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Kapitel C: Kritik und Erweiterungen der Theorie der Nachfrage in:

Klaus Herdzina, Stephan Seiter

Einführung in die Mikroökonomik, page 108 - 114

11. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8006-3630-3, ISBN online: 978-3-8006-4346-2, https://doi.org/10.15358/9783800643462_108

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96 3. Teil: Die Theorie der Nachfrage (2.2) Nx = f(U), (2.6) Nx = f(E) und den entsprechenden Nachfragekurven (vgl. Abb. 2.1.a. und 2.1.e.) darstellen. Im Hinblick auf die später zu erörternden Preisbildungsprozesse war es hier aber nützlich, die Auswirkungen derartiger Änderungen auf die Nachfragefunktion (2.3) ausführlich zu behandeln. Es konnte mit Hilfe der Indifferenzkurvenanalyse bestätigt werden, dass Nutzen- und Einkommensänderungen Verschiebungen der Nachfragekurven beider Güter nach sich ziehen. Kapitel C: Kritik und Erweiterungen der Theorie der Nachfrage C. Kritik und Erweiterungen der Theorie der Nachfrage Eine Kritik der Theorie der Nachfrage in der Gestalt der Grenznutzen- und der Indifferenzkurvenanalyse setzt an der Frage an, ob die Theorie ihre beiden Ziele, – reales Wirtschaftsgeschehen zu erklären (explikative Theorie), – Handlungsanweisungen für die Haushalte in Form von Bedingungen für das Eintreten günstiger ökonomischer Wirkungen zu geben (Bedingungstheorie), erreicht. Da sich die Nachfragetheorie primär als Bedingungstheorie versteht, soll dieser Aspekt zuerst behandelt werden. I. Die Nachfragetheorie als Bedingungstheorie 1. Informationsstand, Substitutionalität und Teilbarkeit der Güter Unter der Voraussetzung, dass die Haushalte ihren Nutzen maximieren und dass sie sich dabei rational verhalten wollen, ist zu erörtern, ob ihnen ein Befolgen der Handlungsanweisungen der Theorie überhaupt möglich ist. Diverse Einschränkungen, welche die Eignung der Theorie als Bedingungstheorie herabsetzen, sind offensichtlich. Zunächst ist die von der Theorie unterstellte vollständige Information über alle Güter und ihre Preise nicht gegeben. Wo Informationen über die Qualität der Güter fehlen oder lückenhaft sind, liegt es möglicherweise nahe, den Preis als Qualitätsindikator anzusehen. Haushalte werden dann dazu neigen, ein Gut zu kaufen, gerade weil es teuer ist. Grenznutzen und Preis entwickeln sich dann möglicherweise völlig parallel, d. h. die in der Nachfragetheorie formulierte Bedingung, dass Grenznutzen und Preis gleich sein sollen, ist immer erfüllt und damit inhaltsleer. Immerhin gibt die Nachfragetheorie aber den Hinweis, dass es notwendig ist, den Informationsstand der Haushalte zu verbessern. Darüber hinaus ist zu bedenken, dass es bei bestimmten Gütern kaum möglich ist, verlässliche Informationen über ihre Qualität und damit über den aus ihnen erwachsenden Nutzen bzw. Grenznutzen zu erhalten. Eine Unterscheidung in Suchgüter, Erfahrungsgüter und Vertrauensgüter trägt diesem Sachverhalt Rechnung. Während man bei Suchgütern (besser Prüfgütern) deren Qualität vor dem Kauf feststellen bzw. prüfen kann (etwa das Design von Kleidern und Möbeln Kapitel C: Kritik und Erweiterungen der Theorie der Nachfrage 97 oder die Geräumigkeit eines Autos), kann die Qualität von Erfahrungsgütern erst beim Gebrauch oder Verbrauch selbst beurteilt werden (etwa der Geschmack von Konserveninhalten, das Handling von Computerprogrammen oder der effektive Benzinverbrauch eines Autos). Bei Vertrauensgütern kommt es möglicherweise nie zu ihrem spezifischen Konsum, so dass ihre Qualität überhaupt nicht ermittelt werden kann (etwa der genaue Leistungsumfang einer Unfallversicherung oder die Aufprallsicherheit eines Airbags), oder die Wirkungen