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1. Analyse konjunktureller Fehlentwicklungen in:

Jürgen Pätzold, Daniel Baade

Stabilisierungspolitik, page 57 - 78

Grundlagen der nachfrage- und angebotsorientierten Wirtschaftspolitik

7. Edition 2008, ISBN print: 978-3-8006-3492-7, ISBN online: 978-3-8006-4323-3, https://doi.org/10.15358/9783800643233_57

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Teil B: Gesamtwirtschaftliche Fehlentwicklungen und Ansatzpunkte der Stabilisierungspolitik Analyse konjunktureller Fehlentwicklungen 1 Ursachen und Konsequenzen von Konjunkturschwankungen 1.1 Die konjunkturelle Herausforderung im Überblick Konjunkturschwankungen sind Veränderungen im Auslastungsgrad des Produktionspotenzials bzw. der relativen Output-Lücke. Die Entwicklung der Wirtschaftstätigkeit ist durch zyklische Auf- und Abwärtsbewegungen um einen langfristigen Trend gekennzeichnet. Dieses als Konjunkturschwankung bezeichnetes Phänomen hat zur Folge, dass das gesamtwirtschaftliche Produktionspotenzial temporär unterschiedlich ausgelastet wird. Es wurde bereits erwähnt, dass zur Kennzeichnung der konjunkturellen Entwicklung üblicherweise der Auslastungsgrad des Produktionspotenzials herangezogen wird. Seit einigen Jahren setzt sich hierzu zunehmend auch die relative Output-Lücke durch. Hierbei wird die (positive bzw. negative) Differenz zwischen dem realen BIP und dem Produktionspotenzial in Prozent des jeweiligen Produktionspotenzials ermittelt. Die relative Output-Lücke stellt ebenfalls ein Maß für die Über- oder Unterauslastung der volkswirtschaftlichen Produktionskapazitäten dar. Steigt der Auslastungsgrad des Produktionspotenzials, so nimmt die relative Output-Lücke ab; sinkt der Auslastungsgrad, so steigt die relative Output-Lücke. Es handelt sich bei diesen Ma- ßen also um inverse Sachverhalte. Mit diesen Maßen wird offensichtlich nicht die wirtschaftliche Aktivität selbst gemessen, sondern sie stellen diese in Relation zur potenziellen Aktivität. Hochkonjunkturphasen werden als Perioden überdurchschnittlicher Inanspruchnahme des Produktionspotenzials bzw. geringer relativer Output-Lücken, Rezessionen als Perioden unterdurchschnittlicher Auslastung der Produktionsfaktoren oder hoher Output-Lücken interpretiert. Mit der relativen Output-Lücke lassen sich auch konjunkturelle Auf- und Abschwungphasen datieren. Als Startzeitpunkt eines Aufschwungs dient dabei jenes Quartal, in dem der Wert der relativen Output-Lücken einen Tiefpunkt erreicht hat, in dessen Folge sich die Output-Lücke schließt und vier Quartale lang positiv bleibt. Das Ende einer Aufschwungphase ist − in symmetrischer Definition − dann erreicht, wenn die Werte der relativen Output-Lücken einen Hochpunkt einnehmen, in dessen Folge sich die Output-Lücke wieder schließt und für vier Quartale lang negativ bleibt. Nach dieser pragmatischen Definition ergeben sich in Deutschland seit dem Jahr 1991 drei Aufschwungphasen. Die erste Phase beginnt im zweiten Quartal 1993, die zweite Phase im zweiten Quartal 1999 und die aktuelle Aufschwungphase hat ihren Startzeitpunkt im vierten Quartal 2004. Für den betrachteten Zeitraum lassen sich in Deutschland für die beiden vorangegangenen Belebungen im zweiten Quartal 1995 und im ersten Quartal 2001 Abschwungphasen identifizieren. Die Phaseneinteilung der konjunkturellen Entwicklung in Deutschland ist aus Abbildung B.1 ersichtlich. Die Verwendung des Auslastungsgrads oder der relativen Output-Lücke bietet den großen Vorteil, dass die zyklische Entwicklung sehr anschaulich und intuitiv dargestellt werden kann. Dennoch ist darauf hinzuweisen: Der gesamtwirtschaftliche Auslastungsgrad bzw. die Output-Lücke sind typische Globalmaße; sie geben die 1. 1. 1. Teil B: Gesamtwirtschaftliche Fehlentwick lungen und Ansatzpunkte48 durchschnittliche Auslastung bzw. relative Abweichung über alle Wirtschaftszweige an. Folglich ist das von ihm vermittelte Bild nur zutreffend, wenn die konjunkturelle Entwicklung in sämtlichen Wirtschaftszweigen gleichgerichtet verläuft. Dies muss jedoch nicht immer der Fall sein. Vielmehr ist es häufig so, dass die konjunkturelle Entwicklung inter- und intrasektoral sehr unterschiedlich verläuft (sog. gespaltene Konjunkturentwicklungen). Beispielsweise könnte sich die Landwirtschaft in einer Rezession befinden während die Automobilindustrie boomt (intersektorale Disparität) oder aber die Beratungsbranche könnte boomen, während zugleich innerhalb des Dienstleistungssektors die Gastronomie mit Problemen zu kämpfen hat (intrasektorale Disparität). Eine konjunkturelle Spaltung über verschiedene Branchen kann mit einem globalen Maß nicht erfasst werden. Somit muss bei der Interpretation des gesamtwirtschaftlichen Auslastungsgrads berücksichtigt werden, dass ein hoher Wert nur eine notwendige, jedoch keine hinreichende Bedingung für eine konjunkturell wünschenswerte Gesamtsituation ist. Da konjunkturelle Entwicklungen mit unterschiedlichen Auslastungen des Produktionspotenzials einhergehen, wird als Folge des höheren Auslastungsgrades bzw. einer geringeren Output-Lücke im Aufschwung (Abschwung) auch die Auslastung des Faktors Arbeit zunehmen (abnehmen). Es entstehen Beschäftigungsschwankungen die allein konjunkturbedingt sind. Die Veränderung des konjunkturellen Beschäftigungsstandes erfolgt allerdings in der Praxis nicht synchron zur Produktionsveränderung, sondern mit einer zeitlichen Verzögerung, da in der Anfangsphase des Aufschwungs nicht sofort Neueinstellungen erfolgen, sondern die Produktionserhöhung in gewissen Grenzen noch mit dem vorhandenen Beschäftigungsstand bewältigt werden kann. Umgekehrt werden im beginnenden Abschwung nicht unmittelbar Arbeitnehmer freigesetzt. Die Freisetzung erfolgt erst, wenn sich der Abschwung als dauerhaft erweist. Spiegelbildlich zum konjunkturbedingten Beschäftigungsverlauf entwickelt sich die Veränderungsrate des Preisniveaus. In der Rezession, bei geringer Güternachfrage, tendiert die konjunkturelle Inflationsrate (Nachfrageinflation) gegen Null. In der Hochkonjunktur, bei hoher, die Kapazitäten möglicherweise überfordernder Abbildung B.1: Relative Output-Lücken und Konjunkturphaseneinteilung Quelle: Sachverständigenrat, JG 2007/08, S. 326 1. Analyse konjunktureller Fehlentwicklungen 49 monetärer Nachfrage, ist dagegen regelmäßig ein Anstieg der konjunkturbedingten Inflation (sog. Nachfrageinflation) zu beobachten. Diese, als Folge konjunktureller Schwankungen auftretenden konjunkturbedingte Verletzungen des Beschäftigungsziels und des Geldwertstabilitätsziels sollen mit Hilfe der Konjunkturpolitik so gering wie möglich gehalten werden. Ihre Aufgabe ist es, die wirtschaftliche Entwicklung auf einem optimalen Auslastungsgrad zu stabilisieren. Hervorzuheben ist, dass nur die konjunkturellen Teilkomponenten der Zielverletzungen Gegenstand der Konjunkturpolitik sind (siehe hierzu Teil C: Postkeynesianische Stabilisierungspolitik). Die Bekämpfung nicht-konjunkturell verursachter Fehlentwicklungen (z. B. strukturelle Arbeitslosigkeit, machtbedingte [Lohnkosten-]Inflation) gehört nicht zum Aufgabenfeld der Konjunkturpolitik (die Thematisierung dieser Problematik erfolgt in Abschnitt 2 dieses Teils). Da ökonomische Fehlentwicklungen wie etwa eine hohe Arbeitslosigkeit verschiedene Ursachen haben können, müssen sie auch entsprechend „ursachengerecht“ bekämpft werden. Entsprechend sollte auch eine Arbeitsteilung zwischen konjunktureller und nichtkonjunktureller Stabilisierungspolitik erfolgen, da nur das harmonisierte Zusammenspiel beider Bereiche, mit einer spezifischen Fokussierung auf die jeweiligen Aufgaben, zu einer erfolgreichen wirtschaftspolitischen Steuerung führen kann. 1.2 Die Bedeutung der Nachfrage für den Konjunkturzyklus 1.2.1 Konjunkturtheoretische Erklärungsansätze Es ist Aufgabe der Konjunkturtheorie, die Ursachen zyklischer Schwankungen zu erkennen und Ansätze zur Glättung dieser Entwicklungen aufzuzeigen. Theoriebildung in diesem