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6. Inflation und Vermögensverteilung in:

Otmar Issing

Einführung in die Geldtheorie, page 252 - 256

15. Edition 2011, ISBN print: 978-3-8006-3810-9, ISBN online: 978-3-8006-4315-8, https://doi.org/10.15358/9783800643158_252

Series: Vahlens Kurzlehrbücher

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rerseits aber erhöhte (nominelle) Forderungen der übrigen Gruppen, die ihre reale Position verteidigen. Der durch das aggressive Verhalten initiierte Inflationsprozess findet damit solange kein Ende, bis diese Gruppe den Versuch aufgibt, ihre Position auf Kosten der anderen zu verbessern. Auf den Fall einer wachsenden Volkswirtschaft bezogen lautet die Schlussfolgerung: Liegt der Anstieg der nominellen Ansprüche permanent über der Wachstumsrate des realen Inlandsprodukts, hält die Inflation solange an, wie dieser Prozess über eine Ausdehnung der Geldmenge finanziert wird. YR=RR+GR+LR RR+GR RR R 0 F, Y P Y1 Y0 P0 P1 Abb. VII.22 Andererseits wirkt die Unfähigkeit einzelner Gruppen, sich gegen inflationsbedingte Verteilungsverluste wehren zu können, stabilisierend auf das Preisniveau. Kommt es – ausgehend von der Situation Y0/P0 – zu einem Preisanstieg und müssen sich etwa die Rentner mit einem konstanten nominellen Einkommen R bescheiden, so werden die gesamten Ansprüchean das Inlandsprodukt nicht mehr durch die Kurve YR ausgedrückt. Da die Rentner ihr reales Einkommen nicht aufrechterhalten können, steigen die nominellen Ansprüche entsprechend weniger, der Preisanstieg wird dadurch „gebremst‘‘; der inflationsbedingte Realeinkommensverlust der Rentner fällt jeweils den beiden anderen Gruppen zu. Allgemein kann man aus diesen Überlegungen folgern: Werden aggressive Einkommensforderungen erhoben, so ist der reale Einkommenszuwachs der aggressiven Gruppen umso höher, je weniger sich die übrigen gegen die dadurch ausgelösten Verteilungswirkungen der Inflation wehren können; und je größer deren ursprünglicher Anteil am Volkseinkommen, umso weniger steigt auch das Preisniveau unter der Voraussetzung eines gegebenen zusätzlichen Einkommensanspruchs der aggressiven Gruppen. 6. Inflation und Vermögensverteilung Verschiebungen in der Einkommensverteilung infolge der Inflation ergeben sich immer dann, wenn die verschiedenen Einkommensarten den allgemeinen Preissteige- 6. Inflation und Vermögensverteilung 245 rungen in unterschiedlichem Ausmaß und Tempo angepasst werden. Da derartige Unterschiede in der Anpassung an die Geldentwertung auch im Vermögensbereich denkbar sind, kann es auch hier zu Verteilungswirkungen im Zuge des Inflationsprozesses kommen; diese lassen sich folgendermaßen unterscheiden: (1) Die Inflation begünstigt die Besitzer der Aktiva, die inflationsbedingt schneller im Wert steigen und benachteiligt die Besitzer der Aktiva, deren Wert langsamer steigt. Zur ersten Kategorie zählen in den meisten Fällen etwa Grund und Boden, während z.B. Aktien in aller Regel nur bedingt und festverzinsliche Wertpapiere überhaupt nicht gegen Realwertverluste infolge der allgemeinen Preissteigerungen gesichert sind. (2) Die Inflation begünstigt die Schuldner von Nominalwerten, da sie ihre Schulden je nach Inflationsrate und Dauer des Kreditverhältnisses in entsprechend „entwertetem Geld‘‘ zurückzahlen; diese Vorteile gehen zu Lasten der Gläubiger dieser Vermögenstitel. Die Verteilungswirkungen der Inflation im Vermögensbereich sind dann besonders gravierend, wenn sich die beiden genannten Ursachen in ihrem Einfluss verstärken. Dies ist vor