oder Nebenwirkungen des Konsums sind so langfristig, dass sie kaum zugeordnet werden können (etwa bei Medikamenten und Kosmetika). Das Autobeispiel zeigt überdies, dass ein einzelnes Gut (Auto) Sucheigenschaften (Geräumigkeit), Erfahrungseigenschaften (Benzinverbrauch) und Vertrauenseigenschaften (Airbag) haben kann. Um die beim Erwerb von Erfahrungs- und Vertrauensgütern bestehenden Informationsdefizite und die aus ihnen resultierende Unsicherheit der Nachfrager zu vermindern, sind vertrauensbildende Signale seitens der Anbieter (z. B. in Form von Garantiegewährung oder des Aufbaus von Reputation) bzw. staatlich organisierte Qualitätssicherungsinstrumente (z. B. in Form des Meisterbriefes) angezeigt. Die Theorie setzt ferner die Substitutionalität der Güter voraus. Auch wenn der Fall der vollständigen Komplementarität (sog. Limitationalität) selten auftreten dürfte, so sind zahlreiche Fälle von vergleichsweise enger Komplementarität zu beobachten, bei denen ein durch Preissteigerungen bedingtes Ausweichen auf das andere Gut sinnlos ist (wenn Papier teurer wird, kann man nicht auf Kugelschreiber ausweichen). Eine Möglichkeit, die Indifferenzkurvenanalyse dennoch anzuwenden, liegt darin, komplementäre Güterbündel zu definieren und deren Substitutionsbeziehungen zu anderen Güterbündeln zu untersuchen (wenn das Bündel Papier/Kugelschreiber/Briefporto teurer wird, kann man das Briefeschreiben reduzieren und statt dessen mehr telefonieren). Komplementaritäten führen darüber hinaus zu diversen Sperreffekten (sog. lockin-Effekten), etwa wenn zu einer bestimmten PC-Hardware nur eine spezifische Software passt. Der Nachfrager ist dann in Form einer sog. Pfadabhängigkeit für längere Zeit gebunden und kann auf Preis- und/oder Qualitätsänderungen zumindest kurzfristig nicht reagieren, weil die Wechselkosten (switching costs) unangemessen hoch sind. Eine weitere Voraussetzung für die Anwendbarkeit der Theorie ist die beliebige Teilbarkeit der Güter. Bei langlebigen Konsumgütern, deren Nutzung über mehrere Zeitperioden hinweg erfolgt (z. B. Möbel), lässt sich ein auf eine einzige (kurze) Zeitperiode bezogener variabler Grenznutzen alternativer Mengen wohl nur schwer ermitteln. Ferner ist einsichtig, dass schon wegen der Begrenztheit des (monatlichen, jährlichen) Einkommens die Käufe langlebiger Güter über verschiedene Rechnungsperioden hinweg zeitlich verteilt werden müssen. Will man dieser Problematik durch die Wahl extrem langer Zeitperioden begegnen, so ist zu bedenken, dass über längere Zeiträume hinweg die Nutzenempfindungen, die Preise und das Einkommen kaum konstant bleiben werden, die ceteris-paribus- Bedingung also nicht mehr erfüllt ist. Andererseits sind grenznutzenorientierte Kaufüberlegungen auch bei langlebigen Konsumgütern prinzipiell möglich. Ein Nachfrager kann durchaus nutzenorientiert abwägen, ob seine nächste Anschaffung ein fünfter Pullover oder ein drittes Hemd sein soll. 98 3. Teil: Die Theorie der Nachfrage Wenn das der Grenznutzenanalyse und der Indifferenzkurvenanalyse zu Grunde liegende Marginalkalkül sich exakt nur bei beliebig teilbaren Gütern anwenden lässt (Brot, Zucker, Bier), so ist andererseits zu fragen, ob sich die Analyse durch die Betrachtung extrem kleiner Mengeneinheiten nicht selbst ad absurdum führt. Es dürfte kaum sinnvoll sein, beim Zucker auf einzelne Krümel und beim Bier auf einzelne Tropfen abzustellen. So ist einmal zu vermuten, dass der Konsument derartig kleine Mengenvariationen überhaupt nicht wahrnimmt, andererseits ist es denkbar, dass sein Grenznutzen zunächst ansteigt. Die Wahl „sinnvoller“ Zeitperioden und Mengeneinheiten ist also eine weitere Voraussetzung für die Anwendbarkeit der Grenznutzen- und der Indifferenzkurvenanalyse. 