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Kapitel A: Grundtatbestände der Wirtschaft in:

Klaus Herdzina, Stephan Seiter

Einführung in die Mikroökonomik, page 15 - 36

11. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8006-3630-3, ISBN online: 978-3-8006-4346-2, https://doi.org/10.15358/9783800643462_15

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Kapitel A: Grundtatbestände der Wirtschaft 1 1. Teil: Grundlagen Kapitel A: Grundtatbestände der Wirtschaft 1. Teil Grundlagen Die Menschen leben weder im Paradies noch im Schlaraffenland, das heißt der Erfüllung ihrer Wünsche sind Grenzen gesetzt. Diesen hinreichend bekannten Sachverhalt bezeichnet die Ökonomik als Güterknappheit, und sie beschäftigt sich mit jenem wichtigen Teilaspekt menschlichen Daseins, welcher der Reduzierung der Knappheit gewidmet ist, dem Wirtschaften. Dieses Wirtschaften des Menschen findet überdies nicht isoliert, sondern in Interaktion mit anderen im Rahmen großer, arbeitsteiliger Volkswirtschaften statt. Gegenstand des ersten Teils sind demnach jene Grundlagen des Wirtschaftens, welche zu den später zu behandelnden Interaktionen (Nachfrage, Angebot, Preisbildung) hinführen. In Kapitel A werden jene Grundtatbestände der Wirtschaft erörtert, aus denen sich das Knappheitsphänomen ergibt: die Existenz von Bedürfnissen und der Mangel an Befriedigungsmöglichkeiten, an Gütern. Am Ende wird das Knappheitsphänomen selbst dargestellt. Kapitel B behandelt das Wirtschaften in der arbeitsteiligen Volkswirtschaft, das dabei auftretende Koordinationsproblem sowie die zur Lösung des Koordinationsproblems verfügbaren Systeme der Wirtschaftsplanung (die Wirtschaftssysteme). In Kapitel C werden schließlich die Aufgaben der Volkswirtschaftslehre sowie die speziellen Fragestellungen der Mikroökonomischen Theorie vorgestellt. Dazu gehören einige methodische Anmerkungen. A. Grundtatbestände der Wirtschaft I. Bedürfnisse und Güter 1. Bedürfnisse, Bedarf, Nachfrage und Konsum Einen Grundtatbestand des Wirtschaftens bildet die Existenz von Bedürfnissen. Menschen haben zahlreiche Bedürfnisse, etwa zu essen, sich zu kleiden, sich zu unterhalten, zu reisen. Bedürfnisse stellen demgemäß die Wünsche der Menschen dar; sie werden hervorgerufen durch Mangelgefühle, wobei das Streben der Menschen darauf gerichtet ist, den jeweiligen Mangel durch Konsum zu beseitigen. Auf die Entstehung, die Entwicklung und den Umfang der Bedürfnisse wird im Rahmen der Ökonomik meist nicht näher eingegangen. In zahlreichen Klassifikationsversuchen bezüglich der Bedürfnisarten wird unter anderem unterschieden zwischen 2 1. Teil: Grundlagen – verschiedenen Bedürfnisebenen, etwa Grundbedürfnissen (Essen) und höherwertigen Bedürfnissen (z. B. sozialen Bedürfnissen wie Unterhaltung und Entwicklungsbedürfnissen wie Bildung), – verschiedenen Bedürfnisbewusstseinslagen, nämlich offenen und versteckten, sog. latenten (das heißt durch Werbung möglicherweise noch zu weckenden) Bedürfnissen, – verschiedenen Bedürfnisdringlichkeiten, nämlich gegenwärtigen und zukünftigen Bedürfnissen, welche einen temporären Konsumverzicht und damit Sparen auslösen. Eine exakte Abgrenzung der einzelnen Bedürfnisarten ist allerdings nicht möglich. Unumstritten ist lediglich, dass die Bedürfnisse nicht fest umrissen und endgültig vorgegeben sind, sondern dass sie unter anderem vom Alter und Geschlecht der Person, von der sozialen Stellung, vom Einkommen und vom Vermögen, aber auch von den angebotenen bzw. bekannten Befriedigungsmöglichkeiten, das heißt von den Gütern und ihren Preisen abhängen. Unumstritten ist ferner, dass die Bedürfnisse praktisch unbegrenzt sind, zumal die Befriedigung alter Bedürfnisse nur zu oft vom Entstehen neuer Wünsche begleitet wird. Während Bedürfnisse lediglich abstrakte Wünsche umreißen (etwa Trinken), versteht man unter Bedarf ein konkretisiertes Bedürfnis, das sich auf eine konkrete Befriedigungsmöglichkeit (z. B. Kaffee) richtet. Wichtig ist weiterhin, dass ein derartiger Bedarf erst dann zur Nachfrage, also marktwirksam, werden und anschließend zur Bedürfnisbefriedigung, das heißt zum Konsum, führen kann, wenn er mit Kaufkraft ausgestattet ist. Daraus wird schon jetzt deutlich, dass die immer geforderte und später noch zu erläuternde Ausrichtung des Güterangebots auf die Güternachfrage nicht unbedingt sicherstellt, dass auch der dringendste Bedarf bzw. die dringlichsten Bedürfnisse befriedigt werden. 2. Güter, Güterarten und Güterbeziehungen Ziel des Wirtschaftens ist die Befriedigung der Bedürfnisse. Alle Objekte, welche geeignet sind, Bedürfnisse zu befriedigen, nennt man Güter. Güter sind also Mittel der Bedürfnisbefriedigung. Sie stiften den Personen, die sie zur Befriedigung ihrer Bedürfnisse einsetzen, einen Nutzen, sie haben für sie einen subjektiven Wert. Diese positive Eigenschaft wird bereits vom Wortsinn her deutlich: Objekte, welche einen Nutzen stiften, sind nicht schlecht, sie sind gut. Aus der soeben dargestellten Festlegung ergibt sich, dass der ökonomische Gutsbegriff außerordentlich weit ist. Ein Gut ist nicht nur etwa das Brot, welches Hunger beseitigt, sondern auch die Luft, die zum Atmen benötigt wird, die Kontoführung durch eine Bank oder die öffentliche Sicherheit, für welche Polizei und Justiz sorgen. Um sich die Weite des ökonomischen Gutsbegriffes zu verdeutlichen, ist es zweckmäßig, verschiedene Güterarten zu unterscheiden und jeweils darüber nachzudenken, in welche der folgenden Kategorien ein Gut einzuordnen ist. Man unterscheidet unter anderem: – Materielle Güter (Sachgüter oder Waren) und immaterielle Güter (Dienstleistungen); Beispiele für Sachgüter sind Brot, Wurst und Automobile. Dienstleistungen sind z. B. Transportleistungen, Leistungen von Banken, Versicherungen, Kapitel A: Grundtatbestände der Wirtschaft 3 Ärzten, Reparaturwerkstätten und Hochschullehrern. In hochentwickelten Volkswirtschaften werden in der Regel mehr Dienstleistungen als Sachgüter produziert. Neben Sachgüter und Dienstleistungen wird zuweilen noch eine dritte Kategorie, die Rechte (z. B. Eigentums- und Forderungsrechte), gesetzt. Die von A. G. B. Fisher (1933), C. Clark (1940) und J. Fourastié (1954) vertretene Dreisektorenhypothese besagt, dass der Anteil der Sachgüterproduktion des primären (Landwirtschaft) und des sekundären (Industrie, sog. produzierendes Gewerbe) Sektors im volkswirtschaftlichen Entwicklungsprozess rückläufig ist und der Anteil des tertiären Sektors (Dienstleistungen) ansteigt. Dementsprechend lag der Anteil der Dienstleistungen an der Gesamtgüterproduktion in Deutschland 1950 bei ca. 40%, im Jahr 2005 liegt er schon bei über 70%. Angesichts dieser Dimension gibt es zahlreiche Überlegungen, den Dienstleistungssektor zu untergliedern, etwa in die Bereiche Handel, Verkehr und Nachrichtenübermittlung, Kreditinstitute und Versicherungsgewerbe u. a. (amtliche Statistik) oder allgemeiner in unternehmensnahe und haushaltsnahe Dienstleistungen, oder aber einen neuen quartären Sektor (insb. Freizeit, Unterhaltung) besonders herauszuheben. – Private und öffentliche Güter; während private Güter von privaten Haushalten und Unternehmungen nachgefragt werden (z. B. Brot, Benzin, Maschinen), werden öffentliche Güter von öffentlichen Haushalten nachgefragt (z. B. Rüstungsgüter) und z. T. auch angeboten (z. B. Polizei, Militär, Justiz). Die öffentliche Nachfrage ist notwendig, da es sich um Güter handelt, die vom Bürger zwar gewünscht werden, für die aber freiwillig niemand Mittel bereitstellt, da bei ihnen eine Nichtrivalität im Konsum vorliegt und Andere von ihrer Nutzung nicht ausgeschlossen werden können. Während beim Konsum eines privaten Gutes (z. B. Brot, Hemd, Hose) durch eine Person Anderen der Konsum desselben Gutes verwehrt ist, gilt dies nicht für öffentliche Güter wie etwa die Landesverteidigung. Wird diese bereitgestellt, so nützt sie allen Bürgern. Niemand hat einen Nachteil dadurch, dass das Gut auch Anderen nützt (Nichtrivalität), und niemand kann von dem gewährten Schutz ausgeschlossen werden (Nichtausschlussprinzip), auch diejenigen nicht, die nicht dafür bezahlt haben (sog. Trittbrettfahrer bzw. free rider). Auf Grund dieser Zusammenhänge rechtfertigt sich das Erheben von Steuern und die entsprechende Nachfrage und Bereitstellung durch den Staat. Man denke in diesem Zusammenhang über den Anteil der öffentlichen Haushalte (Bund, Länder, Gemeinden) an der gesamten Güternachfrage bzw. am gesamten Güterangebot und seine historische Entwicklung nach. Der Anteil der Staatsnachfrage an der Gesamtnachfrage (Konsumausgaben des Staates) beträgt in Deutschland zur Zeit ca. 19%. Neben den privaten Gütern (Ausschluss