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3. Neuere Ansätze zur Geldangebotstheorie in:

Otmar Issing

Einführung in die Geldtheorie, page 76 - 91

15. Edition 2011, ISBN print: 978-3-8006-3810-9, ISBN online: 978-3-8006-4315-8, https://doi.org/10.15358/9783800643158_76

Series: Vahlens Kurzlehrbücher

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Unter Verwendung von (10), (20) und (21) folgt dann: (31a) m2 Ë 1Ê kÊ dkÊ rD Ê rT dÊ rS e : Aufgrund der angenommenen Zahlenwerte erhält man für m2 Ë 3,4; bei einer Geldbasis von 100 ergibt sich somit eine Geldmenge M2 von 340. Nach dem gleichen Verfahren lautet das Ergebnis für den Geldmultiplikator m3, d.h. für die Relation zwischen einer Geldmenge M3, die neben M1 auch Terminund Spareinlagen enthält (von kurzfristigen Wertpapieren oder Geldmarktfonds wird hier abgesehen), und der Geldbasis: (32) M3 Ë m3 · B. (32a) m3 Ë M3B Ë 1Ê kÊ dÊ e kÊ rD Ê rT dÊ rS e : Die numerischen Werte sind in diesem Falle m3 Ë 5,4 und M3 Ë 540. Die Geldmenge und damit – bei gegebener monetärer Basis – der Geldmultiplikator wird also ceteris paribus umso größer, je weiter die Geldmenge definiert ist. Zum Schluss dieses Abschnittes sei noch einmal hervorgehoben, dass diese formalen Ableitungen auf Grund einiger sehr restriktiver Annahmen vorgenommen wurden. Gleichwohl lassen sich anhand dieser einfachen Modellüberlegungen die Zusammenhänge zwischen der Geldbasis und den jeweiligen Größen M1, M2 und M3 verdeutlichen. Ebenso können diese Ableitungen dazu dienen, den Einfluss von Änderungen der als konstant unterstellten Parameter c, r etc. auf die verschiedenen Geldmengenaggregate zu analysieren. 3. Neuere Ansätze zur Geldangebotstheorie a) Kritik am älteren Multiplikatorkonzept Nach der Darstellung des vorangehenden Abschnittes scheint sich die Bestimmung der Geldmenge auf ein rein arithmetisches Problem zu reduzieren: die Notenbank entscheidet über die Höhe des Basisgeldes, die gesamte Geldmenge „errechnet‘‘ sich als Produkt aus Basisgeld und dem jeweiligen Geldmultiplikator. In die Ermittlung des Multiplikators ging dabei eine Reihe von Annahmen über bestimmte „Quoten‘‘ wie r, c bzw. k etc. ein, deren Höhe als gegeben unterstellt wurde. Die Geldmenge wird damit als eine exogene Größe erklärt, d.h. eine Größe, die nicht durch den eigentlichen Geldangebotsprozess determiniert wird, sondern durch Faktoren, die eine Art „Datenkranz‘‘ für die Bestimmung der Geldmenge bilden. Die Fragwürdigkeit dieses Vorgehens ergibt sich bereits unmittelbar aus den Annahmen, mit denen dieser Ansatz arbeitet. Wie sich aus dem einfachen Multiplikatormodell direkt ablesen lässt, hat z.B. der Wunsch der Nichtbanken, einen geringeren oder höheren Anteil an Bargeld in der Kasse zu halten oder den Bestand an Termin- oder Spareinlagen relativ zu den Sichteinlagen zu verändern, zwangsläufig Änderungen des Aggregates Geldmenge zur Folge! Gleiches gilt für die verschiedenen, gegenüber der Wirklichkeit nicht nur vereinfachenden, sondern auch verzerrenden Annahmen über das Verhalten der Geschäftsbanken. 3. Neuere Ansätze zur Geldangebotstheorie 69 Wie man leicht erkennen kann, verbergen sich hinter den als konstant unterstellten Quoten und übrigen Voraussetzungen des älteren Multiplikatoransatzes einfache Annahmen über das Verhalten von Geschäftsbanken und Nichtbanken. Die moderne Geldangebotstheorie betrachtet diese Daten als erklärungsbedürftige Variable; sie versucht, die Determinanten des Verhaltens der am Geldangebotsprozess Beteiligten zu analysieren, häufig mit dem Ziel, eine empirisch überprüfbare Geldangebotsfunktion zu entwickeln. Das Zusammenwirken folgender „Akteure‘‘ bestimmt nach dieser Auffassung das Geldangebot: (1) Die Notenbank (2) Die öffentliche Hand (3) Die privaten Nichtbanken (4) Die Geschäftsbanken. b) Die Akteure im Geldangebotsprozess aa) Der Einfluss der Notenbank Die Notenbank versucht, die Geldmenge nach ihren geldpolitischen Zielen zu steuern. Legt man einen einfachen Multiplikatoransatz zugrunde, so übt sie ihren Einfluss auf doppelte Weise aus, nämlich über die Bestimmung der Geldbasis und die Festlegung der Mindestreservesätze. In vielen Ländern hat die Notenbank bzw. eine andere staatliche Stelle ferner die Befugnis, den Banken die Einhaltung bestimmter Liquiditätsgrundsätze etc. vorzuschreiben; aus derartigen Prinzipien können ebenfalls Folgen für den Geldschöpfungsprozess resultieren. Wenn auch kein Zweifel über die Möglichkeit der Notenbank besteht, die Mindestreservesätze zu fixieren, bedarf die These von der „Beherrschung‘‘ der monetären Basis durch die Notenbank u.U. erheblicher Einschränkungen, wobei die unterschiedlichen institutionellen Gegebenheiten in den einzelnen Ländern zu berücksichtigen sind. Ist eine Notenbank verpflichtet, einen festen Wechselkurs aufrechtzuerhalten und damit immer wieder zu erheblichen Interventionen am Devisenmarkt gezwungen, ist die Geldbasis prinzipiell von der außenwirtschaftlichen Situation her bestimmt und liegt damit außerhalb der Kontrolle der Notenbank. Dies galt für die Bundesbank im Rahmen des internationalen Wechselkurssystems bis 1973, in dem die (prinzipiell) feste Parität zum Dollar den geldpolitischen Kurs weitgehend dominierte. Innerhalb des nach 1979 bestehenden Europäischen Währungssystems bis Anfang 1999, dem Start der dritten Stufe der Europäischen Währungsunion, war die Bundesbank ebenfalls häufig zu massiven Interventionen gezwungen, die im Gegensatz zu ihren geldpolitischen Zielen standen. Soweit diese außenwirtschaftliche Restriktion nicht vorliegt – was hinreichende Flexibilität des Wechselkurses voraussetzt –, kann die Notenbank versuchen, die Bedingungen, unter denen sie den Kreditinstituten Zentralbankgeld zur Verfügung stellt, so zu gestalten, dass die Geldbasis sich entsprechend ihren Vorstellungen entwickelt. bb) Die öffentlichen Haushalte In der