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8. Die Loanable-Funds-Theorie in:

Otmar Issing

Einführung in die Geldtheorie, page 125 - 127

15. Edition 2011, ISBN print: 978-3-8006-3810-9, ISBN online: 978-3-8006-4315-8, https://doi.org/10.15358/9783800643158_125

Series: Vahlens Kurzlehrbücher

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scheinlich, dass die Erwartungen von Kreditnehmern und Kreditgebern systematisch auseinandergehen, auch wenn die Erwartungen einzelner Wirtschaftssubjekte grundsätzlich divergieren können. (Zum Problem der Erwartungsbildung siehe auch die Ausführungen im VII. Kapitel.) 8. Die Loanable-Funds-Theorie Die Liquiditätstheorie des Zinses ist dogmengeschichtlich als eine Abkehr von der klassischen Auffassung zu sehen, nach welcher der Zins eine durch reale Faktoren bestimmte Größe ist. Wenngleich – wie gezeigt – auch die Liquiditätstheorie des Zinses letzten Endes den Einfluss nicht-monetärer Größen berücksichtigen muss, um eine Aussage über die Bestimmung des Gleichgewichtszinses treffen zu können, so steht doch am Anfang die rein monetäre Erklärung des Zinses. Genau den umgekehrten Weg sind die Autoren gegangen, die in Fortsetzung der klassischen Tradition und im Gegensatz zu Keynes, die realen Determinanten in den Vordergrund stellen und diesen Standpunkt durch die Berücksichtigung monetärer Einflüsse modifizieren. Neben dem englischen Nationalökonomen D. H. Robertson sind zu dieser Richtung vor allem die Vertreter der „Schwedischen Schule‘‘ zu rechnen, die durch das Werk Wicksells begründet und durch Autoren wieOhlin, Lindahl u.a. weitergeführt wurde. Wenngleich diese Wissenschaftler durchaus differenzierte Beiträge zur Zinstheorie geleistet haben, finden ihre Gedanken doch in der LoanableFunds-Theorie einen gemeinsamen Ausdruck. Nach dieser Theorie ist der Zins ein Gleichgewichtszins, bei dem Angebot und Nachfrage auf dem Markt der ausleihbaren Fonds übereinstimmen; einfacher formuliert kann man dies auch folgendermaßen ausdrücken: der Zins bringt Angebot und Nachfrage nach Krediten zum Ausgleich. H i0 0 I A S I+H Zins Kreditangebot, Kreditnachfrage Abb. IV.22 Die Loanable-Funds-Theorie begnügt sich jedoch nicht mit dieser Aussage, sondern versucht, die einzelnen Quellen auf der Angebots- wie auf der Nachfrageseite dieses Marktes zu ermitteln und ihren Einfluss zu analysieren. Die einzelnen Einflussgrößen sind in Abb. IV.22 enthalten. Auf der Angebotsseite verkörpert S das Angebot an Krediten aus Ersparnissen. Der Einfachheit halber wur- 118 IV. Zinstheorie den die Konsumentenkredite und das Entsparen nicht gesondert erfasst; S stellt also die Kurve der Nettoersparnisse dar. Der Kurvenverlauf folgt der in der Literatur in diesem Zusammenhang üblichen Darstellung, doch ändert etwa die Annahme eines völlig zinsunelastischen Sparverhaltens nichts an den prinzipiellen Aussagen. Das Gleiche gilt für den senkrechten Verlauf der Kurve der zusätzlichen Geldschöpfung DM als weiterer Quelle des Kreditangebots; in diesem Verlauf spiegelt sich die Annahme einer Beherrschung des Geldangebots durch die Notenbank wider. Auf der Nachfrageseite stellt die Kurve H den Einfluss des Netto-Hortens dar. Im Gegensatz zu Keynes verstehen die Loanable-Funds-Theoretiker nämlich unter dem Sparen nur die Einkommensbeträge, die nicht für Konsum ausgegeben und auf dem Kreditmarkt angeboten werden. Kommt es dagegen nicht zum Angebot auf dem Kreditmarkt, wird der Geldkreislauf entsprechend vermindert, es liegt ein Horten vor. Die Auflösung