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4. Exkurs: Empirische Untersuchungen zum Geldangebot in:

Otmar Issing

Einführung in die Geldtheorie, page 91 - 94

15. Edition 2011, ISBN print: 978-3-8006-3810-9, ISBN online: 978-3-8006-4315-8, https://doi.org/10.15358/9783800643158_91

Series: Vahlens Kurzlehrbücher

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MS , MD i O KA , K N KAeMSe MS u KAuKNMD Abb. III.7 Anhand dieser zweifellos stark vereinfachten Darstellung lässt sich auch die Rolle des Nichtbankensektors etwas näher interpretieren. Dem Verhalten des Nichtbankensektors kommt zwangsläufig keine Bedeutung für das Geldangebot zu, wenn die Notenbank die Geldmenge – also nicht nur die Geldbasis! – vollkommen beherrscht. Ist diese Situation jedoch nicht gegeben, löst die vermehrte Kredit- und Geldnachfrage des Nichtbankensektors eine zusätzliche Kreditgewährung und gleichzeitig eine zusätzliche Geldschöpfung aus. Das Ausmaß dieser zusätzlichen Geldschöpfung hängt von den institutionellen Rahmenbedingungen und dem Verhalten der Kreditinstitute ab, wie es im Verlauf der beiden Kurven MS und KA zum Ausdruck kommt, aber auch vom Verhalten der Nichtbanken, da davon der Verlauf der Kurven KN und MD und damit auch das Ausmaß der Zinserhöhung abhängt, das diesen Prozess der Geld- und Kreditschöpfung auslöst. 4. Exkurs: Empirische Untersuchungen zum Geldangebot Ältere Veröffentlichungen basieren noch auf dem traditionellen Multiplikatoransatz (Ahrensdorf und Kanesathasan). Einen Übergang zur neueren Theorie stellt bereits die Untersuchung von Cagan dar, in der er die langfristige Entwicklung des Quotienten Bargeldhaltung zu Sichtdepositen für die USA und dessen Determinanten analysiert. Unter den sechs Faktoren, die Cagan in diesem Zusammenhang diskutiert, spielt interessanterweise neben den Kosten der Bargeldhaltung auch die Reisefreudigkeit der Bevölkerung eine Rolle. Wesentliche Impulse hat die empirische Forschung auf dem Gebiete des Geldangebots durch die Forderung der Monetaristen nach einer strikt geldmengenorientierten Notenbankpolitik erhalten, da dieses Konzept eine tatsächliche Beherrschung des Geldangebots durch die Notenbank voraussetzt. Einen Nachweis im Sinne dieser 84 III. Das Geldangebot These haben vor allem Friedman und Schwartz, Cagan sowie Brunner und Meltzer für die USA zu führen versucht. Die Ergebnisse der empirischen Untersuchungen differieren erwartungsgemäß teilweise erheblich zwischen den einzelnen Ländern, da die unterschiedlichen institutionellen Gegebenheiten für den Geldangebotsprozess von entscheidender Bedeutung sind. Für das Vereinigte Königreich finden Ford und Morris über einen Zeitraum von 1977 bis 1993 langfristige Gleichgewichtsbeziehungen (sog. „Kointegrationsbeziehungen‘‘) zwischen der Geldbasis und dem breiten Aggregat M4 einerseits sowie zwischen der Geldbasis und verschiedenen Divisia-Aggregaten andererseits. Dieses Ergebnis untermauert die Geldangebotstheorie, da demnach in der langen Frist eine Ausweitung der breiten Aggregate mit einer Ausweitung der Geldbasis einhergehen muss, sodass ein stabiler Geldmultiplikator resultiert. Die Kausalitätsanalyse der Autoren weist zudem eine statistische Exogenität der Geldbasis im Bezug auf die breiten Aggregate nach, mit anderen Worten, temporäre Veränderungen des Multiplikators werden durch eine entsprechende Anpassung der breiten Aggregate ausgeglichen. Da für das Euro-Währungsgebiet nur eine begrenzte Erfahrung vorliegt, werden im Folgenden eine Reihe von Untersuchungen insbesondere für Deutschland genannt. Siebke/Willms kommen in ihrer Arbeit zu dem Ergebnis, dass im Beobachtungszeitraum 1958–1968 im Durchschnitt 85% des Wachstums der Geldmenge auf die Ausdehnung der monetären Basis und nur 15% auf Änderungen des Multiplikators zurückzuführen sind. Durch Senkungen der Mindestreservesätze konnte die Bundesbank 1960/61 und 1966/67 den Einfluss eines Rückgangs der monetären Basis auf die Geldmenge nicht nur ausgleichen, sondern sogar überkompensieren. Die Analyse zeigt ferner, dass das Wachstum der monetären Basis in der Bundesrepublik in Zeiten hoher Devisenüberschüsse fast ausschließlich außenwirtschaftlich bestimmt war, so