Vergangenheit mussten Bund und Länder ihre Kassenbestände grundsätzlich bei der Bundesbank unterhalten. Da die Guthaben der öffentlichen Hand nicht zur 70 III. Das Geldangebot Geldmenge gerechnet werden, führten Verschiebungen zwischen den Geldbeständen der privaten Nichtbanken und der öffentlichen Hand zu kurzfristigen Veränderungen der Geldbasis. Anhaltende Auswirkungen wären gegeben, wenn etwa im Rahmen einer Konjunkturausgleichsrücklage Geldbestände für längere Zeit auf Guthaben der öffentlichen Hand bei der Notenbank gebunden würden. § 17 wurde mit der Änderung des Bundesbankgesetzes im Juli 1994 aufgehoben; seitdem unterhält die öffentliche Hand wegen der Unverzinslichkeit nur noch die für die Abwicklung des Zahlungsverkehrs unerlässlichen Zentralbankguthaben – sog. working balances – bei der Bundesbank. Für die Abhängigkeit der Geldbasis vom „Staat‘‘ gibt es aber noch eine andere, in vielen Ländern ganz entscheidende Ursache. Soweit der Staat nämlich Anspruch auf Kredite bei der Notenbank besitzt, kann er durch Ausübung dieses Rechtes eine Zentralbankgeldschöpfung „auslösen‘‘ und damit unter Umständen die Entwicklung der Geldbasis sogar dominieren. Diese Einwirkungsmöglichkeit der öffentlichen Hand kann sich auch auf dem Wege vollziehen, dass die Notenbank verpflichtet ist, unter bestimmten Voraussetzungen staatliche Wertpapiere anzukaufen. (Die entsprechende Praxis hat häufig zu inflationären Preissteigerungen geführt. Auf Grund dieser Erfahrung wurde in zahlreichen Ländern, so auch in der Bundesrepublik und im Maastricht-Vertrag für die Europäische Währungsunion, dieser Weg gesetzlich versperrt.) Unterhält die öffentliche Hand auch Guthaben im Geschäftsbankensektor, können schließlich analog zum Verhalten der privaten Nichtbanken von Umschichtungen zwischen Sicht- und Termineinlagen etc. ebenfalls Wirkungen auf die Gesamtgeldmenge ausgehen. cc) Das Verhalten der privaten Nichtbanken Mit den Variablen c bzw. k werden die privaten Nichtbanken in den einfachen Multiplikatoransätzen berücksichtigt; allerdings maß die ältere Theorie diesen Einflussfaktoren insofern keine besondere Bedeutung zu, als sie eine Konstanz bzw. nur allmähliche Änderung der entsprechenden Parameterwerte unterstellte. Die These von den weitgehend institutionell bestimmten Zahlungssitten trifft nun aber nicht einmal für die Entscheidung des privaten Nichtbankensektors über die Zahlungen mit Geschäftsbankengeld bzw. Bargeld zu. Gewiss spielen hier Faktoren, die sich nur allmählich ändern, eine wichtige Rolle, wie etwa die Dichte des Bankstellennetzes, die rechtlichen Bestimmungen auf dem Gebiete des Scheckverkehrs, die Gewohnheiten der Bevölkerung im „Umgang‘‘ mit Banken usw. Die verschiedenen Formen des bargeldlosen Zahlungsverkehrs – Scheck, Überweisung, Kreditkarten, vorausbezahlte Karten – spielen in den einzelnen Ländern eine unterschiedliche Rolle. Tendenziell drängen sie jedoch die Verwendung des Bargeldes zurück. Das Wachstum der „Schattenwirtschaft‘‘ wirkt in vielen Ländern diesem Trend entgegen: Illegale Transaktionen (Drogenhandel etc.) oder Aktivitäten, die mit einer Abgabenhinterziehung verbunden sind (Schwarzarbeit etc.), werden in Bargeld abgewickelt. Welch bedeutende Rolle dabei steuerliche Erwägungen spielen können, zeigte sich im drastischen Anstieg des Bargeldumlaufs vor und nach der (vorübergehenden) Einführung der Quellensteuer Anfang 1989 in der Bundesrepublik. Auch der deutliche Rückgang des Bargeldumlaufs im Euro-Raum im Vorfeld der Euro-Bar- 3. Neuere Ansätze zur Geldangebotstheorie 71 geldeinführung belegt die bedeutende Rolle des Bargelds zu Hortungszwecken sowie in der Schattenwirtschaft (siehe auch Kapitel I, Abschnitt 2 e). Solche Veränderungen in den Zahlungsgewohnheiten werden teilweise zur empirischen Schätzung des Umfangs der Schattenwirtschaft herangezogen. Kurzfristige, allerdings auf Grund ihrer Regelmäßigkeit einigermaßen abschätzbare Veränderungen kann man im Jahresablauf feststellen. So steigt der Bargeldanteil in der Bundesrepublik zur Reisezeit und vor allem mit dem Beginn des Weihnachtsgeschäftes deutlich an. Krisenmeldungen und spektakuläre Zusammenbrüche im Bankensektor haben den Bargeldumlauf ebenfalls vorübergehend zunehmen lassen und daran erinnert, dass Einlagen bei Banken nicht zuletzt Vertrauen bei den Nichtbanken voraussetzen. Bemerkenswerte Verschiebungen ergeben sich jedoch vor allem zwischen den verschiedenen Einlagearten. Diese Umschichtungen zwischen Sicht- und Terminguthaben, sowie zwischen Termin- und Sparguthaben sind vor allem zinsbedingt. Sie können als Ausdruck einer Portfolioentscheidung der Nichtbanken über die optimale Aufteilung dieser besonders liquiden Aktiva interpretiert werden; dabei ist allerdings nicht zu übersehen, dass die Geschäftsbanken durch die Gestaltung der Zinssätze für die alternativen Einlagearten diese Entscheidung erheblich beeinflussen können. Bei der Diskussion der verschiedenen Geldmengenabgrenzungen im Eingangskapitel wurde darauf verwiesen, dass das Aggregat M3 am unempfindlichsten gegenüber solchen Verschiebungen ist, während sich etwa Umschichtungen zwischen Sicht- und Terminguthaben beträchtlich auf die Größe M1 auswirken können. Das Verhalten der Nichtbanken schlägt folglich unmittelbar auf die Geldmenge M1 durch. Neben diesen direkten Einflüssen müssen schließlich auch noch die Auswirkungen möglicherweise verschiedener Mindestreservesätze zwischen den einzelnen Einlagearten berücksichtigt werden, die ebenfalls geldmengenrelevant sind. Im Übrigen gelten diese Aussagen auch für Umschichtungen gegenüber anderen Aktiva wie etwa Wertpapieren, die nicht zur Geldmenge gerechnet werden. Die moderne Geldangebotstheorie stellt das Verhalten der privaten Nichtbanken in Rechnung und betrachtet die Relationen Bargeld zu Geschäftsbankengeld (k) bzw. zur Geldmenge (c), Termin- zu Sichteinlagen (d) und