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1. Kassenhaltung bei vollständiger Voraussicht in:

Otmar Issing

Einführung in die Geldtheorie, page 29 - 33

15. Edition 2011, ISBN print: 978-3-8006-3810-9, ISBN online: 978-3-8006-4315-8, https://doi.org/10.15358/9783800643158_29

Series: Vahlens Kurzlehrbücher

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II. Die Nachfrage nach Geld Mit der Geldmenge ist im Folgenden immer die Größe M1 gemeint, also die Summe aus Bargeldumlauf und Sichtguthaben der Nichtbanken bei den Kreditinstituten; Abweichungen hiervon werden ausdrücklich hervorgehoben. Unter der Nachfrage nach Geld versteht man den Wunsch der einzelnen Wirtschaftssubjekte, eine bestimmte Geldsumme als Kasse zu halten; aggregiert man diese individuellen Wünsche, erhält man die gesamte Geldnachfrage, die zu einem gegebenen Zeitpunkt in einer Volkswirtschaft existiert. Die Geldnachfragetheorie (Kassenhaltungstheorie) als Teil der Geldtheorie versucht, die Determinanten der Geldnachfrage herauszufinden und in ihrer Bedeutung zu analysieren; in den Abschnitten dieses Kapitels werden die einzelnen Ansätze der Geldnachfragetheorie dargestellt. 1. Kassenhaltung bei vollständiger Voraussicht Das Gesamtvermögen eines Wirtschaftssubjektes ergibt sich als Summe aller ihm gehörenden Aktiva; diese Aktiva lassen sich etwa wie folgt unterscheiden: (1) Geld (2) Geldforderungen (z.B. Pfandbriefe) (3) Sachwerte bzw. Besitztitel (Grundstücke, Aktien usw.). Der Besitz von Anleihen, Pfandbriefen etc. erbringt Zinseinnahmen, aus dem Besitz von Aktien erhält ein Anleger u.a. Dividenden; Sachwerte werfen entweder einen pekuniären Ertrag ab, wenn es sich um Produktionsmittel handelt, indem z.B. Grundstücke vermietet, Maschinen in der Produktion benutzt werden etc., oder stiften als längerlebige Konsumgüter ihrem Besitzer einen Nutzen (beispielsweise der Fernsehapparat). Dem Geld scheinen derartige Eigenschaften zumindest auf den ersten Blick zu fehlen. Stellt man daher fest, dass die Wirtschaftssubjekte stets einen mehr oder minder großen Teil ihres Vermögens in Form von Kasse halten, so ist zu fragen, auf welche Überlegungen diese Geldhaltung zurückgeht, sofern man ökonomisch rationales Handeln unterstellt. Würden sich bei einem Wirtschaftssubjekt Zahlungseingänge und -ausgänge in jedem Augenblick völlig decken, würde sich die Frage Kassenhaltung oder Anlage in anderen Aktiva gar nicht stellen; die Notwendigkeit dieser Entscheidung resultiert also erst aus der unvollständigen Synchronisation von Zahlungsströmen. Ein einfaches Beispiel soll dies verdeutlichen. Es sei angenommen, ein Wirtschaftssubjekt erhalte im Zeitpunkt to eine Einnahme in Höhe von E. Am Ende jeder Periode, erstmals im Zeitpunkt t1, habe es eine Zahlung in Höhe von A zu leisten. Während der ersten Periode ist also ein Betrag von E anlagefähig. In die zweite Periode geht das Wirtschaftssubjekt mit einem Kassenbestand von E A; dieser Betrag könnte für die zweite Periode angelegt werden. Am Ende der zweiten Periode wird wieder eine Zahlung in Höhe von A fällig, der Betrag von E 2A ist also in der dritten Periode zur Anlage in einem anderen Vermögenswert frei usw. Im Zeitpunkt t10 sei schließlich die gesamte Einnahme ausgegeben. Wird der Zins, der sich pro Periode bei einer bestimmten Anlageform erzielen lässt, mit r bezeichnet, und sieht man von Zinseszinsen ab, so ergibt sich folgende Summe für die gesamten Zinseinnahmen (Z), die bei einer Anlage des jeweils freien Geldbetrages anfallen: (1) Z Ë E · r Ê (E A) · r Ê (E 2A) · r Ê . . . Ê (E 9A) · r. Hält das betreffende Wirtschaftssubjekt die jeweils überschüssigen Beträge in Form von Bar- oder Buchgeld, drückt Z die Kosten (Opportunitätskosten) der Kassenhaltung während dieser Zeit aus. Da in diesem Beispiel unterstellt ist, dass die Wirtschaftseinheit jeweils nur Anlageformen mit einer Periode Dauer wählen kann, muss sie jeweils zu Beginn der