solcher gehorteter Gelder, d.h. ihre Anlage am Kreditmarkt, bezeichnet man als Enthorten. Das Horten wirkt sich wie eine zusätzliche Nachfrage nach Krediten aus, während das Enthorten eine Erhöhung des Kreditangebots bewirkt. Die Kurve H ist also Ausdruck einer Nachfrage für Hortungszwecke, die das Angebot aus Enthortungen entsprechend übersteigt. Weiterhin stellt die I-Kurve die bekannte Nachfrage nach Krediten für Investitionszwecke dar. Nachdem die S-Kurve die Netto-Ersparnis zum Ausdruck bringt, liegt der I-Kurve die Netto-Investition zugrunde; andernfalls müssten der Brutto-Investition die (Netto-)Ersparnis plus Amortisationsbeträge gegenübergestellt werden. Durch horizontale Addition der Kurven S und DM erhält man die Gesamtangebotskurve für Kredite (S Ê DM), aus I und H die Gesamtnachfragekurve (I Ê H). Die beiden Kurven schneiden sich im Punkte A; i0 stellt den Gleichgewichtszins dar, der sich in diesem Schnittpunkt ergibt. Nachdem die Zinshöhe durch das gesamte Angebot und die gesamte Nachfrage auf dem Kreditmarkt bestimmt wird, müssen sich die (gewünschte) Ersparnis und die (gewünschte) Investition im Gleichgewicht nicht entsprechen. In unserem Beispiel gilt beim Zins i0 die Relation S 5 I; dieses Zurückbleiben des Kreditangebots aus Ersparnissen hinter der Nachfrage für Investitionszwecke wird durch die Differenz DM H kompensiert, d.h. durch eine zusätzliche Geldschöpfung, die um genau diesen Betrag die Nachfrage für Hortungszwecke übersteigt. Diese Darstellung der Loanable-Funds-Theorie beruht auf einer sehr restriktiven ceteris-paribus-Klausel. Indem nämlich z.B. die Ersparnis ausschließlich in Abhängigkeit von der Zinshöhe abgebildet wird, werden andere Einflussfaktoren vernachlässigt bzw. als gegeben unterstellt. Die Annahme eines gegebenen Volkseinkommens unabhängig von der Zinshöhe und der Größe der Investitionen ist natürlich mehr als problematisch. Analog zum IS-LM-Schema müsste also auch hier die Bestimmung der Gleichgewichtswerte für Zins und Volkseinkommen simultan vorgenommen werden; erst dann kann man auch die Resultate beider Theorien unmittelbar miteinander vergleichen. Wie eingangs erwähnt, formulierte Keynes die Liquiditätstheorie des Zinses als ausdrückliche Gegenposition zur klassischen Theorie, während die Loanable-Funds- Theorie als Reaktion hierauf zu verstehen ist. Lange und mitunter recht heftig geführte Diskussionen haben jedoch zu der Erkenntnis geführt, dass beide Theorieansätze letztlich zu dem gleichen Ergebnis führen. Obgleich diese Kontroverse hier nicht nachvollzogen werden kann, vermag das Resultat nicht sonderlich zu überra- 8. Die Loanable-Funds-Theorie 119 schen, gehen doch einerseits in die Liquiditätstheorie des Zinses auch nicht-monetäre (reale) Determinanten ein, während die Loanable-Funds-Theorie auch monetäre Einflussfaktoren berücksichtigt. 9. Die Rolle der Zentralbank für die Bestimmung des nominalen Zinsniveaus Wie bereits dargestellt ist die Existenz des Zinses nicht an das Vorhandensein von Geld gebunden. Insofern ist der Zins grundsätzlich eine reale Größe (Realzins). Auf der anderen Seite hängt die konkrete Höhe der Zinssätze bzw. des Zinsniveaus entscheidend von den geldwirtschaftlichen Vorgängen ab. Generell gilt, dass das nominale Zinsniveau (Nominalzins) umso höher liegt, je höher die tatsächliche oder erwartete Inflationsrate ist. Folglich gilt es zwischen dem Realzins und dem Nominalzins zu unterscheiden (Siehe darum die obigen Ausführungen zum Preiserwartungseffekt und in Kapitel VII