtigten Kürze der Darstellung werden diese Kalküls im Folgenden in unmittelbarem Zusammenhang mit der jeweiligen Marktpreisbildung behandelt. a) Sachkapitalmärkte Auf den Sachkapitalmärkten, also den Investitionsgütermärkten, d. h. den Märkten für Rohstoffe, Vorprodukte, Vorleistungen, Materialien, Maschinen, Anlagegüter usw., liegen bezüglich des Güterangebotes die gleichen Gegebenheiten vor wie auf Konsumgütermärkten. Die Produktionsbedingungen, also die Produktionsfunktionen, die aus ihnen resultierenden Kostenfunktionen und damit die Grenzkosten- und die Stückkostensituationen sowie die Gewinnmaximierungsbedingung (4.21) R´ = K´ führen auch hier zu den im 4. Teil beschriebenen steigenden Angebotskurven. Analog kann die Güternachfrage durch fallende Nachfragekurven dargestellt werden. Diese leiten sich hier allerdings nicht aus fallenden Grenznutzenkurven von Haushalten her, denn die Nachfrager von Investitionsgütern sind produzierende Unternehmungen, deren Kalküls wiederum im Zusammenhang mit ihren Produktionsgegebenheiten und dem Ziel der Gewinnmaximierung zu sehen sind und wie folgt ablaufen. Die im 4. Teil hergeleitete Gewinnmaximierungsbedingung (4.21) R´ = K´ bezog sich auf die Frage, ob es sich lohnt, eine zusätzliche Gutseinheit zu produzieren 168 5. Teil: Die Theorie des Marktgleichgewichts und zu verkaufen. Das lohnte sich so lange, wie die zusätzliche Gutseinheit mehr erbrachte (R´) als sie an Kosten verursachte (K´). Die gleiche Frage lässt sich auch bezüglich des Einsatzes einer zusätzlichen Faktoreinheit und damit der Nachfrage nach einer weiteren Investitionsgütereinheit stellen. Dieser Einsatz lohnt sich so lange, wie das zusätzliche Investitionsgut weniger Kosten verursacht als der Verkauf der durch seinen Einsatz produzierten (Konsum)Gütermenge auf dem Absatzmarkt erbringt. Die Kosten des zusätzlichen Investitionsgutes sind zunächst in dem auf dem Investitionsgütermarkt zu zahlenden Preis des Investitionsgutes pI zu sehen. Sofern das Investitionsgut über mehrere Produktionsperioden hinweg einsetzbar ist (etwa eine Maschine), sind die pro Produktionsperiode anfallenden kalkulatorischen Kosten unter Einschluss des für die Bereitstellung von Finanzierungmitteln zu zahlenden Zinssatzes bzw. der zuvor erörterten landesüblichen Kapitalverzinsung zu ermitteln. Auf diese Periodisierung soll in der folgenden Argumentation der Einfachheit halber verzichtet werden. In diesem Fall entsprechen die Kosten des Investitionsgutes dem Preis pI. Dieser zu zahlende Preis stellt dann die der Unternehmung entstehende zusätzliche Ausgabe, die sog. Grenzausgabe (GRA) dar. Verkauft man die mit Hilfe des zusätzlichen Investitionsgutes hergestellten (Konsum)Güter, so erzielt man eine zusätzliche Einnahme, die sog. Grenzeinnahme (GRE). Diese Grenzeinnahme ergibt sich aus dem sog. Grenzprodukt, d. h. der Menge der zusätzlich produzierten Güter, multipliziert mit deren Verkaufspreis (gemäß spezieller Gewinnmaximierungsbedingung im Fall eines homogenen Polypols auf dem Absatzmarkt) bzw. mit deren Grenzerlös (gemäß genereller Gewinnmaximierungsbedingung). Es handelt sich demnach um den Wert des Grenzproduktes bzw. den Erlös aus dem Verkauf des Grenzproduktes des zusätzlichen Investitionsgutes. Diese werden in der Literatur sprachlich etwas ungeschickt als Wertgrenzprodukt oder Grenzwertprodukt (GWP) bzw. als Grenzerlösprodukt (GEP) bezeichnet. Die auf die Investitionsgüternachfrage bezogene Gewinnmaximierungsbedingung lautet daher (4.21.a) GRA = GRE oder pI = GWPI bzw. GEPI. Die Erfüllung dieser Bedingung sei an einem einfachen Beispiel verdeutlicht. Hat ein zur Produktionsausdehnung notwendiges Material den Preis pI = 100 Euro und erzeugt man mit seinem Einsatz ein Grenzprodukt von 20 zusätzlichen Gütermengeneinheiten, die man zu einem Preis bzw. Grenzerlös von 5 Euro absetzen kann, so sind die Bedingungen (4.21) und (4.21.a) erfüllt. Die zusätzlich erzeugte Gütermenge erbringt dann gerade so viel wie sie an Kostensteigerung verursacht. Auch der Einsatz des zusätzlichen Materials erbringt gerade so viel wie er an Kostensteigerung verursacht, der Einsatz lohnt sich also gerade noch. Der Einsatz einer weiteren Einheit des Materials mit einem Grenzprodukt von bspw. 19 Stück und/oder dem Verkaufspreis bzw. Grenzerlös von bspw. 4 Euro würde sich nicht mehr lohnen. Die Umformulierung der für den Absatzmarkt gültigen Gewinnmaximierungsbedingung (4.21) R´ = K´ in die für den Beschaffungsmarkt gültige Gewinnmaxi- Kapitel A: Marktgleichgewicht im homogenen Polypol 169 mierungsbedingung (4.21.a) GRE = GRA kann auch wie folgt