Spar- zu Sichteinlagen (e) als Variablen, die Ausdruck einer Portfolioentscheidung des Nichtbankensektors sind und deren wichtigste Bestimmungsfaktoren erklärt werden müssen. Schließlich geht bereits aus den Annahmen des einfachen Multiplikatormodells ein weiterer Einfluss des Nichtbankenverhaltens hervor, wurde doch dort vorausgesetzt, dass der Wunsch der Kreditinstitute, aktiv Geschäftsbankengeld zu schaffen, auf eine entsprechende Kreditnachfrage trifft. Sofern man unter dem Geldangebot die jeweilige Geldmenge versteht, setzt „Geldangebot‘‘ immer eine korrespondierende Bereitschaft der Nichtbanken, Kasse zu halten, also eine entsprechende „Geldnachfrage‘‘ voraus. dd) Das Verhalten der Geschäftsbanken Geradezu verfälschend müssen die Vereinfachungen genannt werden, die in älteren Ansätzen teilweise über das Verhalten der Geschäftsbanken gemacht werden. So geht das Überschussreservekonzept von der Annahme aus, dass die einzelne Bank eine etwaige Überschussreserve unverzüglich abzubauen versucht, aktiv Geld aber nur in Höhe ihrer jeweiligen Überschussreserve schaffen kann. 72 III. Das Geldangebot Auf die Bedeutung des Filialnetzes für die (aktive) Geldschöpfungsmöglichkeit der einzelnen Bank wurde bereits verwiesen. Wenngleich Rentabilitätsgesichtspunkte gegen das Halten von Überschussreserven sprechen, so kann dies doch aus Liquiditätsgründen durchaus angebracht erscheinen. Inwieweit die Kreditinstitute tatsächlich Überschussreserven in größerem Umfang unterhalten, hängt vor allem von den institutionellen Gegebenheiten ab. In Ländern, in denen die Geschäftsbanken Aktiva von der Notenbank erwerben können, die verzinslich und gleichzeitig faktisch so liquide wie Zentralbankgeld sind, da sie jederzeit von der Notenbank zurückgekauft werden, erreichen die Überschussreserven der Banken im Regelfall keine bedeutende Höhe. Besteht dagegen die Möglichkeit des Erwerbs solcher Liquiditätsanlagen nicht und verfügen die Kreditinstitute auch über keinen anderen quasi automatischen Weg der Refinanzierung bei der Notenbank, kann es für die Banken notwendig sein, Überschussreserven im größeren Umfange zu unterhalten, um einen plötzlich auftretenden Zentralbankgeldbedarf jederzeit erfüllen zu können. Diese Überschussreserven stellen dann eine geplante Größe dar und sind in der Geldangebotsanalyse als Zentralbankgeld zu berücksichtigen, das für den Prozess der multiplen Geldschöpfung gleichsam „ausfällt‘‘. Der Einfluss des Erwerbs von Liquiditätsanlagen durch die Kreditinstitute auf die Geldmenge lässt sich schematisch anhand eines Vergleichs mit dem in Abb. III.1 angeführten Beispiel darstellen (siehe Abb. III.2). Durch die Verwendung eines Teils der von der Notenbank geschaffenen monetären Basis zum Erwerb von Liquiditätsanlagen verringern die Geschäftsbanken den Betrag an „high-powered‘‘ money entsprechend. Die gesamte Geldmenge erreicht unter sonst gleichen Umständen nur einen geringeren Wert. Die These, eine Einzelbank könne aktiv Geld nur in Höhe ihrer Überschussreserve schaffen, impliziert die Annahme, dass der multiple Geldschöpfungsprozess durch die Entstehung von Überschussreserven „ausgelöst‘‘ wird. Die tatsächliche Verhaltensweise der Kreditinstitute folgt dagegen im Allgemeinen einem ganz anderen Muster. Größere Überschussreserven treten ohnehin nur auf Grund unvorhergesehener Ereignisse ein. Eine zusätzliche Kreditgewährung der Geschäftsbanken setzt eine entsprechende Kreditnachfrage voraus. Vom Standpunkt der Liquiditätslage ist für die Kreditinstitute die Tatsache entscheidend, inwieweit sie den bei einer Ausweitung ihrer Kreditgewährung eintretenden Verlust an Zentralbankgeld ausgleichen können. Eine an der Realität orientierte Theorie muss das Verhalten der Geschäftsbanken berücksichtigen. Anders als bei der Notenbank wird das Verhalten der Geschäftsbanken durch Rentabilitäts- und Liquiditätsüberlegungen bestimmt. Als Wirtschaftsunternehmen streben die Banken nach Gewinn; dieses Gewinnstreben muss jedoch immer wieder mit den Bemühungen um eine ausreichende Liquidität kollidieren, ist doch gerade das Aktivum, das den höchsten Liquiditätsgrad besitzt, nämlich Zentralbankgeld, im Allgemeinen völlig ertraglos oder sehr niedrig verzinslich, während der Zinsgewinn oft mit steigendem Risiko und sinkender Liquidität einer Forderung zunimmt. Eine Bank hat die Einlagen der Kunden immer zu weniger als 100% in bar gedeckt; aus diesem Grunde darf keine Bank Zweifel an ihrer Liquidität, der „Bargeldzahlungsfähigkeit‘‘ aufkommen lassen, da sich solche Zweifel schnell herumsprechen, einen „Run‘‘ auf die betreffende Bank und damit deren Insolvenz bewirken müssten. 3. Neuere Ansätze zur Geldangebotstheorie 73 Geldmenge M1 192 Bargeldumlauf 32 Sichteinlagen 160 Mindestreserve 32 Termineinlagen 80 Mindestreserve 8 Zentralbankguthaben des Bankensektors 48 Verbleibende monetäre Basis 80 Ursprüngliche monetäre Basis 100 Spareinlagen 160 Mindestreserve 8 Liquiditätsanlagen 20 Abb. III.2 Die besondere Bedeutung des Liquiditätsproblems im Bankensektor fand seinen Ausdruck in der sog. „Goldenen Bankregel‘‘, nach der jedes Aktivum der Bank denselben Liquiditätsgrad haben soll wie das zu seiner Finanzierung verwendete Passivum. Bei dem hohen Anteil kurzfristig fälliger Einlagen in den Bankbilanzen würde eine strikte Verfolgung dieser Fristenkongruenz auf der Aktiv- und Passivseite nicht nur die Rentabilität der Banken stark beeinträchtigen, sondern auch eine wichtige volkswirtschaftliche Funktion des Geschäftsbankensystems, die Fristentransformation, d.h. die Umwandlung von kurzfristigen Einlagen in Kredite mit längerer Laufzeit, unmöglich machen; ein entsprechend hoher Anteil sehr kurzfristiger Kredite müsste zudem die kreditnehmende Wirtschaft extremer Unsicherheit aussetzen. Für die Banken stellt sich das Problem, den Gesichtspunkten der Rentabilität und Liquidität in ihrer Geschäftspolitik