Zweiter Teil: Mikroökonomie in:

Artur Woll

Volkswirtschaftslehre, page 72 - 276

16. Edition 2011, ISBN print: 978-3-8006-3835-2, ISBN online: 978-3-8006-4314-1, https://doi.org/10.15358/9783800643141_72

Series: Vahlens Handbücher der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften

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Zweiter Teil Mikroökonomie A. Produktmärkte 4. Kapitel: Fundamente der Analyse I. Elementare Analyse der Nachfrage und des Angebots Haushaltsnachfrage Gegenstand der Mikroökonomie - Hypothesen - Beziehungen zwischen Menge und Preis - Implikationen der Haushaltsnachfragekurve - Reaktionszeit der Nachfrager - Komplementär- oder Substitutionsbeziehungen - Einkommensabhängigkeit der Nachfrage - Präferenzen - Vermögen - Marktnachfrage - Verteilung des Einkommens und Vermögens - Bevölkerung - Änderungen der nachgefragten Menge - Änderungen (Verschiebungen) der Nachfragekurve Unternehmensangebot Hypothesen - Beziehungen zwischenMenge und Preis -Wirkungen der übrigen Einflußfaktoren - Änderungen der angebotenen Menge - Änderungen (Verschiebungen) der Angebotskurve II. Gleichgewicht und Wirkungen der Verschiebungen von Nachfrage- und Angebotskurven Gleichgewicht im Polypol Annahmen - Bestimmung des Gleichgewichts „Gesetze“ der Nachfrage und des Angebots Kurvenverschiebungen - „Gesetze" von Nachfrage und Angebot " III. Elastizitäten Direkte Preiselastizität Definition der Nachfrageelastizität - Graphische Bestimmung - Eigenschaften - Nachfrageelastizität und Grenzausgaben - Angebotselastizität Indirekte Nachfrage- und Einkommenselastizitäten Kreuzpreiselastizität - Einkommenselastizität - Übersicht Einflußfaktoren und typische Elastizitäten Determinanten der direkten Nachfrageelastizität - Güterklassen I. Elementare Analyse der Nachfrage und des Angebots Haushaltsnachfrage Primärer Gegenstand der Mikroökonomie ist die Abstimmung individueller Pläne, insbesondere durch die Preisbildung, auf den Produkt- und Faktormärkten. Für die Produktmärkte werden exemplarisch die Konsumgütermärkte behandelt. Preisbildung und Wettbewerb auf den Produktmärkten verdienen vorrangiges Interesse, weil hauptsächlich sie die Erzeugung lenken. Produktmärkte sollen deswegen zuerst behandelt werden (4.-8. Kap.). Am Beginn steht eine Analyse der Entscheidungen vonHaushalten und Unternehmen. Das Ergebnis der Individualanalyse sind Haushaltsnachfrage- und Unternehmensangebotsfunktionen, die zur Gesamtnachfrage eines Marktes (Marktnachfrage) oder zum Gesamtangebot (Marktangebot) zusammengefaßt werden, um damit Verlauf und Ergebnis der Preisbildungsprozesse auf den Produktmärkten erklären zu können. Bei der Analyse der Faktormärkte (9.-11. Kap.) wird analog verfahren. Die Theorie der individuellen Nachfrage des Haushalts nach einem Gut basiert auf folgenden Hypothesen: Die nachgefragte Menge ( = quantity; = demand) eines beliebigen Gutes pro Zeiteinheit ist abhängig vom Preis dieses Gutes ( ); vom Preis anderer Güter ( ,..., ); vom Einkommen des Haushalts ( ); von der Nutzeneinschätzung der Güter, der Bedürfnisstruktur ( = utility); vom Vermögen des Haushalts ( = wealth). In der Funktionsschreibweise kann man diese Hypothesen wie folgt zusammenfassen: (4.1) . Sowohl in der Analyse als auch im Test der einzelnen Hypothesen lassen sich Fehlschlüsse nur vermeiden, wenn die Wirkungen jeweils aller übrigen Einflußfaktoren ausgeschlossen werden (ceteris paribus-Klausel). Symbole der Einflußfaktoren, die konstant bleiben sollen, werden mit einem Querstrich versehen. Die Nachfragefunktion, die die Abhängigkeit der Menge eines Gutes ceteris paribus von seinem Preis angeben soll, kann in den Formen (4.2 a) oder (4.2 b) geschrieben werden. Die Funktionen (4.2 a) und (4.2 b) stehen für eine Anzahl von Funktionsgleichungen, die ganz unterschiedliche Beziehungen zwischen Menge und Preis eines Gutes enthalten. Die in ihnen zumAusdruck kommendeHypothese kann durch die Angabe spezifiziert werden, ob Preis und Menge in einer stetig fallenden oder stetig steigenden Funktion einander zugeordnet sind (Richtung der Beziehung). Der empirisch weitaus häufigere Fall ist der erste. Weil normalerweise die gewünschte Menge pro Zeiteinheit um so größer sein wird, je geqd q d n t pn p1 pn 1– y u w qn d/t f pn p1 ... pn 1– y u w, , , , , ,( )= qn d/t f pn p1 ... pn 1– y u w, , , , , ,( )= qn d/t f pn( )= 66 Zweiter Teil. Mikroökonomie ringer der Preis ist (und umgekehrt = et vice versa), bezeichnet man ihn auch als normale Reaktion (Fig. 4-1.I.) und im Gegensatz dazu den zweiten Fall als anomale Reaktion (Fig. 4-1.II.). Fig. 4-1: Haushaltsnachfragekurven ( ) In Fig. 4-1 ist - entgegen dem üblichen Verfahren in der analytischen Geometrie - für die unabhängige Variable ( ) die Ordinate, für die abhängige Variable ( ) die Abszisse gewählt worden, weil diese Darstellungsweise seit MAR- SHALL in der Preistheorie allgemein üblich geworden ist. In Fig. 4-1.I.würde der Haushalt zum Preis die Menge , zum höheren Preis die geringere Menge pro Zeiteinheit nachfragen. Fig. 4-1.II. stellt jene Fälle dar, bei denen trotz eines höheren Preises eine größere Menge gewünscht wird, wie etwa die Kartoffel- oder Brotnachfrage bei Haushalten mit sehr niedrigen Einkommen (GIFFEN-Fall) oder die Nachfrage nach solchen Gütern, mit denen man seine Wohlhabenheit demonstriert (VEBLEN-Fall). Mit den in Fig. 4-1 typisierten Reaktionen sollen Grenzfälle (z. B. parallel zur - oder -Achse verlaufende Kurven oder Kurvenabschnitte) nicht ausgeschlossen werden; das trifft mutatis mutandis (=mit den nötigen Abänderungen) auch für die später erörterten Einflußgrößen zu. Die Aussagen gelten nur unter der ceteris paribus-Klausel. Wenn entgegen den Annahmen gleichzeitig die Einkommen wachsen, können bei steigenden Preisen auch größereMengen gewünscht werden, ohne daß eine "anomale" Reaktionsweise nach Fig. 4-1.II. vorzuliegen braucht. Hierauf wird bei der Behandlung von Kurvenverschiebungen noch eingegangen. Die in Fig. 4-1 dargestellten stetigenHaushaltsnachfragekurven implizieren, daß der Bedarf eines Haushaltes kontinuierlich auftritt undMengenvariationen zuläßt. Die Haushaltsnachfrage nach Waschmaschinen oder Kühlschränken dürfte wohl kaum einen dieser Verläufe haben. Denn von einemHaushalt werden solche Güter wegen ihrer langen Nutzungsdauer weder kontinuierlich noch zu alternativen Preisen in unterschiedlichen Mengen nachgefragt. Für langlebige Konsumgüter existieren zwar Markt-, aber keine Haushaltsnachfragekurven. Anders verhält es sich mit Gütern des täglichen Bedarfs, die zumeist einen Konsum unterschiedlicher Mengen pro Zeiteinheit zulassen (Brot, Fleisch, Bier). Die Angabe von Mengen-Preis-Relationen der Haushalte kann nur für ein Gut erfolgen, das nach Art und Qualität während der Dauer der Zeitperiode bestimmt ist. Hiermit ist ein wichtiges und zugleich unlösbar schei- D pn qn d pn' qn' pn'' qn'' q p 4. Fundamente der Analyse 67 nendes Problem der herkömmlichen Preisbildungstheorie angesprochen. Mit der Möglichkeit, den Gutsbegriff adäquat zu definieren, steht und fällt die Möglichkeit, den Markt in sachlicher Hinsicht, das heißt nach Gütern, abzugrenzen und die Marktformenlehre (3. und 7. Kap.) zur Erklärung der Preisbildung heranzuziehen. Die Schwierigkeiten einer adäquaten Gutsdefinition zeigen sich z. B. darin, daß es für verschiedene Zwecke sinnvoll sein kann, einmal von der Energie (Kohle, Strom, Gas, Erdöl) als einem Gut und seiner Nachfrage (Energienachfrage) zu sprechen, zum anderen von der Steinkohle (der Steinkohlenachfrage) oder der Braunkohle (der Braunkohlenachfrage). Deshalb ist in der Praxis ebenso häufig von der Preisbildung am Energiemarkt die Rede, wie von der am Markt für Steinkohle oder Braunkohle. Noch schwieriger wird das Abgrenzungsproblem, wenn es sich um Produkte handelt, die in ihrer technisch-physikalischen Eigenschaft ähnlich sind und kaum Unterschiede in der Qualität aufweisen, von den Verbrauchern aber infolge der Werbung als verschiedenartige Güter angesehen werden können, wie bei Zahnpasten, Benzin und Waschmitteln. Im Schrifttum bezeichnet man sie als heterogene Güter, obwohl es Argumente gibt, die es zweckmäßig erscheinen lassen, von der Zahnpasta als einem einzigen, homogenen Gut zu sprechen. Offensichtlich ist es schwierig, objektive Unterscheidungskriterien zu finden, die allen Ansprüchen genügen. Die bisherigen Versuche, den spezifischen Gutsbegriff adäquat zu definieren, sind dementsprechend unbefriedigend. Man versucht deshalb, das Abgrenzungsproblem durch Weiterentwicklung der Preisbildungs- zur Wettbewerbstheorie zu umgehen (8. Kap.). Ein anderer Versuch ist das hier nicht behandelte Konzept relevanter Gütereigenschaften. DieWahl der Zeitperiode ist für die in Fig. 4-1 dargestellten Zusammenhänge von nicht zu unterschätzender Bedeutung. Je dauerhafter eine Preisänderung auftritt, um so größer dürfte gewöhnlich die Änderung in der Mengennachfrage sein, weil der Konsument sein Verhalten viel stärker an dauerhaften als an vorübergehenden Erscheinungen orientiert und deshalb längerfristig Substitutionsmöglichkeiten in Betracht zieht, die kurzfristig nicht existieren, nicht bekannt sind oder nicht beachtet werden. Es gibt eineReaktionszeit der Nachfrager für Verhaltensanpassungen (Fig. 4-2). Untersucht man ceteris paribus den Einfluß der Preise anderer Güter ( ,..., ) auf die nachgefragte Menge ( ), also (4.3) , ist es naheliegend, zunächst nach den möglichen Beziehungen zwischen verschiedenen Gütern zu fragen. Drei Fälle lassen sich unterscheiden. In den Augen der Nachfrager können sich zwei Güter ergänzen (Pfeife und Tabak, Tennisschläger und Tennisball), ersetzen (Butter und Margarine, Wein und Bier) oder überhaupt nicht beeinflussen (Pfeffer und Babywäsche). Im ersten Fall spricht man von komplementären, im zweiten von substitutiven oder konkurrierenden und im dritten Fall von indifferenten Gütern. p1 pn 1– qn d/t qn d/t f pn p1 ... y u w, , , , ,( )= 68 Zweiter Teil. Mikroökonomie Fig. 4-2: Zeitliche Reaktion der Nachfrager Komplementär- oder Substitutionsbeziehungen ergeben sich aus der Art der Bedürfnisse und hängen überdies von der Gutsdefinition ab. Substitutionsbeziehungen bestehen nicht selten zwischen ähnlichen Gütern (Zigarillo und Zigarre) oder gleichen Gütern unterschiedlicher Qualität und Beschaffenheit (Strümpfe erster und zweiterWahl, Brasil- und Sumatrazigarren, Omo und Persil). Sind die Güter nicht indifferent, dannwirken Änderungen des Preises eines Gutes ( ) auf die nachgefragteMenge des untersuchten Gutes ( ) ein. Die in (4.3) mit den Preisen ,..., in Betracht gezogenen Güter stehen zum Gut also entweder in substitutiver oder komplementärer Beziehung. Durch die Definition indifferenter Güter - keine Preis-Mengen-Beziehung werden andere Einflüsse nicht ausgeschlossen. So können, wie noch näher erläutert wird (5. Kap.), auch zwischen indifferenten Gütern Einkommenseffekte wirken: Bei steigenden Preisen verringert sich die reale Kaufkraft eines gegebenen Nominaleinkommens, da mit diesem nach der Preiserhöhung nur noch eine geringere Gütermenge als vorher gekauft werden kann. Wenn die Erhöhung von die nachgefragte Menge indifferenter Güter beeinflußt, so indirekt über den Einkommenseffekt. Welches sind die Preis-Mengen-Beziehungen zwischen komplementären und substitutiven Gütern? Steigt bei einer gegebenen Nachfrage (Bedürfnisstruktur) der Preis eines Gutes (angebotsinduzierte Preiserhöhung), wird bei normaler Reaktion ceteris paribus dessen nachgefragteMenge fallen, ebenso die gewünschteMenge eines dazu komplementären Gutes ( ) (Fig. 4-3.I.). Stünden die beiden Güter und in substitutiver Beziehung, würde bei einer gegebenen Nachfrage (Bedürfnisstruktur) für das Gut die Menge steigen oder fallen, je nachdem, ob der Einkommenseffekt den Substitutionseffekt überwiegt oder nicht (vgl. 5. Kap.). Erhöht sich der Preis für Pfeifentabak (Gut ), wird nicht nur die nachgefragte Menge für Pfeifentabak, sondern auch die für Tabakpfeifen (Komplementärgut) zurückgehen, die nachp i pi q d n qn d p1 pn 1– n pi i qi d n qn d i n i qn d i 4. Fundamente der Analyse 69 gefragte Menge für Zigaretten (Substitutionsgut) kann dagegen steigen (Fig. 4- 3.II.) oder - bei Dominanz des Einkommenseffektes - fallen (Fig. 4-3.I.). Die dargestellten Zusammenhänge setzen voraus, daß die Preisänderungen des Gutes angebotsinduziert sind (Verschiebungen der Angebotskurve), das heißt die Bedürfnisstruktur unverändert bleibt (gegebene Nachfragekurve). Der Verlauf der Kurven informiert über die Stärke der jeweiligen Beziehungen zwischen den Gütern in den Augen der Konsumenten. Je steiler die Kurven verlaufen, um so schwächer sind die Beziehungen der Güter untereinander. So würde sich bei einer Preiserhöhung von die Menge des Substitutionsgutes im Fall stärker ändern ( ) als im Fall ( ). Für ist also die Substitutionswirkung größer als für (Fig. 4-3.II.), was sich auch durch Berechnung vergleichbarer Werte der Substitutionselastizität ausdrücken läßt (Abschn. III dieses Kap.). Für komplementäre Beziehungen gilt mutatis mutandis dasselbe. Der Grenzfall beider Beziehungen ist die Indifferenz. Fig. 4-3: Komplementäre und substitutive Mengen-Preis-Beziehungen Betrachtet man in einer bestimmten Zeitperiode ceteris paribus die Einkommensabhängigkeit der Nachfrage, die Beziehungen zwischen der Nachfragemenge ( ) und dem Einkommen des Haushalts ( ), also (4.4) , wird man oft feststellen können, daß mit steigendem Einkommen die nachgefragte Menge zunimmt (Nichtsättigungsgut). Diese Mengenzunahme setzt sich jedoch nicht bei jedem Gut beliebig fort, weil in einer Zeiteinheit eine Sättigung eintreten kann; wer bei gestiegenem Einkommen in der Lage ist, statt bisher 10 nunmehr 20 Zigaretten pro Tag zu rauchen, wird vielleicht auch dann nicht mehr Zigaretten rauchen, wenn sein Einkommen weiter steigt (Sättigungsgut). Mit steigendem Einkommen kann die nachgefragte Menge zurückgehen, wenn das bisher konsumierte Gut durch ein anderes substituiert wird. Güter, deren Nachfragemenge bei steigenden Einkommen absolut fällt, bezeichnet man als i Δpi qn D Δqn D' Δq'n D D' qn d y qn d/t f pn p1 ... y u w, , , , ,( )= 70 Zweiter Teil. Mikroökonomie inferiore (= minderwertige) Güter. Ihre Substitute könnte man superiore (= höherwertige) Güter nennen. Ein Gut gilt erst von einer bestimmten Einkommenschwelle an als inferior (Fig. 4-4). Fig. 4-4: Mengen- und Einkommen-Beziehungen Alle Bedürfnisse sind individuell verschieden. Die jeweiligen Haushalte entfalten auch dann, wenn ihre objektiven Daten - wie Preise und Einkommen gleich sein sollten, eine unterschiedliche Nachfrage nach einem bestimmten Gut. Ein Grund für diese Erscheinung sind abweichende Einschätzungen der Güter durch jeden einzelnen Konsumenten, seine Präferenzen ( ). Unter sonst gleichen Umständen werden von einem Raucher mehr Zigaretten pro Tag nachgefragt als von einem Raucher , sofern ein größeres Bedürfnis nach diesem Gut hat als . Vom Standpunkt einer empirisch prüfbaren Theorie ist eine derartige Aussage voller Probleme, weil es kaum brauchbare Ansätze für Testverfahren über Präferenzen gibt. Ein weiterer Grund für individuelle Unterschiede in der Nachfrage ist die Existenz vonVermögen ( ). Wer über ein größeres Vermögen verfügt, wird in der Regel eine andere Bedürfnisstruktur haben als ein vermögensloser Nachfrager. Da Vermögen (z. B. Haus- oder Wertpapiereigentum) eine Einkommensquelle darstellt, ist das Einkommen aus Vermögen in der Größe y bereits erfaßt. Die Höhe der Vermögen dürfte sich darüber hinaus auch auf die Präferenzen auswirken und über sie Einfluß auf die Ausgabenentscheidungen haben. Doch unabhängig davon sind die Reaktionen der Nachfrager deshalb verschieden, weil Art und Umfang ihres Vermögens - und damit die erwarteten Einkommen - voneinander abweichen. Addiert man die jeweils zu alternativen Preisen von allen Haushalten nachgefragten Mengen eines Gutes, erhält man die zu diesen Preisen gewünschte Gesamtmenge, die Marktnachfrage. Man sagt, die individuellen Nachfrageu A B A B w 4. Fundamente der Analyse 71 kurven (Fig. 4-1) werden zur Gesamtnachfragekurve horizontal aggregiert. Bei der geometrischen Konstruktion sind nur die unterschiedlichen Mengen ( ), nicht die zu ihnen gehörenden Preise, zu addieren. Zur Vereinfachung der Zeichnung wird unterstellt, es gebe nur 2 Haushalte (Fig. 4-5). Die Aggregation von Kurven, die unter der ceteris paribus-Klausel gewonnen wurden, wirft schwierige methodische Probleme auf, die hier nicht erörtert werden können. Die Ursache der Schwierigkeiten ist, daß bei einer Aggregation sich Einflußfaktoren ändern, die durch die ceteris-paribus-Klausel ausgeschaltet worden sind. Solche Schwierigkeiten treten nur dann nicht auf, wenn die Nachfrage eines Haushalts und die Marktnachfrage identisch sind (Monopson) oder das Angebot eines Unternehmens und das auf einemMarkt sich decken (Monopol); darauf wird später eingegangen. Fig. 4-5: Aggregation der Haushaltsnachfragekurven Über die Determinanten der individuellenNachfrage hinaus weist dieMarktnachfrage noch zwei weitere Einflußfaktoren auf: die Verteilung des Einkommens und Vermögens auf die Haushalte ( = distribution). Da die bestehende Einkommens- und Vermögensverteilung die soziale Rolle der Verbraucher und ihre sozial bedingten Einkommensentscheidungen beeinflußt, dürfte bei einer ungleichmäßigen Verteilung die Marktnachfrage anders aussehen als bei ihrer Nivellierung; mit einer Änderung der Verteilung wird die Nachfrage nach einigen Gütern steigen, nach anderen fallen. Das gilt unabhängig von den direkten Einkommens- und Vermögenseffekten, die oben diskutiert wurden. die Größe der kaufkräftigen Bevölkerung, genauer: die Anzahl der ein bestimmtes Gut nachfragenden Haushalte ( ). Die Zahl der Haushalte wirkt sich zwar auf das bereits erfaßte Einkommen aus, bestimmt aber auch die Struktur der Nachfrage. Nach den dargestellten Hypothesen wird also die individuelle Nachfrage eines Gutes von fünf, die Marktnachfrage von sieben Größen bestimmt. Obwohl die Größen als voneinander unabhängig behandelt werden, bestehen zwischen ihnen gewisse Beziehungen (Interdependenzen); so kann sich mit dem Preis ( ) die Präferenz ( ) ändern. Im konkreten Fall ist deshalb stets zu prüfen, ob sich die ceteris paribus-Klausel aufrecht erhalten läßt. Symbolisiert man die Determinanten, die für alle Haushalte zusammengefaßt (aggregiert) werden und als qn d D B p u 72 Zweiter Teil. Mikroökonomie unabhängige Variablen der Marktnachfragefunktion auftreten, durch Großbuchstaben, ergibt sich für die Marktnachfrage nach einem Gut pro Zeiteinheit in Abhängigkeit vom Preis dieses Gutes: (4.5 a) oder (4.5 b) . Wird untersucht, welche Wirkungen von Veränderungen der Einflußfaktoren auf die am Markt nachgefragte Menge ausgehen, müssen zwei Effekte scharf voneinander unterschieden werden: Bewegungen auf einer gegebenen Kurve. Sie liegen immer dann vor, wenn sich die unabhängige Variable ceteris paribus ändert (z. B. wenn in Fig. 4-1, bzw. Gleichung (4.2) oder (4.5) steigt). Hier spricht man vonÄnderungen der nachgefragten Menge. Verschiebungen einer Kurve. Sie ergeben sich dann, wenn die Parameter einer Funktion, das sind hier die bis dahin konstant gehaltenen unabhängigen Variablen, andere Werte annehmen. Die der Funktion (4.5) entsprechende Nachfragekurve wird sich in folgenden Fällen nach rechts verschieben: bei Preissteigerungen eines substitutiven Gutes (man weicht auf das Konkurrenzprodukt aus); bei Preissenkungen eines komplementären Gutes (man fragt mehr von diesem Gut und seinem Komplement nach); bei steigenden realen Einkommen (zu einem gegebenen Preis wird eine größere Menge nachgefragt); bei jenen Änderungen der Bevölkerungszahl (steigende Zahl der Nachfrager), der Gütereinschätzungen sowie der Einkommens- und Vermögensverteilung, die sich nachfragesteigernd auswirken. In solchen Fällen spricht man von Änderungen (oder Verschiebungen) der Nachfragekurve oder kurz: der Nachfrage (Fig. 4-6). Fig. 4-6: Verschiebungen der Nachfragekurve qn d 1+2/t f pn p1 ... pn 1– Y U W D B, , , , , , , ,( )= qn d 1+2/t f pn( )= pn 4. Fundamente der Analyse 73 Analoge Fälle gelten für Kurvenverschiebungen nach links. Beide Ursachengruppen sind inÜbers. 4-1 zusammengefaßt. Es lassen sich also die Wirkungen der verschiedenen Einflußfaktoren im Preis-Mengen-Diagramm darstellen: als Bewegung auf einer unveränderten Nachfragekurve, als Drehung oder als Verschiebung der Nachfragekurve. Übers. 4-1: Ursachen einer Verschiebung der Nachfragekurve Unternehmensangebot Das Güterangebot eines Unternehmens kann analog zur Haushaltsnachfrage bestimmt werden. Auch dafür gibt es eine Anzahl von Hypothesen über die Abhängigkeit der angebotenen Menge ( = supply) eines beliebigen Gutes pro Zeiteinheit von bestimmten Einflußgrößen. Danach wird die angebotene Menge bestimmt durch den Preis dieses Gutes ( ); die Preise der übrigen Güter ( ,..., ); die Preise der Produktionsfaktoren ( ,..., ); die Ziele des Anbieters, insbesondere solche, die den Gewinn betreffen ( = profit); den Stand des angewandten technischen Wissens ( ). Daraus folgt die individuelle Angebotsfunktion (4.6) . Werden die Beziehungen zwischen Menge und Preis des angebotenen Gutes ceteris paribus untersucht, nimmt (4.6) die Form an: (4.7 a) oder (4.7 b) . Art der Kurvenverschiebung Steigerung ( --> ) Senkung ( --> ) ⇒ Einkommen steigt ⇒ Preissteigerung beim Substitutionsgut ⇒ Preissenkung beim Komplementärgut ⇒ Höherschätzung des Gutes ⇒ Nachfragesteigernde Änderung der Einkommens- und Vermögensverteilung ⇒ Steigende Zahl der Nachfrager ⇒ Einkommen fällt ⇒ Preissenkung beim Substitutionsgut ⇒ Preissteigerung beim Komplementärgut ⇒ Minderschätzung des Gutes ⇒ Nachfragesenkende Änderung der Einkommens- und Vermögensverteilung ⇒ Sinkende Zahl der Nachfrager D0 D1 D0 D2 qs s n t pn p1 pn 1– l1 lm Pr T qn s /t f pn p1 ... pn 1– l1 ... lm Pr T, , , , , , , ,( )= qn s /t f pn p1 ... pn 1– l1 ... lm Pr T, , , , , , , ,( )= qn s /t f pn( )= 74 Zweiter Teil. Mikroökonomie Die angebotene Menge des Gutes pro Zeiteinheit ist um so größer, je höher der Preis ist (Fig. 4-7.I.). Auch diese Hypothese gilt nicht für alle Bereiche. In einigen Fällen kann man empirisch einen anderen Verlauf der Angebotskurve feststellen. In der Landwirtschaft ist es nicht selten, daß die Ernte eines nicht lagerfähigen Produkts (Erdbeeren, Pflaumen) an einem Markttag zu jedem Preis angeboten wird, der mindestens noch die Vermarktungskosten (Löhne der Pflücker, Transport- und Verpackungskosten) deckt, so daß ganz kurzfristig konstant ist. In solchen Fällen verläuft die Angebotskurve parallel zur Ordinate (Fig. 4-7.II.). Fig. 4-7: Unternehmensangebotskurven ( ) Die Berücksichtigung der Periodenlänge führt zu den gleichen Schlüssen wie bei der Haushaltsnachfrage. Langfristig verläuft die Angebotskurve flacher als mittel- oder gar kurzfristig. Das hat seinen Grund in der oft mangelhaften Flexibilität des Produktionsapparates. Die Angebotskurve könnte bei kurzfristiger Betrachtung den in Fig. 4-7.II. dargestellten Verlauf haben, wenn im Betrachtungszeitraumweder eine Produktions- noch eine Lageränderung als Reaktion auf sich ändernde Preise möglich ist. Fig. 4-8: Verschiebungen der Angebotskurve qn s S 4. Fundamente der Analyse 75 Die Wirkungen der übrigen Einflußfaktoren seien nur kurz erwähnt. Das Angebot hängt nach der zweiten Hypothese von den Preisen der übrigen Güter ab. Steigen die Preise anderer Güter, jedoch nicht der Preis des angebotenen Gutes, ist die Produktion des angebotenen Gutes relativ weniger profitabel als vorher. Ceteris paribus führt eine Preissteigerung anderer Güter zu einem Angebotsrückgang des nicht im Preis gestiegenen Gutes et vice versa, sofern die produktionstechnischen Bedingungen dafür gegeben sind. Das Angebot wird nach der dritten Hypothese auch durch die Faktorpreise determiniert. Steigen die Preise der Faktoren, die bei der Produktion des angebotenen Gutes eingesetzt werden, geht die angebotene Menge ceteris paribus zurück, weil die Unternehmer sich verstärkt der Produktion von Gütern zuwenden, deren Faktorpreise nicht oder nicht so stark gestiegen sind oder bei deren Produktion relativ wenig Einsatzmengen teurer gewordener Faktoren benötigt werden. Der Einfluß der unternehmerischen Zielsetzung kann komplexer Natur sein. In dieser Determinante kommen das Ausmaß des Gewinnstrebens, die Marktstrategie, die Risikobereitschaft und der Zeithorizont der Entscheidungen zur Geltung. Die Wirkung von Änderungen der unternehmerischen Zielsetzung auf die angebotene Menge bleibt offen. Hinsichtlich des angewandten technischen Wissens mag der Hinweis genügen, daß technische Verbesserungen wie Faktorpreissenkungen wirken. Für einen gegebenen Faktorpreis erhält man einen qualitativ besseren Faktor oder einen qualitativ gleichen Faktor zu einem geringeren Preis. Übers. 4-2: Ursachen einer Verschiebung der Angebotskurve Aus der Addition der von den Unternehmen zu alternativen Preisen angebotenenMengen erhält man dasMarktangebot (analog zu Fig. 4-5). Die linke Seite von (4.7 a) wird zu , die rechte enthält wiederum die aggregierten Grö- ßen. Dem Leser sollte klar sein, warum solche Preise nicht aggregiert werden dürfen. Ansonsten gelten auch hier die methodischen Bedenken gegen eine Aggregation. Wie bei der Nachfrage sind auch beim AngebotÄnderungen der angebotenen Menge (Bewegung auf einer gegebenen Kurve) und Änderungen (oder Verschiebungen) der Angebotskurve kurz: des Angebots (Fig. 4-8) streng zu unterscheiden (Übers. 4-2). Art der Kurvenverschiebung Steigerung ( --> ) Senkung ( --> ) ⇒ Preissenkung bei anderen Gütern ⇒ Preissenkung bei Einsatzfaktoren ⇒ Angebotssteigernde Änderung der Zielsetzung ⇒ Verbesserung des angewandten technischen Wissens (technischer Fortschritt) ⇒ Hinzutreten von Anbietern ⇒ Preissteigerung bei anderen Gütern ⇒ Preissteigerung bei Einsatzfaktoren ⇒ Angebotssenkende Änderung der Zielsetzung ⇒ Verschlechterung des angewandten technischen Wissens (technischer Rückschritt) ⇒ Ausscheiden von Anbietern S0 S1 S0 S2 qn s 1+2/t 76 Zweiter Teil. Mikroökonomie II. Gleichgewicht und Wirkungen der Verschiebungen von Nachfrage- und Angebotskurven Gleichgewicht im Polypol Nach der getrennten Bestimmung von Nachfrage und Angebot ist es möglich, zu einer beide Marktseiten umfassenden Analyse überzugehen. Es soll zunächst der oft zu beobachtende Fall des Polypols unter den üblichen Annahmen untersucht werden: Von den zahlreichen Teilnehmern auf der Angebotsund Nachfrageseite eines Marktes glaubt keiner, den Preis durch eine entsprechende Mengenpolitik zu seinen Gunsten beeinflussen zu können: (1.) werden die Anbieter keine Mengenrestriktionen in Erwartung steigender Preise vornehmen, (2.) die Nachfrager die Menge nicht in Erwartung von Preissenkungen einschränken und (3.) reagierenNachfrage und Angebot normal; zumindest die Pläne von einigen Nachfragern und Anbietern lassen sich zur Abstimmung bringen. Würde die letzte Annahme nicht erfüllt sein, gäbe es keinen Preis, zu dem eine Transaktion zustande käme. Einmal kann es passieren, daß sich selbst zum niedrigsten Angebotspreis keine Käufer finden; allenfalls zum noch geringeren Preis gäbe es Nachfrage (Fig. 4-9.I). Zweitens ist es möglich, daß die Nachfrager mit der Menge gesättigt sind und erst größereMengen als einen Preis haben; es kann sich um ein Gut handeln, von dem - technisch bedingt - gewisse Mindestmengen ausgebracht werden müssen, wenn die Produktion überhaupt aufgenommen werden soll (Fig. 4-9.II.). Eine Abstimmung am Markt, die zu Transaktionen führt, setzt in beiden Fällen voraus: Die Nachfrage- oder/und Angebotskurven müssen sich in Richtung und Ausmaß so verschieben (nach bzw. ), daß es zu Schnittpunkten ( , , ) beider Kurven kommt (Fig. 4-9.III.). Treffen alle drei Annahmen des Polypols zu, erhält man das Diagramm des Marktgleichgewichts (Fig. 4-10). Aus dem Marktdiagramm läßt sich ersehen: Vor dem Schnittpunkt der Kurven (bei ) sind Anbieter vorhanden, die das Gut zu einem geringeren Preis anböten, als Nachfrager zu zahlen bereit wären. Bei fänden sich zu den Preisen der Anbieter nicht genügend Käufer (wie Fig. 4-9. I.). Also wird genau die Menge gekauft und verkauft. Das geschieht zum Preis , bei dem die Pläne der Nachfrager und Anbieter realisiert werden können. Bei einer größeren Menge klaffen die Vorstellungen beiderMarktseiten auseinander. Angebot undNachfrage bestehen nur potentiell. Angenommen, der Preis auf demMarkt sei . Die angebotene Menge ( ) ist bei diesem Preis größer als die nachgefragte ( ). Die Differenz ( ) nennt man Angebotsüberschuß. Beim Preis ist umgekehrt die nachgefragte Menge ( ) größer als die angebotene ( ). Die Differenz ( ) wird als Nachfrageüberschuß bezeichnet. Angebots- oder Nachfrageüberschüsse existieren nur zu bestimmten Preisen, zu anderen dagegen nicht. Können Anbieter und Nachfrager frei agieren und wird angenommen, der Anpassungsprozeß erfolge ohne erhebliche zeitliche Verzögerung, induziert ein Angebotsüberschuß Preissenkungen durch die Anbieter, ein Nachfrageüberschuß Preiserhöhungen durch die Nachfrager, wodurch jeweils p0 p1 q0 q1 D1 S1 x1 x2 x3 q q0< q q0> q0 p0 p2 q2 s q2 d q2 s q2 d– p1 q1 d q1 s q1 d q1 s– 4. Fundamente der Analyse 77 der Überschuß beseitigt wird. In jenem Punkt, in dem kein Überschuß vorhanden ist ( , ), besteht ein Gleichgewicht ( = equilibrium). Fig. 4-9: Nachfrage und Angebot ohne Preisbildung Fig. 4-10: Bestimmung des Marktgleichgewichts p0 q0 E E 78 Zweiter Teil. Mikroökonomie Dieser Vorgang, die Bestimmung des Gleichgewichts, sei am Beispiel eines freien Buttermarktes illustriert. Die gegebene Nachfragekurve zeigt die Mengen, die die Käufer ceteris paribus - bei konstanten Preisen anderer Güter, Einkommen, Bedürfnisstrukturen, Vermögen, konstanter Einkommens- und Vermögensverteilung und Nachfragerzahl - zu jedem Marktpreis erwerben möchten. Bei einem Butterpreis von 10,- Euro pro Kilogramm (kg) sollen sie bereit sein, 300 kg zu kaufen, bei 8,- Euro 500 kg und bei 6,- Euro 700 kg. Die gegebene Angebotskurve zeigt dieMengen, die die Verkäufer ceteris paribus - bei konstanten Preisen anderer Güter, Faktorpreisen, Zielen, konstanter Technik und Anbieterzahl - zu alternativen Marktpreisen anbieten möchten. Bei einem Butterpreis von 6,- Euro sollen sie 250 kg, bei 8,- Euro 500 kg und bei 10,- Euro 780 kg auf den Markt bringen. Würden die Anbieter versuchen, 10,- Euro pro kg zu erlösen, blieben sie auf einem Teil ihrer Ware sitzen, weil die Käufer zu diesem Preis nur 300 kg kaufen, die Verkäufer jedoch 780 kg anbieten wollen (480 kg Angebotsüberschuß). Der Preis läßt sich bei den gegebenen Anbieterund Nachfragerplänen nicht halten. Er wird durch die Konkurrenz der Anbieter fallen.Würden andererseits die Nachfrager versuchen, Butter für 6,- Euro zu kaufen, gäbe es nicht genug Ware, da die Verkäufer zu diesem Preis nur 250 kg anbieten, die Käufer jedoch 700 kg erwerben möchten (450 kg Nachfrageüberschuß). Der Preis ist ebenfalls nicht zu halten. Er wird durch die Konkurrenz der Nachfrage steigen. Deswegen kann nur ein Preis bestehen, bei dem weder ein Angebots- noch ein Nachfrageüberschuß existiert. Das ist bei 8,- Euro der Fall. Zu diesem Preis wollen Anbieter und Nachfrager gerade 500 kg verkaufen und kaufen. Dann sind keine Reaktionen zu erwarten, die vom Preis von 8,- Euro wegführen (Gleichgewicht). Ein einmal erreichtes Gleichgewicht wird nur verlassen, wenn sich Angebots- oder/und Nachfragekurve verschieben. „Gesetze“ der Nachfrage und des Angebots Was geschieht bei einerKurvenverschiebung? Die Gründe für eine Kurvenverschiebung sind bekannt (Übers. 