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2. Inflation, Deflation, Disinflation in:

Otmar Issing

Einführung in die Geldtheorie, page 208 - 217

15. Edition 2011, ISBN print: 978-3-8006-3810-9, ISBN online: 978-3-8006-4315-8, https://doi.org/10.15358/9783800643158_208

Series: Vahlens Kurzlehrbücher

Bibliographic information
Verbraucherpreise im Euro-Währungsgebiet #) Januar 1999 (-1,4%) und Juli 1999 (-0,3%) ohne Luxemburg. Januar 2000 (+0,3%) und Juli 2000 (+1,7%) ohne Belgien, Juni 2005 (+0,6%) ohne Portugal. – o) März 2004 bis Februar 2005 ohne Finnland. 1996 1997 1998 1999 2000 2001 2002 2003 2004 2005 2006 2007 2008 2009 3 2 1 0 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 – – – + + + + + + + + + + Veränderung der Harmonisierten Verbraucherpreisindizes gegen Vorjahr in % % o) jeweils... ...höchste ...niedrigste Veränderung der nationalen Preisindizes durchschnittliche Veränderung der Verbraucherpreise in der EWU Obergrenze der Definition von Preisstabilität #)#) #) #) #) Quelle: Eurostat. Abb. VII.2 2. Inflation, Deflation, Disinflation a) Die Inflation Die Wissenschaft befasst sich bereits seit langem intensiv mit dem Phänomen der Inflation; mit dem anhaltenden Preisanstieg in allen westlichen Industrieländern seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges hat ein erhöhtes Interesse für dieses Thema zu 2. Inflation, Deflation, Disinflation 201 einer unübersehbaren Flut von Veröffentlichungen geführt. Dennoch – oder vielleicht auch gerade deswegen – lässt sich bis heute keine einheitliche Definition des Begriffes Inflation registrieren. Die weiteste Verbreitung hat die Auffassung gefunden, die Inflation mit einem anhaltenden Anstieg des Preisniveaus bzw. einem Sinken der Kaufkraft des Geldes gleichsetzt; aber selbst bei dieser Definition ist es umstritten, welcher Preisindex hierbei zu berücksichtigen ist. Herrschen jedoch ausgeprägte Inflationstendenzen vor, steigen alle relevanten Preisindizes an, sodass die Differenzierung nach verschiedenen Preisindizes erheblich an Bedeutung verliert. Im Folgenden soll daher einfach vom Anstieg „des‘‘ Preisniveaus gesprochen werden. Nach dem Tempo, mit dem sich der Preisanstieg bzw. Geldwertverlust vollzieht, unterscheidet man zwischen schleichender, trabender und galoppierender Inflation (Hyperinflation). Exakte Abgrenzungen für diese verschiedenen „Gangarten‘‘ gibt es indessen nicht; war man etwa in den fünfziger Jahren zunächst überwiegend der Meinung, von schleichender Inflation könne man allenfalls sprechen, solange der jährliche Preisanstieg ein Ausmaß von 3% bis höchstens 5% nicht übersteigt, wurde diese Grenze angesichts der anfangs der siebziger Jahre weltweit erhöhten Inflationsraten wesentlich weiter gezogen, ohne dass sich deshalb jetzt eine genaue zahlenmäßige Fixierung angeben ließe. Eine Hyperinflation liegt jedoch nach allgemeiner Auffassung erst dann vor, wenn die monatliche Preissteigerungsrate 50% oder mehr beträgt. Entwicklung des HVPI in ausgewählten Ländern des Euro-Raums 2001 2002 2003 2004 2005 2006 2007 2008 2009 2010 100 102 104 106 108 110 112 114 116 118 Relative Abweichung zu Deutschland, Dezember 2000 = 100, saisonbereinigt Griechenland Spanien Irland Portugal Quelle: Europäische Zentralbank, eigene Berechnungen. Abb. VII.3 202 VII. Inflationstheorie