2. Nutzenschätzung und Transitivität der Bedürfnisstruktur Die zentrale Kritik an der Grenznutzen- und Indifferenzkurvenanalyse setzt jedoch an der Frage an, ob der Haushalt überhaupt in der Lage ist, seine eigenen Nutzenempfindungen zu erkennen und zu quantifizieren. Interessanterweise ist die Fähigkeit zu kardinaler Nutzenschätzung in der Literatur in stärkerem Maße angezweifelt worden als die Fähigkeit zur ordinalen Nutzenschätzung. Die diesbezügliche Kritik an der Grenznutzenanalyse hat ja zur Entwicklung der Indifferenzkurvenanalyse geführt. In der Tat ist es sicher richtig anzunehmen, dass Aussagen wie „gestern ging es mir dreimal so gut wie heute“ oder „noch eine Woche Urlaub und dann geht es mir doppelt so gut“ kaum möglich sind. Man kann wohl allenfalls sagen, dass es „mir gestern besser ging als heute“ oder dass „zwei Wochen Urlaub besser sind als eine“. Andererseits ist zu fragen, ob dem Haushalt eine auf dem kardinalen Ansatz beruhende Kaufentscheidung nicht doch vertrauter und einsichtiger ist. So dürfte ihm die Überlegung, ob er bereit ist, ein drittes Hemd für 50 Euro zu erwerben (ob es ihm also so viel wert ist), durchaus geläufig sein. Demgegenüber kann wohl angenommen werden, dass die meisten Haushalte bezüglich der Frage, wie viele Mengeneinheiten Käse sie gegen eine Einheit Wurst einzutauschen bereit wären, einigermaßen überfordert sind. Die Diskussion über die Möglichkeiten kardinaler oder aber ordinaler Nutzenschätzung ist keineswegs beendet. So wird beispielsweise in der Schmerztherapie versucht, empfundene Schmerzintensitäten auf einer kardinalen Skala von 0 bis 10 einzuordnen. Die Grundfrage, ob der Haushalt überhaupt eine in sich widerspruchsfreie Bedürfnisstruktur besitzt, ob er sie selbst genau kennt und ob er seine Nutzenempfindungen quantifizieren kann, muss allerdings offen bleiben. Speziell im Mehrpersonenhaushalt ist bereits das Erfordernis einer transitiven Bedürfnisstruktur nicht zwingend erfüllt. Haben drei Mitglieder eines gedachten Haushaltes zum Beispiel die folgenden Bedürfnisstrukturen (1) A > B > C, folglich A > C, (2) B > C > A, (3) C > A > B, so gilt für zwei Personen A > B. Für wiederum zwei Personen gilt B > C. Die Vermutung, dass sich daraus auch eine Mehrheit für A > C ergibt, ist jedoch falsch, denn für A > C findet sich nur eine Stimme (sog. Condorcet-Paradoxon). Vor dem Hintergrund dieses Sachverhaltes ist gefolgert worden, dass es nicht Kapitel C: Kritik und Erweiterungen der Theorie der Nachfrage 99 möglich ist, die individuellen Präferenzordnungen zu einer gesellschaftlichen Präferenzordnung zu aggregieren (Unmöglichkeitstheorem von Arrow). Wenn also Bedürfnisstrukturen nicht widerspruchsfrei sind, wenn sie möglicherweise nicht genau bekannt und auch nicht exakt quantifizierbar sind, dann ist eine präzise Herleitung von Nachfragefunktionen aus Nutzenempfindungen nicht möglich. Die Eignung der Theorie als Bedingungstheorie ist dann stark eingeschränkt. Ihre Handlungsanweisungen können allenfalls als grobe Richtschnur für Nachfragerverhalten dienen. II. Die Nachfragetheorie als explikative Theorie 1. Rationalität des Konsumverhaltens und empirische Überprüfbarkeit der Nachfragetheorie Wenn die Nutzenfunktionen der Haushalte nicht präzise bekannt sind, dann können die Haushalte den Anweisungen der Theorie auch nicht genau folgen. Die Theorie kann dann auch ihrem Anspruch, reales Nachfragerverhalten zu erklären, nicht gerecht werden. Um diesen zentralen Mangel der Theorie zu beheben, ist in der Literatur verschiedentlich vorgeschlagen worden, von den tatsächlichen Kaufentscheidungen (den sog. bekundeten Präferenzen) auf die Indifferenzkurven