Content

4. Der Zusammenhang zwischen Inflation, Beschäftigung und Wachstum in:

Otmar Issing

Einführung in die Geldtheorie, page 234 - 244

15. Edition 2011, ISBN print: 978-3-8006-3810-9, ISBN online: 978-3-8006-4315-8, https://doi.org/10.15358/9783800643158_234

Series: Vahlens Kurzlehrbücher

Bibliographic information
4. Der Zusammenhang zwischen Inflation, Beschäftigung und Wachstum Die Stabilität des Geldwertes zählt neben der Forderung nach Vollbeschäftigung, Zahlungsbilanzgleichgewicht und befriedigendem oder angemessenem Wirtschaftswachstum zu den Zielen des sog. magischen Vierecks; zu erweitern ist dieser Katalog gesamtwirtschaftlicher Zielgrößen noch um das Postulat einer erwünschten oder gerechten Verteilung von Einkommen und Vermögen. Das Attribut „magisch‘‘ hat der genannte Zielkatalog erhalten, weil es angeblich der Kunst eines Magiers bedürfe, diese Zielsetzungen gleichzeitig zu realisieren. Für die praktische Wirtschaftspolitik enthält diese Charakterisierung die These, dass die einzelnen Ziele miteinander in Konflikt geraten können bzw. müssen: Verfolgt die Wirtschaftspolitik also etwa das Ziel der Geldwertstabilität, haben die entsprechenden Maßnahmen möglicherweise einen Rückgang der Beschäftigung und/oder des realen Wachstums zur Folge, während andererseits Vollbeschäftigung nur um den Preis einer Verschlechterung des Geldwertes zu erreichen wäre. Da in diesem Buch außenwirtschaftliche Probleme nicht behandelt werden können, muss darauf verzichtet werden, die Zielsetzung Zahlungsbilanzgleichgewicht im Zusammenhang mit den übrigen Zielen der Wirtschaftspolitik zu diskutieren. Im Folgenden werden daher nur einige wichtige Beziehungen zwischen Inflation und den übrigen, d.h. binnenwirtschaftlichen Zielen analysiert. Außerdem bleiben auch Fragen des wirtschaftspolitischen Handelns aus der näheren Betrachtung ausgeschlossen. a) Vollbeschäftigung oder Preisstabilität – eine Dilemmasituation? Die These von der Existenz eines Dilemmas zwischen Vollbeschäftigung und Preisstabilität erhielt vor allem auf Grund der empirischen Untersuchungen des englischen Nationalökonomen Phillips weite Verbreitung. Phillips verfolgte den Zusammenhang zwischen Änderungen der Nominallöhne und der Arbeitslosigkeit in England von 1861 bis 1957. Er fand dabei heraus, dass eine deutliche, erstaunlich stabile Beziehung zwischen der Rate der Arbeitslosigkeit und dem Anstieg der Nominallöhne bestand, und zwar nahmen Erhöhungen der Nominallöhne mit steigender Arbeitslosigkeit ab, während sie mit abnehmender Arbeitslosigkeit zunahmen; in der graphischen Darstellung ergab sich daraus für die Jahre 1861–1913 folgende Phillips-Kurve (Abb. VII.16). 10 8 6 4 2 0 -2 -4 Arbeitslosigkeit in % Ra te d er L oh ns te ig er un ge n 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 110 Abb. VII.16 4. Der Zusammenhang zwischen Inflation, Beschäftigung und Wachstum 227 Die Phillips-Kurve bildet zunächst lediglich eine empirisch ermittelte Konstellation ab; die Darstellung eines „Faktums‘‘ wurde daher auch als „Messen ohne Theorie‘‘ bezeichnet. Zur theoretischen Erklärung des empirischen Ergebnisses wurden jedoch bald zwei verschiedene Ansätze entwickelt. (1) Nach der einen Auffassung spiegeln sich im Verlauf der Phillips-Kurve die Ergebnisse der Lohnverhandlungen zwischen den Tarifpartnern wider; man bezeichnet diese Erklärung daher auch als sog. Bargaining-Theorie. Einfach ausgedrückt zeigt danach die Phillips-Kurve an, dass bei günstiger Wirtschaftslage die Arbeitslosigkeit auf einen niedrigen Stand zurückgeht, höhere Lohnforderungen von den Gewerkschaften gestellt, von den Unternehmern akzeptiert und in Preiserhöhungen abgewälzt werden; in Phasen abnehmender Beschäftigung verschlechtert sich dagegen die Verhandlungsposition der Gewerkschaften, niedrigere Lohn- und Preissteigerungsraten sind die Folge. Eingehendere Analysen versuchen die besonderen institutionellen Gegebenheiten des Arbeitsmarktes und den Prozess der Verhandlungen