dargestellt werden. Siehe Übersicht 5.1. Darin wird die folgende Sprachregelung gewählt: passend zu pI, dem Preis des Investitionsgutes I, steht dI für die Änderung (Erhöhung) der Einsatzmenge dieses Investitionsgutes. Da Investitionsgüter in dem hier verwendeten Zwei-Faktoren-Modell identisch sind mit dem Produktionsfaktor Sachkapital, wäre auch die Sprachregelung dC für die Änderung (Erhöhung) des Kapitalstocks möglich. Übersicht 5.1. Für den Absatzmarkt gilt (4.21) R´ = K´ R´ = dK / dq. Bei Zukauf eines Produktionsfaktors und partieller Faktorvariation sind die zusätzlichen Kosten dK gleich der Faktoränderung, multipliziert mit dem Faktorpreis, hier also dK = dI · pI. Es ergibt sich R´ = dI · pI/dq. Der Ausdruck dI/dq, auf die linke Seite gebracht, ergibt den Kehrwert dq/dI = GPI, die Grenzproduktivität bzw. bei dI = 1 das Grenzprodukt des Investitionsgutes. Daraus folgt dq/dI · R´ = pI. GPI · R´ ist der Erlöszuwachs aus dem Verkauf des GPI, also das Grenzerlösprodukt des Investitionsgutes, kurz GEPI. Daher gilt für den Beschaffungsmarkt (4.21.a) GEPI = pI, bzw. GRE = GRA. Wie im 4. Teil ausführlich dargestellt, sinkt das Grenzprodukt eines Faktors unter den hier gegebenen Annahmen mit steigender Faktoreinsatzmenge. Steigende Faktoreinsatzmengen erfordern eine steigende Faktornachfrage. Somit führt auch diese zu sinkenden Grenzprodukten. Werden die gesunkenen Grenzprodukte, also gesunkene Gütermengen, auf dem Absatzmarkt zu konstanten oder sogar zu sinkenden Preisen verkauft, so sinkt auch das Grenzwert- bzw. das Grenzerlösprodukt und somit die Grenzeinnahme. Wenn aber steigende Faktoreinsatzmengen sinkende Grenzeinnahmen bewirken, können sie seitens der Unternehmung sinnvollerweise nur zu sinkenden Faktorpreisen nachgefragt werden. Die Nachfrage nach Investitionsgütern nimmt daher nur dann zu, wenn die Preise der Investitionsgüter sinken. Daraus folgt, dass die Nachfragekurve nach Investitionsgütern – wie auch diejenige nach Konsumgütern – einen fallenden Verlauf hat. Aus steigenden Angebotskurven und fallenden Nachfragekurven ergeben sich im Falle homogener Polypole daher auch auf Investitionsgütermärkten Marktgleichgewichte und markträumende Gleichgewichtspreise für Investitionsgüter. Vgl. hierzu die Abb. 5.6.a. Beispiele für entsprechende Preisbildungen auf praktisch vollkommenen Märkten mit vielen kleinen Marktteilnehmern sind die zahlreichen Rohstoffmärkte. Demgegenüber finden sich bei hochspezialisierten Investitionsgütern, etwa bei Spezialmaschinen und -anlagen, eher unvollkommene Märkte 170 5. Teil: Die Theorie des Marktgleichgewichts und oligopolistische bzw. sogar monopolistische Marktkonstellationen. Auf sie wird später in Kapitel B, Abschnitt I, 5. bei der Erörterung des Monopsons und des bilateralen Monopols zurückzukommen sein. b) Arbeitsmärkte Neben dem Produktionsfaktor Sachkapital, also den soeben erörterten Investitionsgütern, ist der Produktionsfaktor Arbeit von höchster Relevanz für unternehmerische Produktions- und Absatzentscheidungen. Demgemäß ist auch die Preisbildung auf den Arbeitsmärkten von zentralem Interesse. Auf den Arbeitsmärkten stehen sich die Haushalte als die Anbieter ihrer Arbeitskraft (meist missverständlich Arbeitnehmer genannt) und die Unternehmungen als die Nachfrager von Arbeitskräften (meist missverständlich als Arbeitgeber bezeichnet) gegenüber. Bezüglich der Nachfrage nach Arbeitskräften seitens der Unternehmungen gelten alle zuvor dargestellten Überlegungen bezüglich der Nachfrage nach Investitionsgütern analog. Auch die Übersicht 5.1 ist analog anzuwenden. An die Stelle von dI (bzw. dC) tritt nunmehr die Änderung des Arbeitseinsatzes dL, an die Stelle von pI tritt der Lohnsatz l, an die Stelle des GPI tritt das Grenzprodukt der Arbeit GPL, an die Stelle des GWPI und des GEPI treten das Grenzwert- bzw. das Grenzerlösprodukt der Arbeit GWPL bzw. GEPL. Im Folgenden wird fast immer auf die Zahl der Arbeitskräfte (L) abgestellt. Alternativ, und für einzelne Argumente sogar noch einleuchtender, kann auch die Nachfrage – und anschließend das Angebot – an Arbeitsstunden (h) zum Gegenstand der Betrachtung gemacht werden. Es ergeben sich prinzipiell aber die gleichen Überlegungen und Schlussfolgerungen. Zusätzliche Arbeitskräfte werden nachgefragt und eingestellt, wenn die durch ihren Einsatz erzielbare Grenzeinnahme (das Grenzwert- bzw. Grenzerlösprodukt) größer ist als die durch sie verursachte Grenzausgabe, also der Lohnsatz l einschließlich aller Lohnnebenkosten. Die auf die Nachfrage nach Arbeit bezogene Gewinnmaximierungsbedingung lautet daher ebenfalls (4.21.a) GRA = GRE oder l = GWPL bzw. GEPL. Da auch beim Einsatz von Arbeitskräften deren Grenzprodukt mit steigender Einsatzmenge sinkt, werden zusätzliche Arbeitskräfte von den Unternehmungen nur dann nachgefragt, wenn der Lohnsatz bzw. die Lohnnebenkosten sinken. Die Nachfragekurve der Unternehmungen nach Arbeitskräften (AN) zeigt daher einen fallenden Verlauf. Vgl. Abb. 5.6.b. und c.. Bezüglich des Angebotes an Arbeit seitens der Haushalte existieren mehrere recht gut begründbare Hypothesen. So ist es vorstellbar, dass das Angebot an Arbeitskräften (bzw. an Arbeitsstunden) unabhängig von der Lohnhöhe gleich bleibt, so dass sich ein vollkommen unelastisches Arbeitsangebot, d. h. eine senkrecht verlaufende Arbeitsangebotskurve (AA) ergibt. Plausibel scheint es aber auch zu sein, dass ein steigender Lohnsatz einen Anreiz zur Mehrarbeit zum Zwecke des Mehrkonsums oder der Vermögensbildung liefert bzw. dass er als Kompensation für die zusätzlichen Mühen, die aus einem steigenden Arbeitseinsatz erwachsen (das sog. Grenzleid der Arbeit) angesehen wird. Der steigende Kapitel A: Marktgleichgewicht im homogenen Polypol 171 Lohnsatz löst dann ein steigendes Arbeitsangebot aus, d. h. die Arbeitangebotskurve zeigt einen steigenden Verlauf. Siehe Abb. 5.6.b. Möglich ist es andererseits sogar, dass das Arbeitsangebot mit steigendem Lohnsatz zurückgeht, weil bei steigendem Lohn ein geringerer Arbeitseinsatz ausreicht, um die angestrebte Einkommenssumme, etwa ein bestimmtes Familieneinkommen, zu sichern, und weil überdies bei sinkender Arbeitszeit die Menge an erwünschter Freizeit zunimmt. Es ergibt sich dann eine fallende Arbeitsangebotskurve. Möglicherweise lassen sich, zumindest was die individuellen Angebotskurven einzelner Haushalte betrifft, sogar alle drei Varianten der Arbeitsangebotskurve gleichzeitig beobachten, und zwar bei jeweils verschiedenen Lohnhöhen. Einzelne Arbeitsangebotskurven können dann die Gestalt eines schräg gestellten Z annehmen (sog. Fleischerhakenkurve), wie in Abb. 5.6.c. dargestellt. Auf wiederum plausible Begründungen derartiger im Einzelnen sehr unterschiedlicher Kurven, aus denen sich bei Aggregation aber möglicherweise doch wieder „normale“, d. h. ansteigende Marktangebotskurven ergeben, muss hier verzichtet werden. Es sei auf die einschlägige Arbeitsmarktliteratur verwiesen. Wie immer die Arbeitsangebotskurve auf dem jeweiligen (Teil)Arbeitsmarkt auch verlaufen mag, so können sich i. d. R. aus Arbeitsangebot und Arbeitsnachfrage ein Marktgleichgewicht und ein Gleichgewichtslohn bilden. Nur bei eher unwahrscheinlichen, extremen Z-Verlaufs-Konstellationen des Arbeitsangebotes sind mehrere Gleichgewichtspositionen denkbar. In einem derartigen Gleichgewicht entspricht die von den Unternehmungen nachgefragte Arbeitseinsatzmenge genau der von den Haushalten gewünschten Arbeitsangebotsmenge. Folglich wird die von den Haushalten gewünschte Arbeitsangebotsmenge von den Unternehmungen zu 100% nachgefragt und somit voll beschäftigt. Es herrscht also Vollbeschäftigung auf diesem Teilmarkt (etwa dem für Elektroingenieure in Baden-Württemberg) bzw. in der gesamten Volkswirtschaft. Ist ein derart entstandener Gleichgewichtslohn, etwa wegen eines sehr hohen Arbeitsangebotes oder aber wegen niedriger Qualifikation, somit niedriger Grenzproduktivität und entsprechend niedrigem Grenzprodukt der betroffenen Arbeitskräfte derart niedrig, dass er nicht ausreicht, den Lebensunterhalt dieser Arbeitskräfte zu sichern, so wird häufig das Festlegen eines Mindestpreises, hier also eines Mindestlohnes, verlangt und diskutiert. Wie die Ausführungen zu den politischen Mindestpreisen bei Konsumgütern gezeigt haben, ergeben sich bei Mindestpreisen, die oberhalb des Gleichgewichtspreises festgelegt werden, Angebotsmengenüberschüsse, auf jeden Fall bei „normal“ verlaufenden Angebots- und Nachfragekurven bzw. immer dann, wenn die Marktgleichgewichte stabil sind. Vgl. dazu die vorherigen Abbildungen 5.4 und 5.3.a. Der in Abb. 5.3.b. dargestellten instabilen Situation muss nicht weiter nachgegangen werden, da der Preis bei leichtem Überschreiten des Gleichgewichtspreises ohnehin weiter nach oben tendiert. Ein Angebotsmengenüberschuss entsteht auch bei einem Mindestlohn. Das Arbeitsangebot ist dann größer als die Arbeitsnachfrage, d. h. es entsteht Arbeitslosigkeit im Ausmaß dieses Angebotsmengenüberschusses. Siehe dazu die fett gezogene Linie in Abb. 5.6.b. und c. Das Festlegen von nicht marktgerechten Mindestlöhnen führt also dazu, dass Arbeitslosigkeit entsteht, die sog. Mindestlohnarbeitslosigkeit. Den von der Arbeitslosigkeit betroffenen