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2. Die Auffassung der Klassiker in:

Otmar Issing

Einführung in die Geldtheorie, page 101 - 106

15. Edition 2011, ISBN print: 978-3-8006-3810-9, ISBN online: 978-3-8006-4315-8, https://doi.org/10.15358/9783800643158_101

Series: Vahlens Kurzlehrbücher

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Der Preis für ein beliebiges Gut sei mit P bezeichnet, wenn Bezahlung des Gutes und Verfügbarkeit durch den Käufer in einem Zeitpunkt zusammenfallen. P- bezeichne dagegen den Preis, falls das Gut erst morgen (bzw. in der nächsten Periode, also in t1) zur Verfügung gestellt wird, der Preis aber schon heute (also in t0) zu entrichten ist. P+ schließlich stelle den Preis eines Gutes dar, das bereits heute zur Verfügung steht, dessen Preis aber erst morgen zu entrichten ist. Abb. IV.1 stellt die möglichen Konstellationen dar. Der Zins (i) als Preis für die frühere Verfügbarkeit eines Gutes ist folglich die Differenz zwischen dem heute zu zahlenden Preis für ein heute verfügbares Gut (P) und dem heute zu zahlenden Preis für ein morgen verfügbares Gut (P-) bezogen auf P-: (1) i Ë P P P Durch Umstellung erhält man den heute zu zahlenden Preis für das morgen verfügbare Gut: (2) P Ë P lÊ i Nach der oben erwähnten alternativen Definition spiegelt der Zins den Preis für die spätere Bezahlung eines Gutes wider, und zwar als Differenz zwischen dem morgen zu zahlenden Preis für ein heute verfügbares Gut und dem heute zu zahlenden Preis für ein heute verfügbares Gut bezogen auf den letztgenannten Preis: (3) i Ë P Ê P P ; oder (4) P+ Ë (1 + i) P Der Zins ist zwar selbst ohne Dimension, bezieht sich aber immer auf eine ganz bestimmte Zeitspanne (Periodenlänge), diese ist im konkreten Fall genau zu bestimmen. 2. Die Auffassung der Klassiker Der Zins als Erscheinungsform des Wirtschaftslebens ist nicht an das Vorhandensein von Geld gebunden; er existiert auch in der Naturalwirtschaft. Für die klassischen Nationalökonomen war der Zins eine Größe, deren Höhe durch den Kapitalreichtum eines Landes bestimmt wird. Je größer unter sonst gleichen Bedingungen die volkswirtschaftliche Kapitalbildung, d.h. je umfangreicher das Sparen, desto niedriger der Zins und vice versa. Das Geld, genauer gesagt die Geldmenge, kann die Zinshöhe nach dieser Auffassung allenfalls vorübergehend beeinflussen; auf längere Sicht wird der Zins als eine reale, in seiner Höhe durch güterwirtschaftliche Vorgänge bestimmte Größe verstanden. Diese Ansicht lässt sich am besten aus der gesamtwirtschaftlichen Theorie der Klassiker erklären. Geht man zunächst von einer Wirtschaft aus, in der nur Konsumgüter produziert werden und in der die Haushalte ihr ganzes Einkommen für den Kauf von Konsumgütern ausgeben, so präsentiert sich der volkswirtschaftliche Geldkreislauf in sehr einfacher Form. Das gesamte Einkommen wird für Konsumzwecke verwendet, der Einkommenstrom ist wertmäßig immer gleich dem Ausgabenstrom. 94 IV. Zinstheorie In der Realität verwenden jedoch die Haushalte nicht ihr gesamtes Einkommen für den Kauf von Konsumgütern; die (positive) Differenz zwischen Einkommen und Konsumausgaben bezeichnet man allgemein als Sparen. Vom Geldkreislauf her gesehen stellt sich das Sparen zunächst als Nachfrageausfall dar. Auf der anderen Seite entfalten die Unternehmen Nachfrage nach Kredit, um ihre Investitionen finanzieren zu können; in der Kreislaufbetrachtung bewirkt die (befriedigte) Kreditnachfrage der Unternehmungen eine Erweiterung des Kreislaufstromes. Nach Ansicht der Klassiker ändern Sparen und Investieren nichts an der Tatsache, dass der Kreislaufstrom in Höhe der gesamten Einkommen durch die Nachfrage erhalten bleibt (Saysches Theorem). Das erklärt sich daraus, dass der Vorgang des Sparens in diesem Konzept zwei Vorgänge umfasst: Zum einen den Konsumverzicht, zum anderen aber das Angebot der nicht