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7. Liquiditäts-, Einkommens- und Preiserwartungseffekt in:

Otmar Issing

Einführung in die Geldtheorie, page 121 - 125

15. Edition 2011, ISBN print: 978-3-8006-3810-9, ISBN online: 978-3-8006-4315-8, https://doi.org/10.15358/9783800643158_121

Series: Vahlens Kurzlehrbücher

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pelung des Geldangebots zu einem Gleichgewicht im monetären Sektor, also zur Übereinstimmung von Geldangebot und Geldnachfrage, kommt, ist daher eine Zinssenkung erforderlich. Die erhöhte Geldmenge wird unter der Annahme der Geldillusion der Wirtschaftssubjekte also nicht allein durch den Anstieg der Preise absorbiert, sondern es bedarf daneben einer Senkung des Zinses, um das Geldangebot, d.h. die tatsächliche Geldmenge, in Übereinstimmung mit der von den Wirtschaftssubjekten gewünschten Kassenhaltung zu bringen. Die Geldmenge beeinflusst unter diesen Umständen daher die Höhe des Zinses; damit ist jedoch das Geld nicht mehr neutral. Neutralität des Geldes setzt also Freiheit der Wirtschaftssubjekte von Geldillusion voraus. Dieses Ergebnis kann natürlich nicht überraschen, bedeutet es im Grunde doch nur: Voraussetzung für die Neutralität des Geldes ist, dass sich die Wirtschaftssubjekte durch die Bewertung von realen Größen in Geld nicht in ihren Entscheidungen beeinflussen lassen, sich also de facto an realen Größen orientieren. Freiheit von Geldillusion ist allerdings keine hinreichende Bedingung für die Neutralität des Geldes. So haben Mundell und Tobin in unabhängigen Arbeiten gezeigt, dass unter bestimmten Modellbedingungen z.B. ein Anstieg in der Wachstumsrate der Geldmenge trotz in gleichem Ausmaß gestiegener und vollständig antipizierter Inflation zu dauerhaft höheren Niveauwerten des Kapitalstocks sowie des realen Pro-Kopf-Einkommens führen kann. Diese „Mundell-Tobin-Effekt‘‘ genannte, nichtneutrale Wirkung des Geldes beruht in beiden Modellen auf einem gesunkenen gleichgewichtigen Realzins und gestiegenen Investitionen. Im umgekehrten Fall einer dauerhaften Senkung des Geldmengenwachstums kommt es entsprechend zu einem Anstieg des Realzinses und einem geringeren Pro-Kopf-Einkommen (siehe auch Kapitel VII, 4., b). Schließlich sei noch auf einen besonderen Fall der Nichtneutralität des Geldes verwiesen. Wie bei der Darstellung des Wicksellschen Prozesses bereits gezeigt wurde, ist es möglich, dass sich im Zuge allgemeiner Preissteigerungen – für den Fall sinkender Preise gelten die Überlegungen analog – die Einkommensverteilung und damit auch die Höhe des Zinses verändert. Die Vermehrung der Geldmenge, die diesen Prozess auslöst, hat damit Einfluss auf reale Größen, das Geld verhält sich in diesem Fall nicht neutral. 7. Liquiditäts-, Einkommens- und Preiserwartungseffekt Das Gleichgewicht auf dem Geld- und Gütermarkt wurde in der bisherigen Darstellung anhand von Beziehungen zwischen nominellen Größen abgeleitet; entsprechend bezog sich auch das IS-LM-Schema auf den Zusammenhang zwischen Zins und nominellem Volkseinkommen. Unter Berücksichtigung des Preisniveaus (P) ist die Gleichgewichtsbedingung für den Geldmarkt (LM-Kurve) wie folgt zu formulieren: (16) MS P Ë MD P Ë ’ Y P ; i : Und für den Gütermarkt (IS-Kurve): (17) S P Y P Ë I P ÀiÉ: 114 IV. Zinstheorie Werden diese Bedingungen über die IS-LM-Kurven in das Diagramm für das gesamtwirtschaftliche Gleichgewicht übertragen, erhält man somit Beziehungen zwischen dem Zins und dem realen Volkseinkommen (YR). Bei gegebener Faktorausstattung und gegebener Technik kann die Höhe des realen Volkseinkommens den Wert nicht überschreiten, der durch Vollbeschäftigung und optimale Faktorallokation bestimmt ist. Dieser maximale Wert für das reale Volkseinkommen ist in Abb. IV.21 mit YRv gekennzeichnet; die IS-Kurve bricht an dieser Stelle ab. Den LM-Kurven in Abb. IV.21 liegt ebenfalls die gewünschte reale