Periode neu über die Frage der Kassenhaltung oder der Anlage des freien Betrages entscheiden. Betrachtet man nur die Ertragsseite der Anlage, scheint ein Halten von Geld bei einer rationalen Wahl nicht in Frage zu kommen. Sobald man jedoch berücksichtigt, dass die Anlage von Geld in anderen Vermögenswerten und deren spätere Rückwandlung in Geld Kosten und Mühe verursachen, steht dem Ertrag ein Aufwandfaktor „Mühe und Kosten‘‘ gegenüber. Die Wirtschaftseinheit wird daher die freien Beträge nur anlegen, wenn der Ertrag aus dieser Anlage den Wert der Kosten und die Mühe des jeweiligen „Umwandelns‘‘ überschreitet. Der Kassenhaltung oder Geldnachfrage liegt somit immer eine Entscheidung der jeweiligen Wirtschaftseinheit, d.h. ein Vergleich von Ertragsmöglichkeiten mit den Kosten und der Mühe der Anlage bzw. Rückwandlung zugrunde. Verallgemeinern wir diese Überlegung, dann wäre die Möglichkeit einzubeziehen, dass es verschiedene Vermögensanlagen, etwa Wertpapiere unterschiedlicher Laufzeit gibt. Neben eventuellen Unterschieden in den Zinssätzen können dann Differenzen in dem Aufwand für Kosten und Mühe der Bildung und Auflösung von Anlagen die Entscheidung beeinflussen. So steht z.B. der Betrag A einmal über die ganze Zeit, d.h. 10 Perioden lang zur Anlage frei. Gibt es ein Wertpapier mit dieser Laufzeit, so erhöht sich die Rentabilität der Anlage gegenüber der 10maligen Anlage des gleichen Betrages in einem Wertpapier mit der Laufzeit von einer Periode auch bei gleichem Zins, wenn die Kosten und Mühe der Wertpapiertransaktion bei einmaliger Anlage für 10 Perioden kleiner sind. In Abb. II.1 ist dieser Zusammenhang graphisch dargestellt. Die Linie E gibt die in t0 anfallende Einnahme wieder, SA stellt die von Periode zu Periode kumulierten 0 K B N E, A M E C L }A A t0 t1 t5 t10 t Abb. II.1 1. Kassenhaltung bei vollständiger Voraussicht 23 Ausgaben dar. Aus der waagerechten Linie BC lässt sich beispielsweise ersehen, dass der Betrag A für eine Dauer von 10 Perioden anlagefähig ist, die Senkrechte über t1 macht deutlich, dass der gesamte Betrag E Ë 10 · A für eine Periode angelegt werden könnte, jeweils bezogen auf die Entscheidung im Zeitpunkt t0. Anlagefähig im Zeitablauf sind allgemein Beträge, die dem Abstand zwischen der SA-Kurve und der Linie der Einnahme E entsprechen. Anlagefähig ist also jeweils nur der freie, d.h. nicht für Zahlungszwecke benötigte Betrag. Dabei ist zunächst unterstellt, dass dieser Betrag durch die völlige Voraussicht über Höhe und zeitliche Reihenfolge von Einnahme und Ausgaben genau bekannt ist. Allgemein kann man folgendes festhalten: (1) Der jeweils anlagefähige Betrag ist umso höher, je höher bei gleicher zeitlicher Folge von Einnahmen und Ausgaben das absolute Volumen der Transaktionen ist. (2) Die Möglichkeit, über Geldbeträge frei verfügen zu können, hängt entscheidend vom zeitlichen Verhältnis zwischen Zahlungseingängen und -ausgängen ab. Würde z.B. der gesamte Betrag E erst im Zeitpunkt t10 für Zahlungszwecke benötigt, könnte diese ganze Summe für die Dauer von 10 Perioden angelegt werden; andererseits würde jede Verschiebung von Zahlungen auf frühere Zeitpunkte die Anlagemöglichkeiten reduzieren. (3) Im obigen Beispiel wurde unterstellt, dass in jeder Periode jeweils der gesamte frei verfügbare Betrag angelegt wird. Diese Entscheidung ist jedoch nur unter zwei Bedingungen möglich bzw. ökonomisch richtig. Erstens ist dabei vorausgesetzt, dass es auch entsprechende Anlagemöglichkeiten in Höhe des Betrages A für die Dauer von einer Periode gibt; zum anderen ist zu berücksichtigen, dass mit jeder Anlage (Umwandlung von Geld in Wertpapiere etc.) und Wiedereinlösung in Geld in aller Regel Mühe und Kosten verbunden sind. Diese Tatsache könnte z.B. dazu führen, dass sich ein mehrfaches „Umsteigen‘‘ dieser Art nicht lohnt, sondern beispielsweise nur die Anlage der Hälfte des Betrages der Einnahme im Zeitpunkt t0 für die Dauer von fünf