Sinne setzt voraus, dass die zyklischen Abläufe durch ein relativ stabiles Bewegungsmuster, durch Regelmäßigkeiten, wenn nicht sogar Gesetzmä- ßigkeiten, gekennzeichnet sind. Dies ist nur bedingt der Fall. Daher kann es kaum überraschen, dass in verschiedenen konjunkturtheoretischen Ansätzen das Phänomen Konjunktur recht unterschiedlich begründet wird. Gegenwärtig sind die Wirtschaftswissenschaften jedoch noch weit davon entfernt, den dynamischen Prozess zyklischer Veränderungen in seiner Komplexität vollständig erklären zu können. Sie bieten allerdings brauchbare Erklärungen einzelner Phasen dieses Prozesses. Offen ist jedoch die Frage, ob eine sich selbst überlassene Wirtschaftsentwicklung prinzipiell stabiler oder aber instabiler verläuft. Entsprechend der Betonung, der in den verschiedenen Theorieansätzen herausgestellten dominanten Bestimmungsfaktoren unterscheidet man Unterkonsumptionstheorien (Lauderdale/Malthus), Überinvestitionstheorien (Cassel/Spiethoff/Schumpeter), monetäre Theorien (Hawtrey/Wicksell/Fisher), psychologische Erklärungsansätze (Jöhr), Verteilungskampf theorien (Marx, Goodwin) und Theorieansätze, die auf internationale Konjunktur interde pendenzen abstellen. Die Zusammenfassung dieser konjunkturtheoretischen „Versatzstücke“ zu einem geschlossenen Theorieansatz ist bisher nicht gelungen. Für den empirischen Wirtschaftsforscher bedeutet dies, dass er bei der Konjunkturdiagnose und -prognose in hohem Maße auf Intuition angewiesen ist. Die theoretische Basis für konjunkturpolitische Maßnahmen ist somit brüchig und keineswegs widerspruchsfrei. An dieser Stelle können daher nur die wesentlichsten Determinanten der konjunkturellen Entwicklung herausgearbeitet werden, und dies auch nur insoweit, als sich hieraus Ansatzpunkte für eine Politik der Konjunkturstabilisierung ableiten lassen. 1. 1. Teil B: Gesamtwirtschaftliche Fehlentwick lungen und Ansatzpunkte50 1.2.2 Konjunkturelles Gleichgewicht Eine genauere Analyse konjunktureller Abläufe zeigt, dass Niveau und Entwicklung des aktuellen Produktionsvolumens – und damit des Auslastungsgrades der volkswirtschaftlichen Produktionskapazitäten – entscheidend vom Niveau und der Entwicklung der einzelnen Nachfrageaggregate determiniert werden. Die Gesamtnachfrage nach Gütern und Diensten (YN) setzt sich zusammen aus der Konsumgüternachfrage der privaten Haushalte (Cpr), der Investitionsgüternachfrage der privaten Unternehmen (Ibpr), der Nachfrage des Staates nach Waren und Diensten (ASt) und der Saldogröße aus Exportgüternachfrage und Importen (Ex-Im). Es gilt: YN = Cpr + Ibpr + ASt + Ex-Im YN stellt folglich nichts anderes dar, als das tatsächliche Produktionsergebnis Y (bewertet zu laufenden Preisen). Zur Befriedigung dieser monetären Nachfrage stehen die heimischen Produktionskapazitäten, das Produktionspotenzial, zur Verfügung. Ist die monetäre Nachfrage nach Gütern kleiner als das binnenwirtschaftliche Produktionspotenzial der betreffenden Periode Y* > YN so sind die Produktionsfaktoren nicht voll ausgelastet. Übersteigt umgekehrt die monetäre Nachfrage die volkswirtschaftlichen Produktionsmöglichkeiten Y* < YN so wird die entstehende „Güterlücke“ durch einen entsprechenden Anstieg der Preise geschlossen. Konjunkturelles Gleichgewicht herrscht, wenn die heimischen Produktionskapazitäten „optimal“ bzw. „befriedigend“ ausgelastet sind. Dieser optimale Auslastungsgrad (a*) muss nicht notwendigerweise 100 Prozent betragen. Nach Auffassung des Sachverständigenrates ist ein Auslastungsgrad von 96 ¾ Prozent des Produktionspotenzials (a* = 0,9675) erstrebenswert. Die Bedingung für konjunkturelles Gleichgewicht lautet folglich: YN = a* · Y* ! Bezeichnet man das Inlandsprodukt bei Optimalauslastung der Produktionsfaktoren mit Y** (Y** = λ* · Y*), so lässt sich die Bedingung für konjunkturelles Gleichgewicht wie folgt schreiben: YN = Y** ! Herrscht im Ausgangszeitpunkt konjunkturelles Gleichgewicht (λ = λ*), so bleibt diese gesamtwirtschaftliche Gleichgewichtskonstellation offensichtlich dann aufrechterhalten, wenn die Nachfrage wie das Produktionspotenzial wächst: wYN = wY* ! Tatsächliche Produktion und Auslastungsgrad des Produktionspotenzials hängen folglich vom Niveau der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage ab. Der konjunkturelle Einfluss der Nachfragekomponenten Ein wichtiger Baustein zur Analyse konjunktureller Dynamik ist das Verständnis darüber, welchen Einfluss die einzelnen Nachfragekomponenten auf die gesamtwirtschaftliche Entwicklung nehmen. Übersicht B.1 gibt einen Überblick über Erkenntnisse zum Wirkungszusammenhang aus der empirischen Konjunkturforschung. 1. 1. Analyse konjunktureller Fehlentwicklungen 51 Nachfragekomponente Wirkungstendenz Privater Konsum Cpr – Private Investitionstätigkeit Ipr + Staatsnachfrage ASt + Auslandsnachfrage Ex-Im +/– Anmerkung: + = Zyklusverstärker, – = Zyklusdämpfer Übersicht B.1: Überblick über konjunkturtheoretische Wirkungszusammenhänge (1) Die private Konsumgüternachfrage hat einen retardierenden Einfluss auf die gesamtwirtschaftliche Entwicklung. Im Aufschwung liegt die Wachstumsrate des privaten Verbrauchs häufig unter, im Abschwung häufig über der des Bruttoinlandsprodukts. Der private Verbrauch kann somit als „Zyklusdämpfer“ eingestuft werden. Die relativ stetige Entwicklung der Konsumgüternachfrage lässt darauf schließen, dass die Konsumausgaben nur bedingt vom aktuellen verfügbaren Einkommen abhängen, sondern vor allem von der durchschnittlichen Einkommensentwicklung geprägt sind. Hierdurch werden kurzfristige zyklische Veränderungen dieser Nachfragekomponente nivelliert. Das schwache zyklische Muster der Entwicklung der Konsumnachfrage schließt allerdings nicht aus, dass Änderungen im Konsumverhalten nicht doch einen maßgeblichen Einfluss auf die konjunkturelle Entwicklung der Gesamtwirtschaft haben. Unterstellt man gemäß der Akzeleratorhypothese, dass die private Investitionstätigkeit überproportional auf Veränderungen der privaten Konsumnachfrage reagiert, so bewirken geringe Veränderungen beim Konsum überproportionale Ausschläge der privaten Investitionstätigkeit. (2) Die private Investitionsgüternachfrage zählt zu den „Zyklusverstärkern“. Dies gilt speziell für die Bruttoanlageinvestitionen, nur bedingt für die Lagerinvestitionen. Die Anlageinvestitionen beeinflussen einerseits über den Nachfrageeffekt der Investitionstätigkeit den Auslastungsgrad der Produktionskapazitäten, sie bestimmen jedoch andererseits über ihren Kapazitätseffekt entscheidend die künftige Zuwachsrate der Kapazitätsentwicklung, also die Zuwachsrate des Produktionspotenzials. Eine stark zyklisch schwankende Investitionstätigkeit hat damit nicht nur zur Folge, dass der Auslastungsgrad der Produktionskapazitäten zyklisch schwankt, sondern dass der Kapazitätsaufbau selbst ein zyklisches Verlaufsmuster annimmt. Diese zyklische Entwicklung der Kapazität tritt bei den konkreten Schätzungen des Produktionspotenzials (sei es durch den Sachverständigenrat oder die Deutsche Bundesbank) nur bedingt in Erscheinung, da die Potenzialschätzwerte aufgrund historischer Trends ermittelt werden. Eine zyklisch schwankende Investitionstätigkeit belastet nicht nur die aktuelle Stabilisierungsaufgabe, sondern wirft auch für die Zukunft zusätzliche Stabilisierungsprobleme auf: Um einen optimalen Auslastungsgrad aufrechtzuerhalten, wäre es dann nämlich notwendig, die Nachfrageentwicklung der unstetigen Kapazitätsentwicklung anzupassen. Anders formuliert: Eine Verstetigung der Investitionstätigkeit mindert nicht nur die gegenwärtigen Instabilitäten, sondern erleichtert auch die zukünftige Konjunkturstabilisierungsaufgabe. Als Bestimmungsgründe der Investitionsgüternachfrage fungieren vor allem die Gewinnerwartungen der Unternehmen. Diese hängen ihrerseits von der erwarteten Umsatzentwicklung (erwarteter Absatz mal erwarteter Produktpreis) und der künftigen Kostenentwicklung ab. Die Vielfalt der Investitionsdeterminanten und die