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2.4 Ermittlung der Steuerschuld in:

Dieter Schneeloch

Betriebswirtschaftliche Steuerlehre Band 1: Besteuerung, page 131 - 144

6. Edition 2011, ISBN print: 978-3-8006-4197-0, ISBN online: 978-3-8006-4341-7, https://doi.org/10.15358/9783800643417_131

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102 Teil II: Ertragsteuern 2.4 Ermittlung der Steuerschuld 2.4.1 Tarifliche Einkommensteuer 2.4.1.1 Allgemeines Aus dem Einkommensteuer-Schema ist zu ersehen, dass zwischen tariflicher und festzusetzender Einkommensteuer zu unterscheiden ist. Die festzusetzende Einkommensteuer ergibt sich nach § 2 Abs. 6 EStG durch Abzug bestimmter Steuerermäßigungen von der tariflichen Einkommensteuer und Hinzurechnung bestimmter sich aus der genannten Vorschrift ergebender Beträge. Ausgangspunkt zur Ermittlung der tariflichen Einkommensteuer ist das zu versteuernde Einkommen. Die Steuer ergibt sich durch die Anwendung des Tarifs auf die Bemessungsgrundlage. Im Normalfall sind die Vorschriften des § 32a EStG (Normaltarif) anzuwenden. In Ausnahmefällen kommen zusätzlich zu dem Normaltarif des § 32a EStG die Vorschriften der §§ 32b, 32d, 34 und 34a und 34b EStG zur Anwendung (§ 32a Abs. 1 EStG). Auf die wichtigsten der genannten Vorschriften wird in den folgenden Gliederungspunkten näher eingegangen. 2.4.1.2 Normaltarif Zu unterscheiden sind zwei Arten des Normaltarifs, und zwar der Grund- und der Splittingtarif. Der Grundtarif ist bei Einzelveranlagung und getrennter Veranlagung, der Splittingtarif bei Zusammenveranlagung anzuwenden. Der Grundtarif ergibt sich aus § 32a Abs. 1 EStG. In Abhängigkeit von der Höhe der Bemessungsgrundlage sind fünf Tarifzonen zu unterscheiden, für die jeweils eine eigene Tarifformel gilt. Aus § 32a Abs. 1 EStG in der für den Veranlagungszeitraum 2011 geltenden Fassung lässt sich für den Grundtarif Folgendes ableiten: Tarifzone Bemessungsgrundlage Grenzsteuersatz € von bis 1 von 0 bis 8.004 0,00 % 0,00 % 2 von 8.005 bis 13.469 14,00 % 23,97 % 3 von 13.470 bis 52.881 23,97 % 42,00 % 4 von 52.882 bis 250.730 konstant 42,00 % 5 ab 250.731 konstant 45,00 % Danach werden die ersten 8.004 € des zu versteuernden Einkommens nicht besteuert (Grundfreibetrag). Der Grundfreibetrag soll das Existenzminimum von der Besteuerung ausnehmen. An den Grundfreibetrag schließen sich zwei Zonen mit progressivem Verlauf des Grenzsteuersatzes an (Progressionszonen). Der Grenzsteuersatz ist derjenige Steuersatz, mit dem die jeweils letzte Einheit der Bemessungsgrundlage belastet wird. Mathematisch handelt es sich um die 1. Ableitung der Steuertarif-Funktion. Die Teile des zu versteuernden Einkommens, die über rd. 53 T€ hinausgehen, werden gleichmäßig mit einem Grenzsteuersatz von 42 % (1. Proportionalzone, unterer Plafond) belastet. Dieser untere Plafond erstreckt sich bis zu einem zu versteuernden Einkommen von rd. 251 T€. Darüber 2 Einkommensteuer 103 hinausgehende Teile des zu versteuernden Einkommens (2. Proportionalzone, oberer Plafond) unterliegen einem Steuersatz von gleichbleibend 45 %. Der Grenzsteuersatz beträgt also zunächst 0 %, steigt anschließend kontinuierlich bis auf 42 % an, verharrt dort bis zu einem zu versteuernden Einkommen von 251 T€ und „springt“ anschließend auf 45 %. Der Durchschnittssteuersatz, d. h. der Steuersatz, mit dem das zu versteuernde Einkommen durchschnittlich belastet ist, beträgt zunächst ebenfalls 0 % und steigt dann kontinuierlich an bis auf Werte, die sich 45 % nähern, ohne diesen Prozentsatz je völlig zu erreichen. Die Steuer laut Splittingtarif beträgt das Doppelte des Steuerbetrages, der sich für die Hälfte des gemeinsam zu versteuernden Einkommens ergeben würde (§ 32a Abs. 5 EStG). Das zu versteuernde Einkommen der Ehegatten wird also zunächst halbiert („gesplittet“), von dem sich ergebenden Betrag die Steuer errechnet und dann der Steuerbetrag verdoppelt. Durch dieses Splittingverfahren wird immer dann die Steuerprogression gemildert, wenn die Ehegatten unterschiedlich hohe zu versteuernde Einkommen haben und sich zumindest eines dieser zu versteuernden Einkommen im Progressionsbereich befindet. Beispiel Das zu versteuernde Einkommen der Eheleute A beträgt im Jahr 2011 42.432 €. Dieses wird ausschließlich von dem Ehemann erzielt. Bei Anwendung der Splittingtarifes ergibt sich eine tarifliche Einkommensteuer von 6.064 €. Würde auf das volle zu versteuernde Einkommen der Grundtarif angewendet, ergäbe sich eine tarifliche Einkommensteuer von 9.899 €. Das Splitting bewirkt somit eine Ersparnis von 3.835 €. Im Fachbuchhandel sind sowohl für den Grund- als auch für den Splittingtarif Einkommensteuertabellen erhältlich. Der Splittingtarif ist auch anzuwenden bei einem verwitweten Steuerpflichtigen für den Veranlagungszeitraum, der dem Kalenderjahr folgt, in dem der Ehegatte verstorben ist, wenn die Ehegatten im Zeitpunkt des Todes des verstorbenen Ehegatten die Voraussetzungen der Ehegattenbesteuerung erfüllt haben (§ 32a Abs. 6 Satz 1 Nr. 1 EStG). Ein derartiges Gnadensplitting ist für das Jahr des Todes nicht erforderlich, weil in diesem noch die Voraussetzungen der Ehegattenbesteuerung vorliegen. Ein Gnadensplitting kommt auch unter in § 32a Abs. 6 Satz 1 Nr. 2 EStG näher bezeichneten Voraussetzungen im Jahr einer Ehescheidung oder sonstigen Auflösung einer Ehe zur Anwendung. 