4-1 und 4-2). IhreWirkungen lassen sich nurmit einer ceteris paribus-Klausel eindeutig feststellen. Deshalb wird bei Verschiebungen der Nachfrage- die Angebotskurve, bei Verschiebungen der Angebotsdie Nachfragekurve konstant gehalten. Es sei angenommen, Nachfrage- und Angebotskurve verschöben sich jeweils nach rechts, weil die Einkommen gestiegen sind (Fig. 4-11. I.) oder technische Fortschritte eingeführt wurden (Fig. 4-11.II.). Bei einer Verschiebung der Nachfragekurve von nach (Fig.4- 11.I.) ist das alte Gleichgewicht ( , ) gestört. Unter der neuen Nachfragekonstellation hat sich ein Nachfrageüberschuß ( ) gebildet. Die nun einsetzende Nachfragekonkurrenz treibt den Preis so lange hoch, bis ein neues Gleichgewicht ( , ) erreicht ist. Im neuen Gleichgewicht wird zu einem höheren Preis eine größere Menge umgesetzt. Wäre das ursprüngliche Gleichgewicht ( , ) gewesen und die Nachfragekurve von nach gefallen, hätte der Angebotsüberschuß ( ) den Preis von auf und dieMenge von auf zurückgehen lassen. Im Fall einer Angebotssteigrung von nach (Fig. 4-11.II.) entsteht ein Angebotsüberschuß ( ), bei D0 D1 E0 p0 q0 q0 d q0– E1 p1 q1 E1 p1 q1 D1 D0 q1 q1 s– p1 p0 q1 q0 S0 S1 q0 s q0– 4. Fundamente der Analyse 79 Fig. 4-11: Verschiebung der Nachfrage- und Angebotskurve dem der Preis bis zum neuen Gleichgewicht ( , ) von den Anbietern herabgesetzt wird. Zu einem niedrigeren Preis wird eine größere Menge umgesetzt. Wäre hingegen das ursprüngliche Angebot auf gefallen, hätte der Nachfrageüberschuß ( ) den Preis auf heraufgetrieben, dieMenge auf reduziert. Die Reaktionen bei Kurvenverschiebungen werden als "Gesetze" von Nachfrage undAngebot bezeichnet. Der Leser sollte sich die einfachen Beziehungen genau einprägen, weswegen sie zusammengefaßt wiederholt seien (Übers. 4-3). Übers. 4-3: „Gesetze“ von Nachfrage und Angebot Auslösender Überschuß Richtung der Änderung von Preis und Menge Verhältnis von Preis- und Mengen änderung Preis Menge I. Nachfrageänderung 1. Nachfrage steigt (Kurvenverschiebung nach rechts) Nachfrageüberschuß steigt steigt gleichgerichtet (parallel) 2. Nachfrage fällt Angebotsüberschuß fällt fällt gleichgerichtet (parallel) II. Angebotsänderung 1. Angebot steigt (Kurvenverschiebung nach rechts) Angebotsüberschuß fällt steigt entgegengesetzt (invers) 2. Angebot fällt Nachfrageüberschuß steigt fällt entgegengesetzt (invers) E1 p1 q1 S1 S0 q1 q1 d– p1 p0 q1 q0 80 Zweiter Teil. Mikroökonomie III. Elastizitäten Direkte Preiselastizität Die Nachfragefunktionen (4.2) und (4.5) geben an, welche Mengen eines Gutes von einem Haushalt (individuelle Nachfrage) oder allen Haushalten zusammen (Marktnachfrage) zu alternativen Preisen pro Zeiteinheit gewünscht werden. Für analytische Zwecke wie auch im täglichen Wirtschaftsleben ist es wichtig zu wissen, um wieviel sich bei gegebener Nachfragefunktion die nachgefragte Menge ändert, wenn der Preis um einen bestimmten Betrag steigt oder fällt. Ein Ausdruck für diese Änderungen ist die Nachfrageelastizität (Preiselastizität der Nachfrage). IhreDefinition stammt vonALFREDMARSHALL: "The elasticity (or responsiveness) of demand in a market is great or small according as the amount demanded increases much or little for a given fall in price, and diminishes much or little for a given rise in price". Die Nachfrageelastizität stellt ein Änderungsmaß für die nachgefragte Menge in bezug auf die Preisänderung dar. "Änderung der nachgefragtenMenge" bedeutet graphisch gesehen eine Bewegung längs einer gegebenen Nachfragekurve. Der Anlaß für die Messung der Nachfrageelastizität ist in der Regel eine Kurvenverschiebung auf der Angebotsseite (Fig. 4-12). Fig. 4-12: Nachfrageelastizität Bei einer Preiserhöhung von auf (in Fig. 4-12.I. und 4-12.II. gleich groß), für die eine Linksverschiebung der Angebotskurve die Ursache war, kann die nachgefragteMenge pro Zeiteinheit stark (elastische Reaktion) oder nur geringfügig zurückgehen (unelastische Reaktion). Dieses Ergebnis beruht offensichtlich auf unterschiedlichen Steigungen der Nachfragekurven, eine Aussage, die jedoch noch nicht zur Bestimmung der Elastizität ausreicht. Da die Lage einer Kurve im Koordinatensystem von derWahl des absolutenMaßstabes abhängig ist, benutzt man ein relatives Maß für die Elastizität. Die Preiselastizität der Nachfrage oder - einfach - die Nachfrageelastizität ( ) wird danach als das Verhältnis einer relativen Mengenänderung zu einer relativen Preisänderung definiert, was sich in der Schreibweise der Differentialrechnung wie folgt formulieren läßt: p0 p1 η 4. Fundamente der Analyse 81 (4.8 a) oder (4.8 b) (Definitions-Gleichung). Etwas weniger streng und unter Berücksichtigung der Tatsache, daß die Preis- änderung meist eine unabhängige Variable ist, lautet die Definition: Die Nachfrageelastizität ist das Verhältnis einer prozentualenMengenänderung zu einer (gegebenen) ein-prozentigen Preisänderung, also (4.9) . Bei normaler Reaktion der Nachfrage sind Preis- und Mengenänderungen gegenläufig; die Elastizität ist eine negative Größe. Durch Multiplikation mit erhält man einen positiven Ausdruck, mit dem sich bequemer operieren läßt. Da sich aus dem Zusammenhang ergibt, wie der Ausdruck verstanden werden soll, ist es zweckmäßig, das Vorzeichen zu negieren und die Elastizität als absolute Größe zu fassen. Diesem Verfahren soll, sofern nicht ausdrücklich etwas anderes gesagt wird, gefolgt werden. Die Festlegung "elastisch" und "unelastisch" kann nun exakt erfolgen. Ist (wegen ), nennt man die Nachfrage elastisch, bei (wegen ) unelastisch; besondere Fälle sind (für ), (für ) und (für ). Im zweiten Fall spricht man von einer vollständig oder unendlich elastischen, im dritten von einer vollständig unelastischen oder starren Nachfrage. Die graphische Bestimmung der Nachfrageelastizität sei an einer linearen Nachfragekurve demonstriert. Ist die Nachfragekurve keine Gerade, bereitet die Messung der nur für einen Punkt gültigen Elastizität keine besondere Schwierigkeit, da sich an jede Kurve eine Gerade als Tangente legen läßt, für die im Tangentialpunkt dasselbe wie für eine lineare Nachfragekurve gilt. Fällt der Preis von auf um , steigt die nachgefragteMenge von auf um (Fig. 4-13; die üblichen Strichbalken über den Buchstaben sind zur Vereinfachung weggelassen). Ersetzt man in (4.8) die Differentialoperatoren durch Differenzenoperatoren - man spricht dann von Bogen- im Gegensatz zur Punktelastizität -, so daß die Streckenabschnitte in (4.8 b) eingesetzt werden können, ist die Nachfrageelastizität in : . Da die Dreiecke und ähnlich sind, kann man schreiben: . Durch Umformung erhält man wegen (Strahlensatz). Verbal ausgedrückt: Die Nachfrageelastizität ist gleich dem Verhältnis des rechten Teils zum linken Teil einer linearen oder einer Tangente an eine nichtlineare Nachfragekurve, die durch den Meßpunkt in zwei Teile zerlegt wird. Die sich ergebenden Teil- η dq q ----dp p ----- -----–= η dq dp ----- p q --⋅–= η x prozentige Mengenänderung– 1 prozentige Preisänderung– ----------------------------------------------------------------------------= 1– η 1> x 1> η 1< x 1< η 1= x 1= η ∞= x ∞= η 0= x 0= F EF BG= H I HI GC= d Δ B η GC BG 0E 0H⁄⋅⁄= BGC BHD η HD HB⁄ 0E 0H⁄⋅= 0E HB= η HD 0H⁄ BD AB⁄ 0E AE⁄= = = 82 Zweiter Teil. Mikroökonomie Fig 4-13: Messung der Nachfrageelastizität stücke können als relatives Teilungsmaß auf den Koordinaten zwischen Null und dem Kurven- oder Tangentenschnittpunkt dienen, so daß die Elastizität auch auf der Abszisse oder Ordinate gemessen werden kann. Die Eigenschaften der Nachfrageelastizität lassen sich veranschaulichen (Fig. 4-14). Fig. 4-14.I. zeigt: Die Nachfrageelastizität nimmt Werte zwischen und an. Im Schnittpunkt ( ) einer normal verlaufenden Nachfragekurve ( ) mit der Ordinate ( ) oder in allen Punkten einer Nachfragekurve, die zur Abszisse parallel verläuft ( ), ist die Elastizität . Vom Ordinatenschnittpunkt bis zum Halbierungspunkt der Kurve reagiert die Nachfrage elastisch ( ), jenseits des Punktes (in selbst: ) unelastisch ( ). Im Schnittpunkt ( ) der Nachfragekurve ( ) mit der Abszisse ( ) oder in allen Punkten einer Nachfragekurve, die parallel zur Ordinate verläuft ( ), ist die Elastizität . Aus Fig.4-14.II. wird ersichtlich: Bei einer Parallelverschiebung von nach liegen die Punkte gleicher Elastizität auf einem Strahl, der vom Nullpunkt ausgeht ( und ); liegt der neue Punkt links von , ist die Elastizität größer als in et vice versa. In Fig. 4-14.III. wird die Nachfragekurve in oder gedreht. Bei einer Drehung in haben alle Schnittpunkte ( , , ) der sich drehenden Nachfragekurve mit einer beliebigen Parallelen zur Ordinate, bei einer Drehung in alle Schnittpunkte ( , , ) mit einer beliebigen Parallelen zur Abszisse dieselbe Elastizität. Zwischen der Nachfrageelastizität und der Änderung der Gesamtausgaben bei einer bestimmten Preisänderung, denGrenzausgaben, besteht ein funktionaler Zusammenhang. Die Ausgaben ( ) der Haushalte, die gleich den Einnahmen, dem Erlös oder dem Umsatz ( = revenue) der Unternehmen sind, werden als Produkt aus Preis und Menge definiert: (4.10) (Definitions-Gleichung). Annahmegemäß soll eine normal verlaufende lineare Nachfragekurve vorliegen, die der Gleichung (4.11 a) ∞ 0 A D0 P D2 ∞ B η 1> B B η 1= η 1< C D0 q t⁄ D1 0 D0 D1 A0 A1 A1 A0 V T V A0 A1 A2 T B0 B1 B2 A R A R p q⋅= = q 1 b --p ab --+–= 4. Fundamente der Analyse 83 Fig. 4-14: Eigenschaften der Nachfrageelastizität 84 Zweiter Teil. Mikroökonomie genüge. Löst man (4.11 a) nach auf - geht man also von über zu -, ergibt sich (4.11 b) . Wird (4.11b) in (4.10) eingesetzt, folgt daraus (4.12) . Die Grenzausgabe oder der Grenzerlös ist die erste Ableitung von (4.12) nach der Menge: (4.13) . (4.13) kann auch durch den Preis und die Nachfrageelastizität ausgedrückt werden. Die erste Ableitung von (4.10) nach ist - da - gemäß der Produktregel: (4.14) . Wegen (4.8 b) erhält man für (4.14) wegen der Definitionsgleichungen und (4.15) . Die Grenzausgabe ( ) und der Grenzerlös ( ) sind gleich dem Preis abzüglich dem Quotienten aus Preis und Nachfrageelastizität (AMOROSO-ROBINSON- Gleichung). Die Zusammenhänge für den Fall einer linearen Nachfragefunktion - unter Fortlassung von - veranschaulicht Fig. 4-15. Bei fallenden Preisen steigen im elastischen Bereich der Nachfragekurve die Ausgaben (die Grenzausgaben sind positiv), im unelastischen Bereich fallen die Ausgaben (die Grenzausgaben sind negativ). Im Schnittpunkt der Nachfragekurve mit der Ordinate ist , so daß wird. Sonst ist die Grenzausgabe stets kleiner als der Preis. Steigt die nachgefragte Menge um eine Einheit, wächst die Gesamtausgabe um den Preis der Einheit ( ) abzüglich der Differenz zwischen altem und neuem Preis jeder bis dahin nachgefragten Einheit ( ). Der neue Preis ist also um diesen Preisverfall zu reduzieren. Die Reduktion ist im elastischen Nachfragebereich kleiner ( ), im unelastischen Bereich dagegen größer als der Preis ( ). Bei einer Elastizität von ist die Reduktion gleich dem Preis ( ). Das ist auch plausibel, denn bei nimmt bei einer Preissenkung der Erlös um einen Prozentsatz aus der Preisminderung ab, jedoch um den gleichen Prozentsatz aus der Mengensteigerung zu. Der Erlös bleibt konstant, der Grenzerlös ist Null. Ein besonderer Fall liegt vor, wenn dieGesamtausp q f p( )= p f 1– q( )= p a bq–= A R aq bq2–= = dA dq ------ dR dq ------ a 2bq–= = q p f 1– q( )= dA dq ------ dR dq ------ p qdp dq -----+= = dA dq⁄ A'= dR dq⁄ R'= A' R' p qdp dq -----+ p q–( )dp dq -----– p p qp --–⎝ ⎠ ⎛ ⎞ dp dq -----⋅–= = = = p p η --– p 1 1 η --–⎝ ⎠ ⎛ ⎞= = A' R' R η ∞= A' p= p1 q0 p0 p1–[ ]⋅ p0 η0⁄= p1 p0 η0⁄ p1< p0 η0⁄ p1> 1 p0 η0⁄ p1= η 1= 4. Fundamente der Analyse 85 Fig. 4-15: Zusammenhang zwischen Nachfrage-, Ausgaben und Grenzausgabenkurve gabe bei jeder Änderung der Nachfragemenge, d. h. in jedem Punkt der Nachfragekurve, konstant bleibt (constant outlay-curve) und folglich die Grenzausgabe in jedem Punkt der Kurve Null ist. Die Nachfragekurve hat dann die Form einer gleichseitigen Hyperbel, deren Asymptoten die Koordinaten sind. Kurven mit konstanter Elastizität - hier gleich - nennt man isoelastisch. Auch auf der Angebotsseite wird mit dem Elastizitätsausdruck gearbeitet. Das ist vor allem dann zweckmäßig, wenn sich ceteris paribus die Nachfragekurve verschiebt und das Ausmaß der Angebotsreaktion abgeschätzt werden soll. Die Angebotselastizität wird - analog zur Nachfrageelastizität (4.8) - wie folgt definiert: (4.16) (Definitions-Gleichung). Das Vorzeichen ist bei normalem Verlauf des Angebots positiv. Die Angebotselastizität läßt sich als Verhältnis zweier Streckenabschnitte aus der geometrischen Darstellung der Angebotsfunktion ablesen (Fig. 4-16). Setzt man die entsprechenden Streckenabschnitte in die Gleichung (4.16) ein, so ergibt sich: . Wie man sieht, ist stets größer als , wenn die Tangente an die Angebotskurve den positiven Ordinatenast schneidet. Geht sie durch den Koordinatenursprung, ist . Schneidet sie die Ordinate im negativen Bereich, gilt . Alle linearen Angebotskurven durch den Nullpunkt, die also unabhängig von der Steigung in jedem Punkt die Elastizität haben, sind isoelastisch. Das Angebot ist - in Übereinstimmung mit der 1 ε dq p ----dp q ----- ----- dq dp ----- p q --⋅= = ε DB AB⁄ AC DB⁄⋅= ε 1 ε 1= ε 1< ε 1= 86 Zweiter Teil. Mikroökonomie Fig. 4-16: Angebotselastizität Terminologie bei derNachfrage - vollkommen elastisch ( ), wenn dieAngebotskurve parallel zur Mengenachse (Fig. 4-16; bis ), vollkommen unelastisch ( ), wenn sie parallel zur Preisachse (ab ) verläuft; zwischen den Extremfällen isoelastischer Kurven ( bis ) besitzt die Angebotselastizität endliche Werte. Indirekte Nachfrage- und Einkommenselastizitäten Die bisherigen Überlegungen lassen sich auf die Abhängigkeiten zwischen komplementären und substitutiven Gütern übertragen, die bereits im Abschnitt über die Haushaltsnachfrage dargestellt wurden (Fig. 4-3). Anstelle der soeben behandelten direkten Preiselastizität eines Gutes geht es nun um die indirekte oder Kreuzpreiselastizität. Gefragt wird, wie groß bei einer relativen Preisänderung eines Gutes die relative Änderung der nachgefragten Menge eines dazu komplementären oder substitutiven Gutes ist: (4.17) (Definitions-Gleichung). Bei der Kreuzpreiselastizität hat das Vorzeichen besondere Bedeutung, da es die Art der Beziehung anzeigt. Unter normalen Reaktionsbedingungen ist bei komplementären Beziehungen das Vorzeichen negativ - wie beim normalen Verlauf der direkten Nachfrage -, bei substitutiven positiv. Da die Nachfragemenge nicht nur auf Änderungen des Preises, sondern auch auf Einkommensänderungen reagiert, läßt sich in gleicher Weise eine Einkommenselastizität definieren: (4.18) (Definitions-Gleichung). ε ∞= F ε 0= G F G i n ηi n, dqn qn -------dpi pi ------- -------dqn dpi -------pi qn ----⋅= = ηy dq q ----dy y ----- ----- dq dy ----- y q --⋅= = 4. Fundamente der Analyse 87 In der Regel hat der Quotient einen positivenWert, der kleiner als , größer als oder gleich sein kann. Die wichtigsten Ausnahmen von der Regel sind: Bei einem inferioren Gut ist die Einkommenselastizität negativ, bei einem Sättigungsgut Null (Fig. 4-4). Die verschiedenen Arten und Formen der Elastizität werden noch einmal in einer Übersicht zusammengefaßt (Übers. 4-4), die nur die bisher behandelten Definitionen enthält. Da die Elastizität generell das Verhältnis veränderlicher Größen beschreibt - vgl. Gleichung (1.23) -, taucht der Begriff auch in anderen Theoriebereichen auf (z. B. in der Produktionstheorie, 6. Kap.), so daß stets auf die genaue Bedeutung zu achten ist. Übers. 4-4: Arten und Formen der Elastizität Einflußfaktoren und typische Elastizitäten Für die Lösung praktischer Probleme ist es notwendig zu wissen, von welchen Faktoren die direkte Nachfrageelastizität beeinflußt wird. Da diese Elastizität immer nur für eine gegebene Nachfragefunktion bzw. definiert ist, läßt sich sagen, sie hänge von allen Faktoren ab, die die Gestalt und Lage der Nachfragekurve determinieren. Allerdings sind einige dieser Faktoren besonders bedeutsam. Zu den wichtigen Determinanten der direkten Nachfrageelastizität dürften die Zahl und die Art der Substitutionsgüter und die Länge der Zeitperiode gehören. Je enger die Substitutionsbeziehungen, je zahlreicher die Substitute und je länger die Zeitperiode sind, um so leichter werden die Nachfrager der Preiserhöhung eines Gutes ausweichen können. Das zeigt sich in einer horizontal verlaufenden Nachfragekurve. Bei gleicher Preisänderungwird folglich die Elastizität bei einemGutmit wenig Substituten geringer sein als bei einem Gut mit vielen. Fig. 4-12 läßt sich in diesem Sinn interpretieren.Werden in einemAngebotssortiment zehn eng verwandte Brotsorten offeriert, weichen die Hausfrauen bei der Erhöhung des Preises einer Brotsorte vermutlich in einem beträchtlichen Umfang auf Sorten aus, die im Preis 1 1 1 Elastizität Preiselastizität (4.18) Einkommenselastizität Direkte Elastizität Indirekte Elastizität (Kreuzpreiselastizität) (4.8) Nachfrageelastizität (4.16) Angebotselastizität (4.17) Komplementärelastizität (4.17) Substitutionselastizität q f p( )= p f 1– q( )= 88 Zweiter Teil. Mikroökonomie gleichgeblieben sind. Bei einer Preissenkung würde die nachgefragte Menge stark zunehmen. Fehlen hingegen Substitute, wird die Menge bei Preiserhöhungen kaum reduziert, insbesondere dann nicht, wenn es sich um Güter handelt, auf welche die Nachfrager nur schwer verzichten können oder möchten (z. B. Mineralölprodukte). Historisch gesehen hat die Zahl der Substitute laufend zugenommen. In modernen Volkswirtschaften lassen sich nur wenige Güter finden, für die es keinen Ersatz gibt.Wie gezeigt wurde, hängt eine derartige Feststellung wesentlich vom Gutsbegriff ab. Unterscheidet man nach Brotsorten, wird sich leichter ein Substitut für die einzelne Sorte finden, als wenn man von einem einheitlichen Brotmarkt ausgeht und Substitute für Brot sucht. Wie die Grenzen zu ziehen sind, ist eine Frage der Zweckmäßigkeit. In empirischdeskriptiven Arbeiten sind sie durch das Untersuchungsziel vorgezeichnet. Für bestimmte Überlegungen ist es zweckmäßig, die Güter in zwei Klassen zu unterteilen: in "Luxusgüter" und "notwendige Güter". Von den Luxusgütern sagt man, sie hätten eine hoheNachfrageelastizität. Die notwendigen Güter sollen dagegen eine geringe Elastizität aufweisen. Überraschend ist zunächst, daß Gütern einheitlich hohe oder niedrige Elastizitäten zugeschrieben werden, obwohl die Elastizität entlang der Nachfragekurve alleWerte vonNull bis Unendlich annehmen kann. Tatsächlich streuen die bei verschiedenen Gütern ermittelten Elastizitäten nicht in dieser ganzen Breite, sondern meist in einem engen Bereich. Es gibt "typische" Elastizitäten für bestimmte Güter, die selbstverständlich von Raum und Zeit abhängig sind. Die errechneten oder geschätzten Elastizitäten gehorchen jedoch nicht völlig der oben genannten Güterklassenregel, weil mitunter die Nachfrage nach Lebensmitteln elastisch und die nach Luxusgütern unelastisch reagiert. 5. Kapitel: Nachfrage: Einkaufsplan des Haushalts I. Grenznutzen-Analyse Gesamtnutzen und Grenznutzen Ziel der Analyse - Nutzentheorie - Definition von Gesamtnutzen und Grenznutzen Gossensche Gesetze Gesetz vom abnehmenden Grenznutzen oder erstes Gossensches Gesetz - Nutzenmaximierungsannahme - Gesetz vom Ausgleich der Grenznutzen oder zweites Gossensches Gesetz - Gesetz vom Ausgleich der gewogenen Grenzerträge - Divergenzen zwischen Gebrauchs- und Tauschwert - Schwäche der Grenznutzen-Analyse II. Indifferenzkurven-Analyse Gleichgewicht des Systems Determinanten der Nachfrage - Verlauf der Indifferenzkurve - Bedürfnisstrukturen - Budgetlinie - Haushaltsgleichgewicht Ableitung der Konsumfunktion Änderung der Bedürfnisstruktur - Änderung des verausgabten Einkommens - Änderung des relativen Preises - Einkommenseffekt und Substitutionseffekt-Kreuznachfrage - Aggregation - Kritik III. Revealed Preference-Analyse Analytischer Ansatz und Ableitung der Nachfragekurve Empirisches Konzept - Erste Prämisse: Konsistenzaxiom - Zweite Prämisse: gleichgerichtete Änderung von Haushaltseinkommen und nachgefragter Gütermenge - Konsequenzen beider Prämissen - Konstantes Realeinkommen - Gestiegenes Realeinkommen - Ableitung der Nachfragekurve Konsequenzen und Kritik Einkommenselastizität - Keine Unterscheidung zwischen Giffen-Fall und entgegengerichtetem Einkommens- und Substitutionseffekt - Indexzahlen - Empirische Kritik I. Grenznutzen-Analyse Gesamtnutzen und Grenznutzen Die Nachfrageanalyse des letzten Kapitels mag in vielen Fällen genügen. Wichtige Probleme bleiben jedoch offen. Warum fragen Haushalte gerade solche Mengen eines Gutes zu alternativen Preisen nach, wie sie durch eine bestimmte Nachfragekurve angegeben werden? Wie läßt sich die Wirkung von Einkommensänderungen auf die Nachfrage nach Gütern erklären? Um solche und ähnliche Fragen beantworten zu können, muß die bisherige Analyse vertieft werden. Zwar kennen wir die Determinanten der Nachfrage aufgrund der bereits erläuterten Hypothesen, aber noch nicht die Erklärung für die beschriebenen Abhängigkeiten. Um sie geben zu können, wird angenommen, die Haushalte handelten rational in dem Sinne, daß sie ihren Nutzen aus den konsumierten Gütern zu maximieren versuchen. Das Ziel der Analyse ist die Erklärung der unterschiedlichen Verläufe von Nachfragekurven und ihre Verschiebungen im Zeitablauf. Das Aussagensystem, das diese Fragen zu beantworten sucht, ist dieNutzentheorie (oder Haushaltstheorie). Sie bildet einen traditionellen Teil der wirtschaftswissenschaftlichen Analyse, obwohl es bis heute nur wenige Ansätze gibt, die Aussagen in eine empirisch prüfbare Form zu bringen. Freilich läßt sich die subjektive Größe Nutzen nur schwer - wenn überhaupt - messen. In ihrem gegenwärtigen Zustand ist die Nutzentheorie typisch für eine theoretische Konstruktion, die als Modell bezeichnet wird: ein System von Annahmen, deren Explikationen Grundlage "rationaler" Konsumentscheidungen sein können (Entscheidungskalkül), von denen wir jedoch nicht wissen, ob sie es tatsächlich sind. Wenn die Nutzentheorie - trotz des im 1. Kap. erläuterten Wissenschaftsbegriffs - dennoch wiedergegeben wird, so aus folgenden Gründen: Es kann nicht ausgeschlossenwerden, daß dieNutzentheorie imZuge deswissenschaftlichen Fortschritts zu einem empirisch prüfbaren Hypothesensystem entwikkelt wird. Der Bestand empirisch überprüfbarer und überprüfter Theorien ist nur ein kleiner Teil dessen, was man gegenwärtig zur Theorie rechnet. Schließlich ist die Nutzentheorie und ihr begrifflicher Apparat typisch für bestimmte Kategorien des ökonomischen Denkens, ähnlich wie das Lateinische für die Etymologie und Syntax einiger moderner Sprachen. Es gibt im wesentlichen drei Richtungen der Nutzentheorie: die Grenznutzen-, die Indifferenzkurvenund die Revealed Preference-Analyse. Die Grenznutzen-Analyse ist seit den siebziger Jahren des 19. Jahrhunderts bekannt. Die Indifferenzkurven-Analyse, die in denmeisten Lehrbüchern imMittelpunkt steht, versucht Schwierigkeiten der Grenznutzen-Analyse zu vermeiden. Einige moderne Autoren bevorzugen die Revealed Preference-Konzeption, die innerhalb der Nutzentheorie erstmals auf die Testbarkeit besondere Rücksicht zu nehmen versucht. Die Erklärungsziele - die Verhaltensweisen des Haushalts unter dem Nutzenaspekt - sind bei allen drei Ansätzen grundsätzlich dieselben, die Erklärungsweisen jedoch verschieden. Je nach Fragestellung wird man sich dieser oder jener Analyse oder einer Verbindung von ihnen bedienen. Sie werden im folgenden nacheinander dargestellt. 92 Zweiter Teil. Mikroökonomie Unter Nutzen versteht man die Befriedigung, die ein Gut beim Konsum stiftet. Wichtig ist die Definition von Gesamtnutzen und Grenznutzen. Wie bereits im 2. Kap. gezeigt wurde, entstehen beim Konsum eines Gutes Kosten in Höhe des Nutzenentgangs (opportunity cost), da sich ein Haushalt mit gegebenem Einkommen in einer Zeitperiode nicht alles leisten kann und bei der Entscheidung für ein Gut auf ein anderes verzichten muß. Den in opportunity cost gemessenen Nutzen, den ein Gut oder die konsumierten Einheiten eines Gutes insgesamt in einer Zeitperiode zu stiften vermögen, nennt man Gesamtnutzen (Totalnutzen). Wird ein unteilbares Gut zum Zweck des Konsums angeschafft (Fernsehgerät, Kühlschrank), fällt pro Zeiteinheit ein bestimmter Teil des Gesamtnutzens an (konstanter Grenznutzen). Bei teilbaren Gütern (Mehl, Zucker) hat der Konsument dagegen die Alternative, mehr oder weniger pro Zeiteinheit zu konsumieren, so daß sich ein variabler Grenznutzen - bezogen auf die letzte noch konsumierte Einheit - feststellen läßt. Entscheidet sich der Konsument bei der Verwendung eines letzten, gerade noch verfügbaren Euro für ein zusätzliches Glas Bier, muß er auf eine Tafel Schokolade verzichten, die er sonst vielleicht gekauft hätte, oder umgekehrt. Das zusätzliche Glas Bier kostet die Tafel Schokolade, diese das Glas Bier. In einer Periode werden hier nicht Güter schlechthin, sondern nur Einheiten der Güter aufgegeben. Den in opportunity cost gemessenen Nutzen, den eine weitere (die jeweils letzte) Einheit eines Gutes pro Zeiteinheit stiftet, nennt man Grenznutzen (Marginalnutzen). Die analytische und praktische Bedeutung des Grenznutzens ist weitaus größer als die des Gesamtnutzens. Typische Alternativentscheidungen sind diejenigen, die mit einer Abwägung von Grenznutzen verbunden sind. Gossensche Gesetze Es soll von folgender, für die Haushaltsanalyse grundlegende Annahme ausgegangen werden: Mit steigenden Verbrauchsmengen eines Gutes nehme der Grenznutzen pro Zeiteinheit ab, wenn sich der Konsumder übrigenGüter nicht ändert. Diese Annahmewird alsGesetz vom abnehmendenGrenznutzen oder auch - nach demVorschlag desWiener Nationalökonomen FRIEDRICH VONWIE- SER (1851-1926) - als erstes GOSSENsches Gesetz bezeichnet. Der rheinische Beamte HERMANN HEINRICH GOSSEN (1810-1858) hat diese Aussage als erster formuliert und in seinem 1854 erschienenen Buch "Die Entwicklung der Gesetze des menschlichen Verkehrs und der daraus fließenden Regeln für menschliches Handeln" veröffentlicht, das kaum jemand gelesen hatte und deshalb in Vergessenheit geraten war, bis es der englische Nationalökonom WILLIAM STANLEY JEVONS (1835-1882) in der Bibliothek des BritischenMuseums entdeckte. Da der Grenznutzen die Änderung des Gesamtnutzens ausdrückt, ergibt sich bei abnehmendem Grenznutzen folgender Zusammenhang (Übers. 5-1). Der Gesamtnutzen ist die Summe der Grenznutzen. Eine stilisierte Darstellung der Beziehung führt zu folgendem Bild (Fig. 5-1). Der Lesermöge vor allem darauf achten, daß die Aussage nur für eine bestimmte Zeitperiode gilt. Das Steigungsmaß derNutzenfunktion , der Grenznutzen , hängt von der Definition der Maßeinheiten ab. Offensichtlich erhält man unterschiedliche Verläufe der Nutzenfunktion, wenn die Konsumperiode bei gegebenen Gütert u f q/t( )= u' 5. Nachfrage: Einkaufsplan des Haushalts 93 Übers. 