faktische Unmöglichkeit, die funktionellen Zusammenhänge eindeutig zu quantifizieren, wirft in der Praxis erhebliche Prognose- und wirtschaftspolitische Steuerungsprobleme auf. Dies gilt vor allem dann, wenn nur eine marktwirtschaftskonforme (indirekte) Beeinflussung der Investitionsnachfrage in Betracht gezogen wird und deren direkte Lenkung außer Diskussion steht. Aus der Tatsache einer ausgeprägten Schwankungsintensität der Investitionsgüternachfrage kann jedoch nicht zwingend der Schluss gezogen werden, die Investitionskomponente sei Ursache der gesamtwirtschaftlichen Konjunkturschwankungen und folglich zentraler Ansatzpunkt für eine Politik der Stabilisierung des konjunkturellen Prozesses. Möglicherweise ist hiermit nur ein Symptom, nicht jedoch die Ursache des konjunkturellen Prozesses selbst erfasst. Die Investitionsnachfrage ist – wie angedeutet – ihrerseits von einer Vielzahl von Kausalfaktoren abhängig; trifft die im Akzeleratortheorem postulierte Hypothese zu, dass bereits geringfügige Veränderungen der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage überproportionale Schwankungen der Teil B: Gesamtwirtschaftliche Fehlentwick lungen und Ansatzpunkte52 Investitionsgüternachfrage bewirken, so dient eine Wirtschaftspolitik, die die Schwankungen der übrigen Teilaggregate (Konsumnachfrage, Staatsnachfrage, Export- abzüglich Importnachfrage) verringert, auch der Verstetigung der Investitionsnachfrage. (3) Die Staatsnachfrage setzt sich aus der staatlichen Investitionstätigkeit (Infrastrukturausgaben) und dem staatlichen Verbrauch (insbesondere die „unentgeltliche“ Bereitstellung öffentlicher Dienstleistungen und militärische Ausgaben) zusammen. Sie dienen der Bereitstellung öffentlicher Güter, also von materiellen Gütern (insbesondere Infrastruktur) und vor allem Dienstleistungen (Allokationsfunktion). Teilweise werden diese Ausgaben auch in den Dienst der Stabilisierung des konjunkturellen Prozesses gestellt (Stabilisierungsfunktion). Speziell die Investitionstätigkeit des Staates entwickelt sich in der Realität eher parallel zur Konjunktur als entgegengesetzt. Die Schwankungsintensität ist jedoch i. d. R. geringer als die der privaten Investitionsnachfrage. Die staatliche Verbrauchsentwicklung ist dagegen relativ stetig. Insgesamt hat die Finanzpolitik – entgegen der vorherrschenden Lehrbuchvorstellung – eher prozyklisch auf die Konjunkturentwicklung eingewirkt. Eine antizyklische Gestaltung der öffentlichen Haushalte ist kaum zu beobachten! Speziell die öffentliche Ausgabenpolitik erweist sich per Saldo in der Realität als Zyklusverstärker. Vor diesem Hintergrund ist die Forderung nach „Verstetigung des Haushaltspolitik“ bereits ein vergleichsweise hoher Anspruch. (4) Die Auslandsnachfrage hat sich in der Bundesrepublik sowohl als Zyklusverstärker als auch als Zyklusdämpfer erwiesen. Die Bestimmungsfaktoren des Außenbeitrages sind vielfältig. Zu den wesentlichsten Determinanten zählen die Entwicklung der Gesamtnachfrage im Ausland im Verhältnis zur Nachfrageentwicklung im Inland, die Preisniveauentwicklung im Ausland im Vergleich zu der im Inland, die Wechselkurse, Zölle, Export- bzw. Importsteuern, nicht-tarifäre Handelshemmnisse u. a.m. Dieser vereinfachte Überblick verdeutlicht zwar, dass Auslastungsschwankungen des Produktionspotenzials entscheidend auf Nachfrageschwankungen zurückgeführt werden können. Damit sind jedoch lediglich die Symptome, keineswegs die eigentlichen Ursachen des zyklischen Prozesses aufgedeckt. Ursachenbezogene Konjunkturstabilisierungspolitik setzt voraus, dass die Kausalfaktoren der zyklischen Nachfrageentwicklung, also die Determinanten der Nachfragekomponenten bekannt sind und zum Anknüpfungspunkt des konjunkturpolitischen Instrumenteneinsatzes gemacht werden. Die bestehende Unsicherheit in der Erklärung, Diagnose und Prognose zyklischer Prozesse lässt daher allenfalls „second best-Lösungen“ erwarten. Konjunkturstabilisierung wird dann aber in der Praxis zu einem „Durchwursteln“ (muddling through) auf theoretisch brüchiger Basis. Wirtschaftspolitischen Vorschlägen, die auf einem konjunkturtheoretischen Monismus aufbauen, ist daher grundsätzlich zu misstrauen. Nach dieser mehr allgemeinen Kennzeichnung des Konjunkturphänomens sollen im Folgenden das Phänomen der konjunkturellen Arbeitslosigkeit und das der konjunkturbedingten Inflation (sog. Nachfrageinflation) dargestellt werden, um hieraus Ansatzpunkte zu ihrer Bekämpfung abzuleiten. 1.3 Konjunkturelle Arbeitslosigkeit und strategische Ansatzpunkte zu ihrer Bekämpfung 1.3.1 Temporäre gesamtwirtschaftliche Nachfragelücke Konjunkturelle Arbeitslosigkeit ist die makroökonomische Arbeitslosigkeit par excellence. Sie wird auch als keynesianische Arbeitslosigkeit bezeichnet. Beide Begriffe werden hier synonym verwendet. Sie ist – wie dargelegt – Resultat einer gesamtwirtschaftlichen Güternachfragelücke. Konjunkturelle Arbeitslosigkeit könnte daher auch als temporäre Nachfragemangel-Arbeits losigkeit bezeichnet werden. Das Ungleichgewicht auf dem Gütermarkt führt auch zu einer Nichträumung des Arbeitsmarktes. Auf beiden Märkten, auf dem Gütermarkt und dem Arbeitsmarkt, herrscht also ein 1. 1. 1. Analyse konjunktureller Fehlentwicklungen 53 Nachfragedefizit bzw. ein Angebotsüberschuss. Keynesianische Arbeitslosigkeit bedeutet folglich, dass die Unternehmen zu herrschenden Löhnen und Preisen (möglicherweise sogar zu höheren Löhnen) Produktion und Beschäftigung gewinnbringend erweitern könnten, wenn nur genügend Absatzmöglichkeiten (Nachfrage) bestünden. Reallohnsenkungen, wie sie im Fall der klassischen Arbeitslosigkeit, also der Arbeitslosigkeit als Folge eines zu hohen Reallohnniveaus und mithin unrentabler Produktion problemgerecht sein mögen, sind keine ursachengerechte Strategie zur Beseitigung der keynesianischen (Güter-) Nachfragedefizitarbeitslosigkeit. Eine restriktive Lohnpolitik würde eher das Gegenteil bewirken. Ohne Nachfragestimulierung kann konjunkturelle Arbeitslosigkeit nicht behoben werden. 1.3.2 Einordnung der konjunkturellen Arbeitslosigkeit Übersicht B.2 enthält ein Schema zur Klassifikation der Arten von Arbeitslosigkeit. Danach wird zwischen gesamtwirtschaftlichen und teilwirtschaftlichen Phänomenen der Arbeitslosigkeit unterschieden. Gesamtwirtschaftliche Unterbeschäftigung liegt vor, wenn alle Wirtschaftszweige (in etwa) gleich betroffen sind. Teilwirtschaftliche Unterbeschäftigung konzentriert sich dagegen in einzelnen Branchen, Regionen und/oder Tätigkeitsfelder bzw. auf Gruppen von Personen (Geschlecht, Alter usf.). Zudem wird nach der Fristigkeit in kurzfristige, mittelfristige (temporäre) und längerfristige (zählebige) Unterbeschäftigung unterschieden. Legt man dieses Klassifikationsraster zu Grunde, so ergeben sich die in Übersicht B.2 dargestellten Arten von Arbeitslosigkeit. Die Übersicht dient an dieser Stelle einer ersten Einordnung der konjunkturellen Unterbeschäftigung. Der „Lehrbuchfall“ der konjunkturellen Arbeitslosigkeit liegt vor, wenn die vorübergehende Nachfrageschwäche in allen Wirtschaftszeigen und Regionen zu konjunktureller Unterbeschäftigung führt. In der Realität dominiert allerdings die „strukturalisierte konjunkturelle Arbeitslosigkeit“, d. h. eine konjunkturbedingte Unterbeschäftigung mit unterschiedlicher branchenmäßiger oder regionaler Intensität. Wenn im Folgenden von konjunktureller Arbeitslosigkeit gesprochen wird, so ist regelmäßig der „Lehrbuchfall“ gemeint. Die weiteren Ausführungen werden noch deutlich machen, dass eine branchenmäßig oder regional differenzierte Konjunkturpolitik in der Praxis ohnehin nicht in Betracht kommt. Typus Zeitdauer Gesamtwirtschaftliches Phänomen Teilwirtschaftliches Phänomen Kurzfristig Friktionelle Arbeitslosigkeit (Fluktuationsarbeitslosigkeit, Sucharbeitslosigkeit) Saisonale Arbeitslosigkeit Tritt primär in einzelnen Wirtschaftszweigen auf Vorübergehend (temporär) Konjunkturelle Arbeitslosigkeit als Folge temporärer Nachfrageeinbrüche