Content

6. Liquiditätsprobleme in der Finanzmarktkrise in:

Otmar Issing

Einführung in die Geldtheorie, page 196 - 197

15. Edition 2011, ISBN print: 978-3-8006-3810-9, ISBN online: 978-3-8006-4315-8, https://doi.org/10.15358/9783800643158_196

Series: Vahlens Kurzlehrbücher

Bibliographic information
unterstellte Substitutionsbeziehung zwischen Geld und near money zum Ausdruck; ändert sich jedoch die Intensität dieser Substitutionsbeziehung, muss sich dies auf die Steigung der Geldnachfragekurve auswirken. Ein solcher Fall tritt ein, wenn sich die Einschätzung des Liquiditätsgrades der im Umlauf befindlichen Geldsubstitute durch die Wirtschaftssubjekte ändert, wie dies in Abhängigkeit vom Konjunkturverlauf immer wieder geschieht. Unterstellt man also eine Erhöhung des Liquiditätsgrades der Geldsubstitute im Konjunkturaufschwung, vergrößert sich die Substitutionsmöglichkeit von Geld durch Geldsubstitute; die Geldnachfragekurve nimmt folglich einen flacheren Verlauf an (MD2). Umgekehrt würde eine Abnahme des Liquiditätsgrades der near monies einen steileren Verlauf der Geldnachfragekurve bewirken und damit eine verringerte Substitutionsmöglichkeit von Geld durch Geldsubstitute signalisieren. Nachdem diese Kurvenverschiebungen Änderungen der Elastizität der Geldnachfrage zum Ausdruck bringen, spricht man auch vom Elastizitätseffekt. Der Zins i1 in Abb. VI.3 spiegelt allerdings nur ein kurzfristiges Gleichgewicht wider. Werden die in der Kassenhaltung durch near money substituierten Gelder an Wirtschaftssubjekte weitergeleitet, die damit zusätzlicheGüter kaufen, steigt die gesamtwirtschaftliche Nachfrage. Die dadurch je nach wirtschaftlicher Lage bedingte Zunahme des realen bzw. nominellen Volkseinkommens muss jedoch wiederum zu Verschiebungen der Geldnachfragekurve führen, die einenWiederanstieg des Zinses bewirken. Hätte die Tätigkeit der Kreditvermittler in der Realität diesen Einfluss auf die Geldnachfrage, so ergäbe sich daraus die Konsequenz, dass man nicht länger mit einer stabilen Geldnachfragefunktion rechnen könnte, mit allen Folgen, die daraus insbesondere für die Geldpolitik resultieren. Ob und in welchem Umfang diese „Instabilitätshypothese‘‘ auf die Wirklichkeit zutrifft, ist eine Frage, die nur durch die empirische Forschung entschieden werden kann. 6. Liquiditätsprobleme in der Finanzmarktkrise Im Kapitel zum Geldangebot wurde der Prozess der multiplen Geldschöpfung dargestellt. Daraus ergibt sich, dass eine Geschäftsbank immer nur einen Prozentsatz ihrer Einlagen in Form von Zentralbankgeld hält. Zweifel an der Liquidität einer Bank müssen beinahe zwangsläufig dazu führen, dass die Einleger die Bank „stürmen“, um ihre Depositen in bar abzuziehen. Die Liquidität des Bankensystems beruht also ganz wesentlich auf dem Vertrauen, dass die Kunden nicht gleichzeitig ihre Einlagen abziehen und die Bank daher jederzeit in der Lage ist, gewünschte Abhebungen in bar zu leisten. Sobald dieses Vertrauen nicht mehr gegeben ist, kommt es fast zwangsläufig zu einem Bank-Run. Wie zahlreiche Krisen in der Vergangenheit gezeigt haben, besteht die Gefahr, dass davon auch an sich solide Banken erfasst werden, da sie ihre Einlagen ebenfalls nur zu einem Bruchteil in Zentralbankgeld gedeckt haben. Nach dem Ausbruch der Finanzmarktkrise im August 2007 und entsprechenden Nachrichten über Warteschlagen vor den Filialen einer britischen Bank (Northern Rock) zeichnete sich auch in Deutschland die Gefahr eines Bank-Run ab. Zwar hatten die einzelnen Bankengruppen seit langem unterschiedliche Einlagenversicherungen eingerichtet, doch bestand Unsicherheit, inwieweit alle Depositen dadurch vollständig abgesichert waren. Um eine mögliche Vertrauenskrise in die Liquidität des 6. Liquiditätsprobleme in der Finanzmarktkrise 189 Banksystems im Keim zu ersticken, erklärte daher die Bundesregierung eine umfassende Garantie für alle Bankeinlagen. Ein Bank-Run blieb damit aus. Massive Liquiditätsprobleme traten dagegen auf