Perioden (Rechteck KLMN in Abb. II.1) einen Ertrag bringt, der die genannten Mühe und Kosten überschreitet. (4) Weiterhin wurde in dem Beispiel vorausgesetzt, dass am Ende die gesamte Einnahme für Ausgaben verwendet wurde. Übersteigt dagegen die Einnahme in t0 die Summe der vorgesehenen Ausgaben, bleibt der Differenzbetrag über den Zeitpunkt t10 hinaus anlagefähig. Somit ist auch das Sparen Bestandteil dieser Entscheidungsvorgänge, wobei sich auf Grund der längeren Verfügbarkeit über den betreffenden Betrag meist Anlagemöglichkeiten eröffnen, die bei einer kurzfristigen Bindung nicht in Frage kommen. (5) Schließlich ist noch die Möglichkeit der Kreditaufnahme zu berücksichtigen. So kann es unter Umständen zur Deckung eines vorübergehenden Kassenbedarfes zweckmäßiger sein, einen kurzfristigen Kredit aufzunehmen als ein Wertpapier zu verkaufen. In der Realität wird die zeitliche Relation der Zahlungsströme von vielen Faktoren beeinflusst. So spielen im Bereich der Unternehmen etwa saisonale Bedingungen eine wesentliche Rolle. Für einen Haushalt dagegen bestimmt vor allem die Häufigkeit der Einkommenszahlung den finanziellen Bewegungsspielraum. Je seltener die 24 II. Die Nachfrage nach Geld Zahlungstermine, desto größer die Wahrscheinlichkeit, dass sich die vorübergehende Anlage freier Beträge lohnt. Unter der Annahme stetig und gleichmäßig über den Planungszeitraum verteilter Auszahlungen haben W. J. Baumol und J. Tobin einen Ansatz zur Bestimmung der optimalen Höhe der Transaktionskasse entwickelt. Unterstellt wird dabei, dass bei der Umwandlung von Kasse in verzinsliche Anlagen und bei deren Auflösung neben mit der Höhe des jeweiligen Betrages variierenden auch fixe Kosten (b) anfallen. Bei einer Anlage lässt sich der Zinssatz (r) erzielen. Für den Fall, dass die kumulierten Auszahlungen für die Güterkäufe des Planungszeitraumes (A) durch Verkäufe von Wertpapieren vorfinanziert werden müssen und die Einkommenszahlung in Höhe von E Ë A erst am Ende des Planungszeitraumes erfolgt, vereinfacht sich die Formel zur Bestimmung der optimalen Höhe der im Periodendurchschnitt gehaltenen Transaktionskasse (TK) auf den Ausdruck: (2) TK Ë ffiffiffiffiffiffi bA 2r r . Aus Gleichung (2) folgt: (1) Die optimale durchschnittliche Transaktionskasse ist umso größer, je höher das Transaktionsvolumen (A) und die fixen Umwandlungskosten und je niedriger der Zins sind, und vice versa. (2) Mit steigendem Transaktionsvolumen nimmt die Höhe der optimalen Transaktionskasse unterproportional zu, es bestehen also economies of scale der Kassenhaltung. Lange Zeit dominierte in der Literatur allerdings ein Ansatz, nach dem der Kassenbedarf proportional zum Transaktionsvolumen steigt und unabhängig von der Zinshöhe ist. Bezeichnet man den mengenmäßigen Güterumsatz mit T und den Durchschnittspreis der umgesetzten Güter mit PT, so stellt das Produkt T · PT den wertmäßigen Umsatz dar. Die Auffassung der klassischen Nationalökonomen über die funktionale Abhängigkeit der Geldnachfrage (MD) lässt sich dann in ihrer einfachsten Form wie folgt ausdrücken: (3) MD Ë k · (T · PT). Die Wirtschaftssubjekte wünschen danach eine feste Relation (k) zwischen ihren Kassenbeständen und dem Volumen ihrer wirtschaftlichen Transaktionen einzuhalten, die Höhe des Zinses spielt hierbei keine Rolle. Stellt man statt auf das Transaktionsvolumen auf die gesamte Wertschöpfung ab, lässt sich die klassische Auffassung über die Geldnachfrage folgendermaßen ausdrücken: (4) MD Ë k · (YR · PY); oder: (4 a) MD Ë k · Y. Dabei steht YR für das reale Volkseinkommen, PY für das Preisniveau der in YR enthaltenen Güter und Y für das nominelle Volkseinkommen. Sieht man dagegen die Entscheidung über Kassenhaltung oder Anlage in ertragbringenden Vermögenswerten als Folge einer Rentabilitätsabwägung zwischen Ertrag auf der einen sowie Kosten und Mühe der Anlage auf der anderen Seite, lässt sich diese Auffassung nicht mehr