Während sich die absolute Inflation immer im Anstieg des Preisniveaus zeigt, werden mit dem Ausdruck relative Inflation gesamtwirtschaftliche Vorgänge belegt, die nicht mit einem Preisanstieg verbunden sein müssen. Werden z.B. technische Fortschritte im Produktionsprozess eingeführt und steigen die nominellen Faktorpreise nicht entsprechend den Produktivitätssteigerungen, bleiben die Güterpreise aber unverändert, dann liegen diese über den Kostenpreisen; bei „kostenorientierter Preisbildung‘‘ könnte das Preisniveau niedriger liegen, daher der Terminus relative Inflation. Nach der Dauer des Inflationsprozesses ist zwischen einer chronischen Geldentwertung, einem einmaligen und einem vorübergehenden Preisanstieg zu differenzieren. Vorübergehend ist eine Erhöhung des Preisniveaus dann zu nennen, wenn sie in der Folge in einem Wiederabsinken des Preisniveaus rückgängig gemacht wird. Während sich solche Phasen von Preiserhöhungen und Preissenkungen etwa unter dem Regime des Goldstandards (bis 1914) ablösten, gleicht der Inflationsprozess seit dem Zweiten Weltkrieg einer Art „Einbahnstraße‘‘; ein wesentliches Absinken des Preisniveaus ist – mit wenigen Ausnahmen (Japan!) – nicht mehr eingetreten. Dieser stetige, bis dato chronische Charakter verbindet sich im Allgemeinen mit dem Begriff der schleichenden Inflation, der eine pro Jahr „mäßige‘‘, aber stetige Geldentwertung bezeichnet. Wie noch zu zeigen ist, sind für diese Permanenz der Inflationserscheinung eine ganze Reihe wirtschaftlicher, sozialer und politischer Faktoren verantwortlich. Daneben bzw. zusätzlich tragen jedoch auch immer wieder Ursachen zur Geldentwertung bei, deren Auswirkungen auf das Preisniveau für sich genommen jeweils einmaliger Natur sind; als Beispiel für derartige Vorgänge können Preiserhöhungen für Nahrungsmittel nach einer Missernte bzw. auf Grund politischer Entschlüsse oder die drastischen Ölpreiserhöhungen dienen. Solche Vorgänge haben in der Regel nur einen vorübergehenden Effekt auf die Teuerungsrate. Da sie aber den Blick auf den generellen Preistrend, auf den sich die Geldpolitik in der Regel konzentriert, versperren, ist es sinnvoll, auch Maßgrößen zu berechnen, die frei von transitorischen Einflüßen sind. Für solche Maßgrößen hat sich der Begriff der Kerninflation eingebürgert. Ein Anstieg des Preisniveaus ist im Allgemeinen die Folge einer Diskrepanz zwischen Angebot und Nachfrage zu den bisher geltenden Preisen auf den Gütermärkten. Es liegt daher nahe, Inflation unmittelbar als Ausdruck dieses Spannungsverhältnisses zu definieren; Inflation liegt nach dieser Auffassung vor, wenn die monetäre Gesamtnachfrage das gesamte Güterangebot, bewertet zu gegebenen Preisen, übersteigt. In Abb. VII.4 ist dieser Sachverhalt dargestellt. Im Punkt B entsprechen die (gewünschten) Gesamtausgaben als Summe aus den Ausgaben der Privaten für Konsum (C) und Investition (I) sowie der Staatsausgaben (G) dem Einkommen (Yv); es handelt sich um ein Gleichgewichtsvolkseinkommen, das der Einfachheit halber mit dem Vollbeschäftigungsvolkseinkommen übereinstimmen soll. Werden nun die monetären Gesamtausgaben, z.B. über ein Defizit im Staatshaushalt, erhöht (DG), so übersteigt unter sonst unveränderten Voraussetzungen die monetäre Gesamtnachfrage das gesamte Angebot. Die Differenz BE wird als inflatorische Lücke bezeichnet. 