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2.2 Die Aktivierung von Wirtschaftsgütern in:

Dieter Schneeloch

Betriebswirtschaftliche Steuerlehre Band 1: Besteuerung, page 258 - 265

6. Edition 2011, ISBN print: 978-3-8006-4197-0, ISBN online: 978-3-8006-4341-7, https://doi.org/10.15358/9783800643417_258

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2 Grundzüge der Bilanzierung 229 2.1.3 Rechtsprechungsgrundsätze zur Maßgeblichkeit Bereits im letzten Gliederungspunkt ist auf die zentrale Bedeutung des Maßgeblichkeitsgrundsatzes für die steuerrechtliche Bilanzierung hingewiesen worden. Aus einem Beschluss des Großen Senats des BFH aus dem Jahre 196935 können folgende sechs Grundsätze zur Maßgeblichkeit abgeleitet werden: 1. Ein handelsrechtliches Aktivierungsgebot (Aktivierungspflicht) wird über den Maßgeblichkeitsgrundsatz zu einem steuerrechtlichen Aktivierungsgebot. 2. Ein handelsrechtliches Aktivierungsverbot führt zu einem steuerrechtlichen Aktivierungsverbot. 3. Ein handelsrechtliches Aktivierungswahlrecht führt zu einem steuerrechtlichen Aktivierungsgebot. 4. Ein handelsrechtliches Passivierungsgebot (Passivierungspflicht) führt zu einem steuerrechtlichen Passivierungsgebot. 5. Ein handelsrechtliches Passivierungsverbot führt zu einem steuerrechtlichen Passivierungsverbot. 6. Ein handelsrechtliches Passivierungswahlrecht führt zu einem steuerrechtlichen Passivierungsverbot. Handelsrecht Steuerrecht Aktivierungspflicht Aktivierungspflicht Aktivierungsverbot Aktivierungsverbot Aktivierungswahlrecht Aktivierungspflicht Passivierungspflicht Passivierungspflicht Passivierungsverbot Passivierungsverbot Passivierungswahlrecht Passivierungsverbot Abbildung III/3: Bilanzierung nach Handels- und Steuerrecht Diese Rechtsprechungsgrundsätze kommen nur dann zur Anwendung, wenn gesetzlich nichts anderes geregelt ist. Während der letzten Jahrzehnte hat der Gesetzgeber in zunehmendem Maße von den Maßgeblichkeitsregeln abweichende gesetzliche Regelungen geschaffen. Auf einige von ihnen wird noch einzugehen sein. 2.2 Die Aktivierung von Wirtschaftsgütern 2.2.1 Begriff des Wirtschaftsgutes bzw. des Vermögensgegenstandes Der Begriff des Wirtschaftsgutes wird in Rechtsprechung und Lehre sehr weit gefasst. Zu den Wirtschaftsgütern zählen nicht nur Sachen und Rechte, sondern auch sonstige wirtschaftliche Werte. Allgemein werden folgende Voraussetzungen gefordert: 35 Vgl. BFH-Beschluss vom 3.2.1969, GrS 2/68, BStBl 1969 II, S. 291. 230 Teil III: Steuerbilanzen 1. Es muss ein wirtschaftlicher Vorteil gegeben sein, der über mehr als eine Periode hinausreicht. 2. Zur Erlangung des Vorteils muss der Kaufmann Geldleistungen oder Aufwendungen erbringen, 3. Der Vorteil muss selbständig bewertungsfähig sein. 4. Der Vorteil muss übertragbar sein36. Es kann also definiert werden: Wirtschaftsgüter bzw. Vermögensgegenstände sind Sachen und Rechte und alle sonstigen Gegenstände des wirtschaftlichen Verkehrs, für die ein Kaufmann ein besonderes Entgelt ansetzen würde. Die Gegenstände müssen einen über eine Periode hinausgehenden Nutzen erbringen und selbständig bewertungsfähig sein. Hierbei ist es ohne Bedeutung, ob der Gegenstand einzeln oder (wie bei einem Firmenwert) nur innerhalb einer Sachgesamtheit veräußerbar ist37. Zu den Sachen rechnen u. a. Grundstücke, Gebäude, Maschinen, Kraftfahrzeuge; zu den Rechten zählen u. a. Forderungen, Konzessionen, Patente; zu den sonstigen Gegenständen gehört u. a. der Firmenwert. 