2.4.1.3 Progressionsvorbehalt In den in § 32b Abs. 1 EStG genannten Fällen kommt es zur Anwendung des Progressionsvorbehalts. In allen in § 32b Abs. 1 EStG aufgeführten Fällen handelt es sich um steuerfreie Einkünfte. Genannt seien hier lediglich: • das Arbeitslosengeld, die Arbeitslosenhilfe und das Kurzarbeitergeld, • das Krankengeld und das Mutterschaftsgeld, • das Elterngeld, • ausländische Einkünfte, die nach einem DBA steuerfrei sind. 104 Teil II: Ertragsteuern Progressionsvorbehalt bedeutet, dass das sich aus den nicht von der Besteuerung freigestellten Einkünften ergebende zu versteuernde Einkommen dem Steuersatz unterworfen wird, der sich ergäbe, wenn das zu versteuernde Einkommen auch die freigestellten Einkünfte umfassen würde (§ 32b Abs. 2 EStG). Auf das zu versteuernde Einkommen ist also nicht der normale Tarif, sondern ein besonderer Steuersatz anzuwenden (§ 32b Abs. 1 EStG). Die Anwendung des Progressionsvorbehalts soll bewirken, dass Steuerpflichtige mit steuerfreien Einkünften dem gleichen Steuersatz, d. h. der gleichen Progression unterliegen, wie Steuerpflichtige, die ausschließlich steuerpflichtige Einkünfte beziehen. 2.4.1.4 Gesonderter Steuertarif für Einkünfte aus Kapitalvermögen Nach § 32d Abs. 1 EStG unterliegen Einkünfte aus Kapitalvermögen grundsätzlich einem einheitlichen Steuersatz von lediglich 25 %. Dieser entspricht dem Kapitalertragsteuersatz, der gem. § 43a Abs. 1 EStG ebenfalls 25 % beträgt53. Ist der Schuldner der Kapitalerträge zur Einbehaltung von Kapitalertragsteuer verpflichtet und nimmt er diese Verpflichtung wahr, so ist die Steuerschuld des Empfängers der Kapitalerträge gem. § 43 Abs. 5 EStG mit der Kapitalertragsteuer grundsätzlich abgegolten. Unterliegt der Steuerpflichtige der Kirchensteuerpflicht, so ermäßigt sich der Einkommensteuersatz nach § 32d Abs. 1 Satz 3 EStG um 25 % der auf die Kapitalerträge entfallenden Kirchensteuer. Mit dieser Regelung trägt der Gesetzgeber der Abzugsfähigkeit der Kirchensteuer als Sonderausgabe gem. § 10 Abs. 1 Nr. 4 EStG Rechnung. Die Formel, mit deren Hilfe der um die Kirchensteuer geminderte Einkommensteuersatz ermittelt werden kann, ist in § 32d Abs. 1 Satz 4 EStG angegeben. § 32d Abs. 2 EStG enthält Fälle, in denen der gesonderte Steuertarif des § 32d Abs. 1 EStG kraft Gesetzes nicht zur Anwendung kommt. In derartigen Fällen kann also nur der Tarif des § 32a EStG angewendet werden. Es handelt sich um Fälle, in denen eine aus Sicht des Gesetzgebers missbräuchliche Inanspruchnahme des i. d. R. begünstigenden Steuersatzes von 25 % vermieden werden soll. Unter die Ausnahmeregelungen des § 32d Abs. 2 EStG fallen insbesondere Kapitalerträge i. S. d. § 20 Abs. 1 Nrn. 4 und 7 EStG, wenn • Gläubiger und Schuldner einander nahestehende Personen sind oder • die Kapitalerträge von einer Kapitalgesellschaft an einen Anteilseigner gezahlt werden, der zu mindestens 10 % an der Gesellschaft beteiligt ist. Bei den Kapitalerträgen i. S. d. § 20 Abs. 1 Nr. 4 EStG handelt es sich um Einnahmen aus einer typischen stillen Beteiligung, bei den Kapitalerträgen i. S. d. § 20 Abs. 1 Nr. 7 EStG um Zinseinnahmen. Zahlungen an einen typtischen stillen Gesellschafter stellen bei dem zahlenden Unternehmen, an dem die Beteiligung besteht, abzugsfähige Betriebsausgaben dar. Zinsen sind ebenfalls abzugsfähige Betriebsausgaben, wenn Schuldner des diesen zugrunde liegenden Darlehens ein 53 Vgl. Gliederungspunkt 2.5.4. 2 Einkommensteuer 105 Unternehmen ist. In beiden Fällen kommt es also nur bei dem Empfänger der Zahlung (Gläubiger) zu einer Versteuerung. Sind Schuldner und Gläubiger der Zinsen54 einander nahestehende Personen, so könnten diese, wenn es die Missbrauchsvorschrift des § 32d Abs. 2 Nr. 1a EStG nicht gäbe, durch die Inanspruchnahme des Steuersatzes von 25 % gem. § 32d Abs. 1 EStG einen Steuervorteil erzielen. Dieser Vorteil soll durch die genannte Missbrauchsvorschrift verhindert werden. Ein Beispiel soll die Zusammenhänge erhellen. Beispiel Einzelunternehmer M nimmt für betriebliche Zwecke bei seiner Ehefrau F ein steuerlich anzuerkennendes Darlehen von 1 Mio € auf. Vertragsgemäß zahlt M an F im Jahr 1 60 T€ Darlehenszinsen. Das zu versteuernde Einkommen der Eheleute liegt - ohne Berücksichtigung der Steuerfolgen der Darlehensvereinbarung - bei rd. 600 T€. Die Zinsen mindern den Gewinn aus Gewerbebetrieb des M und damit das zu versteuernde Einkommen der Eheleute um 60 T€, von 600 T€ auf 540 T€. Der Zinsaufwand führt damit gem. § 32a Abs. 1 Nr. 5 EStG zu einer Minderung der tariflichen Einkommensteuer von (60 T€ ⋅ 45 % ) 27 T€. Gleichzeitig erhöhen sich die Einkünfte aus Kapitalvermögen der F und damit auch das zu versteuernde Einkommen der Eheleute um ebenfalls 60 T€. Könnten diese Einkünfte dem Steuersatz des § 32d Abs. 1 EStG i. H. v. 25 % unterworfen