Arbeitskräften ist 172 5. Teil: Die Theorie des Marktgleichgewichts Abb. 5.6. Kapitel A: Marktgleichgewicht im homogenen Polypol 173 Übersicht 5.2. Ergänzende Legende zu Abb. 5.6 (a) Sachkapitalmarkt bzw. Investitionsgütermarkt pI = Preis des Investitionsgutes qI = Menge des Investitionsgutes GWP = Grenzwertprodukt GEP = Grenzerlösprodukt (b) und (c) Arbeitsmarkt l = Lohnsatz lmin = Mindestlohn L = Arbeitsvolumen (Zahl der Arbeitskräfte bzw. -stunden) AA = Arbeitsangebot AN = Arbeitsnachfrage GWP, GEP: s. o. (d) und (e) Finanzkapitalmarkt z = Zinssatz S = Sparangebot I = Investitionsnachfrage (Nachfrage nach Finanzierungsmitteln) K = Kurs B = Wertpapiermenge (Menge an Bonds) BA = Wertpapierangebot (Bondsangebot) BN = Wertpapiernachfrage (Bondsnachfrage) (f) und (g) Devisenmarkt DK = Devisenkurs D = Devisenmenge DA = Devisenangebot DN = Devisennachfrage DKo = oberer Interventionskurs bei stabilen Wechselkursen DKu = unterer Interventionskurs bei stabilen Wechselkursen ZB = Zentralbank durch den Mindestlohn daher nicht geholfen, denn sie erhalten nun gar keinen Lohn mehr und sie sind auf Arbeitslosenunterstützung angewiesen. Ob eine Erhöhung des Mindestlohnes eine existierende Arbeitslosigkeit noch weiter steigert oder sie konstant lässt oder sie möglicherweise sogar wieder reduziert, hängt vom genauen Verlauf der Arbeitsangebots- und der Arbeitsnachfragekurve ab. Im Spezialfall parallel laufender Arbeitsangebots- und Arbeitsnachfragekurven, wie in Abb. 5.6.c. teilweise unterstellt, würden Veränderungen des Mindestlohnes das Ausmaß an Arbeitslosigkeit nicht verändern. Abschließend sei aber darauf hingewiesen, dass alle diese Ausführungen nur für die Marktform des homogenen Polypols gelten, also für vollkommene Arbeitsmärkte mit vielen Marktteilnehmern auf beiden Marktseiten. Zahlreiche Teilar- 174 5. Teil: Die Theorie des Marktgleichgewichts beitsmärkte der Realität, insbesondere einzelne regionale und lokale Märkte sowie Märkte für sehr spezifische Arbeitsqualifikationen, sind aber dadurch gekennzeichnet, dass wenige oder sogar nur ein einziges Unternehmen als Arbeitsnachfrager existieren. Darüber hinaus agieren sehr häufig Gewerkschaften als monopolistische Interessenvertreter der Arbeitnehmer, also der Arbeitsanbieter. Die Mindestlohnthematik erscheint dann möglicherweise in einem etwas anderen Licht. Darauf wird später in Kapitel B, Abschnitt I, 5. bei der Erörterung des Monopsons und des bilateralen Monopols zurückzukommen sein. c) Finanzkapitalmärkte Auch für Finanzkapitalmärkte gelten die zuvor dargestellten Gegebenheiten bezüglich Angebot, Nachfrage und Preisbildung. Dabei ist zu bemerken, dass die Preisbildung auf Finanzkapitalmärkten in zwei alternativen Sprachregelungen beschrieben werden kann. Einmal werden diese Märkte als Märkte für Sparen und Investieren mit dem Zins als Preis bezeichnet und zum anderen als Märkte für die dazu verwendeten Finanzierungstitel (etwa festverzinsliche Wertpapiere, sog. bonds) mit dem Wertpapierkurs als Preis. In der Darstellung als S–I-Märkte kann davon ausgegangen werden, dass die zinsabhängigen Sparangebote seitens der Haushalte einer steigenden Angebotskurve folgen, da es sich bei steigendem Zins lohnt, mehr zu sparen. Demgegenüber wird die Nachfrage der Unternehmungen nach diesen Sparmitteln zum Zwecke der Finanzierung von Investitionen mit steigendem Zins zurückgehen und mit sinkendem Zins zunehmen. Die zinsabhängige Nachfrage nach Investitionsfinanzierungsmitteln kann daher durch eine fallende Nachfragekurve dargestellt werden. Die Gründe hierfür wurden zuvor ausführlich behandelt. Zu zahlende Zinsen sind Teil der oben erwähnten Grenzausgabe der Unternehmungen. Angesichts des mit steigenden Einsatzmengen von Investitionsgütern zu beobachtenden Sinkens des Grenzwert- bzw. des Grenzerlösproduktes werden zusätzliche Investitionsgüter und damit auch die zu ihrer Finanzierung notwendigen Finanzierungsmittel nur nachgefragt, wenn der Zinssatz sinkt. Aus einem zinsabhängigen Sparangebot (S) und einer zinsabhängigen Investitionsnachfrage (I) ergibt sich ein Marktgleichgewicht bei dem markträumenden Gleichgewichtszins. Vgl dazu die Abb. 5.6.d. In der Darstellung als Märkte für Finanzierungstitel (Wertpapiere) tritt als Scharnier zwischen das Angebot an Wertpapieren und die Nachfrage nach Wertpapieren nunmehr der Preis der Wertpapiere, also ihr Kurs, an die Stelle des Zinses. Da Kurs und Zins in einer inversen Beziehung zueinander stehen, entspricht der zuvor dargestellten zinsabhängigen steigenden Sparangebotskurve eine kursabhängige fallende Nachfragekurve der