in den Jahren 1958–1964 zu mehr als 90%. Andererseits haben die Banken gerade in Zeiten der Rezession durch eine Reduzierung ihrer Rediskontierung bei der Notenbank und den Erwerb von Offenmarktpapieren die monetäre Basis verringert und insoweit die Geldpolitik der Notenbank durchkreuzt, die durch Senkungen des Diskontsatzes die Banken eher zu einer verstärkten Rediskontierung anregen wollte. In einer Schätzung einer Nachfragefunktion der Banken nach Refinanzierungskrediten und Offenmarktpapieren versuchen die beiden Autoren, die Determinanten dieses Bankenverhaltens zu ermitteln. Ähnlich geht zunächst Westphal vor, der die Nachfrage des Bankensystems nach Liquiditätsanlagen und Zentralbankkrediten als Ergebnis einer Portfolioentscheidung sieht. In seinem empirischen Test der Nachfrage des Bankensektors nach Liquiditätsanlagen für die Jahre 1963–1968 kommt er zu dem Resultat, dass die Banken einen Zufluss an frei verfügbarem Zentralbankgeld in Höhe von 50% zum Erwerb von Liquiditätsanlagen verwendeten, die restliche Hälfte teils zur Rückführung der Verschuldung bei der Bundesbank und teils zur Abdeckung des erhöhten Mindestreservebedarfes, der durch die Expansion der Bankeinlagen hervorgerufen wurde. Zinsüberlegungen spielten bei der Entscheidung über die Liquiditätsanlagen keine wesentliche Rolle, waren dagegen von erheblicher Bedeutung für die Nachfrage des Bankensystems nach Zentralbankkrediten. Eine Zunahme der kurzfristigen Kreditnachfrage haben die Banken etwa zur Hälfte durch einen Rückgriff auf Zentralbankkredite finanziert. 4. Exkurs: Empirische Untersuchungen zum Geldangebot 85 In der Nachfrage des Bankensystems nach Liquiditätsanlagen zeigt sich, inwieweit die Banken Zentralbankgeldzuflüsse nicht zur Buchgeldschöpfung verwenden; die Nachfrage nach Zentralbankkredit gibt dagegen Aufschluss über die Möglichkeiten der Banken, die monetäre Basis zu beeinflussen. In beiden Faktoren zeigt sich somit der Einfluss des Verhaltens der Geschäftsbanken auf das Geldangebot. Westphal integriert daher konsequenterweise beide Aspekte zu einer (kurzfristigen und langfristigen) Geldangebotsfunktion des Bankensystems. Die „Pufferfunktion‘‘ der Liquiditätsanlagen zeigt sich vor allem darin, dass sich eine Erhöhung des „Geldschöpfungspotentials‘‘, die sich infolge einer Vergrößerung der (bereinigten) monetären Basis bzw. des Multiplikators ergibt, in der gleichen Periode nur zu 50% bzw. 30% in einer Erhöhung des tatsächlichen Geldangebots niederschlägt; die volle Anpassung an das erhöhte Potential erfolgt erst in der nächsten Periode. Das Refinanzierungsverhalten der Geschäftsbanken in den Jahren 1955–1968 untersucht Timmermann. Er kommt dabei zu dem Ergebnis, dass auch Gewinnüberlegungen bei der Refinanzierung der westdeutschen Kreditinstitute eine Rolle gespielt haben, wenngleich dem „Bedarfsmotiv‘‘, vor allem in Phasen der restriktiven Geldpolitik die größere Bedeutung zukam. Erwähnenswert ist auch eine neuere Studie von Mitusch und Nautz zum Geldangebot in Europa, die den Zusammenhang zwischen dem Geldangebot und der Kreditvergabe der Banken untersuchen. Banken refinanzieren ihre (langfristige) Kreditvergabe im Rahmen dieses Modells über eine Sequenz kurzfristiger Zentralbankkredite, die sie im Rahmen der Offenmarktpolitik der Zentralbank aufnehmen. Aufgrund dieser Fristentransformation sowie der Flexibilität der Offenmarktoperationen unterliegen die Banken einem Zins- und Liquiditätsrisiko. Es wird im Rahmen des Modells gezeigt, dass die Kreditvergabe und das Geldangebot abnehmen, wenn erwartet wird, dass die Refinanzierungsbedingungen ungünstiger werden. In einem anderen Beitrag entwickelt Siebke ein Modell zur Erklärung des Geldangebotsprozesses in der Bundesrepublik und testet die entsprechende Geldangebotsfunktion für die Zeit von 1950–1969. Als wichtigstes Ergebnis erhält er die Tatsache, dass das Geldangebot wesentlich stärker auf Variationen des Marktzinses als auf Veränderungen des Diskontsatzes reagiert. Nachdem die Bundesbank das Geldangebot nur indirekt über die Beeinflussung des Bankenverhaltens steuern kann, müsste sie den Diskontsatz und die Abgabesätze für Geldmarktpapiere relativ hoch setzen, wenn sie die