Strukturalisierte konjunkturelle Arbeitslosigkeit als Folge temporärer Nachfrageeinbrüche in einzelnen Wirtschaftszweigen oder Regionen Anhaltend (zählebig) Wachstumsdefizitäre Arbeitslosigkeit („growth gap unemployment“) als Folge einer anhaltenden Wachstums schwäche Strukturelle Arbeitslosigkeit im engeren Sinne („Mismatch-Arbeitslosigkeit“) Regionale und qualifikationsspezifische Profil diskre panzen Strukturelle Arbeitslosigkeit im weitesten Sinne Übersicht B.2: Klassifikationen der Arbeitslosigkeit 1. Teil B: Gesamtwirtschaftliche Fehlentwick lungen und Ansatzpunkte54 Abbildung B.2 zeigt, dass die Entwicklung der Erwerbstätigkeit mit der des BIP eng korreliert ist. Zur Diagnose der konjunkturellen Unterbeschäftigung können in der Praxis z. B. Unternehmensbefragungen dienen. Angesichts des sehr hohen Ausgangsniveaus der Unterbeschäftigung in Deutschland wird aber auch deutlich, dass die konjunkturelle Komponente der Unterbeschäftigung im Vergleich zur nichtkonjunkturellen Komponente vergleichsweise gering ist. Der Sachverständigenrat schätzt den konjunkturellen Anteil der Arbeitslosigkeit für das Jahr 2004 auf weniger als 2 Prozentpunkte (von insgesamt knapp 12 Prozent), das sind etwa 16 Prozent der registrierten Arbeitslosigkeit. Mehr als 80 Prozent der Unterbeschäftigung wären damit in Deutschland struktureller Natur. 1.3.3 Konjunkturelle Arbeitslosigkeit in einem Nachfrage-Angebots- Diagramm Strategische Ansatzpunkte zur Bekämpfung konjunktureller Arbeitslosigkeit sind die Komponenten der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage. Das Phänomen der konjunkturellen Unterbeschäftigung ist in Abbildung B.3 in einem üblichen Preis-Mengen-Diagramm graphisch dargestellt. Die Graphik enthält die gesamtwirtschaftliche Angebotsfunktion (A) und gesamtwirtschaftliche Nachfragefunktionen (N). Auf der Ordinate ist das gesamtwirtschaftliche Preisniveau (P), auf der oberen Abszissenskala die reale gesamtwirtschaftliche Produktion (Yr) und auf der unteren Abszissenskala der Auslastungsgrad des gesamtwirtschaftlichen Produktionspotenzials (a) aufgetragen. Weiterhin sind auf der Abszisse drei Bereiche eingezeichnet: 1. Abbildung B.2: Beschäftigung im Konjunkturverlauf in Deutschland Veränderungsraten gegenüber dem Vorjahr. p: Prognose Quelle: Sachverständigenrat 1. Analyse konjunktureller Fehlentwicklungen 55 (1) der Unterbeschäftigungsbereich (Y < Yu bzw. a < au), (2) der Bereich beginnender Engpässe (Yu < Y < Y* bzw. au< a < amax) und (3) der Vollbeschäftigungsbereich (Y = Y* bzw. a = amax). Die Gesamtnachfrage umfasst die bekannten Nachfragekomponenten: N = Cpr + Ibpr + ASt + Ex-Im Das monetäre Gesamtangebot der Unternehmen setzt sich zusammen aus den Komponenten reales Angebot (Yr) und kalkuliertes Angebotspreisniveau (Pa). Hinsichtlich der unternehmerischen Planung von Y und Pa wird die Hypothese aufgestellt, dass die Unternehmen ein bestimmtes reales Angebot (Y r) nur dann produzieren, wenn sie einen bestimmten Mindestpreis (P0) erzielen. Dieses kalkulierte Angebotspreisniveau lässt sich als Summe aus Stückkosten (insbesondere Lohnkosten) und „angemessenem“ Gewinnaufschlag, der hier als konstant unterstellt wird, interpretieren. Über den wechselseitigen Zusammenhang von Yr und P werden folgende Hypothesen aufgestellt: (1) Befindet sich die Wirtschaft im Unterbeschäftigungsbereich, dann kann die reale Produktion und Beschäftigung zu weitgehend konstanten Stückkosten vergrößert werden. Das Mindestpreisniveau bleibt (in etwa) auf der Höhe P0. Die zunehmende Auslastung der Kapazitäten kann sogar zu geringeren Stückkosten führen, da die fixen Kosten auf eine größere Produktionsmenge entfallen. Unter der Annahme konstanter Gewinnmargen und der Weitergabe dieser Kostensenkungen würde sich dann ein abnehmendes Angebotspreisniveau ergeben. Schneidet die Nachfragefunktion (N0) die gesamtwirtschaftliche Angebotsfunktion (A) in diesem Unterbeschäftigungs- Abbildung B.3: Konjunkturelle Arbeitslosigkeit in einem Preis-Mengen-Diagramm Teil B: Gesamtwirtschaftliche Fehlentwick lungen und Ansatzpunkte56 bereich, so sind die sachlichen und personellen Produktionskapazitäten offensichtlich nicht voll ausgelastet, es herrscht also konjunkturelle Unterbeschäftigung bei gleichzeitig relativ niedrigem Preisniveau. (2) Befindet sich die Wirtschaft im Bereich beginnender Engpässe, so sind Produktionssteigerungen nur noch möglich, sofern unproduktivere Anlagen herangezogen und/oder Überstunden getätigt werden (intensitätsmäßige und/oder zeitliche Anpassung). Die Anwerbung zusätzlicher Arbeitskräfte ist zudem nur noch zu steigenden Löhnen möglich. Die Folge sind steigende Stückkosten und ein Anstieg des kalkulierten Preisniveaus. Es wird realisiert, wenn gleichzeitig von der Nachfrageseite her die Bedingungen für die Durchsetzung dieses Preisniveaus günstig sind (z. B. N1). Die Auslastung der Produktionskapazitäten ist für den N1-Fall „normal“ (a = a*). Je mehr sich die Wirtschaft der Kapazitätsgrenze nähert, weil die Nachfrage die Produktion in allen Wirtschaftszweigen bis zur Vollauslastung der Produktionsfaktoren „hochzieht“, umso mehr wird nachfragebedingt das Preisniveau ansteigen. (3) Y* stellt bei gegebener Faktorausstattung die reale Produktionsgrenze dar. Das kalkulierte Mindestpreisniveau, das die Unternehmen gerade zur Produktion Y* veranlasst, ist P2. Es wird im Fall entsprechender Nachfragebedingungen (N2) auch realisiert. Gleichzeitig sind in diesem Fall die Produktionsfaktoren, also auch die Arbeitskräfte, voll ausgelastet (a = amax = 100 Prozent). Liegt konjunkturelle Unterbeschäftigung vor, so ist es Aufgabe der Konjunkturpolitik, die Gesamtnachfrage soweit zu steigern, bis wieder eine Normalauslastung (a*) der personellen und sachlichen Produktionskapazitäten erreicht wird. Dies kann unmittelbar über die Steigerung der staatlichen Ausgaben für Güter erfolgen, oder mittelbar durch positive Beeinflussung der übrigen Nachfrageaggregate versucht werden. 1.4 Konjunkturelle Nachfrageinflation und strategische Ansatzpunkte zu ihrer Bekämpfung 1.4.1 Einordnung der Nachfrageinflation Nach den vorangegangenen Ausführungen ist das Phänomen der konjunkturbedingten Inflation schnell erläutert. Es handelt sich hierbei um den spiegelbildlichen Prozess zur konjunkturellen Arbeitslosigkeit. Der Erklärungsansatz der konjunkturellen Inflation wird auch als Nachfrageinflation (genauer: Nachfragesoginflation) bzw. „inflatorische Lücke“ oder „demand-pull-inflation“ bezeichnet. Eine erste Einordnung der Arten und Ursachen von Inflation erfolgt in Übersicht B.3. In der Literatur wird üblicher Weise zwischen Nachfrageinflation („konjunkturelle Inflation“), Angebotsinflation und Geldmengeninflation (sog. quantitätstheoretischer Erklärungsansatz) unterschieden. Die Angebotsinflation (genauer: Angebotsdruckinflation) wird an späterer Stelle erläutert. Es handelt sich hierbei letztlich um Preissteigerungen als Folge des Einsatzes von Macht im Zuge von Verteilungskämpfen („Verteilungskampfinflation“). Sie wird in Kostendruckinflation (am bekanntesten ist die Lohnkosteninflation und die importierte Kosteninflation) und Marktmachtinflation (sie wird auch als „Gewinndruckinflation“ bezeichnet) unterschieden. Jede Inflation ist letztlich auch ein monetäres Phänomen. Auf diesen Sachverhalt stellt die Geldmenginflation ab. 1. 1. 