für Konsumgüter ausgegebenen Einkommensteile auf den Kreditmärkten. (Diese Auffassung ist also strikt von der heute allgemein üblichen Terminologie zu unterscheiden, nach der der Begriff Sparen nur den Konsumverzicht umfasst, ohne Rücksicht darauf, was mit den „ersparten‘‘ Mitteln weiter geschieht.) Die auf den Kreditmärkten angebotenen Geldmittel werden von den Unternehmen nachgefragt, die damit Investitionen finanzieren, d.h. Kapitalgüter kaufen. Das Sparen verändert danach den gesamten Geldkreislauf nicht, an die Stelle der Nachfrage nach Konsumgütern tritt gesamtwirtschaftlich gesehen lediglich eine Nachfrage nach Investitionsgütern. Sparen bedeutet also keinen Nachfrageausfall, sondern über die entsprechenden Investitionen nur eine Nachfrageverschiebung. Einkommenszahlungen Unternehmen Haushalte Konsumausgaben Investitionen Sparen Kreditmarkt Abb. IV.2 Diese Gleichheit von Sparen und Investieren wird nach klassischer Auffassung durch den Zins hergestellt. Es lassen sich somit zwei zentrale Elemente zur Erklärung des Zinsphänomens ableiten, nämlich: einerseits die Entscheidung der Haushalte über die intertemporale Verteilung ihres Konsums und andererseits die Investitionsentscheidung der Unternehmer. Im Ausgangspunkt der Überlegung besitzen Haushalte eine Gütermenge T, welche sie in vollem Umfang über zwei Perioden t0 und t1 verbrauchen wollen. Dabei wird angenommen, dass die Haushalte aus einer größeren Konsummenge einen größeren Nutzen ziehen (positiver Grenznutzen). Allerdings nimmt der Nutzenzuwachs mit zunehmendem Güterverbrauch ab (abnehmender Grenznutzen). Über einen Zwei-Perioden-Zeitraum gesehen, erweist sich somit ein vollständiger Verbrauch der Gütermenge in der Ausgangsperiode für die Konsumenten als nicht optimal; sie werden einen Teil der Gütermenge in die zweite Periode verlagern und erst dann verbrau- 2. Die Auffassung der Klassiker 95 chen wollen. Würde es sich beim Gut um ein unverderbliches Gut handeln, so könnte die unverbrauchte Menge des Gutes beispielsweise einfach gelagert werden. Wohlfahrtsteigernd jedoch wäre es, einen intertemporalen Tausch der Gütermengen auf dem Kreditmarkt vorzunehmen. Das intertemporale Austauschverhältnis wird der relativen Wertschätzung der Konsumenten hinsichtlich der Verfügbarkeit über die Gütermengen entsprechen. Es ist zu erwarten, dass Konsumenten jetzt verfügbaren Gütern (bzw. der jetzt verfügbaren Kaufkraft über Güter!) einen höheren Wert beimessen als gleichen, aber erst zu einem späteren Zeitpunkt verfügbaren. Man spricht in diesem Zusammenhang auch von einer positiven Zeitpräferenzrate. Diese impliziert eine Höherschätzung der gegenwärtigen Bedürfnisbefriedigung bzw. eine Unterschätzung späterer Bedürfnisse, die ihren Grund in der Unsicherheit haben mögen, die aus der Begrenztheit des Lebens resultiert. Die Konsumenten werden also mehr Güter (nämlich G1) zurückbekommen wollen als sie heute aufgeben (G0): (5) G1/G0 Ë 1 + i = P+/P Graphisch lässt sich das Austauschverhältnis G1/G0 in einem Zwei-Periodendiagram als fallende Gerade G0/G1 darstellen (siehe Abbildung IV.3), welche die Tauschmöglichkeiten der Konsumenten auf dem Kreditmarkt widerspiegelt (Marktgerade). Die absolute Steigung der Gerade beträgt (1+i). G0C0 G1 T' U' C1 T E U Abb. IV.3 Die Indifferenzkurve UU’ kennzeichnet verschiedene Kombinationen von Gütermengen in den Perioden t0 und t1, denen die Konsumenten dieselbe Wertschätzung entgegenbringen; dabei zeigt eine größere Entfernung vom Ursprung eine höhere Wertschätzung an. Zudem weisen die Indifferenzkurven wegen des bereits erwähnten abnehmenden Grenznutzen des Konsums einen konvexen Verlauf auf. Der optimale Verbrauch in den zwei Perioden C0 und C1 wird durch den Punkt E gekennzeichnet, in dem die zeitliche Präferenzrate der Konsumenten gerade dem Marktzinssatz entspricht. Die nicht konsumierten Güter (t-C0) können über den Kreditmarkt Unternehmen ausgeliehen werden. 