allem bei einer Vermögensstruktur der Fall, bei der die Besitzer von inflationssicheren Realwerten gleichzeitig Schuldner von Geldvermögenstiteln sind. Dieser Einfluss der Inflation auf die Vermögensverteilung soll anhand eines einfachen Beispiels verdeutlicht werden. Es sei zunächst angenommen, dass im Zeitpunkt t0 der Wert des gesamten Sachvermögens (SV Ë 100) und der Wert des gesamten Geldvermögens (GV Ë 100) gleich groß sind. Wachsen beide „Vermögensblöcke‘‘ jährlich um 5%, so verdoppelt sich ihr jeweiliger Wert in etwas mehr als 14 Jahren. Sofern man Stabilität des Preisniveaus unterstellt, ergeben sich keine Verschiebungen zugunsten der einen oder anderen Anlageart; der jeweilige Anteil des Geld- und Sachvermögens am gesamten Volksvermögen ändert sich also nicht. Weist jedoch diese Volkswirtschaft inflationistische Preissteigerungen auf, wandelt sich das Bild. Nehmen wir eine jährliche Preissteigerungsrate von 5% an und unterstellen, dass der Geldwert des Sachvermögens entsprechend der Inflationsrate zunimmt, das Geldvermögen davon aber unbeeinflusst bleibt, so entwickelt sich in Abb. VII.23 der Wert des Gesamtvermögens nicht mehr entlang der Linie GV Ê SV, sondern nach GV Ê SVR. Nach etwas mehr als 14 Jahren haben sich die Anteile der beiden Vermögensblöcke am Gesamtvermögen erheblich verändert: Die nominelle Verdoppelung des Geldvermögens hat nicht verhindern können, dass der Anteil des Geldvermögens am gesamten Volksvermögen von der Hälfte auf ein Drittel abgesunken ist; der Anteil des Sachvermögens ist entsprechend gestiegen. Diese Verschiebung lässt sich folgendermaßen interpretieren: Die (nominelle) Verdoppelung des Geldvermögens resultiert aus dem unveränderten jährlichen Zins, der jeweils dem Vermögensbestand zugeschlagen wird; der Zins von 5% wird durch die jährliche Inflationsrate in gleicher Höhe real gesehen aufgezehrt. Während sich also der nominelle Ausdruck des Geldvermögens verdoppelt, ändert sich sein realer Wert nicht. Beim Sachvermögen wurde durch den gleichzeitigen nominellen Wertanstieg parallel zur Inflation nicht nur der Zuwachs zum Vermögensstock real erhalten, es hat sich auch der Nominalwert des „Ausgangsbestandes‘‘ verdoppelt, somit ebenfalls real erhalten. 246 VII. Inflationstheorie Die Folgen inflationistischer Preissteigerungen für die Zusammensetzung des gesamten Volksvermögens sind vor allem dann besonders bedenklich, wenn sich der Besitz an Sach- bzw. Geldvermögen nicht ziemlich gleichmäßig auf die einzelnen Gruppen verteilt. Um diesen Aspekt zu verdeutlichen, sei folgende Besitzstruktur unterstellt: Die privaten Haushalte legen ihre Ersparnisse in Schuldtiteln der Unternehmen an, die mit den betreffenden Geldern ihre Investitionen finanzieren. Im Zeitpunkt t0 befindet sich in den Händen der Haushalte ein Geldvermögen von 100, das (damit finanzierte) Sachvermögen der Unternehmen hat ebenfalls einen Wert von 100. Man kann davon sprechen, dass die Haushalte – ökonomisch gesehen – Eigentümer des Sachvermögens der Unternehmen sind. 200 100 t0 t14 Zeit Vermögen (in Nominalwerten) GV+SVR GV+SV GV=SV Abb. VII.23 Bei Preisstabilität ändert sich unter den obigen Voraussetzungen an dieser Situation nichts, Geld- und Sachvermögen entwickeln sich parallel entlang der Linie SV/ GV. Beträgt die Inflationsrate jedoch 5%, steigt annahmegemäß das Sachvermögen schneller im Wert, und zwar entlang der Linie SVR. Der wachsende Abstand zwischen SVR und SV in Abb. VII.24 illustriert also die reale Entschuldung des Unternehmenssektors gegenüber den privaten Haushalten. Im