zwischen den Tarifpartnern zu berücksichtigen. (2) Die andere Erklärung geht von Überlegungen der allgemeinen Markttheorie aus. Reagiert der Preis auf einem Markt nicht unmittelbar auf Veränderungen des Angebots oder der Nachfrage, können Situationen des „Überschusses‘‘ auf einer der beiden Marktseiten existieren. Bezogen auf den Arbeitsmarkt kann man einen hohen Beschäftigungsstand als eine Situation der „Überschussnachfrage‘‘ interpretieren, die marktbedingt zu stärkeren Lohnsteigerungen führen wird; auf Grund von Unvollkommenheiten des Marktes wird es gleichwohl auch jetzt noch ein gewisses Maß an Arbeitslosigkeit geben (friktionelle Arbeitslosigkeit). In einer hohen Rate der Arbeitslosigkeit kommt dagegen ein Überschussangebot auf dem Arbeitsmarkt zum Ausdruck; die Löhne werden kaum steigen, gegebenenfalls sogar sinken. Auf diese Weise kann also die Höhe der Lohnsteigerungsraten in Abhängigkeit von der Beschäftigungslage und damit der Verlauf der Phillips-Kurve erklärt werden. Lohnerhöhungen wirken – ganz grob gesprochen – nur insoweit inflatorisch, als sie über den Produktivitätsfortschritt hinausgehen. Korrigiert man die Nominallohnsteigerungen der ursprünglichen, d.h. von Phillips selbst entwickelten Kurve um die Zunahme der Produktivität, erhält man eine modifizierte Phillips-Kurve, auf der alle alternativen „Kombinationen‘‘ von Arbeitslosenquote und Inflationsrate liegen. In Abb. VII.17 ist ein konstanter Produktivitätsfortschritt von 3% unterstellt. Auf der rechten Ordinate sind die Nominallohnsteigerungen abgetragen, der Nullpunkt dieser Skala ist um den Wert des Produktivitätsfortschritts nach unten verlagert. Die linke Ordinate gibt die jeweilige Inflationsrate (p) an. Steigen die Nominallöhne um 3%, bleibt das Preisniveau stabil, die modifizierte Phillips-Kurve schneidet die Abszisse. Nach Abb. VII.17 lässt sich ein stabiles Preisniveau jedoch nur bei einer Arbeitslosen-quote von 6% erreichen; jeder Versuch, die Arbeitslosigkeit zu verringern, führt zu steigenden Preisen, und zwar umso mehr, je niedriger die Rate der Arbeitslosigkeit wird. Das Konzept der (modifizierten) Phillips-Kurve suggeriert den Schluss, dass die Wirtschafts- und Währungspolitik wie auf einer Art „Speisekarte‘‘ zwischen Preisstabilität und Vollbeschäftigung bzw. zwischen feststehenden Kombinationen von Raten der Inflation und der Arbeitslosigkeit zu wählen hat. Wird z.B. die Situation in einer Volkswirtschaft durch den Punkt A in Abb. VII.17 charakterisiert, so beträgt die In- 228 VII. Inflationstheorie 0 Symbole: p: jährliche Änderungen des Preisniveaus in % w: jährlicher Anstieg der Nominallöhne in % A% : Arbeitslosenquote in % +3 +2 +1 0 p w +4 +5 +6 +7 +8 +9 +1 +2 +3 +4 +5 +6 A%1 2 3 4 5 6 7 8 C A B Abb. VII.17 flationsrate 3% bei einer Arbeitslosenquote von 2%. Gibt die Phillips-Kurve den trade-off, d.h. die „Austauschrate‘‘ zwischen Inflation und Arbeitslosigkeit für die betreffende Volkswirtschaft richtig wieder, würde die Arbeitslosigkeit auf 5% ansteigen, wenn es gelänge, die jährliche Inflationsrate auf 0,5% zu reduzieren (Punkt B); ein Absinken der Arbeitslosigkeit auf 1% wäre andererseits nur um den Preis einer Erhöhung der Inflationsrate auf 5% zu erreichen (Punkt C). Aus der Phillips-Kurve ließen sich danach die im Anstieg der Arbeitslosenrate ausgedrückten Kosten einer Inflationsbekämpfung bzw. das Ausmaß der zusätzlichen Inflation ableiten, das man bei einer an der Vollbeschäftigung orientierten Politik hinnehmen müsste. Derartige Schlussfolgerungen setzen jedoch vor allem eine stabile Lage der Phillips- Kurve im Zeitablauf voraus, eine Stabilität, die durch eine Reihe empirischer Untersuchungen ebenso wie durch theoretische Einwände in Frage gestellt wurde. Als wichtigster Vertreter der Ansicht, dass die herkömmliche Phillips-Kurve nur einen kurzfristigen trade-off zwischen Inflation und Arbeitslosigkeit wiedergibt, ist M. Friedman zu nennen. Seine Argumentation stützt sich im Wesentlichen auf die Behauptung von