werden, so entstünde eine Steuerschuld von (60 T€ ⋅ 25 % =) 15 T€. Einer Steuerentlastung von 27 T€ stünde somit eine Steuerbelastung von lediglich 15 T€ gegenüber. Per Saldo ergäbe sich somit eine Steuerentlastung von (27 T€ - 15 T€ =) 12 T€. Diese hält der Gesetzgeber für missbräuchlich. Er ordnet deshalb in § 32d Abs. 2 Satz 1 Nr. 2 EStG an, dass der Steuersatz von 25 % nicht zur Anwendung kommt. Die Einkünfte aus Kapitalvermögen von 60 T€ sind also in das zu versteuernde Einkommen der Eheleute einzubeziehen und dem Tarif des § 32a Abs. 1 EStG zu unterwerfen. Sie unterliegen damit einem Steuersatz von 45 %. Einer Steuerentlastung von 27 T€ steht somit eine Steuerbelastung von ebenfalls 27 T€ gegenüber. Per Saldo geht die Steuergestaltungsmaßnahme also ins Leere. Die zweite Missbrauchsvorschrift des § 32d Abs. 2 EStG betrifft Gesellschafterdarlehen. Gewährt ein Gesellschafter einer Kapitalgesellschaft „seiner“ Gesellschaft ein Darlehen, so stellen die darauf entfallenden Zinsen abzugsfähige Betriebsausgaben dar. Der steuerliche Gewinn der Gesellschaft wird also um diese Zinsen gemindert. Besteuert werden die Zinsen - im Gegensatz zu Gewinnausschüttungen, die sowohl bei der Gesellschaft als auch bei dem Gesellschafter versteuert werden - lediglich bei dem Gesellschafter. Diese Besteuerung soll nach dem Willen des Gesetzgebers aber stets dann mit dem „normalen“ Steuersatz des § 32a EStG und nicht mit dem i. d. R. niedrigeren Steuersatz des § 32d Abs. 1 EStG erfolgen, wenn der Gesellschafter an der Gesellschaft zu mindestens 10 % beteiligt ist. Neben Fällen, in denen § 32d EStG die Versteuerung von Kapitalerträgen mit dem „normalen“ Steuersatz des § 32a EStG anordnet, enthält § 32d EStG auch Fälle, in denen der Steuerpflichtige dies beantragen kann. Zu nennen sind in diesem Zusammenhang 54 Unter den Zinsen sollen in der nachfolgenden Argumentation stets auch Leistungen an einen typischen stillen Gesellschafter erfasst sein. Die explizite Erwähnung nur der Zinsen dient der sprachlichen Vereinfachung. 106 Teil II: Ertragsteuern • § 32d Abs. 2 Nr. 3 EStG und • § 32d Abs. 6 EStG. Nach § 32d Abs. 2 Nr. 3 EStG kann der Steuerpflichtige beantragen, dass Gewinnausschüttungen einer Kapitalgesellschaft an ihn nicht dem gesonderten Steuersatz des § 32d Abs. 1 EStG unterworfen, sondern in seine Veranlagung zur Einkommensteuer einbezogen werden. Voraussetzung ist, dass der Steuerpflichtige an dieser Kapitalgesellschaft entweder • zu mindestens 25 % beteiligt ist oder • zu mindestens 1 % beteiligt ist und er zusätzlich beruflich - z. B. als Geschäftsführer - für diese Gesellschaft tätig ist. In diesen beiden Fällen nimmt der Gesetzgeber an, dass der Steuerpflichtige die Beteiligung nicht nur aus rein finanziellem, sondern (auch) aus unternehmerischem Interesse hält. Er ermöglicht ihm in diesem Falle die Einbeziehung der Ausschüttungen in die Veranlagung und räumt ihm in diesem Zusammenhang nach § 3 Nr. 40 Satz 1 EStG eine Befreiung von 40 % dieser Ausschüttungen von der Einkommensteuer ein (Teileinkünfteverfahren). Damit kann der Steuerpflichtige die mit der Beteiligung im Zusammenhang stehenden Werbungskosten abziehen, allerdings nach § 3c Abs. 2 EStG lediglich in Höhe von 60 %. Dies ist vor allem dann von gro- ßer Bedeutung, wenn der Steuerpflichtige die Beteiligung mit Hilfe eines Darlehens erworben hat. Er kann dann Darlehenszinsen als Werbungskosten abziehen. Nach § 32d Abs. 6 EStG kann der Steuerpflichtige beantragen, dass auf die von ihm erzielten Einkünfte aus Kapitalvermögen nicht der gesonderte Steuertarif des § 32d Abs. 1 EStG angewendet wird. In diesem Fall werden seine Einkünfte aus Kapitalvermögen in seine Veranlagung zur Einkommensteuer einbezogen und dem „normalen“ Tarif des § 32a EStG unterworfen. Eine solche Vorgehensweise ist für den Steuerpflichtigen dann vorteilhaft, wenn der Differenzsteuersatz, dem die Einkünfte aus Kapitalvermögen bei Einbeziehung in die Veranlagung unterliegen, kleiner ist als der gesonderte Steuersatz von 25 %. 2.4.1.5 Steuersätze bei außerordentlichen Einkünften 2.4.1.5.1 Einführung Für außerordentliche Einkünfte können sich aus § 34 EStG besondere Steuersätze ergeben. § 34 EStG hat Begünstigungscharakter; die auf dieser Vorschrift beruhenden Steuersätze können zu einer niedrigeren Einkommensteuerbelastung führen als sich bei alleiniger Anwendung des § 32a EStG ergibt. Zu unterscheiden sind die sich aus § 34 Abs. 1 EStG ergebenden Steuersätze von denen, die sich aus § 34 Abs. 3 EStG ergeben. Zu beachten ist, dass § 34 Abs. 3 EStG nur dann zur Anwendung kommt, wenn der Steuerpflichtige beantragt, diese Vorschrift anstelle derjenigen des § 34 Abs. 1 EStG anzuwenden. Im Gegensatz zu § 34 Abs. 1 EStG ist die Anwendung des § 34 Abs. 3 EStG darüber hinaus auf Veräußerungsgewinne beschränkt. Außerdem kann § 34 Abs. 3 EStG von dem Steuerpflichtigen nur einmal im Leben in Anspruch genommen werden. Eine solche Beschränkung gibt es bei § 34 Abs. 1 EStG nicht. Weitere Voraussetzung bei Anwendung des 2 Einkommensteuer 107 § 34 Abs. 3 EStG ist, dass der Steuerpflichtige das 