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12. Deflation in:

Otmar Issing

Einführung in die Geldtheorie, page 279 - 283

15. Edition 2011, ISBN print: 978-3-8006-3810-9, ISBN online: 978-3-8006-4315-8, https://doi.org/10.15358/9783800643158_279

Series: Vahlens Kurzlehrbücher

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12. Deflation Unter Deflation versteht man einen nicht nur vorübergehenden, sondern anhaltenden Rückgang des allgemeinen Preisniveaus (siehe Abschnitt 2 b). Sowenig es sinnvoll ist, den Inflationsbegriff auf die Preisentwicklung bei einzelnen Gütern bzw. Gütergruppen anzuwenden, sowenig ist es angebracht etwa von „Deflation‘‘ der Industriegüterpreise zu sprechen. Veränderungen der relativen Preise sind ein fundamentales Element marktwirtschaftlicher Prozesse. Soll im Übrigen die Inflationsrate niedrig bleiben, müssen Preissenkungen bei bestimmten Gütergruppen Preiserhöhungen bei anderen kompensieren. Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges sind die Preisniveaus weltweit über Jahrzehnte mehr oder weniger stark gestiegen. Das Phänomen Deflation als entgegengesetzte Entwicklung war daher im Wesentlichen nur noch von historischem Interesse. Dies hat sich seit dem anhaltenden Rückgang der Preise in Japan in den neunziger Jahren deutlich geändert. Seit einiger Zeit sind zudem in den wichtigsten Volkswirtschaften der Welt relativ niedrige Inflationsraten zu verzeichnen. Dies ist als großer Erfolg der Politik zu werten. Andererseits hat sich damit der Abstand zwischen positiven (Inflation) und negativen (Deflation) Raten der Veränderung des Preisniveaus deutlich verringert. Diese „Nähe‘‘ der Situation zur Deflation wird daher vielfach als Gefahr eingeschätzt. Damit verdient das Thema Deflation höhere Aufmerksamkeit als dies lange Zeit der Fall war. Preisentwicklung in Deutschland, 1925-1939 1) Lebenshaltungskosten einer 5-köpfigen Arbeiterfamilie. 1925 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 1939 12 8 4 0 4 8 – – – + + Veränderung gegenüber Vorjahr in % Verbraucherpreise 1) Großhandelspreise Preisindex des Sozialprodukts Quelle: Deutsche Bundesbank, Deutsches Geld- und Bankwesen in Zahlen 1876–1975, Frankfurt am Main 1976. Abb. VII.29 272 VII. Inflationstheorie Im 19. Jahrhundert wechselten sich längere Phasen der Inflation und Deflation ab. Dabei waren durchaus Perioden zu verzeichnen, in denen ein Rückgang des Preisniveaus von bemerkenswerten Zunahmen des realen Sozialprodukts begleitet war. Die deflatorische Entwicklung ergab sich im Wesentlichen aus dem Zusammenspiel einer Ausdehnung der Produktion und der Beschränkung des Geldangebots im Goldstandard. Verheerende Folgen der Deflation waren dagegen in der Weltwirtschaftskrise nach 1929 zu beobachten. Zwischen 1929 und 1933 sank der Index der Verbraucherpreise in Deutschland um 23%, der Index für die Großhandelspreise ging sogar noch stärker zurück, nämlich um 32% (siehe Abb. VII.29). In drei aufeinander folgenden Jahren schrumpfte das reale Sozialprodukt jeweils gegenüber dem Vorjahr um 1,4%, 7,7% und 7,5%. Die Werte für den Einbruch des nominalen Sozialprodukts betrugen 6,8%, 16,3% und 17,8%. Die Zahl der Arbeitslosen stieg von 1,4 Millionen (1928) auf 5,6 Millionen (1932). Ähnliche Entwicklungen waren in einer ganzen Reihe anderer Industrieländer zu beobachten. Aus jüngerer Zeit verdient in diesem Zusammenhang die Entwicklung in Japan besonderes Interesse. Während die Veränderungen der Industriepreise schon seit Anfang der neunziger Jahre deflationäre Tendenzen aufwiesen, ist ein anhaltender Rückgang der Verbraucherpreise erst später zu beobachten (siehe Abb. VII.30). Die Preisentwicklung in Japan, 1990 – 2005 1) Erzeuger- und Großhandelspreise. 