2.2.2 Einteilung der Wirtschaftsgüter Wirtschaftsgüter lassen sich unterscheiden: 1. Nach der Art der Wirtschaftsgüter zwischen materiellen und immateriellen, 2. nach der Art des Erwerbs zwischen angeschafften, hergestellten und unentgeltlich erworbenen Wirtschaftsgütern. Wirtschaftsgüter können materieller und immaterieller Art sein. Materielle Wirtschaftsgüter sind in erster Linie körperliche Gegenstände (Sachen), wie Grundstücke, Maschinen, sonstige Sachanlagen und Vorräte. Beteiligungen werden zu den materiellen Wirtschaftsgütern gezählt, obwohl sie Rechte verkörpern38. Dies wird damit begründet, dass bei ihnen der materielle Wert konkretisierbar sei. Immaterielle Wirtschaftsgüter sind nichtkörperliche Güter. Hierbei handelt es sich um Rechte, rechtsähnliche Werte und sonstige Vorteile auf der Aktivseite sowie um die Verbindlichkeiten auf der Passivseite. Als wichtige immaterielle Wirtschaftsgüter sind zu nennen: der Firmen- oder Geschäftswert, Lizenzen, Verlagsrechte, Konzessionen, Software, Urheberrechte, Warenzeichen, ungeschützte Erfindungen, Fabrikationsverfahren und das Know-how. Angeschafft worden sind Wirtschaftsgüter dann, wenn sie aus dem Vermögen einer anderen (natürlichen oder juristischen) Person gegen Entgelt erworben worden sind. Für angeschaffte Wirtschaftsgüter wird auch häufig der Ausdruck verwendet, sie seien entgeltlich erworben. Hergestellte Wirtschaftsgüter sind solche, die im eigenen Betrieb selbst erstellt worden sind. Unentgeltlich erworben sind die Wirtschaftsgüter, die ohne Zahlung eines Entgelts aus dem Vermögen einer 36 Vgl. BFH-Urteil vom 6.12.1990, IV R 3/89, BStBl 1991 II, S. 346 m. w. N. 37 Hinsichtlich des derzeitigen Diskussionsstandes zum Begriff des Wirtschaftsgutes s. Weber-Grellet, H., in: Schmidt, L., EStG, 2011, § 5 EStG, Rz. 93 ff. 38 Vgl. Scheffler, W., Steuerbilanz, 2010, S. 122. 2 Grundzüge der Bilanzierung 231 anderen Person erworben worden sind. Unentgeltlicher Erwerb liegt vor allem bei Erwerb durch Erbschaft oder Schenkung vor. Die Grenze zwischen Anschaffung und Herstellung ist fließend. So kann es z. B. zur Inbetriebnahme einer angeschafften (gekauften) Maschine erforderlich sein, an dieser im eigenen Betrieb umfangreiche Umrüstungs-, Fundamentierungs- und Anschlussarbeiten durchzuführen. Hier ist ein Erwerb mit einer Herstellung verknüpft. Ebenfalls fließend ist die Grenze zwischen entgeltlichem und unentgeltlichem Erwerb. So geschieht es häufig, dass Eltern ihren Betrieb an ihre Kinder zwar entgeltlich, aber zu einem nur durch das Verwandtschaftsverhältnis erklärbaren niedrigen Preis veräußern. In diesem Fall wird von einer gemischten Schenkung gesprochen. Die positiven Wirtschaftsgüter lassen sich weiter untergliedern • nach der Zweckbestimmung in Anlage- und Umlaufvermögen und • nach der örtlichen Einsatzmöglichkeit in bewegliche und unbewegliche Wirtschaftsgüter. 