55. Lebensjahr vollendet hat oder im sozialversicherungsrechtlichen Sinne dauernd berufsunfähig ist. 2.4.1.5.2 Wirkungen der Fünftelregelung des § 34 Abs. 1 EStG Nach § 34 Abs. 1 Satz 2 EStG ist zunächst die Einkommensteuer auf das um die außerordentlichen Einkünfte geminderte zu versteuernde Einkommen (verbleibendes zu versteuerndes Einkommen) zu ermitteln. In einem zweiten Schritt ist dann die Einkommensteuer auf die Summe aus verbleibendem zu versteuerndem Einkommen und einem Fünftel der außerordentlichen Einkünfte zu ermitteln. In einem dritten Schritt ist die Differenz zwischen diesen beiden Beträgen zu bilden und der sich ergebende Betrag zu verfünffachen. Dieser verfünffachte Differenzbetrag ist der Betrag, mit dem gem. § 34 Abs. 1 Satz 2 EStG die außerordentlichen Einkünfte zu versteuern sind. Das in § 34 Abs. 1 EStG kodifizierte Verfahren ist unter der Bezeichnung Fünftelregelung bekannt. Beispiel Das zu versteuernde Einkommen des in Köln wohnhaften ledigen Alfons Müller (M) beträgt im Jahr 2011 191.052 €. Hierin ist ein Veräußerungsgewinn i. S. d. § 16 EStG i. H. v. 150.000 € enthalten. Die Steuerschuld des M für das Jahr 2011 kann wie folgt ermittelt werden: • verbleibendes zu versteuerndes Einkommen (191.052 – 150.000 =) 41.052 €, • auf das verbleibende zu versteuernde Einkommen entfallende Einkommensteuer lt. Grundtabelle 9.389 €, • verbleibendes zu versteuerndes Einkommen plus 1/5 der außerordentlichen Einkünfte (41.052 + 1/5 · 150.000 = 41.052 + 30.000 =) 71.052 €, • Einkommensteuer auf 71.052 € lt. Grundtarif (0,42 · 71.052 – 8.172 =) 21.669 €, • Differenz der Einkommensteuerbelastungen (21.669 – 9.389 =) 12.280 €, • fünffache Differenzbelastung = Steuerbelastung der außerordentlichen Einkünfte (12.280 · 5 =) 61.400 €, • Jahressteuerschuld des M für das Jahr 2011 (9.389 + 61.400 =) 70.789 €. Ohne Anwendung des § 34 Abs. 1 EStG ergibt sich die Einkommensteuerschuld des M für 2011 aus der vierten Tarifformel des § 32a Abs. 1 EStG. Die Einkommensteuerschuld 2011 beträgt dann (0,42·191.052 – 8.172 =) 72.069 €. Die Steuerersparnis durch Anwendung des § 34 Abs. 1 EStG beträgt mithin (72.069 – 70.789 =) 1.280 €. § 34 Abs. 1 EStG hat zur Folge, dass eine Steuerermäßigung nur dann eintreten kann, wenn das verbleibende zu versteuernde Einkommen unterhalb des Plafond liegt. Nur dann kann es zu einer Senkung des auf die außerordentlichen Einkünfte entfallenden Steuersatzes kommen. Liegt das verbleibende zu versteuernde Einkommen hingegen im Plafond, so ist auf die außerordentlichen Einkünfte vor und nach der Verteilungsrechnung i. S. d. § 34 Abs. 1 EStG der Spitzensteuersatz der Einkommensteuer anzuwenden. Diese Ausführungen gelten sowohl für den unteren (Steuersatz 42 %) als auch für den oberen Plafond (Steuersatz 45 %) jeweils gesondert. Eine besondere Situation ergibt sich dann, wenn das zu versteuernde Einkommen im oberen, das verbleibende zu versteuernde Einkommen hingegen im unteren Plafond liegt. In diesem Fall entfaltet die Fünftelregelung des § 34 Abs. 1 EStG eine Wirkung dadurch, dass der anzuwendende Steuersatz nicht 45 %, sondern lediglich 42 % beträgt. 108 Teil II: Ertragsteuern Ist das verbleibende zu versteuernde Einkommen negativ, das zu versteuernde Einkommen hingegen positiv, so ist nicht Satz 2, sondern Satz 3 des § 34 Abs. 1 EStG anzuwenden. Nach dieser Vorschrift beträgt die Einkommensteuer das Fünffache der auf ein Fünftel des zu versteuernden Einkommens entfallenden Einkommensteuer. Beispiel Das zu versteuernde Einkommen des M aus dem letzten Beispiel beträgt nicht 191.052 €, sondern lediglich 141.052 €. Das verbleibende zu versteuernde Einkommen ergibt sich durch Abzug des Veräußerungsgewinns von 150.000 € von dem zu versteuernden Einkommen von 141.052 €. Das verbleibende zu versteuernde Einkommen beträgt (141.052 – 150.000 =) –8.948 €. Es ist also negativ. Die Jahressteuerschuld des M lässt sich nach § 34 Abs. 1 Satz 3 EStG wie folgt ermitteln: • 1/5tel des zu versteuernden Einkommens (141.052 : 5 =) 28.210 €, • Einkommensteuer auf 28.210 € lt. Grundtabelle 5.068 €, • Verfünffachung des Betrages von 5.068 € (5.068 · 5 =) 25.340 €. Ohne Anwendung des § 34 Abs. 1 EStG ergibt sich die Einkommensteuerschuld des M für 2011 auch in diesem Beispiel aus der vierten Tarifformel des § 32a Abs. 2 EStG. Die Einkommensteuerschuld des Jahres 2011 beträgt dann (0,42 · 141.052 – 8.172 =) 51.069 €. Die Steuerersparnis durch Anwendung des § 34 Abs. 1 Satz 3 EStG beträgt (51.069 – 25.340 =) 25.729 €. Die Ausführungen lassen erkennen, dass bei einem negativen verbleibenden zu versteuernden Einkommen aufgrund der Fünftelregelung des § 34 Abs. 1 EStG für den Steuerpflichtigen im Vergleich zur Anwendung des Normaltarifs erhebliche steuerliche Vorteile entstehen können. Der Steuersatz, mit dem das zu versteuernde Einkommen zu belegen ist, kann wesentlich unter dem liegen, der sich bei Anwendung des § 32a EStG ergibt. Der maximal mögliche Vorteil, der sich bei Anwendung des § 34 Abs. 1 EStG im Vergleich zur Anwendung des § 32a EStG ergeben kann, beläuft sich auf das Vierfache des Formelfreibetrags des § 32a Abs. 1 Satz 2 Nr. 5 EStG55. Dies liegt daran, dass bei Anwendung des § 34 Abs. 1 EStG dieser Freibetrag infolge der Fünftelungsregelung fünffach zur Anwendung kommt, bei Anwendung des § 32a Abs. 1 EStG hingegen nur einmal. Für den Veranlagungszeitraum 2011 beträgt der maximale Vorteil (15.694 · 4 =) 62.776 € bei Anwendung der Grundtabelle und das Doppelte des Betrages, d. h. 125.552 €, bei Anwendung der Splittingtabelle. 