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3. Die Neuformulierung der Quantitätstheorie in:

Otmar Issing

Einführung in die Geldtheorie, page 151 - 158

15. Edition 2011, ISBN print: 978-3-8006-3810-9, ISBN online: 978-3-8006-4315-8, https://doi.org/10.15358/9783800643158_151

Series: Vahlens Kurzlehrbücher

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(2) Selbst wenn aber eine Geldmengenerhöhung zu einem Anstieg der monetären Gesamtnachfrage führt, hängt es ganz von der Ausgangslage der Volkswirtschaft ab, ob das Preisniveau steigt oder nicht. Herrscht etwa Massenarbeitslosigkeit und können die Unternehmer ihr Angebot zu konstanten Preisen ausdehnen, so bewirkt eine Erhöhung der Nachfrage eine Steigerung der Produktion und damit des realen Volkseinkommens, ohne dass es zu Preissteigerungen kommen müsste. Je mehr sich dagegen eine Volkswirtschaft dem Zustand der Vollbeschäftigung nähert, umso mehr sinken die Möglichkeiten der Produktionsausdehnung, umso stärker machen sich also Preissteigerungen geltend, bis schließlich im Zustand der Vollbeschäftigung und vollen Kapazitätsauslastung jede Erhöhung der monetären Nachfrage nur noch zu Preissteigerungen führt. (3) Die Quantitätstheorie geht von einem einseitigen Einfluss der Geldmenge auf das Preisniveau aus. Umgekehrt wäre es jedoch auch denkbar, dass die Steigerung der Wirtschaftstätigkeit im Sinne der Banking-Theorie eine Zunahme der Geldmenge bewirkt; die Kausalität verliefe dann im Gegensatz zur Aussage der Quantitätstheorie gerade umgekehrt. (4) Schließlich behauptet die Quantitätstheorie einen Zusammenhang zwischen Geldmenge und Preisniveau, ohne näher zu erklären, über welchen Prozess die Geldmenge das Preisniveau beeinflusst; sie kann diese Erklärung auch gar nicht liefern! Das Preisniveau ist als Durchschnitt der Preise der einzelnen Güter ermittelt; entscheidend sind somit diese einzelnen Preise. Wie aber die Preistheorie lehrt, ändern sich die Einzelpreise nur, wenn sich auf der Angebots- oder Nachfrageseite Verschiebungen ergeben. Dies setzt jedoch wiederum Änderungen in den Dispositionen der einzelnen Wirtschaftssubjekte voraus. Die Quantitätstheorie müsste daher nachweisen, wie eine Erhöhung der Geldmenge zu einer Änderung in den individuellen Dispositionen der Anbieter und/oder Nachfrager führt. Die Quantitätstheorie operiert jedoch mit makroökonomischen Globalgrößen und zeigt keinen Weg von diesen Aggregaten zu den Entscheidungen der einzelnen Wirtschaftssubjekte. 3. Die Neuformulierung der Quantitätstheorie Auf Grund dieser Einwände schien die Quantitätstheorie ein für allemal widerlegt zu sein, bis M. Friedman eine neue Variante präsentierte, welche die beschriebenen Schwächen der älteren Fassungen zu vermeiden versucht. Diese Neo-Quantitätstheorie wird heute in mehr oder minder modifizierter Form von zahlreichen Geldtheoretikern vertreten, den sog. Monetaristen. Zwei Elemente bestimmen im Wesentlichen die Position Friedmans. Zum einen bietet er eine Erklärung des Prozesses an (sog. Transmissionsmechanismus), über den die Geldmenge das Preisniveau beeinflusst. Zum anderen stützt er seine Hypothese auf umfangreiche empirische Studien. a) Der Transmissionsmechanismus Friedman unterscheidet zunächst zwischen der nominalen und der realen Geldmenge; die reale Geldmenge (MR) erhält man, indem man die nominale Geldmenge (M) mit dem Preisniveau „deflationiert‘‘. 