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9. Die Rolle der Zentralbank für die Bestimmung des nominalen Zinsniveaus in:

Otmar Issing

Einführung in die Geldtheorie, page 127 - 128

15. Edition 2011, ISBN print: 978-3-8006-3810-9, ISBN online: 978-3-8006-4315-8, https://doi.org/10.15358/9783800643158_127

Series: Vahlens Kurzlehrbücher

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schen, gehen doch einerseits in die Liquiditätstheorie des Zinses auch nicht-monetäre (reale) Determinanten ein, während die Loanable-Funds-Theorie auch monetäre Einflussfaktoren berücksichtigt. 9. Die Rolle der Zentralbank für die Bestimmung des nominalen Zinsniveaus Wie bereits dargestellt ist die Existenz des Zinses nicht an das Vorhandensein von Geld gebunden. Insofern ist der Zins grundsätzlich eine reale Größe (Realzins). Auf der anderen Seite hängt die konkrete Höhe der Zinssätze bzw. des Zinsniveaus entscheidend von den geldwirtschaftlichen Vorgängen ab. Generell gilt, dass das nominale Zinsniveau (Nominalzins) umso höher liegt, je höher die tatsächliche oder erwartete Inflationsrate ist. Folglich gilt es zwischen dem Realzins und dem Nominalzins zu unterscheiden (Siehe darum die obigen Ausführungen zum Preiserwartungseffekt und in Kapitel VII die Inflationstheorie). In den heutigen Geldwirtschaften mit hochentwickelten Finanzmärkten kommt der Notenbankpolitik eine zentrale Rolle für die Bestimmung des angemessenen, nominalen Zinsniveaus zu. Neuere Erklärungsansätze versuchen, das gesamtwirtschaftliche Zinsniveau als Ergebnis einer Notenbankentscheidung darzustellen. Ausgangspunkt der Überlegungen ist die Formulierung eines intertemporalen Optimierungsproblems für die Notenbank. Die Aufgabe der Notenbank besteht danach darin, das Zinsniveau so zu beeinflussen, dass sie mit der entsprechenden Geldpolitik ihrem Auftrag gerecht wird. Dieser besteht im Allgemeinen darin, Preisstabilität zu gewährleisten. Das Optimierungsproblem gilt nach diesem Ansatz dann als gelöst, wenn sich Zinsniveau und die angestrebte Preissteigerungsrate im Gleichgewicht befinden. In welcher Weise die Notenbank auf Abweichungen von diesem Gleichgewicht reagiert, hängt nicht zuletzt von ihrer Einschätzung der Vorgänge auf den Märkten und der Wahrnehmung in der Öffentlichkeit ab. Bei ihrer Entscheidung muss die Notenbank einerseits die ökonomischen Beziehungen in der Volkswirtschaft berücksichtigen, andererseits auf auftretende Störungen reagieren. Die wesentlichen Beziehungen für die Notenbank sind die monetären Transmissionskanäle, die Wirkungszusammenhänge zwischen dem geldpolitische Instrument und der Einkommens- und Preisentwicklung herstellen. Bei ihrer Entscheidung unterstellt die Notenbank im einfachsten Fall eine Konstanz der strukturellen Beziehungen zwischen den ökonomischen Größen. Gleichzeitig sind die Form der Erwartungsbildung aufseiten der Wirtschaftssubjekte sowie die Informationen hinsichtlich der Länge der Wirkungsverzögerungen der Geldpolitik von großer Bedeutung für die Entscheidungsfindung. In diesem Erklärungsansatz bestimmt sich das angemessene (optimale) Zinsniveau als Ergebnis des Optimierungsproblems. Die explizite Zinsreaktionsfunktion stellt das Zinsniveau in der Ökonomie in Abhängigkeit der aktuellen, der vergangenen und, gegebenenfalls, der erwarteten Steigerungen des Preisniveaus sowie verschiedener, die Volkswirtschaft beschreibender Zustandsvariablen dar. Inwiefern einzelne ökonomische Indikatoren Einfluss auf das Zinsniveau besitzen, wird sowohl durch die Zielsetzung der Notenbank als auch von den strukturellen Beziehungen in der Volkswirtschaft, die von den Verhaltensweisen der Wirtschaftssubjekten bestimmt werden, abhängen. 