2.4.1.5.3 Wirkungen des ermäßigten Steuersatzes des § 34 Abs. 3 EStG Ist in dem zu versteuernden Einkommen eines Steuerpflichtigen ein Veräußerungsgewinn enthalten, so kann dieser nach § 34 Abs. 3 EStG auf Antrag des Steuerpflichtigen nach einem ermäßigten Steuersatz besteuert werden. Auf das restliche zu versteuernde Einkommen (verbleibendes zu versteuerndes Einkommen) ist der Normaltarif des § 32a EStG anzuwenden. Ein ermäßigter Steuersatz nach § 34 Abs. 3 EStG kann nur dann zur Anwendung kommen, wenn der Steuer- 55 Vgl. Herzig, N./Förster, G., Steuerentlastungsgesetz, 1999, S. 714. 2 Einkommensteuer 109 pflichtige entweder das 55. Lebensjahr vollendet hat oder wenn er im sozialversicherungsrechtlichen Sinne dauernd berufsunfähig ist. Der ermäßigte Steuersatz beträgt nach der für das Jahr 2011 geltenden Rechtslage 56 % des durchschnittlichen Steuersatzes, der sich ergeben würde, wenn die tarifliche Einkommensteuer nach dem gesamten zu versteuernden Einkommen zu bemessen wäre. Er beträgt nach § 34 Abs. 3 EStG aber mindestens 14 %. Dieser Mindeststeuersatz entspricht dem Grenzsteuersatz am Beginn der ersten Progressionszone. Die Anwendung des ermäßigten Steuersatzes ist auf einen Veräußerungsgewinn von maximal 5 Mio € begrenzt. Auf den übersteigenden Betrag ist der Normaltarif des § 32a EStG anzuwenden. Das Konzept des § 34 Abs. 3 EStG geht also von einer Kombination aus ermä- ßigtem Durchschnittssteuersatz und Mindeststeuersatz aus. Zur Anwendung des ermäßigtem Durchschnittssteuersatz kommt es erst dann, wenn das zu versteuernde Einkommen eine Höhe erreicht, bei der der Durchschnittssteuersatz (14 %: 56 %=) 25 % überschreitet. Das ist im Veranlagungszeitraum 2011 bei einem zu versteuernden Einkommen von rd. 48 T€ der Fall. Dieses zu versteuernde Einkommen gilt bei Anwendung des Grundtarifs; bei Anwendung des Splittingtarifs verdoppelt es sich. Bis zu der genannten Einkommenshöhe ist bei Anwendung des § 34 Abs. 3 EStG also der Mindeststeuersatz anzusetzen, erst bei darüber hinausgehenden Einkommenshöhen kommt es zur Anwendung des Steuersatzes von 56 % des Durchschnittsteuersatzes. Ein Vorteil im Vergleich zur Anwendung des Normaltarifs kann mit Hilfe des ermäßigten Steuersatzes nur dann erzielt werden, wenn der Mindeststeuersatz von (derzeit) 14 % niedriger ist als der auf das gesamte zu versteuernde Einkommen bezogene Durchschnittsteuersatz gem. § 32a EStG. Dies ist nur bei einem zu versteuernden Einkommen der Fall, das 20,7 T€ übersteigt. Dieser Betrag gilt bei Anwendung der Grundtabelle; bei Anwendung der Splittingtabelle verdoppelt er sich. Mit wachsendem zu versteuernden Einkommen wächst der absolute Vorteil. Er ist aber zunächst noch geringer als der sich bei Anwendung der Fünftelregelung ergebende. Große Vorteile bewirkt der ermäßigte Steuersatz bei hohen Veräußerungsgewinnen und gleichzeitig hohen verbleibenden zu versteuernden Einkommen im Plafond. Dies sind genau die Fälle, in denen die Fünftelregelung keinen Vorteil im Vergleich zum Normaltarif bewirkt. Es handelt sich somit um die Fälle, in denen die Anwendung des ermäßigten Steuersatzes am ehesten in Betracht kommt. Vor einer entsprechenden Antragsstellung sollte aber jeweils sorgfältig geprüft werden, ob nicht noch weitere Veräußerungsgewinne zu erwarten sind und hieraus evtl. höhere Steuervorteile entstehen. Diese sind dann zu ermitteln, auf den Vergleichszeitpunkt abzuzinsen und mit dem Vorteil bei einer Antragsstellung „jetzt“ zu vergleichen. Dieser Vergleich ist erforderlich, da der Steuerpflichtige nur einmal in seinem Leben in den Genuss des ermäßigten Steuersatzes kommen kann. 110 Teil II: Ertragsteuern 2.4.1.6 Begünstigung des nichtentnommenen Gewinns 2.4.1.6.1 Begünstigung Mit Wirkung ab dem Jahre 2008 hat der Gesetzgeber durch die Einfügung des § 34a in das EStG eine Möglichkeit zur tariflichen Begünstigung des nicht entnommenen Gewinns geschaffen. Begünstigt sind nach Absatz 1 dieser Rechtsnorm nicht entnommene Gewinne aus Land- und Forstwirtschaft, aus Gewerbebetrieb und aus selbständiger Arbeit. Die Begünstigung besteht darin, dass auf Antrag des Steuerpflichtigen nicht entnommene Gewinne bzw. Gewinnbestandteile mit einem Einkommensteuersatz von 28,25 % versteuert werden können. Der Gesetzgeber hat diese Begünstigungsvorschrift für Personenunternehmen als Kompensation zur Senkung des Körperschafsteuersatzes bei Kapitalgesellschaften von 25 % auf 15 % - ebenfalls ab 2008 - geschaffen. Definiert ist der nicht entnommene Gewinn in § 34a Abs. 2 EStG. Es handelt sich um den nach § 4 Abs. 1 Satz 1 oder § 5 EStG ermittelten Gewinn, vermindert um den positiven Saldo der Entnahmen