Content

1. Die Notwendigkeit wirtschaftspolitischer Stabilisierung in:

Jürgen Pätzold, Daniel Baade

Stabilisierungspolitik, page 16 - 25

Grundlagen der nachfrage- und angebotsorientierten Wirtschaftspolitik

7. Edition 2008, ISBN print: 978-3-8006-3492-7, ISBN online: 978-3-8006-4323-3, https://doi.org/10.15358/9783800643233_16

Bibliographic information
Teil A: Aufgaben und Ziele der Stabilisierungspolitik Die Notwendigkeit wirtschaftspolitischer Stabilisierung 1 Die Herausforderung der Wirtschafts- und Stabilisierungspolitik Sämtliche Maßnahmen, die der Erreichung und Stabilisierung des gesamtwirtschaftlichen Gleichgewichts dienen, werden unter den Begriff „Stabilisierungspolitik“ zusammengefasst. Stabilisierungspolitik ist ein elementarer Teilbereich der Wirtschaftspolitik. Wirtschaftspolitische Maßnahmen dienen in einer Marktwirtschaft dem Ziel, die Voraussetzungen für das Funktionieren des Marktsystems zu verbessern und wirtschaftsund gesellschaftspolitische Ziele zu erreichen. Wirtschaftspolitisches Handeln ist daher in einer marktwirtschaftlichen Ordnung essenziell für das Funktionieren des Gesamtsystems. Daher darf es nicht planlos erfolgen, sondern erfordert einerseits klare Zielvorstellungen und andererseits eine solide theoretische Fundierung. Neben anderen Gesetzen erfolgte in der Bundesrepublik Deutschland die Zielbestimmung für die Stabilisierungspolitik 1967 einerseits im Grundgesetz (Art. 109 Abs. 2 GG) und andererseits im „Gesetz zur Förderung der Stabilität und des Wachstums der Wirtschaft“ (StWG). Danach ist es Aufgabe des Staates für die Sicherung des „gesamtwirtschaftlichen Gleichgewichts“ Sorge zu tragen. Im StWG wurden zudem nicht nur die Zielvorstellungen sondern darüber hinaus auch die dem damaligen wirtschaftspolitischen Wissensstand entsprechenden Handlungsempfehlungen formuliert. Die Handlungsempfehlungen (§ 3 6ff. StWG) sind heute, vier Dekaden später, kaum mehr aktuell; zumindest entsprechen sie seit geraumer Zeit nicht mehr dem „mainstream“ des theoretischen Denkens und des wirtschaftspolitischen Handelns. Die Zielvorstellungen (§ 1 StWG) sind jedoch grundlegende ökonomische Werte und daher zeitlose fundamentale Orientierungsrichtlinien in der deutschen Wirtschaftspolitik. Demgemäß haben „Bund und Länder … bei ihren wirtschaftsund finanzpolitischen Maßnahmen die Erfordernisse des gesamtwirtschaftlichen Gleichgewichts zu beachten“. Auch ein Blick auf neuere Normen, bspw. auf den EG- Vertrag, verdeutlicht, dass das Handeln wichtiger ökonomischer Entscheidungsträger in der EU auf vergleichbare Zielvorstellungen ausgerichtet ist. Der Terminus „gesamtwirtschaftliches Gleichgewicht“ ist der makroökonomischen Theorie entlehnt. Während in der Theorie eine exakte Definition dieses Begriffes erfolgt (beispielsweise in Form der Übereinstimmung von geplanter Ersparnis und geplanter Investition), ist der Begriff des gesamtwirtschaftlichen Gleichgewichts für die praktische Wirtschaftspolitik weitgehend inhaltsleer. In § 1 Satz 2 StWG erfolgt daher eine nähere Kennzeichnung des Bedeutungsinhaltes und Bedeutungsumfangs gesamtwirtschaftlicher Gleichgewichtskonstellationen. Danach sind „die Maßnahmen … so zu treffen, dass sie im Rahmen der marktwirtschaftlichen Ordnung gleichzeitig zur Stabilität des Preisniveaus, zu einem hohen Beschäftigungsstand und außenwirtschaftlichem Gleichgewicht bei stetigem und angemessenem Wirtschaftswachstum beitragen“. 1. 