möglich und Rivalität gegeben) und den öffentlichen Gütern (beides nicht gegeben) werden als Zwischenformen noch Clubgüter (Ausschluss möglich, Rivalität erst bei Überfüllung: etwa Badestrand, Straßen, öffentlicher Personenverkehr) und Allmendegüter (Rivalität gegeben, Ausschluss nur durch Kollektiventscheidung möglich: z. B. Fischfang im Meer) unterschieden. – Konsum- und Investitionsgüter; während Konsumgüter dem Konsum, d. h. der unmittelbaren Bedürfnisbefriedigung in Haushalten, dienen (z. B. Brot, Stuhl, Tisch, Spülmaschine), werden Investitionsgüter (Produktionsgüter, Kapitalgü- 4 1. Teil: Grundlagen ter) zur Herstellung anderer Güter verwendet (z. B. Maschinen, Werkzeuge, Halbfabrikate). Investitionsgüter stellen also Produktionsmittel dar. Sie werden auch als Sachkapital bezeichnet und bilden – wie im Folgenden noch zu erläutern ist – neben Arbeit, Boden und technischem Wissen einen der vier volkswirtschaftlichen Produktionsfaktoren. Zu den Investitionsgütern zählen ferner alle Lagerbestände von Unternehmungen. Im volkswirtschaftlichen Rechnungswesen (der sog. volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung) wird daher bei den Investitionen zwischen Ausrüstungsinvestitionen, Bauinvestitionen, sonstigen Anlageinvestitionen (z. B. Software) und Vorratsveränderungen unterschieden. Hochentwickelte Volkswirtschaften weisen einen hohen Anteil der Investitionsgüterproduktion auf, denn im Dienste der Produktionssteigerung ist es lohnend, sog. Produktionsumwege einzuschlagen, d. h. (zunächst) Investitionsgüter herzustellen und (anschließend) mit ihrer Hilfe ein Mehr an (Konsum-)gütern zu produzieren. Während also tendenziell aus Investitionsgütern Konsumgüter hergestellt werden, gewinnt das entgegengesetzte Verfahren, das sog. Recycling, zunehmend an Bedeutung. In der amtlichen Statistik in Deutschland wird in den Bereichen Bergbau, Gewinnung von Steinen und Erden sowie verarbeitendes Gewerbe, also den Hauptbereichen des industriellen Sektors, zwischen – Vorleistungsgüterproduzenten (u. a. Bergbau, Stahlerzeugung, Mineralölindustrie, chemische Industrie), – Investitionsgüterproduzenten (u. a. Stahlverarbeitung, Maschinenbau, Fahrzeugbau, Büromaschinen), – Gebrauchsgüterproduzenten (u. a. Haushaltsgeräte, Rundfunk- und Fernsehgeräte, Uhren, Möbel) und – Verbrauchsgüterproduzenten (insb. Nahrungs- und Genussmittel) unterschieden. Die beiden ersten Gruppen bilden den Investitionsgüterbereich im volkswirtschaftlichen Sinn, die beiden letzten den Konsumgüterbereich. Trotz einiger problematischer Einordnungen (z. B. Fahrzeugbau im Investitionsgüterbereich) ist es bemerkenswert, dass der Anteil der Investitionsgüterproduktion derzeit bei etwa 77%, der der Konsumgüterproduktion entsprechend nur bei etwa 23% liegt. – Verbrauchsgüter und Gebrauchsgüter; Verbrauchsgüter sind kurzlebige Güter, welche relativ rasch (in einem einmaligen Konsum- oder Produktionsakt bzw. in einer Rechnungsperiode) untergehen (z. B. Lebensmittel, Benzin, Kohle, Öl), während Gebrauchsgüter langlebig sind, das heißt längerfristig (über mehrere Rechnungsperioden hinweg) genutzt werden (z. B. Bekleidung, Maschinen). Missverständlich ist in diesem Zusammenhang der Begriff „Verbraucher“, denn gemeint sind im Sinne der zuvor beschriebenen Kategorien „Konsumenten“, welche sowohl Verbrauchs- als auch Gebrauchsgüter konsumieren. Auch die Zuordnungen der amtlichen Statistik sind nicht immer einsichtig, wenn beispielsweise die Herstellung von Fahrrädern und Möbeln korrekt zur Gebrauchsgüterproduktion, die Herstellung von Sportgeräten, Bekleidung und Büchern aber zur Verbrauchsgüterproduktion gezählt werden. Auf weitere Unterscheidungen zwischen verschiedenen Güterarten (etwa lebensnotwendige und Luxusgüter, Sättigungs- und Nichtsättigungsgüter, reproduzier- Kapitel A: Grundtatbestände der Wirtschaft 5 bare und nicht reproduzierbare und schließlich freie und knappe Güter) ist später bei der Darstellung des Knappheitsproblems und an anderer Stelle, z. B. im 3. Teil, Kapitel C, noch einzugehen. Während bislang jeweils ein Gut herausgegriffen und gefragt wurde, in welche Kategorie es fällt, sollen nunmehr noch zwei wichtige Güterbeziehungen erörtert werden. Es wird hierbei also nicht nach dem Charakter eines Gutes, sondern nach der Beziehung, die zwischen zwei oder mehreren Gütern besteht, gefragt. Zu unterscheiden sind: – Komplementäre und substitutive Güter; während komplementäre Güter (Komplementärgüter) sich bei der Nutzung ergänzen (z. B. Kaffee, Milch und Zucker bzw. Papier und Bleistift), sind substitutive Güter (Substitutionsgüter) dadurch gekennzeichnet, dass sie sich gegenseitig ersetzen können (z. B. Kaffee und Tee bzw. Bleistift und Kugelschreiber). Die Nachfrage nach Komplementärgütern ist also tendenziell gleichgerichtet, während die Nachfrage nach Substitutionsgütern gegenläufig ist. Substitutionsgüter sind durch eine Konkurrenzbeziehung gekennzeichnet. – Homogene und heterogene Güter; nach der Enge der Konkurrenzbeziehung kann zwischen homogenen (völlig gleichen) und heterogenen (verschiedenartigen) Gütern unterschieden werden. Während die Konkurrenzbeziehung zwischen homogenen Gütern am intensivsten ist, nimmt sie mit steigendem Heterogenitätsgrad immer mehr ab. Homogene Güter sind in der Ökonomik präzise definiert. Auf diese Definition und auf die damit zusammenhängenden Probleme wird später näher eingegangen. II. Produktion, Produktionsfaktoren und Produktionsmöglichkeiten 1. Konsumreife, Produktion und Produktionsfaktoren Wenn Ziel des Wirtschaftens die Befriedigung von Bedürfnissen ist, wenn die Güter die Mittel der Bedürfnisbefriedigung darstellen und wenn die unmittelbare Bedürfnisbefriedigung als Konsum bezeichnet wird, dann gilt es, die Güter zur Befriedigung der Bedürfnisse, also zum Konsum, bereitzustellen. Nun ist es eine Erfahrungstatsache, dass die Güter in der Regel nicht in konsumreifem Zustand vorhanden sind. Brote, Kühlschränke, Straßen, Versicherungsleistungen sind nicht einfach da, so dass sie nur noch konsumiert werden müssten. Die Güter befinden sich zunächst in natürlichen Urzuständen organischer oder anorganischer Art auf der Erde. Um sie in konsumnähere und letztlich in konsumreife Zustände zu transformieren, bedarf es eines Umwandlungsprozesses, der Produktion. Der Transformations- oder Produktionsprozess kann grundsätzlich in der Weise beschrieben werden, dass mit Hilfe von Produktionsfaktoren bzw. Ressourcen (die auch als Güter höherer Ordnung bezeichnet werden können) Güter niederer Ordnung und letztlich Konsumgüter hergestellt werden. Der Produktionsprozess kann wie in Abb. 1.1. modellhaft dargestellt werden. 6 1. Teil: Grundlagen Abb. 1.1. Noch einmal sei darauf hingewiesen, dass der volkswirtschaftliche Begriff der Produktion sich auf die Herstellung oder Bereitstellung aller Arten von Gütern, also auch von Dienstleistungen, bezieht. Die in der deutschen amtlichen Statistik übliche Einteilung in die Wirtschaftsbereiche – Land- und Forstwirtschaft, Fischerei, – Produzierendes Gewerbe (Industrie) sowie – Dienstleistungen drückt zwar die zuvor erwähnte Einteilung in drei Sektoren aus, sie erweckt aber fälschlicherweise den Eindruck, als werde nur im industriellen Sektor produziert. In dieser Sprachregelung schlägt sich auch die gelegentlich beobachtbare Geringschätzung von Dienstleistungen nieder, da dort angeblich nichts „produziert“ werde. Nicht zuletzt angesichts der großen und wachsenden Bedeutung des Dienstleistungssektors ist diese Sprachregelung unzweckmäßig und diese Einstellung unverständlich. Bei der Analyse der Produktionsfaktoren ist es üblich, zwischen den quantitativen Faktoren Arbeit, Boden und Sachkapital und dem qualitativen Faktor Technisches Wissen zu unterscheiden. Die Produktionsfaktoren können als Bestandsfaktoren (etwa Zahl der Arbeitskräfte, der Maschinen, Bodenfläche) oder als Verbrauchsfaktoren (menschliche Arbeitsleistung, Nutzung von Maschinen und Boden) interpretiert werden. – Arbeit als der menschliche Produktionsfaktor umfasst jede Art von manueller und geistiger Tätigkeit. Leitende Tätigkeit wird gelegentlich als eigener Produktionsfaktor, als der sog. dispositive Faktor, herausgestellt, Gleiches gilt für unternehmerische Tätigkeit. Dementsprechend wird bei den dem Produktionsfaktor Arbeit zufließenden Einkommen zwischen Einkommen aus unselbstständiger Arbeit und Einkommen aus Unternehmertätigkeit (und Vermögen) unterschieden. – Boden als der natürliche Produktionsfaktor ist der Oberbegriff für alle von der Natur bereitgestellten Produktionsmittel. Boden im engeren Sinn ist als bedeutsamer Produktionsfaktor zunächst in der landwirtschaftlichen