möglichst optimal gerecht zu werden, oder anders formuliert: Es gilt für die einzelne Bank, nach Möglichkeit die optimale Struktur ihrer Aktiva zu realisieren, die sich durch die bestmögliche Verbindung von Liquiditäts- und Rentabilitätsüberlegungen auszeichnet. Die entsprechenden Entscheidungen einer Bank sind unter Unsicherheit über die zukünftige Entwicklung zu treffen, da die Bonität und die Liquidität der verschiedenen Aktiva nie völlig gewiss ist; Gleiches gilt für den Ertrag aus den meisten Aktivgeschäften. Das Bankverhalten lässt sich daher als Portfolioentscheidung interpretieren. Soweit die Banken Einfluss auf die Zusammensetzung ihrer Passiva haben, gehört auch die Passivseite in den Bereich dieser Überlegungen. Zu ergänzen sind diese Ausführungen zum Entscheidungsproblem der Banken noch um die sog. sicherheitspolitische Zielsetzung. Diese Zielsetzung lässt sich gegenüber dem Streben nach ausreichender Liquidität durch eine Begrenzung des Ver- 74 III. Das Geldangebot mögensrisikos abheben. Da eine Bank bei ihren Geschäften nicht jedes Risiko vermeiden kann, muss sie versuchen, ihr Engagement in risikobehafteten Anlagen auf ein vernünftiges Ausmaß zu beschränken. Im Zusammenhang mit der Geldschöpfung konzentriert sich das Liquiditätsproblem der Banken auf die Frage, inwieweit sie eventuell auftretende „Verluste‘‘ an Zentralbankgeld jederzeit bewältigen können. Mit der Ausdehnung der Kreditgewährung erhöht sich bei gegebenen Zahlungsgewohnheiten der Bargeldbedarf der Nichtbanken; außerdem müssen die Banken den wachsenden Mindestreservepflichten genügen. In der offenen Volkswirtschaft kann ein Überschuss der Zahlungen an das Ausland über die Zahlungseingänge von dort zu einem Umtausch von Zentralbankgeld in Devisen bei der Notenbank führen und damit ebenfalls einen erhöhten Bedarf an Zentralbankgeld auslösen. Das Problem lässt sich wie folgt skizzieren: Die Auffüllung der Zentralbankguthaben bildet den Brennpunkt des Liquiditätsproblems der Banken, denn Zentralbankguthaben sind für all diejenigen Zahlungen notwendig, die die Banken insgesamt nicht auf eigenen Konten ausführen können, sondern für die sie, ebenso wie für die Erfüllung der Mindestreservevorschriften, Zahlungsmittel benötigen, die sie nicht selbst schaffen können. Solche Zahlungen sind Barzahlungen, Auslandszahlungen . . .. Jede Ausweitung des Geschäftes der Banken bringt derartige Zahlungen mit sich und mindert die verfügbaren Zentralbankguthaben der Banken, sei es, dass Guthaben bei den Banken selbst gebunden werden (in Form zusätzlicher Mindestreserve oder wegen der Notwendigkeit, in höherem Umfang Bargeld zu halten), sei es, dass Zentralbankguthaben von den Banken abgezogen werden (durch einen Anstieg des Bargeldumlaufs, durch ein Defizit der Devisenbilanz und eine Verbesserung der Nettoposition der öffentlichen Haushalte bei steigenden Steuereinnahmen). Um ihre Zentralbankguthaben wieder auffüllen zu können, brauchen die Banken entweder Aktiva, die die Zentralbank jederzeit zu erwerben bereit ist, oder sichere Refinanzierungsmöglichkeiten bei der Zentralbank. Die folgende Übersicht (Abb. III.3) soll die Möglichkeiten des erhöhten Zentralbankgeldbedarfs der Banken im Falle einer Ausweitung ihrer Geschäftstätigkeit, d.h. bei einer Verlängerung der Bankbilanzen, noch einmal verdeutlichen: Ausweitung der Bankgeschäfte Zentralbankgeldverluste des Geschäftsbankensektors gegenüber der Notenbank gegenüber dem Nichtbankensektor gegenüber dem Ausland Mindestreserve Guthaben der öffentlichen Haushalte bei der Notenbank Bargeldumlauf Auslandszahlungen (Devisenbilanzdefizit) Abb. III.3 3. Neuere Ansätze zur Geldangebotstheorie 75 Die Banken könnten einen zusätzlichen Bedarf an Zentralbankgeld zunächst einmal aus eventuellen Überschussreserven decken. Wie bereits erwähnt spielen diese primären Liquiditätsreserven in der Bundesrepublik jedoch im Allgemeinen keine Rolle. Von wesentlich größerer Bedeutung sind in diesem Zusammenhang die sog. sekundären Liquiditätsreserven der Banken. Dazu zählen einmal Aktiva, die jederzeit und ohne Kursrisiko in Zentralbankgeld umgewandelt werden können. Für die Banken sind solche Aktiva potentielles Zentralbankgeld, sie sind „so gut wie Zentralbankgeld‘‘. Welche Aktiva unter die sekundären Liquiditätsreserven zu zählen sind, ist von Land zu Land ganz verschieden. Allgemein sind es die Aktiva, für die eine Annahmepflicht der Notenbank, also die Verpflichtung der Notenbank zur Einlösung in Zentralbankgeld besteht; diese Aktiva tragen also gewissermaßen eine „Zentralbankgeldgarantie‘‘ durch die Notenbank. Weiterhin ist unter die sekundären Liquiditätsreserven das Verschuldungspotential der Geschäftsbanken bei der Notenbank zu rechnen, soweit es von diesen jederzeit genutzt werden kann. Primäre und sekundäre Liquiditätsreserven zusammen bezeichnet man als freie Liquiditätsreserven: Vom Ausmaß der freien Liquiditätsreserven hängt die Fähigkeit der Banken ab, die durch eine Geschäftsausweitung entstehenden Verluste an Zentralbankgeld ausgleichen zu können. Die quantitative Bestimmung der freien Liquiditätsreserven stößt auf erhebliche Schwierigkeiten. Die Deutsche Bundesbank, die ihre Praxis auf diesem Gebiet mehrfach den geänderten Bedingungen angepasst hat, rechnete (bis 1998) zu den freien Liquiditätsreserven die Überschussreserven, inländische Geldmarktpapiere, die jederzeit an die Bundesbank zurückgegeben werden konnten und die unausgenutzten Rediskontkontigente. Die Europäische Zentralbank legt die Refinanzierungsbedingungen für die Kreditinstitute im Euro-Raum in folgender Weise fest: Den Hauptrefinanzierungsgeschäften ist die Aufgabe zugedacht, den geldpolitischen Kurs anzuzeigen, die Geldmarktsätze zu steuern und den weitaus größten Teil der Liquidität zur Verfügung zu stellen. Darüber hinaus wird das Bankensystem über die längerfristigen Refinanzierungsgeschäfte