1. Teil A: Aufgaben und Ziele der Stabilisierungspolitik4 Die Herausforderung besteht also in der Erreichung der gesamtwirtschaftlichen Ziele: Preisniveaustabilität,• hoher Beschäftigungstand,• stetiges und angemessenes Wirtschaftswachstum • und außenwirtschaftliches Gleichgewicht• . Sämtliche Maßnahmen, die der „Erreichung und Stabilisierung des gesamtwirtschaftlichen Gleichgewichts“ dienen, werden im Folgenden unter den Begriff „Stabilisierungspolitik“ zusammengefasst. In dieser weiten Interpretation unterscheidet sich der Begriff von den engeren Begriffen „Konjunkturpolitik“, „Wachstumspolitik“ oder „Stabilitätspolitik“. Diese weite Begriffsabgrenzung hat zweifellos den Vorteil, dass auch Aktivitätsbereiche, die nicht zum traditionellen Bereich der „Konjunktur- und Wachstumspolitik“ zählen, die aber gleichwohl der Erreichung und Stabilisierung des „gesamtwirtschaftlichen Gleichgewichts“ dienen können, nicht von vorne herein ausgeblendet werden. Diese weite, zielorientierte Definition der „Stabilisierungspolitik“ hat sich inzwischen in der Literatur weitgehend durchgesetzt. 2. Wirtschafts- und gesellschaftspolitische Konsequenzen von Zielverletzungen Wirtschaftspolitische Ziele sind nicht nur in einem ökonomischen Zusammenhang zu sehen. Wirtschaftpolitik ist Teil der Gesellschaftspolitik. Daher dient Wirtschaftspolitik nicht nur dem Erreichen ökonomischer Vorstellungen, sondern ist selbst auch Mittel zur Erreichung gesellschaftspolitischer Grundwerte, wie Freiheit, Gerechtigkeit, Wohlfahrt und Sicherheit. Die Festlegung ökonomischer Ziele bedeutet, dass Abweichungen als unerwünscht gelten, da hierdurch der Realisierungsgrad der gesellschaftspolitischen Grundwerte unmittelbar oder mittelbar beeinträchtigt wird. Von zentraler Bedeutung sind die beiden Ziele Preisniveaustabilität und hoher Beschäftigungsstand. Welche ökonomischen und gesellschaftlichen Folgen von entsprechenden Zielverfehlungen, d. h. dem Auftreten von Inflation und Arbeitslosigkeit, ausgehen wird im Folgenden näher betrachtet. 1. Außenwirtschaftliches Gleichgewicht Stabilität des Preisniveaus Angemessenes Wirtschaftswachstum Hoher Beschäftigungsstand Abbildung A.1: Das „magische Viereck“ der Stabilisierungspolitik 1. Die Notwendigkeit wirtschaftspolitischer Stabilisierung 5 2.1 Arbeitslosigkeit als wirtschafts- und gesellschaftspolitisches Problem Die Wurzeln des Ziels eines „hohen Beschäftigungsstandes“ liegen in erster Linie im sozialethisch-gesellschaftspolitischen Bereich. Arbeitslosigkeit bedeutet für die Betroffenen materielle Not, Verlust an Selbstvertrauen und Statusminderung in einer auf Beschäftigung orientierten Gesellschaft. Ein hoher Beschäftigungsstand ist so gesehen eine sozialpolitische Notwendigkeit. Politisch gilt Arbeitslosigkeit zudem als systemgefährdend, da sie nach allgemeiner Auffassung der Verbreitung antidemokratischer Strömungen Vorschub leistet. In parlamentarisch-demo kratischen Systemen gefährdet Arbeitslosigkeit dann die Wiederwahlchancen der herrschenden Regierung. Die Bekämpfung der Arbeitslosigkeit ist mithin auch politisch rational. Darüber hinaus ist Arbeitslosigkeit auch aus ökonomischer Perspektive unerwünscht. Eine Unterbeschäftigung bedeutet zugleich, dass nicht alle in der Volkswirtschaft vorhandenen Produktionsfaktoren optimal genutzt werden, mit der Folge, dass die gesamtgesellschaftliche Wohlfahrt nur eingeschränkt vermehrt werden kann. Die Vollbeschäftigungszielsetzung gilt mithin als wirtschaftspolitische Aufgabe par excellence. 