und Einlagen des Wirtschaftsjahres. Der nicht entnommene Gewinn ist also nach folgendem Schema zu ermitteln: Steuerlicher Gewinn ./. Entnahmen + Einlagen = Nicht entnommener Gewinn. Der Steuerpflichtige kann nach § 34a Abs. 1 Satz 1 EStG seinen Antrag auf Begünstigung des nicht entnommenen Gewinns auf einen Teilbetrag dieses Gewinns begrenzen. Unterhält der Steuerpflichtige mehrere Betriebe, so muss er für jeden Betrieb, für den er eine Begünstigung in Anspruch nehmen will, einen gesonderten Antrag stellen. Begünstigungsfähig sind nach § 34a Abs. 1 EStG auch Anteile am Gewinn einer Mitunternehmerschaft. Bei Mitunternehmerschaften kann ein Steuerpflichtiger nach § 34a Abs. 1 Satz 2 EStG einen Antrag allerdings nur dann stellen, wenn sein Anteil am Gewinn der Mitunternehmerschaft mehr als 10 % oder mehr als 10.000 € beträgt. 2.4.1.6.2 Nachversteuerung Wird ein im Jahr seiner Entstehung nicht entnommener Gewinn, für den die Tarifbegünstigung des § 34a Abs. 1 EStG in Anspruch genommen worden ist, in einem späteren Jahr entnommen, so ist der nunmehr entnommene Betrag nachzuversteuern. Der Steuersatz, mit dem diese Nachversteuerung durchzuführen ist, beträgt nach § 34a Abs. 4 EStG 25 %. Zu beachten ist, dass für die Ausschüttung nicht der ursprüngliche Gewinnbetrag G zur Verfügung steht, sondern nur noch der um die Belastung nach § 34a Abs. 1 EStG geminderte Betrag. Für die Ausschüttung stehen somit von dem ursprünglichen Betrag lediglich noch (100 % - 28,25 % =) 71,75 % zur Verfügung. Wird dieser Betrag ausgeschüttet, so wird er mit dem 25 %igen Nachversteuerungssatz belastet. Bezogen auf den ursprüngli- 2 Einkommensteuer 111 chen Gewinnbetrag G ergibt sich somit eine Nachversteuerung i. H. v. (25 % ⋅ 71,75 =) 17,9375 %. Die Gesamtbelastung des ursprünglichen Gewinns G ergibt sich als die Summe aus der Belastung nach § 34a Abs. 1 EStG und derjenigen nach § 34a Abs. 4 EStG. Sie beträgt (28,25 % + 17,9375 % =) 46,2 % des ursprünglichen Gewinns. Eine Gesamtsteuerbelastung mit Einkommensteuer i. H. v. rd. 46,2 % ist höher als die höchstmögliche Belastung, die sich nach § 32a EStG ergeben kann. Diese beträgt nach § 32a Abs. 1 Nr. 5 EStG 45 %. Damit wird deutlich, dass die Inanspruchnahme der „Begünstigung“ des nicht entnommenen Gewinns nach § 34a Abs. 1 EStG allenfalls dann vorteilhaft sein kann, wenn der einbehaltene Gewinn möglichst lange, am besten quasi auf Dauer, einbehalten bleibt. Nur dann kann die Inanspruchnahme der Vorschrift durch zwischenzeitliche Zinseffekte tatsächlich vorteilhafter sein als ein Verzicht hierauf. Angemerkt sei, dass die voranstehende Ermittlung der Gesamtbelastung einige Effekte nicht berücksichtigt. Vernachlässigt worden sind • der Solidaritätszuschlag auf die Einkommensteuer, • die Kirchensteuer bei Kirchensteuerpflicht, • eine Art „Schatteneffekt“ bei der Einkommensteuer, • gewerbesteuerliche Wirkungen. Auf diese Effekte kann hier noch nicht eingegangen werden, da zu deren Verständnis erforderliche Steuerrechtskenntnisse ebenso fehlen wie methodische Grundlagen. Die erforderlichen Steuerrechtskenntnisse werden im weiteren Verlauf dieses Buches56, die methodischen Grundlagen erst in Band 2 des Gesamtwerkes57 vermittelt. Eine genauere Steuerwirkungsanalyse erfolgt deshalb auch erst nach Darstellung der methodischen Grundlagen in Band 258. 2.4.1.6.3 Feststellung des nachversteuerungspflichtigen Betrags Um eine Nachversteuerung durchführen zu können, muss das Finanzamt den nachversteuerungspflichtigen Betrag ermitteln. Regelungen hierzu enthält § 34a Abs. 4 Satz 1 i. V. m. Abs. 3 EStG. Der nachversteuerungspflichtige Betrag ist nach § 34a Abs. 4 Satz 3 EStG vom Finanzamt jährlich für jeden Betrieb und für jeden Mitunternehmeranteil gesondert festzustellen. Um den nachversteuerungspflichtigen Betrag feststellen zu können, muss das Finanzamt jährlich den tatsächlich mit dem ermäßigtem Steuersatz des § 34a Abs. 1 EStG begünstigten Gewinn ermitteln. Dieser kann dem begünstigungsfähigem Gewinn entsprechen, er kann aber auch kleiner sein als dieser. Begünstigungsfähig ist der nicht entnommene Gewinn. Seine Ermittlung ist bereits in Gliederungspunkt 2.4.1.6.1 dargestellt worden. Der begünstigte Gewinn 56 Vgl. die Gliederungspunkte 4, 7.2 und 7.3. 57 Vgl. Schneeloch, D., Steuerpolitik, 2009, S. 14 ff. und S. 44 ff. 58 Vgl. Schneeloch, D., Steuerpolitik, 2009, S. 322 ff. und S. 341 ff. 112 Teil II: Ertragsteuern (Begünstigungsbetrag) ist nach § 34a Abs. 1 Satz 1 EStG der Teil des begünstigungsfähigen Gewinns, für den der Steuerpflichtige einen Antrag auf Begünstigung stellt. Der (irgendwann) nachversteuerungspflichtige Betrag ist nach § 34a Abs. 3 Satz 2 EStG wie folgt zu ermitteln: Nicht entnommener Gewinn des Veranlagungszeitraums ./. Betrag, für den kein Antrag auf Begünstigung gestellt wird = Begünstigungsbetrag des Wirtschaftjahres ./. Steuerbelastung auf Begünstigungsbetrag + nachversteuerungspflichtiger Betrag zum Schluss des Vorjahres ./. Nachversteuerungsbetrag des Veranlagungszeitraums = Nachversteuerungspflichtiger Betrag zum Ende des Jahres. Das Schema lässt