Zeitpunkt t14 ist durch die Inflation – ökonomisch gesehen – (knapp) die Hälfte des Besitzes der Haushalte an Realvermögen auf die Unternehmen übergegangen! Das Netto-Sparen der Haushalte wurde durch die Preissteigerungen völlig aufgezehrt, während der Sektor Unternehmungen entsprechende Vermögenszuwächse aufweist. Selbst eine Inflationsrate von 5% jährlich kann also unter bestimmten Voraussetzungen bereits als äußerst „wirkungsvolle‘‘ Maschine der Vermögensumverteilung wirken. Entgegen einer häufig verbreiteten Meinung kann diese Wirkung auch durch höhere (Nominal-)Zinsen nur zum Teil aufgehalten werden. Nehmen wir etwa an, der Zinsanstieg entspräche voll der jährlichen Inflationsrate von 5%, so halten sich die Zugänge beim Geld- und Sachvermögen real die Waage; wird jedoch der Zinssatz der Geldvermögenstitel in Höhe des Bestandes im Zeitpunkt t0 nicht an die Inflation angepasst, bleibt die reale Entschuldung des Unternehmenssektors für diesen Teil erhalten. Der Wert des Sachvermögens steigt entlang der Linie SVR, der Wert des Geldvermögens jedoch nur entlang GVZ. 6. Inflation und Vermögensverteilung 247 log. Maßstab1000 400 300 200 100 1 t0 t14 SVR GVZ GV=SV Zeit Vermögen (in Nominalwerten) Abb. VII.24 Eine reale Vermögensumverteilung durch den allgemeinen Preisanstieg zugunsten der Netto-Schuldner und zuungunsten der Netto-Gläubiger von Geldvermögen tritt immer dann ein, wenn die Rückzahlung fixierter Nominalbeträge in entwertetem Geld erfolgt. Art und Ausmaß dieser Umverteilung in einer Volkswirtschaft hängen daher außer von der Inflationsrate und dem Grad der Anpassung der Zinsen auch vom Umfang und der Verteilung des Geldvermögens ab. Die Statistik weist in den meisten Volkswirtschaften neben den (nicht-finanziellen) Unternehmen den Staat als Hauptschuldner und die privaten Haushalte als Hauptgläubigergruppe von Nominalwerten aus. Je größer die Staatsschuld, desto mehr profitiert also die öffentliche Hand in ihrer Rolle als Geldschuldner von der Inflation. Gleichzeitig sind jedoch auch Umverteilungen innerhalb des Sektors der privaten Haushalte nicht zu übersehen. So werden durch die Inflation tendenziell die (verschuldeten) jüngeren Haushalte zu Lasten der (Geldvermögen besitzenden) älteren begünstigt. Gleichzeitig spricht auch eine gewisse Wahrscheinlichkeit für eine Umschichtung von den Haushalten mit niedrigen Einkommen, die ihre geringen Ersparnisse fast ausschließlich in Form von Sparguthaben unterhalten, und von den sehr reichen mit hohem Geldvermögen hin zur Gruppe der „mittleren‘‘ Einkommensbezieher, die häufig beträchtliche Geldschulden (Hausbau etc.) aufweisen. Wegen dieser erheblichen und politisch in aller Regel unerwünschten Verteilungswirkungen der Inflation verstärken sich bei einer Beschleunigung der Inflation vor allem die Forderungen nach einem Schutz der „kleinen Vermögensbesitzer‘‘, die meist nur über Nominalwerte verfügen, durch Wertsicherungsklauseln. Hierunter versteht man vertragliche Vereinbarungen, die eine Anpassung des Nominalwertes einer Schuld an die Veränderungen des Preisindex vorsehen; daneben kommen auch Preisänderungen bei einzelnen Waren (Gold!) als Grundlage der Anpassung in Frage. Ein bestimmtes Kapital (K) wird dann vor der Geldentwertung geschützt, wenn sein Nominalwert der Inflationsrate (p) angepasst wird. Für den inflationsgesicherten Kapitalbetrag (Kw) muss also gelten: (8) Kw Ë K (1 Ê p). 