5-1: Gesetz vom abnehmenden Grenznutzen (erstes GOSSENsches Gesetz) mengen nicht einen Tag, sondern einen Monat beträgt, oder als Mengeneinheit nicht Liter oder Kilogramm, sondern Hektoliter oder Tonnen gewählt werden. Nicht unbedingt erforderlich ist, daß der Gesamtnutzen mit zunehmender Menge in einer Zeitperiode sinkt, der Grenznutzen also negativ wird. Beim Konsum einiger Güter kann die letzte Einheit einer großen Menge pro Zeiteinheit noch einen positiven Grenznutzen stiften. Wer als passionierter Sportler mehrere Stunden an einem Tag Tennis spielt, wird vielleicht die letzte Stunde noch "genießen", wenn auch nicht mehr in demMaße wie die erste. Andere Güter können einen negativen Grenznutzen haben, also Schaden stiften, wenn sie in großen Mengen konsumiert werden. Pro Zeiteinheit gibt es für jeden Menschen, der ißt, trinkt oder raucht, einen Sättigungspunkt, von dem an beimKonsum weiterer Einheiten Übelkeit auftritt. Schließlich gilt das erste GOSSENsche Gesetz für wirtschaftliche und freie Güter. Für die Unterscheidung nach wirtschaftlichen und freien Gütern war maßgeblich, ob im Hinblick auf die Bedürfnisse Güter im Überfluß vorhanden sind oder nicht. Die Hypothese GOSSENS zeigt das Sättigungsverhalten bei fortschreitendem Konsum eines beliebigen Gutes. Da der Einfluß anderer Güter ausgeschaltet wurde, läßt sich der Nutzen hier nur direkt und nicht als entgangener Nutzen (opportunity cost-Konzept) messen. Wenn die Einschätzung des Nutzens der Güter in Abhängigkeit von der Menge pro Zeiteinheit nach dem ersten GOSSENschen Gesetz erfolgt, was ergibt sich dann für das Verhalten des Haushalts? Zur Beantwortung dieser Frage benötigt man eine weitere, allgemein übliche Annahme: Es wird unterstellt, der Haushalt handele rational in dem Sinne, daß der Gesamtnutzen der konsumierten Güter so groß wie möglich wird (Nutzenmaximierungsannahme). Ist ein Gut in unbeschränkter Menge verfügbar, konsumiert er gerade so viele Mengeneinheiten, bis der Grenznutzen denWert Null annimmt. Der Gesamtnutzen wäre dann maximal. Jedes Abweichen von dieser Menge würde eine Nutzenminderung herbeiführen. Diese Menge nennt man die Sättigungsmenge eines Gutes. Sie ist derjenigen gleich, die durch den Schnittpunkt der individuellen Verbrauch pro Zeiteinheit Gesamtnutzen Grenznutzen (Nutzenzuwachs) 0 1 2 3 4 5 6 0 4 7 9 10 10 9 4 3 2 1 0 -1 q/t( ) u( ) u' uΔ≈( ) 94 Zweiter Teil. Mikroökonomie Fig. 5-1: Gesamt- und Grenznutzen Nachfragekurve mit der Abszisse angegeben wird. Der Sättigungspunkt wird erreicht, wenn das betreffende Gut keinen Preis hat, also ein freies Gut ist. Da jedoch die meisten Güter bewirtschaftet werden (Knappheitsproblem) und einen Preis erzielen, muß der Grenznutzen in der Regel positiv sein. Der Gesamtnutzen läßt sich durch Konsum weiterer Einheiten erhöhen. Mit Hilfe der Nutzenmaximierungsannahme kann man, gemäß dem Vorgehen MARSHALLS, die individuelle Nachfragekurve ableiten, obwohl dies nach der Indifferenzkurven- und Revealed Preference-Analyse befriedigender ist. Dazuwird angenommen, die Ausgaben für ein bestimmtes Gut seien im Hinblick auf das Einkommen des Nachfragers so unbedeutend, daß die durch dieses Gut verursachten Ausgabenänderungen keine Wirkungen auf den Grenznutzen anderer Güter haben. (Diese Annahme wird in der folgenden Analyse wieder aufgegeben.) Der "Grenznutzen des Einkommens" ist demnach konstant, so daß die 5. Nachfrage: Einkaufsplan des Haushalts 95 Geldeinheit als Maßstab für den Grenznutzen des Gutes verwendet werden kann. Von der Grenznutzenkurve (Fig. 5-1) kommt man zur normal verlaufendenNachfragekurve (Fig. 4-1.I.), indem die jeweiligen Grenzeinheiten mit ihren Preisen bewertet werden. Diese generelle Aussage gilt darüber hinaus nur, wenn eine Vergrößerung der individuell nachgefragten Menge den Marktpreis des Gutes nicht ändert. Im einfachsten Fall, wenn der Preis für jede Grenzeinheit beträgt, ist die Nachfragekurve mit der Grenznutzenkurve (bis zum Sättigungspunkt) identisch. Der Nutzen eines Gutes, das verschiedene Bedürfnisse befriedigen kann, wird am größten, wenn man das Gut so auf alternative Verwendungsrichtungen verteilt (z. B.Wasser zumKochen undAutowaschen), daß die Grenznutzen der Teilmengen gleich sind ( ). Man nennt diese Konsequenz Gesetz vom Ausgleich der Grenznutzen (Equimarginalprinzip) oder zweites GOSSENschesGesetz. Es läßt sich bei zwei Verwendungsrichtungen eines Gutes graphisch wie folgt veranschaulichen (Fig. 5-2). Fig. 5-2: Gesetz vom Ausgleich der Grenznutzen (zweites GOSSENsches Gesetz) Die für zwei unterschiedliche Verwendungen des Gutes geltenden Grenznutzenkurven und zeigen, daß die Bedürfnisse eines Haushalts nach demselben Gut von verschiedener Intensität sein können. Die vom Gut für die Verwendungsrichtung pro Zeiteinheit gebrauchteMenge ist auf der rechten ( ), die für die Verwendungsrichtung auf der linken Abszisse ( ) aufgetragen. Die insgesamt verfügbare Menge wird durch die Strecke , die jeweilige Teilmenge durch den Abstand von der Ordinate - welche die Grenznutzen mißt - angegeben. Der Nutzen des Gutes ist am größten (Annahme), wenn für die Verwendungsrichtung die Teilmenge , für die Verwendungsrichtung die Menge konsumiert wird. In diesem Fall ist der Grenznutzen der Teilmengen gleich groß ( ). Würde die Gesamtmenge in und aufgeteilt, wäre der Nutzenverlust bei Verwendungsrichtung größer als der Nutzengewinn bei Richtung . DerGesamtnutzen (die Grenznutzensumme) würde fallen, was der Nutzenmaximierungsannahme widerspräche. 1 u'1 u'2 ... u'n= = = m u'1 u'2 m 1 qm1/t 2 qm2/t AB m 1 OA EA'= 2 OB EB'= AA' BB'= AB OC OD 2 1 96 Zweiter Teil. Mikroökonomie Die Fälle, in denen ein Gut mehrere Bedürfnisse befriedigen kann, sind in der Realität vermutlich nicht sehr häufig. Ein "Gut" mit fast jeder denkbaren Verwendung ist Geld, so daß es naheliegt, das zweite Gossensche Gesetz insbesondere bei der Analyse der Ausgaben des "Universalgutes" Geld heranzuziehen. Man geht davon aus, mit Geld würden verschiedene Güter gekauft - analog den unterschiedlichen Verwendungsrichtungen eines Gutes beim zweiten GOSSENschen Gesetz. Da verschiedene Güter ( ) meist nicht denselben Preis haben, kommt es nun nicht auf die Gleichheit der Grenznutzen, sondern auf den mit Preisen gewogenen Grenznutzen (Grenznutzen des Geldes) an ( ). Beschränkt man sich zur Vereinfachung auf zwei Güter, gilt: (5.1 a) oder (5.1 b) (Verhaltens-Gleichung). Kostet bei unveränderlichen Preisen das erste Gut pro Einheit 1,- Euro, das zweite 0,50 Euro - ist also -, müßte eine gegebene Geldsumme so auf beide Güter verteilt werden, daß der Grenznutzen einer Einheit des ersten Gutes doppelt so groß ist wie der des zweiten ( ). Würde man statt dessen mehr vom ersten Gut erwerben und entsprechend weniger vom zweiten, wäre der Gesamtnutzen kleiner, da der Grenznutzen des ersten Gutes nicht in dem Maße steigt, in dem der des zweiten Gutes fällt. Dasselbe gilt, wenn mehr vom zweiten und weniger vom ersten Gut gekauft wird. Der Grenznutzen der zuletzt ausgegebenen Geldeinheit ist in beiden Fällen kleiner. Die modifizierte generelle Formulierung des zweiten GOSSENschen Gesetzes (5.1) bezeichnet man alsGesetz vom Ausgleich der gewogenen Grenznutzen. Einige Klassiker, vor allem DAVID RICARDO, aber auch sein intellektueller Erbe KARL MARX, behaupten, der Wert eines Gutes werde ganz oder überwiegend durch die menschliche Arbeit bestimmt (Arbeitswertlehre), weil alle Produktionsfaktoren auf Arbeit zurückgingen und sich durch diese ausdrücken ließen. Immerhin sahen diese Klassiker, daß der Marktpreis in vielen Fällen nicht dem Arbeitswert entspricht. Sie griffen deshalb zu ergänzenden Interpretationen für die Wertbildung. Neben "beliebig vermehrbaren" gäbe es "seltene" oder "einmalige" Güter. Darüber hinaus müsse einem Gut ein Gebrauchswert (Nutzen) zukommen, wenn es am Markt einen Tauschwert (Preis) haben solle. Mit solchen Konstruktionen (ad hoc-Aussagen) waren jedoch nicht alle Erscheinungen, insbesondere nicht die großen Divergenzen zwischen Gebrauchsund Tauschwert, zu erklären.Wie kommt es, daß Güter von hohemGebrauchswert, wie Brot und Wasser, einen relativ geringen Tauschwert haben? Wieso haben andererseits Diamanten einen hohen Tausch-, aber nur einen geringen Gebrauchswert? Zwischen beidenWerten gibt es eine Antinomie (Wertparadoxie), die von den Vertretern der Arbeitswertlehre nicht hinreichend klargelegt werden konnte. Die Grenznutzen-Analyse ist insoweit ein nützliches Instrument zur Aufhellung der Paradoxie. Es gibt Güter mit einem hohen Gesamt-, jedoch niedrigen Grenznutzen, z. B. Wasser. Stehen von einem solchen Gut relativ große Mengen zur Verfügung ( ), ist der Grenznutzen und damit der Preis, den ein Nachfrager zu zahlen bereit ist, entsprechend gering (Fig. 5-3.I.). 1,2, ..., n u'1/p1 u'2/p2 ... u'n/pn= = = u'1 p1 ----u'2 p2 -----= u'1 u'2 ----p1 p2 ----= p1/p2 1/0,5 2= = u'1/u'2 2= q1 0 5. Nachfrage: Einkaufsplan des Haushalts 97 Bei anderen Gütern, z. B. bei Diamanten, die es nur in relativ geringen Mengen ( ) gibt, kann der Gesamtnutzen klein, der Grenznutzen jedoch hoch sein (Fig. 5-3.II.). In besonderen Fällen - wie bei der Bedürfnisbefriedigung eines Durstigenmit einer geringenMengeWasser ( ) - ist auch bei der Nachfrage nach anderswo reichlich vorhandenen Gütern ein kleiner Gesamt- und hoher Grenznutzen denkbar (Fig. 5-3.I.). Fig. 5-3: Wertparadoxie Eine Schwäche der Grenznutzen-Analyse liegt darin, daß beim ersten GOS- SENschen Gesetz nur die Beziehung zwischen Gesamt- bzw. Grenznutzen eines Gutes und der Menge dieses Gutes untersucht wird, obwohl seine Nachfrage von mehreren Einflußfaktoren abhängt, etwa von der Befriedigung der Bedürfnisse nach anderen Gütern. Im zweiten Gossenschen Gesetz, vor allem im Gesetz vomAusgleich der gewogenen Grenznutzen, findet zwar eine Erweiterung statt, indem von mehreren Bedürfnissen ausgegangen wird, deren Befriedigung insgesamt maximiert werden soll; mit Mühe lassen sich die Wirkungen von Änderungen der Preise und Einkommen analysieren. Die Interdependenz zwischen den Gütern bleibt weitgehend im Dunkeln. Hauptansatzpunkt einer Kritik der Grenznutzen-Analyse ist das Problem der Nutzenmessung. Anfänglich ging man von der Erwartung aus, der Nutzen sei meßbar. Zum Messen braucht man jedoch einen Maßstab, der bisher nicht gefunden werden konnte und sich nur schwer finden läßt. Selbst wenn es gelänge, die Nutzenintensität beim Individuum zu bestimmen, bliebe immer noch die Schwierigkeit, den interpersonellen Nutzen zu vergleichen. Die individuellen Nutzengrößen müßten auf einen Nenner gebracht werden, um vergleichbar zu sein. Wenn jedoch ein absolutes (kardinales) Nutzenmaß nicht gefunden werden kann, und alle daran anknüpfenden Vorstellungen interpersoneller Nutzen- oder Wohlfahrtsmaximierung vom Standpunkt einerWissenschaftskonzeption, die den Test für eine unbedingt notwendige Bedingung der Theoriebildung ansieht, als problematisch oder gar irrelevant bezeichnet werden müssen, so bleibt dennoch zu erwägen, ob man nicht durch eine andere Fragestellung einer Problemlösung näher kommt. Einen solchen Versuch stellt vor allem die Indifferenzkurven- Analyse dar. q2 0 q1 1 98 Zweiter Teil. Mikroökonomie II. Indifferenzkurven-Analyse Gleichgewicht des Systems In der Indifferenzkurven-Analyse wird das kardinale Meßkonzept durch das ordinale ersetzt. Anstelle des Versuchs, den Nutzen in absoluten Einheiten zu messen, wird gefragt, ob ein bestimmtes Nutzenniveau höher oder niedriger als ein anderes ist, wobei das absolute Maß verschiedener Nutzenniveaus offenbleibt. Ferner geht man - anders als beim ersten GOSSENschen Gesetz - von mehrerenGütern aus. Aus Gründen der Vereinfachung und imHinblick auf die Möglichkeiten der graphischen Darstellungsform wird eine Zwei-Güter-Welt zugrunde gelegt. Daraus ergeben sich keine Einschränkungen der Ergebnisse. Die Nutzenmaximierungsannahme soll weiter gelten. Die Indifferenzkurven- Analyse untersucht den Einfluß von dreiDeterminanten der Nachfrage: die Bedürfnisse der Haushalte, die Einkommen der Haushalte und die Preise der Konsumgüter. Der Einfluß der Bedürfnisse wird unter der Annahme analysiert, daß einem Haushalt von zwei Gütern verschiedene Mengen ( ) zur Verfügung stehen. Die Indifferenzkurve ist die Verbindungslinie (der geometrische Ort) solcher Güterkombinationen, die nach Ansicht des Haushalts denselben Nutzen stiften, für ihn gleichwertig (indifferent) sind. Ihr Verlauf hängt von den im 4. Kap. diskutierten Beziehungen zwischen den Gütern ab. In Fig. 5-4 sind auf beiden Achsen Mengen abgetragen (Mengendiagramm). Können sich die beiden Güter vollkommen substituieren (praktisch identische Güter, z. B. 10er- und 20er-Packungen Zigaretten einer Marke), ist es gleichgültig, ob man das Gut oder besitzt. Die Indifferenzkurve ist eine Gerade ( ), weil sich die beiden Güter im Hinblick auf ein gegebenes Nutzenniveau in einem konstanten Verhältnis ersetzen (es ist gleichgültig, ob z. B. der Nutzen von 40 Zigaretten durch den Konsum von 4 Zehner-, 2 Zwanziger- oder 2 Zehner- und einer Zwanziger- Packung entsteht). In Fig. 5-4 stiften dieMengenkombinationen 4/0, 3/1 und 0/ 4 (die erste Ziffer symbolisiert die Menge , die zweite die Menge ) alle denselbenNutzen; das Verhältnis, in dem sich im Beispiel dieMengeneinheiten ersetzen, ist 1 : 1. Die Gerade unterscheidet sich von durch den größeren Abstand vom Nullpunkt. Definitionsgemäß repräsentiert sie ein höheres Nutzenniveau, Nutzenindex genannt. Lassen sich beide Güter überhaupt nicht substituieren, sind sie komplementär (limitational; z. B. rechter und linker Schuh), erhält man eine Kurve - als Grenzfall einer Indifferenzkurve - von der Form . Bei dem angenommenen Abstand vom Nullpunkt stiftet die Mengenkombination 2/2 denselben Nutzen wie die Kombination 2/5 oder 3/2, weil die überschüssigen Mengen nicht verwertet werden können. Die Mengen 2/2 sind also eine Minimalkombination, um das Niveau zu erreichen. Zwischen den beiden Grenzfällen ( [ ] und ), die künftig vernachlässigt werden, liegt der Bereich für beschränkt substitutive Güter. Je stärker sich die Gestalt einer in diesem Bereich liegenden Indifferenzkurve nähert, um so ausgeprägter ist die Substitutionsbeziehung der beiden Güter untereinander. Geht man von einem umfassenderen Gutsbegriff aus, der nicht auf die physische Unterschiedlichkeit q1 q2, 1 2 Ia q1 q2 Ib Ia Ic Ic Ia Ib Ic Ia 5. Nachfrage: Einkaufsplan des Haushalts 99 Fig. 5-4: Formen der Indifferenzkurven der Güter abhebt, sondern vielmehr auf ihre Eignung, in einer limitationalen Zusammensetzung ein bestimmtes Bedürfnis zu befriedigen (Feder und Tinte kann das Bedürfnis des Schreibens befriedigen), so existieren nach dieser eher ökonomischen Unterscheidung der Güter lediglich indifferente oder substitutive Beziehungen. Bei der eingezeichneten Kurve sind z. B. dieMengenkombinationen 5/1 und 1/4 indifferent. Solche Indifferenzkurven haben einen zum Nullpunkt konvexen Verlauf; die Steigung ist negativ. Aus der Definition der Indifferenzkurven eines Haushalts folgt, daß sie sich nicht schneiden können. Eine Indifferenzkurve , die der Leser selbst einzeichnen möge, soll die Kurve in 2/2 schneiden. Sie habe dieMengenkombinationen 1/6 und 3/1. Die denselben Mengen des Gutes 1 entsprechenden Mengen des Gutes 2 auf der Kurve sind 5 bzw. 1,5. Bei denselben Mengen ist demnach bei der ersten Mengenkombination von die Menge größer, bei der zweiten dagegen kleiner als auf . Das widerspricht der Definition der Indifferenzkurve, da die Mengenkombination 1/6 ( ) ein höheres Nutzenniveau als die Kombination 1/5 ( ), die zu 1/6 indifferente Kombination 3/1 ( ) jedoch ein geringeres Niveau als die Kombination 3/1,5 ( ) hat.Wenn die Kombinationen von indifferent sind, können es die von nicht sein. Zu einem höherenNutzenniveau gehören bei allen Kombinationen größere vergleichbare Mengen. In einem gegebenen Zeitraummögen zwei Individuen oder zu zwei verschiedenen Zeiträumen ein Individuum folgende Nutzenempfindungen, Präferenzoder Bedürfnisstrukturen, haben (Fig. 5-5). Die Unterschiede zwischen beiden Bedürfnisstrukturen lassen sich genauer fassen: Auf einer beliebigen Indifferenzkurve (Fig. 5-5.I.) gibt es zahlreiche - exakt: unendlich viele - Mengenkombinationen, die denselben Nutzen stiften. Verlangt man vom Gut 1 eine Einheit mehr, mußman vomGut 2 etwas aufgeben, um von der neuenMengenkombination denselben Gesamtnutzen zu haben wie von der alten. Dem Nutzenzugang infolgeMehrkonsums von einer Einheit 1 ( ) steht ein gleich gro- ßer (indifferenter) Nutzenentgang infolge Minderkonsums beim Gut 2 ( ) gegenüber. Der Nutzen beider Mengenänderungen ist definitionsgemäß also Id Ie Id Id q1 Ie q2 Id Ie Id Ie Id Id Ie Ia q1 0Δ q2 0Δ 100 Zweiter Teil. Mikroökonomie Fig. 5-5: Bedürfnisstrukturen gleich groß. Läßt man gegen Null streben, geht der Differenzenquotient gemäß (1.16) in den Differentialquotienten über, den man als Grenzrate der Substitution bezeichnet, hier des Gutes 2 durch das Gut 1. Sie ist gleich der Steigung der Indifferenzkurve in einem bestimmten Punkt E (ohne Berücksichtigung des Vorzeichens): (5.2) (Definitions-Gleichung). Wir wollen den Begriff auch bei Differenzen verwenden, bei denen es sich genaugenommen um eine Durchschnittsrate handelt. Ersetzt man das Gut 2 durch das Gut 1, wird die Grenzrate der Substitution ( ) laufend kleiner ("Gesetz" fallender Grenzraten der Substitution; Fig. 5-5.I.): (5.3) . Soll das Nutzenniveau gleichbleiben, muß ein Haushalt bei fortlaufender Verringerung eines Gutes um eine Einheit ( ) eine ständig größer werdende Menge des anderen Gutes ( ) zusätzlich konsumieren (Fig. 5-5.II.). Eine Indifferenzkurve ist die graphische Darstellung einer Nutzenfunktion, bei der wegen des definitionsgemäß konstanten Nutzenniveaus entlang der Kurve eine Konstante ist, also: (5.4 a) oder (5.4 b) . Bildet man für (5.4 a) das totale Differential, ist dieses wegen der Bedingung gleich Null: (5.5 a) oder wegen der Definitions-Gleichungen und q1Δ q2/ q1ΔΔ dq2/dq1 Ia tg α dq2 dq1 --------= tg α q2 0Δ q1 0Δ -------q2 nΔ q1 nΔ --------> q2Δ 1= q1Δ u u/t f q1 q2,( )= q2/ t f q1 u,( )= u const.= du u∂ q1∂ ------- dq1⋅ u∂ q2∂ ------- dq2⋅+ 0= = u/ q1∂∂ u'1= u/ q2∂∂ u'2= 5. Nachfrage: Einkaufsplan des Haushalts 101 (5.5 b) . Nach entsprechender Umformung von (5.5 b) erhält man - wenn das Vorzeichen außer acht bleibt - unter Berücksichtigung von (5.2) (5.6) . Die Grenzrate der Substitution ist also gleich dem umgekehrten Verhältnis der Grenznutzen der Güter. Ein Haushalt verfüge in einer bestimmten Zeitperiode über eine Geldsumme ( ) für Konsumausgaben. Sofern er nicht spart oder entspart, sind Konsumsumme ( ) und Einkommen ( ) identisch. Die Konsumausgaben lassen sich als Summe aus den Produkten von Preis und Menge der gekauften Konsumgüter definieren. Für zwei Güter mit gegebenen Preisen ( ) würde also gelten: (5.7) (Definitions-Gleichung). Ist in Euro gerechnet = 1000, = 5 und = 10, könnte der Haushalt z. B. 100 Mengeneinheiten von Gut 1 ( ) und 50 Einheiten von Gut 2 ( ) erwerben, denn 1000 = 5 ∙ 100 + 10 ∙ 50. Betrachtet man die Konsumsumme und die Produktpreise als Parameter, läßt sich die von einem Haushalt unter den gegebenen Bedingungen kaufbare Menge als Funktion der Menge ausdrükken. So entsteht aus (5.7) durch Auflösen die Gleichung (5.8 a) , die sich in einem Mengendiagramm mit den Koordinaten und (Fig. 5-6) darstellen läßt. Setzt man abwechselnd und gleich Null, unterstellt man also, der Haushalt würde seine gesamte Konsumsumme jeweils nur für ein Gut verausgaben, erhält man die Schnittpunkte der Geraden mit der - und - Achse (Fig. 5-6): (5.8 b) oder , für und (5.8 c) oder , für . Man bezeichnet (5.7) und (5.8 a) als Bilanzgleichung, ihre geometrische Darstellung als Budgetlinie des Haushalts (auch: Haushaltsgerade). Das Steigungsmaß der Kurve ist absolut (5.9) gleich demPreisverhältnis der beidenGüter, das heißt - wegen (5.2) - gleich den opportunity cost von Gut 1 ausgedrückt in Gut 2. Einen Quotienten von der Art / nennt man relativen Preis im Gegensatz zum absoluten Preis, = 5,du u'1 dq1⋅ u'2 dq2⋅+ 0= = tg α dq2 dq1 -------u'1 u'2 -----= = c c y p c p1 q1⋅ p2 q2+= c p1 p2 q1 q2 q2 q1 q2 p1 p2 ----– q⋅ cp2 ----+= q1 q2 q1 q2 q1 q2 c p1 q1⋅= q1 c p1 ----= q2 0= c p2 q2⋅= q2 c p2 ----= q1 0= tg α c p2 ---- : c p1 ---p1 p2 ----= = p1 p2 p1 102 Zweiter Teil. Mikroökonomie Euro pro Einheit. Die Budgetlinie ist der geometrische Ort für alleMengenkombinationen, die der Haushalt mit seiner vorgesehenen Ausgabensumme bei gegebenen Preisen erreichen kann. Fig. 5-6: Budgetlinie In Analogie zur Transformations- oder Produktionsmöglichkeitenkurve (Fig. 2- 1) kann man auch von einer Konsummöglichkeitenkurve sprechen. Für die Budgetlinie ist eine Mengenkombination (Fig. 5-6) unter den gemachten Annahmen unmöglich, die von zwar möglich; aber dann würde die verfügbare Ausgabensumme nicht vollständig ausgegeben. Die Budgetlinie verschiebt sich bei Änderungen der Konsumsumme oder des relativen Preises. Steigt die Konsumsumme, kommt es ceteris paribus - das heißt bei unveränderten relativen Preisen ( ) - zu einer parallelen Rechtsverschiebung (z. B. von nach ); derselbe Effekt würde eintreten, wenn das Einkommen unverändert bliebe, aber alle absoluten Preise um denselben Prozentsatz fielen ( ). Mutatis mutandis gilt das eben Ausgeführte auch für Einkommenssenkungen und Preiserhöhungen. Multipliziert man die Konsumsumme mit einer Konstanten bei unveränderten Preisen, erhält man das Ergebnis wie bei einer Multiplikation sämtlicher Preise mit 1/ bei unveränderter Konsumsumme. Eine höhere reale Kaufkraft oder ein höheres Realeinkommen und damit ein höheres Nutzenniveau kann also sowohl durch steigende Geld- oder Nominaleinkommen bei konstanten absoluten Preisen als auch bei fallenden absoluten Preisen und konstanten Nominaleinkommen erreicht werden. Man nimmt vielfach an, das Konsumverhalten der Haushalte unterscheide sich in beiden Fällen nicht, weil die Haushalte ihre Dispositionen an den Realeinkommen ausrichteten. Dann wäre es für die Konsumentenentscheidungen bedeutungslos, wenn sich das Nominaleinkommen und sämtliche Preise um denselben Prozentsatz ändern würden: C0 A B tg α const.= C0 C1 tg α const.= m m 5. Nachfrage: Einkaufsplan des Haushalts 103 (5.8 d) (5.8 a) . Das Konsumverhalten variiert gemäß dieser Annahme nur bei Änderungen des Realeinkommens (Realeinkommenshypothese, d. h. Nominal- und Realeinkommensänderungen werden nicht miteinander konfundiert [Freiheit von Geldillusion]). Ändert sich ceteris paribus der relative Preis, steigt oder fällt also bei einem gegebenen Nominaleinkommen ein Preis (z. B. ) bei Konstanz des anderen ( ), dreht sich um und nimmt die Lage ( steigt) oder ( fällt) ein (Fig. 5-6). Bei einer ceteris paribus Änderung von dreht sich um ( ). Mit den relativen Preisen ändert sich das Realeinkommen, weil zumindest ein Preis absolut gefallen oder gestiegen seinmuß. Änderungen des relativen Preises werden den Haushalt veranlassen, seine Ausgaben umzuschichten, was die Unternehmer zu Anpassungen in der Produktion zwingt. Die Allokation der Produktionsfaktoren ist insbesondere von Verschiebungen der relativen Preise abhängig. Bleiben diese konstant, wird nach der Realeinkommenshypothese trotz einer Änderung sämtlicher absoluter Preise kein Allokationseffekt auftreten. Verbindet man die einzelwirtschaftliche Analyse der Bedürfnisstruktur mit der des Haushaltseinkommens, ergibt sich dann folgendes Bild (Fig. 5-7). Fig. 5-7: Haushaltsgleichgewicht Bei gegebener, durch die Indifferenzkurven repräsentierte Präferenzstruktur, gegebener Konsumsumme pro Zeiteinheit und gegebenen Preisen - repräsentiert durch die Budgetlinie - ist der Nutzen des Haushalts im Falle der Mengenkombination , maximal. Unter den bestehenden Annahmen hat der Haushalt keinen Anlaß, eine andere Kombination zu wählen; er befindet sich im Gleichgewicht ( ). Alle Punkte (Mengenkombinationen) rechts von der Budgetlinie sind unter den gegebenen Bedingungen unerreichbar, alle links von ihr von geringerem Nutzen. Das höchste Nutzenniveau verschafft eine q2 m p1⋅ m p2⋅ -------------– q1⋅ m c⋅ m p2⋅ -------------+= p1 p2 ----– q1⋅ c p2 ----+= p2 p1 C0 M C' p2 C'' p2 p1 C1 Q C'' C''', q1 0 q2 0 E 104 Zweiter Teil. Mikroökonomie Mengenkombination auf jener Kurve, dieman gerade noch erreicht. Das ist diejenige, welche die Budgetlinie zur Tangente hat. Da die Steigung der Budgetlinie nach (5.9) gleich dem Preisverhältnis / und die der Tangente in einem bestimmten Punkt der Indifferenzkurve nach (5.6) gleich dem Verhältnis der Grenznutzen oder gleich der Grenzrate der Substitution ist, kann man folgende Verhaltens-Gleichung schreiben, die hier als Gleichgewichts-Bedingung aufgefaßt wird: (5.10) (Gleichgewichts-Bedingung). (5.10) besagt: Im Haushaltsgleichgewicht ist der relative Preis gleich dem Grenznutzenverhältnis und beide sind umgekehrt proportional der Grenzrate der Substitution. Aus (5.10) ergibt sich (5.11) ein Ausdruck, der mit (5.1 a) identisch ist. Das Gesetz vomAusgleich der gewogenen Grenznutzen kann also auch durch die Indifferenzkurven-Analyse entwickelt werden. Ableitung der Konsumfunktion Bisher wurde die Entstehung des Haushaltsgleichgewichts im Indifferenzkurven-System untersucht. Was geschieht, wenn sich eine der drei Determinanten des Gleichgewichts, die Bedürfnisstruktur ( ), das verausgabte Einkommen ( ) oder der relative Preis ( / ) ändert? Bei der Beantwortung dieser Frage soll wieder so vorgegangen werden, daß bei Variation einer Größe die übrigen konstant bleiben (ceteris paribus-Klausel). Dann wird das neue Gleichgewicht mit dem früheren verglichen (komparative Statik). Erstens sei angenommen: (5.12) . Unter Konstanthaltung der übrigen Größen ändert sich also nur dieBedürfnisstruktur. Graphisch gesehen erhält man eine neue Indifferenzkurvenschar ( ), die ansonsten dieselben Eigenschaften besitzt wie die alte ( ). Das neue Gleichgewicht ist durch die Tangentenlage der konstant gebliebenen Budgetlinie an eine Indifferenzkurve der neuen Kurvenschar ( ) bestimmt (Fig. 5-8). Wie sich das neue Gleichgewicht zu dem alten verhält, hängt vom Änderungsausmaß der Bedürfnisstruktur ab. Darüber läßt sich aber nur sehr wenig aussagen. Folgt die Bedürfnisänderung keiner bestimmten Tendenz, gilt das auch für die Gleichgewichtspunkte. Besondere Aspekte ergeben sich bei Variationen der Bedürfnisstruktur nicht. Im allgemeinen beschränkt man sich deswegen auf die Analyse der Einkommens- und Preisänderungen bei konstanten Bedürfnissen. Zweitens sei angenommen: (5.13) . p1 p2 u'1/u'2 dq2/dq1 p1 p2 ---u'1 u'2 ----dq2 dq1 --------–= = u'1 p1 ----u'2 p2 -----= u c p1 p2 q1 q2, f c p1 p2 u, , ,( )= I1 I0 E1 C Ib 1 E1 E0 q1 q2, f c p1 p2 u, , ,( )= 5. Nachfrage: Einkaufsplan des Haushalts 105 Fig. 5-8: Änderung der Bedürfnisstruktur Fig. 5-9: Änderung des verausgabten Einkommens 106 Zweiter Teil. Mikroökonomie EineÄnderung des verausgabten Einkommens (Konsumsumme) führt ceteris paribus zu Verschiebungen der Budgetlinie (Fig. 5-9). Der geometrische Ort aller Haushaltsgleichgewichte (Gleichgewichtspunkte , , ) heißt Einkommen-Konsum-Kurve ( ). Dabei sind zwei Fälle zu unterscheiden. Bei normaler Reaktion führen steigende (fallende) Einkommen zu Gleichgewichtspunkten mit jeweils größeren (kleineren) Mengen beider Güter (Fig. 5-9.I.). Ist ein Gut inferior, wie das Gut 1 ab (Fig. 5-9.II.), wird bei steigendem (sinkendem) Einkommen eine kleinere (größere) Menge nachgefragt. Verliefe die Einkommen-Konsum-Kurve von einem bestimmten Punkt an parallel zur - Achse, würde es sich bei Gut 1 um ein Sättigungsgut handeln (Fig. 4-4). In einer Zwei-Güter-Welt kann bei einer Einkommensänderung nur ein Gut inferior sein, weil bei steigendem Einkommen und zum Nullpunkt konvexen Indifferenzkurven keine Gleichgewichtskombination möglich ist, bei der und kleiner sind als beim jeweils niedrigeren Einkommen. Statt Gut 1 könnte auch Gut 2 inferior sein. Die möglichen Verläufe der Einkommen-Konsum-Kurve zeigt Fig. 5-9.III. Drittens soll sich der relative Preis ändern, indem eine Änderung von ceteris paribus angenommen wird: (5.14) . Wir wissen (Fig. 5-6), daß sich die Budgetlinie in diesem Fall im Schnittpunkt auf der -Achse dreht. Auch hier ist ein normaler und ein anomaler Fall zu unterscheiden. Es wird sich zeigen, daß im anomalen Fall ein Gut inferior sein muß, im normalen Fall dagegen sein kann. Da der Preis eines Gutes variiert, werden in die Überlegungen die Beziehungen zwischen Preis- und Mengenänderungen dieses Gutes (Nachfragekurve) einbezogen. Die grundsätzlich möglichen Zusammenhänge veranschaulicht Fig. 5-10. Der geometrische Ort für alle Haushaltsgleichgewichte (Gleichgewichtspunkte , , ) heißt Preis-Konsum-Kurve ( ). Bei normaler Reaktion führt ein fallender Preis , der ceteris paribus zugleich auch das Realeinkommen erhöht, zu größeren nachgefragten Mengen für Gut 1 und Gut 2 (Fig. 5-10.I.). Da sich bei fallendem die Budgetlinie in dreht, kannman für eine bestimmte Konsumsumme dieMengen , ( ) und , ( ) kaufen, wobei und sind. Die Schnittpunkte der sich drehenden Budgetlinie mit der -Achse erhält man nach (5.8 b) durch Division von durch und , wenn gesetzt wird. Trägt man die Preise ,..., auf einer Ordinate, die dazugehörigen Mengen ,..., auf der Abszisse ab, erhält man für Gut 1 die Nachfragekurve . Diese hat in Fig. 5-10.I. einen normalen Verlauf. Geht die Nachfrage nach Gut 1 von einem bestimmten Punkt an ( ) zurück (Fig. 5-10.II.), verläuft die Nachfragekurve anomal. Entsprechendes würde für Gut 2 gelten. Die möglichen Verläufe der -und -Kurve zeigt Fig. 5-10.III. Auf die Wirkungen einer Preisänderung soll noch etwas näher eingegangen werden. Es wurde bereits erwähnt, daß bei einer Änderung der Preisrelation eine Realeinkommenswirkung eintritt. Angenommen, jemand hat eine Dreizimmerwohnung in einem Haus gemietet, und der Vermieter würde erklären, die Miete werde um die Hälfte niedriger. Der Mieter wird vielleicht versuchen, im E0 E1 E2 EKK E2 q2 q1 q2 p1 q1 q2, f c p1 p2 u, , ,( )= q2 E0 E1 E2 PKK p1 p1 Q q1 1 q2 1 E1 q1 2 q2 2 E2 q1 0 q1 1 q1 2< < q2 0 q2 1 q2 2< < q1 c p1 1 p1 2 q2 0= p1 0 p1 n q1 0 q1 n D1 E1 PKK D 5. Nachfrage: Einkaufsplan des Haushalts 107 Miethaus eine Vierzimmerwohnung zu bekommen. Dafür hätte er zwei Gründe. Einmal erhält er aufgrund der Preissenkung ein höheres Realeinkommen als vorher. Es handelt sich um den Einkommenseffekt einer Preissenkung. Zum zweiten ist die Wohneinheit - gemessen in Quadratmetern - absolut und relativ billiger geworden, so daß er dazu neigt, mehr Wohneinheiten nachzufragen und dafür vielleicht weniger in Restaurants oder Bars zu gehen. Das ist der Substitutionseffekt (Preiseffekt). Die Wirkungen einer Preissenkung können Fig. 5-10: Änderung des relativen Preises demnach als das Ergebnis von zwei Komponenten verstanden werden. Dieser Zusammenhang läßt sich graphisch veranschaulichen (Fig. 5-11). Fällt ceteris paribus der Preis , dreht sich die Budgetlinie in ihrem Schnittpunkt mit der -Achse. Das alte Haushaltsgleichgewicht ist , das neue . Die Preissenkung von führt zu einer Realeinkommenserhöhung bei konstantem Geld- oder Nominaleinkommen. Unterstellt man vorübergehend, der Preis hätte sich nicht geändert und das Geldeinkommenwäre genau in demMaße erhöht worden, wie es für das Erreichen der neuen Indifferenzkurve bei konstanten Preisen erforderlich wäre, würde sich die Budgetlinie von nach verschoben haben und das dazugehörige Gleichgewicht wäre . Tatsächlich ist das Geldeinkommen konstant geblieben. Die reale Einkommenserhöhung p1 Q q2 E0 E1 p1 p1 Ib C0 C'0 E'1 108 Zweiter Teil. Mikroökonomie gestattet eine Mengenkombination auf (Einkommenseffekt). Da nur nutzenmaximal ist, bewegt sich die Nachfrage des Haushalts auf von nach . Dabei wird das Gut 2 gegen das Gut 1 substituiert (Substitutionseffekt). Bei der gedachten Bewegung von nach über nimmt um die Differenz zu, wobei auf den Einkommenseffekt zurückgeht, Fig. 5-11: Einkommens- und Substitutionseffekt auf den Substitutionseffekt. Beide Effekte haben in diesem Fall, der die Regel bildet, bei Gut 1 in dieselbe Richtung gewirkt und zu einer Erhöhung der nachgefragten Menge dieses Gutes beigetragen. Der untere Teil der Zeichnung übersetzt (wie in Fig. 5-10.I.) die Beziehungen in ein Preis-Mengen-Diagramm. Der ursprüngliche Preis ist , der neue . Die Nachfragekurve zeigt, daß die Preissenkung die nachgefragte Menge um die Differenz erhöht hat. Die Kurve ist das Ergebnis derWirkung einer angenommenen Einkommenserhöhung, die der Realeinkommenswirkung der Preissenkung entspricht. Wie die Fig. 5-9 und 5-10 verdeutlichen, können unter den gemachten Annahmen und als jeweilige geometrische Orte aller Haushaltsgleichgewichte einen unterschiedlichen Verlauf haben, weil von einem bestimmten Punkt an bei einer Einkommenserhöhung (-senkung) die nachgefragte Menge eines Gu- Ib E1 Ib E'1 E1 E0 E1 E'1 q1 q1 1 q1 0– q1 2 q1 0– q1 1 q1 2– p1 0 p1 1 q1 1 q1 0– D'0 EKK PKK 5. Nachfrage: Einkaufsplan des Haushalts 109 tes fallen (steigen) kann (inferiores Gut). Hingegen ist beim Substitutionseffekt die Richtung der Nachfrage eindeutig: Eine Preissenkung führt - bei konvexen Indifferenzkurven - für das Gut mit der Preissenkung notwendig zu größeren Mengen et vice versa. Nun bedeutet eine Preissenkung eine Realeinkommenserhöhung. Ist ein Gut nicht inferior, wirken Substitutions- und Einkommenseffekt für das Gutmit der Preissenkung in dieselbe Richtung, weil dann bei einem gestiegenen Einkommen die nachgefragte Menge steigt. Also ist auch das Gesamtergebnis einer Preissenkung auf dieMengennachfrage eindeutig. Dagegen ist bei einem inferioren Gut der Einkommenseffekt gegenläufig. Trotz gestiegenen Einkommens wird weniger als bisher nachgefragt. Das Gesamtergebnis für das Gut mit Preissenkung ist offen. Es hängt nun von der Stärke der entgegengerichteten Substitutions- und Einkommenseffekte ab, wie eine Preissenkung die Mengennachfrage beeinflußt: Ist der Einkommenseffekt stärker (schwächer) als der Substitutionseffekt, fällt (steigt) dieMenge; die Reaktion ist anomal (GIFFEN-Fall) oder normal. Die möglichen Fälle sind in einer Übersicht zusammengefaßt (Übers. 