1. Analyse konjunktureller Fehlentwicklungen 57 Inflationsursachen I. Nachfrageinflation II. Angebotsinflation Hausgemachte Nachfrageinflation Konsumnach-• frage-inflation Investitions-• nachfrageinflation Staatsnach-• frageinflation Importierte Nachfrageinflation Exportnach-• frageinflation Kostendruckinflation Lohnkosteninflation• Kapitalkosteninfla-• tion Kostensteuerinfla-• tion importierte • Kosteninflation Marktmachtinflation (Gewinndruckinflation) Preismissbrauch • durch marktbeherrschende Unternehmen Kartellabsprachen • und abgestimmtes Verhalten Verteilungskampfinflation III. Geldmengeninflation (quantitätstheoretischer Erklärungsansatz) Übersicht B.3: Klassifikation von Inflationsursachen 1.4.2 Darstellung der Nachfrageinflation Der Sachverhalt der Nachfrageinflation ist in Abbildung B.4 schematisch dargestellt: Ein Nachfrageanstieg führt in der Rezession (t0) zu einem Hineinwachsen in die Kapazitäten bei noch relativ stabilem Preisniveau. Je mehr sich die Wirtschaft der Vollauslastung der Kapazitäten nähert (t1), umso mehr werden gleichzeitig auch die Preise in die Höhe gezogen („demand pull“). Wächst die gesamtwirtschaftliche Nachfrage ausgehend von einer Situation der Vollauslastung (t1) stärker als die Produktionskapazitäten ausgeweitet werden können, so öffnet sich eine inflatorische Lücke mit entsprechenden Preissteigerungen. Die Volkswirtschaft kann real, also ohne Inflation, nur innerhalb der vorhandenen Kapazitäten wachsen. Der Sachverhalt der konjunkturellen Nachfrageinflation lässt sich auch im üblichen Preis-Mengen-Diagramm darstellen. Dabei entspricht die gesamtwirtschaftliche 1. t BIP inflatorische Lücke „Hineinwachsen“ in die vorhandenen Kapazitäten Produktionspotenzial BIP Abbildung B.4: Entstehung der inflatorischen Lücke Teil B: Gesamtwirtschaftliche Fehlentwick lungen und Ansatzpunkte58 Menge dem realen Bruttoinlandsprodukt bzw. gibt den Auslastungsgrad die Inanspruchnahme dieser Kapazitäten an (vgl. Abbildung B.5). Nachfragesteigerungen führen, wie erläutert, im Engpassbereich zu einem Anstieg des Preisniveaus. Die Preisniveausteigerung beschleunigt sich, je mehr die monetäre Nachfrage die Wirtschaft an einen Auslastungsgrad von 100 Prozent „hochzieht“. Ab Erreichen der Vollauslastung führen Nachfragesteigerungen nur noch zu (nachfragebedingten) Steigerungen des Preisniveaus. Der Anstieg des nominellen Inlandsprodukts resultiert dann allein aus der Erhöhung des Preisniveaus. Entsprechendes gilt bei dynamischer Betrachtung: Wächst, ausgehend von einer Vollauslastungssituation, die monetäre Nachfrage nach Gütern und Diensten schneller als die mögliche Produktion, so erhöht sich (nachfragebedingt) das Preisniveau. Graphisch würde sich ein Anstieg des Produktionspotenzials in einer Rechtsverlagerung der Gesamtangebotsfunktion niederschlagen. Die in Abbildung B.5 gewählte Darstellung der Nachfrageinflation anhand von Angebots- und Nachfragefunktionen ist genau genommen nur bedingt geeignet, das Inflationsphänomen als dynamischen Prozess zu erklären. In diesem Diagramm lässt sich lediglich das Zustandekommen des absoluten Preisniveaus erklären. Veränderungsraten des Preisniveaus lassen sich nur indirekt ableiten. Diese lehrbuchmäßige, komparativ-statische Preisniveauanalyse behandelt die Inflation methodisch nicht als andauernden Prozess ständiger Preisniveauerhöhungen, sondern als diskrete Folge jeweils einmaliger Preisniveausteigerungen. Wollte man in dieser Abbildung eine konstante Inflationsrate demonstrieren, müssten die Angebots- und Nachfra- Abbildung B.5: Nachfrageinflation in einem Preis-Mengen-Diagramm 1. Analyse konjunktureller Fehlentwicklungen 59 gefunktionen derart verschoben werden, dass sich das Preisniveau exponentiell erhöht. Methodisch ist für die Erklärung von Inflationsprozessen daher ein Konzept erforderlich, das von vornherein auf Änderungsraten abstellt. Die Angebots- und Nachfragefunktionen müssten hierzu als dynamische Angebots- und Nachfragefunktionen interpretiert werden. Auf den Achsen des entsprechenden Diagramms erhält man dann unmittelbar die jeweiligen Veränderungsraten des Preisniveaus und der realen Produktion bzw. des Auslastungsgrades des Produktionspotenzials. 1.4.3 Hausgemachte und importierte Nachfrageinflation Eine durch Veränderungen auf der Nachfrageseite bedingte Inflation kann hausgemacht oder importiert sein: Im Fall einer hausgemachten Nachfrageinflation ist der Anstieg des Preisniveaus auf eine Steigerung der privaten Konsumnachfrage (Konsumnachfrageinflation), der privaten Investitionsnachfrage (Investitionsnachfrageinflation) und/oder der Staatsnachfrage nach Waren und Diensten (Staatsnachfrageinflation) zurückzuführen. Der Fall einer importierten Nachfrageinflation kann, bei gegebenen Importen, auf einen Anstieg der Auslandsnachfrage nach Waren und Diensten (Exportgüternachfrageinflation) und/oder bei gegebener Exportnachfrage, durch ein verringertes ausländisches Güterangebot bedingt sein. Das Phänomen der importierten Nachfrageinflation spielte in der Wirtschaftsentwicklung der Bundesrepublik eine herausragende Rolle. Wesentlicher Bestimmungsgrund für die Entwicklung des Außenbeitrages ist – bei gegebenen Wechselkursen (!) – das Preisniveaugefälle zwischen In- und Ausland: Eine höhere Inflationsrate im Ausland als im Inland führt regelmäßig zu einem Anstieg der Nachfrage des Auslandes nach heimischer Produktion und/oder zu einem Rückgang der importierten Waren und Dienstleistungen. Im Fall bereits ausgelasteter Kapazitäten steigt (nachfragebedingt) das binnenwirtschaftliche Preisniveau. Die höhere Inflationsrate im Ausland wird in das Inland importiert. Die Exportnachfragesteigerung bewirkt zudem Multiplikatoreffekte, die die übrigen inländischen Nachfragekomponenten „mitziehen“. Ein Anstieg des Außenbeitrages trägt zwar in der Situation der Unterauslastung der Produktionsfaktoren zu realen Produktionssteigerungen und damit zur Höherauslastung der Faktoren bei, in vollbeschäftigten Wirtschaften führt ein zunehmender Außenbeitrag jedoch zur Inflation. Derartige Preisniveausteigerungen könnten (mittelfristig) nur dann verhindert werden, wenn die heimische Güternachfrage in entsprechendem Ausmaß dem Anstieg des Außenbeitrages „Platz macht“, um die inflationsfreie Bedienung der Exportnachfrage zu ermöglichen. Das stabile Preisniveau würde in diesem Fall durch einen Nachfrageverzicht der Inländer „erkauft“. Analoges gilt für den Fall der Staatsnachfrageinflation. Weitet der Staat seine Nachfrage nach Gütern über das Vollbeschäftigungsniveau aus, so sind nachfrageinduzierte Preisniveausteigerungen die Folge. Dies gilt zumindest dann, wenn die öffentliche Hand nicht für eine entsprechende Zurückdrängung privater Nachfrage (beispielsweise durch Steuererhöhungen) sorgt, sondern die Ausgabensteigerung kreditär finanziert. 1.4.4 Ansatzpunkte zur Bekämpfung der Nachfrageinflation Aus der voranstehenden Ursachenanalyse ergibt sich für eine Politik der Bekämpfung der Nachfrageinflation die Konsequenz, dem Auftreten inflatorischer Lücken 1. 1. Teil B: Gesamtwirtschaftliche Fehlentwick lungen und Ansatzpunkte60 entgegenzuwirken. Da die volkswirtschaftlichen Produktionskapazitäten kurzfristig nicht erweitert werden können, ohne zusätzliche inflatorische Impulse zu bewirken (die Investitionstätigkeit ist unmittelbar mit einem Nachfrageeffekt verbunden, während der Kapazitätseffekt erst mit zeitlicher Verzögerung eintritt), sind die Komponenten der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage als strategischer Ansatzpunkt der Antiinflationspolitik zu wählen. Die gesamtwirtschaftliche Nachfrage ist durch geld-, fiskal- und/oder außenwirtschaftspolitische Maßnahmen auf einem Niveau zu stabilisieren, welches eine befriedigende Auslastung der Produktionsfaktoren und damit eine „tolerierbare“ Inflationsrate zur Folge hat. Anders formuliert: Ausgehend von einer konjunkturellen Gleichgewichtssituation ist die Zuwachsrate der Nachfrage an die Zuwachsrate der volkswirtschaftlichen Produktionskapazitäten anzupassen: wYN = wY* ! Wie im Fall der konjunkturellen Arbeitslosigkeit, so ist auch im Fall der Nachfrageinflation die gesamtwirtschaftliche Nachfrage der zentrale strategische Ansatzpunkt der konjunkturellen Stabilisierungspolitik. 