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4. Bestimmungsfaktoren des Liquiditätsgrades der Geldsubstitute in:

Otmar Issing

Einführung in die Geldtheorie, page 192 - 195

15. Edition 2011, ISBN print: 978-3-8006-3810-9, ISBN online: 978-3-8006-4315-8, https://doi.org/10.15358/9783800643158_192

Series: Vahlens Kurzlehrbücher

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geschaffen, und zwar je nach Bedarf, d.h. nach den Veränderungen der Wirtschaftstätigkeit; eine Begrenzung des Umlaufs an Münzen und Noten der Bank von England sei aus diesem Grunde keine geeignete Maßnahme zur Regulierung der Wirtschaftstätigkeit. 4. Bestimmungsfaktoren des Liquiditätsgrades der Geldsubstitute Neben Geld sind unter bestimmten Voraussetzungen auch andere Aktiva geeignet, das Liquiditätsbedürfnis der Wirtschaftssubjekte zu befriedigen; deshalb werden sie Geldsubstitute („near money‘‘) genannt. Unter dem Liquiditätsgrad der Geldsubstitute versteht man das Ausmaß dieser Eignung. Der Liquiditätsgrad ist nicht nur zwischen den einzelnen Geldsubstituten verschieden, sondern auch bei jedem einzelnen Aktivum Schwankungen unterworfen. Wie verschiedentlich schon hervorgehoben, bestimmt sich der Liquidtätsgrad der Geldsubstitute nach deren Geldnähe. Je leichter sich ein Aktivum in Geld verwandeln lässt, desto größer ist sein Liquiditätsgrad. Den höchsten Liquiditätsgrad weisen nach dem Geld damit Aktiva auf, die jederzeit von der Notenbank angekauft, monetisiert werden. Ist die Notenbank beispielsweise prinzipiell bereit, jede beliebige Menge an Wechseln anzukaufen, sind derartige Wechsel „so gut wie Geld“. Ein ähnlicher Fall ist gegeben, wenn die Notenbank zum unbegrenzten Ankauf von Schatzwechseln des Staates verpflichtet ist. Finanziert der Staat ein Haushaltsdefizit durch die Ausgabe solcher Schatzwechsel, erhält er dadurch zusätzliche Gelder; andererseits wird die Liquidität der Käufer dieser Papiere nicht beeinträchtigt, da man sie jederzeit an die Notenbank verkaufen kann. Die Gesamtliquidität einer Volkswirtschaft steigt also bei einer Zunahme und sinkt bei einer Abnahme des Umlaufs solcher Papiere. Bei Wertpapieren, die keine derartige „Monetisierungsgarantie“ der Notenbank tragen, hängt der Liquiditätsgrad von der Bereitschaft privater Akteure ab, derartige Papiere zu erwerben; maßgeblich hierfür ist die sogenannte „Marktliquidität“. Der Markt wird eine hohe Liquidität aufweisen, wenn eine Vielzahl an Käufern und Verkäufern, die ähnliche Informationen besitzen, bereit sind in dem Wertpapier zu handeln. Marktliquidität wird, in der Regel, an drei Dimensionen festgemacht: a) An der Marktenge, d.h. wie weit einzelne Handelspreise vom Marktdurchschnittspreis abweichen, b) an der Markttiefe, d.h. ab welchem Handelsvolumen Preisbewegungen am Markt ausgelöst werden c) und an der Marktelastizität, d.h. wie schnell handelsbedingte Preisschwankungen abgebaut werden. Die Marktliquidität hängt insbesondere von der bertragbarkeit (Marktfähigkeit) der gehandelten Vermögenswerten ab. Als homogene Vermögenswerte zeichnen sich Wertpapiere durch eine hohe Marktfähigkeit aus und besitzen damit einen höheren liquiditätsgrad als unverbriefte Forderungen. Diese verfügen daher nur über eine geringe Marktfähigkeit oder sind