5-2). Es stellt sich ferner die Frage, in welcher Weise die Preisänderungen eines Gutes unter Berücksichtigung des Einkommenseffektes, der im 4. Kap. vernachlässigt wurde, sich auf die Mengenänderungen eines anderen Gutes auswirken. Ausgangspunkt der Analyse sind die Darstellungen alternativer Haushaltsgleichgewichte im normalen und im anomalen Fall (Fig. 5-10. I. und II.), mit dem Unterschied, daß nun nicht die konsumentenindividuelle Nachfrage nach dem Gut abgeleitet wird, dessen Preis sich ändert, sondern die Kreuznachfrage nach dem zweiten Gut, dessen Preis annahmegemäß konstant bleibt. Es sei jetzt aber angenommen, daß der Preis variiert und somit die Schnittpunkte der sich drehenden Budgetlinie auf der -Achse liegen. Für den normalen Fall einer -Kurve (Fig. 5-12. I.) läßt sich für eine ganz beliebige Übers. 5-2: Mögliche Kombinationen zwischen Substitutions- und Einkommenseffekt bei einer Preissenkung (Realeinkommenssteigerung) Abfolge der Haushaltsgleichgewichte , und bei sinkendem Preis feststellen, daß die nachgefragte Menge des Gutes steigt. Der normale, posi- Reaktion der nachgefragten Menge 1 2 3 4 Substitutionseffekt (SE) Einkommenseffekt (EE) Gesamteffekt (GE) EE (Mengen- nach Einkommensänderung); Gutstyp GE (Mengen- nach Preisänderung): Reaktionsart positiv positiv positiv superiores Gut normal positiv null positiv Sättigungsgut normal positiv negativ, kleiner als SE positiv inferiores Gut normal positiv negativ, größer als SE negativ negativ inferiores Gut anomal Giffen-Gut q2 p2 q2 PK E0 E1 E2 p2 q1 Fälle 110 Zweiter Teil. Mikroökonomie tiv ansteigende Verlauf der -Kurve führt dann zu einer negativ geneigten Kreuznachfragekurve, die eine Kreuzpreiselastizität von aufweist. Eine negative Kreuzpreiselastizität ist - unter Berücksichtigung des Einkommenseffektes - gleichermaßen mit substitutiven und komplementären Gutsbeziehungen vereinbar. Es lassen sich sowohl die in Fig. 5-4 dargestellten Indifferenzkurven vom Typ als auch in dieDarstellung alternativer Haushaltsgleichgewichte eintragen. Das bedeutet auf bezogen, daß bei substitutiven Gütern Einkommens- und Substitutionseffekt gleichgerichtet oder entgegengesetzt wirken und bei komplementären Gütern, da der Substitutionseffekt annahmegemäß Null ist, der Einkommenseffekt isoliert zu führt. Für den anomalen Verlauf der -Kurve (Fig. 5-12. II.) ergeben die alternativen Haushaltsgleichgewichte , und bei einem sinkenden Preis eine abnehmende individuelle Nachfrage nach Gut . Aus einer anomal, negativ ansteigenden -Kurve läßt sich eine Kreuznachfragekurve mit positivem Anstieg und ableiten. Vereinbar mit einer negativen Kreuzpreiselastizität sind nur substitutive Güter, bei denen der Substitutionseffekt durch den Einkommenseffekt überkompensiert wird. Würde man zu den Gleichgewichten ,..., in Fig. 5-12. II. Indifferenzkurven des Typs abtragen, müßten sich die Indifferenzkurven notwendigerweise schneiden, was wiederum definitorisch ausgeschlossen ist. Zusammenfassend kann festgehalten werden, daß von einer positiven Kreuzpreiselastizität auf substitutive Gutsbeziehungen geschlossen werden kann. Umgekehrt kann aber bei einer negativen Kreuzpreiselastizität unter Berücksichtigung des Einkommenseffektes nicht gesagt werden, ob es sich um komplementäre oder substitutive Güter handelt. Die bisherigen Ableitungen der Nachfragekurve in der Grenznutzen- (Fig. 5- 1) und Indifferenzkurven-Analyse (Fig. 5-8 bis 5-11) gelten nur für ein Individuum oder einen Haushalt. Zu einer Marktkurve gelangt man durchAggregation der individuellen Kurven. Hierzu ergeben sich zu den früheren Ausführungen (Fig. 4-5) keine neuen Aspekte. Zu beachten bleibt, unter welchen Annahmen man die individuelle Nachfragekurve gewonnen hat. Ist die individuelle Kurve unter der ceteris paribus-Klausel in der Grenznutzen- und Indifferenzkurven- Analyse abgeleitet worden, entstehen bei der Aggregation einige methodische Probleme, auf deren Erörterung verzichtet werden soll. Die Indifferenzkurven-Analyse beruht auf stringenten Annahmen über das Verhalten der Haushalte, die häufig Gegenstand der Kritik gewesen sind: Explizit werden nur Preise und Einkommen berücksichtigt (instrumentale Nachfrage), obwohl andere Einflußfaktoren für die Menge der nachgefragten Güter Bedeutung haben; Geltungskonsum (snob value-Effekt) undNachahmungstrieb (bandwagon-Effekt) - Beispiele solcher Einflußfaktoren werden in den "Datenkranz" der Bedürfnisstruktur verwiesen (K 5-1). Die Entscheidungsträger haben eine genaue Kenntnis der Marktdaten (vollständige Information). Unsicherheit - Merkmal aller in die Zukunft gerichteter Entscheidungen - existiert nicht. DieNachfrager verhalten sich rational, indem sie unter allen Umständen den Nutzen maximieren (Rationalverhalten). PK η2 1, 0< Ic Id q1 η2 1, 0< PK E0 E1 E2 p2 q1 PK η2 1, 0> E0 E2 Ic 5. Nachfrage: Einkaufsplan des Haushalts 111 Die Ableitung der Nachfragekurve setzt die Kenntnis der Indifferenzkurven voraus. Empirisch lassen sich diese nur unvollständig oder mit großen Schwierigkeiten gewinnen. Fig. 5-12: Gutsbeziehungen und Kreuzpreiselastizitäten III. Revealed Preference-Analyse Analytischer Ansatz und Ableitung der Nachfragekurve Die Revealed Preference- oder Revealed Choice-Analyse - man könnte übersetzen: Analyse der "offenbarten" oder "bekundeten" Präferenz (Wahl) - versucht, die beiden zuletzt genannten Konsequenzen der Indifferenzkurven-Analyse zu vermeiden. Mit ihr wird die Nachfrage des Konsumenten nicht - wie bei der Grenznutzen- und Indifferenzkurven-Analyse - aus Nutzenvorstellungen, sondern aus beobachtbarem Verhalten abgeleitet. Man bezeichnet sie deswegen auch als behavioristische Theorie. Die Theorie des Nutzens ist ein psychologisches, introspektives Konzept, die der Revealed Preferences ein empirisches. Die Analyse der offenbarten Präferenzen geht auf PAUL ANTHONY SAMUELSON (1915-2009) zurück, der u. a. in WILLIAM BAUMOL (geb. 1922), GEORGE STIGLER (1911-1991) und RICHARD G. LIPSEY (geb. 1928) Nachfolger oder Interpreten gefunden hat. Die Darstellung der Theorie weicht im Detail bei den einzelnen Au- 112 Zweiter Teil. Mikroökonomie toren ab; die folgende Analyse stellt in einigen Punkten Beziehungen zu Teilen der vorher dargestellten Haushaltstheorie her. Die erste und zentrale Prämisse der Revealed Preference-Theorie ist das Konsistenzaxiom. Inhalt dieses Axioms ist eine Verhaltenshypothese. Um seine Bedeutung zu klären, sei es näher erläutert. Wie in der Indifferenzkurven- Analyse soll ein Konsument verschiedene Kombinationen von zwei Gütern pro Zeiteinheit wählen können. Die Wahlmöglichkeiten sind dann bei einem bestimmten Einkommen und gegebenen Preisen dieser beiden Güter durch die Budgetlinie auf das Dreieck begrenzt (Fig. 5-13). Wählt der Haushalt die Güterkombination , so "bekundet" er damit, daß er diese Kombination anderen vorzieht, die er auch hätte wählen können. Das Konsistenzaxiom läßt sich nun wie folgt definieren: Ein Haushalt handelt konsistent, wenn er in allen folgenden Fällen, in denen er die Wahl hat, eine Kombination nur innerhalb des Dreiecks und auf zu wählen, stets R wählt, sofern er sich beim ersten Mal für R entschieden hat. Fig. 5-13: Bedeutung des Konsistenzaxioms Eine zweite Prämisse der Revealed Preference-Theorie, die SAMUELSON das "fundamentale Theorem der Konsumtheorie" nennt, besagt, daß sich das reale Haushaltseinkommen und die nachgefragte Menge eines Gutes nur in gleicher Richtung ändern. Sie unterstellt, daß der aus der Indifferenzkurven-Analyse bekannte Substitutionseffekt die Richtung bestimmt, in der sich nach der Preisänderung eines Gutes die nachgefragte Menge dieses Gutes bewegt. Bekanntlich führt der Substitutionseffekt bei einer Preissenkung (-erhöhung) eines Gutes - bei Preiskonstanz des zweiten Gutes (relative Preisänderung) - zu einer größeren (kleineren) nachgefragtenMenge dieses Gutes, als sich allein aus der Preissenkung ergeben würde. Das heißt: Die zweite Prämisse ist notwendig, wenn eine normale Nachfragereaktion unterstellt wird. Sollen auch anomal verlaufende Nachfragekurven abgeleitet werden, ist die zweite Prämisse überflüssig. Ihr Vorzug liegt darin, daß sich Nachfrageänderungen aus der zeitlichen Abfolge offenbarter Präferenzen ohne die Konstruktion von Haushaltsgleichgewichten erklären lassen. C0 0QM R 0QM QM 5. Nachfrage: Einkaufsplan des Haushalts 113 Für die Ableitung derKonsequenzen beider Prämissen sei als Beispiel angenommen, daß der Preis des Gutes 1 fällt. Die Budgetlinie in Fig. 5-14 dreht sich in und man erhält in Abhängigkeit vom Ausmaß der Preisänderung ( ). Um den Einfluß des Substitutionseffekts zunächst zu isolieren, wird angenommen, daß das nominelle Haushaltseinkommen in dem Maße sinkt, daß genau dieselbe Mengenkombination ( ) wie vor der Preissenkung gekauft werden kann. Das bedeutet, daß sich das Realeinkommen nicht ändert. Die Budgetlinie muß sich so verschieben, daß sie durch läuft ( ). Waren vor der Preissenkung des Gutes 1 z. B. = 100, = 1, = 60, = 2 und = 20, so hätte wegen (5.7) gegolten: = 100 = 1 ∙ 60 + 2 ∙ 20. Fällt auf 0,5 und sollen dieselben Mengen - aber auch nicht mehr - gekauft werden, gilt: ; bleibt das nominelle Haushaltseinkommen bei gesunkenem konstant und wird dieselbe Menge von Gut 2 wie bisher erworben, erhält man: . Da in und das Verhältnis gleich ist, müssenwegen (5.9) auch die Steigungen gleich sein, d. h. beide Budgetlinien müssen parallel verlaufen. Begrenzt das Dreieck die Wahlmöglichkeiten des Haushalts, wird also von einemkonstantenRealeinkommen ausgegangen, ist dieMengenkombination möglich, für die er sich ursprünglich bei der Wahlmöglichkeit im Dreieck entschieden hatte. Mit der ersten Prämisse, dem Konsistenzaxiom, werden nach der Preissenkung alle von verschiedenen Mengenkombinationen ausgeschlossen, die schon vor der Preissenkung hätten gewählt werden können, das heißt, es sind nur noch Kombinationen innerhalb des Dreiecks wählbar. Da sich der Haushalt unter den vorhandenen Möglichkeiten für entschieden hatte, sind mit konsistentem Handeln wegen der vorläufigen Annahme des konstanten Realeinkommens nurMengenkombinationen vereinbar, die früher nicht möglich waren. Diese Kombinationen liegen im Dreieck . Der Haushalt muß dieselbe Menge des Gutes 1, die zur Kombination gehört, oder mehr davon wählen (Fig. 5-14). Fig. 5-14: Konsistenzbereich bei konstantem Realeinkommen C0 Q C1 QN R R C' UT= C0 p1 q1 p2 q2 C0 p1 C' 0,5 60 2 20⋅+⋅ 70= = p1 C1 100 0,5 120 2 20⋅+⋅= = C1 C' p1/p2 0UT R 0QM R 0UT R MRT R 114 Zweiter Teil. Mikroökonomie Wird die Annahme eines konstanten Realeinkommens (gesunkenes Nominaleinkommen) aufgegeben, also von einem gestiegenen Realeinkommen (konstantes Nominaleinkommen) ausgegangen, wählt der Haushalt nach der zweiten Prämisse eine größere Menge des Gutes 1: Gemäß dieser Prämisse steigt mit dem Realeinkommen die vom Gut 1 nachgefragte Menge, so daß die neue offenbarte Güterkombination rechts von in der schraffierten Fläche ( ) liegt (Fig. 5-15). Die Kombination Rwird aufgegeben. Ohne die zweite Prämisse kämen auch Kombinationen des Dreiecks oberhalb in Frage, die ursprünglich nicht erreichbar waren. Zu beachten ist, daß für Prämisse 1 jetzt gilt. Die Entfaltung der Verhaltensprämissen der Revealed Preference-Theorie zeigt, daß - ohne die Zuhilfenahme von Nutzen- oder Indifferenzkurven und Fig. 5-15: Konsistenzbereich bei steigenden Realeinkommen die Ableitung von Haushaltsgleichgewichten - die Änderung der nachgefragten Menge eines Gutes in Abhängigkeit von seinen Preisänderungen erklärt werden kann. Unterstellt man mehrere Preissenkungen, läßt sich aus einem Mengendiagramm (wie Fig. 5-15) dieNachfragekurve ableiten. Es sei zur Vereinfachung angenommen, daß die gewählten Mengenkombinationen jeweils auf der höchsten erreichbaren Budgetlinie liegen und ein größeres Güterbündel stets einem kleineren möglichen vorgezogen wird (Fig. 5-16). Die Verbindungslinie der offenbarten Präferenzen könnte - in Analogie zu Fig.5-10 - als Preis- Konsum-Kurve bezeichnet werden; es muß jedoch beachtet werden, daß Präferenz- und nicht Indifferenzpunkte sind und nichts mit Haushaltsgleichgewichten zu tun haben. RS RSNM QSR QR C1 Rn 5. Nachfrage: Einkaufsplan des Haushalts 115 Fig. 5-16: Ableitung der Nachfragekurve Konsequenzen und Kritik Mit der zweiten Prämisse werden - wie Fig. 4-4 verdeutlicht - inferiore Güter ausgeschaltet; bei inferioren Gütern geht die nachgefragte Menge eines Gutes mit steigendem Einkommen absolut zurück. Der Zusammenhang zwischen Einkommens- und Mengenänderungen eines Gutes läßt sich mit der Einkommenselastizität nach (4.25) beschreiben. Bei einem inferioren Gut ist das Vorzeichen der Einkommenselastizität negativ, bei einem normalen ("superioren") Gut positiv (größer als 1 [elastisch] oder kleiner als 1 [unelastisch], im Grenzfall [Sättigungsgut] gleich Null [vgl. (4.25) mit Fig. 4-4]). Basiert die Revealed Preference-Analyse nur auf dem Konsistenzaxiom, erhält man nur dann eine normal verlaufendeNachfragekurve, wenn - nach derAusdrucksweise der Indifferenzkurven-Analyse - ein negativer Einkommenseffekt einer Preissenkung von dem stets positiven Substitutionseffekt mehr als kompensiert wird (analog Fig. 5-11). Daraus wird deutlich, daß die Revealed Preference-Theorie den GIFFEN-Fall von entgegengerichteten Einkommens- und Substitutionseffekten nicht unterscheiden kann. Soweit bei einer Preissenkung negative Einkommenseffekte positiven Substitutionseffekten entgegenwirken - et vice versa bei einer Preiser- ηy 116 Z w eiter T eil.M ikroökonom ie Einkommenselastizität Gütermenge Richtung der Komponenten der Gütermengenwirkungen Vereinbarkeit mit Prämissen der Revealed-Preference- Theorie Wert Verbale Beschreibung Wirkungen auf die Gütermenge Beschreibung der Wirkungen (Gutsyp) Komponente Substitutionseffekt Komponente Einkommenseffekt 1. Prämisse 2. Prämisse negativ indifferent positiv, unelastisch positiv, elastisch negativ keine positiv positiv inferiores Gut Sättigungsgut normales oder superiores Gut (Nichtsättigungsgut) normales oder superiores gut (Nichtsättigungsgut) positiv positiv positiv positiv negativ negativ negativ oder positiv negativ oder positiv ja ja ja ja nein nein ja ja ηy 0< ηy 0= 0 ηy 1< < 1 ηy ∞≤< Übers. 5-3: Einkommenselastizitäten, Einkommens- und Substitutionseffekte in Beziehung zur Revealed Preference-Theorie bei einer Preissenkung (Realeinkommenssteigerung) 5. Nachfrage: Einkaufsplan des Haushalts 117 höhung -, werden sie vernachlässigt, solange die Nachfrager normal reagieren; die Fälle einer anomalen Reaktion (inferiore Güter) - überkompensierende Einkommenseffekte - sind ausgeschlossen, sofern auch die zweite Prämisse zugrunde liegt. Da die Revealed Preference-Theorie auf empirische Beobachtbarkeit abstellt, kann sie auf die für die Indifferenzkurven-Analyse typische, rein theoretische Unterscheidung nach beiden Effekten verzichten. Es können allenfalls die Ergebnisse des Zusammenspiels beider Wirkungen beobachtet werden. Eine Übersicht soll die Zusammenhänge für den Fall einer Preissenkung (Realeinkommenssteigerung) noch einmal verdeutlichen (Übers. 5-3). Da die Revealed Preference-Theorie als ein empirisch orientiertes Hypothesensystem angelegt ist, muß sie insbesondere auf die Meßbarkeit der Daten Rücksicht nehmen. Dafür genügt es nicht, lediglich auf introspektive Größen (wie Grenznutzen oder Indifferenz) zu verzichten. Statistisch gibt es kaumMaterial über Zusammenhänge zwischen den Änderungen von zwei Güterpreisen und -mengen. An die Stelle von zwei einzelnen Gütern und ihren Preisen treten bei Testverfahren zwei Güterpakete mit einer entsprechenden Anzahl von Preisen, die mit Indexzahlen erfaßt werden. Auf diese empirische Notwendigkeit kann schon bei der theoretischen Analyse abgestellt werden. Die Darstellung mit Indexzahlen bietet keine neuen Einsichten, ist jedoch abstrakter. SAMUEL- SON hat vorgeschlagen, die Revealed Preference-Theorie zur Grundlage der Haushaltsnachfragetheorie zu machen und die übrigen Erklärungsversuche aufzugeben. Der Versuch, an die Stelle psychologischer Theorien ein empirisches Konzept zu setzen, ist vom Standpunkt des eingangs entwickelten Wissenschaftsbegriffs (1. Kap.) zu begrüßen. Die Revealed Preference-Theorie ist verschiedenen Testverfahren unterzogen worden. Ihre empirische Absicherung muß bisher als unbefriedigend bezeichnet werden. Empirische Kritik dürfte insbesondere an der zentralen Prämisse angebracht sein, dem Konsistenzaxiom. Diese Prämisse impliziert, daß sich die Bedürfnisstruktur des Konsumenten nicht wandelt. Wenn sich ein Haushalt angesichts einer Vielzahl vonMöglichkeiten immerwieder für dieselbe Güterkombination entscheidet, bedeutet das: Seine Bedürfnisstruktur kann sich nicht geändert haben. Damit werden die Fälle für ein Testverfahren erheblich reduziert, weil eine Reihe von Faktoren auf die Bedürfnisstruktur ständig einwirken. Die Revealed Preference-Theorie ist im Ansatz richtig, im Ergebnis bisher wenig erfolgreich. 6. Kapitel: Angebot: Verkaufsplan des Unternehmens I. Produktionstheorie Charakteristika Charakteristische Merkmale - Aktivitätsanalyse - Produktionsfunktionen - Isoquante Variation - Partielle Variation - Proportionale Variation - COBB-DOUGLAS-Funktion und CES-Funktion - Linear-homogene Produktionsfunktion Zwei variable Einsatzfaktoren Höhere Ausbringung - Technische Substitutionsrate - Variation beider Produktionsfaktoren - Ein Faktor zusätzlich konstant - Ein Faktor variabel - Drei Fälle - Einführung von Preisen - Gleichgewicht des Systems - Änderungen der Technik, Kosten und relativen Preise Ein variabler Einsatzfaktor Ertragsgesetz - Gesamt-, Grenz- und Durchschnittsertrag - Ertragsverlauf II. Kostentheorie Kostenbegriff, externe Effekte und Zeithorizont opportunity cost-Prinzip - Private und soziale Kosten - Zeithorizont K 6-1: Globale externe Effekte Kurzfristige Kostenverläufe Umkehrung des produktionstheoretischen Ansatzes - Kostenfunktion - Gesamt-, Grenz- und Durchschnittskosten - Variation der Faktorpreise Langfristige Kostenverläufe Betriebsgröße - Betriebsgrößenoptimum Sehr langfristige Kostenverläufe Wirkungen des technischen Fortschritts - Ursachen des technischen Fortschritts -Widersprechende Hypothesen III. Gewinntheorie Kurzfristige Gewinne Annahmen - Gewinnmaximum - Größe des Gewinns - Marktangebot Langfristige Gewinne Annahmen - Gewinnmaximum - Marktangebot - Langfristig keine oder geringere Gewinne? - Kritik der Gewinnmaximierungsannahme IV. Transaktionskosten Zur Natur des Unternehmens Entstehung von Unternehmen - Transaktionskosten und Organisationskosten - Entscheidend alternative Kosten - Optimale Betriebsgröße Transaktionskostenansatz als Ergänzung und seine Erweiterungen Ergänzung der traditionellen Unternehmenstheorie - Transaktionsökonomik - Neue Institutionenökonomik I. Produktionstheorie Charakteristika Es seien zunächst charakteristische Merkmale der Angebotsanalyse erläutert. Unterstellt wird zunächst, daß das Angebot durch Unternehmen erfolgt, die sich gebildet haben. In der traditionellen Wirtschaftstheorie - der so genannten Neoklassik - wird nicht erklärt, warum Unternehmen entstehen und welche Grenzen sie haben. Diese Frage greift die neuere Theorie des Unternehmens auf, in welcher das Konzept der Transaktionskosten der vorherrschende Erklärungsansatz ist. Weil dieses Konzept ungewohnte Einblicke in das Marktgeschehen bietet und zur Herausbildung einer breit angelegten Institutionenlehre wesentlich beigetragen hat, wird darauf gesondert eingegangen (IV.). Das Angebot der aus irgendwelchen Gründen entstandenen Unternehmen, die auf Gewinnerzielung - nicht notwendig Gewinnmaximierung - ausgerichtet sind, wird wesentlich von den technischen Produktionsmöglichkeiten und den von ihnen abhängigen Kosten bestimmt. Diese Angebotskomponenten werden zunächst im einzelnen, sodann in ihrem Zusammenwirken analysiert. Die Untersuchung der Produktionsmöglichkeiten bezeichnet man meistens als Produktionstheorie, manchmal als Ertragstheorie. Ihr liegen technische Beziehungen zugrunde, die sich in Form von technischen Gleichungen ausdrücken lassen. Technische und ökonomische Analyse sind scharf zu trennen. Der Ökonom beurteilt ein Produktionsverfahren nicht danach, ob es unter technischen Gesichtspunkten modern, sondern ob es nach wirtschaftlichen Kriterien günstig ist. Technisch alte Anlagen können neuen wirtschaftlich überlegen sein. Für technische Aspekte interessiert sich der Ökonom insoweit, als wirtschaftliche Größen beeinflußt werden. In der Produktionstheorie untersucht man die technisch-physikalischen Zusammenhänge zwischen dem Einsatz von Faktoren und der Ausbringung von Produkten. Die daran anknüpfende Bestimmung der betrieblichen Kostenverläufe und des Angebots ist Gegenstand der Kostenund Gewinntheorie. Zur Produktion von Gütern (Ausbringung, Produktion, output) benötigt man Produktionsfaktoren (Einsatzmengen, Faktoreinsatz, input). Die Ausgangsfrage der Produktionstheorie lautet: Wie verändert sich die Ausbringung bei Variation des Faktoreinsatzes? Oder: Welche alternativen Faktoreinsätze sind geeignet, denselben output hervorzubringen? In diese Fragen können auch Änderungen der Faktorqualität und des Produktionsverfahrens einbezogen werden. Antworten auf die Fragen nach den technischen Zusammenhängen sind nicht nur bedeutsam für die Kostenverläufe, sondern auch für die Faktornachfrage. Die Produktionstheorie ist deswegen als Teil der Unternehmenstheorie das Bindeglied zwischen der Analyse des Produktangebots und der Faktornachfrage. In diesem Kapitel wird das Unternehmensangebot - als Gegenstück der Haushaltsnachfrage - untersucht. Die traditionellen analytischen Instrumente der Produktionstheorie zeigen in formaler Hinsicht manche Verwandtschaft zur Analyse der Haushaltsnachfrage, insbesondere dann, wenn die Substituierbarkeit der Einsatzmengen verschiedener Faktoren in Betracht gezogen wird. Eine andere Form der Analyse ist die Technik des linearen Programmierens (linear programming), deren Be- 122 Zweiter Teil. Mikroökonomie handlung den Rahmen eines Einführungsbuches überschreitet. Unter linearem Programmieren versteht man eine Methode zur Optimierung einer linearen Zielfunktion, die einschränkenden, als lineare Gleichungen (oder Ungleichungen) formulierten Nebenbedingungen (Restriktionen) unterliegt. Möchte man sprachlich nicht auf spezielle mathematische Beziehungen, sondern auf die ihnen zugrundeliegenden Entscheidungsprobleme abstellen, spricht man von Aktivitätsanalyse oder Unternehmensforschung (Operations Research). Die nach demZweitenWeltkrieg zunächst zur Lösungmilitärischer Aufgaben - insbesondere von dem Amerikaner GEORGE B. DANTZIG - konzipierte Technik hat sich vor allem durch das Vordringen von Computern rasch durchgesetzt. Schon vor DANTZIG hat der Russe LEONID WITALEWITSCH KANTOROWITSCH erkannt, daß zahlreiche produktionstheoretische Fragen der Optimierungs-Technik zugänglich sind. Ein Beispiel mag die Art eines typischen Entscheidungsproblems verdeutlichen. Zeitungspapier werde von einem Papierfabrikanten an Druckereien in Rollen verschiedener Breiten geliefert, je nach dem Format der Zeitungen. Diese Rollen wiederum werden von verschiedenen größeren Rollen abgeschnitten. Wie muß man schneiden, um den Abfall zu minimieren? Das menschliche Gehirn besitzt eine bemerkenswerte Fähigkeit, die besten Kombinationen unmittelbar ausfindig zu machen, wenn nur wenige Güter zu berücksichtigen sind. Es wäre jedoch überfordert, wenn das Unternehmen 120 Abmessungen liefern würde, die von 15 unterschiedlich großen Rollen abgeschnitten werden könnten - eine Aufgabe, die ein Computer, entsprechend programmiert, schnell und sicher löst. Die "klassische" Frage der linearen Programmierung war das Transportproblem. Angenommen, zwei Konservenfabriken eines Produzenten liegen in Hannover und Nürnberg. Sie können täglich 2000 und 4000, insgesamt also 6000 Dosen herstellen. Neben den Fabriklagern gibt es vier Auslieferungslager in Berlin, Hamburg, Essen und Frankfurt, von denen täglich je 1000 Dosen verkauft werden. Der Unternehmer möchte wissen, wieviel Dosen und welche Verkehrsbeziehungen zwischen Fabrik und Lager zu wählen sind, wenn die Transportwege, die sich proportional zu ihrer Länge in seinen Kosten niederschlagen,minimal sein sollen.Wer sich imDenksport übenmöchte, versuche diese Aufgabe zu lösen. Dann sollte die Zahl der Lager bis zu jenem Punkt gesteigert werden, bei dem alle Kombinationsversuche versagen. In der klassischen Produktionstheorie werden produktionstechnische Beziehungen zwischen input und output als Produktionsfunktionen dargestellt. Für das gesamte Kapitel sei angenommen, daß aus der Kombination von Produktionsfaktoren nur ein einziges Gut (Einproduktunternehmen) mit der Menge ( = output) pro Zeiteinheit hervorgeht. Die Zahl der Produktionsfaktoren oder Faktorgruppen sei - von einer Ausnahme abgesehen - auf zwei beschränkt. Ferner wird angenommen, daß die Produktionsfaktoren sich gegenseitig in einem gewissen Umfang ersetzen können (periphere Substitution). Denkbare Grenzfälle sind die der vollständigen Substituierbarkeit und der vollständigen (starren) Komplementarität (Limitationalität) der Produktionsfaktoren. Von beiden Grenzfällen hat nur der letzte empirische Bedeutung. Da er implizite mitbehandelt wird, soll auf seine gesonderte Darstellung verzichtet werden. Weiterhin unterstellt man in der Regel beliebige Teilbarkeit der Faktoren, was die Anwen- O O t 6. Angebot: Verkaufsplan des Unternehmens 123 dung der Differentialrechnung ermöglicht. Schließlich ist eine bestimmte Produktionstechnik vorgegeben (angewandtes technisches Wissen, technischer Horizont); in der Kostenanalyse werden dann die Wirkungen einer Änderung der Produktionstechnik (technischer Fortschritt) behandelt. Werden die Mengen der beiden Produktionsfaktoren mit und bezeichnet, läßt sich die Produktionsfunktion in der allgemeinen Form schreiben: (6.1) (technische Gleichung). Von Gleichung (6.1) werden meist folgende spezielle Formen analysiert: (6.1 a) ; (6.1 b) und ; (6.1 c) . Funktion (6.1 a) gibt Auskunft darüber, welche Faktoreinsatzmengen einen gegebenen (konstanten) output erzeugen können (substitutionale Faktorvariation). In (6.1 b) wird der output in Abhängigkeit vom variierenden Einsatz eines Faktors betrachtet (partielle Faktorvariation), in (6.1 c) von beiden Faktoren bei Konstanz des Faktoreinsatzverhältnisses (totale proportionale Faktorvariation). Die technischen Gleichungen (6.1 a) bis (6.1 c) lassen sich graphisch zweioder dreidimensional veranschaulichen. Zunächst wird eine dreidimensionale Darstellung gewählt, anschließend eine zweidimensionale. In der dreidimensionalen Graphik werden in der Ebene die Produktionsfaktoren und , in der Höhe der output pro Zeiteinheit - oft "Ertrag" genannt - aufgetragen, so daß man ein "Ertragsgebirge" erhält (Fig. 6-1). Liegt (6.1 a) zugrunde, bewegt man sich graphisch auf einer gegebenen output-Höhe, z. B. . Durch Variationen von und wird nicht geändert, wenn ein Faktor die Outputwirkungen des anderen Faktors genau substituiert (Fig. 6-1. I.). Die Indifferenzkurven heißen deshalb Isoquanten, eine Bewegung auf einer bestimmten Höhe isoquante Variation. Die Zeichnung enthält auch die Projektionen der Höhenlinien bis auf die Ebene , , wo sie - in zweidimensionaler Darstellung - eine Schar von Indifferenzkurven bilden. Im Fall von (6.1 b) ist ein Produktionsfaktor, z. B. , konstant, der andere Faktor ( ) und der output variabel. Bei Variation von ändert sich der output entlang einer Parallelen zur -Achse (Fig. 6-1. II.). Die Parallele erlaubt die Bestimmung des Grenzertrages eines Faktors. Man spricht von partieller Variation; da sich bei Variation nur eines Faktors das Verhältnis von zu ändert, stößt man - vor allem im angelsächsischen Schrifttum auch auf den Ausdruck variable Faktorproportionen. Bleibt das Verhältnis von und konstant und ändert sich der output in Abhängigkeit von einem Multiplikationsfaktor ( ), liegt Funktion (6.1 c) vor. Ändert sich das Faktorverhältnis nicht, wird von einer proportionalen Variation gesprochen. Bei einer proportionalen Variation bewegt sich der output auf einer Prozeßgeraden oder -kurve (scale) aus dem Nullpunkt. Sei- ν1 ν2 O/t f ν1 ν2( , )= O/t f ν1 ν2( , )= O/t f ν1 ν2( , )= O/t f ν1 ν2( , )= O/t f λ ν1 λ ν2( , ) g λ( )= = ν1/ν2 ν1 ν2 Ot O1 ν1 ν2 O1 O O1 O3 ν1 ν2 ν2 ν1 ν1 ν1 ν1 ν2 ν1 ν2 λ 124 Zweiter Teil. Mikroökonomie neHöhe kann unter-schiedlich verlaufen. Dargestellt wird der einfachste Fall (Fig. 6-1. III.), in dem sich der output im gleichen Umfangwie die Faktormenge ändert (linear-homogene-Produktionsfunktion). Fig. 6-1: Produktionsfunktionen Die Zahl der spezifizierten und in der Produktionstheorie gebräuchlichen Funktionstypen (1. Kap.) ist groß. Berühmt geworden ist die nach zwei Forschern benannteCOBB-DOUGLAS-Funktion. In ihrer ursprünglichen Form stellte sie eine makroökonomische Hypothese dar, nach der drei Viertel des Produktionsanstiegs in den Vereinigten Staaten auf Arbeitsleistungen und ein Viertel auf Kapitalbeiträge zurückzuführen sind. Sie ist ein wichtiger Bestandteil der neoklassischen Wachstumstheorie und deren Weiterentwicklung (16. Kap.). Ihre mikroökonomische Bedeutung ist relativ gering, ebenso wie die der constant elasticity of substitution-function, abgekürzt CES-Funktion, die von KENNETH JOSEPH ARROW, HOLLIS BURLEY CHENERY, BAGICHA S. MINHAS und ROBERT MERTON SOLOW entwickelt wurde, und die die COBB-DOUGLAS-Funktion als Spezialfall enthält. Im Mittelpunkt der mikroökonomischen Analyse stehen homogene Produktionsfunktionen, unter denen die mit linearer Homogenität (Homogenität vom Grade r = 1) den einfachsten Fall bilden. Eine Funktion vom Typ (6.1) ist linearhomogen, wenn für alle Werte von , und gilt: (6.2) . λ ν1 ν2 λ O/t f λ ν1 λ ν2( , )= 6. Angebot: Verkaufsplan des Unternehmens 125 Aus (6.2) geht hervor: Es liegt immer dann eine linear-homogene Produktionsfunktion (Produktionsfunktion mit der Homogenität vom Grade 1) vor, wenn der Ertrag von den Faktoreinsatzmengen in der Weise abhängt, daß bei einer Verdoppelung oder Verdreifachung ( = 2, 3...) beider Faktoreinsatzmengen ( , ) der Ertrag sich ebenfalls verdoppelt oder verdreifacht. Die COBB- DOUGLAS-Funktion ist ein Beispiel für eine linear-homogene Produktionsfunktion. Multipliziert man die einzelnen Faktoreinsatzmengen mit , gilt das bei einer linear-homogenen Funktion auch für . Aus für und wird also (6.3) . Man bevorzugt solche Funktionen vor allem deshalb, weil sie mathematisch leicht zu handhaben sind. Funktionen, die der Bedingung (6.2) nicht genügen, bezeichnet man als nichtlinear-homogen, wenn sie die Form (6.4) für haben. Im Fall von (6.4) vergrößert sich bei einer Faktormengenerhöhung um l der output pro Zeitperiode über- oder unterproportional (nichtlinear). Unterscheidungsmerkmal für die Linearität ist die Größe r (r = 1 bedeutet linear; bedeutet nichtlinear). Führt eine Variation des relativen inputs zu einer gleichen Änderungsrate des relativen outputs, ist die Niveauelastizität, definiert als das Verhältnis der relativen Änderung des outputs bei einer proportionalen Änderung aller Faktoreinsatzmengen, gleich 1 (r = 1); bei überproportionalen oder unterproportionalen relativen Änderungen ist die Niveauelastizität dementsprechend größer bzw. kleiner als 1. Die Homogenität erfordert, daß r positiv und konstant ist, wobei die Niveauelastizität größer, kleiner oder gleich 1 sein kann. Beziehungen, die weder (6.2) noch (6.4) genügen, bei denen also die -fache Änderung der Faktoreinsatzmengen zu keiner durch bestimmbaren output-Variation führt, nennt man inhomogene Produktionsfunktionen. In der Produktionstheorie hat man bisher fast ausschließlich homogene Funktionen analysiert, obwohl in der Realität inhomogene Funktionen die Regel bilden. Die Zusammenhänge bei homogenen Produktionsfunktionen seien an einer Tabelle illustriert, die von KENNETH EWART BOUL- DING (1910-1993) stammt (Übers. 