Kassenhaltung zugrunde, die Wirtschaftssubjekte stehen also nicht unter dem Einfluss der Geldillusion. In der Ausgangssituation geben i0 und YR0 die Gleichgewichtswerte für Zins und reales Volkseinkommen an. Wird jetzt die Geldmenge ausgedehnt, sodass die LM1- Kurve das neue Gleichgewicht im monetären Sektor ausdrückt, lassen sich folgende Einflüsse auf das Zinsniveau registrieren: (1) Der Liquiditätseffekt. Die Ausdehnung der Geldmenge tangiert zunächst nur den monetären Sektor; bei unveränderter Geldnachfragekurve führt die Erhöhung der Geldmenge – außer im Bereich der Liquiditätsfalle, IS 0 LM0 LM1LM2 LM5 LM4 YR0 YRYRVYR1YR2 i i2 i3 i1 i0 Abb. IV.21 von dem hier abgesehen wird – zu einem Sinken des Zinses (von i0 auf i1). Diesen unmittelbaren Einfluss der Geldmengenausdehnung auf den Zins bezeichnet man als Liquiditätseffekt; dieser Effekt wird in der Liquiditätstheorie des Zinses von Keynes beschrieben. (2) Der Einkommenseffekt. Der Liquiditätseffekt gibt aber nur die direkte Wirkung der Geldmengenausdehnung auf die Zinshöhe wieder. Steigen auf Grund des gesunkenen Zinses die Investitionen, löst dies einen Multiplikatorprozess aus, bis schließlich ein neues Gleichgewichtsvolkseinkommen erreicht ist. Der Anstieg des Volkseinkommens führt jedoch zu einem erhöhten Bedarf an Transaktionskasse, der Zins muss wieder ansteigen; über diesen Zinsanstieg wird ein Teil der zusätzlichen Geldmenge aus der Spekulationskasse „gelockt‘‘ und für Transaktionszwecke verfügbar. Das neue gesamtwirtschaftliche Gleichgewicht ergibt sich im Schnittpunkt der 7. Liquiditäts-, Einkommens- und Preiserwartungseffekt 115 IS-Kurve mit der LM1-Kurve. Den Wiederanstieg des Zinses (in Abb. IV.21 von i1 auf i2) gegenüber der Wirkung des Liquiditätseffektes bezeichnet man als Einkommenseffekt. Der durch die anfängliche Zinssenkung ausgelöste Multiplikatorprozess kann sich nun, je nach der Ausgangslage der betreffenden Wirtschaft, stärker in einem Anstieg der Produktion und damit des realen Volkseinkommens oder mehr in Preissteigerungen, also einer rein nominellen Einkommenssteigerung bemerkbar machen. Beim Einkommenseffekt ist daher zwischen einem realen Einkommenseffekt und einem nominellen, d.h. einem Preissteigerungseffekt zu unterscheiden. Geht beispielsweise der Anstieg des Realeinkommens von YR0 nach YR1 bei konstantem Preisniveau vor sich, handelt es sich um einen reinen Realeinkommenseffekt; der Zins steigt zwar gegenüber dem anfänglichen Absinken auf Grund des Liquiditätseffekts wieder an, erreicht jedoch nicht wieder das Niveau, das vor der Geldmengenausdehnung bestand. Würde dagegen das monetäre Ausgangsgleichgewicht durch die LM4-Kurve charakterisiert, so ergäbe sich zwar auch auf Grund des Liquiditätseffektes (LM5) kurzfristig ein Sinken des Zinses; unterliegen jedoch die Wirtschaftssubjekte nicht der Geldillusion, nimmt die LM-Kurve im neuen Gleichgewicht wieder die Ausgangslage (LM4) ein, der Gleichgewichtszins hat sich nicht ver- ändert. Der Einkommenseffekt ist in diesem Fall ein reiner Preissteigerungseffekt. Der Zins könnte unter der Bedingung, dass bereits vor der Geldmengenausdehnung das Vollbeschäftigungseinkommen bestand, nur unter der Annahme von Geldillusion bei den Wirtschaftssubjekten sinken; die LM5-Kurve wäre dann Ausdruck dieser Geldillusion im neuen Gleichgewicht. Schließlich ist noch die Situation zu berücksichtigen, dass die Geldmengenausdehnung sowohl zu einer Ausdehnung der Produktion wie auch zu einem Ansteigen des Preisniveaus führt. Unterliegen die Wirtschaftssubjekte nicht der Geldillusion, geht die Verschiebung der LM-Kurve gegenüber der Ausgangssituation (LM0) auf zwei Ursachen zurück. Die Ausdehnung der Geldmenge bewirkt eine Verschiebung nach rechts; der Preisanstieg führt jedoch dazu, dass diese Rechtsverschiebung geringer ausfällt als unter der Annahme eines konstanten Preisniveaus. Wenn also z.B. die LM1- Kurve den Fall eines