erkennen, dass das Gesetz zwischen dem (in einem späteren Jahr) nachversteuerungspflichtigen Betrag und dem Nachversteuerungsbetrag des Veranlagungszeitraums unterscheidet. Der Nachversteuerungsbetrag ist nach § 34a Abs. 4 Satz 1 EStG definiert als positiver Saldo der Entnahmen und der Summe der Einlagen und des steuerlichen Gewinns des Wirtschaftsjahres: Entnahmen ./. Einlagen ./. steuerlicher Gewinn des Wirtschaftsjahres = Nachversteuerungsbetrag. Ist der Saldo negativ, so entsteht kein Nachversteuerungsbetrag, vielmehr erhöht der Saldo den nicht entnommenen Gewinn des Jahres. Abschließend sollen die Zusammenhänge nochmals anhand eines Beispiels veranschaulicht werden. Beispiel Der steuerliche Gewinn des Gewerbebetreibenden G für das Jahr 2 beträgt 252.842 €. In diesem Jahr hat G 148.986 € entnommen und 10.000 € eingelegt. Falls möglich, will G von dem Gewinn des Jahres 2 50.000 € langfristig einbehalten. Für diesen Betrag will er einen Antrag auf Tarifbegünstigung nach § 34a Abs. 1 EStG stellen. Zum 31.12.1 hat das Finanzamt einen nachversteuerungspflichtigen Betrag i. H. v. 122.842 € festgestellt. Es sind die steuerlichen Konsequenzen aus dem geschilderten Sachverhalt zu ziehen. Solidaritätszuschlag und Kirchensteuer sollen aus Vereinfachungsgründen vernachlässigt werden. Zunächst ist der begünstigte Gewinn des Jahres 2 bzw. der Nachversteuerungsbetrag dieses Jahres wie folgt zu ermitteln: € Steuerlicher Gewinn des Jahres 2 252.842 ./. Entnahmen im Jahre 2 ./. 148.986 + Einlagen + 10.000 Nicht entnommener Gewinn des Jahres 2 113.856 2 Einkommensteuer 113 Da der nicht entnommene Gewinn des Jahres 2 einen positiven Wert aufweist, kann für dieses Jahr nicht gleichzeitig ein Nachversteuerungsbetrag entstehen. Dieser ist daher in der nachfolgenden schematischen Darstellung mit 0 € auszuweisen. Nach Ermittlung des nichtentnommenen Gewinns kann der zum 31.12.2 förmlich festzustellende nachversteuerungspflichtige Betrag wie folgt ermittelt werden: € Nicht entnommener Gewinn des Jahres 2 113.856 ./. Betrag, für den kein Antrag auf Begünstigung gestellt wird (113.856 - 50.000 =) ./.63.856 Begünstigungsbetrag i. S. d. § 34a Abs. 3 EStG 50.000 ./. Steuerbelastung auf Begünstigungsbetrag (28,25 % 50.000 =) ./. 14.125 + nachversteuerungspflichtiger Betrag zum Schluss des Jahres 1 + 122.842 ./. Nachversteuerungsbetrag für das Jahr 2 0 Nachversteuerungspflichtiger Betrag zum 31.12.2 158.717 2.4.1.7 Ermäßigung der Einkommensteuer durch Anrechnung von Gewerbesteuer Bereits seit Jahrzehnten gibt es Bestrebungen, die Gewerbesteuer als eine nicht mehr in das derzeitige Steuersystem passende Steuerart abzuschaffen. Diese Bestrebungen sind bisher stets am Widerstand der Gemeinden gescheitert. Der Grund hierfür liegt darin, dass die Gemeinden nicht ohne grundgesetzlich abgesicherten Ersatz bereit sind, auf ihre wichtigste originäre Einnahmequelle zu verzichten. Ersatzmöglichkeiten unterschiedlicher Art werden zwar ebenfalls bereits seit Jahrzehnten erörtert, doch konnte bisher keine von ihnen die Kommunalpolitiker zufriedenstellen. In dieser Situation hat der Gesetzgeber bereits Anfang der neunziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts versucht, zwar die Gewerbesteuer bestehen zu lassen, aber ihre Belastungswirkungen über Begünstigungen bei der Einkommensteuer abzufangen. Eine solche Lösung wurde mit Wirkung ab 1994 durch den damals neu in das Gesetz eingefügten § 32c EStG versucht. Nachdem aber der BFH diese Vorschrift in einem Vorlagebeschluss an das Bundesverfassungsgericht als verfassungswidrig bezeichnet hatte59, sah sich der Gesetzgeber gezwungen, diese Vorschrift mit Wirkung ab 1.1.2001 wieder abzuschaffen. Sie ist damals durch den seit dem Veranlagungszeitraum 2001 geltenden § 35 EStG ersetzt worden. Diese Rechtsnorm ist mit Wirkung ab 2008 erheblich verändert worden. § 35 EStG sieht eine Ermäßigung der Einkommensteuerschuld durch Anrechnung von Gewerbesteuer vor. Nach § 35 Abs. 1 EStG ermäßigt sich die Einkommensteuer bei Einkünften aus gewerblichen Einzelunternehmen i. S. d. § 15 Abs. 1 Satz 1 Nr. 1 EStG um das 3,8fache des für das Unternehmen festgesetzten Gewerbesteuer-Messbetrags60. Der Abzug des Steuerermäßigungsbetrages ist auf die tat- 59 BFH-Beschluss vom 24.2.1999, X R 171/96, BStBl 1999 II, S. 450. 60 § 35 EStG bezeichnet den hier beschriebenen Vorgang nicht als „Anrechnung“, sondern als „Ermäßigung“. Hierdurch will der Gesetzgeber zum Ausdruck bringen, dass § 35 EStG nicht zu einer negativen Einkommensteuerschuld führen kann. 114 Teil II: Ertragsteuern sächlich zu zahlende Gewerbesteuer beschränkt. Bei Einkünften aus Gewerbebetrieb als Mitunternehmer i. S. d. § 15 Abs. 1 Satz 1 Nrn. 2 und 3 EStG ermäßigt sich die Einkommensteuer des Mitunternehmers um das 3,8fache des anteilig auf ihn entfallenden Gewerbesteuer-Messbetrages. In derartigen Fällen sind nach § 35 Abs. 3 EStG der Gewerbesteuer-Messbetrag und die auf die einzelnen Mitunternehmer entfallenden Anteile gesondert und einheitlich festzustellen. Der Anteil eines Mitunternehmers richtet sich nach seinem Anteil am handelsrechtlichen