Produktion hervorgehoben worden. Er ist aber nicht nur als Anbauboden für Agrargüter, sondern zwecks Gewinnung von Bodenschätzen auch als Abbauboden im Bergbau relevant. Darüber hinaus ist er für alle Produktionsrichtungen als Standort notwendig. In moderner Interpretation subsumiert man unter dem Terminus Boden sämtliche von der Natur bereitgestellten Produktionsmittel, die sog. natürlichen Ressourcen, und spricht teilweise direkt vom Produktionsfaktor Natur. Bei dieser Sprachregelung wird nicht nur der Boden im engeren Transformationsprozess Kapitel A: Grundtatbestände der Wirtschaft 7 Sinn, sondern es werden auch Wasser, Luft, Pflanzen und Tiere, also die Umwelt, eingeschlossen. Damit ist die Frage des Boden-, Natur- und Umweltschutzes und einer sog. nachhaltigen Nutzung, d. h. ihrer Erhaltung für künftige Generationen, aufgeworfen und die Frage nach den Zusammenhängen zwischen Ökonomie und Ökologie angesprochen. Soweit Boden nicht mehr im Naturzustand, sondern in bearbeiteter Form (z. B. durch Melioration) eingesetzt wird, kann er auch zum Sachkapital gezählt werden. Soweit der Boden konsumtiv genutzt wird (privater Garten), stellt er keinen Produktionsfaktor, sondern ein Konsumgut dar. – Sachkapital als der künstliche Produktionsfaktor umfasst alle bereits produzierten Produktionsmittel (s. o. Investitionsgüter, Produktionsgüter), also Maschinen, Werkzeuge, Gebäude, Fahrzeuge u. a., soweit sie nicht unmittelbar dem Konsum, sondern – im Sinne des oben beschriebenen Produktionsumweges – der Herstellung von Gütern dienen. Nicht zu verwechseln mit dem Produktionsfaktor Sachkapital, das durch Investitionstätigkeit gebildet wird, ist das sog. Finanzkapital, das der Finanzierung insbesondere der Investitionen dient. Hinsichtlich des Finanzkapitals unterscheidet man einen Geld- und einen sog. Kapitalmarkt für kurz- bzw. langfristige Finanzierungstitel. Demgegenüber handelt es sich beim Produktionsfaktor Sachkapital, oft verkürzt auch nur Kapital genannt, um (Investitions-)güter, die auf entsprechenden Gütermärkten gehandelt werden. – Das technische Wissen (genauer: das technische und organisatorische Wissen) wird neben den quantitativen Produktionsfaktoren als weiterer Produktionsfaktor, der die Qualität der quantitativen Faktoren und damit entscheidend die Höhe der Güterproduktion bestimmt, herausgestellt. Diese Herausstellung ist insoweit berechtigt, als der Steigerung des technischen Wissens auf Grund der begrenzten Möglichkeiten einer Vermehrung der quantitativen Faktoren höchste Bedeutung zukommt. In diversen Modellrechnungen ist ermittelt worden, dass mehr als zwei Drittel der Steigerung der volkswirtschaftlichen Güterproduktion (das Wirtschaftswachstum) nicht auf Erhöhungen des Einsatzes der quantitativen Produktionsfaktoren Arbeit, Boden und Sachkapital zurück zu führen ist, sondern auf den technischen Fortschritt, also auf die Steigerung des technischen und organisatorischen Wissens. Da das technische Wissen als Know-how bzw. Technologie andererseits in den quantitativen Produktionsfaktoren eingebettet (inkorporiert) ist, wird die Bedeutung sowohl der Sachinvestitionen in den Produktionsfaktor Sachkapital als auch der Bildungsinvestitionen in den Produktionsfaktor Arbeit bzw. Humankapital deutlich. In beiden Fällen wird Know-how erhalten bzw. gesteigert. Die gängige Auflistung von Produktionsfaktoren kann möglicherweise erweitert werden. Fragt man, welche Faktoren für die Produktion von Gütern unabdingbar sind bzw. von welchen Faktoren die Höhe der Produktion abhängt, so wird man neben den zuvor genannten auch den Faktor Zeit, aber auch das gesellschaftliche und politische Umfeld, also das Wirtschafts-, Sozial- und Rechtssystem, und nicht zuletzt jene volkswirtschaftliche Grundausstattung, welche zur Herstellung von Gütern notwendig ist, also die Infrastruktur, zu den Produktionsfaktoren zählen. Im Rahmen der Erörterung gesellschaftlicher Phänomene wird neuerdings ver- 8 1. Teil: Grundlagen stärkt auf die Netze von wechselseitigen Verpflichtungen und Vertrauensbeziehungen, auf das sog. Sozialkapital, hingewiesen. Dementsprechend wird zwischen Sachkapital, Humankapital und Sozialkapital unterschieden. In diesem Zusammenhang zeigt es sich ferner, dass die traditionelle Erörterung von Produktionsfaktoren in die moderne Darstellung der sog. Standortfaktoren für einzelne Länder oder Regionen überführt werden kann. Ortsgebundene, also immobile Produktionsfaktoren sind Standortfaktoren. Entsprechend ihrer divergierenden Faktorausstattungen bzw. Standortbedingungen haben die verschiedenen Volkswirtschaften und Regionen divergierende Produktions- und Entwicklungsmöglichkeiten. 2. Die Produktionsmöglichkeiten Auf Grund der verfügbaren quantitativen Produktionsfaktoren und des vorhandenen Technischen Wissens ergibt sich in einer gegebenen Zeitperiode ein bestimmtes Maximum an Produktionsmöglichkeiten. Die Abhängigkeit der Produktion(smöglichkeit) vom Einsatz der Produktionsfaktoren lässt sich (in der vereinfachten Darstellung mit vier Produktionsfaktoren) in Form einer Produktionsfunktion (1.1) P = f (L, B, C, T) formulieren. Die Funktion (1.1) entspricht der (von rechts nach links gelesenen) Abb. 1.1. Um die Produktionsmöglichkeiten veranschaulichen zu können, soll nunmehr eine weitere einfache modellhafte Darstellung verwendet werden. Es sei angenommen, dass in einer Volkswirtschaft mit Hilfe eines nicht näher spezifizierten Bestandes an Boden, Sachkapital und technischem Wissen sowie unter Einsatz von L = 100 verfügbaren Arbeitskräften zwei Güter X1 (Wurst) und X2 (Käse) hergestellt werden. Die produzierten Mengen an Wurst (q1) und an Käse (q2) hängen nun in der Weise vom Arbeitseinsatz (L) ab, dass mit steigendem Arbeitseinsatz jeweils ein Mehr an beiden Gütern erzeugt werden kann. Die Graphen der beiden Funktionen (1.2) q1 = f(L) und (1.3) q2 = f(L) mögen die in Abb. 1.2. gezeigte Gestalt haben. Der degressive Verlauf der beiden Kurven erklärt sich aus der Wirkung des sog. Ertragsgesetzes, auf das später noch einzugehen ist. Setzt man nun alle verfügbaren 100 Arbeitskräfte in der Wurstproduktion ein, so können 700 Kilogramm Wurst erzeugt werden. Setzt man dagegen alle 100 Arbeitskräfte in der Käseproduktion ein, so können 500 Kilogramm Käse hergestellt werden. Setzt man die verfügbaren Arbeitskräfte nunmehr teilweise in der Wurstund teilweise in der Käseproduktion ein (z. B. jeweils L = 50), so können die produzierbaren Gütermengen ebenfalls in Abb. 1.2. abgelesen werden. Um die maximal produzierbaren Gütermengen noch anschaulicher darstellen zu können, empfiehlt es sich, Abb. 1.2. in eine neue Abb. 1.3. einzubringen, in der Abb. 1.2.a. (gedreht) im SO-Quadranten und Abb. 1.2.b. (gespiegelt) im Kapitel A: Grundtatbestände der Wirtschaft 9 Abb. 1.2. NW-Quadranten erscheint. Im SW-Quadranten ist dann die maximale Arbeitsmenge L = 100 abzulesen, im NO-Quadranten ergeben sich die maximalen Gütermengen auf einer sog. Transformationskurve TVS. Abb. 1.3. Mit Hilfe der Transformationskurve und ihrer Herleitung lassen sich mehrere bedeutsame volkswirtschaftliche Zusammenhänge veranschaulichen. (1) Die Transformationskurve gibt die maximal produzierbaren Gütermengenkombinationen an, welche in einer Volkswirtschaft mit einem gegebenen Bestand an Produktionsfaktoren erzeugt werden können. Ihr Verlauf zeigt, dass die Mehrproduktion eines Gutes (z. B. Wurst) einen (immer größer werdenden) Verzicht auf das andere Gut (Käse) erfordert. Mehr Wurstproduktion geht „auf Kosten“ der Käseproduktion, man spricht von den Kosten der verpassten Gelegenheit, von den opportunity costs bzw. von den Opportunitätskosten. 