2.2.3 Anlagevermögen Zum Anlagevermögen gehören nach § 247 Abs. 2 HGB alle Wirtschaftsgüter, die dem Betrieb auf Dauer zu dienen bestimmt sind. Zum Verbrauch oder zur Veräu- ßerung bestimmte Wirtschaftsgüter gehören hingegen zum Umlaufvermögen. Entscheidend für die Einordnung in die eine oder die andere dieser beiden Vermögenskategorien ist die Zweckbestimmung des Wirtschaftsgutes am jeweiligen Bilanzstichtag. Die Zweckbestimmung kann sich im Zeitablauf ändern. Beispiel Im Lager eines Möbelhändlers befindet sich am Bilanzstichtag u. a. ein Schreibtisch, der zum Verkauf bestimmt ist. Kurze Zeit nach dem Bilanzstichtag beschließt der Möbelhändler, den Schreibtisch nunmehr in seinem eigenen Büro zu nutzen. Bis zum Beschluss über die Nutzungsänderung gehört der Schreibtisch zum Umlaufvermögen. Anschließend wird er Anlagevermögen. Das Anlagevermögen lässt sich in das abnutzbare und das nichtabnutzbare unterteilen. Zum abnutzbaren Anlagevermögen gehören die Wirtschaftsgüter des Anlagevermögens, deren Nutzungsdauer begrenzt ist. Die Nutzungsdauer ist i. d. R. durch Verschleiß, sie kann aber auch durch Fristablauf oder durch Substanzverzehr begrenzt sein. Beispiele 1. Die Nutzungsdauer einer Maschine wird (in erster Linie) durch Verschleiß bestimmt. 2. Ein Gebäude auf fremdem Grund und Boden muss nach 15 Jahren abgerissen werden. Die Nutzungsdauer wird durch den Fristablauf bestimmt. 3. Die Nutzungsdauer einer Kiesgrube wird durch den Substanzverzehr, d. h. durch die abgebaute Menge Kies bestimmt. Nichtabnutzbar sind Anlagegüter dann, wenn sie keinem Wertverzehr unterliegen, ihr Nutzen also zeitlich nicht begrenzt ist. 232 Teil III: Steuerbilanzen Die wichtigsten Beispiele für Wirtschaftsgüter des nichtabnutzbaren Anlagevermögens sind der Grund und Boden, Beteiligungen und dem Betrieb dauernd dienende Wertpapiere. Während Gebäude Wirtschaftsgüter des abnutzbaren Anlagevermögens sind, gehört der Grund und Boden zum nichtabnutzbaren Anlagevermögen. Bei einem bebauten Grundstück sind demnach zwei Wertansätze zu bilden, und zwar zum einen für den Grund und Boden, zum anderen für das Gebäude. Beteiligungen sind nach § 271 Abs. 1 HGB Anteile an anderen Unternehmen, die dazu bestimmt sind, dem eigenen Geschäftsbetrieb durch Herstellung einer dauernden Verbindung zu dienen. Eine Beteiligung kann sowohl an einer Kapital- als auch an einer Personengesellschaft bestehen. Als Beteiligung gelten „im Zweifel“ Anteile an einer Kapitalgesellschaft, deren Nennbeträge insgesamt 20 % des Nennkapitals dieser Gesellschaft überschreiten. In derartigen Fällen wird also grundsätzlich vermutet, dass die Voraussetzungen für das Vorhandensein einer Beteiligung erfüllt sind. Diese Vermutung kann aber widerlegt werden. Anteile an einer Personengesellschaft gelten handelsrechtlich nach h. M. als Beteiligung39. Liegt handelsrechtlich eine Beteiligung an einer Kapitalgesellschaft vor, so gilt dies nach dem Maßgeblichkeitsprinzip auch für die Steuerbilanz. Für Beteiligungen an einer Personengesellschaft greift nach Ansicht des BFH der Maßgeblichkeitsgrundsatz nicht40. Hier gehen vielmehr die Zuordnungsregeln des § 15 Abs. 1 Satz 2 Nr. 2 EStG vor. Auf die sich hierbei