aufrechterhalten. Sicherlich ist der zeitliche Abstand zwischen einem Teil der Zahlungseingänge und -ausgänge so kurz, dass eine Anlage 1. Kassenhaltung bei vollständiger Voraussicht 25 freier Beträge nicht in Betracht kommt. Der Grund hierfür kann einmal darin liegen, dass entsprechende kurzfristige Anlageformen gar nicht bzw. nicht in hinreichendem Umfang zur Verfügung stehen. Scheidet dieser Fall aus, ist die Kassenhaltung einfach ein Ausdruck der Tatsache, dass sich eine Anlage nicht lohnt. Das heißt aber nichts anderes, als dass Kosten und Mühe höher eingeschätzt werden als der Ertrag einer Anlage. Nach diesen Überlegungen ergeben sich zusammenfassend folgende Determinanten der Geldnachfrage (MD): Der Grad der Synchronisation von Einnahme- und Ausgabeströmen (Sy), das wertmäßige Volumen der wirtschaftlichen Transaktionen (T · PT) sowie die Erträge aus der vorübergehenden Anlage von Geld in anderen Vermögenswerten (R), vermindert um Kosten und Mühe der Geldanlage (K). Als Funktion für die Geldnachfrage ergibt sich hieraus: (5) MD Ë MD (Sy, T · PT, R K). Gegenüber der Funktion (5) geht man in der Literatur im Allgemeinen von folgenden Vereinfachungen aus: (1) Es wird ein konstanter Grad der Synchronisation von Einnahmen und Ausgaben unterstellt. (2) Statt auf den Wert aller Transaktionen stellt man auf das nominelle Volkseinkommen (Y) ab. (3) Als Alternative zur Kassenhaltung wird meist nur die Anlage in festverzinslichen Wertpapieren oder Termineinlagen berücksichtigt; die Determinante R reduziert sich damit auf den Zins (i). Läßt man ferner die Kosten und Mühe der Geldanlage außer acht, so ergibt sich folgende Funktion der Geldnachfrage: (6) MD Ë MD (Y, i). Dabei wird angenommen, dass die Geldnachfrage ceteris paribus mit steigendem Y und sinkendem i zunimmt (und vice versa). 2. Der Einfluss unsicherer Erwartungen Die Überlegungen im vorangehenden Abschnitt zur Geldnachfrage gingen von der Annahme vollständiger Voraussicht aus. Diese unterstellte Sicherheit hinsichtlich der zukünftigen Entwicklung im Zeitpunkt der Entscheidung über die Höhe des Kassenbedarfs bezieht sich darauf, dass folgende Größen bekannt sind: (1) Die zeitliche Abfolge von Einnahmen und Ausgaben, d.h. der Grad der Synchronisation der Zahlungsströme. (2) Die Höhe von Zahlungseingängen und -ausgängen. (3) Die Nettoerträge der Aktiva, die für eine vorübergehende Anlage von Geld in Frage kommen. Aus der vollkommenen Voraussicht nach (1) und (2) folgt die Kenntnis über Höhe und Dauer der für eine Anlage zur Verfügung stehenden Gelder, aus Bedingung (3) ergibt sich die Eindeutigkeit der Entscheidung, ob sich eine solche Anlage lohnt und wenn ja, in welchen Anlageformen der höchste Ertrag zu erzielen ist. Die Annahme vollkommener Voraussicht entspricht nun in keiner Weise der Realität. Die unvollkommene Kenntnis über die zukünftige Entwicklung ist gegenüber 26 II. Die Nachfrage nach Geld

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References

Zusammenfassung

Der Klassiker zur Geldtheorie.

Das Lehrbuch zur Geldtheorie

ist eines der erfolgreichsten Bücher dieser Art. Dem Autor Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Otmar Issing, ehemals Direktoriumsmitglied der Europäischen Zentralbank und »Vater des Euro«, gelingt es hervorragend, den aktuellen Stand der modernen Geldtheorie einfach und konzentriert darzustellen. Der Band gibt den Studenten eine hilfreiche Orientierung in der Diskussion zwischen Keynesianern, Monetaristen und Liquiditätstheoretikern.

Geldtheorie aktuell

Die Neuauflage enthält unter anderem Ausführungen zu

* den wichtigsten Entwicklungen der Kreditmarkttheorie

* dem Einfluss der Finanzmarktkrise auf den Geldmarkt und

* dem Zusammenhang von Finanzmarktkrise und Liquidität.

Im Überblick

* Das Geld

* Die Nachfrage nach Geld

* Das Geldangebot

* Zinstheorie

* Geldmenge, monetäre Nachfrage, Preisniveau und Beschäftigung

* Die Liquidität

* Inflationstheorie