144 V. Geldmenge, monetäre Nachfrage, Preisniveau und Beschäftigung (13) MR Ë MP : Die Erklärung der Höhe der nominalen Geldmenge ist Aufgabe der Geldangebotstheorie; für die Verhältnisse in den USA kommt Friedman zu dem Ergebnis, dass die nominale Geldmenge im Wesentlichen durch die Notenbank determiniert ist. Der Wert der realen Geldmenge wird dagegen durch die Wirtschaftssubjekte bestimmt. Diese wünschen (bei gegebenem Realeinkommen) eine bestimmte reale Kasse zu halten. Mit der Entscheidung über die Höhe der gewünschten realen Kassenhaltung entscheiden sie gleichzeitig über die von ihnen gewünschten Ausgaben und bestimmen dadurch bei gegebenem Güterangebot die Höhe des Preisniveaus. Aus der Definition der realen Geldmenge (13) ergibt sich, dass die Wirtschaftssubjekte bei gegebener nominaler Geldmenge damit auch die Höhe der realen Geldmenge bestimmen; die Höhe der realen Geldmenge muss daher durch die Geldnachfragetheorie erklärt werden. Handeln die Wirtschaftssubjekte frei von Geldillusion, orientieren sie sich in ihrer Geldnachfrage an der realen Kassenhaltung. Im Rahmen seiner Untersuchungen zur Quantitätstheorie geht Friedman von der aus dem II. Kapitel bekannten Geldnachfragefunktion aus. Um den hier relevanten Sachverhalt zu verdeutlichen, sei folgende Funktion der Geldnachfrage unterstellt, die ebenfalls von Friedman entwickelt und in etwas anderer Form bereits diskutiert wurde: (14) MD NP Ë f Y NP : Nach (14) ist die gewünschte reale Kassenhaltung pro Kopf der Bevölkerung MD/ NP eine Funktion des realen Pro-Kopf-Einkommens. Damit ist zunächst einmal dem oben unter (2) genannten Einwand Rechnung getragen, indem neben der Bevölkerungsentwicklung auch Veränderungen des Realeinkommens ausdrücklich berücksichtigt werden. Entspricht nun bei gegebenem Preisniveau die tatsächliche reale Geldmenge der von den Wirtschaftssubjekten nach (14) gewünschten realen Kassenhaltung, herrscht monetäres Gleichgewicht. Erhöht z.B. die Notenbank die Geldmenge, ist dieses Gleichgewicht gestört, die tatsächliche Kassenhaltung ist gestiegen und liegt, wenn sonst keine Veränderungen eingetreten sind, über der gewünschten. Die Wirtschaftssubjekte werden nun versuchen, die „überschüssige‘‘ Kassenhaltung abzubauen, indem sie ihre Ausgaben erhöhen. Je nach der gesamtwirtschaftlichen Situation steigen als Folge der zusätzlichen Güternachfrage die Preise und/oder die produzierten Mengen. Steigt die Produktion und damit das reale Volkseinkommen, so erhöht sich die gewünschte reale Kassenhaltung; resultieren aus der Zunahme der Nachfrage Preissteigerungen, vermindert sich der Realwert der (gegebenen) nominalen Geldmenge. In beiden Fällen wird damit ein Anpassungsprozess ausgelöst, der schließlich wieder zu einem Gleichgewicht, d.h. zur Übereinstimmung zwischen tatsächlicher realer Geldmenge und gewünschter realer Kassenhaltung, führt. Entspricht die reale Kassenhaltung den Vorstellungen der Wirtschaftssubjekte und reduziert die Notenbank die nominale Geldmenge, vermindern die Wirtschaftssubjekte ihre Ausgaben, um die reale Kassenhaltung wieder auf die gewünschte Höhe zu bringen. Dies wird dadurch erreicht, dass die Preise sinken und sich so der Realwert der jetzt gegebenen nominalen Geldmenge erhöht oder indem ein Rückgang des Realeinkommens die Höhe der gewünschten Realkasse reduziert. 