120 IV. Zinstheorie Ein wichtiges Ergebnis dieser Analyse betrifft den Einfluss, den die aktuelle Preissteigerungsrate für das Zinsniveau haben sollte. Generell sollte die Notenbank, entsprechend dem sog. Taylor-Prinzip, eine überproportionale Anpassung des Nominalzinsniveaus auf eine entsprechende Änderung der Preissteigerungsrate vornehmen. Nur bei Berücksichtigung dieses Prinzips kann die Notenbank erwarten, die Preissteigerungsrate im Einklang mit ihrer Definition von Preisstabilität zu halten. Eine solche Verhaltensweise impliziert nämlich, dass die Notenbank eine Erhöhung des um Bewegungen des Preisniveaus bereinigten Zinssatzes herbeiführen muss, um ihren stabilitätspolitischen Auftrag zu erfüllen. 10. Theorien der Zinsstruktur Den bisherigen Ausführungen lag die Annahme zugrunde, dass es in jedem Augenblick in der Volkswirtschaft nur einen nominalen bzw. realen Zinssatz gibt. Diese Annahme steht jedoch im Widerspruch zur Realität, kann man doch jeweils eine Vielzahl von Zinssätzen registrieren. Zu unterscheiden wären z.B. die von der Notenbank festgesetzten Zinssätze wie der Satz für die Einlagefazilität oder die Spitzenrefinanzierungsfazilität der EZB und die Abgabe- bzw. Rücknahmesätze für Offenmarktpapiere von den Zinsen, die sich auf den Kreditmärkten bilden. Aus der Sicht der Kreditinstitute bietet sich eine Trennung nach den Kategorien Sollzinsen für das Aktivgeschäft und Habenzinsen für das Passivgeschäft an. Abb. IV.23 zeigt einen kleinen Ausschnitt aus dem breiten Spektrum der jeweils geltenden Zinssätze und ihrer Entwicklung; nach dem weitgehend parallelen Verlauf der einzelnen Kurven scheint die in der Theorie allgemein übliche Annahme eines einzigen Zinses zumindest auf den ersten Blick unproblematisch zu sein. Das Verhältnis der einzelnen Zinssätze zueinander bezeichnet man als Zinsstruktur; die Theorie der Zinsstruktur hat das zu einem bestimmten Zeitpunkt gegebene Verhältnis und seine Konstanz bzw. Veränderung im Zeitablauf zu erklären. Die Gründe für die Existenz verschieden hoher Zinsen bei den einzelnen Finanzaktiva sind vielfältiger Natur. Die unterschiedliche Bonität der Kreditnehmer führt zu unterschiedlichen Risikoprämien als Bestandteil des Zinses, „erste Adressen‘‘ zahlen im Regelfall niedrigere Zinsen als weniger bekannte oder gar zweifelhafte Schuldner. Regionale Zinsunterschiede finden sich kaum innerhalb eines einheitlichen Währungsgebietes, in dem die Freizügigkeit des Kreditverkehrs Differenzen in den Sätzen sofort einebnet, wohl aber zwischen verschiedenen Ländern mit unterschiedlichen Währungen, abweichender Rechts- und Wirtschaftsordnung etc. Verzerrungen im Wettbewerb können ebenfalls die Struktur der Zinssätze beeinflussen, so wenn sich etwa die einzelnen Bankengruppen beim Zins für Spareinlagen mit dreimonatiger Kündigungsfrist weitgehend konform verhalten, während bei anderen Einlagen derartige Abstimmungen im Verhalten nicht bzw. weit weniger ausgeprägt zu beobachten sind. Schließlich können die Kuponhöhe, auf Grund der unterschiedlichen steuerlichen Belastungen der Zinserträge auf der einen und der Kapitalgewinne auf der anderen Seite, Rücknahmegarantien des Schuldners und ähnliche Differenzen in der Ausstattung einzelner Wertpapiere eine wichtige Rolle für Kurshöhe und Rendite spielen. 10. Theorien der Zinsstruktur 121

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Zusammenfassung

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Das Lehrbuch zur Geldtheorie

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Geldtheorie aktuell

Die Neuauflage enthält unter anderem Ausführungen zu

* den wichtigsten Entwicklungen der Kreditmarkttheorie

* dem Einfluss der Finanzmarktkrise auf den Geldmarkt und

* dem Zusammenhang von Finanzmarktkrise und Liquidität.

Im Überblick

* Das Geld

* Die Nachfrage nach Geld

* Das Geldangebot

* Zinstheorie

* Geldmenge, monetäre Nachfrage, Preisniveau und Beschäftigung

* Die Liquidität

* Inflationstheorie