der Existenz einer sog. natürlichen Arbeitslosenquote; diese Rate ist bestimmt durch die Zahl der Arbeitnehmer, die zu dem im gesamtwirtschaftlichen Gleichgewicht gegebenen Reallohnsatz nicht arbeiten wollen bzw. gerade auf der Suche nach einem neuen, besseren Arbeitsplatz sind. Im Großen und Ganzen entspricht die natürliche Arbeitslosigkeit derjenigen, die nicht konjunkturell, sondern „strukturell‘‘ bedingt ist. Der Terminus „natürliche‘‘ Arbeitslosigkeit kann im Übrigen leicht zu Missverständnissen Anlass geben. Gemeint ist damit keineswegs, Arbeitslosigkeit in diesem Ausmaß sei quasi schicksalhaft vorgegeben, ihr Niveau nicht zu beeinflussen. Vielmehr können Maßnahmen zur Verbesserung der Qualität des Arbeitsangebots, die Beseitigung institutioneller Hemmnisse am Arbeitsmarkt, die Förderung der berufli- 4. Der Zusammenhang zwischen Inflation, Beschäftigung und Wachstum 229 chen und regionalen Mobilität etc. sehr wohl dazu beitragen, die natürliche Arbeitslosenrate zu senken. Auch eine Erhöhung der Produktivität kann von einem Rückgang der strukturellen Arbeitslosigkeit begleitet sein. So zeigen empirische Studien, dass der langanhaltende konjunkturelle Aufschwung in den USA in den neunziger Jahren zu einer Reduktion der „natürlichen“ Arbeitslosenquote geführt hat. Für dieses Phänomen wurde der Begriff der „New Economy“ gewählt, unter der in der Regel ein andauernder Produktivitätsanstieg verstanden wird, der häufig mit dem anhaltenden Fortschritt auf den Gebieten der Informations- und Kommunikationstechnologie in Verbindung gebracht wird. In der durch den Punkt B in Abb. VII.18 charakterisierten Situation herrscht Arbeitslosigkeit in Höhe der natürlichen Rate (An), d.h. der Arbeitsmarkt befindet sich in dem Sinne im Gleichgewicht, dass zu dem herrschenden Reallohn Arbeitsangebot und Arbeitsnachfrage übereinstimmen. Das Preisniveau ist stabil, die Inflationsrate gleich Null. Versucht nun die Wirtschaftspolitik, die monetäre Gesamtnachfrage zu erhöhen, etwa über ein durch Geldschöpfung finanziertes Budgetdefizit, so steigen die Güterpreise. Die Unternehmen wollen daraufhin ihre Produktion ausdehnen und fragen deshalb mehr Arbeit nach, folglich steigt auch der Nominallohn. Punkt C markiert eine Situation, in der die Arbeitslosigkeit (auf A1) zurückgegangen ist; die Inflationsrate beträgt jetzt p1. 0 A1 An A% p1 p2 p L F B DC E K2 K1 K3 Abb. VII.18 Diese Entwicklung kann jedoch nur dann eintreten, wenn Geldillusion vorliegt. Diese äußert sich darin, dass die Arbeitnehmer von der vorher gegebenen Preisstabilität ausgehen und den Anstieg des Nominallohns mit einer entsprechenden Erhöhung des Reallohns gleichsetzen. Die durch den Punkt C beschriebene Situation kann deshalb nur so lange bestehen, bis die Arbeitnehmer erkennen, dass das Preisniveau nicht konstant geblieben ist, sondern mit der Rate p1 steigt. Mit dem Verlust der Geldillusion geht das Arbeitsangebot dann wieder auf die dem Ausgangsgleichgewicht entspre- 230 VII. Inflationstheorie chende Menge zurück. Da jetzt die Inflationsrate jedoch p1 beträgt, liegt das neue Gleichgewicht im Punkt D, in dem der Reallohn wieder genau dem Ausgangswert entspricht und sich nur der Nominallohn im Ausmaß der Preissteigerungsrate erhöht hat. Gibt sich die Wirtschaftspolitik mit dieser Situation nicht zufrieden und beschleunigt das Geldmengenwachstum erneut, um die monetäre Gesamtnachfrage weiter zu vergrößern, so bedarf es einer auf p2 erhöhten Inflationsrate, um im Punkt E die gleiche Abnahme der Arbeitslosigkeit (auf A1) zu erreichen wie vorher. Dieser Prozess setzt aber voraus, dass die Arbeitnehmer wiederum der Geldillusion unterliegen, indem sie zunächst mit einer Fortdauer der niedrigeren Inflationsrate (p1) rechnen; sobald sie die tatsächliche (höhere) Inflationsrate erfassen, tritt erneut ein Rückgang von Güterangebot und Beschäftigung ein, bis in F ein neues Gleichgewicht erreicht ist. Hierbei ist allerdings unterstellt, dass der geschilderte Prozess völlig