3. Die Neuformulierung der Quantitätstheorie 145 Während also Friedman die nominale Geldmenge als eine exogene Größe betrachtet, die durch die Notenbankpolitik bestimmt ist, versteht er die reale Geldmenge als eine endogene Größe, die aus dem Wirtschaftsprozess heraus zu erklären ist. Prinzipiell können die Wirtschaftssubjekte durch ihre Entscheidungen über reale Kassenhaltung und Ausgaben bei gegebener nominaler Geldmenge der realen Geldmenge jede beliebige Höhe geben. Der Einzelne orientiert seine reale Geldnachfrage also an den für ihn als Individuum gegebenen Größen Nominaleinkommen und Güterpreise; das Verhalten einer Vielzahl von Wirtschaftssubjekten verändert dagegen Gütermengen bzw. Preise. Mengen und Preise passen sich nach dieser Auffassung aus gesamtwirtschaftlicher Sicht der Geldmenge an. Den Zusammenhang zwischen Änderungen im monetären Bereich und deren Wirkung auf den realen Sektor sowie das Preisniveau bezeichnet man als Transmissionsmechanismus. Das Problem, auf welchem Wege, mit welcher Schnelligkeit bzw. Verzögerung und mit welcher Intensität monetäre Impulse, wie etwa eine Zinssenkung oder Geldmengenerhöhung, auf gesamtwirtschaftliche Zielgrößen wie Beschäftigung oder Preisniveau wirken, spielt vor allem im Rahmen geldpolitischer Fragestellungen eine zentrale Rolle. Aufgabe der Geldtheorie ist es, die entscheidenden Zusammenhänge aufzudecken, m.a.W. fundierte Aussagen über die „Geldwirkungen‘‘ zu entwickeln. Mit der oben dargestellten Erklärung über den Prozess, in dem sich Erhöhungen der Geldmenge in einem Anstieg des realen Volkseinkommens und/oder des Preisniveaus niederschlagen, liefert die Neo-Quantitätstheorie eine Hypothese über den Transmissionsmechanismus monetärer Impulse. Ausgehend von dem bereits diskutierten vermögenstheoretischen Ansatz zur Bestimmung der Geldnachfrage hat zudem mit der Theorie der relativen Preise ein anderer Versuch zur Erklärung des Transmissionsmechanismus weite Verbreitung erlangt; als Hauptvertreter dieser Hypothese, die bereits im Werke von J. M. Keynes vorgezeichnet ist, kann heute neben M. Friedman K. Brunner gelten. Die Theorie der relativen Preise geht von der Auffassung aus, dass die Wirtschaftssubjekte die Höhe der gewünschten realen Kassenhaltung im Rahmen einer Entscheidung über die Zusammensetzung ihres gesamten Vermögens bestimmen. Sie haben die optimale Vermögensstruktur realisiert, wenn sie unter Abwägung von Kosten und Erträgen alternativer Verwendungsmöglichkeiten ihr Gesamtvermögen so auf die ihnen offen stehenden Anlagearten verteilt haben, dass sich ein Nutzen- bzw. Ertragsmaximum ergibt. Unter die möglichen Anlagearten zählen alle Vermögensobjekte, neben den finanziellen Aktiva wie Kasse, Sparguthaben, Wertpapiere also auch langlebige Konsumgüter und Realkapital. Die optimale Vermögensstruktur, d.h. das Vermögensgleichgewicht ist dann gegeben, wenn – in Analogie zum zweiten Gossenschen Gesetz – die relativen Grenznutzen bzw. Grenzerträge, die jeweils durch den Quotienten Grenznutzen zum Preis des betreffenden Aktivums ermittelt werden, bei allen Anlagearten gleich sind. Herrscht in einer bestimmten Situation in der gesamten Volkswirtschaft Gleichgewicht in dem dargestellten Sinne, so zerstört eine Änderung der Geldmenge dieses Gleichgewicht und löst gleichzeitig Anpassungsprozesse in Richtung auf ein neues Gleichgewicht aus. Wird z.B. die Geldmenge erhöht, so sinkt der Grenznutzen der Kassenhaltung im Vergleich zum Grenznutzen bei allen anderen Aktiva, bei denen der