ergebenden Besonderheiten wird aber erst in Band 2 des Werkes eingegangen. Wertpapiere gehören immer dann zum nichtabnutzbaren Anlagevermögen, wenn sie eine Beteiligung darstellen, darüber hinaus aber auch in den Fällen, in denen sie dazu bestimmt sind, dem Betrieb auf Dauer zu dienen. In allen anderen Fällen gehören Wertpapiere nicht zum Anlage-, sondern zum Umlaufvermögen. Beispiel Eine AG besitzt 20 % der Anteile an einer anderen AG. a) Die Anteile sind als Daueranlage gedacht, ohne dass aber eine Einflussnahme auf die Geschicke des Beteiligungsunternehmens beabsichtigt ist. b) Die Anteile werden zu Spekulationszwecken erworben. Im Fall a) handelt es sich um nichtabnutzbares Anlagevermögen, obwohl die Voraussetzungen für das Vorliegen einer Beteiligung nicht erfüllt sind. Im Fall b) gehören die Wertpapiere zum Umlaufvermögen. Die Unterscheidung zwischen abnutzbarem und nichtabnutzbarem Anlagevermögen ist für die Bilanzierung - im Gegensatz zur Bewertung - ohne Belang. Für die Bilanzierung von großer Bedeutung hingegen ist die Unterscheidung zwischen materiellen und immateriellen Wirtschaftsgütern des Anlagevermögens. 39 Vgl. IDW, HFA, Bilanzierung, 2006, S. 1302. So auch IDW, HFA, Bilanzierung, 2011, S. 320. 40 Vgl. BFH-Urteil vom 6.11.1985, I R 242/81, BStBl 1986 II, S. 333. 2 Grundzüge der Bilanzierung 233 Zum materiellen Anlagevermögen gehören z. B. der Grund und Boden, Gebäude, Maschinen, maschinelle Anlagen, Büroeinrichtungen und Kraftfahrzeuge. Zu den immateriellen Anlagegegenständen zählen vor allem selbstgenutzte Patente, Lizenzen, Warenzeichen, Gebrauchsmuster, Belieferungsrechte und selbstgenutzte Software sowie der Geschäfts- oder Firmenwert eines gewerblichen Betriebes bzw. der Praxiswert eines Freiberuflers. Materielles Anlagevermögen ist sowohl handels- als auch steuerrechtlich zu bilanzieren (Bilanzierungsgebot), und zwar unabhängig davon, ob es angeschafft, hergestellt oder unentgeltlich erworben worden ist. Dies ergibt sich aus dem in § 246 Abs. 1 HGB kodifizierten Grundsatz der Vollständigkeit der Bilanz. Bei alleiniger Berücksichtigung des Vollständigkeitsprinzips müssten auch alle immateriellen Vermögensgegenstände bzw. Wirtschaftsgüter bilanziert werden. Die gesetzliche Regelung ist aber eine andere. Der Gesetzgeber unterscheidet hier zwischen entgeltlich erworbenen und selbstgeschaffenen immateriellen Vermögensgegenständen bzw. Wirtschaftsgütern. Für entgeltlich erworbene immaterielle Vermögensgegenstände bzw. Wirtschaftsgüter gilt uneingeschränkt das Vollständigkeitsgebot des § 246 Abs. 1 HGB. Sie müssen also handelsrechtlich aktiviert werden. Über den Maßgeblichkeitsgrundsatz des § 5 Abs. 1 EStG gilt dies auch steuerrechtlich. Das Vollständigkeitsgebot gilt auch hinsichtlich eines im Rahmen eines entgeltlichen Unternehmenserwerbs miterworbenen Geschäfts- oder Firmenwertes. Dieser gilt nach § 246 Abs. 1 Satz 4 HGB als ein Vermögensgegenstand, so dass das Vollständigkeitsgebot des § 246 Abs. 1 Satz 1 HGB zur Anwendung kommt. Über den Maßgeblichkeitsgrundsatz des § 5 Abs. 1 Satz 1 HGB gilt dies auch für das Steuerrecht. Hinsichtlich der selbstgeschaffenen immateriellen Vermögensgegenstände