2. Inflation, Deflation, Disinflation 203 0 YV nominelles Volkseinkommen B E Ausgaben C+I+G C+I+G+ G inflato rische Lücke 45° Abb. VII.4 Eine derartige inflatorische Lücke kann außer auf den Märkten der produzierten Güter auch auf den Märkten der Produktionsfaktoren existieren; mit B. Hansen unterscheidet man daher zwischen einer Güterlücke und einer Faktorlücke. Bei freier Preisbildung auf den einzelnen Märkten wird eine inflatorische Lücke durch einen Preisanstieg geschlossen. (In unserem Beispiel würde ein expansiver Multiplikatorprozess mit ausschließlich monetärer Wirkung ausgelöst, da das Realeinkommen gegenüber Yv nicht mehr ausgedehnt werden kann.) Werden dagegen die Preise konstant gehalten, bleibt der Nachfrageüberhang bestehen. Diese Situation tritt vor allem dann ein, wenn der Staat durch einen generellen Preisstopp die Auswirkungen des Nachfrageüberhangs auf das Preisniveau verhindert; über staatliche Verordnungen könnte ferner auch ein Anstieg der Faktorpreise verboten werden (Lohn-, Zinsstopp etc.). Man spricht in diesem Falle von einer gestoppten oder zurückgestauten Inflation im Gegensatz zum Anstieg des Preisniveaus in der offenen Inflation. Eine gestoppte Inflation herrschte beispielsweise als Begleiterscheinung der Kriegswirtschaft in Deutschland; sie wurde erst im Anschluss an die Währungsreform von 1948 beseitigt. Will der Staat das „Durchschlagen‘‘ eines hohen Nachfrageüberhangs auf die Preise verhindern, bedarf es dazu rigoroser Preiskontrollen, die im Allgemeinen nur unter besonderen Voraussetzungen durchgesetzt werden können. So hatten z.B. fast alle westlichen Länder, die anfangs der siebziger Jahre vorübergehend einen allgemeinen Preisstopp eingeführt hatten, dennoch einen deutlichen Anstieg des Preisniveaus zu verzeichnen. Angesichts der verwirrenden Vielfalt der verschiedenen Termini gibt Abb. VII.5 noch einmal einen systematischen Überblick über die wichtigsten Inflationsbegriffe. 204 VII. Inflationstheorie Abb. VII.5 Inflationsbegriffe Kriterium: Preisniveau relative Inflation Anstieg des Preisindex des Bruttonationaleinkommens offene Inflation schleichende Inflation trabende Inflation galoppierende Inflation (Hyperinflation) Kriterium: Dauer chronische Inflation einmalige Inflation vorübergehende Inflation Kriterium: Nachfrageüberhang Güterlücke Faktorlücke Folge (je nach Wirtschaftspolitik) bei freier Preisbildung: offene Inflation bei Preisstopp: gestoppte Inflation absolute Inflation Anstieg eines Teil-Preisindex 2. Inflation, D eflation, D isinflation 205 In der Vergangenheit traten erhebliche Preissteigerungen vor allem im Gefolge einer Hochkonjunktur auf, während sich der Preisanstieg in Zeiten des konjunkturellen Abschwungs verlangsamte, zum Stillstand kam oder sogar von einem Rückgang abgelöst wurde. Erst relativ jungen Datums ist dagegen die Erscheinung, dass sich der Preissteigerungsprozess selbst während der Rezession fortsetzt. Aus den beiden Begriffen Inflation und Stagnation entstand der Ausdruck Stagflation zur Charakterisierung einer gesamtwirtschaftlichen Situation, in der das Preisniveau ansteigt, gleichzeitig die Produktion stagniert oder (absolut) zurückgeht und Arbeitslosigkeit herrscht. Im Gegensatz zu den bisherigen Begriffen bezieht sich der Ausdruck asset