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9. Die Wirkungen der Inflation in:

Otmar Issing

Einführung in die Geldtheorie, page 266 - 268

15. Edition 2011, ISBN print: 978-3-8006-3810-9, ISBN online: 978-3-8006-4315-8, https://doi.org/10.15358/9783800643158_266

Series: Vahlens Kurzlehrbücher

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die die Wohlfahrtskosten der monetären Expansion entsprechend der Chicago-Regel von Friedman auf Null bringt und dabei gleichzeitig die reale Geldmenge maximiert, dazu führt, dass die Notenbank keine Gewinne mehr aus der Seigniorage erzielt. 9. Die Wirkungen der Inflation In den vorangehenden Abschnitten wurden mögliche Wirkungen der Inflation unter verschiedenen Aspekten diskutiert, hier sollen diese Überlegungen ergänzt und noch einmal zusammengefasst werden (siehe Abb. VII.26). Wirkungen der Inflation antizipierte Inflation – Entwertung der Geldbestände – Kosten der Preisanpassung als Folge der Besteuerung – kalte Progression – Besteuerung der nominellen Zinseinkünfte – Besteuerung der Scheingewinne – Benachteiligung der Eigenkapitalfinanzierung nicht-antizipierte Inflation – mangelnde Anpassung der nominellen – Löhne – Zinsen – Renten (Veränderung der Einkommens- und Vermögungsverteilung) als Folge erhöhter Unsicherheit – erhöhte Transaktionskosten (Verhandlungen über Löhne und Kredite) – verringerte Informationseffizienz des Preissystems – erhöhte Gefahr von Fehlallokationen Abb. VII.26 Jede Volkswirtschaft entwickelt sozusagen aus sich heraus Abwehrmechanismen gegen die negativen Auswirkungen der Inflation. Diese Abwehrreaktion fällt unter sonst gleichen Umständen umso stärker aus, je länger die Inflation andauert und je höher die Rate der Geldentwertung ist. Eingriffe des Staates, die sich gegen diese private Suche nach Schutz vor den Folgen der Inflation richten, wie z.B. ein Verbot der Indexierung, können diesen Prozess im Allgemeinen nur verzögern, aber letztlich nicht verhindern. Aus diesen Überlegungen folgt unmittelbar, dass das Ausmaß der Wirkungen der Inflation wesentlich davon abhängt, inwieweit sich die erwähnten Abwehrmechanismen bereits herausgebildet haben. Im Modell der vollständig antizipierten Inflation wird unterstellt, dass die Wirtschaftssubjekte nicht nur die zukünftige Inflationsrate richtig einschätzen, sondern diese Erwartung auch in einen entsprechenden „Schutz‘‘ umsetzen können. Aber selbst unter diesen realitätsfernen Voraussetzungen bleiben noch Wirkungen der Inflation in Form der „Steuer‘‘ auf die (unverzinslichen) Geldbestände und der mit der laufenden Preisanpassung verbundenen Kosten. Wesentliche Auswirkungen der Inflation ergeben sich aus der Tatsache, dass der Staat Steuern erhebt. Zwar ließe sich auch das Steuersystem grundsätzlich weitgehend so ausgestalten, dass die Inflation keine Wirkungen hinterlässt – etwa durch eine Indexierung von Freibeträgen, Bereinigung der Steuerbasis um Veränderungen 9. Die Wirkungen der Inflation 259 des Geldwertes etc. Es ist nach allen Erfahrungen aber sehr fraglich, ob der Gesetzgeber tatsächlich darum bemüht ist, das Steuersystem in diesem Sinne „inflationsneutral‘‘ zu gestalten. Das einzelne Wirtschaftssubjekt hat darauf keinen Einfluss, es kann sich daher auch nicht gegen entsprechende Wirkungen wehren. Daher mag es angemessen erscheinen, die aus der Existenz der Besteuerung resultierenden Wirkungen unter denen der antizipierten Inflation