10 1. Teil: Grundlagen (2) Die Abb. 1.3. zeigt ferner, dass jede Änderung in der Zusammensetzung, also in der Struktur der Produktion, es notwendig macht, Arbeitskräfte aus der einen Produktionsrichtung abzuziehen und sie in die andere Produktionsrichtung zu lenken. Produziert man beispielsweise mit jeweils 50 Arbeitskräften 500 Kilogramm Wurst und 350 Kilogramm Käse (Punkt V) und will man mehr Wurst und weniger Käse herstellen, so müssen einige Arbeitskräfte aus der Käseproduktion abgezogen und an einen neuen Produktionsort, nämlich in die Wurstproduktion, transportiert werden (lateinisch: ad locum transportare, englisch: allocation). Gleichzeitig werden Teilmengen der Faktoren Boden, Sachkapital und technisches Wissen in die andere Verwendung gebracht, man spricht von der Allokation der Produktionsfaktoren. Ökonomen sprechen gelegentlich auch von der Reallokation, wenn sie die Veränderung der Faktorenverwendung erörtern. (3) Da die Transformationskurve die maximal produzierbaren Gütermengenkombinationen ausweist, lässt sich mit ihrer Hilfe auch das Phänomen der Güterknappheit veranschaulichen. Darauf wird im folgenden Abschnitt III näher eingegangen. Angesichts dieser üblichen Darstellung der Transformationskurve ist abschlie- ßend noch darauf hinzuweisen, dass ihre hier gezeichnete Gestalt sich aus den degressiven Vorläufen der beiden Produktionskurven in Abb. 1.2. herleitet. Wenn die Produktionskurven linear verlaufen, ergibt sich auch eine lineare Transformationskurve. Wenn die Produktionskurven progressiv ansteigen würden, ergäbe sich eine Transformationskurve mit einem konkaven (zum Ursprung konvexen) Verlauf. Auf die produktionstechnischen Hintergründe aller drei Typen von Produktionskurven ist später im 4. Teil einzugehen. III. Güterknappheit und Wirtschaften 1. Der Begriff der Knappheit Nachdem von Bedürfnissen und von Produktionsmöglichkeiten gesprochen worden ist, kann nunmehr auf das Knappheitsphänomen näher eingegangen werden: Knappheit wird umschrieben als Differenz zwischen der gewünschten Gütermenge einerseits und der vorhandenen bzw. erreichbaren Gütermenge andererseits, zwischen Bedürfnissen und Befriedigungsmöglichkeiten, zwischen Güternachfrage und Güterangebot. Aus diesem Definitionsansatz wird zunächst deutlich, dass Knappheit nicht im absoluten Sinne (etwa als objektive Seltenheit von Gütern), sondern im relativen Sinne (in Bezug auf die Bedürfnisse) zu verstehen ist. Gerade wegen der Relativität des Knappheitsbegriffes ergeben sich aber gewisse Verständnis- und vor allem Messprobleme, auf die nunmehr einzugehen ist. Zunächst kann Knappheit sehr anschaulich mit Hilfe von Abb. 1.3. als ein generell existierendes Phänomen dargestellt werden. Wenn man annimmt, dass der Punkt W (mit q1 = 700 und q2 = 500) die Bedürfnisse bzw. Wünsche der Mitglieder dieser Volkswirtschaft ausdrückt und die Transformationskurve TVS die Produktionsmöglichkeiten angibt, dann lässt das Bild erkennen, dass bei diesen Produktionsmöglichkeiten nicht alle Wünsche erfüllt werden können. Es herrscht Kapitel A: Grundtatbestände der Wirtschaft 11 demnach generell Güterknappheit: Man kann insgesamt nicht so viel haben, wie man möchte. Andererseits ist das der Abb. 1.3. zu Grunde liegende Zahlenbeispiel aber (realistischerweise) so konstruiert, dass die gewünschten 700 Kilogramm Wurst bzw. die gewünschten 500 Kilogramm Käse durchaus produziert werden könnten, allerdings unter totalem Verzicht auf das jeweils andere Gut. Auf die reale, komplexere Welt übertragen heißt dies, dass es zweifellos möglich wäre, jedem Einwohner in Deutschland beispielsweise vier oder noch mehr Automobile zur Verfügung zu stellen, wenn das gewünscht wäre. Eine derartige Produktion wäre realisierbar, allerdings wohl nur unter weitest gehendem Verzicht auf die Produktion anderer Güter wie Wurst, Käse, Hemden, Hosen, Kühlschränke, Fernsehgeräte, Mobiltelefone usw. Die Opportunitätskosten der zusätzlich produzierten Autos wären extrem hoch. Sie würden wohl kaum akzeptiert werden und insoweit ist es bei Kenntnis dieser Kosten wiederum unwahrscheinlich, dass so viele Autos gewünscht werden. Damit deutet sich an, dass es angesichts generell bestehender Knappheit (TVS < W) offensichtlich unsinnig wäre und wohl auch unerwünscht sein dürfte, diese Knappheit bei einzelnen Gütern extrem zu reduzieren und dafür die Knappheit bei anderen Gütern in extremer Form aufrecht zu erhalten oder herbeizuführen. Damit ist erneut die Frage nach der Zusammensetzung der Güterproduktion, also nach der Güterstruktur, aufgeworfen. Sie kann nur beantwortet werden unter Rückgriff auf die Nachfragestruktur bzw. auf die Bedürfnisstruktur, d. h. auf die genaue Gestalt der Wünsche der Menschen. Für diese wurde zuvor ein Wunschpunkt mit q1 = 700 und q2 = 500 angenommen (Punkt W in Abb. 1.3.). Unterstellt man, dass sich dieser Wunschpunkt bei einer Befragung tatsächlich ergeben hätte, so wirft er sofort die Anschlussfrage auf, ob die Menschen diese Kombination, also 700 : 500 bzw. 7 : 5 in jedem Falle wünschen. Möglicherweise ist es vorstellbar, dass sie auch die Kombinationen 8 : 4, 9 : 3 oder 10 : 2 als akzeptabel und gegenüber 7 : 5 als gleichwertig ansehen. Vorstellbar ist es aber auch, dass sie 9 : 3 und 10 : 2 als zu ungleich und damit als weniger gut im Vergleich mit 7 : 5 ansehen und allenfalls 9 : 4, 12 : 3 und 16 : 2 akzeptabel bzw. gleichwertig finden. Die genaue Gestalt der Bedürfnisstruktur kann im einfachen Zwei-Güter-Modell durch ein System sog. Indifferenzkurven abgebildet werden. Indifferenzkurven sind Nutzenniveaukurven, auf denen alle jene Güterkombinationen liegen, welche die Menschen als gleichwertig empfinden, denen gegenüber sie also indifferent sind. Gemäß dem o. a. Zahlenbeispiel mögen die Punkte 700/500, 900/ 400, 1200/300 und 1600/200 Punkte einer solchen Indifferenzkurve I2 sein (vgl. Abb. 1.4.). Indifferenzkurven mit höherem Niveau an Bedürfnisbefriedigung (Nutzenniveau) befinden sich oberhalb von I2, also beispielsweise I3, Indifferenzkurven mit niedrigerem Nutzenniveau unterhalb von I2, also beispielsweise I1. Auf die Herleitung von Indifferenzkurven und auf ihren Verlauf wird später im 3. Teil in Kapitel B näher eingegangen. Zeichnet man die Produktionsmöglichkeiten (die Transformationskurve) und die Bedürfnisstruktur (die Indifferenzkurven) in ein gemeinsames Schaubild (vgl. Abb. 1.4.), so könnte sich ergeben, dass der Punkt V gleichzeitig ein möglicher Produktionspunkt (er liegt auf der Transformationskurve) und auch ein Punkt 12 1. Teil: Grundlagen Abb. 1.4. der dann maximal erreichbaren Indifferenzkurve I1 ist. Bei diesem Produktionspunkt wäre die Produktionsstruktur perfekt auf die Bedürfnisstruktur ausgerichtet. Jeder andere Punkt auf der Transformationskurve würde eine niedrigere Bedürfnisbefriedigung bedeuten, da dann nur niedriger liegende, also schlechtere (nicht eingezeichnete) Indifferenzkurven erreicht würden. In Punkt V wäre die generell existierende Güterknappheit am deutlichsten reduziert und damit am besten zu ertragen. So anschaulich es sein mag, sich das Phänomen der Knappheit im Zwei-Güter- Modell vorzuführen, so stieße man doch schnell an seine Grenzen, wenn man sich damit sämtliche Güterkombinationen der realen Welt erschließen wollte. Die grafische und selbst eine algebraische Darstellung wäre von nicht mehr überschaubarer Komplexität. Es fragt sich daher, ob man das Knappheitsphänomen nicht auch auf andere Weise, beispielsweise im Hinblick auf jedes einzelne Gut für sich, darstellen und erörtern kann. Das ist in der Tat möglich und liegt angesichts eines geläufigen Sprachgebrauches, nach welchem von der mehr oder weniger großen Knappheit einzelner Güter die Rede ist, auch nahe. So ist es üblich, Getreide speziell nach einer Missernte oder Mineralöl generell in heutiger Zeit als besonders knapp, dagegen Schokolade, Personalcomputer oder Mobiltelefone nach einer vorangegangenen Ausdehnung der Produktion und des Angebotes hingegen als weniger knapp anzusehen. Den Hintergrund dieser Sprachregelung bildet eine Gegenüberstellung von Nachfrage und Angebot für das jeweilige einzelne Gut. Der Übergang vom Zwei- Güter-Modell zur Betrachtung eines einzelnen Gutes (die dann wieder auf den n-Güter-Fall, also die reale Situation vieler Güter, übertragen werden kann) bietet zudem den Vorteil, dass nicht mehr nur die Produktionsmöglichkeiten und die Wünsche, sondern das tatsächliche Angebot und die tatsächliche Nachfrage, welche – wie zuvor erläutert – nicht immer voll im Sinne aller Wünsche artikuliert werden kann, gegenüber gestellt werden. Damit wird es auch möglich, die Determinanten von Nachfrage und Angebot, also jene Größen, von denen sie jeweils abhängig sind, einzubeziehen. Es lässt sich nämlich unschwer einsehen, dass eine zuvor im Zwei-Güter-Modell genannte gewünschte Gütermenge nicht unter allen Umständen, also um jeden Preis, tatsächlich auch nachgefragt wird. Ebenso dürfte eine gemäß der Transformationskurve produzierbare Gütermenge nicht unter allen Umständen, also um jeden Preis, auch tatsächlich angeboten werden. Kapitel A: Grundtatbestände der Wirtschaft 13 Mit dieser Aussage ist eine zentrale Determinante sowohl des Angebotes als auch der Nachfrage ins Spiel gebracht worden, nämlich der Preis eines Gutes. Auch wenn der Preis nicht die einzige Determinante von Angebot und Nachfrage ist (die weiteren werden in den Teilen 2, 3 und 4 erörtert), so ist er doch von so herausragender Bedeutung, dass auf ihn hier schon einzugehen ist. Wenn die Nachfragemenge und die Angebotsmenge eines Gutes X vom Preis des Gutes abhängen, wenn also (1.4) Nx = f(px) und (1.5) Ax = f(px) gelten und wenn man