Bestand unverändert ist. Die Wirtschaftssubjekte werden daher versuchen, die unerwünschte Kassenhaltung abzubauen, indem sie andere Aktiva zusätzlich nach- 146 V. Geldmenge, monetäre Nachfrage, Preisniveau und Beschäftigung fragen. Auf diese Weise steigen die Kurse der Wertpapiere, womit der Zins sinkt; bei den Aktiva des realen Bereichs, also Konsum- und Kapitalgütern, hängt es von der Ausgangssituation der Wirtschaft ab, ob die zusätzliche Nachfrage Preissteigerungen auslöst oder nicht. Ein neues Gleichgewicht ist jedenfalls dann erreicht, wenn alle Aktiva in der Einschätzung ihres Besitzers die gleichen relativen Grenznutzen bzw. Grenzerträge aufweisen, die Vermögensstruktur also wieder als optimal angesehen wird. Als Argument für die Aussage der Quantitätstheorie lässt sich diese Erklärung des Anpassungsprozesses über die relativen Preise jedoch nur nutzen, wenn sich Veränderungen der Geldmenge bzw. der Geldmenge pro Produktionseinheit (vorwiegend) in einem Anstieg des Preisniveaus auswirken. Die Theorie der relativen Preise bietet eine Erklärung dafür an, auf welche Weise von Änderungen der Geldmenge Einflüsse auf die realen Größen und das Preisniveau ausgehen; damit wird eine Lücke geschlossen, die von den Kritikern der orthodoxen Quantitätstheorie mit Recht moniert wurde. Die quantitätstheoretische Argumentation bedarf aber zusätzlicher Hypothesen über den Ablauf dieses Prozesses. Friedman gründet seine Auffassung auf die Behauptung, dass das Geldangebot im Wesentlichen durch die Notenbank bestimmt ist, und auf seine empirischen Untersuchungen zu den Determinanten der Geldnachfrage. b) Die empirischen Ergebnisse Die entscheidende Frage bleibt nach den bisherigen Erörterungen noch ungeklärt, nämlich die Frage nach dem Verhalten der Umlaufsgeschwindigkeit bzw. Kreislaufgeschwindigkeit des Geldes im Zeitablauf; ist diese größeren Veränderungen unterworfen, wird die Quantitätstheorie in ihrer entscheidenden Annahme widerlegt. Friedman hat diese Frage zusammen mit Schwartz für die USA und den Zeitraum 1870–1960 untersucht. Dabei sind sie zu dem Ergebnis gekommen, dass die Relation Volkseinkommen zu Geldmenge, also die Einkommensgeschwindigkeit des Geldes zwar nicht konstant geblieben ist, dass sie jedoch als stabile Funktion einiger weniger Variablen erklärt werden kann, wobei zwischen der langfristigen und der kurzfristigen Entwicklung zu unterscheiden ist. Friedman und Schwartz haben festgestellt, dass die Einkommensgeschwindigkeit in säkularer Sicht abgenommen hat. (Um den Einfluss der Bevölkerungsvermehrung auszuschalten, wird auf die reale Geldmenge pro Kopf der Bevölkerung abgestellt.) Sie erklären diesen Trend mit der sog. Luxusguthypothese des Geldes. Nach Friedman wird das Halten von Kasse als eine Art „Luxus‘‘ betrachtet; Geld wird demnach wie ein dauerhaftes Konsumgut nachgefragt. Mit der Steigerung der Realeinkommen kann man sich mehr Luxus dieser Art „leisten‘‘, die reale Kassenhaltung steigt daher überproportional zum Realeinkommen. Während in säkularer Sicht die Einkommensgeschwindigkeit des Geldes (nach Friedman/Schwartz) mit steigendem Realeinkommen abnimmt, zeigt sich kurzfristig, d.h. im konjunkturellen Ablauf folgende Entwicklung: Im Konjunkturaufschwung, also bei steigendem Einkommen, nimmt die Einkommensgeschwindigkeit zu; wenn dagegen im Laufe eines Konjunkturabschwunges das Einkommen abnimmt (bzw. die Zuwachsrate zurückgeht), sinkt