1990 91 92 93 94 95 96 97 98 99 00 01 02 03 04 2005 3 2 1 0 1 2 3 4 – – – + + + + Veränderung gegenüber Vorjahr in % % Verbraucherpreise Industriepreise 1) Quelle: Deutsche Bundesbank, Deutsches Geld- und Bankwesen in Zahlen 1876–1975, Frankfurt am Main 1976. Abb. VII.30 Arbeitslosigkeit stieg von 2% im Jahre 1990 auf rund 51/2% im Jahre 2002; sie ist seitdem aber wieder rückläufig. Das Wachstum des realen Bruttoinlandsprodukts fiel 12. Deflation 273 von 6,5% im Jahre 1988 unter Schwankungen auf 0,1% im Jahre 2002. Im Jahre 1998 schrumpfte das reale Bruttoinlandsprodukt sogar um rund 1%. Die Jahresver- änderungsrate des nominalen Bruttoinlandsprodukts fiel von über 7% von 1988 bis 1990 auf rund 1,5% im Jahre 2002. Im Jahre 2005 wuchs das nominale Bruttoinlandsprodukt mit über 1%. Der Vergleich der Situation in Deutschland während der Weltwirtschaftskrise und der in Japan zeigt einige bemerkenswerte Unterschiede. In Deutschland hat sich die Rate der Deflation geradezu dramatisch beschleunigt, doch hat sich die Preisentwicklung schon nach wenigen Jahren wieder umgekehrt. Dagegen sind die Preise in Japan mit wesentlich geringeren Jahresraten mehr oder weniger stetig zurückgegangen; jedoch hat sich die deflationäre Situation über einen sehr langen Zeitraum hinweg fortgesetzt. Dieser Vergleich bezieht sich allerdings nur auf einige zentrale gesamtwirtschaftliche Daten, für eine Analyse der Ursachen ist hier nicht der Ort. Die Kombination eines anhaltenden Rückgangs der Preise und einer mehr oder weniger stetigen Zunahme des Sozialprodukts im 19. Jahrhundert ist weitgehend auf Verbesserungen der Produktionsbedingungen bzw. erhebliche Produktivitätssteigerungen, d. h. also auf angebotsseitige Entwicklungen zurückzuführen. Die Ursachen der Deflation in den Industrieländern der neueren Zeit sind dagegen vornehmlich auf der Nachfrageseite auszumachen. Gesamtwirtschaftlich bedrohlich wird die Situation, wenn sich die Erwartungen auf einen anhaltenden Deflationsprozess einrichten. Potentielle Käufe könnten in der Aussicht auf niedrigere Preise zurückgestellt werden, Unternehmen setzen Investitionen aus, weil sich bei sinkenden Absatzpreisen die Renditeaussichten verschlechtern. Die Wirtschaft gerät dann in eine sich selbst verstärkende Abwärtsspirale. Mit dem Sinken des Preisniveaus können aber auch Anpassungsmechanismen ausgelöst werden, die der Ausbreitung deflationärer Tendenzen entgegenwirken. So steigt mit dem Rückgang des Preisniveaus der reale Wert des in Form von Geld gehaltenen Vermögens. Löst dieser Anstieg des realen Vermögens einen Realkassenhaltungs-Effekt aus, nimmt die Nachfrage nach Konsum- und Investitionsgütern zu (siehe Kapitel V, Abschnitt 4). Dieser Vermögenseffekt kann also stabilisierend auf Preise und ökonomische Aktivität wirken. Die besonderen Schwierigkeiten für die Geldpolitik liegen darin, dass sie ihre Zinsen höchstens bis auf Null reduzieren kann (Null-Grenze) (siehe Abschnitt 11). Vorschläge, diese Grenze für den Nominalzins durch eine Art Steuer auf das Halten von Geld aufzuheben, sind kaum praktikabel. Es ist denkbar, dass wegen der schlechten Wirtschaftsaussichten auch eine massive Erhöhung der Bankenliquidität die Banken nicht zu einer Ausdehnung der Kredite veranlasst; in diesem Falle bricht also der Multiplikatorprozess der Geldschöpfung zusammen (siehe die Diagnose bei Friedman und Schwartz). Die Notenbank kann daher unter solchen Umständen versuchen, durch Ankäufe von Vermögenswerten (z. B. von staatlichen Wertpapieren) zusätzliche Liquidität zur Verfügung zu stellen und auf diese Weise die Wirtschaft zu stimulieren. Die Deflation ist in vielerlei Hinsicht das Spiegelbild der Inflation. Dem entsprechen auch die im Wesentlichen umgekehrten Wirkungen auf