reibungslos verläuft. In der Realität wird man mit Kosten der Anpassung rechnen müssen. Nach dieser Auffassung bleibt die Phillips-Kurve im Zeitablauf also nicht stabil, vielmehr geht jeder Beschäftigungseffekt, der mit einer steigenden Inflationsrate verbunden ist, in dem Maße verloren, in dem die tatsächlichen Preissteigerungen wahrgenommen werden. Positive Wirkungen auf die Beschäftigung übt daher nur eine nicht erkannte Zunahme der Inflation aus; eine allgemein registrierte Inflation hat dagegen keinerlei reale Auswirkungen. Eine Beschäftigungspolitik, die dennoch auf dem Wege der Nachfrageausdehnung Erfolge erzielen will, muss daher die Inflationsrate immer höher treiben. Die kurzfristigen Phillips-Kurven (K1, K2, K3) verschieben sich in diesem Prozess laufend nach oben. Sobald jedoch die Wirtschaftssubjekte ihre Erwartungen nicht mehr mit entsprechender Verzögerung an die tatsächliche Entwicklung anpassen, sondern die Inflationswirkungen der Politik vollständig antizipieren, ist nur noch eine Bewegung auf der langfristigen Phillips-Kurve möglich, die in Abb. VII.18 als Senkrechte (L) über der natürlichen Arbeitslosenquote An verläuft. Hat eine Volkswirtschaft diesen Zustand erreicht, können nur noch unerwartete, überraschende Veränderungen der Inflationsrate reale Effekte hervorrufen. Langfristig besteht damit kein trade-off zwischen Inflation und Arbeitslosigkeit, die Beschäftigung lässt sich nicht unter Inkaufnahme einer höheren Inflationsrate steigern; Arbeitslosigkeit in Höhe der natürlichen Rate ist vielmehr mit jeder Inflationsrate – aber auch mit Preisstabilität vereinbar. Liegt die Arbeitslosigkeit auf ihrem so definierten „natürlichen Niveau‘‘, übt sie keinen Einfluss auf die Inflationsrate aus. Die natürliche Arbeitslosenquote wird deshalb in der Literatur auch oft als NAIRU (Non-Accelerating Inflation Rate of Unemployment: inflationsstabilisierende Arbeitslosenquote) bezeichnet. Liegt die Arbeitslosigkeit über der natürlichen Rate, dämpft die Unterbeschäftigung die Inflation; bei einer geringeren Arbeitslosigkeit wird die Inflation hingegen beschleunigt. In dieser Eigenschaft wird die NAIRU teilweise als wichtiger Indikator verstanden, der Inflationsgefahren (bei niedrigerer Arbeitslosigkeit) oder Spielraum für beschäftigungspolitische Maßnahmen (bei höherer Unterbeschäftigung) signalisiert. Die Kritik demgegenüber richtet sich auf die Schwierigkeiten der empirischen Messung der NAIRU und auf die Unsicherheit der Annahme stabiler Beziehungen zwischen Raten der Arbeitslosigkeit und der Inflation. Der Phillipskurvenmechanismus setzt voraus, dass Arbeitslosigkeit, sofern sie über die natürliche Arbeitslosenquote hinausgeht, den Lohnanstieg dämpft. Werden die 4. Der Zusammenhang zwischen Inflation, Beschäftigung und Wachstum 231 Interessen der Arbeitslosen als „Outsider‘‘ im Lohnbildungsprozess nicht berücksichtigt, so kommt es zu einer Störung dieses Anpassungsmechanismus. Die Erklärung des Lohnbildungsprozesses mit Hilfe von Insider-Outsider-Modellen führt zu einer differenzierteren Sichtweise des Zusammenhangs zwischen Inflation und Arbeitslosigkeit. Unterstellt wird, dass sich Arbeitslose nicht mit dem gleichen Gewicht am Lohnverhandlungsprozess beteiligen können wie die Beschäftigten („Insider‘‘). Die stärkere Verhandlungsmacht der Insider wird insbesondere durch Kosten des Beschäftigungswechsels erklärt. Dazu zählen beispielsweise Einstellungs-, Einarbeitungs- und Entlassungskosten. Die Unternehmen sind bereit, den vorhandenen Beschäftigten höhere Löhne zu zahlen und verzichten auf die Einstellung neuer Arbeitskräfte, selbst wenn diese zu niedrigeren Löhnen arbeiten würden. Auf diese Weise wird der Phillipskurvenmechanismus teilweise außer Kraft gesetzt. Insider-Outsider-Modelle erklären deshalb auch das Auftreten von Persistenz- und Hysteresiseffekten. Persistenz bezeichnet dabei das Verharren der Arbeitslosigkeit auf einem einmal erreichten Niveau, verbunden mit einer nur schwachen Bewegung zu