2.2 Inflation als wirtschafts- und gesellschaftspolitisches Problem Während die Vollbeschäftigungszielsetzung unmittelbar einleuchtend ist, sind die Begründungen für eine Politik der Inflationsbekämpfung weit differenzierter. Aufgrund überlieferter Erfahrungen mit der Hyperinflation Anfang der zwanziger Jahre in Deutschland (im Oktober 1923 lag die monatliche Inflationsrate bei 32.400 Prozent) werden der Inflation generell negative Wirkungen zugeschrieben. Sieht man von derartigen, sich beschleunigenden Hyperinflationsprozessen ab, so stellt sich die Frage, welches die negativen Wirkungen „normaler“ bzw. „schleichender“ Inflation sind. Anders formuliert: Ist Preisniveaustabilität, wie der Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung meint, tatsächlich ein Wert an sich? Die Wirkungen von Inflation können sehr unterschiedlich sein. Die Effekte von Preisniveau steigerungen hängen insbesondere davon ab, ob und inwieweit inflationäre Prozesse von den Wirtschaftssubjekten antizipiert und bei deren Aktivitäten berücksichtigt werden. Üblicherweise werden folgende Effekte von Inflation unterschieden: Allokative Wirkungen,• distributive bzw. verteilungspolitische Wirkungen und • außenwirtschaftliche Wirkungen.• 2.2.1 Allokationswirkungen der Inflation Ein stabiles Preisniveau wirkt wohlstandsmehrend. Es ist Voraussetzung für das unverfälschte Funktionieren des Preismechanismus und damit für die optimale Allokation der Produktionsfaktoren. Inflation setzt den für die Marktwirtschaft so wichtigen Marktmechanismus außer Kraft. In einer Marktwirtschaft kommt Preisen, die sich aus dem Zusammenspiel von Angebot und Nachfrage ergeben, die Funktion von Knappheitsindikatoren zu. Wird dieses Zusammenspiel gestört, so sind insbesondere bei hohen und stark schwankenden Inflationsraten Fehllenkungen der Produktionsfaktoren und damit Ineffizienzen die Folge. Preisniveaustabilität 1. 1. 1. Teil A: Aufgaben und Ziele der Stabilisierungspolitik6 fördert den Funktionsmechanismus der Marktwirtschaft und ist daher eine zentrale Voraussetzung für wirtschaftliches Wachstum. Auf Dauer dient Preisniveaustabilität so auch dem Ziel der Vollbeschäftigung. Wegen der negativen Allokations-, Wachstums- und Beschäftigungseffekte von Inflation treten vor allem Neoklassiker und Monetaristen dafür ein, inflationären Entwicklungen von vorn herein konsequent entgegen zu treten. 2.2.2 Umverteilungswirkungen der Inflation Inflation kann Einkommens- und Vermögensumverteilungen zur Folge haben. Da die Nominaleinkommen und die Nominalwerte der Vermögen aller Individuen bei Inflation regelmäßig nicht in derselben Proportion zunehmen wie in einem Zustand ohne Inflation, werden einzelne Wirtschaftssubjekte real benachteiligt, während andere Individuen real begünstigt werden. Es gibt also Inflationsgewinner und Inflationsverlierer. Diese Umverteilungseffekte sind empirisch schwer abzuschätzen. Der Kaufkraftverlust hängt für ein Wirtschaftssubjekt oder eine Gruppe von Wirtschaftssubjekten vor allem davon ab, ob und inwieweit es gelingt, sich gegen die Geldentwertung zur Wehr zu setzen. Da Inflation zur Benachteiligung einzelner Gruppen führen kann, ist mit Abwehrreaktionen bei den negativ Betroffenen zu rechnen. Es kann zu einem Verteilungskampf zwischen den (potenziellen) Inflationsgewinnern und den (potenziellen) Inflationsverlierern kommen, an dessen Ende nur noch mehr Inflation steht. Auf diesen Aspekt des Inflationsproblems wird bei der Ursachenanalyse zurückzukommen sein. Die zentralen in der Literatur vorgetragenen Umverteilungshypothesen sind: a) Die Lohn-Lag-Hypothese Bei der Lohn-Lag-Hypothese handelt es sich um mögliche Auswirkungen der Inflation auf die funktionelle Einkommensverteilung, also auf die Lohn- bzw. Gewinnquote (Lohneinkommen bzw. Gewinneinkommen in Prozent des