bzw. die Nutzenfunktionen zurückzuschließen. Dieses Verfahren ist aber mit logischen Mängeln behaftet. Erstens wird die Fragestellung der Nachfragetheorie damit auf den Kopf gestellt. Es soll ja nicht der Nutzen aus der Nachfrage hergeleitet werden, sondern umgekehrt die Nachfrage aus einem autonom definierbaren und messbaren Nutzen. Zweitens ist bei jedem offenbarten Kaufakt gar nicht bekannt, ob der Haushalt dabei tatsächlich seinen Nutzen in einem rationalen Kalkül maximiert hat. Nur wenn dies sicher wäre, könnte man auf die Lage der Grenznutzen- bzw. der Indifferenzkurve zurückschließen. Wenn der Nutzen aber nicht eigenständig zu ermitteln ist, kann die Frage, ob der Haushalt ihn maximiert hat, auch nicht beantwortet werden. Wegen der Unmöglichkeit, den Nutzen autonom zu ermitteln bzw. den Grad der Bedürfnisbefriedigung interpersonell nachzuvollziehen, stellt die Nachfragetheorie eine empirisch nicht überprüfbare Theorie dar. Jede Änderung des Kaufverhaltens von Haushalten kann nach Maßgabe dieser Theorie als Folge einer Nutzenänderung interpretiert werden, wobei der Begriff „Nutzen“ aber eine leere Worthülse darstellt. Angesichts der Schwierigkeiten, das Ausmaß an genereller Wertschätzung (die Gestalt und die Lage der Nutzenfunktion) sowie den Grad an aktueller Bedürfnisbefriedigung (den auf der jeweiligen Nutzenfunktion realisierten Punkt) zu quantifizieren, können alle in diesem Zusammenhang verwendeten Zahlenbeispiele und alle algebraischen Lösungen allenfalls als Heuristiken, d. h. als Methoden zur Gewinnung von Erkenntnissen, dienen. Im Übrigen fällt auf, dass dabei immer wieder mit extrem einfachen Nutzenfunktionen des Typs U = q1 · q2 mit Indifferenzkurven als gleichseitigen Hyperbeln gearbeitet wird (die Konzepte der homogenen und der homothetischen Funktionen werden anschließend im 4. Teil erläutert). Bei den Lösungen ergeben sich dann immer sehr einfache Ergebnisse, 100 3. Teil: Die Theorie der Nachfrage z. B. jeweils die Hälfte der von dem gegebenen Einkommen maximal kaufbaren Menge jedes der Güter. Da solche Ergebnisse sich fast schon intuitiv anbieten, fragt es sich, ob sich der algebraische Aufwand etwa über den Lagrange-Ansatz lohnt, zumal vielfache Beobachtungen von realem Nachfragerverhalten den Schluss nahe legen, dass die zu Grunde liegenden Nutzenfunktionen kaum diese einfache Gestalt haben dürften, sondern dass sie höchst komplex und im Detail leider unbekannt sind. Bei der Bewertung der vorliegenden Nachfragetheorie soll aber nicht verkannt werden, dass zahllose Beobachtungen durchaus darauf hindeuten, dass die Haushalte in der Realität nutzenorientiert handeln. Anders lässt sich die steigende Nachfrage nach Wintermänteln im Herbst und nach Sommerkleidern im Frühjahr kaum erklären. Auch Handlungsweisen, die sich an die Regeln (3.3) U1? = U2? und (3.4) px = U? anlehnen, scheinen sich empirisch nachweisen zu lassen. Angesichts der fehlenden Möglichkeit, den Nutzen exakt zu erfassen, kann aber nicht gesagt werden, inwieweit die Regeln wirklich befolgt werden. Andererseits deuten zahlreiche Augenscheinbeweise darauf hin, dass gegen die genannten Regeln verstoßen wird. An Stelle von rationalen Kaufentscheidungen sind Impulsverhalten sowie Gewohnheitsverhalten anzutreffen. Auch Käufe auf der Basis von Sucht und Sammelleidenschaft kommen vor. Darüber hinaus ist statt des von der Theorie unterstellten unabhängigen Nutzenkalküls häufig ein sozialabhängiges Verhalten, also die Orientierung an Nachbarn und Bekannten, zu beobachten. Ferner scheint offenkundig, dass die Nutzenempfindungen durch die Werbung beeinflusst werden und dass daraus irrationale Kaufentscheidungen erwachsen können. Eine vorschnelle