der gleichgewichtigen Arbeitslosenquote. Hysteresis beschreibt eine pfadabhängige Entwicklung der Arbeitslosigkeit, ohne jegliche Neigung, zu einem alten Gleichgewicht zurückzukehren. Im Fall der Hysteresis wird jede Arbeitslosigkeit gleichgewichtig. Die Unterscheidung zwischen konjunktureller und struktureller oder „natürlicher‘‘ Arbeitslosigkeit ist dann nicht mehr sinnvoll. Dann gibt es auch keine konstante inflationsstabilisierende Arbeitslosenquote mehr. Während also Inflationserwartungen die Stabilität der kurzfristigen Phillips-Kurve zerstören, haben Insider- Outsider-Mechanismen eine ähnliche Wirkung auf die natürliche Arbeitslosenquote. Abb. VII.19 vermittelt einen Eindruck von der zeitlichen Entwicklung von Inflation und Arbeitslosigkeit in ausgewählten Ländern bzw. Ländergruppen. Zu beachten ist dabei, dass es sich hier – wie in der Untersuchung von Phillips – zunächst um nicht mehr als die empirische Erfassung der jeweiligen Jahreswerte von Inflationsrate und Arbeitslosenquote handelt, die in zeitlicher Reihenfolge durch eine Linie verbunden sind. Versucht man in aller Kürze, die Fakten zu interpretieren, kann man im Wesentlichen folgendes festhalten: (1) Von einer auch nur auf mittlere Sicht stabilen Beziehung zwischen Inflation und Arbeitslosigkeit kann nirgendwo die Rede sein. Es bestätigt sich vielmehr nicht zuletzt die Auffassung von Friedman und Phelps, dass längerfristig eine Zunahme der Geldmenge im Wesentlichen zu Preis- und Nominallohnsteigerungen, aber nicht zu einer Zunahme von Produktion und Beschäftigung führt. Auch ist es in den europäischen Ländern, anders als in den USA zweifelhaft, ob es überhaupt eine stabile Rate der natürlichen Arbeitslosigkeit gibt. Vielmehr scheint mit der realisierten auch die gleichgewichtige Arbeitslosigkeit gestiegen zu sein. (2) Der Disinflationsprozess nach 1980 war zunächst (fast) überall von einem deutlichen Anstieg der Arbeitslosenquote begleitet. Japan bildet dabei eine bemerkenswerte Ausnahme; anders als beim ersten Ölpreisschock (1973/74) konnte der Preisanstieg schnell unter Kontrolle gebracht werden, ohne dass die Arbeitslosigkeit nennenswert zugenommen hätte. Allerdings ist die japanische Arbeitslosenquote im Zuge der schlechten Lage der japanischen Wirtschaft verbunden mit deflationären Tendenzen seit Mitte der neunziger Jahre deutlich gestiegen. 232 VII. Inflationstheorie Inflation und Arbeitslosigkeit 1964-2009 1) Die Angaben für Deutschland basieren bei der Arbeitslosenquote bis einschließlich 1992 und bei der Verbraucherpreisinflation bis einschließlich 1991 auf den Ergebnissen für Westdeutschland, danach sind jeweils auch die ostdeutschen Angaben enthalten. – 2) Erweiterung des Länderkreises im Jahre 1996 von 25 auf 29 Länder und im Jahre 2000 auf 30 Länder. – 3) EU-15. OECD 1) 2) 0 5 10 15 0 5 10 15 0 2 4 6 8 10 12 0 2 4 6 8 10 12 0 5 10 15 20 25 EU-Länder 1) 3) USA Deutschland 1) Japan Großbritannien Arbeitslosenquote (%) 1964 70 80 90 2000 2009 1964 70 80 90 2000 2009 1964 70 80 90 2000 2009 1964 70 80 90 20002009 1964 70 80 90 2000 2009 1964 70 80 90 2000 2009 V er b ra u ch er p re is in fl at io n ( % ) Quelle: OECD. Abb. VII.19 4. Der Zusammenhang zwischen Inflation, Beschäftigung und Wachstum 233 (3) Insbesondere die Entwicklung in den USA bestätigt theoretische Überlegungen, nach denen sich die zeitliche Abfolge der Koordinatenwerte unter bestimmten Voraussetzungen in „Schleifen‘‘ vollzieht: Der Beschleunigung des Preisanstiegs folgt eine Phase der Inflationsbekämpfung und der Zunahme der Arbeitslosigkeit; diese wird aber schließlich bei weitgehend stabiler Inflationsrate wieder abgebaut. Die ausgeprägte Rezession in den Jahren 2007–2009 in den USA führte allerdings zu einem ungewöhnlich starkem Anstieg der amerikanischen Arbeitslosenquote, bei gleichzeitig äußerst niedrigen Inflationsraten. Ob dies eine Abkehr von früherer Verhaltensmuster bedeutet, muss sich allerdings noch zeigen. (4) Für Deutschland (bis 1991/2: Westdeutschland) lassen