unterstellt, dass zwischen Preis und Nachfragemenge eine inverse Beziehung und zwischen Preis und Angebotsmenge eine direkte Beziehung besteht, dann lassen sich entsprechende Nachfrage- und Angebotskurven zeichnen und gemeinsam in ein Marktbild zusammenführen (vgl. Abb. 1.5.a.). Auf die Begründung des hier unterstellten Verlaufes der Nachfrage- und der Angebotskurve soll im Moment noch verzichtet werden. Die jeweiligen Begründungen erfolgen detailliert im 2., 3. und 4. Teil. p p q q a. b. 500 500700 900 N N A A x x x x 1 1 * * p p p p Abb. 1.5. In Abb. 1.5.a soll die zuvor für das Gut X1 beschriebene Situation mit einer gewünschten und auch nachgefragten Gütermenge Nx = 700 und einer produzierbaren und angebotenen Gütermenge Ax = 500 wieder aufgenommen werden. Diese Abbildung zeigt nunmehr, dass der Nachfrageüberhang von 200 lediglich beim Preis p1 existiert, dass beim Preis p* nachgefragte und angebotene Gütermenge gleich sind und dass bei Preisen oberhalb von p* sogar Angebotsüberschüsse vorliegen. Besteht hier etwa keine Knappheit mehr? Ein solcher Definitionsansatz wäre unzweckmäßig, weil die Nachfrager das Gut stets so günstig wie möglich erwerben möchten und weil bei Preisen unterhalb von p* ein Nachfrageüberhang weiterhin besteht. Knappheit einzelner Güter ist also mit Hilfe der Abb. 1.5.a. in der Weise zu umschreiben, dass beim Preise px = 0 ein Nachfrageüberhang besteht. Wäre dieser Nachfrageüberhang größer, zum Beispiel so groß wie in Abb. 1.5.b. dargestellt, dann wäre das Gut entsprechend knapper, was sich in einem höheren Preis p* niederschlagen würde. Aus Abb. 1.5.a. und 1.5.b. werden damit zwei außerordentlich wichtige Fähigkeiten von Preisen deutlich: Sie können einen Ausgleich von Angebot und Nachfrage herbeiführen (Ausgleichsfunk- 14 1. Teil: Grundlagen tion der Preise) und sie lassen den Grad der Knappheit erkennen (Informationsfunktion der Preise). Preise sind demnach Knappheitsindikatoren; an ihrer Höhe kann man den Grad der Knappheit ablesen. Abb. 1.5. wirft allerdings die Frage auf, ob Knappheit bei Gütern nicht generell gegeben sein muss, zumal es kaum vorstellbar erscheint, dass es bei Preisen von Null schon irgendein Angebot geben könnte. Wenn bei px = 0 stets das Angebot Ax = 0 sein sollte und wenn man unterstellt, dass bei px = 0 für jedes Gut eine Nachfrage existiert, dann müssten alle Güter knapp sein. In der Tat kann dies auch für fast alle Güter angenommen werden. Lediglich in Fällen, in denen das Güterangebot und die Güternachfrage so gelagert sind, wie es Abb. 1.6. zeigt, bildet sich kein Preis. Dann liegt nicht der Fall eines knappen, Abb. 1.6. sondern der äußerst seltene und ökonomisch nicht relevante Fall eines freien Gutes vor. Freie Güter haben einen Preis von Null. Etwas gekünstelte Beispiele für freie Güter sind Packeis in Grönland und Sand in der Sahara. In diesen Fällen existiert ein sogar preisunabhängiges, von der Natur bereitgestelltes Angebot, das die Nachfrage übersteigt. In anderen Fällen ist es denkbar, dass Güter, die in der Regel knapp sind, zu bestimmten Zeiten oder unter bestimmten Umständen zum Nulltarif abgegeben werden (Freikarten, Freibier). 2. Nachfrage-, Angebots- und Knappheitsentwicklung Ohne auf die Herleitung von Nachfrage- und Angebotskurven gemäß Abb. 1.5. bereits an dieser Stelle eingehen zu können (vgl. dazu den 2., 3. und 4. Teil), soll hier aber schon kurz die Frage aufgeworfen werden, wie sich die Knappheit der Güter im Zeitablauf verändern kann. Aus Abb. 1.5. lässt sich leicht entnehmen, dass die Knappheit von Gütern sich – durch Nachfrageausweitung (Rechtsverschiebung der Nachfragekurve) bzw. durch Angebotsreduzierung (Linksverschiebung der Angebotskurve) erhöht, während sie sich – durch Angebotsausweitung (Rechtsverschiebung der Angebotskurve) bzw. durch Nachfragedrosselung (Linksverschiebung der Nachfragekurve) reduziert. Auf Kurvenverschiebungen und die dabei wirksamen Mechanismen wird näher im 2. und im 6. Teil eingegangen. Damit stellt sich die Frage nach den typischen historischen Trends der Nachfrageund der Angebotsentwicklung. Bezüglich der Nachfrageentwicklung führt das Kapitel A: Grundtatbestände der Wirtschaft 15 zur Unterscheidung in Sättigungs- und Nichtsättigungsgüter sowie inferiore Güter. Es wird die Frage gestellt, wie sich die Nachfrage angesichts der langfristig beobachtbaren Steigerung der Einkommen verhält. Steigt die Güternachfrage mit steigendem Einkommen, so kann man von Nichtsättigungsgütern sprechen (insbesondere zahlreiche Güter des gehobenen Bedarfs bzw. Luxusgüter, z. B. Mittelklasseautos, Stereoanlagen, Fernreisen usw.). Stagniert die Nachfrage bei steigendem Einkommen, so spricht man von Sättigungsgütern (in der Regel bei den zwar lebensnotwendigen, aber durch Sättigungserscheinungen gekennzeichneten Nahrungsmitteln wie etwa Kartoffeln zu beobachten). Geht die Nachfrage mit steigendem Einkommen sogar absolut zurück, weil die Nachfrager auf höherwertige Güter umsteigen, so spricht man von inferioren Gütern. Bedeutsam ist, dass prinzipiell jedes Gut zum inferioren Gut werden kann, wenn bessere Substitute auftauchen. Angesichts steigender Nachfrage nach einzelnen Gütern stellt sich die Frage, inwieweit es möglich ist, die dann eintretende besondere Knappheit durch Angebotsausweitung wieder zu reduzieren. Bei nicht reproduzierbaren Gütern ist das überhaupt nicht möglich, weil die dazu erforderlichen Produktionsfaktoren nicht mehr existieren (z. B. bei Gemälden von Michelangelo). Im Falle steigender Nachfrage ist demnach mit ständig steigender Knappheit und mit ständig steigenden Preisen zu rechnen. Bei räumlich oder zeitlich beschränkt reproduzierbaren Gütern (z. B. Bananen in Deutschland, Erdbeeren im Winter) ist eine rasche Anpassung des Angebotes an Nachfrageveränderungen nicht möglich. Erhebliche Preis- und Knappheitsschwankungen sind daher insbesondere auf Märkten landwirtschaftlicher Produkte zu beobachten. Eine relativ rasche Anpassung des Angebotes an Nachfrageschwankungen und -veränderungen ist nur bei den beliebig reproduzierbaren Gütern möglich, bei denen die benötigten Produktionsfaktoren prinzipiell vorhanden und auch flexibel sind. Erhebliche Preis- und Knappheitsschwankungen sind hier nicht zu erwarten. Bei diesem Typ von Gütern funktioniert der Marktmechanismus am besten, wie später noch zu zeigen sein wird. 3. Ansatzpunkte zur Reduzierung von Knappheit Nach der Darstellung des Knappheitsphänomens und nach ersten Erörterungen über die Entwicklung der Knappheit von Gütern ist nunmehr darzulegen, in welcher Weise Knappheit reduziert werden kann. Kurz zuvor ist mit Hilfe des Ein- Gut-Modells der Abb. 1.5. gezeigt worden, dass dies durch Nachfragedrosselung oder durch Angebotsausdehnung geschehen kann. Der Nachfragedrosselung durch Einschränkung der Bedürfnisse, d. h. durch Verzicht (buddhistische Ökonomie), soll im Folgenden nicht weiter nachgegangen werden. Auch wenn die Strategie der Reduzierung der Bedürfnisse ohne Zweifel beachtenswert ist, kann davon ausgegangen werden, dass durch Verzicht realistischerweise nur ein kleiner Beitrag zur Reduzierung von Knappheit erbracht werden kann, der im Übrigen den folgenden Ansatz nicht überflüssig macht. Als Hauptansatzpunkt zur Reduzierung von Knappheit wird allgemein die Strategie der Angebotsausdehnung durch Mehrproduktion von Gütern angesehen. Die Forderung nach Mehrproduktion wirft jedoch ein Problem auf: Zwar scheint die Mehrproduktion einzelner Güter stets möglich zu sein – vom Ausnahmefall 16 1. Teil: Grundlagen nicht reproduzierbarer Güter sei einmal abgesehen –, aber im Gegensatz zum Ein-Gut-Modell der Abb. 1.5. zeigt das Zwei-Güter-Modell der Abb. 1.3., dass eine Mehrproduktion beider (aller) Güter offenbar nicht möglich ist. Die Transformationskurve lässt erkennen, dass die Mehrproduktion eines Gutes nur auf Kosten einer Reduzierung der Produktion des anderen Gutes zu vollziehen ist (siehe auch die neue Abb. 1.7.). Abb. 1.7. Der aus der korrekten Interpretation der Transformationskurve gezogene Schluss, dass eine Mehrproduktion beider Güter völlig unmöglich ist, erweist sich bei näherer Betrachtung jedoch als verfrüht. Mehrproduktion beider Güter ist zunächst möglich, wenn man sich zu einem bestimmten Zeitpunkt noch gar nicht auf der Transformationskurve befindet, sondern z. B. in Punkt U (vgl. Abb. 1.7.). Dies kann der Fall sein, wenn man nicht alle Arbeitskräfte beschäftigt, sondern in einer Situation der Unterbeschäftigung z. B. nur L = 50 Arbeitskräfte einsetzt. Das gleiche Ergebnis stellt sich ein, wenn man die verfügbaren quantitativen Produktionsfaktoren Boden und Sachkapital Kapitel A: Grundtatbestände der