die Einkommensgeschwindigkeit des Geldes. Da Friedman Geld als dauerhaftes Konsumgut ansieht, das wegen der von ihm zu leistenden Dienste gehalten wird, kann er zur Erklärung dieses Sachverhaltes auf eine 3. Die Neuformulierung der Quantitätstheorie 147 Hypothese zurückgreifen, die er bereits früher im Rahmen der Konsumtheorie entwickelt hatte. Danach orientieren die Haushalte ihre Konsumgüternachfrage nicht am jeweiligen tatsächlichen, dem „statistischen‘‘ Einkommen, sondern an der Einkommenshöhe, die sie als dauerhaft ansehen (sog. permanent income). Dieses dauerhafte Einkommen lässt sich nicht direkt beobachten; Friedman geht daher von einem Durchschnittswert aus, der nach einem bestimmten Gewichtungsverfahren aus den Jahreswerten des statistischen Volkseinkommens während eines Konjunkturzyklus gebildet wird. Das permanent income liegt infolgedessen in den Jahren der konjunkturellen Expansion unter, in den Zeiten des Konjunkturabschwungs über dem jeweiligen statistischen Einkommen. Geht man nun von der Annahme aus, dass die Wirtschaftssubjekte ihre Geldnachfrage am permanenten Einkommen (YP) orientieren und die tatsächliche Kassenhaltung der gewünschten entspricht, so bleibt der Quotient YP/M, d.h. die permanente Einkommensgeschwindigkeit, im Konjunkturverlauf weitgehend konstant, während die als Quotient aus dem statistischen Volkseinkommen und der Geldmenge ermittelte Einkommensgeschwindigkeit Y/M den genannten konjunkturellen Schwankungen unterliegt. Als wichtigste Ergebnisse dieser und ähnlicher Studien der gleichen „Schule‘‘ kann man festhalten: (1) Es bestehen eindeutige Zusammenhänge zwischen wesentlichen Änderungen der Geldmenge und des Preisniveaus. Friedman verweist darauf, dass ihm kein Beispiel, gleich aus welchem Land oder welcher Periode, bekannt sei, in dem eine wesentliche Änderung der Geldmenge pro Produkteinheit ohne eine wesentliche Änderung des Preisniveaus in der gleichen Richtung eingetreten sei, wie auch umgekehrt jede wesentliche Änderung des Preisniveaus von einer gleichgerichteten wesentlichen Änderung der Geldmenge pro Produkteinheit begleitet war. Die Steigerung der Geldmenge pro Produkteinheit hat also längerfristig immer auf die Preise „durchgeschlagen‘‘, die Einkommensgeschwindigkeit hat diesen Einfluss nicht durch gegenläufige Bewegungen verhindert. (2) Solange die Rate der Preisänderungen pro Jahr gering bleibt, hat dies auf die Einkommensgeschwindigkeit des Geldes keinen merklichen Einfluss. In Zeiten extremer Preissteigerungen bzw. -senkungen wird dieser Einfluss jedoch eklatant. So stieg etwa in Zeiten der Hyperinflation die Einkommensgeschwindigkeit außerordentlich. (3) Die Stabilität der Geldnachfrage schließt einen erheblichen Einfluss des Zinses auf die Geldnachfrage und damit auf die Einkommensgeschwindigkeit aus. Die Keynessche These von der Möglichkeit einer unendlichen Zinselastizität der Geldnachfrage verweist Friedman in den Rang einer „theoretischen Kuriosität‘‘. Immerhin bleibt in der Erklärung der konjunkturellen Schwankungen der Einkommensgeschwindigkeit durch Friedman eine Residualkomponente, die einen Einfluss des Zinses zumindest nahelegt. Soweit ein solcher Einfluss des Zinses auf die Geldnachfrage und damit die Einkommensgeschwindigkeit vonseiten der Quantitätstheoretiker nicht prinzipiell verneint und vonseiten der Keynesianer die Liquiditätsfalle als ein für die Realität unbedeutender