Nationaleinkommens. Umverteilungswirkungen ergeben sich dann, wenn die bereits von J. M. Keynes geäußerte Vermutung zutrifft, dass die Anpassung der Nominallöhne an die Preisniveauentwicklung mit zeitlicher Verzögerung erfolgt. Ist dies der Fall, dann ergibt sich als Konsequenz hieraus ein tendenzielles Absinken der Lohnquote und ein realer Kaufkraftverlust der Lohneinkommensbezieher. Inflationsverlierer sind die Arbeitnehmer. Inflationsgewinner sind die Gewinneinkommensbezieher. Die Inflation wirkt wie eine zusätzliche „Besteuerung der Arbeitnehmer”. Die Lohn-Lag- Hypothese besagt allerdings nur, dass die Arbeitnehmer dann Inflationsverlierer sind, wenn die Lohnentwicklung hinter der Inflation zurückbleibt. Sie sagt nicht, dass dies in der Realität zwingend der Fall ist. Im Gegenteil: die Lohnentwicklung kann auch der Inflation vorauseilen und selbst Ursache von Preis niveausteigerungen sein. b) Die Transfereinkommens-Lag-Hypothese Eine Umverteilung zuungunsten der Bezieher von Transfereinkommen ergibt sich, sofern die überwiegend politisch bestimmten Transfereinkommen (Renten, Sozialhilfe, Kindergeld u. a.m.) nicht entsprechend an den Inflationsprozess angepasst werden. Dies ist in der Realität häufig der Fall. Die Folge ist ein realer Kaufkraftverlust der Transfereinkommensbezieher; sie sind Inflationsverlierer. c) Die These vom Staat als Inflationsgewinner Im Steuerrecht gilt das Prinzip „Euro ist gleich Euro“. Steigen die Einkommen an, so müssen bei einen progressiven Steuersystem (z. B. progressiv ausgestaltete Ein- 1. 1. Die Notwendigkeit wirtschaftspolitischer Stabilisierung 7 kommensteuer) die Wirtschaftssubjekte prozentual höhere Abgaben leisten. Dies gilt als gerecht, da ja infolge der Einkommenssteigerung eine höhere Leistungsfähigkeit gegeben ist. Progressionsbedingte Mehreinnahmen ergeben sich allerdings auch dann, wenn die Einkommenssteuerungen ausschließlich inflationsbedingt sind, wenn die Realeinkommen also gar nicht gestiegen sind. Die Konsequenz ist ein Anstieg der volkswirtschaftlichen Steuerquote, was nichts anderes bedeuten würde, als das irgendwann jede Person, unabhängig vom Realeinkommen, den Spitzensteuersatz zahlen müsste. Dieser Prozess wird auch „heimliche“ oder „kalte“ Progression bezeichnet. Sie führt zu einer Umverteilung zwischen dem privatem und dem staatlichem Sektor. Betrachtet man ausschließlich die Einnahmenseite, so ist der Staat Inflationsgewinner; die Privaten sind Inflationsverlierer. Der Effekt ist umso ausgeprägter, je höher die Aufkommenselastizität („Progressivität”) des Steuersystems ist. Für den Staat kann sich dieser Sieg allerdings als Pyrrhus-Sieg erweisen. Ob die Staatsausgabenquote nämlich durch diese inflationsbedingten Einnahmensteigerungen real erhöht werden kann, hängt entscheidend davon ab, in welchem Ausmaß inflationsbedingte Mehraufwendungen auf der Seite der Staatsausgaben zu leisten sind, um das reale Niveau der Staatsausgaben aufrecht zu erhalten. Der Staat ist jedoch ein teurer Dienstleistungsbetrieb. In einer inflatorischen Wirtschaft muss auch er für sein Personal erhöhte Aufwendungen leisten, da regelmäßig die Löhne und Gehälter der Angestellten und Beamten im Zuge der Inflation angehoben werden müssen. Mehrausgaben ergeben sich auch als Folge der Verteuerung der Infrastrukturinvestitionen des Staates. Nach Auffassung des Sachverständigenrates ist der Staat „unter dem Strich“ keineswegs Inflationsgewinner, sondern eher Inflationsverlierer. Die durch eine kalte Progression entstehenden Mehreinnahmen würden danach nicht zur Finanzierung der gleichen