Wirtschaft 17 nicht voll ausnutzt (Produktionskurven OS2 und OT2 und gedachte Unterbeschäftigungskurve T2US2). Schließlich verfehlt man die Transformationskurve auch dann, wenn man das verfügbare technische Wissen nicht voll nutzt, also nicht mit höchster Effizienz produziert, d. h. wenn die eingesetzten Faktoren weniger Leistung erbringen als ihnen möglich ist (ebenfalls Produktionskurven OS2 und OT2 und gedachte Minderproduktivitätskurve T2US2). Ist die Transformationskurve also noch gar nicht erreicht, dann ist eine Mehrproduktion beider Güter möglich durch Verwirklichung von Vollbeschäftigung sowie von effizienter Produktion. Mehrproduktion beider Güter ist auch nach Erreichen der Transformationskurve dann weiterhin möglich, wenn es gelingt, die Transformationskurve durch Mehreinsatz der quantitativen Faktoren sowie durch technischen Fortschritt nach au- ßen zu verschieben, wenn es also gelingt, die Produktionsmöglichkeiten zu erweitern, d. h. Wirtschaftswachstum auszulösen. Der Mehreinsatz von Faktoren kann zunächst in Form eines erhöhten Arbeitseinsatzes erfolgen, wodurch man auf den bestehenden Produktionskurven weiter nach außen wandert (Punkte S3 und T3) und die Transformationskurve nach rechts oben verschiebt (Kurve T3S3). Dabei ist aber zu konstatieren, dass der Ausweitung der Arbeitsstunden einer gegebenen Zahl von Arbeitskräften wie auch der Steigerung der Zahl der Arbeitskräfte (Bevölkerungswachstum, Gastarbeiter) enge Grenzen gesetzt sind und dass die resultierenden Produktionssteigerungen wohl nur gering ausfallen. Ziel muss es daher sein, die Produktionskurven durch den Mehreinsatz von Boden, von Sachkapital bzw. durch Steigerung des technischen Wissens nach oben zu verschieben (etwa auf OS4 und OT4) und dadurch die neue Tranformationskurve T4S4 zu erreichen. Enge Grenzen sind dabei aber auch dem Mehreinsatz von Boden gesetzt, zumal die Probleme des rapiden Ressourcenverzehrs und der Umweltbelastungen auftreten. Etwas mehr Spielraum ergibt sich aus dem Mehreinsatz von Sachkapital. Dabei ist allerdings zu beachten, dass bereits das Erhalten der bisherigen Transformationskurve den Ersatz der sich laufend verschleißenden Kapitalgüter in Form von Ersatzinvestitionen voraussetzt. Der Güterzusammensetzung kommt für die Lage der Transformationskurve demnach eine entscheidende Bedeutung zu. Interpretiert man in Abb. 1.8. das Gut X1 als Konsumgut und Gut X2 als Investitionsgut, dann ist z. B. ein Minimum an Investitionsgüterproduktion in Höhe von q21 und ein Maximum an Konsumgüterproduktion in Höhe von q11 notwendig (Punkt V1), um die Transformationskurve in der nächsten Periode weiterhin bei T1V1S1 halten zu können. Will man die Transformationskurve hingegen nach außen verschieben (etwa nach T4S4), so sind über die Ersatzinvestitionen hinaus Nettoinvestitionen, also z. B. eine Kapitalgüterproduktion in Höhe von q22 erforderlich. Da auch der Bildung neuen Sachkapitals letztlich Grenzen gesetzt sind, kommt der Steigerung des technischen Wissens durch technischen Fortschritt erhebliche Bedeutung zu. Durch technische und organisatorische Verbesserungen kann es dauerhaft gelingen, die Produktionskurven nach OS4 und OT4 (Abb. 1.7.) und 18 1. Teil: Grundlagen darüber hinaus sowie die Transformationskurve nach T4S4 und darüber hinaus zu verschieben. Technischer Fortschritt bedeutet insoweit, dass mit gleichem quantitativen Faktoreinsatz ein Mehr an Produktionsmöglichkeiten, d. h. Wirtschaftswachstum, erreicht wird. Ein bedeutsames Verfahren, um Wirtschaftswachstum durch technischen Fortschritt auszulösen, ist durch die sog. Arbeitsteilung gegeben, auf die unten noch näher einzugehen ist. Abb. 1.8. In der zuvor verwendeten Terminologie wurde zwischen dem Erreichen der Transformationskurve durch den Abbau von Unterbeschäftigung und Ineffizienten einerseits und dem Verschieben der Transformationskurve durch Wirtschaftswachstum andererseits unterschieden. In diesem Sinne bedeutet Wirtschaftswachstum zunächst nur, dass sich die Produktionsmöglichkeiten erhöhen, dass das Produktionspotenzial also steigt. Diese in der Ökonomik gängige Differenzierung erlaubt es, die Phänomene des eher kurzfristigen Abbaus von Arbeitslosigkeit (etwa im Zuge eines konjunkturellen Aufschwunges) und eines eher langfristigen Entwicklungsprozesses, der Wirtschaftswachstum genannt wird, analytisch sauber zu trennen. In einer alternativen Sprachregelung, wie sie unter anderem in der Wirtschaftspolitik üblich ist, wird hingegen jede Steigerung der volkswirtschaftlichen Gesamtproduktion als Wirtschaftswachstum bezeichnet, so dass auch vom Abbau von Arbeitslosigkeit durch Wirtschaftswachstum die Rede ist. Über die hier verwendete Darstellung der Transformationskurve hinausgehend werden die Mengen der produzierten Güter dann noch mit ihren aktuellen Preisen bzw. mit den Preisen eines Basisjahres oder den Preisen des Vorjahres gewichtet. Die jeweils produzierte und derart gewichtete Gesamtmenge an Gütern wird als nominelles bzw. als reales Bruttoinlandsprodukt bezeichnet, die Steigerung der Gesamtproduktion demgemäß als nominelles bzw. als reales Wirtschaftswachstum. 4. Güterstruktur und Einkommensverteilung Der generellen Mehrproduktion von Gütern durch Erreichen sowie Verschieben der Transformationskurve kommt als Hauptansatzpunkt zur Reduzierung von Knappheit höchste Bedeutung zu. Es klang zuvor aber schon an, dass dabei auch die Zusammensetzung der Produktion, also die Güterstruktur, wichtig ist, da bestimmte Mindestproduktionen von Investitionsgütern notwendig sind, um Wirtschaftswachstum auszulösen. Kapitel A: Grundtatbestände der Wirtschaft 19 Kehrt man nunmehr zum Modell einer Transformationskurve mit zwei Konsumgütern zurück (z. B. Wurst und Käse), so stellt sich die Frage, ob sich auch in diesem Fall Knappheit dadurch reduzieren lässt, dass man die Zusammensetzung der Produktion ändert. Bei der Betrachtung der Abb. 1.3. und der anschließenden Diskussion über die Knappheit einzelner Güter wurde bereits gefragt, welcher Punkt der Transformationskurve gerade realisiert wird und ob dieser Punkt im Einklang mit den Wünschen der Nachfrager, d. h. ihrer Bedürfnisstruktur bzw. relativen Bedürfnisintensität, steht. Dabei wurde gezeigt, dass diese durch ein System von Indifferenzkurven abgebildet werden kann (Abb. 1.4.) und dass sie sich in bestimmten Nachfrageintensitäten für die einzelnen Güter niederschlägt (Abb. 1.5.). Dabei können nun Konstellationen eintreten, bei denen das Güterangebot (noch) nicht perfekt auf die jeweilige Nachfrage abgestimmt ist. Abb. 1.9. beschreibt eine derartige Situation mit zwei Gütern X1 und X2. p p q q a. b. N N A AA A x x x x 1 2 1 2 1 1 2 2 * * * *p p q q Abb. 1.9. Wie Abb. 1.9.a. im Vergleich mit Abb. 1.9.b. zeigt, sind die beiden Güter knapp, aber sie sind (gleiche Kosten vorausgesetzt) offenbar nicht gleich knapp, denn die Preise sind verschieden hoch. Es wäre nun aber unsinnig, das weniger knappe Gut X1 verstärkt zu produzieren und dafür die Produktion von X2 einzuschränken. Sinnvoll ist es vielmehr, das knappere Gut X2 verstärkt und das weniger knappe Gut X1 in vermindertem Umfang herzustellen (Pfeile in Abb. 1.9.). Das bedeutet, dass die Zusammensetzung des Güterangebotes (die Angebotsstruktur) und der Einsatz von Produktionsfaktoren (die Allokation der Faktoren) an die jeweilige Nachfragestruktur und deren Änderungen anzupassen sind. Bei einem derartigen Vorgehen geht es einerseits darum, die generelle Knappheit in dem Sinne zu vermindern, dass man die Produktions- und Angebotsstruktur an die Bedürfnis- und Nachfragestruktur anpasst (Erreichen des Tangentialpunktes V in Abb. 1.4.), es geht andererseits auch darum, den Ausgleich der Knappheitsgrade der Güter herbeizuführen, denn auch die Verminderung extremer Knappheiten bei einzelnen Gütern und damit die Beseitigung von Knappheitsunterschieden ist aus der Sicht der Nachfrager erwünscht. Dies erfordert die laufende Anpassung der Angebotsstruktur an die Nachfragestruktur und deren Änderungen sowie einen entsprechend geänderten Faktoreneinsatz, also die Reallokation der Faktoren. 