1.4.5 Monetäre Alimentierung der Nachfrageinflation Die Nachfrageinflationstheorie postkeynesianischer Prägung erklärt nicht den Inflationsprozess schlechthin, sondern lediglich dessen konjunkturelle Komponente. Insbesondere steigende Preise bei Unterbeschäftigung (Stagflation) können mit diesem Ansatz nicht erfasst werden. Weiterhin gelten die dargelegten Zusammenhänge nur für den Fall eines elastischen Geldangebots. Ohne monetäre Alimentierung ist (zumindest auf längere Sicht) Inflation undenkbar. Im Keynes schen Erklärungsansatz wird mithin (stillschweigend) unterstellt, dass die Nachfrageerhöhung auch monetär alimentiert wird. Diese monetäre Alimentierung kann entweder durch eine Steigerung der gesamtwirtschaftlichen Geldmenge erfolgen oder durch eine Erhöhung der Umlaufgeschwindigkeit des Geldes, bzw. durch eine Kombination beider Effekte. Im Konjunkturverlauf sind – wie empirische Untersuchungen zeigen – erhebliche Veränderungen der Umlaufgeschwindigkeit des Geldes feststellbar. In der Hochkonjunktur steigt die Umlaufgeschwindigkeit, in der Rezession sinkt sie. Im Boom kann folglich eine zusätzliche Nachfrage nach Waren und Diensten durch eine Erhöhung der Umlaufgeschwindigkeit des Geldes „finanziert“ werden, ohne dass es hierzu einer Ausweitung der Geldmenge bedarf. Die vorhandene Geldmenge wird intensiver genutzt. Dieser Intensivierungsprozess stößt allerdings an Grenzen. Länger anhaltende Nachfrageüberschüsse können nur durch Ausweitung des Geldvolumens finanziert werden. Nach postkeynesianischer Auffassung kann auch diese „quantitative“ Elastizität des Geldsystems als realistisch unterstellt werden. Zentralbanken sind nämlich, so die These, nur bedingt in der Lage, das gesamtwirtschaftliche Geldvolumen zu steuern. Dies gilt primär mit Blick auf den Giralgeldschöpfungsprozess des Geschäftsbankensystems, aber auch mit Blick auf die Zentralbankgeldmenge selbst. Die Entwicklung der „effektiven“ bzw. „nachfragewirksamen“ Geldmenge (Geldmenge x Umlaufgeschwindigkeit des Geldes) ist nach keynesianischer Auffassung vom Nachfrageverhalten der privaten und staatlichen Wirtschaftssubjekte abhängig (Endogenität der Geldmengenentwicklung). Kurz: Die monetäre Alimentierung der 1. 1. Analyse konjunktureller Fehlentwicklungen 61 Güternachfrage wird als gegeben unterstellt. Jede Güternachfrage schafft sich die hierzu erforderliche (wirksame) Geldmenge. Einen umgekehrten Kausalzusammenhang zwischen Nachfrageentwicklung einerseits und Geldmengenentwicklung andererseits behaupten die (Neo-)Quantitätstheoretiker („Monetaristen“). Unabhängig von der Frage der Kausalität gilt aber, dass jede Inflation monetär alimentiert werden muss – sowohl die Nachfrageinflation als auch die Angebotsinflation. An dieser Überlegung knüpft der sog. „quantitätstheoretische Erklärungsansatz“ der Inflation an. 1.5 Der quantitätstheoretische Erklärungsansatz der Inflation 1.5.1 Die Quantitätsgleichung Aus quantitätstheoretischer Sicht ist die Geldmengenentwicklung kausal für die Entwicklung der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage und somit auch für die Entwicklung des nominellen Inlandsprodukts. Grundgedanke der Quantitätstheorie ist, dass Geldmengenänderungen notwendige und hinreichende Bedingung für die Entwicklung der monetären Nachfrage und damit des Preisniveaus sind. Die Rechtsverlagerung der Gesamtnachfragefunktion in Abbildung B.5 wird auf entsprechende Geldmengensteigerungen zurückgeführt. Die Geldmengenentwicklung ist folglich kausal für die Nachfrageentwicklung und damit für die Steigerung des nominellen Inlandsprodukts verantwortlich. Nimmt die Geldmenge, ausgehend von einer Situation der Vollauslastung der Produktionsfaktoren, schneller zu als das Produktionspotenzial steigt, so wächst, bei Konstanz der Umlaufgeschwindigkeit des Geldes (!), auch die monetäre Nachfrage schneller als die Produktionskapazität. Die Folge ist eine monetär induzierte Nachfrageinflation. Ursache der Inflation ist nach dieser Auffassung folglich nicht generell eine Zunahme der Geldmenge schlechthin, sondern eine Zuwachsrate der Geldmenge (wM), die über der des Produktionspotenzials (wY*) liegt. Die Konsequenz hiervon ist ein Anstieg der Geldmenge pro Inlandsprodukteinheit (M/Y). Die postkeynesianische Sicht, wonach Geldmengenänderungen lediglich Begleiterscheinungen inflationärer Prozesse sind, wird von Monetaristen abgelehnt. Die gesamtwirtschaftliche Nachfrage (YN) ist ex definitionem das Produkt aus Geldmenge (M) und Umlaufgeschwindigkeit des Geldes (U): YN = M · U Der Ausdruck M · U ist die nachfragewirksame Geldmenge. Das nominelle Inlandsprodukt (Y) ist seinerseits definiert als Produkt aus realem Produktionsvolumen (Y r) und Preisniveau (P): Y = Yr · P Da die realisierte gesamtwirtschaftliche Nachfrage (YN) und das realisierte nominelle Inlandsprodukt ex post identisch sind, folgt: Y= YN bzw. Yr · P = M · U Hierbei handelt es sich um die so genannte Quantitätsgleichung des Geldes. Sie ist immer erfüllt. Es handelt sich also um eine Tautologie: Ist ein bestimmtes Inlandspro- 1. 1. Teil B: Gesamtwirtschaftliche Fehlentwick lungen und Ansatzpunkte62 dukt (Y = Yr · P) erzeugt worden, so muss rein definitorisch eine gegebene Geldmenge so oft umgeschlagen worden sein (nämlich U = Y/M mal), damit dieses nominelle Produktionsvolumen monetär alimentiert werden konnte; sonst wäre, mangels Nachfrage, dieses Inlandsprodukt gar nicht realisiert worden. Die Umlaufgeschwindigkeit fungiert somit in der Quantitätsgleichung als „Puffergröße“, die sicherstellt, dass die Gleichung immer erfüllt ist. Wirtschaftspolitische Schlussfolgerungen lassen sich aus der Quantitätsgleichung erst dann ableiten, wenn Verhaltensannahmen hinsichtlich der Entwicklung der Umlaufgeschwindigkeit getroffen werden. Formuliert man die Quantitätsgleichung in Wachstumsraten um, so folgt: wY + wP = wM + wU Das Preisniveau bleibt dann unverändert (wP = 0), wenn die nachfragewirksame Geldmenge (M · U) mit der Rate des realen Inlandsprodukts (Y) wächst: wM + wU = wY → wP = 0 Im Trend (̂ ), also bei mittelfristiger Betrachtung, wird das reale Wirtschaftswachstum vom Wachstum des Produktionspotenzials begrenzt; es gilt dann: wY = wY* ! ˆˆ Unterstellt man, dass die Umlaufgeschwindigkeit des Geldes im Trend unverändert ist (wÛ = 0), so bleibt auch das Preisniveau im Trend unverändert, wenn die Geldmenge mit der Rate des Produktionspotenzials wächst: wM = wY* wP = 0 ! ˆ ˆ ˆ Eine Überliquidisierung der Volkswirtschaft (Geldmengenüberhang) wird im Trend zu einer Erhöhung der Nachfrage und damit zu Inflation führen: wM̂ > wŶ* → wP̂ > 0 Entsprechendes gilt, wenn die Umlaufgeschwindigkeit des Geldes einem systematischen Trend folgt. Nimmt sie z. B. zu (wÛ* > 0), so ist ein geringeres Geldmengenwachstum erforderlich, um den realen Produktionszuwachs zu finanzieren. Sinkt die Umlaufgeschwindigkeit im Trend, was in der Realität der Fall ist, so ist ein geringeres Wachstum der Geldmenge erforderlich, um das reale Wachstum der Wirtschaft monetär zu alimentieren. Es gilt : wM = wY* – wU* → wP = 0 Ein Teil des realen Wirtschaftswachstums kann in diesem Fall offensichtlich durch eine gestiegene Umlaufgeschwindigkeit monetär bewältigt werden. Der Rest ist mit zusätzlichem Geld zu alimentieren. Diese Zusammenhänge gelten, wie mehrfach betont, im Trend. Es handelt sich also genaugenommen nicht um einen „konjunkturellen“, also kurzfristig orientierten Inflationserklärungsansatz. Kurzfristig kann der Zusammenhang zwischen Geldmengenwachstum, Nachfragewachstum und Inflation durch konjunkturelle Veränderungen der Umlaufgeschwindigkeit gelockert oder verstärkt werden. Wie erwähnt ist im Boom regelmäßig ein Anstieg, in der Rezession ein Absinken der Umlaufgeschwindigkeit zu beobachten: Steigt die Umlaufgeschwindigkeit im Boom, so führt dies unter sonst gleichen Umständen zu einem stärkeren Anstieg des Preisniveaus, als sich lediglich aus der quantitativen Zunahme der Geldmenge erklären lässt; ja sogar eine Unterliquidisierung (wM < wY*) kann noch mit Inflation einhergehen, sofern nur das Wachstum der nachfragewirksamen Geldmenge über dem des Produktionspotenzials liegt: wM + wU > wY* → wP > 0 1. Analyse konjunktureller Fehlentwicklungen 63 Festzuhalten ist: Jede Inflation ist langfristig ein monetäres Phänomen. Dies gilt insbesondere