realen Staatsleistungen ausreichen. Folge sind aber eine gestiegene Abgaben- und Staatsausgabenquote. d) Die Gläubiger-Schuldner-Hypothese Während sich die vorgenannten Inflationseffekte auf die Einkommensverteilung beziehen, befasst sich die Gläubiger-Schuldner-Hypothese mit den Vermögensumverteilungswirkungen der Inflation. Inflation vermindert danach den Realwert von Geldvermögensforderungstiteln. Da jedem Forderungstitel gleichzeitig auch ein Schuldtitel entspricht, wird auch der Realwert einer Schuld durch die Inflation geringer. Die Gläubiger werden zu Inflationsverlierern, die Schuldner zu Inflationsgewinnern. Dies gilt dann, wenn die Höhe der Schuld in Geldeinheiten fixiert ist und wenn weder in der Höhe des Nominalzinses noch in den Tilgungsraten die Inflationsrate berücksichtigt wird. Die Realität zeigt, dass in Zeiten hoher Inflation keineswegs auch die Realverzinsung (Nominalzins abzüglich Inflationsrate) regelmäßig hoch ist. Eher ist das Gegenteil der Fall. 2.2.3 Auswirkungen der Inflation auf die preisliche Wettbewerbsfähigkeit einer Volkswirtschaft Bisher wurden nur binnenwirtschaftliche Auswirkungen der Inflation betrachtet. Bezieht man das Ausland ein, so tritt eine weitere negative Auswirkung von Preisniveausteigerungen in Erscheinung. Infolge steigender inländischen Güterpreise kann die internationale Wettbewerbsfähigkeit der Volkswirtschaft sinken. Das ist jedenfalls dann der Fall, wenn die Preise im Inland schneller als im Ausland steigen und die Wechselkurse stabil sind. Die Ausländer müssen dann bei den gegebenen 1. Teil A: Aufgaben und Ziele der Stabilisierungspolitik8 Umtauschkursen mehr für inländische Waren und Dienstleistungen bezahlen. Gerade für die Bundesrepublik Deutschland spielte in der Vergangenheit die positive Wirkung der (relativen) Preisniveaustabilität im Inland im Verhältnis zum Ausland eine erhebliche Rolle. In einem System flexibler Wechselkurse sind die Prozesse komplizierter und wegen der schwankenden Kurse auch nur schwer prognostizierbar. Innerhalb der Euro-Zone sind die Inflationswirkungen angesichts einer einheitlichen Geldpolitik der Europäischen Zentralbank eher gering. Die Wirkungen auf die relative Wettbewerbsposition halten sich daher in Grenzen. 2.2.4 Neutralisierung der Inflationseffekte durch Indexierung Bei der Beurteilung einer Wirtschaftspolitik, die dem Ziel der Geldwertstabilität dient, sind neben den Wirkungen inflationärer Prozesse auch die Auswirkungen dieser Politik auf andere wirtschafts- und gesellschaftspolitische Ziele (beispielsweise auf das Beschäftigungsziel) in Rechnung zu stellen. Angesichts derartiger Zielkonflikte wird in Theorie und Politik teilweise für eine „Relativierung des Ziels der Geldwertstabilität“ plädiert. Inflation wird zum Teil als „Schmiermittel“ angesehen, um die Wachstumsprozesse zu beschleunigen. Ausreichend sei es vor diesem Hintergrund, wenn die negativen Umverteilungseffekte der Inflation neutralisiert würden. Die Neutralisierung der Inflationswirkungen könnte beispielsweise durch eine allgemeine Indexierung erfolgen, d. h. die Koppelung relevanter Einkommen an einen Preisindex. Ein Beispiel hierfür ist die Lohnindexierung. Eine derartige Indexierung wurde in Italien in Form der „scala mobile“ ein halbes Jahrhundert lang praktiziert. Auch die „kalte Progression“ ließe sich durch Indexierung des Steuersystems (z. B. regelmäßige Erhöhung des Grundfreibetrages mit der Inflationsrate) vermeiden. Klar muss aber sein: Indexierung verhindert nicht die Inflation. Sie stellt lediglich den Versuch dar, die negativen Umverteilungseffekte der Inflation in Grenzen zu halten. Da hierdurch die Widerstände gegen Inflation sinken, führt Indexierung regelmäßig zu einer Beschleunigung der Geldentwertung. Wie beschrieben resultiert daraus auf Dauer a) eine Fehlallokation der Produktionsfaktoren, b) geringeres Wachstum und c) ein geringeres Beschäftigungsniveau. 