sich mehrere Phasen unterscheiden. Die sechziger Jahre waren – mit der Ausnahme der Rezession 1966/67 – durch Preisstabilität und Vollbeschäftigung gekennzeichnet. Anfang der siebziger Jahre beschleunigte sich der Preisanstieg, die Arbeitslosigkeit nahm dann bei unver- ändert hoher Inflationsrate deutlich zu; der Inflationsbekämpfung folgte ein leichter Rückgang der Arbeitslosenquote. Mit dem nächsten Preisschub nach 1979, insbesondere aber in den Jahren der Disinflation stieg die Arbeitslosigkeit erheblich an. In der langen Aufschwungphase in der zweiten Hälfte der achtziger Jahre verharrte sie bei weiter rückläufiger bzw. niedriger Inflationsrate zunächst im Wesentlichen auf diesem Niveau, ging aber dann langsam zurück, während der Preisanstieg leicht zunahm. Nach der deutschen Wiedervereinigung und dem Übergang der ostdeutschen Bundesländer von der sozialistischen Kommandowirtschaft zur sozialen Marktwirtschaft stieg die Arbeitslosenquote im vereinten Deutschland auf ein nationales Rekordniveau, während die Inflationsraten nach 1992 wieder zurückgingen. Gegen Ende der neunziger Jahre konnten erste Erfolge beim Abbau der Arbeitslosigkeit verbucht werden, die im Zusammenhang mit einer moderaten Lohnpolitik und ersten, zaghaften Schritten zur Liberalisierung des deutschen Arbeitsmarktes stehen. Ein schwaches Wirtschaftswachstum zusammen mit exogenen Preisschocks führten allerdings zu einem erneuten „Eindrehen‘‘ und weiterer Verflachung der deutschen „Phillipskurve‘‘ zu Beginn des neuen Jahrtausends. b) Inflation und Wirtschaftswachstum Trotz vieler Veröffentlichungen ist die Frage, welcher Zusammenhang zwischen Inflation und realem Wirtschaftswachstum besteht, zu den umstrittensten Problemen der Nationalökonomie zu rechnen. Weitgehende Übereinstimmung besteht lediglich darüber, dass extreme Inflationsraten das Wirtschaftswachstum eher beeinträchtigen, da die hohen Preissteigerungen zu erheblichen Verzerrungen der Preisrelationen und damit zu Fehlallokationen der Ressourcen führen. Die These, die schleichende Inflation begünstige das Wirtschaftswachstum, wird vor allem auf folgende Argumente gestützt: (1) Die sog. Nachfragedruckhypothese. Danach sichert eine permanente Übernachfrage die Vollbeschäftigung; die Kapazitäten sind stets voll ausgelastet, die Unternehmen werden dadurch laufend zu neuen Investitionen angereizt. (2) Die sog. Lohn-lag-Hypothese. Bleiben die Lohnsteigerungen hinter den Preissteigerungen zurück, steigen die Gewinne. Als Folge davon ergibt sich ein günstiges Investitionsklima; außerdem bewirkt die Steigerung des Anteils der Unternehmerein- 234 VII. Inflationstheorie kommen auf Kosten der Lohneinkommen eine Vergrößerung der gesamtwirtschaftlichen Sparquote. (3) Das Realzinsargument. Bleibt der (nominelle) Zinsanstieg hinter dem Preisanstieg zurück, sinkt die reale Zinsbelastung entsprechend finanzierter Investitionsprojekte; hierin wird ein weiterer Grund für die Zunahme der Investitionen als Folge der Inflation gesehen. In engem Zusammenhang dazu steht: (4) Die sog. Gläubiger-Schuldner-Hypothese. Infolge der Preissteigerungen reduziert sich der Realwert aller auf Geld lautenden Forderungen. Dem realen Verlust der Gläubiger dieser Nominalwerte entspricht ein realer Gewinn der Schuldner. Ist aber der Unternehmenssektor der Hauptschuldner solcher Nominalwerte, führt diese inflationsbedingte Veränderung der (realen) Vermögensverteilung ebenfalls zu weiteren Investitionsanreizen. Die genannten Argumente beruhen auf der Annahme einer unterschiedlichen Anpassung der einzelnen Preise und Einkommen im Inflationsprozess. In den beiden ersten Hypothesen ist eine verzögerte Anpassung der Löhne an die gestiegenen Preise unterstellt, während nach den folgenden Thesen die Preise schneller als der Nominalzins steigen bzw. sich der Wert der Sachinvestitionen dem Inflationsprozess anpasst, die Geldvermögen dagegen nicht oder doch zumindest nur mit einer entsprechenden Verzögerung. Alle Argumente, die