96 IV. Zinstheorie Unternehmen besitzen durch Investitionen in Sachkapital die Möglichkeit Gütermengen intertemporal zu transferieren. Produktive Einsatzmöglichkeiten, von I. Fischer „opportunities to invest“ genannt, lassen Güterproduzenten eine heute verfügbare Einheit eines Gutes höher als eine später verfügbare Einheit des gleichen Gutes bewerten. Die TT’-Kurve bildet diese Investitionsmöglichkeiten ab. Jedoch nicht alle Investitionsprojekte versprechen die gleiche Ertragsraten, was eine konkave Krümmung der Kurve zur Folge hat. Vom Punkt T ausgehend, sind die Projekte nach fallendem Ertrag sortiert. Die Unternehmen werden, eine Teilbarkeit der Projekte vorausgesetzt, im Interesse eines maximalen Gewinns die Projekte mit den höchsten Ertragsraten zuerst durchführen. Die Güterproduzenten investieren daher, bis die Ertragsrate auf Sachinvestitionen des letzten realisierten Projektes mit dem von den Haushalten geforderten Zins am Kreditmarkt übereinstimmt, also im Umfang T-C0. Der Ertrag dieser Investitionsprojekte entspricht dem gewünschten Konsum der Haushalte in zweiten Periode, C1. Insgesamt ergeben sich nun zwei Bestimmungsgründe für die Zinshöhe im Gleichgewicht: Zusammengenommen können die zeitliche Präferenz der Konsumenten und die Ertragsrate auf Sachinvestitionen erklären, warum Wirtschaftssubjekte bereit sind, für einen Kredit Zinsen zu bezahlen, macht es die Kreditaufnahme doch möglich, die heutige Verfügbarkeit von Gütern zu erweitern. Aus Abbildung IV.3 wird deutlich, dass bei einer Zunahme der Steigung der Marktgerade, also einer Erhöhung des Zinssatzes, weniger Investitionsprojekte ertragreich genug sind, um realisiert zu werden. Erfolgt eine schrittweise Erhöhung des Zinssatzes, erhält man eine negativ geneigt Investitionsfunktion, welche die inverse Beziehung zwischen Investitionen (I) und der Zinshöhe (i) abbildet: (6) I Ë I (i). Überträgt man denselben Gedankengang einer schrittweisen Zinserhöhung auf die Konsumentscheidung der Haushalte, so ist das Ergebnis a priori auf Grund der Gegenläufigkeit des Einkommens- und Substitutionseffektes unbestimmt. Die klassische Theorie unterstellt eine Dominanz des Substitutionseffektes, weswegen umso weniger konsumiert wird, je höher der Zins liegt. Oder umgekehrt, die Ersparnis (S) steigt mit der Zinshöhe: (7) S Ë S (i). Zins Angebot an bzw. Nachfrage nach Ersparnissen I1 S1 S2 O i1 i2 Abb. IV.4 2. Die Auffassung der Klassiker 97 Der Zins i1 in Abb. IV.4 ist ein Gleichgewichtspreis, da er Angebot (S) und Nachfrage nach Ersparnissen (I) zum Ausgleich bringt. Kommt es zu einer Verschiebung einer oder beider Kurven, muss sich im Normalfall auch der Zins ändern. Eine Erhöhung der Sparneigung in der Volkswirtschaft führt also beispielsweise zu einem niedrigeren Zins (i2), bei dem sich Angebot und Nachfrage nach Ersparnissen gerade wieder entsprechen. Für das Gleichgewicht gilt somit: (8) I (i) Ë S (i). Die Existenz eines Gleichgewichts dieser Art setzt offensichtlich voraus, dass es immer einen positiven Zinssatz gibt, bei dem Angebot und Nachfrage nach Ersparnissen zum Ausgleich kommen. Zwei Gründe lassen es jedoch fraglich erscheinen, ob der klassische Zinsmechanismus in der dargestellten Weise funktioniert. Einmal lässt sich ein merklicher Zusammenhang zwischen Ersparnisbildung und Zinshöhe im Allgemeinen nicht nachweisen. So ist es sogar denkbar, dass steigende Zinssätze mit einer Abnahme des Sparens einhergehen, falls der Einkommenseffekt den Substitutionseffekt überlagert. Dies ist etwa dann der Fall, wenn ein Wirtschaftssubjekt durch Zurücklegung von Ersparnissen ein bestimmtes (Zins-)Einkommen anstrebt; dieses Ziel erreicht es bei einem höheren Zins eher, d.h. mit einer geringeren Sparsumme als bei einem niedrigeren Zins. Generell scheint es daher zweckmäßig, von einer weitgehenden