2.2.5 Kosten einer Inflation Neben den Allokations- und Umverteilungswirkungen und den Folgen für die Wettbewerbsfähigkeit einer Volkswirtschaft entstehen durch Inflation zusätzlich wohlfahrtsmindernde „Reibungsverluste“. Sie werden in der wissenschaftlichen Diskussion häufig vernachlässigt, wachsen aber in der Realität rasanter als die Inflation zu einem beachtlichen Kostenblock heran. Hierzu zählen die sogenannten Speisekarten-Kosten (menu costs). Sie entstehen durch die inflationsbedingte Notwendigkeit zur Erneuerung und Verbreitung von Preisangaben, bspw. für Speisekarten, Kataloge, Preisauszeichnungen im Einzelhandel, sonstige Preislisten und insbesondere für die Umstellung von Münzautomaten. Weiterhin wird sich bei den Wirtschaftssubjekten mit zunehmender (erwarteter) Inflation die Neigung zur Bargeldhaltung verringern, da in diesem Fall Bargeldhaltung zur Kaufkraftvernichtung wird. Sie werden daher nach besseren Anlageformen suchen. Bildlich gesprochen handelt es sich hierbei um die sogenannten Schuhsohlen-Kosten. Sie entstehen im Wesentlichen dadurch, dass die Wirtschaftssubjekte inflationsbedingt Ressourcen und Zeit aufwenden müssen, um eine Kaufkraftvernichtung zu vermeiden. 1. 1. 1. Die Notwendigkeit wirtschaftspolitischer Stabilisierung 9 Beide genannten Arten von Inflationskosten werden erst bei hohen Inflationsraten bedeutend. Dies gilt jedoch nicht für Risikokosten. Herrscht Unsicherheit über die bevorstehende Inflationsentwicklung, wird dies insbesondere bei längerfristigen Verträgen Berücksichtigung finden. Sie werden deutlich seltener abgeschlossen, da sich die Ertragsunsicherheit von Investitionen erhöht. Weiterhin wird auch die Effizienz des Kapitalmarktes und als Konsequenz dessen die volkswirtschaftliche Wohlfahrt eingeschränkt, da Kapitalgeber bei langfristigen Kreditverträgen zusätzlich zum Nominalzins einen Risikozuschlag verlangen werden, um einen potenziellen inflationsbedingten Kapitalverlust zu kompensieren. Bei höheren Zinsen sinkt jedoch die Rentabilität von Investitionsprojekten, sodass einige von ihnen überhaupt nicht mehr durchgeführt werden, was eine Verringerung der gesamtwirtschaftlichen Wohlfahrt zur Folge hat. 2.2.6 Geldwertstabilität als öffentliches Gut Ungeachtet aller Probleme, die bei einer abschließenden Beurteilung der Inflationswirkungen und der Konsequenzen einer Politik der Inflationsbekämpfung auftreten, ist festzustellen, dass Preisniveaustabilität in den Augen der Bevölkerung eine hohe Priorität einnimmt. Konsequenterweise zählt die Inflationsbekämpfung zu den dominierenden Zielen der Wirtschaftspolitik. Der Wirtschaftspolitiker befindet sich allerdings regelmäßig in einem Dilemma. Toleriert er inflationäre Prozesse, so riskiert er die Chance seiner Wiederwahl; bekämpft er sie, so sind seine Wiederwahlchancen keineswegs größer, denn Geldwertstabilität weist die spezifischen Eigenschaften eines „öffentlichen Gutes“ auf: Vom Nutzen des „Gutes“ Geldwertstabilität kann niemand ausgeschlossen werden; die Preisniveaustabilität kommt allen Wirtschaftssubjekten zugute. Die Bekämpfung der Inflation erfordert jedoch regelmäßig Maßnahmen, die einzelne Individuen belasten. So mag z. B. die Bekämpfung der Inflation einen Zuschlag zur Einkommen- und Körperschaftsteuer notwendig machen. Aufgrund dieser „Lastenasymmetrie“ lässt sich eine aktive Politik der Sicherung der Währung nur schwerlich in politische Erfolge ummünzen. 