6-1). Liest man die Tabelle diagonal (z. B. längs der Geraden , oder ), erhält man Erträge, die einer linear-homogenen Produktionsfunktion genügen. Auf führt die Faktorkombination = 1, = 3 zu 12 Ertragseinheiten. Ist gleich 2, so gilt - für 2 ∙ = 2 und 2 ∙ = 6 - entsprechend (6.3): 2 ∙ = 24; ebenso lassen sich alle anderen Ertragsmengen auf berechnen, auch soweit sie nicht explizit als Werte in derÜbers. 6-1 enthalten sind. Der Leser dürfte selbst in der Lage sein, entsprechendeWer- O/t λ ν1 ν2 λ O/t O/t α ν1 α ν2 1-α= 0 α 1< < α 0> α (λ ν1 ) α (λ ν2 ) 1-α α λα ν1 α λ1-αν2 1-α= λ1 α (ν1 α ν2 1-α ) = λ O/t= λr O/t f λ ν1 λ ν2( , )= r 1≠ r 1≠ r 1> r 1< λ λr O1 O2 O3 O2 ν1 ν2 λ ν1 ν2 O1 O1 126 Zweiter Teil. Mikroökonomie te auf den Geraden und zu ermitteln. Liest man die Tabelle horizontal oder vertikal, ist also nur einer der beiden Faktoren variabel, erhält man Erträge, die einer Funktion bei partieller Faktorvariation genügen. Übers. 6-1: Tabelle der physischen Produktionserträge Zwei variable Einsatzfaktoren Größere Einsatzmengen beider Faktoren ergeben eine höhere Ausbringung ( , ,...), was sich im größeren Abstand der Isoquanten vom Nullpunkt zeigt (Fig. 6-2). Zu einer höheren Ausbringung kannman erstens durch partielle Variation gelangen (A nach C oder G) oder indem beide Einsatzmengen vergrößert werden (A nach D oder F); bleibt im letzteren Fall das Faktormengenverhältnis gleich (A nach E), handelt es sich um eine proportionale Variation der Faktoren. Soll die Ausbringung trotz des Rückgangs eines Faktors steigen, muß der zweite Faktor den Rückgang des ersten mehr als ausgleichen (A nach B oder H). Ist aus technischen Gründen keine Faktorsubstitution möglich, liegt der Grenzfall eines limitationalen Faktoreinsatzverhältnisses vor; es gibt dann keine zumNullpunkt konvex verlaufende Isoquante. Bei Limitationalität ist au- ßer den Punkten auf 0AE keine technisch mögliche Faktormengenkombination denkbar; gleichwohl wird in den meisten Lehrbüchern der Linienzug CAG als Isoquante bezeichnet. Produktionsfunktionen mit diesen Eigenschaften nennt man LEONTIEF-Funktionen. Die Steigung einer Isoquante ( ) - das negative Vorzeichen bleibt außer Betracht - ist näherungsweise: (6.5 a) , genau: (6.5 b) . O2 O3 Ob Oc Oc tg α ν2Δ ν1Δ ----------= tg β d ν2 d ν1 ----------= 6. Angebot: Verkaufsplan des Unternehmens 127 Den Tangens des Winkels nennt man Grenzrate der technischen Substitution oder technische Substitutionsrate. Bei einer Ersetzung von durch wird Fig. 6-2: Isoquanten für eine zusätzliche Einheit des ersten Faktors ( ) zunehmendweniger vom zweiten Faktor ( ) aufgegeben - die Winkel und werden also immer kleiner -, wenn das Produktionsniveau erhalten bleiben soll (Gesetz fallender technischer Substitutionsraten). Auf die wichtigsten Möglichkeiten, einen anderen output zu erreichen, sei anhand von Funktionen, bei denen output und Faktoreinsatzmengen variabel sind, etwas näher eingegangen. Erstens können die Einsatzmengen beider Produktionsfaktoren variiert werden. Genügt die untersuchte Produktionsfunktion der Bedingung (6.2), steigt (fällt) der output proportional zur Änderung der Faktoreinsatzmengen, wenn diese in unveränderter Proportion ( ) vermehrt (vermindert) eingesetzt werden. Mathematisch gesehenwerden bestimmte Anfangswerte für und ( , ) mit dem Proportionalitätsfaktor multipliziert. Dabei bleibt das Einsatzverhältnis konstant ( ), und aus der gegebenen Funktionsgleichung läßt sich das jeweils fache des mit den Faktoreinsätzen und erzielten outputs berechnen. Geometrisch gesehen bewegt man sich entlang der Prozeßgeraden 0AE (Fig. 6-2). Auf ihr sind für gleiche output-Differenzen die Isoquantenabstände konstant. Geht man z. B. von A nach E und ist die Änderung sehr klein, läßt sich dafür die Rate der Änderung des Ertrags in Abhängigkeit einer Änderung des proportional zu haltenden Faktoreinsatzes berechnen( ). Sie ist gleich der ersten Ableitung von (6.2) nach für konstante Anfangsfaktoreinsätze und konstant: (6.6) ν2 ν1 ν1Δ ν2Δ α β tg γ ν1/ν2 const.= = ν1 ν2 ν1 ν2 λ λν1/λν2 1/tgγ= const.= λ ν1 ν2 O f ν1 ν2( , )= O'λ t⁄ λ ν1 ν2 O'λ/t dO dλ ------ dλ O⋅ dλ -------------- O const.= = = = 128 Zweiter Teil. Mikroökonomie mit . Man spricht in diesem Fall von einem konstanten Niveaugrenzertrag oder Skalenertrag (constant return to scale), wobei das jeweils erreichte Produktionsniveau angibt. Der Niveaugrenzertrag ist nur dann konstant, wenn die Produktionsfunktion linear-homogen ist. Bei totaler proportionaler Faktorvariation sind dann die partiellen Ableitungen von (6.1), nämlich (6.7 a) und (6.7 b) , ebenfalls konstant (Fig. 6-3.I.). Man bezeichnet sie als Grenzproduktivitäten. Der Grenzertrag des Faktors ist gleich . Für sind Grenzproduktivität und Grenzertrag von (partieller Grenzertrag) größengleich. Zweitens wäre eine Produktionsfunktion von der Form (6.8 a) denkbar, bei der neben zwei variablen Faktoren zusätzlich ein Faktor - oder eine Gruppe von Faktoren (Faktoraggregat) - konstant gehalten werden soll. Unterstellt man, die beiden variablen Faktoren änderten sich nur in einer konstanten Proportion, kann man statt (6.8 a) schreiben: (6.8 b) . Bei proportionaler Variation der ersten beiden Faktoren und Konstanz des dritten Faktors sind konstante Ertragsänderungen nur im Grenzfall zu erwarten. Bei kleinen Einsatzmengen der variablen Faktoren ist der Anteil des konstanten Faktors an der Ausbringung relativ groß. Werden die variablen Faktoren proportional vermehrt, geraten sie gegenüber dem konstanten Faktor mehr und mehr in eine Überschußposition. Solange der konstante Faktor einen relativ großen Anteil an der Produktion hat, wird die Änderung der Ausbringung vor allem von den variablen Faktoren, bei weiter steigender Ausbringung zunehmend vom konstanten Faktor limitiert. Die Ertragszuwächse können entlang der Prozeßgeraden zunächst steigen (increasing returns to scale), in einem bestimmten Bereich konstant bleiben (constant returns to scale) und schließlich fallen (decreasing returns to scale); der Niveaugrenzertrag in bezug auf die beiden variablen Faktoren ( ) steigt bis zumMaximum und nimmt dann ab (Fig. 6-3.II.). In diesem Fall liegt eine inhomogene Produktionsfunktion vor. Drittens kann man von (6.1 b) ausgehen. Es gibt nur einen variablen Faktor, der zweite oder alle übrigen bleiben konstant. Hier gelten grundsätzlich die gleichen Überlegungen wie im zweiten Fall. Wegen der unterschiedlichen relativen Bedeutung des konstanten Faktors werden mit steigendem Faktoreinsatz die Erträge zunächst zunehmen, dann von einem bestimmten Bereich an abnehmen. Die Kurve der partiellen Grenzerträge des ersten Faktors ( oder - abgeleitet aus (6.1 b) - ) zeigt dieselbe Gestalt wie in Fig. 6-3.II. (Fig. 6-3.III.). Es sei darauf hingewiesen, daß die O f ν1 ν2( , )= λ O'ν1/t Oδ ν1δ --------= O'ν2/t Oδ ν2δ --------= ν1 Oδ ν1δ⁄( ) dν1⋅ dν1 1= ν1 O/t f ν1 ν2 ν3,( , )= O/t f λν1 λν2 ν3,( , )= O'λ t⁄ O'ν1/t O∂ / ν1∂= O'ν1/t dO/dν1= 6. Angebot: Verkaufsplan des Unternehmens 129 Funktion (6.1 c) und (6.8 b) nur entlang der Prozeßgeraden gilt ( ; ). Die eben erläuterten drei Fälle dürfen nicht konfundiert werden. Den in Fig. 6-3.I. und 6-3.II. dargestellten Funktionen ist gemeinsam, daß die Ertragsänderungen auf proportionale Änderungen von zwei variablen Produktionsfaktoren zurückgehen. Nur dann spricht man von Skalenerträgen (returns to scale). Was beide Funktionen unterscheidet, ist lediglich das Änderungsmaß der Skalenerträge. Im ersten Fall sind die Skalenerträge konstant (linear-homogene Funktion: constant returns to scale), im zweiten variabel (nichthomogene Funktion: increasing und decreasing returns to scale). Variable Skalenerträge lassen sich unter empirischem Aspekt teilweise physikalisch-technisch erklären. Verdoppelt man den Querschnitt einer Wasserleitung und den Pumpendruck, wird sich der output mehr als verzweifachen. Verdoppelt man die Arbeitszeit eines Traktorfahrers und die zu bearbeitende Fläche, kann es sein, daß der output nicht im gleichen Maße steigt. Realistischer noch dürfte sein, von einer Funktion wie (6.8) auszugehen, in der es zwei variable Faktoren, aber auch einen fixen Faktor gibt. Dann sind die Ergebnisse in Fig. 6-3.II. und 6-3.III. nicht mehr grundverschieden. Die Erträge lassen sich in beiden Fällen aus der relativ unterschiedlichen Bedeutung des konstanten Faktors erklären. Fig. 6-3.II. und 6-3.III. differieren nur hinsichtlich der Zahl der variablen Faktoren. Ist - wie in Fig. 6-3.III. - ein Faktor fix, kann sich das Verhältnis des konstanten zum variablen Faktor ändern. Man bezeichnet den sich unter dieser Bedingung ergebenden Ertragsverlauf als "law of variable proportions", im Deutschen meist als "Ertragsgesetz". Fig. 6-3.I. und III. veranschaulichen den Unterschied zwischen Skalenerträgen und Erträgen aus variablen Proportionen. Angesichts der Begründung für den Verlauf von und in Fig. 6-3.II. und III. sollte der Unterschied zwischen den partiellen und den Skalenerträgen nicht überbetont werden, denn er ist nur dann eindeutig, wenn man (6.1 b) und (6.1 c) vergleicht. Zu wirtschaftlichen Überlegungen kommt man erst durch die Einführung von Preisen. Will ein Unternehmer einen Ertrag mit denMengen zweier Faktoren erzielen, muß er sie zuvor an den Faktormärkten kaufen. Das soll zu konstanten Preisen ( ) geschehen. Die Summe aus den Produkten von Preis und Menge zweier Faktoren läßt sich als Kostensumme ( ) definieren, die ebenfalls konstant sei: (6.9) (Definitions-Gleichung). Durch Umformung erhält man (6.10) Die graphische Form von (6.10) wird als Isokostenlinie bezeichnet. Sie ist der geometrische Ort aller Faktorkombinationen, die für einen gegebenen Geldbetrag bei konstanten Faktorpreisen beschafft werden können. ν1 λν1= ν2 λν2= O'λ t⁄ O'ν1 t⁄ l K K/t l1 ν1⋅ l2 ν2⋅+= ν2 l1 l2 ---– ν1⋅ K/t l2 -------+= 130 Z w eiter T eil.M ikroökonom ie Fig. 6-3: Output und Faktoreinsatzmengen 6. Angebot: Verkaufsplan des Unternehmens 131 In Anlehnung an die formale Lösung des Haushaltsgleichgewichts nach der Indifferenzkurven-Analyse (5. Kap.) kann man folgende Zusammenhänge für dasGleichgewicht des Systems herausstellen: Möchte der Unternehmer einen bestimmten Ertrag mit den geringsten Kosten erwirtschaften, wird er bei gegebener Produktionstechnik jene Faktorkombination wählen, bei der die Isokostenlinie zur Tangente an eine Isoquante wird. Man bezeichnet sie als Minimalkostenkombination (Fig. 6-4.I.), weil sie die ökonomisch günstigste Faktorwahl für eine bestimmte Ertragsmenge darstellt. Geht er dagegen von einer gegebenen Kostensumme aus, mit der ein maximaler Ertrag erzielt werden soll, spricht man von der Maximalertragskombination (Fig. 6-4.II.). Fig. 6-4: Optimale Kosten- oder Ertragskombinationen Die Verbindungslinie sämtlicher Optimalkombinationen soll als Output- Faktor-Kurve ( ) oder scale line bezeichnet werden (Fig. 6-4.III.). Die Terminologie ist wenig gefestigt. Manche Ausdrücke, wie "Expansionspfad", führen leicht in die Irre. Es ist jene Linie, auf der das Unternehmen bei gegebener Technik und konstanten Faktorpreisen optimal operiert. Bei linear-ho- OFK 132 Zweiter Teil. Mikroökonomie mogenen Produktionsfunktionen ist die scale line eine Gerade. Die "Kammlinie" ist der geometrische Ort aller Faktormengenkombinationen, die eine produktionstechnische Grenze für Optimalkombinationen bildet. Ober- und unterhalb der Kammlinien ist keine Faktorsubstitution ökonomisch sinnvoll (Annahme der peripheren Substituierbarkeit). In diesen Bereichen sind für ein gegebenes Ertragsniveau von beiden Faktoren größere Einsatzmengen notwendig als im Substitutionsbereich, in dem größere Mengen eines Faktors zu Einsparungen beim anderen Faktor führen. Wird die Kostensumme konstant gehalten und ein Faktorpreis variiert (Änderung des relativen Preises), erhält man das in Fig. 6-4.IV. wiedergegebene Bild. Die Verbindungslinie der Gleichgewichtspunkte wird als Preis-Faktor- Kurve ( ) bezeichnet. Es kann darauf verzichtet werden, die zur Indifferenzkurven-Analyse formal gleichen Zusammenhänge erneut abzuleiten. Dazu ist jeder, der das Kapitel über denHaushalt verstanden hat, selbst in der Lage. Das Unternehmensgleichgewicht ändert sich, wenn sich die Technik ändert (andere Isoquanten), die Kostenbeträge (Fig. 6-4.III.) variieren (Ausgabeneffekt) oder bei gegebener Kostensumme sich der relative Preis ändert (Fig. 6-4.IV.), so daß der relativ billiger werdende Faktor dem relativ teurer werdenden Faktor vorgezogen wird (Substitutionseffekt). Einige Gemeinsamkeiten der Indifferenzkurven- und Isoproduktkurven-Betrachtung in der Haushalts- bzw. Unternehmensanalyse sind noch einmal zusammengefaßt (Übers. 6-2). Übers. 6-2: Indifferenzenkurven-Analyse in Haushalt und Unternehmen Indifferente Mengenkombinationen Substitutionsverhältnis Ausgabensumme Gleichgewicht GleichgewichtsVerbindungslinie bei Variation der Ausgabensumme Gleichgewichts-Verbindungslinie bei Variationder relativen Preise Haushalt Nutzenniveau Grenzrate der Substitution Budgetlinie Haushaltsgleichgewicht Einkommen-Konsum-Kurve Preis-Konsum-Kurve Unternehmen Ertragsniveau (Output- Niveau) Technische Substitutionsrate Isokostenlinie Minimalkosten- oder Maximalertragskombination Output- Faktor- Kurve Preis-Faktorkurve PFK Sach verhalte Bereiche 6. Angebot: Verkaufsplan des Unternehmens 133 Ein variabler Einsatzfaktor Wird - unter denselben Annahmen - von zwei Faktoren einer konstant gesetzt (6.1 b), erhält man die in Fig. 6-3.III. dargestellte Beziehung zwischen input und output. Die im Deutschen übliche Bezeichnung Ertragsgesetz ist irreführend, weil auch andere Kurvenverläufe einen "ertragsgesetzlichen" Zusammenhang zwischen Faktoreinsatzmengen und Erträgen zeigen und darüber hinaus - wie ein Vergleich von Fig. 6-3.II. und 6-3.III. verdeutlicht - aus dem Verlauf der Grenzertragskurve nicht ohne weiteres auf die zugrundeliegende Produktionsfunktion geschlossen werden kann. Eine korrekte Bezeichnung wäre "Gesetz abnehmender Grenzerträge bei Einsatz eines variablen Faktors", wenn nur der fallende Teil der Grenzertragskurve gemeint ist. Der Ausdruck "Ertragsgesetz" wird im folgenden in diesem Sinn gebraucht. Der Darstellung des Ertragsgesetzes soll die in (6.1 b) angegebene Schreibweise der Produktionsfunktion zugrunde gelegt werden. Ein Zahlenbeispiel aus der Landwirtschaft - traditioneller Bereich ertragsgesetzlicher Überlegungen - sei vorangestellt (Übers. 6-3). Aus dem Zahlenbeispiel lassen sich die wichtigsten Zusammenhänge zwischen dem variablen Einsatzfaktor und den Ertragsgrößen Gesamt-, Grenzund Durchschnittsertrag ersehen. Der Ertrag steigt zunächst, erst mit steigenden (bis ), dann mit fallenden Grenzerträgen. Schließlich fallen sogar die Gesamterträge (ab ); die Grenzerträge werden negativ. Der oben Übers. 6-3: Ausbringung von Weizen auf 1 ha Land in 100 kg bereits angedeutete Grund für diesen Ertragsverlauf ist: Bei kleinem, aber zunehmenden Einsatz des variablen Faktors - im Beispiel Arbeitsleistungen - wird der konstante Faktor zunächst einen Überschuß aufweisen, der sich mehr und mehr vermindert. Den Ertrag bestimmt entscheidend jener Faktor, der relativ am wenigsten vorhanden ist. Das ist zunächst der variable Faktor, dann der konstante. Bei zunehmendem bestimmt also erst das Ertragsniveau. Schließlich ist der variable Faktor so reichlich eingesetzt worden, daß Schaden Menge der variablen Faktoren (Arbeitstage) Ertrag (Weizen) Grenzertrag Durchschnittsertrag 2 5 9 14 18 21 23 24 23,5 3 4 5 4 3 2 1 -0,5 2 2,5 3 3,5 3,6 3,5 3,3 3 2,6 ν1 4= ν1 8= ν1 O/t O'ν1/t O/tΔ≈ O/t ν1 ------- 1 2 3 4 5 6 7 8 9 A B C ν1 ν2 134 Zweiter Teil. Mikroökonomie entsteht, indem z. B. durch übermäßigen Arbeitseinsatz das Wachsen des Weizens gestört wird. Fig. 6-5: Gesamt-, Grenz- und Durchschnittserträge Bei Stetigkeit der Gesamtertragskurve ergibt sich folgender Ertragsverlauf: DasMaximum der Grenzerträge liegt imWendepunkt der Gesamtertragskurve (Fig. 6-5; Punkt A: , der den Grenzertrag des variablen Faktors mißt, ist maximal). Mit zunehmendem folgt das Maximum der Durchschnittserträge; bei zunächst steigenden, dann fallenden Grenzerträgen „hinken“ die Durchschnittsgrößen nach (Punkt B: , der den Durchschnittsertrag mißt, ist maximal). Im Maximum der Gesamtertragskurve wird deren Steigung, also der Grenzertrag, Null (Punkt C). Die drei markanten Punkte (A, B, C) sind auch in Übers. 6-3 bezeichnet. Übers. 6-4 zeigt, daß sich der Ertragsverlauf in vier Abschnitte oder Stufen unterteilen läßt. Die Wirksamkeit des Ertragsgesetzes beginnt ab Punkt A (Schwelle des Ertragsgesetzes), also mit der zweiten Stufe. Im Hinblick auf die methodische Bedeutung des Ertragsgesetzes sei festgehalten, daß es sich bei ihm um eine technisch-physische Relation handelt. Zu einer ökonomischen Betrachtungsweise gelangt man erst durch ihre Einbeziehung in die Kostenanalyse. Es wird sich noch zeigen, daß nur die dritte Stufe praktisch relevant ist. O/t tg α O'ν1/t AD/ED= ν1 tg β O/t/ν1 BF 0F⁄= 6. Angebot: Verkaufsplan des Unternehmens 135 Übers. 6-4: Ertragsstufen II. Kostentheorie Kostenbegriff, externe Effekte und Zeithorizont Kosten sind eine zentrale ökonomische Kategorie. Was nichts kostet, liegt fast immer außerhalb des Bereichs wirtschaftlicher Überlegungen und Entscheidungen. Ihre Messung in der Volkswirtschaftslehre basiert auf dem Prinzip der opportunity cost. Die Kosten eines Faktors oder eines wirtschaftlichen Gutes sind gleich dem entgangenen Ertrag in der bestmöglichen anderen Verwendung. Ein Direktionsassistent, den sich ein Unternehmer leistet, kostet so viel wie ein Betriebsleiter, wenn dies die bestmögliche andere Verwendung des Direktionsassistenten wäre. Dieses Beispiel illustriert das bereits bekannte opportunity cost-Prinzip. Andere Kostenmessungsgrundsätze sind in der betrieblichen Praxis verbreitet. Es kommt auf den Zweck der Kostenrechnung an, auf welchen der zahlreichen, aus der Betriebswirtschaftslehre bekannten Kostenbegriffe zurückgegriffen wird. Ein Unternehmer mag bei seinen Wirtschaftlichkeitsüberlegungen in opportunity cost denken (ob er den Begriff kennt, spielt keine Rolle), doch in seiner Ist-Kostenrechnung oft von dem ausgehen, was er zu zahlen hat (Geldkosten), nicht was er alternativ an Ertrag erzielen könnte. Das opportunity cost-Prinzip wird in der Praxis problematisch, wenn nicht volle Ertrags-Kosten-Kongruenz der alternativen Verwendungen besteht. Wenn der Unternehmer dem Direktionsassistenten ein monatliches Gehalt von 5000 Euro, dem Betriebsleiter dagegen 4000 Euro zahlt, legt er seiner Kalkulation vermutlich den höheren Betrag zugrunde. Der Unternehmer geht hier also von tatsächlich anfallenden Kosten (money cost) aus, denen alternative Geldkosten gegenübergestellt werden. Der volkswirtschaftliche Kostenbegriff (opportunity cost) ist durch alternative Gutsverwendung definiert. Betriebs- und volkswirtschaftlicher Kostenbegriff können sich decken, müssen es aber nicht. Kosten dürfen nicht mit Zahlung oder Aufwand verwechselt werden. Wenn ein Unternehmer seinen Sohn als Direktionsassistenten beschäftigt, dem er monatlich Ertragsgrößen Stufe 1 Stufe 2 Stufe 3 Stufe 4 Gesamtertrag positiv, überproportional steigend positiv, unterproportional steigend positiv, unterproportional steigend positiv, überproportional fallend Grenzertrag positiv, steigend positiv, fallend positiv, fallend negativ, fallend Durchschnitts-ertrag positiv, steigend positiv, steigend positiv, fallend positiv, fallend O/t( ) O'ν1/t( ) O/t ν1 ------- 136 Zweiter Teil. Mikroökonomie 1000 Euro Taschengeld gibt, ist es aus preispolitischen Gründen geboten, 3000 Euro als Kosten einzusetzen (1000 Euro Kosten, die zugleich Aufwand und Zahlung, und 2000 Euro, die weder Aufwand noch Ausgabe, sondern kalkulatorische Kosten sind), denn ermüßte sonst - würde der Sohn nicht imUnternehmen arbeiten - eine fremde Kraft bezahlen. Bei der Erörterung der Kosten, die entstehen, wenn ein Angebot erfolgen soll, bleibt vor allem zu beachten, daß es Kosten gibt, die nicht in die Kalkulation eingehen. Man unterscheidet zwischen privaten und sozialen Kosten. Private Kosten entstehen einem einzelnen Unternehmer und werden in dessen Kalkulation berücksichtigt. Soziale Kosten entstehen zwar der Volkswirtschaft insgesamt, werden aber von der unternehmerischen Kalkulation nicht erfaßt, da sie den Unternehmer nicht belasten. Wenn ein Unternehmer der Natur sauberes Wasser entnimmt (oder gegen Bezahlung kauft) und schmutziges Wasser entläßt, das vor weiteremGebrauch auf Kosten anderer (etwa der Steuerzahler) gereinigt werden muß, entstehen soziale Kosten. Ebenso kann der umgekehrte Fall auftreten. Landwirte können mit der Bestellung ihrer Äcker einen Beitrag zur Landeskultur leisten. Bei einer Nichtbestellung müßte die Allgemeinheit gegebenenfalls Aufwendungen zur Erhaltung der Landschaft machen. Der Landwirt trägt private Kosten, die zu Einsparungen von sozialen Kosten führen. Die Existenz sozialer Kosten hat einige Autoren zu Attacken auf die marktwirtschaftliche Ordnung und deren Kostenverteilung veranlaßt. Ein Vorwurf lautet: Die Unternehmen trügen mit den privaten nur einen Teil der gesamten Kosten; die Gesellschaft müsse Kosten übernehmen, die eigentlich den Unternehmen anzulasten seien. Solche Kritiker übersehen verschiedene Punkte. Erstens treten Diskrepanzen zwischen privaten und sozialen Kosten in allen wirtschaftlichen Lenkungssystemen auf; ordnungstheoretisch betrachtet sind sie neutral. Zweitens entstehen aus dem Faktoreinsatz volkswirtschaftliche Erträge; erst die Gegenüberstellung von input und output, Kosten und Erträgen, gestattet ein abschließendes Gesamturteil (cost benefit-Analyse). Drittens sind die empirischen Erfassungs- und Bewertungsprobleme bei den sozialen Kosten und Vorteilen enorm; meist ist man auf ganz grobe Schätzungen angewiesen. Viertens kann man sich bei enger Definition der privaten und sozialen Kosten kaum einen Tauschvorgang denken, bei dem eine sehr genaue Entsprechung zwischen sozialem Faktoreinsatz und -ertrag besteht. Gleichwohl kann es eine lohnende Aufgabe der Wirtschaftspolitik sein, erkennbare Versuche der Sozialisierung von Kosten durch die Unternehmen zu verhindern, indem sie unerwünschte Nebenwirkungen der Produktions- und Marktprozesse auf die Umwelt unterbindet. Vertreter der Wettbewerbsordnung, wie WALTER EUCKEN, haben diese Probleme bereits in den dreißiger Jahren deutlich erkannt und von der Wirtschaftspolitik gefordert, für eine "geschlossene Wirtschaftsrechnung" der Unternehmen zu sorgen. Die Umweltverschmutzung hätte wohl kaum die heutigen Dimensionen erreicht, wenn solche Ratschläge befolgt worden wären. Die Unterscheidung nach privaten und sozialen Kosten ist der nach "external economies" und "external diseconomies" ähnlich. Diese geht auf ALFRED MAR- SHALL zurück, der von "externalities" spricht, wenn die Produktionsfunktion eines Unternehmens Variable enthält, die auf die Aktivitäten anderer Unter- 6. Angebot: Verkaufsplan des Unternehmens 137 nehmen zurückgehen (technologische externe Effekte); diese Nichtmarktbeziehung kann für ein Unternehmen vorteilhaft (economies) oder nachteilig (diseconomies) sein. In der Literatur wird das Problem der "external economies" oft am Bienenbeispiel aufgezeigt. Angenommen, ein Obstzüchter hat eine Ertragssteigerung durch das Bienenvolk des benachbarten Imkers. Wieviel Blüten sind durch die Bienen des Nachbarn und wieviel durch "freie" Insekten bestäubt worden? Ist nicht auch dieHonigproduktion des Bienenvolkbesitzers durch die Blüten gesteigert worden, so daß offen bleibt, wer am meisten gewonnen hat? Ein Beispiel für "external diseconomies" wäre ein Hotelbetrieb, der unter der Luftverschmutzung eines nahegelegenen Werks leidet. Technologische oder reale "externalities" müssen genau von "pekuniären" Effekten unterschieden werden, die sich im Preis niederschlagen und Marktbeziehungen widerspiegeln, wie z. B. eine Preissenkung als Folge einer Kapazitätsausdehnung; pekuniäre Effekte stellen in der Preistheorie kein besonderes Problem dar. Der Unternehmer steht bei der Aufgabe, die Produktion zu organisieren, vor einer Reihe von Entscheidungen. In zeitlicher Hinsicht, nach demZeithorizont, wird meist eine dreifache Einteilung vorgenommen: Wie können in einer gegebenen Produktionsanlage die Faktoren so eingesetzt werden, daß die Kosten einer bestimmten Ausbringung (insgesamt oder pro Ausbringungseinheit) minimal werden? Diese Art der Entscheidung ist kurzfristiger Natur (short run time-horizon). Ihr Zeithorizont umfaßt den Zeitraum, in dem die Größe einer Produktionsanlage bei unver- änderter Technik nicht variiert werden kann (operational time). Sie schwankt von Unternehmen zu Unternehmen und von Branche zu Branche. Für den Unternehmer ist die Analyse kurzer Perioden deshalb wichtig, weil ihm für bestimmte Einsatzfaktoren Kosten entstehen, unabhängig davon, ob sie genutzt werden oder nicht (Anlagen, Maschinen u. a.). Solche Kosten nennt man gewöhnlich fixe Kosten. Diese werden oft im Gegensatz zu den variablen Kosten als unabhängig von der Ausbringung pro Zeiteinheit betrachtet. Man sollte jedoch nicht übersehen, daß es im strikten ökonomischen Sinn keine fixen Kosten gibt. Welche Größe der Anlage ist im Hinblick auf die kostengünstigste Produktion bei einer gegebenen Technik zu wählen? Diese Entscheidung stellt sich in langer Sicht (long run time-horizon). Hier umfaßt der Zeithorizont die Dauer bis zur Einführung technischer Fortschritte. Unter langfristigem Aspekt kann eine Anlage bei gegebenem Stand der Technik vergrößert oder verkleinert werden. Welches ist die kostengünstigste Ausbringung, wenn nicht nur die Anlage, sondern auch die Produktionstechnik als Variable in die Überlegungen einbezogen wird? Diese Entscheidung stellt sich in sehr langer Sicht (very long run time-horizon). Die Zeitperiode ist dadurch definiert, daß die angewandte Produktionstechnik veränderlich ist. Empirisch gesehen dürfte die Grenze zwischen der langen und sehr langen Periode nicht scharf zu ziehen sein, da die Nutzungsdauer von Anlagen oft so lang ist, daß im Zeitpunkt ihrer Ersetzung (Re-Investition) neue Verfahren oder technisch verbesserte Anlagen zur Verfügung stehen. 