Haushalte nach Wertpapieren (BN für Bondsnachfrage). Es leuchtet ein, dass die Haushalte bei steigenden Kursen geringere Mengen der teurer werdenden Wertpapiere erwerben wollen bzw. dass sie bei sinkenden Kursen größere Mengen der günstiger zu erwerbenden Wertpapiere kaufen wollen. Bezüglich der Unternehmungen, welche die Wertpapiere ausgeben, also anbieten, leuchtet es ein, dass sie bei hohen Kursen, also günstigen Verkaufserlösen für ihre Wertpapiere, viele Papiere anbieten und bei niedrigen Kursen entsprechend wenige. Der zuvor dargestellten zinsabhängigen fallenden Investitionsnachfragekurve entspricht daher eine kursabhängige steigende Ange- Kapitel A: Marktgleichgewicht im homogenen Polypol 175 botskurve für Wertpapiere seitens der Unternehmungen (BA für Bondsangebot). Aus Angebot und Nachfrage bildet sich wiederum ein Marktgleichgewicht auf dem Wertpapiermarkt bei dem dann markträumenden Gleichgewichtskurs für das entsprechende Wertpapier. Vgl. dazu die Abb. 5.6.e. Es sei hier wiederum angemerkt, dass auch diese Darstellungen der Finanzkapitalmärkte zunächst nur für die bislang allein erörterte Marktform des homogenen Polypols Gültigkeit haben. Insoweit entsprechen sie weitgehend den traditionellen Kassamärkten der Wertpapierbörsen. Gerade neuere Entwicklungen bezüglich der Organisation des Wertpapierhandels (etwa der Xetra-Handel), haben aber dazu geführt, dass zunehmend auch andere Marktkonstellationen bis hin zum bilateralen Monopol an Bedeutung zugenommen haben. Darauf kann hier aber nicht mehr näher eingegangen werden. Darüber hinaus ist bezüglich aller hier behandelter weiterer Märkte, ganz besonders aber bezüglich der Wertpapiermärkte, daran zu erinnern, dass die jeweiligen Nachfragen und Angebote nicht nur von den Preisen, Löhnen, Zinsen und Kursen abhängig sind. Die Produktions- und Absatzgegebenheiten, also Grenzprodukte, Grenzwert- und Grenzerlösprodukte wurden ausführlich erörtert. Ebenso relevant und die jeweilige Lage der Kurven bestimmend sind aber beispielsweise auch die Einkommens- und Vermögenssituation der Haushalte bezüglich ihrer Sparangebote und ganz grundsätzlich alle Arten von denkbaren Erwartungen. So kann es bei steigenden Wertpapierkursen zu einer steigenden statt einer sinkenden Nachfrage nach Wertpapieren kommen, wenn weitere Kurssteigerungen erwartet werden. Die Nachfragekurve nach Wertpapieren verschiebt sich dann nach rechts. d) Devisenmärkte Devisenmärkte sind Märkte, auf denen ausländische Zahlungsmittel (Bar- und in erster Linie Giralgeld) gehandelt werden. Devisenmärkte sind praktisch vollkommene Märkte, da es bezüglich der einzelnen Devisen keine sachlichen und persönlichen Differenzierungen und auch kaum räumliche Differenzierungen gibt, da diese angesichts moderner Informationstechnologien durch Arbitrage rasch ausgeglichen werden. Aufgrund zeitlicher Differenzierungen ist zwischen dem Kassamarkt und verschiedenen Terminmärkten zu unterscheiden. Da die Zahl der Marktteilnehmer in den allermeisten Fällen hoch ist, liegen in der Regel homogene Polypole vor. Ein Devisenangebot (z. B. ein Dollarangebot) entsteht unter anderem dadurch, dass heimische Sachgüter und Dienstleistungen exportiert werden oder aber dass Finanzkapital importiert wird. Im Zuge eines Güterexportes erhalten die heimischen Exporteure Zahlungen in ausländischer Währung. Diese bieten sie auf dem Devisenmarkt an, da sie sie i. d. R. im Inland nicht für Zahlungen verwenden können. Die ausländische Währung wird auch dann angeboten, allerdings bereits von dem zahlungspflichtigen ausländischen Importeur, wenn die Zahlung in heimischer Währung (in Euro) vereinbart worden ist. Ebenso bieten ausländische Anleger ihre Währung an (und fragen Euro nach), wenn sie Finanzkapitalanlagen im Euroraum tätigen, wenn aus heimischer Sicht also ein Kapitalimport stattfindet. Bei steigendem Devisenkurs erhöht sich im Regelfall das Devisenangebot, d. h. es 176 5. Teil: Die Theorie des Marktgleichgewichts ergibt sich eine steigende Devisenangebotskurve. Siehe DA in Abb. 5.6.f. Der Grund hierfür ist unter anderem darin zu sehen, dass durch einen steigenden Devisenkurs, der einem sinkenden Kurs der heimischen Währung entspricht, die heimischen Exportgüter billiger werden, die Exportmenge und auch der Wert der Exporte (Exportmenge mal Preis) dadurch zunehmen und das Devisenangebot entsprechend größer wird. Eine allerdings wichtige Ausnahme von diesem „Normalverlauf“ des Devisenangebotes ergibt sich dann, wenn mit steigendem Devisenkurs (also sinkendem eigenen Kurs und der Verbilligung der Exportgüter) die Exportmenge gar nicht