zu führen. Dies gilt auch für den Einfluss der „Inflationssteuer‘‘ auf die Höhe der Seigniorage. Zu diesen Wirkungen zählen die „kalte Progression‘‘, bei der Einkommensbezieher inflationsbedingt in höhere Progressionsstufen hineinwachsen ebenso wie die Besteuerung der nominellen Zinseinkommen und der Scheingewinne. Diese Effekte bewirken jeweils einen Ressourcentransfer von den Privaten zum Staat. Die Inflation verstärkt außerdem die von den (meisten) Steuern ohnehin ausgehende verzerrende Wirkung („excess burden‘‘) auf wirtschaftliche Entscheidungen. So verstärkt sich – wegen der Abzugsfähigkeit der Fremdkapitalzinsen – die Attraktivität der Finanzierung über Fremdkapital gegenüber der über Eigenkapital. Wegen der höheren Steuerbelastung verschiebt sich ferner der Kalkül zwischen Arbeitszeit und Freizeit sowie zwischen Sparen und Konsum; als Folge ist tendenziell mit einem Rückgang des Arbeitsangebots und der Ersparnis zu rechnen. Die Wirkungen der Inflation, die nicht (bzw. nicht vollständig) antizipiert wird, wurden im Einzelnen bereits ausführlich diskutiert. In erster Linie sind dazu die Verschiebungen zu rechnen, die zwischen Lohnbeziehern und Unternehmen (Lohn-lag- Hypothese) sowie zwischen Gläubigern und Schuldnern von Geldvermögen auftreten (Gläubiger-Schuldner-Hypothese). Analog werden auch die Rentenbezieher benachteiligt, wenn ihre nominellen Bezüge nicht oder nur mit zeitlicher Verzögerung angepasst werden. Inflation, die nicht antizipiert werden kann, erhöht die Unsicherheit, unter der wirtschaftliche Entscheidungen zu treffen sind. Dispositionen von Unternehmern und Arbeitnehmern, Sparern und Konsumenten tragen ein höheres Risiko und stellen sich – sofern die Inflation nicht antizipiert wird – häufiger als falsch heraus; gesamtwirtschaftlich erhöht sich daher die Wahrscheinlichkeit von Fehlallokationen. Als Folge dieser Unsicherheit werden möglicherweise öfter Verhandlungen über Löhne und Kredite geführt, es verkürzen sich die Laufzeiten von Kontrakten. Dies verringert zwar einerseits die Wirkungen der Inflation, erhöht aber andererseits die Transaktionskosten; Ressourcen werden aus der Güterproduktion herausgezogen und in Verhandlungen gebunden. Schließlich büßt das Preissystem insofern an Informationseffizienz ein, als es für die Wirtschaftssubjekte schwieriger wird, Veränderungen von Einzelpreisen danach zu beurteilen, ob es sich um Änderungen relativer Preise oder um Bewegungen handelt, die alle Preise gleichmäßig betreffen und als reine Veränderungen des Preisniveaus zu verstehen sind. Ein wichtiges Unterscheidungsmerkmal der Wirkungen der Inflation liegt darin, ob sie „nur‘‘ die Verteilung von Einkommen und Vermögen beeinflussen oder in dem Sinne gesamtwirtschaftliche Kosten darstellen, dass sie den Output insgesamt verringern; im ersten Fall handelt es sich um ein „Null-Summen-Spiel‘‘, was die einen verlieren, gewinnen die anderen, im zweiten Fall verliert die Volkswirtschaft insgesamt. 