Gewinn der Personengesellschaft, und zwar nach Maßgabe des Gewinnverteilungsschlüssels. Dieser ist üblicherweise im Gesellschaftsvertrag vereinbart. Der Ermäßigungsbetrag wird also nicht - was eher einleuchtend wäre - nach dem Anteil am steuerlichen Gewinn der gesamten Mitunternehmerschaft bemessen. Vielmehr richtet er sich nach dem gesellschaftsrechtlichen Gewinnverteilungsschlüssel der Personengesellschaft. Ein Beispiel soll die Zusammenhänge verdeutlichen. Beispiel A und B sind die alleinigen Gesellschafter der A & B OHG. Im Jahr 1 beträgt der Gewinn der OHG in Handels- und Steuerbilanz übereinstimmend 300 T€. Den Gewinn haben Gehaltszahlungen an A i. H. v. 200 T€ gemindert. B hat keine Leistungsvergütung erhalten. Der steuerliche Gewinn der Mitunternehmerschaft setzt sich aus dem Gewinn der Gesellschaft i. H. v. 300 T€ und dem Vorabgewinn des A (Gehalt) i. H. v. 200 T€ zusammen. Er beträgt also (300 + 200 =) 500 T€. An diesem steuerlichen Gewinn der gesamten Mitunternehmerschaft ist A mit (200 T€ + 50 % · 300 T€ =) 350 T€ und B mit (50 % · 300 T€ =) 150 T€ beteiligt. Der Anteil des A am steuerlichen Gesamtgewinn beträgt (350 : 500 =) 70 %, der des B (150 : 500 =) 30 %. Nicht diese Anteile am steuerlichen Gesamtgewinn stellen aber die Bemessungsgrundlage für die Ermäßigung nach § 35 EStG dar. Vielmehr richtet sich diese nach dem gesellschaftsrechtlichen Gewinnverteilungsschlüssel. Danach sind A und B zu je 50 % an dem Gesamtermäßigungsbetrag beteiligt. Angemerkt sei, dass der Faktor der Ermäßigung während der Veranlagungszeiträume 2001 bis 2007 lediglich 1,8 betragen hat. Während dieser Jahre war die Gewerbesteuer aber als Betriebsausgabe abzugsfähig. Dies ist seit 2008 nach § 4 Abs. 5b EStG nicht mehr der Fall. 2.4.2 Festzusetzende Einkommensteuer Die festzusetzende Einkommensteuer ist die Einkommensteuer, die der Steuerpflichtige letztlich für einen Veranlagungszeitraum schuldet. Sie wird auch Jahressteuerschuld genannt. Sie ergibt sich durch Abzug der Steuerermäßigungen von der tariflichen Einkommensteuer (§ 2 Abs. 6 EStG). Welche Steuerermäßigungen gemeint sind, ergibt sich aus R 2 EStR. Wurde das Einkommen um einen Kinderfreibetrag gemindert, so ist ein außerdem gezahltes Kindergeld der Einkommensteuer hinzuzurechnen (§ 2 Abs. 6 Satz 3 EStG). 2 Einkommensteuer 115 Die Ermittlung der festzusetzenden Einkommensteuer lässt sich in schematischer Weise wie folgt darstellen61: Steuerbetrag lt. Grund- oder Splittingtabelle, ggf. korrigiert um Progressionsvorbehalt + Steuer auf außerordentliche Einkünfte gem. § 34 EStG = tarifliche Einkommensteuer (§ 32a Abs. 1 und 5 EStG) ./. ausländische Steuern nach § 34c EStG ./. Ermäßigung der Einkommensteuer durch Anrechnung von Gewerbesteuer gem. § 35 EStG + Kindergeld = festzusetzende Einkommensteuer. Auf die Anrechnung ausländischer Steuern soll erst in Gliederungspunkt 2.7 eingegangen werden. 2.4.3 Aufgabe 23 Der ledige Metzgermeister Schmitt (56 Jahre alt) veräußert am 30. April des Jahres 1 sein Geschäft in bar an den Metzgermeister Schulze. Seine Schlussbilanz hat folgendes Aussehen: Aktiva Passiva € € Anlagevermögen 50.000 Eigenkapital 60.000 Umlaufvermögen 10.000 60.000 60.000 Der Kaufpreis beträgt 152.000 €, die Veräußerungskosten, die Schmitt trägt, belaufen sich auf 2.000 €. In der Zeit vom 1. Januar bis zum 30. April 1 hat Schmitt einen laufenden Gewinn von 120.000 € erzielt. Weitere Einkünfte sowie Sonderausgaben und außergewöhnliche Belastungen hat er nicht. Schmitt hat bisher noch keine Steuervergünstigung nach § 34 Abs. 3 EStG in Anspruch genommen. Ein weiterer Veräußerungsvorgang, bei dem § 34 Abs. 3 EStG zur Anwendung kommen könnte, ist nicht zu erwarten. Der Gewerbesteuer-Messbetrag beläuft sich im Erhebungszeitraum 1 auf 3.340 €. Es sind die tarifliche und die festzusetzende Einkommensteuer des Schmitt für das Jahr 1 zu ermitteln. Sollte ein Antrag zur Anwendung des § 34 Abs. 3 EStG vorteilhaft sein, soll dieser gestellt werden. Es ist das im Jahre 2011 geltende Recht anzuwenden. Der Solidaritätszuschlag ist zu vernachlässigen. 2.5 Steuererhebung 2.5.1 Jahressteuerschuld, Abschlusszahlung, Vorauszahlungen Die Jahressteuerschuld entsteht mit Ablauf des Veranlagungszeitraums (§ 36 Abs. 1 EStG), d. h. des Kalenderjahres. Sie wird grundsätzlich durch Veranlagung festgesetzt und erhoben. 61 Vgl. hierzu auch die ausführlichere Darstellung in R 2 Abs. 2 EStR.

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References

Zusammenfassung

Die betriebswirtschaftliche Steuerlehre für BWLer.

Betriebswirtschaftliche Steuerlehre

Der »Klassiker« zur betriebswirtschaftlichen Steuerlehre ist gerade für Studierende der Betriebswirtschaft an Universitäten und Fachhochschulen ein hervorragendes Lehrbuch. Durch die integrierten Aufgaben mit Lösungen kann der Wissensstoff gleich angewendet werden.

Die Schwerpunkte im Überblick

* Grundlagen und Grundbegriffe, Durchführung der Besteuerung

* Ertragsteuern

* Steuerbilanzen

* Bewertungsgesetz und Substanzsteuern

* Verkehrsteuern

* Prinzipien des Steuerrechts und Besteuerungsverfahren.