138 Zweiter Teil. Mikroökonomie Diese dreifache Unterscheidung berücksichtigt, daß es Größen gibt, die mit der Verlängerung des Zeithorizonts zu Variablen und damit zum Objekt unternehmerischer Entscheidungen werden. Sie ist eine theoretische Konstruktion, deren Angemessenheit sich bei der Analyse empirischer Sachverhalte erweisen muß.. K 6 -1 Globale externe Effekte Negative externe Effekte - höhere soziale als private Kosten - sind eine Begleiterscheinung jeder hochgradig arbeitsteiligen Wirtschaft. Man kann sich kaum einen Produktions- oder Konsumtionsvorgang denken, der sich auf die Marktteilnehmer beschränken lie- ße, so daß negative externe Effekte gleichsam omnipräsent sind. Ihre völlige Beseitigung, wie beispielsweise die Bekämpfung auch geringen Lärms, kann nicht Aufgabe der Wirtschaftspolitik in einer marktwirtschaftlichen Ordnung sein. Eine Umweltschutzpolitik als wichtigster Fall einer staatlichen Reaktion auf externe Effekte ist deshalb nur in gravierenden Fällen angezeigt. RONALD HARRY COASE (geb. 1910) von der University of Chicago hat überzeugend dargelegt, daß die Umweltgüter niemandem gehören und deshalb so genützt werden, als seien sie frei und nicht knapp. Eine Zuteilung von privaten Nutzungsrechten (property rights) an Verursacher oder Geschädigte von externen Effekten gleichgültig, an wen von beiden - würde die übermäßige Nutzung der Umwelt vermindern. Für dieses Konzept und seine Untersuchungen zu den Transaktionskosten (IV.) ist ihm im Jahr 1991 der Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften verliehen worden. Eine Zuteilung von privaten Nutzungsrechten ist in international wichtigen Fällen nicht möglich. Zu denken ist insbesondere an globale externe Effekte, wie die behauptete, jedoch nicht sicher bewiesene Veränderung der Erdatmosphäre (Treibhauseffekt, Ozonloch) durch menschliche Einwirkungen und die Verschmutzung der Weltmeere sowie ihre Überfischung, die das Aussterben einiger Arten etwa des Wals - befürchten läßt. Auch die traditionelle Umweltschutzpolitik gesetzliche Auflagen und Zwangsabgaben - kommt nicht in Betracht, ebensowenig wie die marktwirtschaftlichen Instrumente - etwa Umweltlizenzen -, weil sie nur innerhalb eines Landes durchgesetzt werden können. Die weltweite Verbreitung von bestimmten Umweltschäden macht vielmehr einige nationale Maßnahmen der Umweltpolitik fragwürdig, weil sie global ohne entscheidende Wirkung sind, die heimische Wirtschaft jedoch im internationalen Standortwettbewerb benachteiligen. Eine Beseitigung negativer externer Effekte, soweit diese weltweit auftreten, ist schwer zu erreichen. Da kein Land allein dazu imstande wäre, müssen alle Staaten der Erde mitwirken. Eine globale Umweltpolitik ist jedoch nicht in Sicht, woran auch "Erdgipfel" der Regierungschefs aus über 100 Ländern - wie im Jahr 1992 in Rio de Janeiro - nichts zu ändern vermögen. Einem weltweiten Umweltschutz steht insbesondere das wirtschaftliche Interesse der ärmeren Länder auf der Südhalbkugel der Erde entgegen, die auf eine intensive Nutzung der Natur bei ihrer wirtschaftlichen Entwicklung nicht verzichten wollen. Einen Sinn in der Umweltpolitik der reichen Länder auf der Nordhalbkugel kann man allenfalls in ihrem Vorbildcharakter sehen. 6. Angebot: Verkaufsplan des Unternehmens 139 Kurzfristige Kostenverläufe Es ist zweckmäßig, die kurzfristige Kostenanalyse alsUmkehrung des produktionstheoretischen Ansatzes zu betrachten. Geht man vom Ertragsgesetz aus, bei dem nur ein variabler Einsatzfaktor bei begrenzter Substitutionsmöglichkeit unterstellt wurde (6.1 b), lautet die Ausgangsfrage: Wie verändert sich der Ertrag mit der Variation der Menge dieses Faktors? Die Verläufe zeigt Fig. 6-5. In der Kostenanalyse fragt man umgekehrt: Wie verändern sich die mit ihren Preisen bewerteten Faktoreinsatzmengen mit Variation des Ertrages? Im Hinblick auf die Definition der Kosten in (6.9) läßt sich die Frage auch wie folgt stellen: Wie hoch sind die Kosten in Abhängigkeit von der ausgebrachten Menge? Unterstellt man, daß die variablen ( ) und konstanten ( ) Einsatzmengen zu unveränderlichen Preisen , erworben werden können, läßt sich die Produktionsfunktion (6.1 b) umformen zu (6.11) (technische Gleichung). Die Produkte und sind nicht mehr physische, sondern mit Preisen bewertete Faktoreinsatzmengen, die nach (6.9) als Kosten definiert wurden. Sie lassen sich in variable Kosten und fixe Kosten aufteilen: (6.12 a) (Definitions-Gleichung) (6.12 b) (Definitions-Gleichung) und (6.12 c) (Definitions-Gleichung). Somit ist es möglich, den Ertrag pro Zeitperiode als eine Funktion der Kosten aufzufassen: (6.13 a) oder (6.13 b) . Mit dieser Abwandlung kann man die Gesamtertragsfunktion (6.13 a) und Fig. 6-5 wie folgt darstellen (Fig. 6-6): Auf der Abszisse werden statt der Einsatzmengen die Kosten nach der Gleichung (6.12 c), auf der Ordinate der kostenabhängige Ertrag nach der Gleichung (6.11) aufgetragen. Die Strecke vom Koordinatenursprung bis a entspricht den fixen Kosten. Ab kommen die Kosten des variablen Faktors hinzu. Mit zunehmendem Einsatz der Kosten des variablen Faktors erhält man - wie in Fig. 6-3 - den ertragsgesetzlichen Verlauf der Ausbringung. Löst man (6.13 b) nach auf, erhält man die Kostenfunktion; sie lautet: (6.14) . Auf der Abszisse werden dann der Ertrag ( ), auf der Ordinate die Kosten ( ) aufgetragen. Die Strecke vom Koordinatenursprung bis ist gleich dem ν1 ν2 l1 l2 O/t F ν1 l1⋅ ν2 l2⋅( , )= ν1 l1⋅ ν2 l2⋅ Kv Kf Kv ν1 l1⋅= Kf ν2 l2⋅= K Kv Kf+= O/t F Kv/t Kf/t( , )= O/t F K/t( )= K/t O/t a K/t K/t F-1 O/t( ) G O/t( )= = O/t K/t b 140 Zweiter Teil. Mikroökonomie Fig. 6-6: Ertrags- und Kostenkurve bewerteten Anteil des konstanten Faktors, den fixen Kosten. Ab b entstehenmit zunehmendem Ertrag zusätzlich variable Kosten. Man gewinnt die zu (6.14) gehörige Kostenkurve graphisch durch Spiegelung der Ertragskurve an der 45°- Achse (Umkehrfunktion). Kosten- und Ertragstheorie lassen sich auf dieseWeise zu einer Einheit verbinden. Andere Ertragsverläufe können ebenfalls in Kostenfunktionen transformiert werden. Doch soll auf weitere Umformungen verzichtet und im folgenden vom ertragsgesetzlichen Kostenverlauf ausgegangen werden. Erwähnt sei lediglich der Fall linearer Gesamtkostenverläufe. Sie ergeben sich z. B. unter der Annahme konstanter Faktorpreise bei limitationalen Faktoreinsatzverhältnissen, so daß für Ertragsänderungen proportionale Variationen beider Faktoren nötig sind. Wie bei den Erträgen in Abhängigkeit vom input bestehen auch bei den Kosten in Abhängigkeit vom output bestimmte Zusammenhänge zwischen Gesamt-, Grenz- undDurchschnittskosten, die keine Verständnisschwierigkeiten bereiten sollten. Eine kleine Komplikation bedeutet lediglich die Unterscheidung nach fixen und variablen Kosten. Ein Zahlenbeispiel (Übers. 6-5), in dem wie auch in den folgenden Figuren - zur Vereinfachung Zeitindizes fortgelassen wurden, soll die Zusammenhänge illustrieren. Die Gesamtkosten steigen wegen der Wirksamkeit des Ertragsgesetzes mit fallenden, dann mit zunehmenden Raten. Folglich sinken die Grenzkosten zunächst; vom Wendepunkt der Gesamtkostenkurve ab steigen sie an. Die Durchschnittskosten "hinken" hinter den Grenzkosten her. Da die fixen Kosten Bestandteil der totalen Kosten sind, liegen die daraus berechneten Durchschnittskosten über den variablen Durchschnittskosten. Bei stetigem Kostenverlauf ergibt sich folgendes Bild (Fig. 6-7), das die Zahlen derÜbers. 6-5wiedergibt. ImWendepunkt ( ) der Kurve der totalen Gesamtkosten ( ), der zugleich auch der Wendepunkt der Kurve der variablen Gesamtkosten ( ) ist, hat die Tangente an die Kurve die geringste Stei- A K Kv 6. Angebot: Verkaufsplan des Unternehmens 141 Übers. 6-5: Gesamt-, Grenz- und Durchschnittskosten gung. Da eine Tangente an die totale oder variable Gesamtkostenkurve einen Winkel mit der Abszisse bildet, dessen Tangens gleich den Grenzkosten ( ) ist, erreicht die Grenzkostenkurve bei diesem output ihr Minimum ( ). Dieses Minimum wird als Schwelle des Ertragsgesetzes bezeichnet, dessen Wirksamkeit beim output von einsetzt (Fig. 6-5). Im Punkt wird eine gerade Verbindung aus dem Ursprung der variablen Gesamtkosten ( ; ) mit der Kostenkurve zur Tangente. Da der Tangens einer beliebigen Geraden aus dem Nullpunkt der variablen Gesamtkostenkurve gleich den durchschnittlichen variablen Kosten ist ( ), haben beim output zu Punkt B die durchschnittlichen variablen Kosten ihr Minimum ( ); aus diesem Nullpunkt gibt es keine gerade Verbindung mit der Kostenkurve, deren Steigungswinkel kleiner sein könnte als . DasMinimumder -Kurve ( ) wird als Betriebsminimum oder Produktionsschwelle bezeichnet. Aus den gleichen Gründen hat beim output zu Punkt die Kurve der durchschnittlichen totalen Kosten ( ) ihr Minimum ( ), weil eine gerade Verbindung aus dem Koordinatenursprung zur Tangente an die Gesamtkostenkurve wird. Das Minimum der -Kurve ( ) wird als Betriebsoptimum bezeichnet. Bei ertragsgesetzlichemVerlauf der Kostenkurven liegt also dasMi- Output Gesamtkosten Kosten pro Einheit Fixe Varia- Totale Grenz Durchschnittskosten Kosten ble Kosten Kosten kosten Fixe Kosten Variable Kosten Totale Kosten 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 Euro 100 100 100 100 100 100 100 100 100 100 100 100 100 100 100 100 100 100 100 100 Euro 40 70 85 96 104 110 115 120 126 134 145 160 180 206 239 280 330 390 461 544 Euro 140 170 185 196 204 210 215 220 226 234 245 260 280 306 339 380 430 490 561 644 - 30 15 11 8 6 5 5 6 8 11 15 20 26 33 41 50 60 71 83 Euro 100,00 50,00 33,33 25,00 20,00 16,67 14,29 12,50 11,11 10,00 9,09 8,33 7,69 7,14 6,67 6,25 5,88 5,56 5,26 5,00 Euro 40,00 35,00 28,33 24,00 20,80 18,33 16,43 15,00 14,00 13,40 13,18 13,33 13,85 14,77 15,93 17,50 19,41 21,67 24,16 27,20 Euro 140,00 85,00 61,66 49,00 40,80 35,00 30,71 27,50 25,11 23,40 22,27 21,67 21,54 21,86 22,60 23,75 25,29 27,22 29,53 32,20 O( ) Kf( ) Kv( ) K( ) KΔ OΔ -------⎝ ⎠ ⎛ ⎞ Kf/O( ) Kν/O( ) K O⁄( ) tg α K'= A' A' B Kf 100= Kv 0= tg β DVK= B' β DVK B' C tg γ DTK= C' DTK C' 142 Zweiter Teil. Mikroökonomie nimum der Grenzkosten ( ) bei einem kleineren output als das der durchschnittlichen variablen Kosten ( ), dieses bei kleineren Mengen als das Minimum der durchschnittlichen totalen Kosten ( ). Zum output der beiden letzten Minima hat die Grenzkostenkurve einen steigenden Verlauf. Da diese Minima durch Tangentialbedingungen ( , ) und die Grenzkosten durch den Tangens des Winkels bestimmt sind, der durch eine Tangente an die -Kurve mit der Abszisse gebildet wird, schneidet die steigende Grenzkostenkurve die - und -Kurve jeweils in ihrem Minimum. Der senkrechte Abstand zwischen der - und -Kurve sind die durchschnittlichen fixen Kosten ( ). Die fixen Kosten verteilen sich bei zunehmendem output auf immer mehr Einheiten. Die fixen Kosten pro Einheit fallen ständig; der senkrechte Abstand zwischen der - und -Kurve (= -Kurve) wird laufend kleiner. Je höher die fixen Kosten sind, um so größer ist mit zunehmender Produktion die Kostenersparnis pro Produktionseinheit (economies of scale). Größere Kostenersparnisse sind eine Ursache für Unternehmenskonzentration. Bisher wurden die Beziehungen zwischen Output und Kosten bei konstanten Preisen der Produktionsfaktoren analysiert. Mit derVariation der Faktorpreise ändert sich auch die Lage der Kostenkurven. Es sollen aus einer Vielzahl von Möglichkeiten nur zwei Grenzfälle kurz behandelt werden: Variationen der absoluten und relativen Faktorpreise. Steigen (fallen) alle Faktorpreise um den gleichen Prozentsatz (absolute Änderung), kommt es zu einer Verschiebung der Kostenkurven nach oben (unten). Man nennt diese Verschiebung Kostenpreiseffekt. Die markanten Punkte (Schwelle des Ertragsgesetzes, Betriebsminimum und -optimum) verschieben sich - bezogen auf die Abszisse - nicht. Dieser Fall soll in Fig. 6-8 unter der Annahme demonstriert werden, daß = 0 ist und deswegen Betriebsoptimum und -minimum zusammenfallen. Bei Änderung der relativen Faktorpreise ergibt sich ein anderes Bild. Ändert sich nur der Preis des fixen Faktors, verschieben sich - und -Kurve (Fig. 6-7) um die Fixkostenänderung senkrecht nach oben oder unten. - und -Kurve bleiben unver- ändert; die -Kurve verschiebt sich mit ihrem Minimum entlang der Grenzkostenkurve. Hat sich nur der Preis des variablen Faktors geändert, bleibt die Lage der - und -Kurve gleich, während sich die Gesamtkostenkurve nach oben oder unten verschiebt. Die Minima der - und -Kurve wandern dabei von links oben nach rechts unten (Faktorpreissenkung) oder umgekehrt (Faktorpreiserhöhung). Langfristig wird der ursprünglich fixe Faktor gegen den variablen substituiert oder umgekehrt, je nachdem, wie sich die Preisrelation ändert. Dabei ersetzt der relativ billige Faktor den teuren (Substitutionseffekt). Kurzfristig tritt dieser Effekt in allen Fällen ein, in denen nicht nur ein Faktor variabel ist und folglich ein Austausch der Faktoren stattfinden kann - eine in der Realität wohl vorherrschende Situation. In der Produktionstheorie ist gezeigt worden (Fig. 6-4), daß mit einer relativen Preisänderung die Faktorkombination wechselt. Der vergleichsweise billige Faktor wird dem teuren vorgezogen. Dementsprechend erhält man beim Substitutionseffekt eine andere Kostenfunktion, bei der die markanten Punkte mit denen der Kostenkurve vor der Preisänderung nicht mehr übereinstimmen. A' B' C ' tg β tg γ K DVK DTK DTK DVK tg σ DFK= DTK DVK DFK l2 K Kf K' DVK DTK Kf DFK DVK DTK 6. Angebot: Verkaufsplan des Unternehmens 143 I. Gesamtkosten II. Kosten pro Outputeinheit Fig. 6-7: Gesamt-, Grenz- und Durchschnittskosten 144 Zweiter Teil. Mikroökonomie Fig. 6-8: Absolute Faktorpreisänderung Langfristige Kostenverläufe Langfristig sind alle Einsatzfaktoren variabel. Das Änderungsausmaß kann von Unternehmen zu Unternehmen stark divergieren. Da fixe Kosten schon für die Produktionsbereitschaft entstehen, wird die lange Kostenperiode oft als jener Zeitraum definiert, in der die Betriebsgröße eine Variable der unternehmerischen Entscheidung darstellt. Man kann die Betriebsgröße entweder an der Menge des eingesetzten fixen Faktors oder an der Ausbringung im Minimum der kurzfristigen -Kurve messen. Wird jener Zeitraum betrachtet, in dem sich die Betriebsgröße ändert, kannman sich vorstellen, daß es eine Reihe kurzfristiger -Kurven gibt, die sich immer mehr dem langfristigen Ziel der Kapazitätsänderung anpassen. Sicher ist nur, daß die langfristige Kurve der totalen Kosten keine fixen Kosten enthält und deshalb - wie in Fig. 6-8 - im Nullpunkt beginnt. Ob zwischen der Abfolge der kurzfristigen und der langfristigen Kostenkurve ein enger Zusammenhang besteht, ist empirisch umstritten ein Problem, das sich nur schwer lösen läßt, weil Kapazitätsänderungen oft mit Änderungen der Technik (Kriteriumder sehr langen Betrachtung) einhergehen. Häufig wird angenommen, daß das Minimum der langfristigen Durchschnittskosten bei einem relativ großen output liegt und die Unternehmer bei DTK DTK 6. Angebot: Verkaufsplan des Unternehmens 145 ihren Entscheidungen sich langfristig an ihm orientieren. Unternehmen, die ihre Kapazitäten ausweiten, können zunächst mit sinkenden Durchschnittskosten rechnen - eine Beobachtung, die seit KARL WILHELM BÜCHER (1847-1930) als "Gesetz der Massenproduktion" bezeichnet wird. Im Punkt des langfristigen Durchschnittskostenminimums, das von Branche zu Branche unterschiedlich ist und mit Änderungen der Produktionstechnik variieren kann, erreichen sie die "optimale" Betriebsgröße (Betriebsgrößenoptimum), weil eine nochmalige Kapazitätserweiterung zu steigenden Durchschnittskosten führt. In Branchen, in denen es solche optimalen Betriebsgrößen gibt, kann die Produktionsfunktion nicht linear-homogen sein. Das folgt aus der Überlegung zur totalen proportionalen Faktorvariation (6.1 c). Fig. 6-9 zeigt die Kurve der kurzfristigen Durchschnittskosten ( ) von verschieden großen Produktionsstätten; ist die kleinste, die größte. Solange das Unternehmen eine Menge produziert, Fig. 6-9: Kurz- und langfristige Durchschnittskosten die nicht größer ist als , operiert es auf der Kurve . Bei einer größeren Menge als ist bis zum output , bei noch größerer Ausbringung die günstigste Kostenkurve. Würde zu Kosten der Kurve erzeugt, wäre das ungünstiger als bei der Kurve . Es gibt also einen Produktionsbereich, innerhalb dessen die Durchschnittskosten absolut kleiner sind als bei jeder anderen Betriebsgröße ( zwischen und ). Stellt man sich eine sehr große Zahl kurzfristiger Kostenkurven vor, "umhüllt" die langfristige Kostenkurve gleichsam die kurzfristigen. Vor dem Minimum der langfristigen Kurve, dem Betriebsgrößenoptimum ( ), berührt sie die kurzfristigen Kurven im degressiven (Größendegression), danach im progressiven Teil (Größenprogression). Die wichtigsten Ursachen für den Anstieg der langfristigen Kurve (ab ) werden in der begrenzten Kapazität des Managements und den steigenden Kosten des Kapitals gesehen. Der Zusammenhang zwischen kurzfristigen und langfristigen Kurven ist sowohl für die Gründung als auch für die Ausweitung eines Unternehmens bedeutsam. In jedem Fall handelt es sich um eine bloße Kostenanalyse, die keine Aussagen darüber gestattet, ob und inwieweit die produzierte Menge auch günstig verkauft werden kann. KDK A D a KDKA a b KDKB KDKC a' KDKA KDKB KDKC b d LDK M M 146 Zweiter Teil. Mikroökonomie Sehr langfristige Kostenverläufe Die traditionelle Unterscheidung nach kurzen und langen Perioden wird angesichts des raschen technischen Fortschritts von vielen Autoren als ergänzungsbedürftig angesehen. Man hat zu zeigen versucht, wie technischer Fortschritt auf die Kostenfunktion wirkt. Genau wie bei den langfristigen Kosten können allenfalls grobe Tendenzen festgestellt werden. In seinen Wirkungen läßt sich der technische Fortschritt - soweit es sich um einen Verfahrensfortschritt (Verbesserung des Produktionsverfahrens, nicht der Produkte) handelt - formal wie eine absolute Preissenkung des variablen Faktors behandeln; die Verschiebung von nach in Fig. 6-8 kann ganz langfristig als Fortschrittseffekt interpretiert werden. Da die "operational time" des technischen Fortschritts u. U. größer als die von Betriebsgrößenänderungen ist, bedient man sich der Umhüllungskurventechnik. Die Kurve der sehr langfristigen Durchschnittskosten ( ) würde die der langfristigen Durchschnittskosten ( ), diese die der kurzfristigen Durchschnittskosten ( ) umhüllen. Ob die -Kurve ein Minimum erreicht, von dem an sie wieder steigt, oder sich auf einem unteren Niveau stabilisiert, kann dahingestellt bleiben. In einer Welt mit knappen Gütern werden zumindest die einiger Güter trotz technischen Fortschritts nicht auf Null absinken. Bezieht man die sozialen Kosten mit ein, mögen technische Fortschritte auch mit steigenden Durchschnittskosten verbunden sein, wodurch sie sich ökonomisch "disqualifizieren". Ebenso bleibt empirisch offen, ob technischer Fortschritt in jedem Fall zu Kapazitätserweiterungen führt (Fig. 6- 10) oder ob ein gegebener output mit kleineren Betriebsgrößen erstellt wird, als es vorher der Fall war. Fig. 6-10: Kurz-, lang- und sehr langfristige Durchschnittskosten Die Volkswirtschaftslehre hat sich in den letzten Jahren verstärkt mit den Ursachen des technischen Fortschritts beschäftigt. Dabei zeigte sich rasch, daß der Begriff "technischer Fortschritt" einen Komplex recht unterschiedlicher Phänomene bildet. Als zweckmäßig erwies sich die Unterscheidung nach Erfindungen (inventions) und Neuerungen (innovations). Bei Erfindungen werden K1 K3 TDK LDK KDK TDK TDK 6. Angebot: Verkaufsplan des Unternehmens 147 neue technische Möglichkeiten entdeckt, bei Neuerungen diese wirtschaftlich genutzt. Der Erfindung folgt im Prozeßablauf die Neuerung. Für die wirtschaftliche Breitenwirkung ist bedeutsam, inwieweit Erfindungen und Neuerungen einzelner Unternehmen von anderen übernommen werden (imitations). Eine naheliegende Frage ist, in welchem Umfang dabei materielle Antriebe als ökonomische Kategorie von Bedeutung sind. Relativ einfach lautet die Antwort bei Neuerungen: Neue Techniken oder Produkte setzen sich gegenüber alten wirtschaftlich durch, wenn sie weniger kosten oder Bedürfnisse besser befriedigen. Sofern sie nicht monopolisiert werden (z. B. durch Patente), geschieht das meist sehr schnell, da sie zu einer Verbesserung der Gewinnsituation führen. Allerdings können einzelwirtschaftliche (meist nicht zugleich volkswirtschaftliche) Verluste, die sich aus der Stillegung alter Anlagen ergeben, ihre Durchsetzung hemmen. WidersprechendeHypothesen gibt es zur Frage nach denMotiven, die Erfindungen induzieren. Eine erste lautet: Erfindungen seien eine Sache des Zufalls oder Glücks. Zahlreiche Erfindungen wären oft überraschend, unbeabsichtigt gemacht worden, wofür es genügend Beispiele gäbe. Nach einer zweiten, entgegengesetzten Ansicht seien Erfindungen mit Hilfe wissenschaftlicher Methoden produzierbar. Es komme vor allem auf die Höhe der Mittel und auf die Organisation der Forschung sowie auf rechtliche Bestimmungen (Patentgesetz, Besteuerung u. a.) an. Großunternehmen mit riesigen Forschungsabteilungen könnten viel erfinden, kleine kaum etwas. Nach einer dritten Hypothese sei äu- ßerer Zwang, etwa ein Krieg, wichtigste Quelle von Erfindungen ("Not macht erfinderisch"). Auch dafür gibt es empirische Belege, die allerdings noch keinen Autor veranlaßt haben, nach einem Krieg zu rufen. Viertens wird die Ansicht vertreten, letztlich sei - wie bei den Neuerungen - das Gewinnstreben entscheidend. Bestünden starke finanzielle Anreize (z. B. Erfinderprämien) - waswiederum von institutionellen Bedingungen abhängt -, würde mehr erfunden als ohne sie. Historisch gesehen sind die letzten 100 Jahre reich an Erfindungen und Neuerungen gewesen. Die langfristigen Prophezeiungen von KARL MARX haben sich - zumindest in diesem Punkt - als grundfalsch erwiesen. Er ging davon aus, daß die Unternehmer technischen Fortschritt als Maßnahme gegen fallende Profitraten einsetzen, wenn letztlich auch ohne Erfolg. Die fallenden Profite selektierten kleinere Unternehmen und förderten die Konzentration; mit den Investitionen würden zunehmend Arbeitskräfte freigesetzt. Die Entwicklung hat jedoch gezeigt, daß Arbeitskraft im Vergleich zu Kapital oft der knappe Faktor ist und der technische Fortschritt vor allem durch stark steigende Löhne induziert wird - das Gegenteil der von MARX als typisch unterstellten Konstellation. Hinsichtlich der nächsten 100 Jahre ist das Spektrum der Prophezeiungen bedeutend weiter. Es reicht von der Vorhersage einer dauernden Krise oder säkularen Stagnation bis zu den Möglichkeiten eines Schlaraffenlandes. 148 Zweiter Teil. Mikroökonomie III. Gewinntheorie Kurzfristige Gewinne Das kurzfristige Gleichgewicht des Unternehmens kann unter den verschiedensten Annahmen untersucht werden. Zur Vereinfachung der Analyse sei unterstellt: Der Verkaufspreis ( ) pro output-Einheit ( ) sei in einer bestimmten Zeit für das einzelne Unternehmen gegeben (price taker). Der Erlös ist dann proportional zur verkauftenMenge, der Erlös pro Einheit der verkauftenMenge konstant. Der einzelne Unternehmer trifft seine Entscheidung unabhängig von anderen Anbietern. Die Angebotsmenge kann auf dem Markt untergebracht werden (Abstraktion von unerwünschter Lagerhaltung). Der Unternehmer möchte den Gewinn maximieren (Gewinnmaximierungsannahme). Der Markt sei vollkommen überschaubar (transparent). Der Gewinn ( ) eines Unternehmens läßt sich als positive Differenz zwischen dem Erlös ( = revenue) und den totalen Kosten ( ) definieren (alle Größen beziehen sich auf einen bestimmten Zeitraum; der Zeitindex wird jedoch fortgelassen): (6.15) ; (Definitions-Gleichung). Der Erlös des Unternehmens ist definiert als das Produkt aus output und Preis des Gutes, der annahmegemäß gegeben sein soll: (6.16 a) (Definitions-Gleichung). Für ist demnach eine Funktion von , also: (6.16 b) . Da die Kosten als eine Funktion des output aufgefaßt werden können, läßt sich (6.15) unter Berücksichtigung von (6.14) und (6.16 b) schreiben als (6.17) . Der Gewinn ist eine Funktion des output. Das Gewinnmaximum wird deshalb bei dem output erzielt, bei dem die erste Ableitung von (6.18) den Wert Null annimmt: (6.19 a) oder (6.19 b) . Im Gewinnmaximum sind Grenzerlös und Grenzkosten gleich: (6.20) (Verhaltens-Gleichung). p O G R K G R K–= R K– Null> R O p⋅ O p⋅= = p const.= R O R f O( )= G f O( ) G O( )–= OE Gd Od ------ f ' O( ) G' O( )– RdOd ------ Kd Od ------– R' K'–= = = f ' OE( ) G' OE( )– 0= R' K'– 0= R' K'= 6. Angebot: Verkaufsplan des Unternehmens 149 (6.20) wird als Gleichgewichtsbedingung des Unternehmens bezeichnet. Unter den obigen Annahmen ist der Grenzerlös , da der zusätzliche Erlös jeder weiteren Produktionseinheit gleich dem Preis dieser Einheit ist. (6.20) wird dann zu (6.21) (Verhaltens-Gleichung). Eine graphische Interpretation dieses Ergebnisses führt zu folgendem Bild (Fig. 6-11). Der Unternehmer dehnt das Angebot bis zu dem Punkt aus, in dem sich die Grenzkostenkurve ( ) und die Preisgerade ( ) schneiden (Fig.6-11.I.). Jede Menge, die größer oder kleiner als ist, kann nicht gewinnmaximal sein. Vor dem Schnittpunkt ist , der Zuwachs zum Erlös durch die letzte verkaufte Einheit ist mithin noch größer als der Zuwachs zu den Kosten; jede bis ausgebrachte Menge würde den Gewinn noch erhöhen. Man kann deshalb die positive Differenz zwischen Erlös- und Kostenzuwachs ( ) auch als Gewinnzuwachs auffassen, der sich mit zunehmender Menge verringert, bis er in zuNull wird. Über hinaus ist die Differenz negativ, also wird ein Verlust eintreten (Fig. 6-11.II.), der als Grenzverlust verstanden werdenmuß, einen Gewinn insgesamt also nicht ausschließt (relativer Verlust). . Fig. 6-11: Kurzfristiges Gewinnmaximum des Unternehmens Die absoluteGröße desGewinns läßt sich als Integral der Differenz zwischen und in den Grenzen von Null bis errechnen, wobei die fixen Kosten als Integrationskonstante einzusetzen sind. Bequemer ist die Ermittlung über die Differenz zwischen und den totalen Durchschnittskosten , die nur noch mit der verkauften Menge multipliziert zu werden braucht [ ]. Bei Mengenvariationen operiert der Unternehmer auf der Grenzkostenkurve vom Betriebsminimum ( ) an. Der Preis im Betriebsminimum ( ) ist kurzfristig die Untergrenze seines Angebots, weil er die variablen Kosten gerade noch über den Preis ersetzt bekommt. Da bei kein Angebot erfolgt und Punkt der Fig. 6-11 dem Punkt der Fig. 6-5 entspricht, wird nunmehr deutlich, warum das Ertragsgesetz nur in der dritten Stufe ökonomisch relevant ist. Sie entspricht demBereich zwischen dem R' p const.= = p K'= K' pE const.