260 VII. Inflationstheorie 10. Der Disinflationsprozess Generell ist damit zu rechnen, dass von einer anhaltenden Inflation kaum positive Wirkungen ausgehen, andererseits aber die Gefahr der Beschleunigung der Geldentwertung stets virulent bleibt. Zumindest auf längere Sicht steht die Wirtschaftspolitik daher vor der Aufgabe, einen Kurs der Inflationsbekämpfung einzuschlagen. Die dazu im Einzelnen erforderlichen Maßnahmen können hier nicht dargestellt werden; ohne eine Reduktion des Geldmengenwachstums lässt sich diese Politik jedoch mit Sicherheit nicht erfolgreich durchführen. Offen bleiben muss an dieser Stelle auch, ob eine abrupte Beendigung des Inflationsprozesses nach Art einer Schocktherapie oder eine allmähliche Rückführung der Preissteigerungsrate im Wege des Gradualismus die angemessene Strategie verkörpert. Wie schon kurz erwähnt, haben zahlreiche Länder anfangs der achtziger Jahre einen Disinflationsprozess eingeleitet, in dessen Folge die Inflationsrate erheblich zurückging; gleichzeitig war jedoch eine deutliche Zunahme der Arbeitslosigkeit und ein ebenso ausgeprägter Rückgang des Wirtschaftswachstums zu verzeichnen. Mit diesem empirischen Befund vor Augen ist daher die Frage aufgeworfen, ob mit solchen negativen Begleiterscheinungen der Disinflation zwangsläufig zu rechnen ist und wovon die Höhe der volkswirtschaftlichen Kosten der Inflationsbekämpfung abhängt. Zur Klärung der Zusammenhänge sei zunächst auf die Quantitätsgleichung zurückgegriffen: (17) M · U Ë Y · P. U steht für die Kreislaufgeschwindigkeit und Y für das reale Volkseinkommen. In Wachstumsraten geschrieben lautet die Gleichung: (18) m Ê u Ë y Ê p. Die Summe aus den Wachstumsraten von Geldmenge und Kreislaufgeschwindigkeit entspricht also immer der Summe aus den Raten der Inflation und des realen Wachstums. Vernachlässigt man den Einfluss von Änderungen der Kreislaufgeschwindigkeit, so ergibt sich: (19) m p Ë y. Wird also die Wachstumsrate der Geldmenge reduziert, so wird die Wachstumsrate des realen Volkseinkommens nur dann nicht tangiert, wenn die Inflationsrate genau im gleichen Maße zurückgeht, oder anders ausgedrückt: Negative Auswirkungen auf das Wirtschaftswachstum – und damit im Allgemeinen auch auf die Beschäftigung – sind in dem Maße unvermeidlich, in dem die Inflationsrate langsamer sinkt als die Rate des Geldmengenwachstums zurückgeht. Güterpreise, Löhne und Zinsen werden in einer Volkswirtschaft nicht in jedem Augenblick neu festgesetzt bzw. passen sich immer nur mit Verzögerungen den geänderten Bedingungen an. Schlägt die Wirtschaftspolitik also einen Kurs der Inflationsbekämpfung ein, so gelten bestehende Preis-, Lohn- und Zinsvereinbarungen im Allgemeinen noch eine Zeit lang weiter. In Abhängigkeit von der vorangegangenen 10. Der Disinflationsprozess 261

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Zusammenfassung

Der Klassiker zur Geldtheorie.

Das Lehrbuch zur Geldtheorie

ist eines der erfolgreichsten Bücher dieser Art. Dem Autor Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Otmar Issing, ehemals Direktoriumsmitglied der Europäischen Zentralbank und »Vater des Euro«, gelingt es hervorragend, den aktuellen Stand der modernen Geldtheorie einfach und konzentriert darzustellen. Der Band gibt den Studenten eine hilfreiche Orientierung in der Diskussion zwischen Keynesianern, Monetaristen und Liquiditätstheoretikern.

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Die Neuauflage enthält unter anderem Ausführungen zu

* den wichtigsten Entwicklungen der Kreditmarkttheorie

* dem Einfluss der Finanzmarktkrise auf den Geldmarkt und

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Im Überblick

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* Die Nachfrage nach Geld

* Das Geldangebot

* Zinstheorie

* Geldmenge, monetäre Nachfrage, Preisniveau und Beschäftigung

* Die Liquidität

* Inflationstheorie