überhaupt nicht übertragbar. Darüber hinaus wird der Liquiditätsgrad auch durch die Transaktionskosten beeinflusst, die der Vekauf eines Vermögensgutes verursacht. Bei immateriellen Gütern – wie beispielsweise Wertpapieren – fallen normalerweise weniger Transaktionskosten an als bei Gütern, die bei Veräußerung physisch bewegt werden, wie etwa 4. Bestimmungsfaktoren des Liquiditätsgrades der Geldsubstitute 185 Warenlager. Die Höhe der Transaktionskosten hängt auch von der Mikrostruktur des Marktes ab, die unter anderem von administrativen Regelungen und der Besteuerung bestimmt wird. Das Kursrisiko von Wertpapieren wird vor allem durch ihre Laufzeit bestimmt. Kurzfristige Wertpapiere werden schneller fällig, d. h. der feststehende Einlösungskurs wird eher erreicht als bei Wertpapieren mit längerer Laufzeit; das Ausmaß der Kursschwankungen ist folglich bei kurzfristigen Papieren geringer als bei langfristigen. Kurzfristige Papiere besitzen daher im Allgemeinen einen höheren Liquiditätsgrad als langfristige Wertpapiere. Allerdings kann die Markttiefe dem prinzipiell geringeren Liquiditätsgrad längerfristiger Wertpapiere entgegenwirken. Schließlich nimmt die Liquidität von Forderungen mit zunehmender Unsicherheit über den Liquiditätserlös ab. Neben Kursrisiken bei Wertpapieren und Preisrisiken bei Waren, Rohstoffen oder Immobilien können im Falle von Kreditforderungen auch Bonitätsrisiken eine Rolle spielen. In dem Maße, wie diese Risiken von gesamtwirtschaftlichen Entwicklungen – wie etwa dem Konjunkturzyklus – abhängen, ist folglich auch der Liquiditätsstatus der Wirtschaft vom ökonomischen Umfeld und der Finanzmarktentwicklung abhängig. So besitzen Warenlager in Zeiten der Hochkonjunktur im Allgemeinen einen hohen Liquiditätsgrad, da die Absatzchancen günstig sind; in Zeiten des Konjunkturabschwunges sinkt dagegen der Liquiditätsgrad von Warenlägern im Extremfall bis auf Null, und zwar dann, wenn diese Produkte faktisch unverkäuflich werden. Auch der Liquiditätsgrad nichtverbriefter Forderungen an Unternehmenm z.B. von Lieferantenkrediten, hängt entscheidend von der jeweiligen Konjunkturlage ab. So steigen im Konjunkturaufschwung die Absatzmöglichkeiten; die Gefahr dass Kreditnehmer illiquide werden, wird im Allgemeinen geringer. Damit steigt die Bereitschaft zur Kreditgewährung; aus der Sicht der Unternehmen vergrößert sich die Verschuldungsmöglichkeit, d.h. es wird leichter sein, Kredite zu erhalten. Da die Möglichkeit, Kredite zu erhalten, ebenfalls unter Liquiditätsgesichtspunkten zu berücksichtigen ist, steigt also auch aus diesem Grunde die Liquidität der Wirtschaft. Die Kreditgewährung an solvente Schuldner verringert die Liquidität der Kreditgeber um weniger als die Liquidität der Schuldner steigt. Sobald jedoch erste Anzeichen für einen Wandel der Konjunktur registriert werden, kann sich diese Situation schnell ändern. Auftragsrückgänge und Absatzstokkungen können Zweifel an der Bonität der einen oder anderen Forderung wach werden lassen. Diese verringerte Bonität bringt eine Verringerung des Liquiditätgrades der Forderungen mit sich, der liquiditätsmässige „Abstand“ zwischen Forderungen und Geld vergrössert sich. Die Absicht der Kreditgeber, diese Verschlechterung ihrer Liquiditätsposition durch einen