mit dauerhafterer Liquidität (mit einer Laufzeit von drei Monaten) versorgt. Von Fall zu Fall bedient sich das Eurosystem auch zusätzlicher Feinsteuerungsmaßnahmen, die der Glättung von Zinsausschlägen auf Grund unerwarteter Liquiditätsschwankungen dienen. Zudem kann das Eurosystem im Rahmen struktureller Operationen eine längerfristige Anpassung der Nettoposition gegenüber dem Bankensystem durchführen. Diese Operationen können dabei sowohl die Form von befristeten Transaktionen, von definitiven Käufen bzw. Verkäufen als auch einer Begebung von Schuldverschreibungen annehmen. Die ständigen Fazilitäten dienen der Zuführung bzw. Abschöpfung von fehlender/ überschüssiger Liquidität am Tagesgeldmarkt. Im Rahmen der Spitzenrefinanzierungsfazilität können Banken sich Übernachtliquidität gegen refinanzierungsfähige Sicherheiten von den nationalen Zentralbanken beschaffen; faktisch hat die Spitzenrefinanzierungsfazilität damit eine Wirkung, die dem früheren Lombardkredit in Deutschland vergleichbar ist. Die Einlagefazilität hingegen kann von Banken dazu benutzt werden, über Nacht Beträge bei den nationalen Zentralbanken anzulegen. Zu den ständigen Fazilitäten haben alle Institute Zugang, die die Zulassungskriterien für Geschäftspartner erfüllen und deren refinanzierungsfähige Sicherheiten bestimmte harmonisierte Kriterien erfüllen. Höchstgrenzen für die Inanspruchnahme 76 III. Das Geldangebot der ständigen Fazilitäten existieren nicht, jedoch kann die EZB unter bestimmten Umständen Beschränkungen einführen oder die Bedingungen für die Inanspruchnahme anpassen. Die Zinssätze für die ständigen Fazilitäten bilden in der Regel die Ober- und Untergrenze für den Tagesgeldsatz. Besitzen die Banken sekundäre Liquiditätsreserven, so verfügen sie über potentielles Zentralbankgeld und sind damit prinzipiell in der Lage, zusätzliche Kredite zu geben und damit aktiv Geschäftsbankengeld zu schaffen. Ob die Banken von dieser Möglichkeit Gebrauch machen, hängt nun – unter Berücksichtigung des Risikos und aufsichtsrechtlicher Vorschriften – von den bereits erwähnten Rentabilitäts- und Liquiditätsüberlegungen ab. Das Rentabilitätskalkül besteht in einem Vergleich von Kosten und Ertrag. Die Gewährung neuer Kredite verschafft der Bank Zinseinnahmen. Andererseits erfordert die Ausdehnung der Kreditgewährung auch zusätzliche Kosten: Die Bank benötigt Zentralbankgeld, um den Zentralbankgeldbedarf der zusätzlichen Kreditgewährung decken zu können. Muß sich die Bank hierfür zusätzlich bei der Notenbank verschulden, resultieren hieraus Zinszahlungen an die Notenbank; gibt die Bank Geldmarktpapiere an die Notenbank, verliert sie Zinseinnahmen und hat daher ebenfalls Kosten zu verbuchen. Selbst wenn jedoch die Kosten, die aus der Beschaffung von Zentralbankgeld resultieren, hinter den zusätzlichen Zinseinnahmen, die sich etwa aus einer Ausdehnung der Kreditgewährung erzielen lassen, zurückbleiben, ist noch nicht gesagt, dass die Banken diese Gewinnchance nutzen. Die Deckung des Verlustes an Zentralbankgeld bei der Ausdehnung der Geschäftstätigkeit durch Rückgabe von Geldmarktpapieren zur Notenbank oder die zusätzliche Verschuldung bei dieser verschlechtert prinzipiell die Liquiditätslage der Bank. Die Bank wird daher außer dem Kosten-Ertragsvergleich auch den Liquiditätsverlust in ihren Überlegungen zu berücksichtigen haben. Ist die Bank sehr liquide, verfügt sie also über umfangreiche primäre bzw. sekundäre Liquiditätsreserven, wird das Rentabilitätsstreben den Ausschlag geben; in Zeiten angespannter Liquidität kann es jedoch durchaus sein, dass die Bank dem Liquiditätsstreben Priorität vor einer möglichen Gewinnsteigerung einräumt und auf eine Ausdehnung der Kreditgewährung verzichtet. Es hängt von den institutionellen Gegebenheiten ab, ob und inwieweit die Kreditinstitute die monetäre Basis beeinflussen können; diese wird insoweit vom Verhalten der Kreditinstitute abhängig. Für die Analyse des Geldangebotsprozesses kann es daher zweckmäßig sein, die monetäre Basis um diese endogene Komponente zu bereinigen. Besteht keine Interventionspflicht der Notenbank am Devisenmarkt, d.h. existiert ein flexibler Wechselkurs, liegt insoweit keine endogene Quelle der Entstehung von Basisgeld vor. Dagegen können die Kreditinstitute möglicherweise durch die Hingabe von Wertpapieren Notenbankkredite in Anspruch nehmen und dadurch die Schaffung von Basisgeld auslösen. Andererseits reduzieren Käufe von Papieren, die von der Notenbank begeben werden, durch die Kreditinstitute die monetäre Basis, sodass der Bestand der Geschäftsbanken an solchen Papieren bei der Korrektur der Geldbasis ebenfalls berücksichtigt werden muss. Im Gegensatz zur monetären Basis ist die bereinigte Geldbasis weitgehend unabhängig von Dispositionen der Geschäftsbanken. Dieses analytische Konzept einer exogenen Geldbasis erweist sich häufig als vorteilhaft bei der Untersuchung des Geldangebotsprozesses und findet daher in zahlreichen Arbeiten Verwendung. 3. Neuere Ansätze zur Geldangebotstheorie 77 ee) Die Bedeutung des Geldmarktes Während das Bankensystem als Ganzes auf die Notenbank als Quelle der Versorgung mit Zentralbankgeld angewiesen ist, kann sich die einzelne Bank das nötige Zentralbankgeld auch durch Kreditaufnahme bei anderen Banken beschaffen. Dies geschieht auf dem sog. Geldmarkt (im engeren Sinne), d. h. dem Markt für Zentralbankgeld und Geldmarktpapiere. Teilnehmer am Geldmarkt sind die Notenbank und die Kreditinstitute. Der Geldmarkt spielt eine zentrale Rolle für die Geldpolitik, indem die Notenbank zum einen die Bedingungen festlegt, zu denen sie den Kreditinstituten vorübergehend Zentralbankgeld zur Verfügung stellt bzw. aus dem Markt nimmt. Dies geschieht z. B. über den Zinssatz bzw. die Menge bei den Refinanzierungsgeschäften bzw. durch die Konditionen für die Nutzung der Einlagenfazilität. Durch ihre