bzw. Wirtschaftsgüter unterscheidet sowohl das Handels- als auch das Steuerrecht zwischen den Fällen, dass diese dem Anlage- und dem, dass sie dem Umlaufvermögen zuzurechnen sind. Sind sie dem Umlaufvermögen zuzurechnen, so greift keine von § 246 Abs. 1 Satz 1 HGB abweichende Regelung. Derartige Gegenstände müssen also nach dem Vollständigkeitsgebot aktiviert werden. Das gilt sowohl handels- als auch steuerrechtlich. Selbstgeschaffenen immateriellen Vermögensgegenständen des Anlagevermögens ist der deutsche Gesetzgeber in der Vergangenheit hinsichtlich ihrer Werthaltigkeit mit großem Misstrauen begegnet. Ihre Bilanzierung hat er deshalb nach § 248 Abs. 2 HGB a. F. verboten. Dieses Verbot hat er zusätzlich in § 5 Abs. 2 EStG für das Steuerrecht ausgesprochen. Mit dem Bilanzrechtsmodernisierungsgesetz (BilMoG) aus dem Jahre 2009 hat der Gesetzgeber handelsrechtlich das frühere Aktivierungsverbot in ein Aktivierungswahlrecht verwandelt. Seither dürfen also Patente, Lizenzen, Software usw. auch dann aktiviert werden, wenn sie im eigenen Betrieb entwickelt worden sind und sie dem eigenen Betrieb zu dienen bestimmt sind. Dies ergibt sich ausdrücklich aus § 248 Abs. 2 HGB n. F. Dies gilt nach dieser Rechtsnorm allerdings nicht für selbstgeschaffene Marken, Drucktitel, 234 Teil III: Steuerbilanzen Verlagsrechte, Kundenlisten oder diesen vergleichbare immaterielle Vermögensgegenstände des Anlagevermögens. Deren Werthaltigkeit misstraut der Gesetzgeber unverändert so stark, dass er ihre Bilanzierung auch weiterhin verbietet. Steuerrechtlich hat der Gesetzgeber § 5 Abs. 2 EStG unverändert gelassen. Demnach dürfen also alle selbstgeschaffenen immateriellen Wirtschaftsgüter, die dem Betrieb dauernd zu dienen bestimmt sind, nicht aktiviert werden. Im Umkehrschluss folgt aus § 246 Abs. 1 Satz 4 HGB, dass ein selbstgeschaffener Geschäfts- oder Firmenwert nicht als Vermögensgegenstand gilt. Damit darf er handelsrechtlich nicht aktiviert werden. Steuerrechtlich ergibt sich das gleiche Ergebnis aus der ausdrücklichen Regelung des § 5 Abs. 2 EStG, nach der alle selbstgeschaffenen immateriellen Wirtschaftsgüter des Anlagevermögens nicht aktiviert werden dürfen. 2.2.4 Umlaufvermögen Zum Umlaufvermögen gehören alle Wirtschaftsgüter, die dem Betrieb nur vorübergehend dienen sollen. Sie sind zum Verbrauch, zum Verkauf oder für eine andere Art einer kurzfristigen Verwertung im Unternehmen bestimmt. § 266 HGB unterscheidet beim Umlaufvermögen zwischen Vorräten, Forderungen und sonstigen Vermögensgegenständen, Wertpapieren und bestimmten liquiden Mitteln. Zu den Vorräten gehören 1. Roh-, Hilfs- und Betriebsstoffe, 2. unfertige Erzeugnisse und unfertige Leistungen, 3. fertige Erzeugnisse und Waren, 4. Anzahlungen auf die zu 1. bis 3. genannten Vorräte. Rohstoffe sind alle Stoffe, die unmittelbar in ein Fertigerzeugnis eingehen und dessen Hauptbestandteil bilden. Hilfsstoffe gehen ebenfalls in die Fertigerzeugnisse ein; ihnen kommt im Rahmen der Produktion jedoch lediglich eine Hilfsfunktion zu, sie sind im Vergleich zu den Rohstoffen von untergeordneter Bedeutung. Betriebsstoffe werden zur Produktion der Erzeugnisse verbraucht; sie werden selbst nicht