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8. Das Problem der Seigniorage in:

Otmar Issing

Einführung in die Geldtheorie, page 263 - 266

15. Edition 2011, ISBN print: 978-3-8006-3810-9, ISBN online: 978-3-8006-4315-8, https://doi.org/10.15358/9783800643158_263

Series: Vahlens Kurzlehrbücher

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(5) Der Außenwert des Geldes sinkt schneller als der Binnenwert, d.h. der Wechselkurs steigt rascher als das inländische Preisniveau; es kommt also zu einer Unterbewertung der heimischen Währung. (6) Das Vertrauen in das inländische Geld geht schließlich völlig verloren. Eine Wirtschaftspolitik, die versucht, die positiven Wirkungen eines einmaligen inflationären Schubes zu wiederholen bzw. wenigstens zu sichern, kann sehr schnell zur Beschleunigung der Preissteigerungsrate beitragen. In dem Maße, in dem sich die Geldlöhne der Inflation anpassen, geht beispielsweise der positive Beschäftigungseffekt verloren, der durch expansive, inflationäre Maßnahmen zunächst erzielt wurde. Will die Wirtschaftspolitik nach der gleichen Methode auch nur den erreichten Beschäftigungsstand erhalten, bedarf es dazu eines erneuten Inflationsstoßes, der die Preissteigerungsrate in die Höhe treiben muss und zu neuen Lohnforderungen führt usw. Die Anpassung der Löhne wird sich mit steigender Inflationsrate und wachsender „Erfahrung‘‘ immer mehr beschleunigen. Sobald erwartete Preissteigerungen in den Tariflohnerhöhungen vorweggenommen werden, muss die tatsächliche Inflation die antizipierte Rate überschreiten, wenn der gleiche Effekt wie zu Beginn des Inflationsprozesses erreicht werden soll. Reagiert die Arbeitslosenquote nur auf unerwartete Preissteigerungen, bedarf es mit zunehmender Inflationsgewöhnung zur Erhaltung des erreichten Beschäftigungsniveaus immer höherer Inflationsraten. Eine gleichmäßige, nach einiger Zeit allgemein antizipierte Inflation löst also keinerlei positive Wirkungen aus; der Versuch, diese „Pattsituation‘‘ durch eine Beschleunigung der Inflation zu überwinden, birgt die Gefahr der Hyperinflation in sich. 8. Das Problem der Seigniorage Unter Seigniorage versteht man die realen Erträge, die der Staat bzw. die Notenbank dank des Notenbankmonopols auf Grund der Tatsache erzielen können, dass Private freiwillig zinslos Zentralbankgeld (Basisgeld) halten. Zur Vereinfachung der folgenden Überlegungen wird von einer vollständig antizipierten und stetig verlaufenden Inflation ausgegangen, d.h. es gibt keine Sprünge in der Entwicklung des Preisniveaus. Die Seigniorage (St) ist nun folgendermaßen definiert: (14) St Ë dMtdt 1 Pt Ë dMt dt 1 Mt Mt Pt Ë mMt Pt . Diese Definition erfasst die im Zeitpunkt t zusätzlich in Umlauf gebrachte Basisgeldmenge (M), dividiert durch das jeweilige Preisniveau (P). Diese Division ist notwendig, um die realen Erträge zu erfassen. Die rechte Seite von (14) zeigt, dass die Seigniorage das Produkt aus der Wachstumsrate der nominalen Geldmenge (m) und der jeweiligen realen Geldmenge (Mt/ Pt) ist. Anhand dieser Schreibweise wird deutlich, dass eine Notenbank, die ihre Seigniorage erhöhen will, einen trade-off beachten muss. Eine höhere Wachstumsrate der Geldmenge bewirkt im steady-state-Gleichgewicht, also bei stetiger Inflation, eine höhere Inflationsrate und damit höhere Nominalzinsen. Die Opportunitätskosten der Kassenhaltung steigen also, sodass die reale Geldnachfrage und damit die 256 