Geschäfte mit den Kreditinstituten erhöht bzw. verringert sich die verfügbare Zentralbankgeldmenge. Durch die Geschäfte der Kreditinstitute untereinander verändert sich dagegen das gesamte Volumen an Zentralbankgeld nicht. Sofern die Geschäftsbeziehungen zwischen den Kreditinstituten auf diesem sog. Interbankenmarkt ohne Sicherheiten, also auf der Grundlage von bilateralen Kreditlinien erfolgt, spricht man von unbesichertem Geldmarkt. Auf dem gesicherten Geldmarkt werden dagegen Kredite nur gegen Sicherheiten in Form von Wertpapieren (sog. Repogeschäfte) vergeben. Auf dem unbesicherten Geldmarkt werden vor allem sehr kurzfristige Geschäfte (Tagesgeld) getätigt, während der Bedarf an Sicherheiten mit der Laufzeit der Interbankenkredite steigt. Die wichtigste Funktion des Geldmarktes liegt im Liquiditätsausgleich zwischen den Kreditinstituten. Banken, die über Zentralbankgeld verfügen, das sie vorübergehend nicht benötigen, bieten diese Mittel am Geldmarkt an; Banken, die kurzfristig ein entsprechendes Defizit aufweisen, fragen Zentralbankgeld nach. Die einzelne Bank besitzt also einerseits die Möglichkeit, kurzfristig überschüssiges Zentralbankgeld gegen Zinsen an andere Banken auszuleihen, und sich andererseits durch Aufnahme von kurzfristigen Krediten bei anderen Banken benötigtes Zentralbankgeld zu beschaffen. Die Motive für ein Angebot von Zentralbankgeld liegen im hohen Liquiditätsgrad solcher Anlagen – die Bindungsfrist kann bis auf einen Tag limitiert werden – und in der sofortigen Erzielung von Zinseinnahmen. Der Grund für die Nachfrage kann dagegen darin liegen, dass die einzelne Bank keine Refinanzierungsmöglichkeit bei der Notenbank mehr besitzt oder den „Gang zur Notenbank‘‘ aus bestimmten Gründen scheut, etwa weil sie sich dort eine gewisse Reserve an Refinanzierungsmöglichkeiten offenhalten will oder auch einfach deshalb, weil die Aufnahme von Zentralbankgeld am Geldmarkt billiger ist. Interbankforderungen und -verbindlichkeiten entwickeln sich simultan und größengleich, der Saldo der Interbankverschuldung am Geldmarkt beträgt daher immer Null. Es wäre jedoch falsch, daraus zu schließen, die Vorgänge am Geldmarkt hätten keinen Einfluss auf die Liquidität des Bankensystems und dessen Geldschöpfungspotential. Zum einen erlaubt nämlich der Liquiditätsausgleich über den Geldmarkt eine effizientere Nutzung des im gesamten Bankensystem vorhandenen Zentralbankgeldes; vorübergehend freie Gelder werden dorthin gelenkt, wo sie benötigt werden, die Überschussreserven gehen entsprechend zurück. Zum anderen können sich die Vorstellungen der Kreditinstitute über die notwendige (Zentralbankgeld-)Liquidität ändern (siehe dazu auch die Ausführungen im voranstehenden Abschnitt). Betrachten 78 III. Das Geldangebot die Kreditinstitute zunehmend ihre Nostroguthaben, das sind ihre Guthaben bei anderen Banken, als faktisch ebenso liquide wie ihre Zentralbankgeldliquidität in Form von primären und sekundären Liquiditätsreserven, so schränken sie ihr Aktivgeschäft ceteris paribus mit steigenden Interbankforderungen nicht ein. Dehnen jedoch die Kreditinstitute, die entsprechende Interbankverbindlichkeiten eingegangen sind, ihr Aktivgeschäft aus, so hat sich parallel zum gestiegenen Geldmarktvolumen also auch das Aktivgeschäft der Kreditinstitute mit Nichtbanken erhöht. Auf Grund dieser Zusammenhänge kann also eine Zunahme der Interbankbeziehungen mit einer Ausdehnung der Kredit- und Geldschöpfung der Kreditinstitute bei gegebener (Zentralbankgeld-)Liquidität einhergehen. (Analog liegt der Fall eines Abbaus der Interbankbeziehungen.) Damit lockert sich folglich auch die Beziehung zwischen (Zentralbankgeld-)Liquidität der Kreditinstitute und Geldschöpfung im Bankensektor. In der „Verfassung‘‘ des Geldmarktes kommt nun zum Ausdruck, ob das Bankensystem als Ganzes einen hohen Liquiditätsspielraum besitzt oder nicht. Bei hohem Liquiditätsgrad wird der Geldmarktzins niedrig sein, da die Tendenz zum Angebot von Zentralbankgeld überwiegt. Steigt dagegen der Zentralbankgeldbedarf des Bankensystems und besitzen die Banken keine nennenswerten Überschussreserven, werden die einzelnen Banken vermehrt Zentralbankgeld am Geldmarkt nachfragen, während gleichzeitig das Angebot zurückgeht. Die Anspannung am Geldmarkt äu- ßert sich dann in einem Anstieg des Geldmarktzinses. Die Bedeutung des Geldmarktes für die Liquiditätsversorgung der Kreditinstitute zeigte sich in besonderem Masse im Zuge der derzeit noch andauernden Finanzmarktkrise. Für die EZB begann die Finanzmarktkrise im August 2007 mit dem Aufkommen vorübergehender Spannungen am Geldmarkt. Um eine gravierende systemische Finanzkrise zu verhindern, reagierte das Eurosystem umgehend. Zu diesem Zweck wurden hauptsächlich der Zeitrahmen und die Laufzeit der liquiditätszuführenden Geschäfte angepasst, um den Finanzierungsbedarf der Banken decken zu können. Darüber hinaus stellte das Eurosystem Liquidität in Fremdwährung zur Verfügung. Nach dem Zusammenbruch der US-Investmentbank Lehman Brothers im September 2008 weiteten sich die Turbulenzen zu einer Finanzkrise aus, die rasch auf das weltweite Finanzsystem übergriff und zu einem schwerwiegenden Wirtschaftsabschwung im Euroraum führte. Insbesondere am Geldmarkt kam es dabei infolge einer veränderten Wahrnehmung hinsichtlich des Ausfallsrisikos der Gegenpartei zu negativen Vertrauenseffekten und infolgedessen praktisch zu einem völligen Erliegen der Handelsaktivitäten. Die kurzfristigen Geldmarktsätze, wie etwa der Euro Overnight Index Average (EONIA) ebenso wie die entsprechenden Zinsspreads stiegen sprunghaft an, ein Phänomen, welches nicht nur im Eurogebiet, sondern auch etwa im Vereinigten Königreich und in den Vereinigten Staaten zu beobachten war. Als Reaktion auf diese Entwicklungen ergriff der EZB-Rat eine Reihe konventioneller und unkonventioneller Maßnahmen. So senkte er angesichts