price inflation (Vermögenspreisinflation) auf die Teuerung von Vermögensgütern. Beschrieben wird damit vor allem der Preisanstieg von Aktien, Grundstücken und Gebäuden. In der zweiten Hälfte der achtziger Jahre wurde dieses Phänomen vor allem in Japan beobachtet. Dort nahmen die Immobilienpreise und Aktienkurse mit atemberaubender Geschwindigkeit zu, während die Konsumentenpreise eher verhalten stiegen. Extreme Steigerungen von Vermögenspreisen, insbesondere Immobilienpreisen, waren Ende der Neunziger Jahre bis zum Ausbruch der Finanzkrise auch in den USA, Großbritannien sowie in einigen Ländern der europäischen Währungsunion zu verzeichnen und haben diese mitausgelöst. Seit der Einführung des Euro-Bargeldes zum 1. Januar 2002 ist ein weiterer Inflationsbegriff, der der gefühlten (oder wahrgenommenen) Inflation, aufgekommen. Hierunter versteht man die Einschätzung der Preisentwicklung in der Vergangenheit durch die Verbraucher im Gegensatz zur tatsächlich gemessenen Teuerungsrate gemäß der amtlichen Statistik. Die durch den Verbraucher wahrgenommene Inflation kann z. B. aus einer Umfrage der Europäischen Kommission gewonnen werden, im Rahmen derer die Konsumenten gefragt werden, ob die Preise ihrer Einschätzung nach in den vergangenen 12 Monaten stark, mäßig oder wenig gestiegen sind, ob sie mehr oder weniger unverändert geblieben oder sogar gefallen sind. Aus den prozentualen Anteilen dieser qualitativen Antworten wird ein gewichteter Saldo berechnet, der die Differenz zwischen positiven (Preise sind gestiegen) und negativen (Preise sind gefallen bzw. konstant geblieben) Antworten angibt. Dieser Saldo kann als Indikator für die gefühlte Inflation verwendet werden, auch wenn seine Interpretation nicht einfach ist. Abb. VII.6 zeigt, dass die gefühlte und die tatsächlich gemessene Inflation in Deutschland generell mehr oder weniger parallel verlaufen. Anfang 2002, mit der Euro-Bargeldeinführung, stieg die empfundene Inflation jedoch drastisch an, während die tatsächlich gemessene Teuerungsrate nur einen relativ geringen Anstieg verzeichnete. Bei einer rückläufigen tatsächlichen Teuerungsrate im Verlauf des Jahres 2002 verharrte die gefühlte Inflation weiter auf einem hohen Niveau. Erst seit Mitte 2004 weisen die beiden Reihen wieder einen engeren Zusammenhang auf. In nahezu allen Ländern der Europäischen Währungsunion konnte man eine solche Abkopplung der gefühlten Inflation von der tatsächlichen Inflationsrate beobachten, die sich in einigen Fällen erst im Zuge des starken Inflationsanstiegs im Jahre 2008 und der darauf folgenden ausgeprägten Disinflationsphase wieder verflüchtigte. 206 VII. Inflationstheorie Gefühlte und tatsächliche Inflation in Deutschland 1) Preisentwicklung der vergangenen 12 Monate, Verbraucherumfragen der EU- Kommission, Salden der Antworten in % der gegebenen Antworten. – 2) Veränderung gegenüber Vorjahr in %. 