20 1. Teil: Grundlagen Ein weiterer und letzter Gesichtspunkt bezüglich des Knappheitsproblems ergibt sich daraus, dass die soeben erhobene Forderung nach Anpassung des Angebotes an die Nachfrage noch nicht sicherstellt, dass die dringendsten Bedürfnisse der Menschen befriedigt werden. Die Möglichkeit, Bedarf in Form von Nachfrage zu artikulieren, ist abhängig von der zur Verfügung stehenden Kaufsumme, damit vom Einkommen und damit – gesamtwirtschaftlich gesehen – von der Einkommensverteilung. Sofern die Einkommensverteilung sehr ungleich ist, können zahlreiche Bedürfnisse mangels Kaufkraft nicht befriedigt werden, und es können bei zahlreichen Mitgliedern der Gesellschaft extreme Versorgungsmängel vorliegen. Eine Reduzierung derartiger Unterversorgung – möglicherweise bei lebensnotwendigen Gütern – kann dann über eine Umverteilung der Einkommen nach Maßgabe der geltenden Gerechtigkeitsvorstellungen und daraus folgend über eine Änderung der Güternachfrage, des Güterangebots und der Güterproduktion erfolgen. Mit den zuletzt dargestellten Ansatzpunkten zur Reduzierung von Knappheit und zum Knappheitsausgleich deutet sich an, dass zwischen drei zentralen volkswirtschaftlichen Problemkomplexen unterschieden werden kann. Dabei umfasst der erste Problemkomplex das Beschäftigungs-, das Effizienz- und das Wachstumsproblem, also die Frage des Erreichens bzw. Verschiebens der Transformationskurve und damit die Frage nach der Höhe der Güterproduktion. Den zweiten Problemkomplex bildet das Allokationsproblem, also die Frage der Bewegung auf der jeweiligen Transformationskurve und damit die Frage nach der Zusammensetzung der Güterproduktion, d. h. die Frage nach der Realisierung der nachfragegerechten Güterstruktur und des entsprechenden Faktoreneinsatzes. Der dritte Problemkomplex ist das Verteilungsproblem, also die Frage nach der Verteilung der Güter und der Realisierung von Verteilungsgerechtigkeit. 5. Wirtschaften und ökonomisches Prinzip Angesichts der beschriebenen Ansatzpunkte zur Reduzierung von Knappheit stellt sich die Frage, ob nicht eine allgemeine Umschreibung wirtschaftlichen Handelns verfügbar ist, welche alle zuvor angesprochenen Aktivitäten einschließt. Tatsächlich wird das Wirtschaften zuweilen sehr umfassend und allgemein umschrieben als die Überbrückung bzw. Minderung des Spannungsverhältnisses zwischen Bedürfnissen und knappen Gütern. Alle Ansatzpunkte zur Reduzierung von Knappheit können unter diese Definition subsumiert werden. Andererseits ist dieser Definitionsansatz noch recht vage. In einer strengeren Definition wird das Wirtschaften daher auch umschrieben als planmäßige Disposition über knappe Güter zur Befriedigung von Bedürfnissen. Im Rahmen dieses Definitionsansatzes ist das Konzept der „planmäßigen Disposition“ noch zu erläutern. Planmäßige Disposition bedeutet, dass – eine Rangordnung der zu befriedigenden Bedürfnisse, der zu erfüllenden Zwecke, kurz eine Zielhierarchie, aufgestellt wird, – Rechenschaft über die zur Verfügung stehenden Mittel abgelegt wird, – ein rationaler Wirtschaftsplan aufgestellt wird, in welchem den jeweiligen Zwecken entsprechende Mittel zugeordnet werden. Aus der Umschreibung des Begriffes der planmäßigen Disposition geht hervor, dass Wirtschaften stets bedeutet, dass Wahlentscheidungen getroffen werden. Kapitel A: Grundtatbestände der Wirtschaft 21 Stets geht es darum zu entscheiden, in welcher Weise Mittel (Güter) für verschiedene Verwendungszwecke eingesetzt werden, insbesondere wie das universell verwendbare Gut namens Geld auf verschiedene Kaufvorhaben aufgeteilt wird. Das planmäßige Disponieren und die dabei angesprochene Rationalität, Effizienz oder Wirtschaftlichkeit dieses Planes dokumentiert sich letztlich darin, dass nach dem sog. ökonomischen Prinzip verfahren wird. Das ökonomische Prinzip kann in dreierlei Weise formuliert werden. Es bedeutet, so zu handeln, dass entweder – mit gegebenen Mitteln (Aufwand) ein Maximum an Erfolg (Ertrag) erzielt wird: Maximumprinzip, oder – ein gewünschter Erfolg mit einem Minimum an Mitteleinsatz erreicht wird: Minimumprinzip, oder allgemein – die Erfolg-Einsatz-Relation maximiert wird: allgemeines Extremumprinzip. Tabelle 1.1. Ökonomisches Prinzip Kriterien Maximumprinzip Minimumprinzip Allgemeines Extremumprinzip Erfolg vorgegeben Erfolg Mitteleinsatz vorgegeben Einsatz Die drei Ausprägungen des ökonomischen Prinzips werden in Tabelle 1.1. noch einmal verdeutlicht, wobei die Pfeile die jeweilige Aktivitätsrichtung angeben. Dabei ist insbesondere das allgemeine Extremumprinzip in der wirtschaftlichen Wirklichkeit von außerordentlicher Bedeutung, da die Akteure sehr häufig vor der Frage stehen, ob sich ein begrenzter zusätzlicher Mitteleinsatz nicht lohnen könnte, sofern er einen überproportionalen Erfolg nach sich zieht (sog. Grenzoder Marginalbetrachtung, auf welche später noch einzugehen ist). Unsinnig bzw. unlogisch ist es hingegen, mit einem minimalen Mitteleinsatz einen maximalen Erfolg erreichen zu wollen. Der im ökonomischen Prinzip verwendete Terminus ökonomisch leitet sich vom griechischen oikonomia her. Er bezieht sich dort zunächst auf das Führen eines Haushalts (oikos) im Sinne einer sich primär selbst versorgenden Hauswirtschaft. Es geht also darum, die Mittel sparsam einzusetzen, mit ihnen „haushälterisch“ umzugehen. Der Begriff wird später inhaltlich erweitert auf rentables, gewinnbringendes Handeln durch den Ankauf und Verkauf von Gütern. Dementsprechend kann das ökonomische Prinzip heute als Handlungsanweisung für (private und öffentliche) Haushalte, aber auch für Unternehmen verstanden werden. Private Haushalte mögen also beispielsweise ihr verfügbares Einkommen so verwenden, dass sie daraus ein Höchstmaß an Nutzen, also an individueller Bedürfnisbefriedigung erzielen (Einzelheiten dazu folgen im 3. Teil). Öffentliche Haushalte mögen die ihnen übertragenen Steuermittel so einsetzen, dass ein Maximum an öffentlichen Gütern bereitgestellt wird. Unternehmungen möge es darum gehen, mit einem gegebenen Bestand an Produktionsfaktoren eine möglichst große Gütermenge zu erzeugen, eine bestimmte absetzbare Gütermenge 22 1. Teil: Grundlagen mit möglichst niedrigen Kosten zu produzieren bzw. allgemein die Produktivität oder die Rentabilität zu erhöhen (Einzelheiten dazu folgen im 4. Teil). Als Produktivität bezeichnet man das Verhältnis von Ausstoß zu Einsatz (z. B. P/L als Arbeitsproduktivität), unter Rentabilität versteht man das Verhältnis von Gewinn zu Finanzkapitaleinsatz (auch als Rendite oder rate of return bezeichnet). Ein Wirtschaftssubjekt (vgl. dazu den folgenden Abschnitt), das auf der Grundlage einer eindeutigen, d. h. widerspruchsfreien, sog. transitiven Zielhierarchie und in Kenntnis der verfügbaren Mittel stets rationale Wirtschaftspläne aufstellt und das uneingeschränkt der Handlungsanweisung des ökonomischen Prinzips folgt, wird in der Literatur als homo oeconomicus bezeichnet. Das Konzept des ökonomischen Prinzips bzw. des homo oeconomicus ist in der wirtschaftswissenschaftlichen Diskussion vielfacher Kritik ausgesetzt. Dabei bezieht sich diese Kritik weniger auf die Forderung bzw. den Rat, so zu handeln, und auf das Aufzeigen der Kriterien für ein solches Handeln, sondern vielmehr auf die zuweilen explizite Behauptung oder aber die implizite Unterstellung, dass die Akteure in der Realität sich tatsächlich so verhalten. Auf diese Diskussion wird später im 3. und 4. Teil, jeweils in Kapitel C, zurückzukommen sein. Wenn Wirtschaften als planmäßiges Handeln im Sinne des ökonomischen Prinzips zu verstehen ist, wird deutlich, dass der häufig verwendete Begriff von der Planwirtschaft einen Pleonasmus darstellt, also die überflüssige Anhäufung sinngleicher Worte. Jede Wirtschaft ist eine „Planwirtschaft“. Unterschiedliche Arten von Wirtschaften unterscheiden sich aber dadurch, ob zentral geplant wird (Zentralplanwirtschaft) oder ob dezentral geplant wird und die Einzelpläne über Märkte koordiniert werden (Marktwirtschaft als dezentrale „Planwirtschaft“). Zu weiteren Einzelheiten vgl. Kapitel B, Abschnitt III. Kapitel B: Arbeitsteilige Volkswirtschaft und Wirtschaftssystem B. Arbeitsteilige Volkswirtschaft und Wirtschaftssystem I. Einzelwirtschaften und Gesamtwirtschaft 1. Die Wirtschaftssubjekte als Akteure Bei allen bisherigen Überlegungen ist die Frage nach den Akteuren, d. h. den wirtschaftenden Subjekten und ihren Beziehungen zueinander, noch offen geblieben. Wenn das Wirtschaften zuvor als planmäßige Disposition über knappe Güter definiert wurde, so treten die Wirtschaftssubjekte nunmehr auf als die Träger wirtschaftlicher Entscheidungen, welche auf Grund einer gemeinsamen Willensbildung und der daraus folgenden Zielsetzung über die Verwendung eines gemeinsamen begrenzten Budgets, d.h. über den Erwerb und die Verwendung knapper Güter entscheiden. Sie sind es, welche die planmäßigen Dispositionen durchführen. Bedeutsam hierbei ist, dass es sich bei solchen Einzelwirtschaften um Einzelpersonen oder um Personengruppen, um isoliert agierende Subjekte oder um solche, die im Zusammenspiel mit anderen agieren, handeln kann. Mit dem Ziel, einfache wirtschaftliche Entscheidungen besonders anschaulich zu machen, arbeitet die