die Inflationstheorie). In den heutigen Geldwirtschaften mit hochentwickelten Finanzmärkten kommt der Notenbankpolitik eine zentrale Rolle für die Bestimmung des angemessenen, nominalen Zinsniveaus zu. Neuere Erklärungsansätze versuchen, das gesamtwirtschaftliche Zinsniveau als Ergebnis einer Notenbankentscheidung darzustellen. Ausgangspunkt der Überlegungen ist die Formulierung eines intertemporalen Optimierungsproblems für die Notenbank. Die Aufgabe der Notenbank besteht danach darin, das Zinsniveau so zu beeinflussen, dass sie mit der entsprechenden Geldpolitik ihrem Auftrag gerecht wird. Dieser besteht im Allgemeinen darin, Preisstabilität zu gewährleisten. Das Optimierungsproblem gilt nach diesem Ansatz dann als gelöst, wenn sich Zinsniveau und die angestrebte Preissteigerungsrate im Gleichgewicht befinden. In welcher Weise die Notenbank auf Abweichungen von diesem Gleichgewicht reagiert, hängt nicht zuletzt von ihrer Einschätzung der Vorgänge auf den Märkten und der Wahrnehmung in der Öffentlichkeit ab. Bei ihrer Entscheidung muss die Notenbank einerseits die ökonomischen Beziehungen in der Volkswirtschaft berücksichtigen, andererseits auf auftretende Störungen reagieren. Die wesentlichen Beziehungen für die Notenbank sind die monetären Transmissionskanäle, die Wirkungszusammenhänge zwischen dem geldpolitische Instrument und der Einkommens- und Preisentwicklung herstellen. Bei ihrer Entscheidung unterstellt die Notenbank im einfachsten Fall eine Konstanz der strukturellen Beziehungen zwischen den ökonomischen Größen. Gleichzeitig sind die Form der Erwartungsbildung aufseiten der Wirtschaftssubjekte sowie die Informationen hinsichtlich der Länge der Wirkungsverzögerungen der Geldpolitik von großer Bedeutung für die Entscheidungsfindung. In diesem Erklärungsansatz bestimmt sich das angemessene (optimale) Zinsniveau als Ergebnis des Optimierungsproblems. Die explizite Zinsreaktionsfunktion stellt das Zinsniveau in der Ökonomie in Abhängigkeit der aktuellen, der vergangenen und, gegebenenfalls, der erwarteten Steigerungen des Preisniveaus sowie verschiedener, die Volkswirtschaft beschreibender Zustandsvariablen dar. Inwiefern einzelne ökonomische Indikatoren Einfluss auf das Zinsniveau besitzen, wird sowohl durch die Zielsetzung der Notenbank als auch von den strukturellen Beziehungen in der Volkswirtschaft, die von den Verhaltensweisen der Wirtschaftssubjekten bestimmt werden, abhängen. 120 IV. Zinstheorie

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References

Zusammenfassung

Der Klassiker zur Geldtheorie.

Das Lehrbuch zur Geldtheorie

ist eines der erfolgreichsten Bücher dieser Art. Dem Autor Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Otmar Issing, ehemals Direktoriumsmitglied der Europäischen Zentralbank und »Vater des Euro«, gelingt es hervorragend, den aktuellen Stand der modernen Geldtheorie einfach und konzentriert darzustellen. Der Band gibt den Studenten eine hilfreiche Orientierung in der Diskussion zwischen Keynesianern, Monetaristen und Liquiditätstheoretikern.

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Die Neuauflage enthält unter anderem Ausführungen zu

* den wichtigsten Entwicklungen der Kreditmarkttheorie

* dem Einfluss der Finanzmarktkrise auf den Geldmarkt und

* dem Zusammenhang von Finanzmarktkrise und Liquidität.

Im Überblick

* Das Geld

* Die Nachfrage nach Geld

* Das Geldangebot

* Zinstheorie

* Geldmenge, monetäre Nachfrage, Preisniveau und Beschäftigung

* Die Liquidität

* Inflationstheorie