dann, wenn man berücksichtigt, dass die Umlaufgeschwindigkeit nicht beliebig gesteigert, oder anders formuliert, die durchschnittliche Kassenhaltung der Wirtschaftssubjekte im Verhältnis zum Ausgabevolumen nicht beliebig vermindert werden kann. Auf mittlere Sicht wird ein Geldmengenüberhang folglich mit Inflation verbunden sein. 1.5.2 Ansatzpunkte zur Bekämpfung der Geldmengeninflation Bei der Bekämpfung der Inflation kommt mithin der Geldpolitik die Aufgabe zu, die Geldmenge stabilitätsgerecht zu steuern, also am Wachstum des Produktionspotenzials zu orientieren. Eine derartige Geldmengenpolitik wird häufig als „monetaristische Geldpolitik“ bezeichnet. Hauptvertreter eines derartigen potenzialorientierten Geldmengenkonzepts ist der amerikanische Nationalökonom und Nobelpreisträger (1976) Milton Friedman. In Deutschland setzt sich vor allem der Sachverständigenrat für eine potenzialorientierte Geldmengensteuerung ein. Eine stabilitätsgerechte Steuerung der Geldmenge setzt nicht nur voraus, dass die Zentralbank über die notwendigen Instrumente zur Steuerung der Geldmenge verfügt, sondern dass die Notenbank auch autonom, d. h. unabhängig von den Weisungen der Exekutive handeln kann. Die Erfahrung zeigt, dass von der Regierung abhängige Notenbanken in der politischen Realität kaum in der Lage sind, ihre Geldpolitik so auszurichten, dass das Ziel der Preisniveaustabilität nicht gefährdet wird. Auf diese politökonomischen Abhängigkeiten hat vor allem von Hayek (Nobelpreis 1974) aufmerksam gemacht. Eine bedeutende empirische Untersuchung von Alesina/Summers (1993) analysierte den Zusammenhang zwischen dem Grad der Zentralbankautonomie und Inflationsrate in 16 Industrieländern. Dabei wurde gezeigt, dass die Fähigkeit und Bereitschaft zur stabilitätsgerechten Steuerung der Geldmengenentwicklung mit zunehmender Weisungsgebundenheit der Zentralbank abnimmt. Bei der Beurteilung der Notenbankautonomie kommt es weniger auf die juristische als auf die tatsächliche Stellung der Zentralbank im Staatsgefüge an. Im Ergebnis zeigt sich, das in Ländern mit unabhängigen Zentralbanken die Inflationsraten tendenziell niedriger sind als in Ländern mit weisungsgebundenen Zentralbanken. Nicht zuletzt aus diesem Grund plädieren Monetaristen für weisungsunabhängige Zentralbanken. 1.5.3 Geldpolitik durch Zins- oder Mengensteuerung? An dieser Stelle wird bereits eine mögliche Diskrepanz zwischen postkeynesianischer und monetaristischer Ursachenanalyse konjunktureller Fehlentwicklungen deutlich: Aus postkeynesianischer Sicht ist die Nachfrageentwicklung die entscheidende strategische Variable der Konjunkturpolitik. Auch die Geldpolitik hat – aus dieser Sicht – dadurch einen Beitrag zur antizyklischen Nachfragesteuerung zu leisten, dass sie über die Steuerung des Zinsniveaus die Nachfrageentwicklung konjunkturgerecht beeinflusst (zinsorientierte Geldpolitik). Eine Absenkung des Zinsniveaus in der Rezession, zum Zwecke der „Ankurbelung“ der Investitionstätigkeit, setzt jedoch eine überdurchschnittliche Ausweitung der Geldmengenentwicklung voraus. Gelingt es nicht, den entstehenden Geldmengenüberhang in der nächsten Hochkonjunktur zu neutralisieren, so sind mittelfristig monetär induzierte Inflationsprozesse unvermeidbar. Das monetaristische Konzept ist eher auf die mittlere und längere Frist ausgerichtet. Es ist zudem mengenorientiert. Instrumentell steuert die Zentralbank also nicht den Zins (Preis des Geldes), sondern die Geldmengenentwicklung. Die Zinsentwicklung ist dann eine von der vorgegebenen Geldmengeentwicklung und 1. 1. Teil B: Gesamtwirtschaftliche Fehlentwick lungen und Ansatzpunkte64 der konjunkturell schwankenden Kreditnachfrage abhängige Variable. Konjunkturellen Zins- und Nachfrageentwicklungen gegenüber bleiben Monetaristen relativ „gleichmütig“. 2 Die Phillips-Kurve als Menükarte der Konjunkturpolitik Konjunkturschwankungen wurden als Schwankungen im Auslastungsgrad des Produktionspotenzials definiert. Folge derartiger Auslastungsschwankungen sind konjunkturelle Arbeitslosigkeit in der Rezession (bei gleichzeitig normalerweise niedriger Inflationsrate) bzw. konjunkturelle (Nachfrage-)Inflation im Boom (bei gleichzeitig niedriger konjunktureller Unterbeschäftigung). Zwischen den stabilitätspolitischen Zielen des hohen Beschäftigungsstands und der Preisniveaustabilität besteht somit ein Zielkonflikt. Diesen bezeichnet man, in Anlehnung an die Untersuchungen von Alban William Phillips (1958) als Phillips-Zielkonflikt. In seiner Originalarbeit thematisierte er den Zusammenhang zwischen Lohnänderungsrate und Arbeitslosenquote. Paul Anthony Samuelson und Robert Merton Solow modifizierten diesen Ansatz dahingehend, dass sie den Konflikt zwischen Preisniveau und Arbeitslosigkeit untersuchten. Der generelle Konflikt zwischen Inflation und Arbeitslosigkeit ist umstritten. Relativ unumstritten ist, dass es im Konjunkturverlauf einen Konflikt zwischen konjunktureller Inflation (Nachfrageinflation) und konjunktureller Unterbeschäftigung gibt. Diese Variante einer modifizierten Phillips-Kurve ist in Abbildung B.6 dargestellt. Graphik I der Abbildung enthält die übliche Darstellung von potenzieller Produktion (Produktionspotenzial, Y* bzw. BIP*) und tatsächlicher Produktion (Y bzw. BIP). Graphik II verdeutlicht die daraus abgeleiteten Schwankungen im Auslastungsgrad des Produktionspotenzials (a). Die Konstellation (1) repräsentiert eine Rezessionssituation, Konstellation (2) eine Hochkonjunktursituation. In Graphik III der Abbildung wird die Phillips-Kurve als Konflikt zwischen konjunktureller Inflation und konjunktureller Arbeitslosigkeit hergeleitet: In der Rezession (1) ist die Nachfrage gering; die Folge ist eine konjunkturbedingte Unterauslastung der sachlichen und personellen Produktionsfaktoren. Konsequenz ist also eine hohe konjunkturelle Unterbeschäftigung. Gleichzeitig ist infolge der geringen Nachfrage die (konjunkturelle) Inflationsrate gering (im Grenzfall Null oder sogar negativ). Auf der Phillips-Kurve entspricht die Konstellation (1) dieser Situation. Die umgekehrte Situation liegt im Boom (2) vor: In der Hochkonjunktur zieht die Nachfrage die Preise nach oben; die Inflationsrate ist hoch. Gleichzeitig steigt die Produktion, bis die Vollauslastung des Produktionspotenzials erreicht ist. Die konjunkturelle Arbeitslosigkeit ist also gering, im Grenzfall Null. Auf der Phillips-Kurve entspricht dies der Konstellation (2). Entsprechend lassen sich den anderen Auslastungsgraden korrespondierende Phillips-Konstellationen zuordnen. So repräsentiert (3) eine Situation einer „mittleren“ bzw. „optimalen“ Auslastung des Produktions potenzials. Auf der Phillips- Kurve ist dementsprechend eine „mittlere“ Inflation gekoppelt mit einer „mittleren“ Unterbeschäftigung verzeichnet. Durch Verbindung aller möglichen Kombinationen von konjunktureller Inflation und konjunktureller Arbeitslosigkeit erhält man die in Graphik III dargestellte Phillips-Kurve. Die Phillips-Kurve ist – so interpretiert – eine „Menükarte“ der Konjunkturpolitik. Der Konjunkturpolitiker kann wählen, ob er lieber eine hohe konjunkturelle Nachfrageinflation mit einer geringen konjunkturellen Arbeitslosigkeit kombinieren will, oder ob er bereit ist eine geringe Inflation mit einer hohen konjunkturellen Arbeits- 1. 