1999 00 01 02 03 04 05 06 07 08 2009 20 0 20 40 60 80 – + + + + 0 1 2 3 4 5 Gefühlte Inflation 1) (linke Skala) Verbraucherpreise 2) (rechte Skala) Quelle: EU-Kommission, Statistisches Bundesamt. Abb. VII.6 Insgesamt sind die Verbraucher in Deutschland, aber auch in anderen Ländern der Eurozone, der Auffassung, dass die Einführung der Gemeinschaftswährung zu erheblichen Preiserhöhungen geführt habe. Dagegen weisen die amtlichen Statistiken nur einen recht begrenzten Euro-Effekt auf. Beispielweise hat Eurostat den Einfluss der Euro-Bargeldeinführung auf die durchschnittliche Inflationsrate im Euroraum im Jahre 2002 (die bei 2.1% lag) auf maximal 0.3 Prozentpunkte beziffert. Auch das Statistische Bundesamt bestätigte, dass die Euro-Einführung auf die Lebenshaltungskosten insgesamt keinen wesentlichen Einfluss gehabt hat. Die Diskrepanz zwischen gemessenem und gefühltem Euroeffekt lässt sich durch eine Reihe von Argumenten erklären. So waren bei einigen Gütern und Dienstleistungen, die relativ häufig konsumiert werden und die Inflationswahrnehmung daher stark beeinflussen, Anfang 2002 starke Preissteigerungen zu verzeichnen, die nicht unbedingt im Zusammenhang mit der Euro-Einführung standen (z. B. bei saisonalen Nahrungsmittel und Energiewaren). Allerdings kam es insbesondere bei einigen Dienstleistungen, z. B. im Gaststättenbereich oder bei Friseurbetrieben, tatsächlich zu „Übertreibungen“ bei der Umstellung auf Europreise, wie sie von vielen Verbrauchern auch beklagt wurden. Eine Rolle gespielt haben dürfte auch die Tatsache, dass viele Verbraucher weiterhin die nationalen Währungen als Referenzpunkt betrachten und somit über die 2. Inflation, Deflation, Disinflation 207 Zeit ein veraltetes Referenzpreisniveau verwenden, was den Eindruck von hohen Euro-Preisen und entsprechend hohen Teuerungsraten erweckt. Etliche Personen hatten auch Schwierigkeiten im Umgang mit dem neuen Bargeld, was ein entsprechendes Unbehagen gegenüber der neuen Währung erklärt. Desweiteren sind psychologische Faktoren zu nennen. So zeigen Studien, dass Preiserhöhungen generell stärker wahrgenommen werden als Preissenkungen. Waren die Verbraucher aber der festen Überzeugung, dass die Preise mit Einführung des Euro-Bargeldes angehoben würden, dann nahmen sie selbst bei korrekter Umrechnung durch den Anbieter fälschlicherweise eine Preissteigerung wahr. Das Ausmaß der Medienberichterstattung über Preissteigerungen dürften diese Effekte verstärkt haben. Nicht zuletzt spielen sozio-demografische Faktoren eine klare Rolle bei der Inflationswahrnehmung. So hat eine Vielzahl von Studien festgestellt, dass Frauen, ältere Menschen und Personen mit niedrigem Bildungsgrad im Durchschnitt die Teuerungsrate höher wahrnehmen. Eine Diskrepanz zwischen der gemessenen und gefühlten Inflationsrate ist vorwiegend aus zwei Gründen problematisch. Erstens, kann sie zu realen Effekten führen, sollten zum Beispiel die Verbraucher ihre eigene reale Kaufkraft unterschätzen und deshalb weniger konsumieren als bei korrekter Einschätzung der Teuerungsrate. Und zweitens, kann sie einen Einfluss auf die Bildung der Inflationserwartungen führen, was aus geldpolitischer Perspektive relevant ist. b) Die Deflation Die Deflation bildet das Pendant zur Inflation. Entsprechend kann man Deflation definieren als ein Sinken des Preisniveaus bzw. einen Anstieg der Kaufkraft des Geldes (siehe hierzu auch Abschnitt 12). Die Auswahl des „richtigen‘‘ Preisindex stößt dabei auf die gleichen Schwierigkeiten wie bei der Bestimmung der Inflation. Die Analogie zwischen Inflation und Deflation ist jedoch keineswegs vollständig. Dies liegt im Wesentlichen daran, dass sich die Preise in einem bestimmten Umfeld im Allgemeinen „nach oben‘‘ leichter