der veränderten Einschätzung der Risiken für die Preisstabilität die Leitzinsen der EZB um insgesamt 325 Basispunkte auf 1% – ein Niveau, das es in den Euro-Ländern mindestens seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr gegeben hatte. Zudem ergriff der EZB-Rat eine Reihe von Sondermaßnahmen. Letztere wurden speziell auf die Finanzierungsstruktur der Wirtschaft des Euro-Währungsgebiets und die spezifischen Gegebenheiten der weltweiten Finanzkrise zugeschnitten. Vornehmlich waren sie auf Banken ausgerichtet, da diese im Euroraum die Hauptfinanzierungsquelle der Realwirtschaft darstellen. Im 3. Neuere Ansätze zur Geldangebotstheorie 79 Einzelnen umfasste der sog. „erweiterte Ansatz zur Unterstützung der Kreditvergabe“ fünf Maßnahmen: Erstens, die Bereitstellung von Liquidität an Banken in unbegrenzter Höhe zu einem festen Zinssatz gegen entsprechende Sicherheiten bei allen Refinanzierungsgeschäften; zweitens, die Verlängerung der maximalen Laufzeit der Refinanzierungsgeschäfte von drei Monaten vor der Krise auf ein Jahr; drittens die Ausweitung des Verzeichnisses der notenbankfähigen Sicherheiten; viertens, die Bereitstellung von Liquidität in Fremdwährung (insbesondere US-Dollar) und zuletzt die Durchführung von Direktkäufen amMarkt für gedeckte Schuldverschreibungen. Der Mangel an Vertrauen zeigte sich auch ganz eindeutig in der verstärkten Inanspruchnahme der Spitzenrefinanzierungsfazilität des Eurosystems sowie der verstärkten Einlagerung von Liquidität in der Einlagefazilität beim Eurosystem durch die Kreditinstitute ab September 2008 (vgl. Abb. III.4). Inanspruchnahme der Einlagenfazilität durch Kreditinstitute der EWU 2001 2002 2003 2004 2005 2006 2007 2008 2009 2010 0 100 200 300 400 500 600 700 800 900 Mrd € Wochenendstände Inanspruchnahme der Einlagenfazilität Kreditaufnahme beim Eurosystem Quelle: EZB. Abb. III.4 ff) Übersicht über die Determinanten des Geldangebots Nach Auffassung der modernen Geldangebotstheorie ist die Geldmenge also nur dann exogen determiniert, wenn die geldpolitischen Zielsetzungen der Notenbank und des Staates das Geldangebot dominieren. Da aber auch die Geschäftsbanken und die Nichtbanken durch ihr Verhalten, das sich als Ausdruck von Portfolioentscheidungen interpretieren lässt, das Geldangebot beeinflussen, muss die Geldmenge insoweit als endogene Größe angesehen werden. 80 III. Das Geldangebot Die entscheidenden Einflussgrößen dieses Geldschöpfungsprozesses sind in Abb. III.5 noch einmal schematisch zusammengefasst. D ie D et er m in an te n d es G el d an ge b ot s Z en tra lba nk gu tha be n* ) Z en tra lba nk kr ed ite *) M in de st re se rv epo lit ik Li qu id itä ts gr un ds ät ze m on et är e Ba sis m on et är e Ba sis E in lag en be i G es ch äf ts ba nk en ge w ün sc ht e Re lat io ne n (c ,k ;d ;e ) G eld - b zw . K re di tn ac hfr ag e Pr iv at e N ich tb an ke n N ot en ba nk St aa t G es ch äf ts ba nk en A bb . I II. 5 Ü be rsc hu ss re se rv en G eld m ar kt pa pi er e G eld m ar kt an lag en W er tpa pi er e K re di te Re fin an zi er un g G eld m ar kt kr ed ite Si ch tein lag en Te rm in ein lag en Sp ar ein lag en N ot en ba nk Ba nk en se kt or N ich tba nk en N ot en ba nk Ba nk en se kt or N ich tba nk en A kt iv a Pa ss iv a *) fa lls z ul äs sig 3. Neuere Ansätze zur Geldangebotstheorie 81 c) Die Kreditmarkttheorie des Geldangebots Wie bereits mehrfach erwähnt, spielen das Kreditangebotsverhalten der Geschäftsbanken und die Kreditnachfrage der Nichtbanken eine wesentliche Rolle im Geldschöpfungsprozess. K. Brunner und A. Meltzer haben nun dieses Zusammenwirken zum Ausgangspunkt eines Ansatzes zur Erklärung des Geldangebotsprozesses gemacht. Diese Kreditmarkttheorie des Geldangebots soll hier in ihren Grundzügen dargestellt werden. Unter dem Kreditmarkt verstehen die genannten Autoren den Markt für Bankkredite. Der Marktzins wird durch das Kreditangebot der Banken und die Kreditnachfrage der Nichtbanken am Kreditmarkt bestimmt. Das Verhalten der beiden Marktseiten wird durch eine Kreditangebotsfunktion und eine Kreditnachfragefunktion beschrieben. Das Kreditangebot wird ausgedrückt als Produkt zwischen einem Multiplikator und der (bereinigten) Geldbasis; in diesen „Kreditmultiplikator‘‘ gehen als Determinanten die aus den obigen Abschnitten bereits bekannten Größen ein, die das Bankenverhalten als Ausdruck einer Portfolioentscheidung interpretieren. Wichtig ist nun, dass in diesem Prozess der Marktzins – durch Kreditangebot und -nachfrage – und die Geldmenge simultan bestimmt werden. Dieser Sachverhalt lässt sich durch Abb. III.6 verdeutlichen. Der Kreditmarkt wird durch den rechten Quadranten beschrieben. Die Kreditnachfrage der Nichtbanken (KN) ist umso höher, je niedriger der Marktzins (i) ist und umgekehrt. Das Kreditangebot der Banken (KA) steigt (sinkt) dagegen mit steigendem (sinkendem) Zins; im Verlauf dieser Kurve drückt sich das Bankenverhalten in Abhängigkeit von den bankpolitischen Zielen und den institutionellen Gegebenheiten (Refinanzierungsmöglichkeiten etc.) aus. Der linke Quadrant zeigt den Geldmarkt. Die Geldnachfrage (MD) nimmt mit steigendem Zins ab, das Geldangebot (MS) zu; die Determinanten des Geldangebotsprozesses zeigen sich im Verlauf der MS-Kurve. Mit der Bestimmung des Marktzinses (io) auf dem Kreditmarkt ist nun simultan das Kreditvolumen (KO) und die Geldmenge (MO) determiniert. Der Inhalt dieser Aussage lässt sich leichter verstehen, wenn man von einer Änderung des Kreditangebots bzw. der -nachfrage ausgeht. Im Kreditmarktmodell von Brunner und Meltzer kann eine solche Änderung durch ein Ungleichgewicht auf dem Markt für vorhandenes Sachkapital (Aktien, bereits eingesetzte Maschinen, Immobilien) hervorgerufen werden. Dieser Markt befindet sich im Gleichgewicht, wenn vorhandenes Sachkapital und neu produzierte Kapitalgüter die gleichen erwarteten marginalen