oder nur unterproportional steigt, was bei einer unelastischen Nachfrage des Auslandes nach den heimischen Exportgütern der Fall ist. Dann geht der Exportwert zurück und das Devisenangebot sinkt mit steigendem Devisenkurs. Die Devisenangebotskurve zeigt dann einen fallenden Verlauf oder zumindest teilweise einen fallenden Verlauf. Vgl. dazu den gestrichelten Teil der Devisenangebotskurve in Abb. 5.6.f. Ein derartig inverser Verlauf aufgrund der Güterexportsituation kann andererseits aber durch einen Normalverlauf, der von den übrigen außenwirtschaftlichen Transaktionen herrührt (etwa den Übertragungen und insbesondere dem Kapitalverkehr), überlagert und damit kompensiert werden. Bedeutsam sind inverse Devisenangebotskurven für Länder, in denen der Warenhandel die dominante Außenwirtschaftsbeziehung darstellt und bei denen ihre Hauptexportgüter, etwa bestimmte Rohstoffe, auf eine unelastische Weltnachfrage stoßen. Auf weitere Einzelheiten kann hier wiederum nicht eingegangen werden. Vgl. dazu die einschlägige Außenwirtschaftsliteratur. Eine Devisennachfrage entsteht unter anderem dadurch, dass ausländische Sachgüter (z. B. Erdöl) oder Dienstleistungen (z. B. Hotelservice im Auslandsurlaub) importiert werden oder aber dass Finanzkapital exportiert wird (z. B. USamerikanische Aktien in New York gekauft werden). Sowohl für den Güterimport als auch für den Kapitalexport benötigen Inländer ausländische Zahlungsmittel und fragen diese daher nach. Bei steigendem Devisenkurs geht die Devisennachfrage im Regelfall zurück, da die zu importierenden Güter sowie die ausländischen Kapitalanlagen teurer werden, d. h. es ergibt sich eine fallende Devisennachfragekurve (DN). Aus Devisenangebot und Devisennachfrage bildet sich ein Marktgleichgewicht bei einem markträumenden Gleichgewichtskurs. Vgl. Abb. 5.6.f. Da in diesem Fall die Devisenangebotsmenge und die Devisennachfragemenge gleich groß sind, ist auch die Zahlungsbilanz, in der alle hereinfließenden und alle hinausfließenden Transaktionen einer Volkswirtschaft bzw. eines Währungsraumes statistisch erfasst werden, ausgeglichen. Es herrscht außenwirtschaftliches Gleichgewicht. Dieses ist also, wie gerade ersichtlich, bei freier Marktpreisbildung auf dem Devisenmarkt gegeben. Eine freie Marktpreisbildung auf dem Devisenmarkt ohne irgendwelche Eingriffe staatlicher Instanzen zum Zwecke der Kursmanipulation bezeichnet man auch als System flexibler Wechselkurse. Sind die währungspolitischen Instanzen aber der Meinung, dass ein flexibler Wechselkurs zu stark schwanken könnte und dass dadurch zusätzliche Unsicherheiten für den internationalen Güter- und Kapitalverkehr entstehen könnten, dann ist es möglich, dass sie einen von ihnen für richtig erachteten Wechselkurs Kapitel A: Marktgleichgewicht im homogenen Polypol 177 administrativ festlegen und allenfalls freie Kursschwankungen innerhalb einer Wechselkursbandbreite zulassen. Eine derartige Regelung bezeichnet man als System fester bzw. stabiler Wechselkurse. Bei stabilen Wechselkursen wird das zuvor erörterte Prinzip politischer Höchstund Mindestpreise auf den Devisenmarkt übertragen. Die Folgen sind die gleichen. Bei Änderungen außenwirtschaftsrelevanter Determinanten (etwa der Preisoder der Zinsniveaus in den beteiligten Ländern), welche zu Veränderungen von Devisenangebot und Devisennachfrage, also zu Verschiebungen der jeweiligen Kurven führen, können diese Veränderungen nicht mehr durch Anpassungen des Wechselkurses aufgefangen und ausgeglichen werden. Es entstehen Devisenangebots- oder aber Devisennachfrageüberschüsse. Neben die staatliche Preisgarantie muss daher auch hier eine staatliche Mengengarantie treten. Sie wird in der Weise organisiert, dass die Zentralbank den Auftrag erhält, Angebotsüberschüsse durch eigenen Devisenankauf und Nachfrageüberschüsse durch eigenen Devisenverkauf zu beseitigen. Grafisch können diese Vorgänge wie folgt veranschaulicht werden. Vgl. dazu Abb. 5.6.g. Wenn das autonome Devisenangebot zum Beispiel von DA1 auf DA2, DA3 usw. ansteigt (in der Abb. aus Gründen der Übersichtlichkeit verkürzt gezeichnet), würde ein flexibler Devisenkurs auf und dann unter den Kurs DKu sinken und damit aus der vereinbarten Bandbreite herausfallen. Dies verhindert die Zentralbank durch einen Devisenankauf spätestens an diesem unteren Interventionskurs DKu. Siehe die fett gezeichnete, unendlich elastische DNZB-Kurve in Abb. 5.6.g. Im Falle eines Devisenangebotes DA3 kauft sie Devisen im Umfang D1 bis D2 auf. Da die Zentralbank die angekauften Devisen mit neu geschaffenen heimischen Geldeinheiten bezahlt, kommt