bewegen als „nach unten‘‘. Für einen gesamtwirtschaftlich sehr wichtigen Preis gilt dies ganz besonders. Während nämlich der Nominalzins prinzipiell beliebig steigen kann, liegt die Grenze für die Bewegung nach unten bei Null. Im Laufe der großen Depression nach 1929 ist das Preisniveau in vielen Ländern stark gesunken; seitdem hatte es aus Gründen, die noch zu diskutieren sind, diese Flexibilität in den modernen Industriestaaten weitgehend verloren. Deflationstendenzen sind unter diesen Bedingungen nicht primär aus einem Sinken des Preisniveaus erkennbar. Somit gewinnt das Konzept der deflatorischen Lücke zur Charakterisierung einer gesamtwirtschaftlichen Situation, in der die Nachfrage hinter dem möglichen Angebot (zu gegebenen Preisen) zurückbleibt, besondere Bedeutung. In Abb. VII.7 entsprechen im Punkte B die gewünschten Gesamtausgaben dem Volkseinkommen (Yv), das wiederum gleichzeitig das Vollbeschäftigungsvolkseinkommen darstellen soll. Gehen nun z.B. ceteris paribus die privaten Investitionsausgaben zurück ( DI), dann liegt die Gesamtnachfrage unter dem Gesamtangebot, bewertet zu gegebenen Preisen; die Strecke BD drückt die deflatorische Lücke aus. 208 VII. Inflationstheorie Ausgaben 0 nominelles Volkseinkommen 45° D B C+I+G YV deflatorische Lücke C+I+G- I Abb. VII.7 Während die inflatorische Lücke eine „Güterlücke‘‘, also eine „Angebotslücke“, ist, stellt die deflatorische Lücke eine „Nachfragelücke‘‘ dar. Diese deflatorische Lükke kann nun wiederum zweierlei Folgen haben. Einmal wäre es unter bestimmten Voraussetzungen denkbar, dass die Preise allgemein so lange sinken, bis Angebot und Nachfrage gesamtwirtschaftlich gesehen wieder übereinstimmen; der Deflationsprozess hätte dann im Extremfall keine Auswirkungen auf das reale Volkseinkommen (und die Beschäftigung), lediglich das nominelle Äquivalent der gegebenen Produktion hätte sich vermindert. Bleiben dagegen diese Preissenkungen aus, können die Unternehmer ihre Produktion zu den gegebenen Preisen nicht absetzen; Einschränkungen der Produktion und der Beschäftigung und damit ein Rückgang des realen Volkseinkommens werden dann die Folge des Deflationsprozesses sein. Es ist alles andere als einfach, die Entwicklung der Preise im Zeitablauf exakt zu ermitteln. Erhebliche Messprobleme resultieren nicht zuletzt aus Qualitätsveränderungen. Soweit Verbesserungen der Qualität von Gütern systematisch unterschätzt werden – wie dies in der Vergangenheit für die Preisstatistik einiger Länder festgestellt wurde –, fallen ausgewiesene Preissteigerungen zu hoch aus. De facto könnte also die Zone der Deflation schon bei sehr niedrigen Inflationsraten erreicht sein. Soweit es zu Einbrüchen bei Aktienkursen oder Immobilienpreisen kommt, wird im Übrigen analog zur Situation der Inflation auch der Ausdruck der asset price deflation verwendet. So war die Lage in Japan in den neunziger Jahren u.a. durch eine asset price deflation gekennzeichnet. c) Die Disinflation Ende der siebziger Jahre beschleunigte sich die Inflation weltweit. In vielen Ländern setzte daraufhin eine Politik der Inflationsbekämpfung ein, als Folge davon gingen die Preissteigerungsraten nach 1980 deutlich zurück (siehe Tabelle VII.2). Dieser Vorgang wurde allgemein als Disinflation charakterisiert. Unter Disinflation versteht man also