Einstufung der genannten Verhaltensweisen als irrationales Verhalten ist jedoch außerordentlich problematisch. So können Impuls- und Gewohnheitskäufe durchaus rational sein, wenn sie eine Zeitersparnis bewirken. Auch die Orientierung an anderen Nachfragern kann rational sein. Wenn es dem Nachfrager gefällt, sich genauso zu kleiden wie seine Freunde, oder wenn es ihm Spaß macht, seinem Nachbarn durch Prestigekonsum zu imponieren, dann erhöht sich dadurch sein Nutzen. Überdies ist zu beobachten, dass Nachfrager zuweilen geneigt sind, auch falsche Kaufentscheidungen sich selbst gegenüber nachträglich zu rationalisieren, um sog. kognitive Dissonanzen abzubauen. Das Problem bei der Beurteilung solcher Vorgänge bleibt aber weiterhin, dass sie nur schwer überprüfbar sind, weil man das Ausmaß des subjektiv empfundenen Nutzens nicht messen kann. Insoweit läuft auch die häufig vorgebrachte Kritik am Konzept des homo oeconomicus teilweise ins Leere. Diverse in der Realität vorkommende Verhaltensweisen, die auf den ersten Blick gegen die mit dem homo oeconomicus verbundene Vorstellung eines widerspruchsfreien Zielsystems auf der Basis der individuellen Nutzenmaximierung und eines rationalen Handelns zu verstoßen scheinen, sind u. U. durchaus mit dem Konzept kompatibel bzw. es kann ihre Inkompatibilität nicht nachgewiesen werden, da die Höhe der individuellen Nutzenempfindungen sowie der Grad der Rationalität bei den Kaufentscheidungen interpersonell nicht überprüfbar sind. Kapitel C: Kritik und Erweiterungen der Theorie der Nachfrage 101 2. Sozialabhängiges Konsumverhalten Zum Abschluss der Nachfragetheorie soll auf einige Erscheinungsformen von sozialabhängigem Verhalten kurz eingegangen werden, welche die Nachfragetheorie zu erweitern vermögen, und zwar auf den Mitläufer-, den Netzwerk-, den Snob- und den Prestigeeffekt. Der Mitläufereffekt liegt vor, wenn der Haushalt ein Gut dann nachgefragt oder vermehrt nachfragt, wenn die Gesamtnachfragemenge steigt. Die Gesamtnachfragemenge kann steigen, weil die übrigen Haushalte das Gut vermehrt nachfragen oder weil die Zahl der Käufer des Gutes zunimmt. Im Mitläuferverhalten dokumentiert sich beispielsweise der Wunsch des Haushalts, es anderen gleichzutun, zu einer Gruppe gezählt zu werden bzw. dem jeweiligen Modetrend zu folgen. Die individuellen Nachfragemengen steigen dann mit zunehmender Gesamtnachfrage. Der Netzwerkeffekt beinhaltet ein dem Mitläufereffekt ähnliches Phänomen. Er liegt dann vor, wenn die Anwendungsmöglichkeiten des Gutes mit steigender Zahl der Nachfrager (der Nutzer) zunehmen und damit der Nutzen für den einzelnen Nachfrager steigt. Eine steigende Zahl von Konsumenten etwa von Telekommunikationseinrichtungen oder Software macht es für weitere Konsumenten attraktiv, dem jeweiligen Netzwerk anzugehören, beispielsweise beim Internet und der damit verbundenen Möglichkeit des Empfangens und Versendens von E-Mails. Die individuellen Nachfragemengen steigen also auch in diesem Fall mit zunehmender Gesamtnachfrage. Darüber hinaus sind möglicherweise die zuvor erwähnten Sperreffekte beobachtbar, die ein Verbleiben im einmal gewählten Netzwerk dann nahe legen, wenn alternative Netzwerke zwar günstiger, die Wechselkosten aber sehr hoch sind. Der Snobeffekt liegt vor, wenn der Haushalt seine Nachfrage invers zur Gesamtnachfragemenge verändert. Güter, die von vielen gekauft werden, meidet er, Güter, die von wenigen gekauft werden, präferiert er. Ursache dieses Verhaltens ist sein Wunsch, sich von der Masse abzuheben. Als Prestigeeffekt ist ein Verhalten bezeichnet worden (Veblen 1924), bei dem die Nachfrage des Haushalts um so größer ist, je höher der Preis ist, den Nichtkäufer vermuten. Ziel