theoretischer Sonderfall bezeichnet wird, sind zumindest die extremen Gegenpositionen ausgeräumt. In den USA hat sich nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges der von Friedman/ Schwartz beobachtete säkulare Trend nicht fortgesetzt, die Umlaufsgeschwindigkeit 148 V. Geldmenge, monetäre Nachfrage, Preisniveau und Beschäftigung (Kreislaufgeschwindigkeit) ist vielmehr wieder angestiegen, zwischen 1946 und 1981 nahm die Umlaufsgeschwindigkeit (für M1) ziemlich stetig zu. Danach brach diese Entwicklung abrupt ab, die Umlaufsgeschwindigkeit ist deutlich gesunken; als Ursache wird vor allem auf den Einfluss der in dieser Zeit aufgetretenen Finanzinnovationen verwiesen, die zu einem Strukturbruch im zeitlichen Verlauf geführt haben. Dem Trend in der Einkommensgeschwindigkeit kommt für das Euro-Währungsgebiet eine bedeutende Rolle zu, handelt es sich dabei doch um eine der Schlüsselgrö- ßen bei der Ableitung des sog. „Referenzwertes“ im Rahmen der geldpolitischen Strategie der Europäischen Zentralbank. In ihren Untersuchungen stellt die Europäische Zentralbank für einen Zeitraum von 1980 bis 2002 im Durchschnitt eine Verringerung der Einkommensumlaufsgeschwindigkeit des Geldmengenaggregates M3 von knapp 1% p.a. auf der Basis einfacher Trendschätzungen fest (siehe Abb. V.1). Dabei gilt es nach dem Urteil der Europäischen Zentralbank jedoch zu beachten, Trend der Umlaufsgeschwindigkeit von M3 für das Euro-Währungsgebiet 1980 85 90 95 00 05 2010 0,9 1,0 1,1 1,2 1,3 1,4 1,5 1,6 log. Maßstab Tatsächliche Umlaufsgeschwindigkeit Trend der Umlaufsgeschwindigkeit (1980-2002) Trend der Umlaufsgeschwindigkeit (1992-2002) Quelle: EZB-Berechnungen. Abb. V.1 dass der Rückgang der nominalen Zinsen und Inflationsraten im europäischen Währungsgebiet die Verringerung der Umlaufsgeschwindigkeit vermutlich in erheblichem Ausmaß begünstigt haben dürfte. Da mittlerweile sowohl Zinsen als auch die Preissteigerungsraten einen Stand erreicht haben, der mit Preisstabilität vereinbar ist, kann keineswegs vereinfachend mit einer Fortsetzung dieser Rate in der Zukunft ge- 3. Die Neuformulierung der Quantitätstheorie 149 rechnet werden, da in diesem Fall Zinsen und Inflation als erklärende Variablen eingehen. Verfügbare Modelle für die Geldnachfrage (vgl. Kapitel II) bestätigen einen mittelfristigen Rückgang in der Umlaufsgeschwindigkeit in einer Größenordnung von 1/2% bis 1% im Vorjahresvergleich. Im Rückgang der Einkommensgeschwindigkeit spiegelt sich eine Einkommenselastizität der langfristigen Geldnachfrage von M3 wider, die den Wert von Eins signifikant übersteigt. Mehrere Faktoren könnten zu diesem Resultat beitragen. Zum einen die Tatsache, dass (Friedman zufolge) Geld den Charakter eines Luxusgutes hat. Zum andern ist denkbar, dass sich in diesem Ergebnis der Einfluss der Schattenwirtschaft widerspiegelt; ihre Transaktionen werden in nicht unerheblichem Ausmaß in Bargeld abgewickelt, während ihre Aktivitäten nicht gleichermaßen im Inlandsprodukt erfasst werden. Auch eine fortschreitende Intensivierung der Arbeitsteilung mit der Folge, dass das Transaktionsvolumen schneller steigt als das Inlandsprodukt, mag zu diesem Ergebnis beigetragen haben. Schließlich muss darauf verwiesen werden, dass weite Geldmengenaggregate in der Regel auch Komponenten mit einschlie- ßen, die Vermögenscharakter besitzen. Das Inlandsprodukt als Determinante der Geldnachfrage vermag all