248 VII. Inflationstheorie Wird eine derartige Vereinbarung zwischen Gläubiger und Schuldner getroffen, ergibt sich aus der Inflation keine Veränderung der realen Vermögensverteilung, der Inflationsvorteil des Schuldners wird dadurch also beseitigt. Dieser Inflationsschutz ist aber nur dann vollkommen, wenn auch die gesamten Zinszahlungen der Preisentwicklung angepasst werden. (9) Zw Ë i · K (1 Ê p). Zw ist der inflationsgesicherte Zinsbetrag, i der vereinbarte Nominalzins. Für die indexgesicherte Summe aus Zinszahlungen und Tilgung (Ew) gilt dann: (10) Ew Ë K (1 Ê i) (1 Ê p). Bei einem Kapitalbetrag von 1000 und einem Zins von 5% beliefe sich der Geldwertverlust bei einer Inflationsrate von 10% nach einem Jahr auf insgesamt 105, und zwar entfielen 100 auf den Kapitalbetrag und 5 auf die Zinszahlungen in Höhe von 50. Bei einjähriger Dauer des Kreditverhältnisses hätte der Schuldner am Schluss des Jahres nach (10) insgesamt 1155 zu zahlen gegenüber 1050 für den Fall, dass keine Indexsicherung vereinbart worden wäre; der Differenzbetrag von 105 stellt den Inflationsausgleich dar, der andernfalls den Realgewinn des Geldschuldners verkörpern würde. In Deutschland steht dem Anleger mit den inflationsindexierten Bundesanleihen, die erstmals im März 2006 emittiert wurden, ein standardisiertes Instrument zur Absicherung gegen Inflationsrisiken zur Verfügung. Bei einer solchen Anleihe handelt es sich um eine Schuldverschreibung, bei der Zins- und Tilgungszahlungen über einen Index an die Inflationsentwicklung (in diesem Falle im Euroraum) gekoppelt sind, im Gegensatz zu nominalverzinslichen Wertpapieren, bei denen der Kupon als fester Prozentsatz vom Nennwert gezahlt wird. Die Anwendung von Wertsicherungsklauseln stellt eine Abkehr vom Nominalwertprinzip dar, das sich im Grundsatz „Euro Ë Euro‘‘ verkörpert. Je mehr sich in einer Volkswirtschaft die Indexrechnung ausbreitet, desto mehr verliert das Geld die Eigenschaft als Recheneinheit. Allerdings bewirken merkliche Inflationsraten ohnehin, dass das Geld die Funktion der Recheneinheit nur noch unvollkommen erfüllt. Sobald die Geldentwertung ein größeres Ausmaß annimmt, führt ein Festhalten am Nominalwertprinzip zu einer falschen Wirtschaftsrechnung; die Erfolgsrechnung der Betriebe weist z.B. Scheingewinne aus, da die Abschreibungen vom Anschaffungspreis nicht mehr ausreichen, um die Finanzierung der abgenutzten Wirtschaftsgüter zu den mittlerweile gestiegenen Wiederbeschaffungspreisen zu ermöglichen. Ohne Indexsicherung wird die Kreditnachfrage wegen des „Inflationsgewinns‘‘ künstlich aufgebläht, während das Sparen in Geldvermögensanlagen an Attraktivität verliert. Die Indexrechnung und Indexsicherung kann unter diesen Umständen als der letzte Ausweg angesehen werden, mit derartigen inflationsbedingten Verzerrungen fertig zu werden. 7. Die Rolle der Erwartungen – Die Hyperinflation Wie sich aus den voranstehenden Ausführungen ergibt, werden Art und Ausmaß der Inflationswirkungen ganz entscheidend dadurch bestimmt, ob Preissteigerungen unerwartet eintreten oder ob sich die Wirtschaftseinheiten mehr oder weniger auf die Inflation eingerichtet haben. So stellt sich etwa ein positiver Effekt der Inflation 7. Die Rolle der Erwartungen – Die Hyperinflation 249

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Zusammenfassung

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Die Neuauflage enthält unter anderem Ausführungen zu

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* Das Geld

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* Das Geldangebot

* Zinstheorie

* Geldmenge, monetäre Nachfrage, Preisniveau und Beschäftigung

* Die Liquidität

* Inflationstheorie