2.3 Zusammenfassung der wirtschafts- und gesellschaftspolitischen Konsequenzen von Zielverletzungen Einen zusammenfassenden Überblick über (mögliche) wirtschafts- und gesellschaftspolitische Folgen die durch das Auftreten von Inflation und/oder Arbeitslosigkeit entstehen können, liefert Übersicht A.1. 1. 1. Teil A: Aufgaben und Ziele der Stabilisierungspolitik10 Wirtschafts- und gesellschaftspolitische Konsequenzen von Arbeitslosigkeit – wirkt sich negativ auf die ökonomische und soziale Situation der Betroffenen aus, – gefährdet die politische Stabilität, – senkt Wiederwahlchancen der Regierung und – vermindert die gesamtwirtschaftliche Wohlfahrt. Inflation – beeinträchtigt das Funktionieren des Preismechanismus, – führt zu einer Umverteilung von Einkommen und Vermögen, – verschlechtert die preisliche Wettbewerbsfähigkeit der Volkswirtschaft und – erhöht volkswirtschaftliche Kosten. Ungewollte Abweichung vom gesamtwirtschaftlichen Gleichgewicht Übersicht A.1: Wirtschafts- und gesellschaftspolitische Konsequenzen von Inflation und Arbeitslosigkeit Konkretisierung der Stabilisierungsziele 1. Notwendigkeit der Zieloperationalisierung Rationale Wirtschaftspolitik erfordert eindeutige Zielvorgaben. Die Sicherung des gesamtwirtschaftlichen Gleichgewichts ist Aufgabe der Stabilisierungspolitik. Diese Aufgabe wurde zwar in § 1 StWG konkretisiert, eine eindeutige Definition der Teilziele unterblieb jedoch und es ist nicht von vornherein eindeutig, wann in der Praxis ein gesamtwirtschaftliches Gleichgewicht vorliegt. Eine klare Vorstellung hiervon ist jedoch notwendig, da rationale Wirtschaftspolitik eindeutig formulierte Zielvorgaben für die Träger der Wirtschaftspolitik benötigt. Eine solche Zielkonkretisierung bzw. Operationalisierung lässt sich in einem dreistufigen Prozess vornehmen (siehe hierzu Übersicht A.2): In der • ersten Stufe gilt es dem wirtschaftspolitischen Ziel einen Indikator (Messvorschrift) zuzuordnen. Diese Form der Operationalisierung, man spricht von qualitativer Operationalisierung, ist notwendig, um den Zielbegriff „greifbar“ zu machen. Der gewählte Indikator sollte allerdings ein „Bestindikator“ sein, d. h. er sollte das gemeinte Phänomen (Inflation, Beschäftigungsstandveränderung bzw. Arbeitslosigkeit) hinsichtlich seines Bedeutungsinhaltes und -umfangs möglichst „gültig“ erfassen. Diese Stufe scheint trivial, erweist sich jedoch in der Praxis als herausfordernd, da bei fehlenden gesetzlichen Regelungen die Wahl eines Indikators immer auch eine Wertentscheidung ist. In der zweiten Stufe• sind die Ziele quantitativ zu bestimmen (quantitative Operationalisierung). Den jeweiligen Indikatoren sind also angestrebte quantitative „Bestwerte“ zuzuordnen. Existieren Konflikte zwischen wirtschaftspolitischen Zielen, setzt die Festlegung bestimmter quantitativer Zielwerte ein Abwägen zwischen den alternativen Zielerreichungsgraden voraus. Diese Entscheidung obliegt der jeweiligen Exekutive. Die dritte Stufe • fokussiert die zeitliche Dimension. Denn zusätzlich zur quantitativen und qualitativen Operationalisierung ist es notwendig festzulegen, innerhalb welcher Periode die Ziele realisiert werden sollen (zeitliche Operationalisierung). 2. 2. 1. Stufe Qualitative Operationalisierung 2. Stufe Quantitative Operationalisierung 3. Stufe Zeitliche Operationalisierung Übersicht A.2: Dreistufiger Prozess der wirtschaftspolitischen Zielkonkretisierung