diese Einflussfaktoren nur unvollständig zu erfassen. Eine Reihe von Untersuchungen unterstreicht die empirische Relevanz der Quantitätstheorie. So konnte z.B. Lothian auf der Grundlage von Veränderungen durchschnittlicher Wachstumsraten für den Zeitraum 1974–1980 gegenüber 1956–1973 in 20 OECD Ländern einen engen Zusammenhang zwischen der Geldmenge und dem Preisniveau nachweisen. Weitere Untersuchungen für die achtziger Jahre von Dwyer/ Hafer, Duck und Loef, die ebenfalls als internationale Querschnittsanalysen angelegt sind, bestätigen diese Ergebnisse. Die Analyse von Dwyer/Hafer zeigt jedoch auch, dass sich die Resultate wesentlich verschlechtern, wenn nicht auf die langfristige, sondern nur auf die kurzfristige Beziehung zwischen der Geldmenge und dem Preisniveau abgestellt wird. Zu dem Ergebnis, dass ein enger langfristiger Zusammenhang zwischen Geldmengenwachstum und Inflation besteht, gelangt auch King. Sowohl für enge als auch für breite Geldmengenabgrenzungen findet er eine nahezu 1:1 Beziehung zwischen der Wachstumsrate des Geldmengenaggregats und der Inflationsrate über einen Zeitraum von 30 Jahren, von 1968 bis 1998. Demgegenüber existiert ein solcher Zusammenhang nicht zwischen dem Wachstum der Geldmenge und dem Wachstum des Bruttoinlandsprodukts, entsprechend der langfristigen Neutralität des Geldes. Während letzteres auch von De Grauwe und Polan in einer Untersuchung von 160 Ländern über die letzten 30 Jahre bestätigt wird, finden diese Autoren für die Geldmengenaggregate M1 und M2 lediglich einen starken langfristigen Zusammenhang zwischen Geldmengenwachstum und Inflation für Länder mit hoher Inflation. Allerdings wird von Nelson darauf verwiesen, dass dieses Ergebnis unter anderem dadurch bedingt ist, dass bei ihrer Analyse implizit Restriktionen auferlegt werden, welche gemäß der Quantitätstheorie nicht notwendig sind. Diese Ergebnisse unterstützen insgesamt die Einschätzung von Milton Friedman, der feststellte: „there is perhaps no empirical regularity among economic phenomena that is based on so much evidence for so a wide range of circumstances as the connection between substantial changes in the stock of money and the level of prices.‘‘ Mit der Bedeutung monetärer Aggregate speziell im Euro-Raum beschäftigen sich eine Anzahl von Studien, da die Europäische Zentralbank der Geldmenge eine bedeutende Rolle im Rahmen ihrer geldpolitischen Strategie beimißt. Ein zentrales Er- 150 V. Geldmenge, monetäre Nachfrage, Preisniveau und Beschäftigung gebnis, welches mit den meisten obigen Analysen übereinstimmt, ist, dass der Informationsgehalt des Geldmengenwachstums für die Inflationsentwicklung im Euro- Raum langfristiger Natur ist. Das Geldmengenwachstum kann in diesem Sinne einen langfristigen nominalen Anker für die Inflation bilden. Gerlach sowie Neumann spalten für diesen Zweck das Geldmengenwachstum in einen kurzfristigen volatilen Bestandteil und in einen langfristigen Teil, das Trendwachstum der Geldmenge, auf. Letzteres besitzt einen engen Zusammenhang zur Inflation. Durch die Ausschaltung kurzfristiger Fluktuationen der Geldmengenentwicklung kann also der langfristige Zusammenhang zwichen Geldmengen- und Preisentwicklung klarer zum Vorschein kommen. Während Neumann dabei für den Zeitraum von 1986 bis 2002 zu dem Ergebnis kommt, dass das Geldmengenwachstum die Inflationsentwicklung im Euro-Raum determiniert und nicht umgekehrt, findet