Bestandteil der Erzeugnisse. Beispiel In einer Schreinerei lagern am Bilanzstichtag zur Möbelproduktion u. a. verschiedene Holzarten, Nägel, Schrauben, Beizen, Lacke sowie Reinigungs- und Schmiermaterialien für die zur Produktion benötigten Werkzeuge. Bei den Hölzern handelt es sich um Rohstoffe; Nägel, Schrauben, Beizen und Lacke sind Hilfsstoffe, Reinigungs- und Schmiermaterialien sind Betriebsstoffe. Fertige Erzeugnisse sind im eigenen Betrieb erstellte Produkte, sofern sie am Bilanzstichtag bereits versandfertig sind. Unfertige Erzeugnisse sind Produkte, mit deren Herstellung am Bilanzstichtag bereits begonnen worden ist, die aber noch nicht versandfertig sind. Es handelt sich somit um Vorräte in einem Zustand zwischen Rohstoffen und Fertigerzeugnissen. Waren sind von fremden Betrieben gekaufte Produkte, die zur Weiterveräußerung bestimmt sind. 2 Grundzüge der Bilanzierung 235 Unfertige und fertige Erzeugnisse kommen vorrangig in der Industrie, darüber hinaus aber auch in anderen Wirtschaftszweigen vor. Beispiele a) Ein Industrieunternehmen (I), produziert Werkzeuge. Soweit sich derartige Werkzeuge am Bilanzstichtag noch im Herrschaftsbereich des I befinden, sind sie von diesem als (unfertige oder fertige) Erzeugnisse zu aktivieren. b) Ein in Deutschland ansässiges Unternehmen des Großanlagenbaus (U) errichtet in Brasilien im Auftrag eines brasilianischen Auftraggebers ein Atomkraftwerk. Am Bilanzstichtag befindet sich das Atomkraftwerk noch im Bau. Es ist an diesem Bilanzstichtag von U als unfertiges Erzeugnis zu aktivieren. c) Ein Goldschmiedemeister (G) erstellt mit von ihm erworbenem Gold und mit Edelsteinen Schmuck. Soweit sich die Schmuckstücke am Bilanzstichtag noch im Betriebsvermögen des G befinden, hat sie dieser - sofern er bilanziert - als unfertige bzw. fertige Erzeugnisse zu aktivieren. Den in den Beispielen genannten Erzeugnissen ist gemeinsam, dass sie materieller Art sind. Für sie alle besteht nach dem Vollständigkeitsgebot Aktivierungspflicht. Dies gilt nach dem Maßgeblichkeitsgrundsatz auch für die Steuerbilanz. Neben den materiellen gibt es auch immaterielle Vermögensgegenstände des Umlaufvermögens. Zu nennen sind z. B. für die Veräußerung bestimmte Patente und Lizenzen sowie für die Veräußerung bestimmte Software. Diese immateriellen Vermögensgegenstände des Umlaufvermögens sind nach dem Vollständigkeitsgebot des § 246 Abs. 1 HGB aktivierungspflichtig. Dies gilt unabhängig davon, ob die Vermögensgegenstände entgeltlich erworben worden sind oder nicht. Das Aktivierungswahlrecht des § 248 Abs. 2 HGB greift nicht, da dieses nur für selbstgeschaffene immaterielle Vermögensgegenstände des Anlagevermögens, nicht hingegen für solche des Umlaufvermögens gilt. Das Aktivierungsgebot für alle immateriellen Vermögensgegenstände des Umlaufvermögens ist nach dem Maßgeblichkeitsgrundsatz auch steuerlich zu beachten. Zu den Forderungen und sonstigen Vermögensgegenständen gehören vor allem Forderungen aus Lieferungen und Leistungen, d. h. Kundenforderungen sowie Darlehensforderungen, Schadensersatzforderungen, Guthaben gegenüber dem Finanzamt oder einer Krankenkasse usw. Auf eine weitergehende Erörterung kann hier