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References

Zusammenfassung

Mikroökonomie leicht und verständlich

Dieses Lehrbuch bietet eine verständliche Darstellung eines zentralen Teilgebiets der Ökonomik. Da Inhalt und Aussagewert der Mikroökonomik häufig dadurch unklar bleiben, dass die Studenten zuviel rechnen müssen und dabei nicht mehr genügend zum Denken kommen, wird die Algebra in nur sparsamer Dosierung eingesetzt. Dafür stellt das Buch die grundlegenden Fragestellungen und Modelle umso klarer und lesefreundlicher dar und unterstützt das Lernen mit zahlreichen Kontrollfragen.

* Grundlagen

* Einführung in die Nachfrage- und Angebotstheorie

* Theorie der Nachfrage

* Theorie des Angebots

* Theorie des Marktgleichgewichts

* Theorie der Marktprozesse

Das Lehrbuch beantwortet unter anderem folgende Fragen:

* Warum und in welcher Menge fragen Haushalte bestimmte Güter nach?

* Welche Ziele verfolgen Unternehmen?

* Wann ist ein Marktpreis stabil?

* Welche Marktform ist effizient?

* Fördert Wettbewerb den technischen Fortschritt?

Die Autoren

Prof. Dr. Klaus Herdzina ist Professor an der Universität Hohenheim.

Prof. Dr. Stephan Seiter ist Professor an der ESB Business School an der Hochschule Reutlingen.