den Finanzmärkten auf. Die Tendenz zur Verbriefung (Securitization) hatte sich über viele Jahre fortgesetzt. Man versteht darunter den Prozess, dass Banken ihre Kredite nicht mehr in den Bilanzen halten, sondern in Wertpapiere umwandeln und am Markt weiterverkaufen. Auf diesem Wege werden Liquidität und Eigenkapital frei und können für weitere Aktivgeschäfte eingesetzt werden. Auf diese Weise erhöht sich das Verhältnis der Aktivseite zum Eigenkapital weit über die Relationen der Vergangenheit hinaus. Diese sog. Hebelwirkung (Leverage) erhöht jedoch die Abhängigkeit des Bankensystems von der Entwicklung der Finanzmärkte, und zwar insbesondere dann, wenn die Banken die Käufe der von ihnen ausgegebenen Wertpapiere durch Kredite finanziert hatten. Mit dem Zusammenbruch des amerikanischen Marktes für zweifelhafte Hypotheken (Subprime Mortgages) gerieten die Kurse auch zahlreicher anderer Wertpapiere unter Druck. Dazu trug auch bei, dass sich die Bewertung der Qualität solcher Papiere durch die Ratingagenturen als bei weitem zu positiv herausstellte. Akteure, die Liquidität benötigten, konnten Wertpapiere nur noch zu stark gesunkenen Kursen und damit unter hohen Verlusten verkaufen. In vielen Fällen war es praktisch überhaupt nicht mehr möglich, bestimmte Titel zu veräußern. Die Finanzmarktkrise hat in unüberbietbarer Klarheit den „Schönwettercharakter“ der Liquidität deutlich gemacht. Während über viele Jahre die Kurse von Wertpapieren gestiegen waren und die Aufnahme von Kredit gegen Sicherheiten reibungslos verlief, brachen die Märkte mit dem allgemeinen Verlust an Vertrauen zusammen. 7. Literatur zum VI. Kapitel Zum 1. Abschnitt: Krümmel, Hans-Jacob, Liquidität, in: Handwörterbuch der Wirtschaftswissenschaften, 5. Band, Stuttgart u.a. 1980, S. 47–54. Schmölders, Günter, Geldpolitik, 2. Auflage, Tübingen u.a. 1968, S. 86–101. Stützel, Wolfgang, Liquidität, in: Handwörterbuch der Sozialwissenschaften, 6. Band, Neuauflage, Stuttgart u.a. 1988. Zum 2.–4. Abschnitt: Zur Position der Liquiditätstheorie des Geldes gegenüber der Quantitätstheorie siehe: Hahn, Frank H., Liquidity, in: Friedman, Benjamin M. and Hahn, Frank H., Handbook of Monetary Economics, Vol. I., 4. Auflage, Amsterdam u.a. 2000, S. 63–80. Oberhauser, Alois, Liquiditätstheorie des Geldes als Gegenkonzept zum Monetarismus, Kredit und Kapital, 10. Jg., 1977, S. 207–232; wiederabgedruckt in: Badura, Jürgen und Issing, Otmar (Hrsg.), Geldtheorie, Stuttgart u.a. 1979, S. 63–77. Eine Reihe wichtiger Artikel zum Liquiditätsproblem sind enthalten in: Dürr, Ernst (Hrsg.), Geld- und Bankpolitik, 2. Auflage, Köln u.a. 1971; beispielsweise die Beiträge von Gaskin, Maxwell, Die Liquidität und der Geldmechanismus, S. 292–313; Holtrop, M. W., Über die Deutung monetärer Erscheinungen, S. 314–371; und von McKean, Roland N., Liquidity and a National Balance Sheet, The Journal of Political Economy, Vol. 57, 1949, S. 506–522; wiederabgedruckt in dem Band: Rea- 190 VI. Die Liquidität

Chapter Preview

References

Zusammenfassung

Der Klassiker zur Geldtheorie.

Das Lehrbuch zur Geldtheorie

ist eines der erfolgreichsten Bücher dieser Art. Dem Autor Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Otmar Issing, ehemals Direktoriumsmitglied der Europäischen Zentralbank und »Vater des Euro«, gelingt es hervorragend, den aktuellen Stand der modernen Geldtheorie einfach und konzentriert darzustellen. Der Band gibt den Studenten eine hilfreiche Orientierung in der Diskussion zwischen Keynesianern, Monetaristen und Liquiditätstheoretikern.

Geldtheorie aktuell

Die Neuauflage enthält unter anderem Ausführungen zu

* den wichtigsten Entwicklungen der Kreditmarkttheorie

* dem Einfluss der Finanzmarktkrise auf den Geldmarkt und

* dem Zusammenhang von Finanzmarktkrise und Liquidität.

Im Überblick

* Das Geld

* Die Nachfrage nach Geld

* Das Geldangebot

* Zinstheorie

* Geldmenge, monetäre Nachfrage, Preisniveau und Beschäftigung

* Die Liquidität

* Inflationstheorie