VII. Inflationstheorie reale Geldmenge sinken. Der erste Faktor (m) steigt, der zweite Faktor (Mt/Pt) geht zurück. M.a.W., eine höhere Inflationsrate wirkt zwar wie ein höherer Steuersatz auf die Basisgeldhaltung. Gleichzeitig sinkt aber die „Bemessungsgrundlage‘‘ dieser Steuer, nämlich die reale (Basis-)Geldmenge. Demzufolge führen eine höhere monetäre Expansionsrate und damit eine höhere Inflationsrate ab einem gewissen Punkt nicht zu einer größeren, sondern zu einer geringeren Seigniorage. Auf Grund dieses Effektes gibt es also eine Grenze für die Verwirklichung der Absicht, den realen Ertrag via Hyperinflation immer weiter steigern zu wollen, die Seigniorage geht schließlich sogar zurück. Logarithmiert man die reale Geldmenge, die auf Grund der Nichtberücksichtigung von Wirkungsverzögerungen stets der realen Geldnachfrage entspricht, und differenziert nach der Variablen Zeit, dann ergibt sich die Wachstumsrate der realen Geldmenge (g) als Differenz zwischen der Wachstumsrate der nominalen Geldmenge (m) und der Wachstumsrate des Preisniveaus, also der Inflationsrate (p): (15) g Ë dln Mt dt dln Pt dt Ë m p. Zusammen mit Gleichung (14) lässt sich die Seigniorage dann (16) St Ë MtPt ÀgÊ pÉ schreiben. Beträgt die Elastizität der Geldnachfrage in Bezug auf das Einkommen Eins, dann lässt sich g durch die Wachstumsrate des realen Einkommens ersetzen. Aus (16) lassen sich die zwei Komponenten der Seigniorage ablesen: Die Wachstumsrate der realen Geldnachfrage multipliziert mit der realen Geldmenge (Wachstumskomponente) und die Inflationsrate multipliziert mit der realen Geldmenge (Inflationssteuer). Bei dieser Abgrenzung ist jedoch zu berücksichtigen, dass eine höhere Inflation u.U. zwar die Inflationssteuer steigern kann, aber auf jeden Fall die Wachstumskomponente reduziert, da die reale Geldmenge sinkt, während die Wachstumsrate derselben (annahmegemäß) konstant bleibt. Die Wachstumskomponente resultiert daraus, dass die Notenbank bei steigender realer Geldnachfrage (also g 4 0) ständig zusätzliches Geld emittieren kann bzw. muss, will sie das Preisniveau konstant halten. Da die Notenbank das neue Geld nicht verschenkt, sondern reale Forderungen dafür erwirbt oder, falls die Notenbank nicht von der Fiskalinstanz getrennt ist, direkt Staatskonsum damit bezahlt, fließen dem Staatssektor reale Ressourcen zu. Die Seigniorage kann jedoch nur insoweit zur Finanzierung anderer Staatsausgaben verwendet werden, als sie die Kosten der Geldproduktion übersteigt. Die Inflationssteuer wird dadurch ermöglicht, dass die Privaten auch bei positiver Inflationsrate eine bestimmte reale Geldmenge zu halten wünschen. In Höhe der Inflationsrate wird ihre nominale Kassenhaltung jedoch ständig entwertet, sodass stets zusätzliches Geld in Höhe des Produktes aus Inflationsrate (Steuersatz) und realer Geldmenge (Bemessungsgrundlage) nachgefragt wird, um die reale Geldmenge auf dem gewünschten Niveau zu halten. Diese ständige zusätzliche Nachfrage nach Basisgeld bei gegebener realer Geldnachfrage erlaubt es der Notenbank, die nominale Basisgeldmenge mit einer kon- 8. Das Problem der Seigniorage 257 stanten Wachstumsrate auszudehnen, ohne eine steigende Inflationsrate zu bewirken. Die Darlegungen machen deutlich, dass die Seigniorage nicht mit der Inflationssteuer gleichzusetzen ist. So kann eine Notenbank einerseits auch bei einer Inflationsrate von Null reale Erträge aus dem Notenbankmonopol und