unveränderten Preisniveaus widerspiegelt, würde die LM2-Kurve, bei gleicher Erhöhung der Geldmenge, die Bedingung eines gleichzeitig gestiegenen Preisniveaus ausdrücken; der Zins wäre gegenüber der Ausgangssituation (i0) weniger gefallen (auf i3), das reale Volkseinkommen wäre nur auf YR2 gestiegen. Sofern die Ausdehnung der Geldmenge einen einmaligen Anstieg des Preisniveaus bewirkt, geht der durch den Einkommenseffekt bedingte Zinsanstieg ganz oder zum Teil auf diese Preissteigerungen zurück. Der durch den Schnittpunkt von IS-Kurve und LM-Kurve – in welcher der Anstieg des Preisniveaus bereits zur Geltung gekommen ist – determinierte neue Zins ist ein Gleichgewichtszins in folgendem Sinne: Treten keine neuen Änderungen ein, bleibt diese Zinshöhe unverändert; dies gilt z.B. für den Zins i3 in Abb. IV.21. Von der Ausdehnung der Geldmenge gehen keine weiteren Auswirkungen auf das Preisniveau aus, die Preise verharren ceteris paribus ebenfalls auf dem neuen (erhöhten) Niveau. (3) Der Preiserwartungseffekt. Berücksichtigt man neben aktuellen Preisniveauänderungen auch Erwartungen der Wirtschaftssubjekte über künftige Entwicklungen des Preisniveaus, dann muss die erwartete Inflationsrate als Determinante des (Nominal-)Zinses mit einbezogen werden. 116 IV. Zinstheorie Bei homogenen und sicheren Erwartungen führt dies dazu, dass die Sparer nur dann bereit sind, ihre Ersparnisse in Nominalwerten anzulegen, wenn sie durch einen höheren Zins für den durch die Preissteigerungen eintretenden Realwertverlust dieser Vermögenstitel entschädigt werden. Andererseits werden in dieser Situation die Schuldner bereit und in der Lage sein, auch höhere Zinsen als bisher zu zahlen, weil sie z.B. für die mit Hilfe der aufgenommenen Kredite finanzierten Investitionen auf Grund der erwarteten Preissteigerungen der produzierten Güter eine höhere nominale Rendite erzielen werden. Diesen Einfluss der Preiserwartungen auf die Höhe des Nominalzinses bezeichnet man als Preiserwartungseffekt oder auch als Fisher-Effekt. Für die empirisch ermittelte positive Korrelation zwischen Zinshöhe und Preisentwicklung findet sich meist der Ausdruck Gibson-Paradoxon, Paradoxon deswegen, weil man angenommen hatte, eine inflatorische Geldmengenausdehnung führe zu einem Sinken des Zinses. Mit I. Fisher kann man zwischen dem Realzins (ir) und dem Nominalzins (in) unterscheiden. Unter dem Realzins versteht man dabei den Zins, der sich bei Stabilität des Preisniveaus bzw. genauer: bei Erwartung eines stabilen Preisniveaus ergäbe; der Nominalzins ist gleich dem tatsächlichen Marktzins. Bezeichnet man den erwarteten (prozentualen) Anstieg des Preisniveaus mit p*, so ergibt sich nach dem Preiserwartungseffekt folgende Höhe des Nominalzinses: (18) (1 + in) = (1 + ir) (1 + p*) û in Ë ir Ê p* Ê ir · p*. Meist wird der letzte Summand, das Produkt aus Nominalzins und erwarteter Preissteigerungsrate, vernachlässigt und der Preiserwartungseffekt in der folgenden, vereinfachten Variante berücksichtigt: (18a) in Ë ir Ê p*. Während (bei Gültigkeit des Liquiditätseffektes) also kurzfristig der (Nominal-) Zins bei einer Ausdehnung der Geldmenge sinkt, gehen längerfristig Zins und Geldmenge in die gleiche Richtung, sofern das Preisniveau als Folge der Geldmengenausdehnung steigt und die Wirtschaftssubjekte mit einem Fortgang der Preissteigerungen rechnen. Inwieweit die Veränderung des Nominalzinses via Fisher-Effekt einzelne Gläubiger in der Realität tatsächlich vor inflationsbedingten Realwertverlusten schützen kann, hängt von einer Reihe von Umständen ab. (Für Schuldner gelten die Überlegungen vice versa.) (1) Zum einen genügt es nicht, dass die Sparer Preissteigerungen in Zukunft erwarten; damit der Zins tatsächlich entsprechend steigt, müssen die höheren Zinsforderungen auch durchsetzbar sein. (2) Weiter kommt es entscheidend darauf an, ob die Wirtschaftssubjekte die künftigen Preissteigerungen