Verkauf der Forderungen bzw. durch ein Drängen auf Rückzahlung der Kredite zu verhindern, stößt auf umso größere Schwierigkeiten, je mehr sich dieses Bestreben ausbreitet. Einzelne Forderungen werden illiquide, ihr Liquiditätsgrad sinkt auf Null. Da gleichzeitig die Möglichkeit der Kreditaufnahme allein schon wegen der verringerten Bonität der eigenen Position schlechter geworden ist, lässt sich die Liquiditätsposition nur verbessern, indem die Ausgaben reduziert werden. Die Verschlechterung der gesamtwirtschaftlichen Liquidität führt also zu einer erhöhten Nachfrage nach Geld, der Wunsch, Geldsubstitute durch Geld zu ersetzen, nimmt zu. Dieser Wunsch lässt sich bei gegebener Geldmenge nur über einen Rückgang der monetären Nachfrage realisieren. 186 VI. Die Liquidität In modernen Finanzsystemen ist eine gegenseitige Beeinflussung zwischen der Liquidität von Wertpapiermärkten und der Liquidität institutioneller Finanzmarktteilnehmer zu beobachten. Findet beispielsweise eine Verknappung der Kreditgewährung zwischen institutionellen Finanzmarktteilnehmern, wie z.B. Versicherungen, Banken und Investmentfonds, statt, werden diese Akteure in ihrem Anlageverhalten vorsichtiger und damit zurückhaltender im Eingehen von risikoreichen beziehungsweise wenig liquiden Anlagen. Dadurch verringert sich die Nachfrage nach solchen Anlageinstrumenten und der Markt für derartige Forderungen büßt an Liquidität ein. Damit wird die Preisentwicklung volatiler, die Anlage in solchen Instrumenten wird risikoreicher. Die Marktteilnehmer erleiden auf die bisher gehaltenen Wertpapiere Verluste und müssen deshalb für die Zukunft größere Sicherheitspuffer gegen adverse Preisentwicklungen vorhalten. Sie verlieren an Liquidität und gelten als risikoreichere Schuldner. Diese Entwicklung erschwert die erforderliche Finanzierung ihres vergrösserten Pufferbedarfes. Damit werden weitere Anpassungen notwendig, man kann deshalb von einer Liquiditätsspirale sprechen. Umgekehrt führt eine Verbesserung der Finanzierungsmöglichkeiten für die institutionelle Finanzmarktteilnehmer zu einer Erhöhung der Marktliquidität, verringerten Risikoprämien, geringerem Sicherheitspuffer und einer sich selbst verstärkenden Entwicklung. Die Liquiditätsspirale beschreibt einen möglichen Wirkungszusammenhang zwischen der Liquidität als Eigenschaft von Wirtschaftssubjeketen und der Liquidität als Eigenschaft von Vermögensobjekten. Verknappung der Kreditgewährung an Finanzmarktteilnehmer Niedrigere Marktliquidität Verringerte Handelsaktivität Anstieg der Risikoprämien/ Grössere Verluste auf Aktiva Abb. VI.2 Die Liquiditätspirale bietet auch einen Erklärungsrahmen für die Beobachtung eines plötzlichen Austrocknens bestimmter Wertpapiermarktsegmente. Kleine Veränderungen in den Marktpreisen für bestimmte Wertpapiere können, bei einer stark von Kreditaufnahme geprägten Finanzierungsstruktur der Teilnehmer an diesem Markt, zu einem hohen Anpassungsbedarf in den Portfolios führen und den Rückzug der entsprechenden Teilnehmer aus dem Handel mit diesen Wertpapieren zur Folge ha- 4. Bestimmungsfaktoren des Liquiditätsgrades der Geldsubstitute 187 ben. Dadurch wird der Marktausgleich zwischen Angebot und Nachfrage erschwert, mit der Folge dass volatile Preisanpassungen stattfinden