damit eine Seigniorage erzielen. Andererseits führt der erwähnte trade-off zu einer entgegengesetzten Entwicklung der beiden Faktoren Inflationsrate und reale Geldmenge. Das ändert aber nichts daran, dass die Möglichkeit, dem Staat via Inflation und deren Einfluss auf die Höhe der Seigniorage zusätzliche Einnahmen zu verschaffen – ohne dass das Parlament Steuererhöhungen zustimmen muss – in nicht wenigen Ländern als eine Ursache anhaltender Inflation anzusehen ist. Die Seigniorage ist vor allem dann nicht mit dem (realen) Notenbankgewinn gleichzusetzen, wenn die Kreditinstitute gezwungen sind, unverzinsliche Mindestreserven bei der Notenbank zu unterhalten. Dies bewirkt nicht zuletzt deshalb eine Erhöhung des Notenbankgewinnes, weil sich die Kreditinstitute im Allgemeinen bei der Notenbank durch verzinsliche Kredite refinanzieren. Dieser Teil des Notenbankgewinns geht also nicht auf die freiwillige Haltung von Zentralbankgeld und damit originär auf das Notenbankmonopol zurück, sondern ist dem Einfluss der Mindestreserveverpflichtung als eine Art Sondersteuer auf bestimmte Transaktionen (in der Regel Einlagen bei Kreditinstituten) zuzuschreiben. Das Problem der Seigniorage spielt noch in einem anderen Zusammenhang eine Rolle. So hat M. Friedman mit seiner sog. „Chicago-Regel“ darauf hingewiesen, dass das Wohlfahrtsoptimum der Geldhaltung dann erreicht ist, wenn die Opportunitätskosten der Geldhaltung Null sind. Dies setzt einen Nominalzins von Null voraus. Bei positivem Realzins muss die Inflationsrate (nach dem Preiserwartungseffekt) einen negativen Wert annehmen, der (absolut) gleich dem Wert des Realzinses ist. Die Notenbank muss unter diesen Bedingungen also eine stetige Deflation herbeiführen. Angesichts der Tatsache, dass die Grenzkosten der Geldproduktion faktisch Null sind, wäre dann die Regel Grenzkosten gleich Preis (Opportunitätskosten) eingehalten. Dem hat Phelps in der Logik der second-best-Theorie entgegengehalten, dass es angesichts der verzerrenden Wirkung der Steuerfinanzierung des Staatshaushaltes nicht optimal ist, die Wohlfahrtskosten der Inflation isoliert im Hinblick auf eine optimale Geldmenge zu minimieren. Aus dieser Sicht ist im Allgemeinen eine positive Inflation gefordert, um die gesamten Wohlfahrtskosten der Staatsfinanzierung einschließlich Seigniorage zu minimieren. Dieser Streit ist bis heute nicht entschieden, u.a., weil noch nicht abschließend geklärt ist, ob Geld quasi als Endprodukt direkt in die Nutzenfunktion eingeht oder als eine Art Zwischenprodukt anzusehen ist, das Transaktionen erleichtert und zum Erwerb anderer Produkte dient. Ist Geld nämlich ein Zwischenprodukt, dann treffen die von Phelps angeführten Argumente aus der Theorie der optimalen Besteuerung für Geld so nicht zu; eine Steuerfreiheit des Geldes und damit ein Nominalzins von Null wäre wieder optimal. Entspricht die Wachstumsrate der realen Geldnachfrage dem Realzins, dann ergibt sich bei einem Nominalzins von Null ebenfalls eine Seigniorage von Null. Dies ergibt sich aus (16) zusammen mit der Fisher-Gleichung für den Nominalzins (in Ë ir Ê p). Dieses Ergebnis ist insofern interessant, als genau diejenige Geldpolitik, 258 VII. Inflationstheorie die die Wohlfahrtskosten der monetären Expansion entsprechend der Chicago-Regel von Friedman auf Null bringt und dabei gleichzeitig die reale Geldmenge maximiert, dazu führt, dass die Notenbank keine Gewinne mehr aus der Seigniorage erzielt. 