es dabei zu einer inländischen Geldmengenvermehrung mit entsprechenden inflatorischen Effekten. Wenn in einem anderen Fall die autonome Devisennachfrage von DN1 auf DN2, DN3 usw. ansteigt (aus Gründen der Übersichtlichkeit ebenfalls verkürzt gezeichnet), würde sich ein flexibler Devisenkurs beim Kurs DKo und dann oberhalb des Kurses DKo bilden und dabei wiederum aus der vereinbarten Bandbreite herausfallen. Dies verhindert die Zentralbank durch einen Devisenverkauf spätestens am oberen Interventionskurs DKo. Siehe die fett gezeichnete, unendlich elastische DAZB-Kurve in Abb. 5.6.g. Im Falle einer Devisennachfrage DN3 verkauft sie Devisen im Umfang D1 bis D2. Da die Zentralbank durch den Devisenverkauf heimische Geldeinheiten, die sie zu früheren Zeitpunkten in Umlauf gebracht hatte, zurückerhält, kommt es zu einer inländischen Geldmengenreduzierung mit entsprechenden deflatorischen Effekten. Darüber hinaus ist ein Devisenverkauf seitens der Zentralbank nur dann möglich, wenn sie über Devisenreserven verfügt, die ihr aus vorhergegangenen Zahlungsbilanzüberschüssen entstanden waren. Hat sie keine solchen Devisenreserven, so ist sie international illiquide und auf Währungskredite anderer, etwa des Internationalen Währungsfonds IWF, angewiesen. Diese Ausführungen zeigen, dass die zuvor nur für Konsumgütermärkte dargestellten Mechanismen auch auf den Devisenmärkten wirken und dass auch hier ein Plädoyer für eine freie Marktpreisbildung, also für flexible Wechselkurse, naheliegt. In diesem Zusammenhang ist dann noch darauf hinzuweisen, dass die aktuell wichtigsten Weltwährungen, nämlich US-Dollar, Euro, Yen, Schweizer Fran- 178 5. Teil: Die Theorie des Marktgleichgewichts ken und Britisches Pfund, zur Zeit untereinander flexibel sind. Stabile Wechselkurse hat es von 1944 bis 1973 im sog. Bretton-Woods-System mit dem US-Dollar als Leitwährung sowie von 1979 bis 1998 im Europäischen Währungssystem gegeben. Im Europäischen Währungssystem (EWS) waren stabile Wechselkurse die Vorstufe zu einer endgültigen Fixierung aller Kurse untereinander und damit zur Europäischen Währungsunion (EWU) mit dem 1999 eingeführten Euro als Gemeinschaftswährung. Während der Euro gegenwärtig also grundsätzlich flexibel ist, hat er einen stabilen Kurs gegenüber einigen wenigen Ländern, nämlich gegenüber dem ursprünglichen EWS-Land Dänemark sowie gegenüber einzelnen neuen Mitgliedern der Europäischen Union, z. B. Estland, Lettland und Litauen (sog. EWS II). Auch hier wird der stabile Wechselkurs als Vorstufe eines Beitritts zur Währungsunion angesehen, wie er inzwischen durch Slowenien, Malta, Zypern und die Slowakei (ab 2009) erfolgt ist. Stabile Wechselkurse finden sich im Weltwährungssystem derzeit noch an anderen Stellen. Beispielsweise sind die Wechselkurse der chinesischen und der saudi-arabischen Währung gegenüber dem US-Dollar festgelegt. Teilweise dienen bewusst niedrig festgelegte Kurse der eigenen Währung dem Ziel, den heimischen Export anzukurbeln, um dadurch Wachstum zu erzeugen und die Arbeitslosigkeit zu reduzieren. Auf weitere Details kann hier nicht näher eingegangen werden. Sie werden in der Außenwirtschaftsliteratur behandelt. Kapitel B: Marktgleichgewicht im Monopol und im Oligopol B. Das Marktgleichgewicht im Monopol, im heterogenen Polypol und im Oligopol I. Das Marktgleichgewicht im Monopol 1. Die Marktsituation des Monopolisten Nach der Darstellung der Preisbildung auf Sachkapitalmärkten, Arbeitsmärkten, Finanzkapitalmärkten und Devisenmärkten richtet sich das Augenmerk bei der folgenden Analyse der Marktform des Monopols zunächst wieder auf Konsumgütermärkte. Das Monopol ist dadurch gekennzeichnet, dass ein einziger, großer Anbieter auf einem vollkommenen Markt agiert. Die Annahme des vollkommenen Marktes wird später (Punkt 4) aufgegeben. Bezüglich der Nachfrager wird weiterhin die für Konsumgütermärkte typische Situation unterstellt, dass ihre Zahl groß ist. Daraus ergibt sich eine für den Monopolisten sehr spezifische Marktsituation. Er steht den Nachfragern des Gutes X als alleiniger Anbieter gegenüber. Die Marktnachfragekurve ist seine individuelle Preis-Absatz-Kurve. Eine Differenzierung zwischen Marktgleichgewicht und individuellem Gleichgewicht des Anbieters wie im homogenen Polypol ist nicht gegeben. Im Gegensatz zum homogenen Polypol (und anderen Marktformen) ist die Marktposition des Monopolisten außerordentlich stark, da der Anbieter keinerlei aktuelle Konkurrenten besitzt. Wie noch zu zeigen sein wird, hat er allenfalls auf potenzielle Konkurrenten zu achten, die den Markt möglicherweise betreten könnten.