richtig antizipieren. Dies ist im Allgemeinen umso eher der Fall, je kürzer die Laufzeit bzw. Zinsbindungsdauer des Kreditvertrages ist. Die Inflationsprognose wird im Durchschnitt immer dann relativ exakt sein, wenn die Preissteigerungsrate ziemlich konstant ist. Wechseln jedoch die Preissteigerungsraten relativ schnell, dann dürfte der Preiserwartungseffekt nur einen unzureichenden Inflationsschutz bei nominal denominierten Kreditverträgen bieten. (3) Schließlich können heterogene Erwartungen bewirken, dass eine Marktseite ihre Inflationserwartungen nicht voll durchsetzen kann. Allerdings ist es wenig wahr- 7. Liquiditäts-, Einkommens- und Preiserwartungseffekt 117 scheinlich, dass die Erwartungen von Kreditnehmern und Kreditgebern systematisch auseinandergehen, auch wenn die Erwartungen einzelner Wirtschaftssubjekte grundsätzlich divergieren können. (Zum Problem der Erwartungsbildung siehe auch die Ausführungen im VII. Kapitel.) 8. Die Loanable-Funds-Theorie Die Liquiditätstheorie des Zinses ist dogmengeschichtlich als eine Abkehr von der klassischen Auffassung zu sehen, nach welcher der Zins eine durch reale Faktoren bestimmte Größe ist. Wenngleich – wie gezeigt – auch die Liquiditätstheorie des Zinses letzten Endes den Einfluss nicht-monetärer Größen berücksichtigen muss, um eine Aussage über die Bestimmung des Gleichgewichtszinses treffen zu können, so steht doch am Anfang die rein monetäre Erklärung des Zinses. Genau den umgekehrten Weg sind die Autoren gegangen, die in Fortsetzung der klassischen Tradition und im Gegensatz zu Keynes, die realen Determinanten in den Vordergrund stellen und diesen Standpunkt durch die Berücksichtigung monetärer Einflüsse modifizieren. Neben dem englischen Nationalökonomen D. H. Robertson sind zu dieser Richtung vor allem die Vertreter der „Schwedischen Schule‘‘ zu rechnen, die durch das Werk Wicksells begründet und durch Autoren wieOhlin, Lindahl u.a. weitergeführt wurde. Wenngleich diese Wissenschaftler durchaus differenzierte Beiträge zur Zinstheorie geleistet haben, finden ihre Gedanken doch in der LoanableFunds-Theorie einen gemeinsamen Ausdruck. Nach dieser Theorie ist der Zins ein Gleichgewichtszins, bei dem Angebot und Nachfrage auf dem Markt der ausleihbaren Fonds übereinstimmen; einfacher formuliert kann man dies auch folgendermaßen ausdrücken: der Zins bringt Angebot und Nachfrage nach Krediten zum Ausgleich. H i0 0 I A S I+H Zins Kreditangebot, Kreditnachfrage Abb. IV.22 Die Loanable-Funds-Theorie begnügt sich jedoch nicht mit dieser Aussage, sondern versucht, die einzelnen Quellen auf der Angebots- wie auf der Nachfrageseite dieses Marktes zu ermitteln und ihren Einfluss zu analysieren. Die einzelnen Einflussgrößen sind in Abb. IV.22 enthalten. Auf der Angebotsseite verkörpert S das Angebot an Krediten aus Ersparnissen. Der Einfachheit halber wur- 118 IV. Zinstheorie

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References

Zusammenfassung

Der Klassiker zur Geldtheorie.

Das Lehrbuch zur Geldtheorie

ist eines der erfolgreichsten Bücher dieser Art. Dem Autor Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Otmar Issing, ehemals Direktoriumsmitglied der Europäischen Zentralbank und »Vater des Euro«, gelingt es hervorragend, den aktuellen Stand der modernen Geldtheorie einfach und konzentriert darzustellen. Der Band gibt den Studenten eine hilfreiche Orientierung in der Diskussion zwischen Keynesianern, Monetaristen und Liquiditätstheoretikern.

Geldtheorie aktuell

Die Neuauflage enthält unter anderem Ausführungen zu

* den wichtigsten Entwicklungen der Kreditmarkttheorie

* dem Einfluss der Finanzmarktkrise auf den Geldmarkt und

* dem Zusammenhang von Finanzmarktkrise und Liquidität.

Im Überblick

* Das Geld

* Die Nachfrage nach Geld

* Das Geldangebot

* Zinstheorie

* Geldmenge, monetäre Nachfrage, Preisniveau und Beschäftigung

* Die Liquidität

* Inflationstheorie