Banken von einer erhöhten Rediskontierung und Rückgabe von Geldmarktpapieren abhalten will. Jarchow/Möller/Bernhöft analysieren u.a. das Problem, ob der Übergang zu grö- ßerer Wechselkursflexibilität im Jahre 1973 „Spuren im Geldschöpfungsprozess der Bundesrepublik hinterlassen‘‘ hat. Nach den (vorläufigen) Ergebnissen ist diese Frage zu bejahen, und zwar lässt sich im Gegensatz zur Periode 1965–1972 für die Phase 1974–1985 ein positiver Einfluss des Zinses auf das Geldangebot nicht mehr feststellen. Hinsichtlich der praktischen Verhältnisse in der Bundesrepublik hat Issing (1995, S. 25) argumentiert, dass die Bundesbank angesichts des Zwanges zur Deckung des Refinanzierungsbedarfes der Kreditinstitute keine Geldbasissteuerung betreiben könne, sondern vielmehr versuche, „ ... die Zinskonditionen und die Knappheitsverhältnisse am Geldmarkt so zu gestalten, dass sie ihren monetären Zielsetzungen möglichst nahekommt“. Dies findet seine Bestätigung in einer neuen Arbeit von 86 III. Das Geldangebot Nautz. Auf der Basis von Kointegrationstests und Granger-Kausalitätstests weist er nach, dass im Falle Deutschlands weder M1 noch M3 über Veränderungen der Geldbasis gesteuert werden. In beiden Fällen scheint sich die Geldbasis an die Entwicklung der Geldmenge anzupassen und nicht umgekehrt. 5. Die Zukunft des Geldangebotsmonopols der Notenbank In der Geldwirtschaft besitzt die Notenbank eine einzigartige Stellung im Bankensystem. Durch ihre geldpolitischen Operationen gibt sie die Konditionen am Geldmarkt vor und beeinflusst damit maßgeblich die Geld- und Kreditschöpfung des Bankensystems. Ein Vergleich der Größenordnungen in Tabelle III. 1 offenbart jedoch die gänzlich unterschiedlichen Dimensionen der Zentralbankbilanz einerseits, gekennzeichnet durch die Einlagen bei der Notenbank bzw. der monetären Basis, und der Größe des Finanzsystems andererseits, charakterisiert durch das breite Geldmengenaggregat bzw. die ausstehende Staatsschuld. Während die einzelnen Verhältniszahlen vor dem Hintergrund spezifischer, währungsgeschichtlicher Entwicklungen zwischen den Gebieten durchaus divergieren, fallen die Bilanzmaße der Notenbank im Vergleich zu den Größenordnungen des jeweiligen Finanzsystems für alle vier Währungsgebiete verhältnismäßig gering aus. Vergleich finanzieller Kenngrößen in 2004 in % des BIP Einlagen bei der Notenbank Monetäre Basis Breites Geldmengenaggregat Ausstehende Staatsschuld USA 0.4 6.1 75.9 48.6 Japan 6.4 21.9 138.8 157.9 Eurogebiet 2.0 9.1 97.0 70.2 UK 0.0 4.3 114.8 41.5 Quelle: BIZ, EZB und OECD Tabelle III.1 Hieraus lässt sich unmittelbar ableiten, dass der Umfang der geldpolitischen Operationen der Notenbank im Verhältnis zu den Volumina auf den (zu beeinflussenden) Finanzmärkten eher gering ist. In dem Maße, in dem die Notenbank mit diesen „kleinen‘‘ Operationen Einfluss auf das Finanzsystem nehmen kann, müssen diese Operationen eine besondere Qualität besitzen. Diese beruht letztlich auf der Monopolstellung der Notenbank als einzige Quelle Zentralbankgeld ausgeben zu können, d. h. ein Zahlungsmittel, das nicht durch andere Aktiva substituiert werden kann und nicht in andere Zahlungsmittel eingelöst werden muss. Da eine ausreichende Versorgung mit Bankenliquidität für eine Ausweitung des Bankgeschäftes unabdingbar ist (siehe Abschnitt 3 b) und die Notenbank einen Monopolstatus innehat, kann sie folglich die Konditionen der Zentralbankgeldbereitstellung bestimmen. Der Wandel im Bankwesen und der technologische Fortschritt im Zahlungsverkehr könnten in der Zukunft zu einer weiteren Divergenz zwischen dem Umfang der Zentralbankbilanz und der Grösse des Finanzsystems führen. Vor diesem Hintergrund warf B. Friedman die Frage auf, ob im Rahmen einer solchen Entwicklung die Bedeutung des Geldangebotsmonopols und damit die Kontrolle der Notenbank über 5. Die Zukunft des Geldangebotsmonopols der Notenbank 87

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Zusammenfassung

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Im Überblick

* Das Geld

* Die Nachfrage nach Geld

* Das Geldangebot

* Zinstheorie

* Geldmenge, monetäre Nachfrage, Preisniveau und Beschäftigung

* Die Liquidität

* Inflationstheorie