Gerlach dieses Ergebnis lediglich für den Zeitraum von 1980 bis 1991. Darüber hinaus liegen für das Euro-Währungsgebiet verschiedene Studien vor, die sich mit der Prognoseeigenschaft der Geldmengen- für die zukünftige Preisentwicklung beschäftigen. Gerlach und Svensson stellen auf der Basis einer Vielfalt empirischer Tests fest, dass die sog. reale Geldlücke (real money gap), also die Abweichung der realen Geldmenge M3 von ihrem Gleichgewichtswert, gute Prognoseeigenschaften hinsichtlich der künftigen Inflationsrate in der mittleren Frist besitzt. Dasselbe Ergebnis findet sich in Trecroci und Vega. In beiden Studien erweist sich das Resultat zudem als relativ robust. Dies ist insbesondere deshalb von Bedeutung, als beide Arbeiten in ihrer Spezifikation Annahmen über zwei Größen treffen müssen, die nicht direkt beobachtbar sind, nämlich zum einen über die Höhe des Produktionspotentials und zum andern über das (implizite) Inflationsziel der Zentralbank. Die Studie von Nicoletti Altimari schließlich vergleicht die Prognoseeigenschaften verschiedener monetärer Aggregate mit denen verschiedener realer Größen – wie etwa Konjunktur-, Arbeitsmarkt- sowie verschiedener Preis- und Kostengrößen – für die zukünftige Preisentwicklung. Den Ergebnissen zufolge übersteigt der Informationsgehalt von Geldmengen- und Kreditaggregaten den Informationsgehalt anderer ökonomischer Größen insbesondere über einen längeren Zeithorizont. Zudem scheint die Prognosegüte breiter gefasster monetärer Aggregate besser als diejenige enger definierter monetärer Aggregate. Der Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung gelangt darüber hinaus in einer empirischen Untersuchung zum Informationsgehalt der Geldmenge auf der Basis derselben Methodik zu dem Ergebnis, dass die Geldmenge M3 über einen langen Zeithorizont zu den besten Indikatoren der zukünftigen Preisentwicklung zählt. 4. Keynes-, Pigou- und Realkassenhaltungs-Effekt a) Keynes’ Kritik an den Klassikern; der Keynes-Effekt Wie im vorausgehenden Abschnitt dargestellt wurde, bilden die Hypothesen über den Zusammenhang zwischen Geldmenge, monetärer Gesamtnachfrage und Preisniveau einen wichtigen Bestandteil der Neo-Quantitätstheorie; diese knüpft damit an Theoreme an, die im Laufe der letzten vierzig Jahre immer wieder intensiv diskutiert wurden. 4. Keynes-, Pigou- und Realkassenhaltungs-Effekt 151

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References

Zusammenfassung

Der Klassiker zur Geldtheorie.

Das Lehrbuch zur Geldtheorie

ist eines der erfolgreichsten Bücher dieser Art. Dem Autor Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Otmar Issing, ehemals Direktoriumsmitglied der Europäischen Zentralbank und »Vater des Euro«, gelingt es hervorragend, den aktuellen Stand der modernen Geldtheorie einfach und konzentriert darzustellen. Der Band gibt den Studenten eine hilfreiche Orientierung in der Diskussion zwischen Keynesianern, Monetaristen und Liquiditätstheoretikern.

Geldtheorie aktuell

Die Neuauflage enthält unter anderem Ausführungen zu

* den wichtigsten Entwicklungen der Kreditmarkttheorie

* dem Einfluss der Finanzmarktkrise auf den Geldmarkt und

* dem Zusammenhang von Finanzmarktkrise und Liquidität.

Im Überblick

* Das Geld

* Die Nachfrage nach Geld

* Das Geldangebot

* Zinstheorie

* Geldmenge, monetäre Nachfrage, Preisniveau und Beschäftigung

* Die Liquidität

* Inflationstheorie