wichtige gesamtwirtschaftliche Größen (siehe dazu auch Abschnitt 9). Während die Inflation tendenziell die Verteilung zugunsten der Schuldner und zu Lasten der Gläubiger beeinflusst, benachteiligt die Deflation grundsätzlich die Schuldner und begünstigt die Gläubiger. Wie bei der Inflation hängen auch die Wirkungen der Deflation nicht zuletzt davon 274 VII. Inflationstheorie ab, inwieweit die Preisentwicklung antizipiert wird. Deflation wie Inflation sind grundsätzlich pathologische Erscheinungen der Geldwirtschaft. Nur bei einem stabilen Geldwert kann das Geld seine Funktion uneingeschränkt im Dienste der Gesellschaft erfüllen. Eine Besonderheit der Deflation liegt in der schon erwähnten „Nullgrenze‘‘. Solange mit dem Bargeld ein liquides, risikoloses alternatives Aktivum zur Verfügung steht, kann der Nominalzins nicht unter Null sinken – die Anleger würden Aktiva mit negativer Verzinsung meiden und Bargeld halten. In einem weiteren Sinne, d. h. über den Nominalzins hinaus, ist damit die Resistenz von Nominalgrößen ganz allgemein gegenüber einem absoluten Rückgang gemeint. Von besonderer Bedeutung ist dabei die Lohnentwicklung. Die Deflation verschärft die in Abschnitt 10 bereits behandelten Fragen, inwieweit sich die Tarifparteien an Realgrößen orientieren bzw. sich die Arbeitnehmer und Gewerkschaften gegen einen absoluten Rückgang der Nominallöhne sperren, auch wenn ein Sinken des Preisniveaus die Kaufkraft der Geldeinheit erhöht. Besonders schwerwiegende gesamtwirtschaftliche Folgen können sich ergeben, wenn die Vermögenspreise auf breiter Front einbrechen. Die Gefahr einer solchen Vermögenspreisdeflation (Asset Price Deflation) ist umso größer, je stärker die Werte von Aktien und Grund- bzw. Hausbesitz vorher überbewertet waren. Eine solche „Blase“ (Bubble) war vor allem in den USA zu beobachten. Dort hatten sich die Aktienkurse und vor allem Häuserpreise immer weiter von ihren historischen Vergleichswerten entfernt. Zwar ist es schwierig, solche Fehlentwicklungen exakt festzustellen, doch sprachen viele Anzeichen für eine immer stärker werdende Überbewertung, die durch anhaltend niedrige Zinsen weiter forciert wurde. Mit dem Ausbruch der Finanzmarktkrise kam es schließlich zu dem unvermeidlichen starken Rückgang vieler Vermögenspreise. Die Vermögenspreisdeflation ist im Wesentlichen durch folgende Elemente charakterisiert: • Nach einem erheblichen Anstieg der Vermögenspreise über einen längeren Zeitraum (Bubble) kommt es zu einem beträchtlichen Rückgang. Dieser fällt umso stärker aus und hält umso länger an, je ausgeprägter der vorangegangene Anstieg war. Die Auswirkungen auf die Gesamtwirtschaft sind vor allem dann gravierend, wenn ein breites Spektrum von Vermögenswerten – also neben Aktien und anderen Wertpapieren auch Haus- und Grundstückspreise – betroffen sind. • Der Rückgang der Vermögenspreise führt zu einer Verschlechterung der Bilanzen der Banken. Die negative Wirkung wird verstärkt durch eine niedrigere Bewertung der Kredite der Banken, die wegen der verschlechterten Bonität der Kreditnehmer erforderlich werden. Die Bankbilanzen geraten also sowohl von der Aktiv- wie von der Passivseite her unter Druck. • Für die nicht-finanziellen Unternehmen verschlechtern sich die Finanzierungsbedingungen. Dazu tragen die gesunkenen Aktienkurse (Verteuerung der Eigenkapitalaufnahme) ebenso bei wie die gesunkenen Vermögenswerte und die sich verschlechternden Absatzbedingungen. • Die zuletzt genannten Faktoren führen zu einer sich im Zeitablauf verstärkenden Zurückhaltung der Banken bei der Kreditvergabe. Eine Kreditklemme (Credit Crunch) tritt ein, wenn die Banken generell wegen einer zu geringen Eigenkapitalausstattung und erhöhter Risikovorsorge ihre Kreditvergabe rationieren. 