des Haushalts ist es, den Nachbarn mit demonstrativem Konsum von Gütern, von denen angenommen wird, dass sie teuer sind, zu imponieren. Mit den Nachfragedeterminanten Gesamtnachfragemenge und Preis, den Nichtkäufer vermuten, erhöht sich die Zahl der in der globalen Nachfragefunktion (2.1) genannten unabhängigen Variablen. Änderungen dieser Determinanten sind weitere Ursachen für Verschiebungen der Nachfragefunktion (2.3). Gerade in Bezug auf die Nachfragefunktion (2.3) ergeben sich daraus zusätzliche Probleme. Steigt die Gesamtnachfrage (Verschiebung der Nachfragekurve nach rechts), so führt dies zu weiterer Rechtsverschiebung beim Auftreten von Mitläufern bzw. zu kompensierender Linksverschiebung beim Auftreten von Snobs. Daraus wird deutlich, dass die im 2. Teil als vergleichsweise einfach dargestellte Aggregation der individuellen Nachfragemengen zur Marktnachfrage doch erhebliche Schwierigkeiten bereiten kann. 102 3. Teil: Die Theorie der Nachfrage Ein anderes Problem wirft der Prestigeeffekt auf. Sind der tatsächliche Preis und der Preis, den Nichtkäufer vermuten, identisch, so bewirkt eine Änderung dieses Preises nicht eine Verschiebung der Nachfragekurve, sondern eine Bewegung auf der Kurve. Diese Bewegung setzt allerdings den bisher unterstellten Normalverlauf zumindest für einzelne Nachfrager außer Kraft: die nachgefragte Menge steigt mit steigendem Preis. Erneut zeigt sich, dass die Nachfragedeterminanten Preis und Nutzen nicht in jedem Fall voneinander unabhängig sind. Steigt der Preis, so erhöht sich dadurch der Prestigenutzen. Die Erweiterung der Nachfragetheorie durch die Berücksichtigung verschiedener Formen von sozialabhängigem Verhalten hat die Eignung der Theorie als explikative Theorie erheblich gesteigert. Zu beachten ist allerdings, dass es nicht genügen kann, diese weiteren Nachfragedeterminanten nur zu nennen und ihre Wirkungsrichtung aufzuzeigen. Es ist vielmehr genauer zu untersuchen, unter welchen Umständen und in welchem Ausmaß die beschriebenen Effekte wirksam werden. Da es sich teilweise um sozialpsychologische und soziologische Phänomene handelt, ist die Ökonomik in ihrem Streben nach Erklärung auf die Hilfe der Psychologie und der Soziologie angewiesen. Kontrollfragen zum 3. Teil 1. Erläutern Sie die beiden zentralen Aufgaben der Nachfragetheorie. 2. Welche Hauptansätze innerhalb der Nachfragetheorie lassen sich unterscheiden, wie lassen sie sich historisch einordnen und auf welchen alternativen Nutzenschätzungskonzepten beruhen sie? 3. Auf welchen Prämissen beruht die Grenznutzenanalyse? 4. Definieren Sie die Begriffe Gesamtnutzen und Grenznutzen. 5. Formulieren Sie in eigenen Worten das erste und das zweite Gossensche Gesetz. 6. Welches der beiden Gossenschen Gesetze stellt eine Hypothese dar, welches stellt eine Verhaltensregel für Haushalte auf? 7. Gilt das erste Gossensche Gesetz auch für langlebige Gebrauchsgüter, gilt es bei Sucht und Sammelleidenschaft? Welche Bedeutung hat die Zeitdimension im Zusammenhang mit diesem Gesetz? 8. Welche durch die sog. spezielle Maximierungsbedingung festgehaltene Überlegung stellen Sie an, wenn Sie in einem Schaufenster eine wunderschöne Bluse/ein wunderschönes Hemd zum Preis von 120 Euro ausgestellt sehen? 9. Inwiefern werden auch die durch die sog. allgemeine Maximierungsbedingung ausgedrückten Überlegungen für Ihre Kaufentscheidung von Bedeutung sein? 10. Wo liegt die Nachfragekurve eines nutzenmaximierenden Haushaltes, wenn (1) nur eine Preisbeschränkung, (2) auch eine Einkommensbeschränkung besteht? 11. Handeln Sie eigentlich unökonomisch, wenn Sie im Falle starken Durstes Bier statt Mineralwasser trinken, obwohl das Mineralwasser billiger ist?