verzichtet werden. Alle derartigen Vermögensgegenstände sind nach dem Vollständigkeitsgebot aktivierungspflichtig; nach dem Maßgeblichkeitsgrundsatz gilt dies auch für die Steuerbilanz. Sämtliche im Eigentum des Unternehmens befindlichen Wertpapiere sind nach dem Vollständigkeitsgebot zu aktivieren. Gleiches gilt für die in § 266 Abs. 2 HGB einzeln aufgeführten liquiden Mittel, wie Kassenbestände und Guthaben bei Kreditinstituten. Über den Maßgeblichkeitsgrundsatz gilt das Aktivierungsgebot auch für die Steuerbilanz. 236 Teil III: Steuerbilanzen 2.3 Passivierung von Verbindlichkeiten und Rückstellungen 2.3.1 Verbindlichkeiten Eine Verbindlichkeit ist eine schuldrechtliche Verpflichtung. Sie ist die Kehrseite der Forderung. Es lassen sich folgende zwei Arten von Verbindlichkeiten voneinander unterscheiden: 1. Verbindlichkeiten, die dem Grund und der Höhe nach gewiss sind, 2. Verbindlichkeiten, die dem Grund und/oder der Höhe nach ungewiss sind (ungewisse Verbindlichkeiten). Zu beachten ist: ► Unter dem Bilanzposten „Verbindlichkeiten“ werden nur solche Schulden erfasst, die dem Grunde und der Höhe nach gewiss sind. Ungewisse Verbindlichkeiten hingegen sind unter „Rückstellungen“ zu passivieren. Verbindlichkeiten aus Schuldverträgen sind beim Schuldner erst ab dem Zeitpunkt der Vertragserfüllung durch den Gläubiger passivierungsfähig. Ab diesem Zeitpunkt sind sie auch passivierungspflichtig. Dies gilt sowohl handels- als auch steuerrechtlich. Verträge, bei denen die Erfüllung noch aussteht (schwebende Geschäfte), können bilanziell grundsätzlich nicht erfasst werden. Eine Ausnahme ergibt sich bei drohenden Verlusten aus schwebenden Geschäften, auf die im nächsten Gliederungspunkt eingegangen wird. § 266 Abs. 3 HGB unterscheidet zwischen mehreren Arten von Verbindlichkeiten. Für die steuerliche Gewinnermittlung hat diese Untergliederung keine Bedeutung. Auf sie wird deshalb hier nicht näher eingegangen. Verbindlichkeiten sind sowohl handels- als auch steuerbilanziell vollständig zu erfassen. Dies gebietet nicht nur der Grundsatz der Vollständigkeit, sondern auch der der Vorsicht. 2.3.2 Rückstellungen 2.3.2.1 Überblick Rückstellungen dürfen ausschließlich für die in § 249 Abs. 1 HGB genannten Zwecke gebildet werden. Abs. 2 dieser Vorschrift regelt ausdrücklich, dass Rückstellungen für andere Zwecke nicht gebildet werden dürfen. Nach § 249 Abs. 1 Satz 1 HGB sind Rückstellungen zu bilden für • ungewisse Verbindlichkeiten und • drohende Verluste aus schwebenden Geschäften.

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Zusammenfassung

Die betriebswirtschaftliche Steuerlehre für BWLer.

Betriebswirtschaftliche Steuerlehre

Der »Klassiker« zur betriebswirtschaftlichen Steuerlehre ist gerade für Studierende der Betriebswirtschaft an Universitäten und Fachhochschulen ein hervorragendes Lehrbuch. Durch die integrierten Aufgaben mit Lösungen kann der Wissensstoff gleich angewendet werden.

Die Schwerpunkte im Überblick

* Grundlagen und Grundbegriffe, Durchführung der Besteuerung

* Ertragsteuern

* Steuerbilanzen

* Bewertungsgesetz und Substanzsteuern

* Verkehrsteuern

* Prinzipien des Steuerrechts und Besteuerungsverfahren.