1. Analyse konjunktureller Fehlentwicklungen 65 losigkeit zu erkaufen. Die Wahl einer Kombination ist abhängig von der relativen politischen Wertung der Ziele „Geldwertstabilität“ und „hoher Beschäftigungsstand“. Aufgabe der Konjunkturpolitik ist es einen (politisch) optimalen Ausgleich zwischen konjunktureller Inflation und konjunktureller Arbeitslosigkeit zu realisieren (z. B. Konstellation (3) auf der Phillips-Kurve). Übertragen auf die Darstellung in Teil I und II bedeutet dies, dass die Wirtschaft auf einem (politisch) tolerierbaren Auslastungsgrad (z. B. a*) zu stabilisieren ist. Im Folgenden wird diese Konstellation als Optimalauslastung bezeichnet. In Graphik I entspricht dies der gestrichelten Linie also dem BIP bei Normal- oder Optimalauslastung des Produktionspotenzials. Die in Abbildung B.6 gewählte Darstellung ist nicht mit den üblichen Phillipskurvendarstellungen identisch. Die Zusammenhänge sind insofern fiktiv, als nur die konjunkturellen Teilkomponenten der Zielverletzungen berücksichtigt sind. Insofern ist die Darstellung nur bedingt mit empirisch geschätzten Phillipskurven vergleichbar. Die tatsächlich realisierte Arbeitslosigkeit und die effektive Inflation sind nicht nur konjunkturell verursacht, sondern hängen auch von anderen (nicht-konjunkturellen) Verursachungsfaktoren ab. Beispielhaft sei strukturelle Arbeitslosigkeit und Inflation als Folge mit Macht durchgesetzter (Lohn-)Kostensteigerung (als Teil der Angebotsdruckinflation) erwähnt. Die konjunkturelle Komponente lässt sich in der Praxis nur im Wege der Schätzung separieren. Die hier vertretene These eines zyklischen Trade-off zwischen konjunktureller Inflation und konjunktureller Arbeitslosigkeit ist weitgehend akzeptiert. Es handelt sich hierbei letztlich um die Friedman-Phelps-Version der Phillips-Kurve. Auf Dauer kann man sich jedoch nicht über eine höhere Inflationsrate einen höheren Beschäftigungsstand erkaufen, denn: Inflationserfahrungen verändern die Preiserwartungen der Wirtschaftssubjekte, sodass infolgedessen der Beschäftigungseffekt wieder ver- Abbildung B.6: Die Phillips-Kurve als „Menükarte“ der Konjunkturpolitik Teil B: Gesamtwirtschaftliche Fehlentwick lungen und Ansatzpunkte66 schwindet. Die Vorstellung eines langfristigen oder generellen Trade-off zwischen Inflation und Arbeitslosigkeit ist abzulehnen. 3 Herausforderung der Konjunkturpolitik Aufgabe der Konjunkturpolitik ist es, die Volkswirtschaft auf einem optimalen Auslastungsgrad zu stabilisieren und damit eine optimale Kombination von konjunktureller Arbeitslosigkeit und konjunktureller Inflation zu realisieren. Die Erkenntnisse aus dem modifizierten Phillips-Konflikt sind elementar für das Verständnis einer erfolgreichen Konjunkturpolitik: Gibt es einen Konflikt zwischen konjunktureller Inflation und konjunktureller Arbeitslosigkeit, so ist es Aufgabe der Konjunkturpolitik die Volkswirtschaft auf einem optimalen Auslastungsgrad zu stabilisieren, um so Fehlentwicklungen zu minimieren und eine optimale Kombination von konjunktureller Arbeitslosigkeit und konjunktureller Inflation zu realisieren. Postkeynesianer fordern, die Komponenten der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage antizyklisch zu beeinflussen. Sie setzen hierbei in erster Linie auf den Einsatz der Finanzpolitik; zudem soll die Geldpolitik dazu beitragen die gesamtwirtschaftliche Nachfrage antizyklisch zu steuern. Der Außenwirtschaftspolitik kommt inzwischen im Euro-Raum mit einer einheitlichen Währung und in internationalen Währungssystemen mit flexiblen Wechselkursen nur noch eine untergeordnete Rolle zu. In Abbildung B.7 sind die möglichen Ansatzpunkte der Konjunkturpolitik dargestellt. 1. Abbildung B.7: Ansatzpunkte der Konjunkturpolitik Strukturelle Ursachen von Inflation und Arbeitslosigkeit 1 Das Stagflationsphänomen Nachdem die Phillips-Kurve zu einem wichtigen Baustein der Stabilisierungspolitik geworden war, zeigten sich in vielen Industrieländern verstärkt „neuartige“ ökonomische Fehlentwicklungen. Neuartig waren dabei nicht die Ausprägungen der Fehlentwicklung, denn Arbeitslosigkeit und Inflation stellen noch immer die Hauptprobleme dar, sondern die Ursachen. Die Ursachen sind nicht zyklischer bzw. temporärer Natur, sondern es handelt sich um „zählebige“ bzw. strukturelle oder „nicht-konjunkturelle“ Entwicklungen. Sichtbarer Ausdruck ist das Phänomen der Stagflation, also die Erscheinung, dass trotz steigender Arbeitslosigkeit die Inflationsraten zunehmen. Stagflationäre Erscheinungen traten in Deutschland erstmals Anfang der siebziger Jahre auf. 1.1 Die Entwicklung der Phillips-Kurve in Deutschland In Abschnitt 1.2 wurde die Phillips-Kurve als Menü-Karte der Konjunkturpolitik dargestellt. Der trade off zwischen konjunktureller Inflation und konjunktureller Arbeitslosigkeit, stellt grafisch gesehen eine Bewegung auf einer gegebenen Phillips- Kurve dar. Typisches Kennzeichen stagflationärer Prozesse ist dagegen, dass sich die Lage der Phillips-Kurve immer weiter vom Ursprung des Koordinatensystems entfernt. Abbildung B.8 lässt erkennen, dass zu Beginn der siebziger Jahre in Deutschland zuerst die Inflationsraten (bei noch relativ stabiler Arbeitslosigkeit) stiegen (Verlagerung der Phillips-Kurve nach oben) und seit etwa Mitte der siebziger Jahre sich die Phillips- Kuve (bei tendenziell sinkender Inflation) nach rechts verlagert, die Arbeitslosigkeit also bis in die Gegenwart hinein auf ein immer höheres Niveau stieg. Zu beachten ist, dass im Unterschied zur Darstellung in Abbildung B.6 sowohl auf der Abszisse als auch auf der Ordinate nicht nur die konjunkturellen Teilkomponenten von Inflation und Arbeitslosigkeit dargestellt sind, sondern die Gesamtentwicklung von Inflation und Arbeitslosigkeit, also sowohl die konjunkturelle plus die nicht-konjunkturelle („strukturelle“) Arbeitslosigkeit, als auch die konjunkturelle Nachfrageinflation plus die nicht-konjunkturelle Angebotsinflation. Erläuterung der Phasen im Einzelnen: In den sechziger Jahren entsprach die Realität noch in etwa den Lehrbuchvorstellungen vom Konflikt zwischen Inflation und Arbeitslosigkeit. 1965/66 war die Inflationsrate hoch und gleichzeitig die Arbeitslosigkeit gering. Die Rezession von 1966/67 führte zu einem Anstieg der konjunkturellen Arbeitslosigkeit; parallel hierzu verringerte sich jedoch infolge der stagnierenden Nachfrage die (konjunkturbedingte) Nachfrageinflation. Umgekehrt führte die konjunkturelle Erholung 1969/70 zu einer Reduktion der Arbeitslosigkeit und – erwartungsgemäß – zu einer Beschleunigung der Inflation. In den sechziger Jahren bewegte sich die deutsche Wirtschaft also mehr oder weniger auf einer gegebenen Phillips-Kurve. Zu Beginn der siebziger Jahre beschleunigte sich die Inflation erheblich. Gleichzeitig stieg die Arbeitslosigkeit leicht an. Es vollzog sich ein Prozess der beginnenden Stagflation. Die Beschleunigung der Inflation war vor allem Folge der zunehmenden Verteilungskämpfe (sog. nicht-konjunkturelle „Angebotsdruckinflation“). Die bis zu 20-prozentigen Lohnsteigerungen wurden in die Güterpreise überwälzt. Der Anstieg der Arbeitslosigkeit hielt sich – anfänglich 2. 2. 2.

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References

Zusammenfassung

Prägnant, fundiert und leicht verständlich

Die „Stabilisierungspolitik“ ist im deutschsprachigen Raum eines der führenden Lehrbücher auf seinem Gebiet. Diese Auflage ist völlig neu überarbeitet und vermittelt prägnant, leicht verständlich und fundiert umfangreiches Fachwissen zur angewandten Wirtschaftspolitik. Dabei stellt das Buch sowohl angebots- als auch nachfrageorientierte Strategien zur Bekämpfung gesamtwirtschaftlicher Fehlentwicklungen vor. Es zeigt Schritt für Schritt, wie Arbeitslosigkeit und Inflation ursachenbezogen bekämpft werden kann, wie außenwirtschaftliches Gleichgewicht gewahrt sowie durch Verbesserung der Rahmenbedingungen die Wettbewerbsfähigkeit des Wirtschaftsstandortes dauerhaft gestärkt und ein angemessenes Wirtschaftswachstum gesichert werden kann. Der übersichtlich strukturierte Text wird durch eine Vielzahl von Abbildungen und Beispielen aufgelockert, um die zum Teil komplexen Zusammenhänge der Wirtschaftspolitik anschaulich und lebendig darzustellen.

Das Lehrbuch richtet sich sowohl an Studenten der Wirtschaftswissenschaften an Universitäten, Fachhochschulen, Berufs- und Studienakademien als auch an Praktiker aus der Wirtschaftspolitik sowie an wirtschaftspolitisch Interessierte.

Die Autoren

Prof. Dr. Jürgen Pätzold, Dozent an der Universität Hohenheim.

Dr. Daniel Baade, Wirtschaftswissenschaftler, Promotion an der Universität Hannover.