Ertragsraten aufweisen. In diesem Fall stimmen auch ihre Preise überein. Erwarten die Unternehmen ausgehend von dieser Situation höhere Erträge, dann übersteigt der Preis des vorhandenen Sachkapitals (welcher z.B. durch einen Aktienindex repräsentiert sein könnte) den Preis neu produzierter Kapitalgüter. Die Unternehmen fragen daher verstärkt neues Sachkapital nach, was eine Ausweitung ihrer Kreditnachfrage bewirkt: Die Kurve der Kreditnachfrage verschiebt sich nach rechts. Diese Verschiebung lässt den Marktzins ansteigen. Für die Geschäftsbanken erhöht sich infolgedessen die Attraktivität der Kreditgewährung an den Nichtbankensektor im Vergleich zu anderen Anlagemöglichkeiten; sie werden daher den Bestand an anderen Aktiva, wie z.B. an Liquiditätsanlagen reduzieren. Gleichzeitig wird es für sie rentabel, zusätzliche Kredite bei der Notenbank aufzunehmen. Als Folge dieses Prozesses steigt daher nicht nur das Kreditangebot, bis sich beim Zins iI Kreditangebot und -nachfrage wieder entsprechen, sondern es steigt via erhöhte 82 III. Das Geldangebot Geldbasis und Geldmultiplikator auch das Geldangebot (linker Quadrant in Abb. III.6). Das resultierende Ungleichgewicht auf dem Geldmarkt wird über eine höhere Geldnachfrage beseitigt: Wie erwähnt bewirkt nämlich die erwartete Ertragssteigerung einen höheren Preis für das vorhandene Sachkapital (u.a. in Form steigender Aktienkurse). Dies erzeugt bei dessen Besitzern einen Vermögensanstieg, durch den sich wiederum deren Geldnachfrage erhöht. Graphisch zeigt sich dies in der Verschiebung der Geldnachfragefunktion in Abb. III.6 nach links. Insgesamt steigt die Geldmenge auf Grund der beschriebenen Geldangebots- und -nachfrageeffekte von MO auf MI. MS , MD MI MO i O K O K I KA, KN i I i O MS MD K N KA Abb. III.6 Der Einfluss der Kreditinstitute auf die Geldmenge bzw. die Bedeutung der institutionellen Gegebenheiten lässt sich schematisch anhand der beiden extremen Möglichkeiten verdeutlichen (Abb. III.7). Können sich die Banken beispielsweise durch Rückgabe von Geldmarktpapieren in beliebigem Umfange bei der Notenbank refinanzieren, ohne dass sich die Refinanzierungskosten erhöhen, werden Kreditangebot (KAe) und Geldangebot (MSe) vollkommen zinselastisch (vom erhöhten Risiko eines größeren Kreditvolumens wird dabei abgesehen). Eine Zunahme der Kredit- und Geldnachfrage vonseiten der Nichtbanken erhöht das Kreditvolumen und die Geldmenge, der Zins verändert sich dagegen nicht. Die vollständige Kontrolle des Geldangebots durch die Notenbank und die quasi absolute Exogenität der Geldmenge kann dagegen durch einen völlig zinsunelastischen Verlauf der Kurven für das Geldangebot (MSU) und das Kreditangebot (KAU) dargestellt werden. Der Wunsch des Nichtbankensektors, mehr Kredite und mehr Geld zu erhalten, treibt in diesem Falle also lediglich den Zinssatz in die Höhe, Kreditvolumen und Geldmenge bleiben dagegen unverändert. 3. Neuere Ansätze zur Geldangebotstheorie 83 MS , MD i O KA , K N KAeMSe MS u KAuKNMD Abb. III.7 Anhand dieser zweifellos stark vereinfachten Darstellung lässt sich auch die Rolle des Nichtbankensektors etwas näher interpretieren. Dem Verhalten des Nichtbankensektors kommt zwangsläufig keine Bedeutung für das Geldangebot zu, wenn die Notenbank die Geldmenge – also nicht nur die Geldbasis! – vollkommen beherrscht. Ist diese Situation jedoch nicht gegeben, löst die vermehrte Kredit- und Geldnachfrage des Nichtbankensektors eine zusätzliche Kreditgewährung und gleichzeitig eine zusätzliche Geldschöpfung aus. Das Ausmaß dieser zusätzlichen Geldschöpfung hängt von den institutionellen Rahmenbedingungen und dem Verhalten der Kreditinstitute ab, wie es im Verlauf der beiden Kurven MS und KA zum Ausdruck kommt, aber auch vom Verhalten der Nichtbanken, da davon der Verlauf der Kurven KN und MD und damit auch das Ausmaß der Zinserhöhung abhängt, das diesen Prozess der Geld- und Kreditschöpfung auslöst. 4. Exkurs: Empirische Untersuchungen zum Geldangebot Ältere Veröffentlichungen basieren noch auf dem traditionellen Multiplikatoransatz (Ahrensdorf und Kanesathasan). Einen Übergang zur neueren Theorie stellt bereits die Untersuchung von Cagan dar, in der er die langfristige Entwicklung des Quotienten Bargeldhaltung zu Sichtdepositen für die USA und dessen Determinanten analysiert. Unter den sechs Faktoren, die Cagan in diesem Zusammenhang diskutiert, spielt interessanterweise neben den Kosten der Bargeldhaltung auch die Reisefreudigkeit der Bevölkerung eine Rolle. Wesentliche Impulse hat die empirische Forschung auf dem Gebiete des Geldangebots durch die Forderung der Monetaristen nach einer strikt geldmengenorientierten Notenbankpolitik erhalten, da dieses Konzept eine tatsächliche Beherrschung des Geldangebots durch die Notenbank voraussetzt. Einen Nachweis im Sinne dieser 84 III. Das Geldangebot

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References

Zusammenfassung

Der Klassiker zur Geldtheorie.

Das Lehrbuch zur Geldtheorie

ist eines der erfolgreichsten Bücher dieser Art. Dem Autor Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Otmar Issing, ehemals Direktoriumsmitglied der Europäischen Zentralbank und »Vater des Euro«, gelingt es hervorragend, den aktuellen Stand der modernen Geldtheorie einfach und konzentriert darzustellen. Der Band gibt den Studenten eine hilfreiche Orientierung in der Diskussion zwischen Keynesianern, Monetaristen und Liquiditätstheoretikern.

Geldtheorie aktuell

Die Neuauflage enthält unter anderem Ausführungen zu

* den wichtigsten Entwicklungen der Kreditmarkttheorie

* dem Einfluss der Finanzmarktkrise auf den Geldmarkt und

* dem Zusammenhang von Finanzmarktkrise und Liquidität.

Im Überblick

* Das Geld

* Die Nachfrage nach Geld

* Das Geldangebot

* Zinstheorie

* Geldmenge, monetäre Nachfrage, Preisniveau und Beschäftigung

* Die Liquidität

* Inflationstheorie