zugunsten der wachstumsfördernden Wirkung der schleichenden Inflation angeführt werden, setzen damit eine Verbesserung der Verteilungsposition (bei Einkommen bzw. Vermögen) des Unternehmenssektors voraus. Eine Wirtschafts- und Währungspolitik, die das Wirtschaftswachstum durch eine inflationäre Politik fördern wollte, müsste also die entsprechenden Verteilungswirkungen hinnehmen; die Beziehung zwischen den beiden Zielen Geldwertstabilität und Förderung des Wirtschaftswachstums lässt sich daher nicht ohne Einschluss des Verteilungszieles diskutieren. Im Übrigen erscheint es aber mehr als fraglich, ob mit den angeführten notwendigen Bedingungen für den positiven Wachstumseffekt der schleichenden Inflation überhaupt gerechnet werden kann. Zwar wird man im Falle einer einmaligen und vor allem unerwarteten inflationären Ausdehnung der monetären Nachfrage die genannten Verteilungswirkungen und deshalb einen wachstumsfördernden Impuls durchaus erwarten können, doch wäre es äußerst problematisch, diese Schlussfolgerung einfach auf die Situation einer anhaltenden Inflation zu übertragen. Je länger die Inflation andauert, desto mehr passen sich erfahrungsgemäß die einzelnen volkswirtschaftlichen Größen diesem Trend an, desto weniger ist auch mit Unterschieden in der Geschwindigkeit der Anpassung von Lohn und Zins gegenüber den Preisen zu rechnen. Ohnehin bleiben die Thesen für den wachstumsfördernden Effekt der Inflation auf die Situation der Nachfrageinflation beschränkt; liegt die Ursache für den Preisanstieg in einem Kostendruck begründet, entfällt die Voraussetzung für diese Argumentation. Aber auch in einer Volkswirtschaft, in der Preise, Löhne und Zinsen mehr oder weniger parallel steigen, lassen sich Vorteile für das Wirtschaftswachstum kaum feststellen. Eine mäßige, stetige Preissteigerungsrate kann damit nicht mit dem Hinweis auf ihren positiven Wachstumseffekt verteidigt werden. Der Wunsch, das Wachstum dennoch zu fördern, müsste auf der Basis einer gegebenen Inflationsrate neue, zusätzliche Inflationsschübe auslösen; als Folge dieser Politik müsste sich je- 4. Der Zusammenhang zwischen Inflation, Beschäftigung und Wachstum 235 doch die Inflation beschleunigen, sodass man bald nicht mehr von einer schleichenden Inflation sprechen könnte. Im Laufe eines Inflationsprozesses ergeben sich in aller Regel Verzerrungen im Preisgefüge einer Volkswirtschaft. Je weniger aber die relativen Preise die Knappheitsverhältnisse bei den Produktionsfaktoren und bei den produzierten Gütern widerspiegeln, desto mehr muss dies zu Fehlleitungen der volkswirtschaftlichen Ressourcen führen; die Rechenhaftigkeit des Wirtschaftsprozesses wird verschlechtert, die gesamtwirtschaftliche Produktivität nimmt ab. Dies kann sich u.a. in einer verminderten Kapitalproduktivität, d.h. einem Anstieg des Kapitalkoeffizienten äußern; trotz steigender Investitionen kann in diesem Falle die Wachstumsrate der realen Produktion stagnieren oder sogar zurückgehen. Verzerrungen in der Produktionsstruktur folgen nicht zuletzt daraus, dass erfahrungsgemäß einzelne Branchen in ihrer Entwicklung vorübergehend besonders von der Inflation „begünstigt‘‘ werden. Setzt beispielsweise bei den Sparern aus Furcht vor weiteren Inflationsverlusten eine Flucht ins „Betongold‘‘ ein, werden vor allem im Wohnungsbau Überkapazitäten geschaffen, die – zu kostendeckenden Preisen – auf Jahre hinaus nicht abgesetzt werden können, wenn die Inflation nicht ihr Tempo beschleunigt. Leerstehende Wohn- und Bürohäuser sowie halbfertige Projekte dokumentieren dann augenfällig die volkswirtschaftliche Kapitalverschwendung. Mundell hat nun gezeigt, dass unter bestimmten Voraussetzungen der Realzins auch bei vollständig antizipierter Inflation sinkt. In seinem Modell, auf das hier nicht im Einzelnen eingegangen werden kann, unterstellt er u.a. die Vermögens- Spar-Relation von Metzler. Danach ist die reale Ersparnis eine Funktion des Vermögens und damit auch der realen Kassenhaltung. Werden