9. Die Wirkungen der Inflation In den vorangehenden Abschnitten wurden mögliche Wirkungen der Inflation unter verschiedenen Aspekten diskutiert, hier sollen diese Überlegungen ergänzt und noch einmal zusammengefasst werden (siehe Abb. VII.26). Wirkungen der Inflation antizipierte Inflation – Entwertung der Geldbestände – Kosten der Preisanpassung als Folge der Besteuerung – kalte Progression – Besteuerung der nominellen Zinseinkünfte – Besteuerung der Scheingewinne – Benachteiligung der Eigenkapitalfinanzierung nicht-antizipierte Inflation – mangelnde Anpassung der nominellen – Löhne – Zinsen – Renten (Veränderung der Einkommens- und Vermögungsverteilung) als Folge erhöhter Unsicherheit – erhöhte Transaktionskosten (Verhandlungen über Löhne und Kredite) – verringerte Informationseffizienz des Preissystems – erhöhte Gefahr von Fehlallokationen Abb. VII.26 Jede Volkswirtschaft entwickelt sozusagen aus sich heraus Abwehrmechanismen gegen die negativen Auswirkungen der Inflation. Diese Abwehrreaktion fällt unter sonst gleichen Umständen umso stärker aus, je länger die Inflation andauert und je höher die Rate der Geldentwertung ist. Eingriffe des Staates, die sich gegen diese private Suche nach Schutz vor den Folgen der Inflation richten, wie z.B. ein Verbot der Indexierung, können diesen Prozess im Allgemeinen nur verzögern, aber letztlich nicht verhindern. Aus diesen Überlegungen folgt unmittelbar, dass das Ausmaß der Wirkungen der Inflation wesentlich davon abhängt, inwieweit sich die erwähnten Abwehrmechanismen bereits herausgebildet haben. Im Modell der vollständig antizipierten Inflation wird unterstellt, dass die Wirtschaftssubjekte nicht nur die zukünftige Inflationsrate richtig einschätzen, sondern diese Erwartung auch in einen entsprechenden „Schutz‘‘ umsetzen können. Aber selbst unter diesen realitätsfernen Voraussetzungen bleiben noch Wirkungen der Inflation in Form der „Steuer‘‘ auf die (unverzinslichen) Geldbestände und der mit der laufenden Preisanpassung verbundenen Kosten. Wesentliche Auswirkungen der Inflation ergeben sich aus der Tatsache, dass der Staat Steuern erhebt. Zwar ließe sich auch das Steuersystem grundsätzlich weitgehend so ausgestalten, dass die Inflation keine Wirkungen hinterlässt – etwa durch eine Indexierung von Freibeträgen, Bereinigung der Steuerbasis um Veränderungen 9. Die Wirkungen der Inflation 259

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References

Zusammenfassung

Der Klassiker zur Geldtheorie.

Das Lehrbuch zur Geldtheorie

ist eines der erfolgreichsten Bücher dieser Art. Dem Autor Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Otmar Issing, ehemals Direktoriumsmitglied der Europäischen Zentralbank und »Vater des Euro«, gelingt es hervorragend, den aktuellen Stand der modernen Geldtheorie einfach und konzentriert darzustellen. Der Band gibt den Studenten eine hilfreiche Orientierung in der Diskussion zwischen Keynesianern, Monetaristen und Liquiditätstheoretikern.

Geldtheorie aktuell

Die Neuauflage enthält unter anderem Ausführungen zu

* den wichtigsten Entwicklungen der Kreditmarkttheorie

* dem Einfluss der Finanzmarktkrise auf den Geldmarkt und

* dem Zusammenhang von Finanzmarktkrise und Liquidität.

Im Überblick

* Das Geld

* Die Nachfrage nach Geld

* Das Geldangebot

* Zinstheorie

* Geldmenge, monetäre Nachfrage, Preisniveau und Beschäftigung

* Die Liquidität

* Inflationstheorie