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References

Zusammenfassung

Mikroökonomie leicht und verständlich

Dieses Lehrbuch bietet eine verständliche Darstellung eines zentralen Teilgebiets der Ökonomik. Da Inhalt und Aussagewert der Mikroökonomik häufig dadurch unklar bleiben, dass die Studenten zuviel rechnen müssen und dabei nicht mehr genügend zum Denken kommen, wird die Algebra in nur sparsamer Dosierung eingesetzt. Dafür stellt das Buch die grundlegenden Fragestellungen und Modelle umso klarer und lesefreundlicher dar und unterstützt das Lernen mit zahlreichen Kontrollfragen.

* Grundlagen

* Einführung in die Nachfrage- und Angebotstheorie

* Theorie der Nachfrage

* Theorie des Angebots

* Theorie des Marktgleichgewichts

* Theorie der Marktprozesse

Das Lehrbuch beantwortet unter anderem folgende Fragen:

* Warum und in welcher Menge fragen Haushalte bestimmte Güter nach?

* Welche Ziele verfolgen Unternehmen?

* Wann ist ein Marktpreis stabil?

* Welche Marktform ist effizient?

* Fördert Wettbewerb den technischen Fortschritt?

Die Autoren

Prof. Dr. Klaus Herdzina ist Professor an der Universität Hohenheim.

Prof. Dr. Stephan Seiter ist Professor an der ESB Business School an der Hochschule Reutlingen.