12. Deflation 275 • der Rückgang der Aktienkurse sowie der Haus- und Grundstückspreise führt zu einem Vermögensverlust der Unternehmen und Haushalte. Je nach der Bedeutung von Grundvermögen und Aktienbesitz und abhängig vom Rückgang der Vermögenspreise schränken die privaten Haushalte ihre Konsumausgaben ein; erhöhte Unsicherheit vor der Zukunft kann diese Entwicklung noch verstärken (Vorsorgesparen). Neben den verschlechterten Finanzierungsbedingungen rechnen die Unternehmen mit verringertem Absatz. Als Folge davon bricht die Investitionstätigkeit ein. • Verringerter Absatz und geringere Investitionen führen zum Abbau der Beschäftigung. Mit der Zunahme der Arbeitslosigkeit geht die Nachfrage weiter zurück, dies führt zu weiteren Entlassungen usw. Die Vermögenspreisdeflation stellt einen Prozess dar, in dem Übertreibungen der vorausgegangenen Boomperiode korrigiert werden. Diese Korrektur der Bilanzen der Banken und Nichtbanken kann erhebliche Anpassungen erfordern und folglich auch sehr lange dauern. 13. Literatur zum VII. Kapitel Allgemeine Literatur: Die Literatur zum Inflationsproblem ist unüberschaubar geworden; selbst die „Surveys‘‘ und „Readings‘‘ sind kaum mehr zu zählen. Als Übersichtsartikel nach wie vor zu empfehlen: Bronfenbrenner, Martin and Holzman, Franklyn D., Survey of Inflation Theory, American Economic Review, Vol. 53, 1963, S. 593–661. Laidler, David E.W. and Parkin, Michael, Inflation: A Survey, The Economic Journal, Vol. 85, 1975, S. 741–809. Mit ausführlichem Literaturverzeichnis. Die neueren Entwicklungen auf dem Gebiet der Inflationstheorie und -empirie sind verständlich aufbereitet in: McCallum, Bennett T., Inflation: Theory and Evidence, in: Friedman, Benjamin M. and Hahn, Frank H. (eds.), Handbook of Monetary Economics, Amsterdam u.a. 1990, Kapitel 18, S. 963–1012. An Monographien bzw. Reading-Bänden sind zu nennen: Ball, R. J. and Doyle, P. (eds.), Inflation, Harmondworth 1969; Reprint 1972. Haberler, Gottfried, Inflation. Its Causes and Cures, second edition, Washington 1961 (Rev. and enlarged edition 1966). Parkin, Michael (ed.), The Theory of Inflation, Aldershot 1994. Pohl, Rüdiger, Theorie der Inflation, München 1981. Rieter, Heinz, Die gegenwärtige Inflationstheorie und ihre Ansätze im Werk von Thomas Tooke, Berlin u.a. 1971. Umfangreiche Literaturhinweise. Ströbele, Wolfgang, Inflation, 4. Auflage, München 1995. Zum 1. Abschnitt: Diewert, Erwin, Index Numbers, in: Eatwell, John; Milgate, Murray; Newman, Peter (eds.), The New Palgrave Dictionary of Economics, second edition Vol. 2, London u.a. 2008, S. 767–780. Überblick über die theoretischen und praktischen Probleme der Indexbildung. 276 VII. Inflationstheorie

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References

Zusammenfassung

Der Klassiker zur Geldtheorie.

Das Lehrbuch zur Geldtheorie

ist eines der erfolgreichsten Bücher dieser Art. Dem Autor Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Otmar Issing, ehemals Direktoriumsmitglied der Europäischen Zentralbank und »Vater des Euro«, gelingt es hervorragend, den aktuellen Stand der modernen Geldtheorie einfach und konzentriert darzustellen. Der Band gibt den Studenten eine hilfreiche Orientierung in der Diskussion zwischen Keynesianern, Monetaristen und Liquiditätstheoretikern.

Geldtheorie aktuell

Die Neuauflage enthält unter anderem Ausführungen zu

* den wichtigsten Entwicklungen der Kreditmarkttheorie

* dem Einfluss der Finanzmarktkrise auf den Geldmarkt und

* dem Zusammenhang von Finanzmarktkrise und Liquidität.

Im Überblick

* Das Geld

* Die Nachfrage nach Geld

* Das Geldangebot

* Zinstheorie

* Geldmenge, monetäre Nachfrage, Preisniveau und Beschäftigung

* Die Liquidität

* Inflationstheorie