= OE p K'> OE p K'– OE OE p K' OE pE DTK OE G R K–= OE pE DTK–( )⋅= A pu p pu< A B 150 Z w eiter T eil.M ikroökonom ie Fig. 6-12: Kurzfristiges Marktangebot 6. Angebot: Verkaufsplan des Unternehmens 151 Betriebsminimum ( ) und der Kapazitätsgrenze, die spätestens dort liegt, wo die Gesamtkostenkurve umschlägt (Fig. 6-6) und die Grenzkosten parallel zur Ordinate verlaufen. Liegt der Preis höher als , aber niedriger als , versucht der Unternehmer stets zu verwirklichen; dann macht er zwar einen Verlust, den er aberminimiert. ist der Preis im Betriebsoptimum, in dem der Unternehmer seine gesamten Kosten gerade decken kann. Bei einem höheren Preis erzielt er einen Gewinn. Das Marktangebot (die Gesamtangebotskurve ) entsteht durch Aggregation des Angebots aller Unternehmen, die das gleiche Gut unter denselben Bedingungen anbieten. Im allgemeinen werden die Kostenkurven der einzelnen Anbieter voneinander abweichen. Gibt es nur drei Anbieter - eine Zahl, die unter der price taker-Annahme proplematisch ist -, erhält man folgendes Bild (Fig. 6-12). DieMarktangebotskurve (Fig. 6-12.II.) unterscheidet sich von der bekannten Angebotskurve (Fig. 4-8) durch Diskontinuität. Kontinuierliche Angebotskurven erhält man unter der stringenten Annahme, daß der einzelne Anbieter eine ganz geringe, genau: eine unendlich kleineMenge, zumMarktangebot beiträgt. Analoges gilt für die Aggregation von Nachfragekurven. Jedes Unternehmen realisiert zum gegebenen Preis ( ) die Menge, die seiner Grenzkostenkurve entspricht, sofern dieser Preis nicht unter dem Betriebsminimum liegt. Der letzte Anbieter, der zu einem gegebenen Preis kurzfristig gerade noch amMarkt bleibt, ist der Grenz- oderMarginalanbieter ( ). Im dargestellten Fall erhält er über den Preis genau seine variablen, nicht jedoch die fixen Kosten ersetzt. Erzielen Unternehmen Gewinne, werden sie als Intramarginalanbieter, machen sie Verluste, als Submarginalanbieter bezeichnet. Durch horizontale Aggregation der individuellen Angebotskurven entsteht das Marktangebot (Fig.6-12.II.). Bei großer Anbieterzahl ist die Diskontinuität der Marktangebotskurve ( ) nur noch geringfügig, weil der einzelne Anbieter die Gesamtmenge durch sein Hinzutreten (oder Ausscheiden) relativ wenig verändert. Die Probleme der Aggregation sind prinzipiell die gleichenwie auf der Nachfrageseite. Zu beachten bleibt: Unter den gemachten Annahmen ist für jeden einzelnen Anbieter der Preis ein Datum. Für die Unternehmen in ihrer Gesamtheit gilt das nicht, wie die Analyse des Marktgleichgewichts gezeigt hat (4. Kap.). Für sie ist die Situation eine andere als für den einzelnen. Zwischen Unternehmens- und Marktgleichgewicht muß deutlich unterschieden werden. Langfristige Gewinne Die Analyse des langfristigen Gleichgewichts hat bei den klassischen National- ökonomen des 18. und 19. Jahrhunderts - z. B. bei ADAM SMITH und DAVID RI- CARDO - eine größere Rolle gespielt als kurzfristige Untersuchungen, die seit der Zeit ALFRED MARSHALLS (von "Neoklassikern") stark betont werden. Unter einfachsten Annahmen sollen einige langfristige Zusammenhänge erörtert werden: Es existiere ein Preis, der für den einzelnen Unternehmer ein Datum ist und den er zur Grundlage langfristiger Entscheidungen macht. Der Unternehmer glaubt, daß sein Angebot den Preis nicht ändert. Technischer Fortschritt sei ausgeschlossen. A pu p0 p K'= p0 S pE U III S 152 Zweiter Teil. Mikroökonomie Der Markt sei vollkommen überschaubar. Der Eintritt in den Markt sei frei. Die Unternehmer versuchen, ihren Gewinn zu maximieren. Das Gewinnmaximum wird - wie bei der kurzfristigen Betrachtungsweise (6.21) - durch die Gleichheit des langfristig geltenden Preises ( ) mit den langfristigen Grenzkosten ( ) bestimmt. Bei Preisen, die unter dem Schnittpunkt dieser Grenzkosten mit dem Minimum der Kurve der langfristigen Durchschnittskosten liegen, wird das Unternehmen aufgelöst, bei darüberliegenden Preisen vergrößert. Die Angebotskurve ist die -Kurve ab B aufwärts. Der langfristig maximale Gewinn errechnet sich aus der Differenz , multipliziert mit der Ausbringungsmenge (Fig. 6-13). Fig. 6-13: Langfristiges Gewinnmaximum des Unternehmens Bietet das langfristige Gewinnmaximum formal nichts Neues, so kann dies für das Marktangebot nicht behauptet werden. Es wurde angenommen, daß der Markt überschaubar, der Eintritt frei und der Preis eine langfristige Entscheidungsgrundlage sei. Sofern in einer Branche Gewinne gemacht werden, die über das übliche Maß hinausgehen, werden Unternehmer anderer Branchen angereizt, in diesen chancenreich erscheinenden Markt einzutreten. Es gibt langfristig gesehen stets eine Anzahl von Unternehmern, die als mögliche Konkurrenten der etablierten Anbieter in Frage kommen, wenn die Gewinne oder die Gewinnaussichten in einer Branche überdurchschnittlich hoch sind. Die von potentiellen Wettbewerbern ausgehende Gefahr für die tatsächlichen Anbieter bezeichnet man vielfach als latente Konkurrenz (latenten oder potentiellen Wettbewerb). Kommen bisher potentielle Anbieter mit einem Angebot auf den Markt (newcomer), vergrößert sich die angebotene Menge und der Marktpreis sinkt (Fig.6-14). Aus der latenten Konkurrenz ist eine tatsächliche geworden (8. Kap.). Aus der horizontalen Aggregation der individuellen Angebotskurven, von denen eine für ein repräsentatives Unternehmenmit langfristigen Gewinnen eingezeichnet wurde, ergibt sich das langfristige Marktangebot ( ). Solange es Unternehmen gibt, die Gewinne machen, also eine Menge pE LK' LDK LK' pE LDK– S0 6. Angebot: Verkaufsplan des Unternehmens 153 rechts vomBetriebsoptimumproduzieren, werden neue Anbieter angereizt, die das bisherige Marktangebot von auf vergrößern und damit eine Preissenkung von auf verursachen. Das Marktgleichgewicht wird erst erreicht, wenn kein Unternehmen mehr einen Gewinn macht, oder realistischer: wenn der Gewinn auf ein als normal angesehenes Maß sinkt ("normal profit"). Das kurzfristige Betriebsgleichgewicht, bei dem Gewinne möglich sind, ist deshalb unter langfristigem Aspekt nicht notwendigerweise stabil. Langfristig werden nicht nur Preise und Mengen, sondern auch die Zahl der Unternehmen durch die Gewinne bestimmt. Fig. 6-14: Langfristiges Marktangebot Ist es nicht paradox, daß langfristig die Unternehmen keine oder geringere Gewinne als kurzfristig machen? Erstens ist zu beachten, daß dieses Ergebnis nur unter den gesetzten Annahmen gilt. Kurzfristige Gewinne, die langfristig nicht aufrecht zu erhalten sind, wären im Ergebnis keinWiderspruch. Zweitens können innovations, die bisher nicht in die Überlegungen einbezogen wurden, ebenso wie eine wachsende Marktnachfrage, bei einzelnen Unternehmen zu Gewinnen führen. Drittens sind die Annahmen ziemlich strikt: weder ist der Markt für Anbieter und Nachfrager völlig überschaubar, noch ist der Marktzutritt völlig frei oder leicht möglich. In der Realität lassen sich die aufgezeigten Ergebnisse nur der Tendenz nach bestätigen. Tatsächlich können bei Wettbewerb Marktpositionen, die sehr hohe Gewinne zulassen, nur selten langfristig verteidigt werden. Die Erwartungen an den Wettbewerb gehen deshalb dahin, daß er zumindest langfristig permanente Gewinnreduzierungen erzwingt. Dieser Vorgang kann durch neue Gewinne überdeckt werden, was ihre empirische Erfassung schwierig macht. Die dargestellte Gewinntheorie ist Gegenstand einer verbreiteten Kritik, vor allemwegen der Gewinnmaxierungsannahme. Gemeinsamer Nenner der Kritiker aus ganz verschiedenen Lagern ist die Behauptung, die Erzielung größtmöglicher Gewinne sei letztlich nicht das Ziel der Unternehmensführung. Dies gelte insbesondere für Unternehmen, die von Managern - statt von Eigentümern - geleitet werden (so v. a. OLIVER EATON WILLIAMSON (geb. 1932) und WILLIAM JACK BAUMOL (geb. 1922)): An die Stelle der Gewinnmaximierung trä- S0 S1 pE 0 pE 1 154 Zweiter Teil. Mikroökonomie ten andere Ziele, wie die Maximierung der Mitarbeiterzahl, des Umsatzes, des Unternehmenswachstums oder des Marktanteils, wobei ein gewisser Mindestgewinn eine unerläßliche Nebenbedingung sei. Die Tragfähigkeit dieser Kritik kann und braucht an dieser Stelle nicht geprüft werden; zur Diskussion sei auf die einschlägige Literatur verwiesen (vgl. auch 2. Kap., K 2-1: Principal-Agent- Theorie). Festzuhalten bleibt nur Folgendes: Erstens sind beide Annahmen - die Gewinnmaxierungs- und Nichtgewinnmaxierungs-Annahme - empirisch nur mit großen Schwierigkeiten zu bestätigen bzw. zu widerlegen; Plausibilität allein hilft in der Kontroverse nicht weiter. Zweitens können Abweichungen zwischen kurzfristigen und langfristigen Gewinnzielen nicht nur nicht widersprüchlich, sondern vielmehr geboten sein; wer z. B. kurzfristig nicht jede Gewinnmöglichkeit ausnutzt, kann gleichwohl auf Dauer Gewinne maximieren. Drittens haben Unternehmenseigentümer und -manager ein erhebliches Interesse daran, das Ziel Gewinnmaximierung nicht zu betonen; Gewinne oder Profite sind in fast allen Ländern Reizworte und Ansatzpunkte der gewerkschaftlichen Tarif- sowie der staatlichen Steuerpolitik. IV. Transaktionskosten Zur Natur des Unternehmens Die traditionelle Theorie des Unternehmens (6. Kap., I.-III.) geht - meistens stillschweigend - davon aus, daß alle Transaktionen in einer Geld- oder Tauschwirtschaft zwischen Individuen auf Märkten stattfinden. Die Haushalte als Eigentümer der Produktionsfaktoren bieten Faktorleistungen an, die für die Erzeugung von Gütern nachgefragt werden. Unternehmen, verstanden als eine Institution, die an die Stelle vonMärkten treten, sind letztlich nicht erforderlich, auch wenn sie in der traditionellen Theorie als Nachfrager von Produktionsfaktoren und als Anbieter von Produkten figurieren. Da in derWirklichkeit jedoch Unternehmen in vielgestaltiger Form und Größe existieren, bedarf ihre Entstehung einer Erklärung. Die Frage, warum Unternehmen entstehen, wurde zuerst von RONALD HARRY COASE (geb. 1910) aufgeworfen und beantwortet, der auch das nach ihm benannte Theorem für die Zuteilung von Nutzungsrechten entwickelt hat (6. Kap., II., K 6-1). Für das Verständnis der Erklärung von COASE ist es wichtig, zwischen zwei Arten von Kosten zu unterscheiden. Eine erste Kostenart sind die Transaktionskosten des Marktes (auch Markttransaktionskosten genannt). Mit der Benutzung des Marktes entstehen zwangsläufig Kosten. Wie Coase schreibt, muß man herausfinden, mit wem man es zu tun haben will und unter welchen Bedingungen (Such- und Informationskosten), Verhandlungen mit einem Abschluß führen (Verhandlungs- und Entscheidungskosten) und Kontrollen zur Überwachung und Durchsetzung der Vereinbarungen vorsehen (Überwachungs- und Durchsetzungskosten). 6. Angebot: Verkaufsplan des Unternehmens 155 Die Transaktionskosten fallen bei jeder Marktbenutzung an, sind insgesamt erheblich, wenn auch mit unterschiedlichem Gewicht der Transaktionskostenarten im einzelnen. So dürften in der Regel die Verhandlungs- und Entscheidungskosten bei Einkäufen des täglichen Lebens gering, bei einem Grundstückserwerb dagegen hoch sein. Die traditionelle Theorie berücksichtigt keine Transaktionskosten, impliziert also, daß diese gleich Null sind. Eine zweite Kostenart sind dieOrganisationskosten, die anstelle der Transaktionskosten des Marktes anfallen (auch Unternehmenstransaktionskosten genannt): Transaktionen des Marktes lassen sich dadurch ersetzen, daß ein interner Austauch von Gütern in einer Institution stattfindet, die man Unternehmen nennt. In dieser Sichtweise ist ein Unternehmen als eine Einrichtung definiert, die äußere Transaktionen internalisiert. Auch beim internen Austausch fallen zwangsläufig Kosten an, die aus der Kostentheorie bekannt und deshalb Bestandteil der traditionellen Lehre des Unternehmens sind. Ein Beispiel soll die Alternative Markt oder Unternehmen für Transaktionen verdeutlichen: Ein Autobesitzer möchte sein defektes Fahrzeug durch andere reparieren lassen. Bei Transaktionen über den Markt wird er einen Automechaniker oder eine sonstwie geeignete Person suchen und anheuern, nach dessen Ursachenanalyse die erforderlichen Ersatzteile und vielleicht auch Werkzeuge kaufen, und schließlich alles bezahlen. Die Alternative wäre, das Auto einem Unternehmen zu übergeben und sich auf die Bezahlung zu beschränken. Die Ausführung der Reparatur und aller erforderlichen Transaktionen lägen dann "in einer Hand". Das Unternehmen, eineWerkstatt, beschäftigt Mechaniker, untersucht das Fahrzeug, hält Ersatzteile und Werkzeuge bereit. Es integriert auf diese Weise vor- und nachgelagerte Produktionsstufen (vertikale Integration). Wonach entscheidet sich, welche Art von Transaktion gewählt wird, die externe über den Markt oder die interne eines Unternehmens? Die eindeutige Antwort von COASE lautet: Entscheidend sind die alternativen Kosten. Solange sich die Transaktionen innerhalb eines Unternehmens zu geringeren Kosten organisieren lassen, als wenn dieselben Transaktionen über den Markt abgewikkelt würden, treten Unternehmen an die Stelle des Marktes. Ein Nachfrager würde die für ihn günstigste Lösungwählen; Unternehmen entstehen, wenn sie kostengünstiger operieren als der Markt. Unternehmen haben deshalb eine wichtige Funktion in einer marktwirtschaftlichen Ordnung. Sie reduzieren durch eine geeignete Organisation die ansonsten anfallenden Transaktionskosten des Marktes, oft auch die Unsicherheit (Risiko und Ungewißheit) als Begleiterscheinung vonMarktvorgängen. Die Kostenvorteile eines Unternehmens gegenüber Transaktionen amMarkt haben verschiedene Gründe. Der vielleicht wichtigste ist, daß die Zahl der Verträge oft ganz erheblich reduziert wird. So führt ein Mechaniker einer Werkstatt auf der Grundlage eines Arbeitsvertrages eine große Zahl von Reparaturen aus, die bei einer Abwicklung über denMarkt in jedem Einzelfall neue Verträge erfordern würde. Durch Unternehmen können Transaktionskosten des Marktes gespart werden. Nach COASE verringert sich jedoch die Ersparnis mit zunehmender Unternehmensgröße. Er nimmt erstens an - in Übereinstimmung mit der herrschenden Lehre -, daß die Effizienz des Managements mit der Unternehmensgröße 156 Zweiter Teil. Mikroökonomie zurückgeht. Zweitens würden mit der Unternehmensgröße die Faktorpreise steigen. Wegen dieser Gründe gebe es eine optimale Betriebsgröße, die inhaltlich jedoch anders als sonst üblich bestimmt wird: Ein Unternehmen dehnt sich so lange aus, bis seine marginalen Organisationskosten den marginalen Kosten derselben Transaktion am Markt oder den marginalen Organisationskosten eines anderen Unternehmens gleich sind. Diese Definition geht von vertikal integrierten Einproduktunternehmen aus, wird von Ronald COASE aber auch für die Erklärung von horizontalen Unternehmenserweiterungen (Mehrproduktunternehmen) herangezogen. Transaktionskostenansatz als Ergänzung und seine Erweiterungen Das Konzept der Transaktionskosten bietet eine Erklärung für die Existenz von Unternehmen und eine in deren Logik liegende Bestimmung der optimalen Betriebsgröße. Sie ergänzt, wie deutlich geworden sein dürfte, die traditionelle Unternehmenstheorie um den auch gesamtwirtschaftlich wichtigen Aspekt, daß mit jeder Art von Transaktion Kosten anfallen, macht diese jedoch nicht überflüssig. Die Produktions-, Kosten- und Gewinntheorie (6. Kap., I.-III.) behalten ihren Stellenwert, auch wenn sie die Transaktionskosten des Marktes vernachlässigen. Daß das Konzept die neoklassische Theorie ergänzt und nicht ersetzt, wird auch daran deutlich, daß bei inhaltlichen Abweichungen die Sprache und die Denkkategorien übereinstimmen. So entspricht die beim Transaktionenkostenansatz inhaltlich abweichende Bestimmung der optimalen Betriebsgröße durch die Gleichheit von marginalen Größen bester neoklassischer Tradition. Es bereitet deswegen auch keine Schwierigkeiten, die Idee der Transaktionskosten in der betriebswirtschaftlichen Organisationslehre zu berücksichtigen, etwa durch Überlegungen, wie die Kosten der Marktbenutzung durch die Unternehmensorganisation minimiert werden können. Der Transaktionskostenansatz ist von einigen Autoren aufgegriffen, jedoch weiter gefaßtworden, als es in der Analyse des Entstehungsgrundes vonUnternehmen der Fall ist. Vor allem OLIVER EATON WILLIAMSON (geb. 1932) hat den Gedanken von COASE in seiner breit angelegten Theorie der Organisation fortgeführt, in welcher der Markt und die "Hierarchie" als alternative Koordinationsformen gegenüber gestellt werden. Bei den wirtschaftlichen Akteuren nimmt er überdies an, daß Individuen nur begrenzt rational handeln und sich opportunistisch verhalten. WILLIAMSON schuf damit die moderne Transaktionskostenökonomik, eine wirtschaftswissenschaftliche Organisationstheorie mit einem transaktionstheoretischen Fundament. Die Transaktionsökonomik ist wiederum Teil einer umfassenden Neuen Institutionenökonomik. Mit dem Adjektiv neu soll der Unterschied zum Institutionalismus betont werden, der - wie die deutsche historische Schule oder eine ähnliche Denkrichtung in den Vereinigten Staaten im späten 19. Jahrhundert eine Gegenbewegung zur klassischen Tradition war. Die Neue Institutionen- ökonomik erkennt demgegenüber die Klassik und Neoklassik an und baut wie die Transaktionsökonomik auf diesen auf. Eine Gemeinsamkeit von Institutionalismus und Neue Institutionenökonomik sind die Institutionen als wissenschaftlicher Gegenstand. Erklärt werden soll die Entstehung, der Wandel und 6. Angebot: Verkaufsplan des Unternehmens 157 die Funktion von Institutionen, die sehr weit gefaßt werden. Unterschieden wird meistens nach informellen Institutionen, wie Sitten und Gebräuchen, und formellen Institutionen, wie Gesetzen und Verträgen. Eine allgemein akzeptierte Definition von Institutionen gibt es nicht. Die Neue Institutionenökonomik ist eine interdisziplinäre Wissenschaft, welche die Beziehungen des ökonomischen Systems zu anderen Teilen des sozialen Systems untersucht. Daraus ergeben sich Fragestellungen, die neben Ökonomen auch Soziologen, Anthropologen, Politologen, Historiker und Juristen interessieren. Insbesondere die Verbindung "Law and Economics" hat sich als fruchtbar erwiesen und vor allem in den Vereinigten Staaten eine Blüte dieses neuen Wissenschaftszweigs hervorgebracht. 7. Kapitel: Produktpreisbildung I. Marktformen und Interdependenz Marktstrukturen Preis kein Datum - Traditionelle Marktformengliederung - Hypothesen - Vollkommene und unvollkommene Märkte - Wichtige Marktformen - Implikationen der Annahmen Interdependenz der Märkte Begriff der Interdependenz - Annahmen - Konsequenzen der Annahmen - Struktur des allgemeinen Gleichgewichtsmodells II. Angebotsmonopol Reines Monopol mit einheitlichem Preis Nachfragekurve ein Datum - Gewinnmaximum - Besonderheiten des kurzfristigen Monopolgleichgewichts - Monopolbeurteilung - Monopole von langer Dauer? Preisdiskriminierung Möglichkeiten desMonopolisten, seinenGewinn zu verbessern - Voraussetzungen - Formen - Grenzen zwischen Diskriminierung und qualitätsbedingten Preisänderungen - Gewinnmaximum bei deglomerativen und agglomerativen Verfahren III. Anbieterwettbewerb Monopolistische (polypolistisch-heterogene) Konkurrenz Im Modell der vollständigen Konkurrenz kein Wettbewerb - Begriff monopolistische Konkurrenz - Tangentenlösung - Bestätigung der Hypothesen - Andere Erklärungselemente Oligopolistische Konkurrenz "Zirkulare" Konkurrenz - Mathematische Modelle - Heterogenes Oligopol mit zwei Anbietern - Gewinnmaximum - Marktgleichgewicht - Gleichförmiges Verhalten - Preisstarrheit - Gemeinsame Gewinnmaximierung I. Marktformen und Interdependenz Marktstrukturen Bei der Analyse der Nachfrage und des Angebots, also jeweils einer Marktseite, war es nötig, Annahmen über den Marktpreis zu machen. Dabei wurde der Preis für die Pläne der einzelnen Haushalte und Unternehmen als Datum betrachtet, d. h. die Wirtschaftssubjekte glauben, auf seine Höhe keinen Einfluß zu haben. Veränderungen des Marktpreises kommen auf solchen Märkten dadurch zustande, daß die Nachfrager oder Anbieter in Wettbewerb treten, wenn die absetzbare bzw. kaufbare Menge von ihren Plänen abweicht. Dieser Anpassungsprozeß wurde bereits erläutert (4. Kap.). Bei der Bestimmung des Gewinnmaximums ist deutlich geworden: Die Hypothese eines gegebenen Preises gilt nur unter bestimmten Bedingungen. Andere Konstellationen, in denen der Preis für Haushalte und Unternehmen keinDatum ist, sindmöglich. Mit anderen Worten bleibt zu prüfen, wann ein Preis von Einzelwirtschaften hingenommen werden muß oder wann er beeinflußt werden kann. Auf beide Punkte soll nacheinander eingegangen werden. Da sich Hypothesen in der Praxis bestätigen müssen, ist es nicht erstaunlich, wenn angesichts der zahlreichen Formen, in denen sich das Marktgeschehen tatsächlich vollzieht, die moderne Analyse der Preisbestimmung beinahe unüberschaubar vielgestaltig ist. Bis zu den dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts wurden nur wenige Marktformen unterschieden: Wettbewerb, Monopol und einfache Fälle des Oligopols (Dyopole). In der Vergangenheit mag diese traditionelle Marktformengliederung (Übers. 3-1) zur Erfassung der realen Preisbildungsvorgänge hinreichend gewesen sein. Den heutigen Anforderungen entspricht sie nichtmehr. Andererseits bleibt offen, ob eine stark differenzierende, mehr auf die mathematische Ästhetik als auf die empirische Relevanz achtende Preistheorie sowohl empirisch-wissenschaftlichen Ansprüchen als auch den Anforderungen der Wirtschaftspolitik genügen kann. Tatsächlich entwickelt sich neuerdings eine an empirischen Kriterien orientierte Wettbewerbstheorie, die mit den verfeinerten Teilen der modernen Preistheorie in einer nur losen Verbindung steht (11. Kap.). Das Dilemma der Preistheorie ist genereller Natur. Bei einer formenreichen Realität braucht man für eine empirisch gehaltvolle Theorie zahlreiche Hypothesensysteme, die immer mehr von ihrer allgemeinen Bedeutung und Brauchbarkeit einbüßen. Im folgendenwerden einige Fälle behandelt, die in der Analyse im Vordergrund stehen. Zuvor sei auf die Einflußgrößen der Preisbildung und das Interdependenzproblem eingegangen. Die Theorie der Preisbildung basiert auf folgenden, zum Teil alternativenHypothesen und Definitionen: Zielsetzung: Beide Markparteien handeln nach dem ökonomischen Prinzip in der Weise, daß auf einem Markt für Konsumgüter (einschl. Dienstleistungen) die Konsumenten den Nutzen, die Produzenten den Gewinn maximieren. Güterart: Die auf einem Markt angebotenen und nachgefragten Güter sind gleichartig oder indifferent (law of indifference). Solche Güter werden als homogen oder völlig substituierbar bezeichnet. Sind dagegen Güter ungleich- 162 Zweiter Teil. Mikroökonomie artig, doch ähnlich, spricht man von heterogenen oder begrenzt (peripher) substituierbaren Gütern. Teilnehmerzahl: Die Zahl der Marktteilnehmer kann auf jeder Marktseite zwischen und vielen schwanken. (Die häufige Annahme einer Schwankung zwischen und ist ein typischer Tribut an die mathematische Eleganz.) Die Bedeutung der Teilnehmerzahl für das Verhalten liegt darin, daß mit zunehmender Zahl und abnehmendemMarktanteil die Wahrscheinlichkeit für einen verstärkten Wettbewerb steigt. Unter Wettbewerb wird eine Verhaltensweise verstanden, nach der sich ein Marktteilnehmer bemüht, an Stelle eines Mitbewerbers (Rivalen) mit dem amMarkt Gegenüberstehenden zum Vertragsabschluß zu gelangen. Ob die Hypothese zur Teilnehmerzahl große praktische Relevanz besitzt, ist umstritten, da empirische Untersuchungen zu einer Falsifizierung auf einzelnen Märkten geführt haben; Vorsicht bei allgemeinen Schlußfolgerungen für die Realität scheint angezeigt. Marktzugang: Ein Markt kann für den Zugang und (oder) Abgang von Marktteilnehmern offen sein, sofern es Anbieter oder Nachfrager gibt, die die Mittel und (oder) die Neigung dazu besitzen (vollkommenes Pleiopol). Unter dieser Voraussetzung erfolgt die Preisbildung offenbar anders, als wenn Zu- und Abgänge verboten oder - etwa durch rechtliche, technische oder ökonomische Beschränkungen - behindert sind (unvollkommenes Pleiopol). Marktzugänge sind in der Realität mitunter nach dem Ursprungsland des Güterangebots differenziert. So gibt es für Anbieter von Radio- und Fernsehgeräten aus der Bundesrepublik in der Europäischen Gemeinschaft keine Beschränkungen, während die technisch teilweise führenden japanischen Produkte ggf. nur mit einem Kontingent hereingelassen werden. Markttransparenz: Ein Markt gilt in einem gegebenen Zeitpunkt als transparent (nicht völlig transparent oder intransparent), wenn für die Preisbildung wesentliche Daten der Gegenwart und Vergangenheit (wie Güterart, -qualität, Preise, Konditionen, Teilnehmerzahl und -größe) bekannt (nur zum Teil bekannt oder unbekannt) sind. Eine Kenntnis zukünftiger Daten anzunehmen, wie es in der älteren Preistheorie üblich war, würde jegliche Unsicherheit derMarktteilnehmer ausschalten und zu paradoxen Ergebnissen führen. Eine solche Annahme ist ein Paradebeispiel rein gedanklichen Spekulierens. Entscheidungsform: Entscheidungen können unabhängig oder in Zusammenarbeit mit anderen Marktteilnehmern getroffen werden. Schließen sich Unternehmen zu einem Preiskartell zusammen, sind die Marktergebnisse andere als bei unabhängiger Entscheidung. Anpassungsdauer: Die Höhe des Preises kann je nach der Reaktionsgeschwindigkeit derMarktteilnehmer verschieden sein, wie bei der Kostenanalyse deutlich geworden ist. Die in der deutschen Literatur häufiger auftauchende Annahme einer unendlich großen Reaktionsgeschwindigkeit ist in der angelsächsischen Literatur kaum anzutreffen, weil die zeitlichen Einflüsse - spätestens seit ALFRED MARSHALL - Bestandteil jeder gründlichen Analyse sind. Gelegentlichwerden noch andere Einflußgrößen genannt (z. B. über die Ausgestaltung des Geldwesens), die übergangen werden können, jedoch ein Hin- 1 1 ∞ 7. Produktpreisbildung 163 weis dafür sind, daß der Katalog nicht in jeder Hinsicht vollständig ist. Die vorherrschende Klassifikation der Marktformen und Preisbildungsvorgänge ist einfach. Sie beruht auf zwei Hypothesen: der Güterart und Teilnehmerzahl. Wenn die Güter homogen sind, bezeichnet man den Markt als vollkommen, sind sie heterogen, als unvollkommen. Einige, vor allem deutsche Autoren, wählen den Terminus "unvollkommener Markt" auch dann, wenn die Reaktionsgeschwindigkeit kleiner als unendlich oder die Markttransparenz nicht vollständig ist. Auf die empirischen Schwierigkeiten einer Guts- und Marktdefinition wurde schon aufmerksam gemacht (4. Kap.). Ist auf einem vollkommenen Markt die Teilnehmerzahl auf beiden Marktseiten groß, liegt polypolistische Konkurrenz (auch: perfect oder pure competition) vor. Die Terminologie ist jedoch weder im angelsächsischen noch im deutschen Schrifttum einheitlich. Statt polypolistische wird häufig vollständige oder atomistische Konkurrenz (Wettbewerb) gesagt. Bei nur einem Teilnehmer auf einer Marktseite und vielen auf der Marktgegenseite spricht man vom reinen Monopol (pure monopoly), bei einigen wenigen vom homogenen Oligopol (pure oligopoly). Ist der Markt unvollkommen, erhält man die entsprechenden Marktformen noch einmal. Nach der hier getroffenen Auswahl - insbesondere bei der Teilnehmerzahl existieren andere Unterscheidungen - gibt es von der Angebotsseite aus gesehen folgende wichtige Marktformen vollkommener und unvollkommenerMärkte, die inÜbers. 7-1 dargestellt werden. Die gleichen Überlegungen lassen sich für die Nachfrageseite anstellen (Übers. 3-1); doch soll davon zur Vereinfachung abgesehen werden. Übers. 7-1: Klassifikation vollkommener und unvollkommener Märkte des Angebots Da bei der Analyse der Grundlagen der Preistheorie (4. Kap.) sowie derNachfrage (5. Kap.) und des Angebots (6. Kap.) stets davon ausgegangen wurde, daß zahlreiche Marktteilnehmer vorhanden sind, homogene Güter gehandelt werden und der Marktpreis für Haushalte und Unternehmen ein Datum ist, sind die Implikationen der Annahmen für den Fall einer vollständigen Konkurrenz (perfect competition) für das Angebot bekannt: Homogene Güter (Vollkommene Märkte) Heterogene Güter (Unvollkommene Märkte) viele polypolistisch-homogene (vollständige) Konkurrenz (perfect oder pure competition) polypolistisch-heterogene Konkurrenz (imperfect oder monopolistic competition) wenige homogenes Oligopol(pure oligopoly) heterogenes Oligopol (imperfect oligopoly) einer reines Monopol(pure monopoly) monopolistische Preisdifferenzierung (price discrimination) Güterart Zahl der Anbieter 164 Zweiter Teil. Mikroökonomie Der einzelne Anbieter realisiert sein Gleichgewicht (das Gewinnmaximum oder Verlustminimum) unter der Bedingung . Kurzfristig ist das Gleichgewicht stabil, langfristig nicht, da bei Gewinnen neue Anbieter auftreten und bei Verlusten alte ausscheiden. Das Angebot des Marktes ergibt sich aus der Aggregation der individuellen Angebotskurven. Der Anbieter operiert auf der Grenzkostenkurve, deren Untergrenze kurzfristig das Betriebsminimum, langfristig das Betriebsoptimum bildet. Vor der Analyse des Angebotsmonopols und -oligopols sollen die Zusammenhänge zwischen zwei Märkten bei vollständiger Konkurrenz kurz beleuchtet werden. Interdependenz der Märkte Bei der Untersuchung der Preisbildung auf isolierten Märkten schaltet man Rückwirkungen oder Einflüsse anderer Märkte durch die ceteris paribus-Klausel aus. Im Hinblick auf die Realität wird die Ausschaltung von Wechselbeziehungen, die unter dem Begriff der Interdependenz gefaßt werden, meist als erhebliche Beschränkung der Analyse anzusehen sein. Man kann sich nur wenige Fälle vorstellen, in denen nicht irgendwelche Interdependenzen vorliegen. Wer sich ein anschauliches Bild von möglichen Interdependenzen machen möchte, lese das 1. Kapitel in den "Grundlagen der Nationalökonomie" von WALTER EUCKEN (1891-1950) oder die ersten Seiten der "Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung" von JOSEPH ALOIS SCHUMPETER (1883-1950). Der Gebrauch der ceteris paribus-Klausel geht vor allem auf ALFRED MARSHALL (1842-1924) zurück. Der Lausanner Nationalökonom MARIE ESPRIT LEON WALRAS (1834- 1910) hat dagegen mit seiner Analyse des volkswirtschaftlichen (allgemeinen) Gleichgewichts einen Weg zur Untersuchung der Interdependenzen gezeigt. Die Nachwelt folgte weitgehendMARSHALL - wie überhaupt für mehrere GenerationenMethoden undUntersuchungsobjekte durch die Art der Betrachtungsweise imMutterland der Nationalökonomie, in England, stark vorgeprägt wurden. Die Prämissen bei WALRAS sind so einschneidend, daß seine Totalmodelle keine empirische Relevanz haben. Die ceteris paribus-Klausel ist aus methodischen Gründen insofern zu verteidigen, als sich Zusammenhänge zwischen unabhängigen und abhängigen Variablen am besten bei Beschränkung auf wenige Variable analysieren lassen. Doch sollte man sich der Problematik dieses Vorgehens bewußt bleiben, wenn das wissenschaftliche Ziel ist, eine empirisch gehaltvolle Theorie zu erarbeiten. Von großer Bedeutung ist die Interdependenz für die Theorie der Wirtschaftspolitik. Eingriffe auf bestimmten Märkten ziehen Rückwirkungen auf anderen Märkten nach sich. Vielleicht hat ein Mangel solcher Einsichten in marktwirtschaftliche Zusammenhänge dem punktuellen Interventionismus den Boden bereitet. Dieser beruht auf der widerlegbaren These, der Anpassungsprozeß desMarktes bringe Ergebnisse zustande, die von derMehrheit der Marktteilnehmer nicht gewünscht würden und die man deswegen korrigieren müsse. Welche Funktionen der Preismechanismus auf Produkt- und Faktor- K' p= 7. Produktpreisbildung 165 märkten ausüben kann, ist bereits erörtert worden (3. Kap.). Die interdependenten Wirkungen seien unter folgenden Annahmen näher erläutert: In einer von der Außenwelt isolierten Volkswirtschaft gebe es zwei Produktmärkte (Zwei-Güter-Modell). Die Produkte (1 und 2) seien jeweils homogen. Die Produkte werden von zwei Faktoren, Arbeit und Kapital, erzeugt. Die für die Produktion notwendigen Bodenleistungen sind im Begriff des Kapitals enthalten; von Besonderheiten der Faktormärkte, die später erläutert werden (8.