einen Rückgang der Inflationsrate. Im Gegensatz zur Deflation, 2. Inflation, Deflation, Disinflation 209 die ein absolutes Sinken des Preisniveaus kennzeichnet, steht der Begriff Disinflation für eine Entwicklung, bei der das Preisniveau nach wie vor steigt, die Rate der Geldentwertung aber abnimmt. Entwicklung der Endverbraucher-Preise von 1980 bis 1987 im Ländervergleich (prozentuale Veränderung gegenüber dem Vorjahr) 1980 1981 1982 1983 1984 1985 1986 1987 USA 13,5 10,3 6,1 3,2 4,3 3,5 1,9 3,7 Japan 8,0 4,9 2,6 1,8 2,3 2,0 0,4 0,2 Bundesrepublik Deutschland 5,5 6,3 5,3 3,3 2,4 2,2 0,2 0,2 Frankreich 13,6 13,4 11,8 9,6 7,4 5,8 2,7 3,1 Großbritannien 18,0 11,9 8,6 4,6 5,0 6,1 3,4 4,2 Italien 21,2 17,8 16,6 14,6 10,8 9,2 5,9 4,7 Kanada 10,2 12,5 10,8 5,8 4,3 4,0 4,2 4,4 OECD-Staaten 13,0 10,5 7,8 5,3 5,2 4,5 2,6 3,2 Quelle: OECD, Economic Outlook, Nr. 45, Juni 1989, Paris 1989, S. 182. Tabelle VII.2 Von einem Disinflationsprozess sollte man im Übrigen nur sprechen, wenn dieser Rückgang der Inflationsrate deutlich ausfällt und nicht nur kurzfristig anhält. Offen bleibt dabei, ob der Prozess solange fortgesetzt wird, bis die Preissteigerungsrate Null beträgt, oder schon vorher abgebrochen wird. 3. Ursachen der Inflation In diesem Abschnitt soll ein kurzer Überblick über die wichtigsten Inflationsursachen gegeben werden. Das besondere Interesse gilt dabei der schleichenden Inflation; es wird der Fall der offenen Inflation unterstellt, von der Möglichkeit eines generellen Preisstopps wird also abgesehen. a) Die quantitätstheoretische Erklärung Definiert man Inflation als einen Anstieg des Preisniveaus, so muss Inflation zwangsläufig immer mit einer Zunahme der gesamten monetären Nachfrage im Verhältnis zum Angebot einhergehen. Die Gleichung für das nominelle Volkseinkommen lautet: (1) M · UY Ë YR · PY . (1a) PY Ë MYR UY: Die linke Seite der Gleichung (1) kann als Ausdruck für die gesamte monetäre Nachfrage, die rechte als Ausdruck für das gesamte Angebot, bewertet zu jeweiligen Preisen, interpretiert werden. Der relative Anstieg der monetären Nachfrage – bezogen auf das reale Volkseinkommen – könnte gemäß Gleichung (1a) sowohl auf eine Vermehrung der Geldmenge als auch auf eine Erhöhung der Kreislaufgeschwindig- 210 VII. Inflationstheorie

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References

Zusammenfassung

Der Klassiker zur Geldtheorie.

Das Lehrbuch zur Geldtheorie

ist eines der erfolgreichsten Bücher dieser Art. Dem Autor Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Otmar Issing, ehemals Direktoriumsmitglied der Europäischen Zentralbank und »Vater des Euro«, gelingt es hervorragend, den aktuellen Stand der modernen Geldtheorie einfach und konzentriert darzustellen. Der Band gibt den Studenten eine hilfreiche Orientierung in der Diskussion zwischen Keynesianern, Monetaristen und Liquiditätstheoretikern.

Geldtheorie aktuell

Die Neuauflage enthält unter anderem Ausführungen zu

* den wichtigsten Entwicklungen der Kreditmarkttheorie

* dem Einfluss der Finanzmarktkrise auf den Geldmarkt und

* dem Zusammenhang von Finanzmarktkrise und Liquidität.

Im Überblick

* Das Geld

* Die Nachfrage nach Geld

* Das Geldangebot

* Zinstheorie

* Geldmenge, monetäre Nachfrage, Preisniveau und Beschäftigung

* Die Liquidität

* Inflationstheorie