und im schlimmsten Fall der Markt plötzlich zusammenbricht. Eine derartig destabilisierende Entwicklung kann sich vor allem dann entfalten, wenn die Marktteilnehmer hinsichtlich ihres Informationsstandes und ihrer Verhaltensweise ähnlich reagieren. Insofern können beispielsweise Risikosteuerungsmechanismen, die auf einzelwirtschaftlicher Ebene risikomindernd wirken, auf gesamtwirtschaftlicher Ebene zu einer Beschleunigung und Verstärkung der Anpassungenprozesse führen und somit das Risiko erhöhen. 5. Geldsubstitute und Geldnachfrage Wie oben dargestellt wurde, können geldnahe Aktiva (near money) unter bestimmten Voraussetzungen das Liquiditätsbedürfnis der Wirtschaftssubjekte befriedigen: Inaktives Geld wird durch Geldsubstitute ersetzt und kann durch die Tätigkeit der Kreditvermittler und die anderen bereits beschriebenen Vorgänge zu anderen Wirtschaftssubjekten geleitet werden, die Geld als Zahlungsmittel benötigen. Sofern also die near monies Geld, das aus Liquiditätsgründen gehalten wird, substituieren, geht die Geldnachfrage der betreffenden Wirtschaftseinheiten zurück. In Abb. VI.3 charakterisiert die Geldnachfrage MD0 eine Situation, in der im Sinne der Keynesschen Annahme festverzinsliche Wertpapiere die einzige liquide Alternative zur Kassenhaltung bieten. Die Kurve MS gibt das Geldangebot wieder; der Geldmarkt befindet sich beim Zins i0 im Gleichgewicht. Werden jetzt etwa durch die Kreditvermittler Geldsubstitute geschaffen, die von den Wirtschaftssubjekten als eine Anlage angesehen werden, die dem Liquiditätsbedürfnis Rechnung trägt, dann werden solche Aktiva gekauft. Als Folge dieser Substitution von Geld durch near monies geht die Geldnachfrage zurück; in Abb. VI.3 verschiebt sich die Geldnachfragekurve im Ausmaß der an die Kreditvermittler übertragenen (inaktiven) Kassenbestände (BA) parallel nach links (MD1); bei unverändert gegebenem Geldangebot sinkt der Zins auf i1. 0 B A MD, MS i i0 i1 MD2 MD0MD1 MS Abb. VI.3 Diese durch den Erwerb der Geldsubstitute hervorgerufene und von der Zinshöhe unabhängige Verminderung der Geldnachfrage bezeichnet man auch als Reduktionseffekt. Eine derartige Parallelverschiebung der Geldnachfrage bringt eine als gegeben 188 VI. Die Liquidität

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References

Zusammenfassung

Der Klassiker zur Geldtheorie.

Das Lehrbuch zur Geldtheorie

ist eines der erfolgreichsten Bücher dieser Art. Dem Autor Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Otmar Issing, ehemals Direktoriumsmitglied der Europäischen Zentralbank und »Vater des Euro«, gelingt es hervorragend, den aktuellen Stand der modernen Geldtheorie einfach und konzentriert darzustellen. Der Band gibt den Studenten eine hilfreiche Orientierung in der Diskussion zwischen Keynesianern, Monetaristen und Liquiditätstheoretikern.

Geldtheorie aktuell

Die Neuauflage enthält unter anderem Ausführungen zu

* den wichtigsten Entwicklungen der Kreditmarkttheorie

* dem Einfluss der Finanzmarktkrise auf den Geldmarkt und

* dem Zusammenhang von Finanzmarktkrise und Liquidität.

Im Überblick

* Das Geld

* Die Nachfrage nach Geld

* Das Geldangebot

* Zinstheorie

* Geldmenge, monetäre Nachfrage, Preisniveau und Beschäftigung

* Die Liquidität

* Inflationstheorie