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References

Zusammenfassung

Mikroökonomie leicht und verständlich

Dieses Lehrbuch bietet eine verständliche Darstellung eines zentralen Teilgebiets der Ökonomik. Da Inhalt und Aussagewert der Mikroökonomik häufig dadurch unklar bleiben, dass die Studenten zuviel rechnen müssen und dabei nicht mehr genügend zum Denken kommen, wird die Algebra in nur sparsamer Dosierung eingesetzt. Dafür stellt das Buch die grundlegenden Fragestellungen und Modelle umso klarer und lesefreundlicher dar und unterstützt das Lernen mit zahlreichen Kontrollfragen.

* Grundlagen

* Einführung in die Nachfrage- und Angebotstheorie

* Theorie der Nachfrage

* Theorie des Angebots

* Theorie des Marktgleichgewichts

* Theorie der Marktprozesse

Das Lehrbuch beantwortet unter anderem folgende Fragen:

* Warum und in welcher Menge fragen Haushalte bestimmte Güter nach?

* Welche Ziele verfolgen Unternehmen?

* Wann ist ein Marktpreis stabil?

* Welche Marktform ist effizient?

* Fördert Wettbewerb den technischen Fortschritt?

Die Autoren

Prof. Dr. Klaus Herdzina ist Professor an der Universität Hohenheim.

Prof. Dr. Stephan Seiter ist Professor an der ESB Business School an der Hochschule Reutlingen.