nun Preissteigerungen erwartet, steigt der Nominalzins an. Mit dem erhöhten Nominalzins sind die Opportunitätskosten der Kassenhaltung gestiegen, die reale Kassenhaltung wird reduziert und es werden entsprechend mehr Beteiligungen (Aktien) nachgefragt. Es steigt also das Angebot an Realkapital, der Realzins sinkt; Angebot und Nachfrage nach Realkapital kommen bei einem niedrigeren Realzins zum Ausgleich. Die Differenz zwischen Nominalzins und Realzins entspricht der erwarteten Inflationsrate, doch ist der Nominalzins nicht um den vollen Wert der erwarteten Preissteigerungsrate gestiegen, da der Realzins dauerhaft gesunken ist. Danach hätte also selbst eine vollständig antizipierte Inflation eine Steigerung der (realen) Investitionstätigkeit zur Folge. Mit der Erkenntnis, dass auch eine vollständig antizipierte Inflation realwirtschaftliche Konsequenzen haben kann, hat Mundell zweifelsohne einen interessanten theoretischen Beitrag geliefert. Unmittelbare Aussagen für die Realität lässt das Modell jedoch allein schon wegen der restriktiven Annahmen (u.a. vollständige Flexibilität von Preisen und Löhnen sowie permanente Vollbeschäftigung) nicht zu. Kaufen im Übrigen die Wirtschaftssubjekte in Erwartung von Preissteigerungen verstärkt Konsumgüter, dann kann per Saldo die reale Ersparnis zurückgehen mit der Folge, dass der Realzins steigen muss. Andere Ansätze zeigen denn auch, dass insbesondere unter dem Einfluss der Besteuerung mit negativen Konsequenzen der Inflation zu rechnen ist (siehe dazu auch den 11. Abschnitt). Eine Vielzahl von empirischen Untersuchungen zum Zusammenhang zwischen Inflation und Wirtschaftswachstum lässt sich schwer auf einen gemeinsamen Nenner bringen. Für den Fall sehr hoher Inflationsraten zeigt sich tendenziell ein negativer 236 VII. Inflationstheorie Inflation und reales Wirtschaftswachstum, 1965-95 Quelle: IMF, World Economic Outlook, Oktober 1996. 0 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 Prozentuale Veränderungsraten, Jahresdurchschnitte reales Wachstum Inflation, log. Maßstab 30001000300100301031 Abb. VII.20 Zusammenhang (siehe Abb. VII.20). Bei niedrigen Preissteigerungsraten bleibt das Ergebnis eher unbestimmt, das Wirtschaftswachstum ist insoweit unabhängig von der Inflation. Man kann diese Beziehung aber auch so ausdrücken: Niedrige Inflationsraten erfordern keinen Preis in Form von Outputverlusten – sind also in gesamtwirtschaftlicher Sicht ein „free lunch‘‘. 5. Inflation und Einkommensverteilung Der Zusammenhang zwischen (schleichender) Inflation und Einkommensverteilung ist unter einem doppelten Aspekt zu sehen. So sind zum einen die Wirkungen der Inflation auf die Einkommensverteilung zu untersuchen; zum anderen spielt die Anspruchsinflation, d.h. das Ringen der einzelnen Gruppen um eine Verbesserung ihrer Verteilungsposition, eine wichtige Rolle als Inflationsursache. Beide Gesichtspunkte sollen daher im Folgenden behandelt werden. 5. Inflation und Einkommensverteilung 237

Chapter Preview

References

Zusammenfassung

Der Klassiker zur Geldtheorie.

Das Lehrbuch zur Geldtheorie

ist eines der erfolgreichsten Bücher dieser Art. Dem Autor Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Otmar Issing, ehemals Direktoriumsmitglied der Europäischen Zentralbank und »Vater des Euro«, gelingt es hervorragend, den aktuellen Stand der modernen Geldtheorie einfach und konzentriert darzustellen. Der Band gibt den Studenten eine hilfreiche Orientierung in der Diskussion zwischen Keynesianern, Monetaristen und Liquiditätstheoretikern.

Geldtheorie aktuell

Die Neuauflage enthält unter anderem Ausführungen zu

* den wichtigsten Entwicklungen der Kreditmarkttheorie

* dem Einfluss der Finanzmarktkrise auf den Geldmarkt und

* dem Zusammenhang von Finanzmarktkrise und Liquidität.

Im Überblick

* Das Geld

* Die Nachfrage nach Geld

* Das Geldangebot

* Zinstheorie

* Geldmenge, monetäre Nachfrage, Preisniveau und Beschäftigung

* Die Liquidität

* Inflationstheorie