Zinsunempfindlichkeit des Sparens auszugehen. Der andere Einwand betrifft die Determinanten der Investitionstätigkeit. Die Erträge einer Investition sind Erträge in der Zukunft; ob sich eine Investition tatsächlich „rentiert‘‘, lässt sich in den allerwenigsten Fällen mit Sicherheit bereits im Augenblick der Investitionsentscheidung voraussehen. Ausschlaggebend für die Kreditnachfrage sind daher die Erwartungen der Unternehmer über die Preis- und Absatzentwicklung, die jedoch erheblichen Schwankungen unterliegen können. In Zeiten des konjunkturellen Abschwungs und extrem pessimistischer Erwartungen kann es folglich sein, dass es keinen positiven Zinssatz gibt, bei dem Angebot und Nachfrage nach Ersparnissen zum Ausgleich kommen. Das Sparen führt dann also zu einem teilweisen Nachfrageausfall, der Kreislauf gerät in einen Schrumpfungsprozess (siehe Abb. IV.5). Zins 0 Angebot an bzw. Nachfrage nach Ersparnissen SI Abb. IV.5 98 IV. Zinstheorie 3. Der Beitrag Knut Wicksells Der schwedische Nationalökonom K. Wicksell entwickelte die klassische Zinstheorie in entscheidender Weise weiter. Er unterscheidet zunächst zwischen folgenden beiden Zinssätzen: (1) Dem Darlehenszins: dies ist der Zins, der sich auf dem Kreditmarkt auf Grund von Angebot und Nachfrage nach Krediten bildet. (2) Dem natürlichen (realen) Zins: dies ist zum einen der Zins, bei dem sich die Nachfrage nach Krediten für Investitionszwecke und das Angebot an Ersparnissen gerade ausgleichen; dieser Zins entspricht zum anderen in etwa der erwarteten Rendite aus den neuen Investitionen. Eine Wirtschaft befindet sich nun im Gleichgewicht, wenn der Darlehenszins gleich dem natürlichen Zins ist; Wicksell spricht dann vom normalen Zins. Die Banken können aber nun durch die Möglichkeit der Geldschöpfung den Darlehenszins unter das Niveau des natürlichen Zinses senken. Ist dies der Fall, werden die Unternehmer bei einem Vergleich der unveränderten Ertragsmöglichkeiten der Investitionen und niedrigeren Zinskosten veranlasst, zusätzlich zum bisherigen Volumen Kredite nachzufragen. Zins 0 A B Kreditangebot, Kreditnachfrage i1 i2 I S S+ M Abb. IV.6 In Abb. IV.6 ist die Erhöhung des Kreditangebots durch die Geldschöpfung der Banken berücksichtigt; neben das Angebot aus Ersparnissen tritt zusätzlich das Kreditangebot, das auf die Ausdehnung der Geldmenge zurückzuführen ist. Das gesamte Kreditangebot wird durch die Kurve S Ê DM verkörpert, der Darlehenszins sinkt dadurch von i1 auf i2. Herrscht in der betreffenden Volkswirtschaft Vollbeschäftigung – von dieser Annahme geht Wicksell aus –, führt die durch die Zinssenkung bedingte zusätzliche Nachfrage der Unternehmer nach Produktionsmitteln zu Preissteigerungen, und zwar zunächst bei den Preisen der Produktionsfaktoren und als Folge davon auch bei den Preisen der produzierten Güter. 3. Der Beitrag Knut Wicksells 99

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Zusammenfassung

Der Klassiker zur Geldtheorie.

Das Lehrbuch zur Geldtheorie

ist eines der erfolgreichsten Bücher dieser Art. Dem Autor Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Otmar Issing, ehemals Direktoriumsmitglied der Europäischen Zentralbank und »Vater des Euro«, gelingt es hervorragend, den aktuellen Stand der modernen Geldtheorie einfach und konzentriert darzustellen. Der Band gibt den Studenten eine hilfreiche Orientierung in der Diskussion zwischen Keynesianern, Monetaristen und Liquiditätstheoretikern.

Geldtheorie aktuell

Die Neuauflage enthält unter anderem Ausführungen zu

* den wichtigsten Entwicklungen der Kreditmarkttheorie

* dem Einfluss der Finanzmarktkrise auf den Geldmarkt und

* dem Zusammenhang von Finanzmarktkrise und Liquidität.

Im Überblick

* Das Geld

* Die Nachfrage nach Geld

* Das Geldangebot

* Zinstheorie

* Geldmenge, monetäre Nachfrage, Preisniveau und Beschäftigung

* Die Liquidität

* Inflationstheorie