Chapter Preview

References

Zusammenfassung

Prägnant, fundiert und leicht verständlich

Die „Stabilisierungspolitik“ ist im deutschsprachigen Raum eines der führenden Lehrbücher auf seinem Gebiet. Diese Auflage ist völlig neu überarbeitet und vermittelt prägnant, leicht verständlich und fundiert umfangreiches Fachwissen zur angewandten Wirtschaftspolitik. Dabei stellt das Buch sowohl angebots- als auch nachfrageorientierte Strategien zur Bekämpfung gesamtwirtschaftlicher Fehlentwicklungen vor. Es zeigt Schritt für Schritt, wie Arbeitslosigkeit und Inflation ursachenbezogen bekämpft werden kann, wie außenwirtschaftliches Gleichgewicht gewahrt sowie durch Verbesserung der Rahmenbedingungen die Wettbewerbsfähigkeit des Wirtschaftsstandortes dauerhaft gestärkt und ein angemessenes Wirtschaftswachstum gesichert werden kann. Der übersichtlich strukturierte Text wird durch eine Vielzahl von Abbildungen und Beispielen aufgelockert, um die zum Teil komplexen Zusammenhänge der Wirtschaftspolitik anschaulich und lebendig darzustellen.

Das Lehrbuch richtet sich sowohl an Studenten der Wirtschaftswissenschaften an Universitäten, Fachhochschulen, Berufs- und Studienakademien als auch an Praktiker aus der Wirtschaftspolitik sowie an wirtschaftspolitisch Interessierte.

Die Autoren

Prof. Dr. Jürgen Pätzold, Dozent an der Universität Hohenheim.

Dr. Daniel Baade, Wirtschaftswissenschaftler, Promotion an der Universität Hannover.