-11. Kap.), sei abgesehen. Auf den Produkt- und Faktormärkten bestehe vollständige Konkurrenz. Das Kapitalangebot erfolge aus gegebenen Beständen, aus denen in Abhängigkeit vom Preis für Kapitalnutzung für alternative Verwendungen unterschiedliche Mengen angeboten werden. Die Produktion des Gutes 1 sei kapitalintensiver als die des Gutes 2. Für eine Einheit des Gutes 1 wird relativ mehr Kapital (relativ weniger Arbeit) aufgewendet, als für eine Einheit des Gutes 2. Die Haushalte lassen sich nach Anbietern von Arbeit und Kapital gliedern. Im Ausgangszustand herrsche allgemeines Gleichgewicht. Haushalte und Unternehmen maximieren den Nutzen bzw. Gewinn. Die Gesamtausgaben der Haushalte und Unternehmen seien konstant. Es existieren also zwei Produkt- und zwei Faktormärkte, die zunächst im Gleichgewicht sind. Gleichgewichtspreis und -menge auf jedem Markt sind ebenso wie der Umsatz bestimmt (Fig. 7-1). Die innerhalb dieses Modells auftretenden Interdependenzen, Konsequenzen der Annahmen, lassen sich verdeutlichen, wenn das ursprüngliche Gleichgewicht ( ) gestört wird. Das ist möglich durch Verschiebungen der gegebenen Angebots- und (oder) Nachfragekurven. Es sei angenommen, der Geschmack der Konsumenten habe sich geändert. Vom Gut 1 werde weniger, vom Gut 2 mehr verlangt. Beide Nachfragekurven verschieben sich, die von Gut 1 nach links, die von Gut 2 nach rechts ( nach ; neues Marktgleichgewicht ). Da die Gesamtausgaben der Konsumenten konstant sind, muß der Rückgang der Gesamtausgaben bei Gut 1 genauso groß sein wie die Zunahme bei Gut 2 (jeweils schraffierte Fläche). Den Preisabfall bei Gut 1 und den Preisanstieg bei Gut 2 nehmen die Produzenten zum Anlaß von Produktionsumstellungen. Da für die Erzeugung von Gut 1 relativ viel Kapital und für Gut 2 relativ viel Arbeit notwendig ist, wird - wegen des Geltens der Gewinnmaximierungshypothese (Grenzkosten = Preis) - die Nachfrage nach dem Faktor Kapital fallen, die nach dem Faktor Arbeit steigen. Es findet eine Umlenkung der Faktoren statt ( nach ; neues Marktgleichgewicht ). Mit der Veränderung des Faktoreinsatzes geht eine Umverteilung der Einkommen einher. Die Bezieher von Kapitaleinkommen erhalten absolut weniger Einkommen als vorher, die Bezieher von Arbeitseinkommen mehr (jeweils schraffierte Fläche). Sie werden die hieraus resultierende Verschiebung ihrer Budgetkurve zum Anlaß nehmen, die Ausgabenrichtungen zu ändern, um den jeweiligen Tangentialpunkt ihres Indifferenzkurvensystems zu realisieren (Sekundäreffekt). Das führt zu einer weiteren Verschiebung der Nachfrage (in Fig. 7-1 nicht eingezeichnet), als deren Folgewirkung erneut Änderungen der Preise, Ausbrin- E0 D0 D1 E1 D0 D1 E1 166 Zweiter Teil. Mikroökonomie gung, Faktoreinsätze und Einkommen auftreten. Dieser Prozeß setzt sich bis zu einem neuen allgemeinen Gleichgewicht fort. In der Realität wird niemals ein allgemeines Gleichgewicht erreicht; es gibt lediglich Anpassungstendenzen in diese Richtung. Fig. 7-1: Interdependenzen zwischen Märkten Die Überlegungen für zwei Produkt- und Faktormärkte können auf eine grö- ßereAnzahl vonMärkten übertragenwerden. Dabei bedientman sichmeist der mathematischen Ausdrucksweise, was notwendig ist, wenn eine gewisse Zahl der Variablen überschritten wird. Die allgemeine Lösung für Produkte und Faktoren hat LEON WALRAS entwickelt. Auf eine Darstellung dieses komplexen Modells sei verzichtet. In seiner mathematischen Form lassen sich die Gleichgewichtswerte der Variablen simultan bestimmen, ohne daß es möglich wäre, den dahinterstehenden Anpassungsprozeß sichtbar zumachen, wie es im obigen Beispiel geschehen ist. Allerdings wird an der Struktur des allgemeinen Gleichgewichtsmodells die gigantische Aufgabe deutlich, die der Preismechanismus zu lösen hat. Unter den sehr einschränkenden Annahmen des m n 7. Produktpreisbildung 167 Walrasianischen Systems sind bei 1000 Produkten und 100 Faktorleistungen über 100 000 Gleichungen und Unbekannte zur Bestimmung der Gleichgewichtslösung erforderlich. Mit einer solchen Berechnung wären nicht nur das menschliche Gehirn, sondern auch moderne Computer überfordert, vor allem, weil inWirklichkeit die Zahl der Produkte und Faktorleistungen um ein Vielfaches größer ist und in kurzen Zeitabständen - Tag für Tag - neue Lösungen gefunden werden müßten. Daneben stünde man vor der unüberwindbaren Schwierigkeit, eine riesige Zahl von Daten rasch und fortlaufend zu beschaffen. Einige Forscher, so u. a. FRIEDRICH AUGUST VON HAYEK, betonen deshalb, daß die Informationsfunktion des Marktes durch nichts - auch nicht durch gegenwärtige oder künftige Technik - zu ersetzen sei. II. Angebotsmonopol Reines Monopol mit einheitlichem Preis Gibt es auf einemMarkt nur einen Anbieter und viele Nachfrager, liegt ein Angebotsmonopol vor. In diesem Fall sind individuelles Angebot und Angebot des Marktes identisch. Die dem Monopolisten gegenüberstehende Nachfrage ist die gleiche wie die für einen Markt insgesamt. Die Nachfragekurve des Marktes entsteht auf bekannte Weise aus der Aggregation individueller Nachfragekurven. Wir wollen annehmen, die Nachfragekurve sei für den Anbieter ein Datum. Im Gegensatz zur polypolistischen Konkurrenz (perfect competition), bei der der einzelne Anbieter nicht damit rechnet, durch seine Ausbringung den Preis zu seinen Gunsten beeinflussen zu können, weiß der Monopolist: eine größere Menge ist nur zu geringerem Preis absetzbar. Der Monopolist befindet sich gegenüber dem Polypolisten in der günstigen Lage, entweder die Menge oder den Preis gemäß seinen Vorstellungen am Markt durchsetzen zu können. Wählt der Monopolist den Preis, muß er eine bestimmte Absatzmenge akzeptieren; wählt er die Menge, muß er den Preis hinnehmen. Die Größe, die der Monopolist festsetzt, nennt man Aktionsparameter, diejenige, die er akzeptieren muß, Erwartungsparameter. Welche Preis-Mengen-Kombination ist für den Monopolisten gewinnmaximal? Um diese Frage beantworten zu können, muß zunächst berücksichtigt werden, daß bei einer Nachfragekurve, die nicht parallel zur Abszisse verläuft, Preis ( ) und Grenzerlös ( ) nicht identisch sind. Für die Gewinnmaximierung gilt (6.20) und nicht (6.21). Beim Verkauf einer weiteren Einheit fällt der Preis nicht nur für diese, sondern auch für alle vorherigen Einheiten. Der Grenzerlös zu jeder Menge ist deshalb geringer als der Preis. Dieser Zusammenhang ist aus demAbschnitt über die Nachfrageelastizitäten (4. Kap.) bereits bekannt. Unterstellt man mit zunehmendem output steigende Grenzkosten ( ), ergibt sich bei kurzfristiger Betrachtungsweise der Preis der gewinnmaximalen Preis-Mengen-Kombination [nach (6.20) ] aus der vertikalen Projektion des Schnittpunkts der Grenzkosten- mit der Grenzerlöskurve auf die Nachfragekurve. Diese Stelle wird COURNOTscher Punkt ( ) genannt. Das Gewinnmaximum verdeutlicht Fig. 7-2. JedeMenge, die größer oder kleiner als p R' K' R' K'= E C 168 Zweiter Teil. Mikroökonomie oder jeder Preis, der höher oder niedriger als ist, kann nicht gewinnmaximal sein. Ist dieMenge kleiner als , wird auf möglichen Gewinn verzichtet, weil links von die Grenzerlöse ( ) die Grenzkosten ( ) übersteigen. Eine Mengenzunahme bewirkt eine Gewinnsteigerung. Bei einer größeren Menge als sind umgekehrt die Grenzkosten höher als die Grenzerlöse. Es gibt also keine Menge außer , bei der der Gewinn größer sein könnte. Zu dieser Menge gehört der Preis . Wählt der Monopolist als Aktionsparameter, muß er akzeptieren et vice versa. Der Gewinn pro Ausbringungseinheit (Stückgewinn) läßt sich aus der Differenz zwischen Preis ( ) und durchschnittlichen totalen Kosten ( ) bestimmen ( ); wird der Stückgewinn mit der Gleichgewichtsmenge ( ) multipliziert, ergibt sich der Gesamtgewinn (schraffiertes Rechteck). Am Fall des Angebotsmonopols wird noch einmal deutlich, daß die Gleichgewichtsbedingung allgemeiner als die des Unternehmensgleichgewichts bei polypolistischer Konkurrenz ( ) ist. Da bei einer Fig. 7-2: Kurzfristiges Gleichgewicht im reinen Monopol linearen individuellen Nachfragekurve, die zur - Achse parallel verläuft, gilt (der Umsatz steigt jeweils um den Preis der Grenzeinheit, die vorherigen Einheiten bleiben im Preis unverändert), läßt sich das Unternehmensgleichgewicht bei polypolistischer Konkurrenz unmittelbar als Grenzfall aus dem Monopolgleichgewicht ableiten. Es sei auf folgende Besonderheiten des kurzfristigen Monopolgleichgewichts im Vergleich zum Unternehmensgleichgewicht bei polypolistischer Konkurrenz hingewiesen: Unternehmens- und Marktgleichgewicht, die bei der perfect competition genau unterschieden werden müssen, fallen im Monopol zusammen. Im Gewinnmaximum desMonopolisten ist ceteris paribus die Menge kleiner und der Preis höher als imMarktgleichgewicht der polypolistischen KonkurqE pE qE qE R' K' qE qE pE pE qE pE DTK CA qE K' R'= K' p= q p R'= 7. Produktpreisbildung 169 renz. Wären nämlich zahlreiche Anbieter am Markt, läge das Gleichgewicht von Angebot und Nachfrage (Marktgleichgewicht) bei . Für den Fall, daß die Nachfragekurve linear und die Grenzkosten konstant sind ( in Fig. 7- 2), bringt der Monopolist genau die Hälfte der Menge auf den Markt, die bei vollständiger Konkurrenz auf den Markt kommen würde. Die -Kurve schneidet die Abszisse im Halbierungspunkt der Strecke . Wegen des Strahlensatzes gilt das für jede Parallele zur Abszisse. Das Gleichgewicht des Anbietermonopols liegt bei positiven Grenzkosten ( ) stets im elastischen Bereich der Nachfragekurve, da ein positiver Grenzerlös ( ) nur bei einer Nachfrageelastizität von größer als 1 möglich ist (Fig. 4-16). Fig. 7-3: Indeterminiertes Monopolangebot Die Angebotsfunktion des Monopolisten ist indeterminiert. Es ist möglich, daß sich bei unterschiedlichenNachfrage-, aber gleichenGrenzkostenkurven einmal verschiedene Preisemit einer bestimmtenMenge (Fig. 7-3.I.) und zum anderen gleiche Preise mit verschiedenen Mengen (Fig. 7-3.II.) im Gleichgewicht ergeben. Im Angebotsmonopol gibt es also keinen eindeutig bestimmten Zusammenhang zwischen Marktpreis und Angebotsmenge, wenn sich die Nachfragekurve verschiebt. Dann sind zu einem bestimmten Marktpreis verschiedene Angebotsmengen denkbar. Bei derMonopolbeurteilung darf nicht vergessenwerden, daß dasMonopolgleichgewicht nichts anderes darstellt als eine deduktive Ableitung der Konklusionen aus den eingangs genannten Annahmen. Weder ist es bei der perfect competition noch beim pure monopoly ohne weiteres möglich, die Modellkonsequenzen zur Grundlage praktischer Entscheidungen zu machen. Der Gleichgewichtszustand der perfect competition dürfte - da ex definitione niemand Veranlassung hat, sein Verhalten zu ändern - das Gegenteil dessen sein, was sich die meistenMenschen unter vollständiger Konkurrenz vorstellen. Tatsächlich ist das, was die Preistheorie unter perfect competition abhandelt, eine "Schlafmützenkonkurrenz" (FRIEDRICH AUGUST LUTZ) oder - noch drastischer eine "Grabesruhe" (EUGEN BÖHLER). Die Konkurrenz sieht in der Wirklichkeit B K'2 R' 0F K' 0> K' R' 0>= 170 Zweiter Teil. Mikroökonomie anders aus. Die perfect competition wird deshalb zur "Grabesruhe", weil durch die obigen Annahmen Antriebskräfte (wie Verfahrensfortschritte, Produktverbesserungen, neue Produkte oder Absatzwege) ausgeschlossen werden, die die Konkurrenz in praxi am Leben halten. Die Beurteilung des Monopols orientiert sich deshalb nicht so sehr an den Eigentümlichkeiten des kurzfristigen Gleichgewichts. Andere Gesichtspunkte, die sich einer einfachen Analyse entziehen, haben oft größeres Gewicht. Unter ihnen spielt der Beitrag des Monopols zum wirtschaftlichen Fortschritt eine große Rolle. JOSEPH ALOIS SCHUMPETER hat zeitweiligen (temporären) Monopolen entscheidende Bedeutung für die wirtschaftliche Entwicklung beigemessen. "Dynamische" Unternehmen verschafften sich damit gegenüber "statischen" immer wieder einen Vorsprung imWettbewerb, der durch Nachahmer abgebaut werde. Das durch diesen Vorsprung geschaffene zeitweilige Monopol gehe so in ein Oligopol über. Ein wirtschaftspolitisches Problem seien deshalb nicht Monopole schlechthin, sondern im wesentlichen nur die etablierten und nicht mehr unter demDruck des potentiellen Wettbewerbs stehenden Einzelanbieter (11. Kap.). Ist der Markteintritt - auch international gesehen - frei und genießen Monopole keinen staatlichen Schutz, kann man sich in hochentwickelten Volkswirtschaften tatsächlich schwer vorstellen, daß monopolistische Positionen von langer Dauer sind. Die Marktstrategie der Monopole richtet sich aus diesem Grund oft darauf, anderen den Zugang zumMarkt zu erschweren oder unmöglich zu machen. Vor allem durch eine Beeinflussung der wirtschaftspolitischen Entscheidungsträger wird versucht, monopolbegünstigende Gesetze durchzusetzen (Vertrags-, Urheber- und Patentrecht, Zugangsregelungen durch "Berufsordnungen", Schutzzölle, Wareneinfuhrverbote u. a.). Eine besondere Form desMonopols bildet das "Kollektivmonopol", das aus der Zusammenarbeit von rechtlich selbständigen Unternehmen entstehen kann (Kartell). Dabei wird durch Preisgabe der wirtschaftlichen Selbständigkeit auf einigen Gebieten die Beseitigung der Anbieterkonkurrenz erreicht. Gelten dauerhafte Monopole als unerwünscht, sehen sich die politischen Instanzen nicht nur mit der Frage konfrontiert, wie bestehende Monopole dem Wettbewerb der "newcomer" unterworfen werden können, sondern auch, wie Schließungen von Märkten durch Marktteilnehmer zu verhindern oder rückgängig zu machen sind. Fragen wie diese sind Gegenstand der Theorie der Wirtschaftspolitik. Häufig hat sich gezeigt, daß allen Versuchen der Monopolisten, ihre Marktstellung auf Dauer zu sichern, selbst dann nur ein Teilerfolg beschieden ist, wenn der Marktzugang erschwert oder unmöglich gemacht wurde. Der wichtigste Grund dafür liegt in der Existenz oder imAufkommen von Substitutionsgütern, deren Zahl imZuge der wirtschaftlichen Entwicklung immer größer wird. Das Monopol der Eisenbahn ist in den meisten Ländern durch das Automobil und andere Verkehrsmittel, die ein ähnliches Gut - Verkehrsleistung - anbieten, beseitigt und durch ein Oligopol (oder Polypol) ersetzt worden. Da Substitutionsgüter Ausweichmöglichkeiten schaffen, wird eine Tendenz zur Erhöhung der Nachfrageelastizität ausgelöst. Die Nachfragekurven für die Monopolgüter werden immer flacher und nähern sich der bei vollständiger Konkurrenz. Man wird in einer entwickelten Volkswirtschaft nur noch wenige Güter ausfindig machen kön- 7. Produktpreisbildung 171 nen, zu denen es überhaupt kein engeres Substitutionsgut gibt. Die Liberalisierung des Außenhandels hat im übrigen dazu beigetragen, daß nationale Monopolstellungen beseitigt oder zumindest erschwert werden. Aus diesen Gründen hat das Monopol viel von seinem Schrecken verloren, den es noch für KARL MARX und einige seiner Zeitgenossen hatte. Damit soll keineswegs gesagt werden, daß es heute kein gravierendes Monopolproblem mehr gibt. Es zeigt sich immer dann, wenn Monopole von der staatlichen Wirtschaftspolitik gewollt oder ungewollt gefördert werden. Die meistenMonopole, die man in der Realität antrifft, sind zum Teil als Folge dieser Politik entweder staatliche Monopole oder vom Staat vom Wettbewerb freigehaltene Bereiche (Ausnahmebereiche), so daß für die Monopolbekämpfung in der Regel als Restaufgabe die Bekämpfung "monopolartiger" Gebilde - v. a. erstarrte Oligopole - verbleibt. Durch den Willensbildungsprozeß in der Demokratie ist die Monopolbekämpfung ohnedies zu einer schwierigen Aufgabe geworden, der nur wenige Regierungen gewachsen zu sein scheinen. Preisdiskriminierung Es gibt für einen Monopolisten verschiedene Möglichkeiten, seine Gewinnpositionen gegenüber der soeben analysierten zu verbessern. Erstens würde eine Kostensenkung die Gewinne ceteris paribus erhöhen. Zweitens kann er durch absatzpolitische Maßnahmen (z. B. Werbung) versuchen, die Nachfragekurve nach rechts zu verschieben; solange die Grenzkosten der Absatzmaßnahmen niedriger sind als der zusätzliche Erlös, steigen die Gewinne. Drittens kann der Monopolist unter bestimmten Voraussetzungen für sein Produkt unterschiedliche Preise fordern. Auf den letzten Fall sei näher eingegangen, zumal die analytische Behandlung der ersten beiden Fälle mit den bereits bekannten Instrumenten auch dem Anfänger keine Schwierigkeiten bereiten sollte. Unter Preisdiskriminierung oder -differenzierung versteht man - im wertfreien Sinn den Verkauf des gleichen Gutes eines Anbieters zu unterschiedlichen Preisen. Vielleicht kommt diesem Fall in der Realität bisweilen eine größere Bedeutung als der einheitlichen Preisstellung zu. Die Preisdiskriminierung erlaubt eine Steigerung des Gewinns gegenüber der Situation, in der nur ein Preis existiert. Es ist naheliegend zu fragen, welche besonderen Voraussetzungen für die Preisdiskriminierung gegeben sein müssen, da sonst jeder Anbieter veranlaßt würde, seine Preise zu differenzieren. Zur Vereinfachung sei angenommen, die Grenzkosten ( ) bleiben bei Änderungen der Ausbringung konstant. Wenn der Anbieter in einem reinen Monopol seinen Gewinn vergrößern will, ohne daß der Preis unterschritten wird, kann er das nur durch Ausschöpfung der "Konsumentenrente". Darunter wird die positive Differenz zwischen der auf der Nachfragekurve erkennbaren Höhe des Preises, den der einzelne bei einem gegebenen Einkommen zu zahlen bereit ist, und dem für alle Nachfrager einheitlichen Preis (Fig. 7-4) verstanden. Besteht keine Preisdifferenzierung, resultiert die Konsumentenrente also daraus, daß Konsumenten nur den für alle einheitlichen (Markt-, Gleichgewichts-) Preis zu zahlen brauchen, obwohl sie durchaus bereit wären, auch einen höheren Preis zu akzeptieren (Nachfragekurve oberhalb ). Wollte ein einzelner Anbieter bei vollständiger Konkurrenz K' pE pE C 172 Zweiter Teil. Mikroökonomie die Konsumentenrente ausschöpfen, wäre er dazu nicht in der Lage. Für ihn ist der Preis ein Datum und die ihm gegenüberstehende, individuelle Nachfrage verläuft - graphisch gesehen - parallel zurMengenachse. Bei vollständiger Konkurrenz gibt es für den einzelnenAnbieter keine Gewinnerhöhungsmöglichkeit durch Ausschöpfung der Konsumentenrente, wohl für den Markt als ganzes. Fig. 7-4: Konsumentenrente Erste Voraussetzung für die Preisdiskriminierung ist, daß ein einzelner Anbieter den Preis als Aktionsparameter wählen kann. Das ist beim Monopol, aber auch in anderen, später zu erörternden Marktformen - außer in der perfect competition - der Fall. Wenn gesagt wird, Voraussetzung der Preisdiskriminierung sei ein Monopol, so ist "Monopol" hier weit zu verstehen. Es genügt zu sagen, daß für den einzelnen Anbieter der Preis nicht ein Datum, die für ihn maßgebliche Nachfragekurve also nicht eine Parallele zur Mengenachse sein darf. Der Anbieter muß zweitens in der Lage sein, den Markt zu teilen. Stehen die Nachfrager in Verbindungmiteinander, kann eine geplante Preisdiskriminierung scheitern, weil der Käufer mit dem niedrigsten Preis die Ware für andere Käufer, die höhere Preise zahlen sollen, mitkaufen könnte. Angenommen, der Autor eines Lehrbuches gibt an seine Hörer Scheine aus, die zum billigeren Bezug des Buches berechtigen. Interessenten des Buches, die nicht Hörer sind, können sich die Scheine vielleicht beschaffen, so daß an diesem Ort unter Umständen kein Käufer bereit ist, den höheren Preis zu zahlen. Da der Anbieter die Kommunikation nicht kontrollieren kann, wird er institutionelle Vorkehrungen zur Verhinderung des Austausches treffen müssen (z. B. Auflagen für den Wiederverkauf). Bedingung für die Preisdifferenzierung ist also, daß Personen, die der Anbieter auswählt, das Gut auch zu dem von ihm bestimmten Preis kaufen. Dabei können Eigenschaften eines Gutes der Marktteilung entgegenstehen oder dienlich sein. Generell eignen sich Dienstleistungen eher zur Preisdifferenzierung als physische Güter, schwer substituierbare physischeGüter eher als leicht ersetzbare. Die Preisdifferenzierung ist um so leichter möglich, je geringer die 7. Produktpreisbildung 173 Transparenz (Typenvielfalt, fehlende Fachkenntnisse) und je größer die räumliche (große Entfernungen, schlechte Verkehrsverbindungen) wie zeitliche (unterschiedliche Ladenöffnungszeiten) Differenziertheit des Marktes ist. Mit der Marktteilung entstehen zusätzliche Kosten; die Annahme konstanter Grenzkosten ist problematisch. Schließt man in konstante Grenzkosten progressiv steigende Marktteilungskosten ein, müßten die Grenzkosten der Produktion fallen - eine wohl unrealistische Annahme, wenn sie über den ganzen Mengenbereich gelten soll. Ein zusätzlicher Gewinn entsteht nur, wenn die Marktteilungsgrenzkosten niedriger als die Zusatzerlöse aus der Ausschöpfung der Konsumentenrente sind. Doch soll von einer derartigen Vertiefung der Analyse abgesehen werden. Die Formen der Preisdiskriminierung in der Wirklichkeit sind vielfältig. Ex definitione betrifft die Preisdiskriminierung gleiche Güter, die zu verschiedenen Preisen verkauft werden. Diese Definition schließt ein wichtiges Problem aus. Es gibt Fälle, in denen zu einem höheren Preis zwar ein qualitativ besseres Gut geliefert wird, in denen aber die Preisdifferenz höher ist als die Kostensteigerung der Qualitätsverbesserung. Wenn die Eisenbahn für die 1. gegenüber der 2. Wagenklasse einen um 50% höheren Fahrpreis verlangt, können dafür nicht nur Kostenüberlegungen maßgebend sein, da sich die Kosten durch die Einrichtung eines Sitzplatzes der 1. Klasse nicht so erheblich ändern. Ähnlich verhält es sich bei Kino- und Theaterplätzen. Einige Ökonomen verwenden in solchen Fällen nicht den Begriff der Preisdiskriminierung.Wenn die Kosten der Qualitätsverbesserung geringer sind als die Preiserhöhung gegenüber demGut mit der schlechterenQualität, soll hier von einer "versteckten" Preisdiskriminierung gesprochen werden, wobei die strengere Definition, daß es sich bei der Differenzierung um vollkommen gleiche Güter handeln muß, aufgegeben wird. Gegen diese Auffassung ließe sich vom Standpunkt der Nutzentheorie einwenden: Wenn der Abnehmer den höheren Preis als angemessen empfinde, sei das keine versteckte Preisdiskriminierung, weil das Gut auch einen höheren Nutzen stifte. Dieser Einwand impliziert, daß der objektive Wert des Gutes unbeachtlich ist. Er läßt die Angebotsseite außer Betracht. Weiß nämlich der Anbieter um dieses Verhalten des Nachfragers, ist er in der Lage, dem Preis einen über die Kosten der Qualitätssteigerung hinausgehenden Betrag zuzuschlagen. Er braucht dann unter Umständen denMarkt nicht zu teilen, da die Käufer vielleicht meinen, entsprechend der Preissteigerung objektiv höherwertige Güter zu erwerben (Preis als Qualitätsmaßstab). Besteht jedoch objektiv keine Qualitätsdifferenz, liegt ex definitione keine versteckte, sondern Preisdiskriminierung durch Irreführung vor. Sollten einige Käufer den Tatbestand fehlender Qualitätsunterschiede kennen und den Preis aus Nutzenerwägungen bewußt in Kauf nehmen, könnte man von psychologischer Preisdiskriminierung sprechen. Das Problem der versteckten Preisdiskriminierung würde nur dann nicht bestehen, wenn alle Nachfrager das Gut qualitativ genau beurteilen könnten (Qualitätstransparenz). Die getroffenen Unterscheidungen sollen auf die vielen Formen der Preisdiskriminierung hinweisen, deren theoretische Durchdringung bisher noch unvollkommen ist (Übers. 7-2). 174 Zweiter Teil. Mikroökonomie Übers. 7-2: Formen der Preisdiskriminierung Die einzelnen Formen können sich überschneiden. Ebenso ist - wie die Überlegungen zur versteckten Preisdiskriminierung zeigen - die Grenze zwischen Diskriminierung und qualitätsbedingten Preisänderungen fließend. Mitunter rechnet man zeitliche Diskriminierung nicht dazu, weil sie sich von Angebots- und Nachfrageänderungen empirisch kaum abheben lassen. Neben den systematischen Formen der Preisdifferenzierung gibt es unsystematische, z. B. wenn ein Kunde aufgrund irgendwelcher Umstände - weil er sich mit einem sportbegeisterten Friseur über Fußball unterhält - einen Preisnachlaß beim Haarschneiden erhält. Es kann empirisch schwierig sein, zwischen Preisdiskri- Arten der Diskriminierung Mögliche Kriterien der Diskriminierung Beispiele Räumliche Diskriminierung Räumliche Verteilung der Käufer Dumping (Ausländer zahlen geringere Preise als Inländer) Zonenpreise Frachtbasensystem Zeitliche Diskriminierung Zeitliche Inanspruchnahme durch Käufer Tag- und Nachtstrom (soweit über Zusatzkosten oder -ersparnis hinausgehend) Sommerpreise für Kohlen (soweit sie über Zusatzkosten oder -ersparnis hinausgehen) Sachliche Diskriminierung Verwendungszweck des Gutes Haushalts- und Kraftstrom Verwendungsmenge des Gutes Mengenrabatt über Kostenersparnis Qualität des Gutes Preisaufschlag für Luxusmodelle über Zusatzkosten Marke des Gutes Preisabschlag für unmarkierte Produkte Persönliche Diskriminierung Einkommen des Käufers Arztrechnungen Verbraucherstatus Geringere Preise für neue Kunden Verwandtschaftspreise Gruppenzugehörigkeit Niedrige Eintrittspreise für Jugendliche, Studenten und Militär Verbrauchsgewohnheiten Verkehrstarife über Zusatzkosten hinaus Irreführung Vortäuschung von Produktverschiedenheiten 7. Produktpreisbildung 175 minierungen und -herabsetzungen zu unterscheiden. Im ersten Fall handelt es sich (graphisch gesehen) um Bewegungen auf gegebenen Kurven, im anderen Fall um Kurvenverschiebungen. Zur Bestimmung des Gewinnmaximums bei Preisdifferenzierung wird gemäß der dafür notwendigen Bedingung der Markt in Teilmärkte aufgespalten. Dabei kann zwischen einer horizontalen und vertikalen Aufspaltung des Marktes unterschieden werden (deglomeratives und agglomeratives Verfahren). Bei einer horizontalen Marktaufspaltung geht man von der Frage aus, welche Aufteilung des Gesamtmarktes gewinnmaximal ist und welche Preise ein Anbieter setzen muß, um dieses Ziel zu erreichen. Die Teilmärkte sollen erst bei der Verfolgung des Ziels Gewinnmaximierung geschaffen werden.Man spricht deswegen von willkürlicher Teilung des Marktes (Fig. 7-5). Fig. 7-5: Deglomerative Marktspaltung Ein Monopolist, dessen COURNOTscher Punkt in liege, vergrößert seinen Gewinn, wenn er die Menge zum Preis und die Menge zum Preis verkauft (konstante Grenzkosten seien vorausgesetzt). Die Konsumentenrente wird durch die Differenzierung zum Teil ausgeschöpft (Rechteck ) und in Gewinn verwandelt (Fig. 7-5). Es ist klar, daß der Gewinn ceteris paribus um so größer ist, je zahlreicher die Teilmärkte (Absatzschichten) sind. Zahlt jeder Nachfrager den Preis, den er gerade noch zu zahlen bereit ist, erreicht der Monopolgewinn ein absolutes Maximum und die Konsumentenrente wird völlig ausgeschöpft (perfect price discrimination). Das deglomerative Verfahren zur Bestimmung des Gewinnmaximums wird relativ selten behandelt. Es sei von einem reinenMonopol ausgegangen, das sich die Aufgabe setzt, den Markt einmal aufzuspalten, also in zwei Absatzschichten zu zerlegen (eine mehrmalige Teilung wäre in gleicher Weise möglich). Der Anbieter versucht, seine Kurve dann so aufzuspalten, daß - bei verschiedenen Preisen für jeden Teil der ursprünglichen Kurve, für jede sogenannte Absatzschicht - das Maximum des Erlöses erzielt wird. Das Ergebnis der Aufteilung sei verbal vorweggenommen, damit die mathematische Lösung verständlich wird: Der Gesamtgewinn ( ) ist maximal, wenn die Menge jeder Schicht so gewählt wird, daß C qB pB qC qB– pC ACpC BDpCpB G 176 Zweiter Teil. Mikroökonomie der Grenzerlös ( ) einer Absatzschicht gleich dem Preis ( ) der folgenden Schicht und der Grenzerlös der letzten Schicht ( ) gleich den Grenzkosten ( ) der Gesamtproduktion ( ) wird (Fig. 7-6). Fig. 7-6: Gewinnmaximierung bei Marktdeglomeration Eine vertikale Marktspaltung liegt vor, wenn auf jedem Teilmarkt Käufer aller oder mehrerer Absatzschichten vorhanden sind. Die Teilmärkte sind hier bereits gegeben. Auf ihnen sollen aber verschiedene Preise so gesetzt werden, daß der insgesamt erzielbare Gewinn ein Maximum wird. Die Fragestellung ist anderer Art. Beim deglomerativen Verfahren ist der Teilmarkt im Ableitungszusammenhang eine zu erklärende Variable, bei der Agglomeration eine Prämisse. Geht man zur Vereinfachung von zwei regional getrennten Teilmärkten aus, läßt sich das agglomerative Verfahren wie folgt veranschaulichen (Fig. 7-7). Fig. 7-7: Gewinnmaximierung bei Marktagglomeration R'I pII R'II K' q t⁄ 7. Produktpreisbildung 177 III. Anbieterwettbewerb Monopolistische (polypolistisch-heterogene) Konkurrenz ImModell der vollständigen Konkurrenz herrscht kein Wettbewerb. Im Monopolfall ist Wettbewerb vom Begriff her ausgeschlossen, mag der Monopolist noch so viel leisten. Interpretiert man das System der vollständigen Konkurrenz empirisch, dürfte selbst im Anpassungsprozeß (Unterbietung der Anbieter, Überbietung der Nachfrager) bei den beteiligten Marktteilnehmern nicht unbedingt das Gefühl vorherrschen, untereinander im Wettbewerb zu stehen. Ein amerikanischer Farmer im Mittelwesten wird seinen Nachbarn, der ebenfalls zum Silo fährt und zu einem Preis verkauft, auf den beide nicht den geringsten Einfluß haben, kaum als Konkurrenten betrachten. Wettbewerb ist in der wirklichen Welt vor allem dort anzutreffen, wo der einzelne einen gewissen Einfluß auf die Höhe des Preises oder andere Absatzbedingungen nehmen kann und sich nicht nur anpassen muß. Das ist der Fall bei monopolistischer und oligopolistischer Konkurrenz. Die Abgrenzung des Begriffs "monopolistische Konkurrenz" (monopolistic competition) ist - nach der Terminologie der meisten Ökonomen - amKriterium der Güterart orientiert, während die Anbieterzahl - wie bei der vollständigen Konkurrenz - als groß unterstellt wird (Übers. 7-1). Die Konkurrenz gilt als "unvollkommen" (imperfect), weil die Güter nicht völlig gleich, sondern mehr oder weniger unterschiedlich (heterogen) sind. Die Heterogenität kann auf objektiven Gütereigenschaften oder auf der Konsumenteneinschätzung beruhen. Solche Kriterien für die Heterogenität von Gütern sind ähnlicher Art wie bei der Marktteilung im Monopol. Man unterscheidet räumliche, zeitliche, sachliche und persönliche Präferenzen, die ein Gut gegenüber anderen Gütern gleichen Verwendungszwecks abheben. Solche Güter, die die Nachfrager vorziehen, haben einen höheren Preis, der die bevorzugte Einschätzung ausdrückt. Bekannte Marken, feine Geschäfte oder nette Verkäuferinnen erlauben höhere Preise für das gleiche Produkt, als wenn es anonym, im Ramschladen oder unter wenig geschätzten Umständen gekauft werden muß. Anbieter heterogener Güter haben deshalb einen gewissen monopolistischen Spielraum, innerhalb dessen sie die Preise festsetzen können. Sie können den Preis heraufsetzen, ohne sogleich eine Abwanderung der Kundschaft befürchten zu müssen. Oberhalb dieses Bereichs, dessen Ausdehnung durch die Substitutionsverhältnisse zwischen den heterogenen Gütern bestimmt wird, gehen die Nachfrager zunehmend auf die Produkte anderer Anbieter über, wie umgekehrt bei niedrigen Preisen mehr und mehr ehemalige Kunden von anderen Anbietern zuwandern, d. h. dort herrschen die Bedingungen der Konkurrenz. Der Kölner Betriebswirt ERICH GUTENBERG (1897-1984) hat diese Zusammenhänge anschaulich in einer doppelt geknickten Nachfragekurve dargestellt (Fig. 7-8). Die Theorie der monopolistischen Konkurrenz läßt sich nach dieser Darstellung als eine Verbindung von Erklärungselementen der vollkommenen Konkurrenz und des reinen Monopols begreifen. Der mittlere Teil der für einen Anbieter relevanten Nachfragekurve verläuft wie beimMonopol, der oben und unten anschließende Bereich wie bei vollständiger Konkurrenz. Operiert der Anbieter im monopolistischen 178 Zweiter Teil. Mikroökonomie Fig. 7-8: Nachfragekurve bei monopolistischer Konkurrenz Bereich, gilt die allgemeine Gewinnmaximierungsregel . Sofern die Kurve der Grenzkosten die des Grenzerlöses nur einmal schneidet, erhält man eine einfache Lösung, die mit der des Monopols formal identisch ist. Etwas komplizierter sind die Lösungen, wenn sich zwischen Grenzerlös- und Grenzkostenkurve mehr als ein oder gar kein Schnittpunkt ergibt. Im angelsächsischen Schrifttum dominiert die Tangentenlösung, auch excess capacity-Theorem genannt, bei der man nach kurz- und langfristiger Betrachtungsweise unterscheidet. Unterstellt wird generell eine große Zahl von Anbietern. Die Produkte der Anbieter werden als ähnlich, also nur wenig verschieden (heterogen) empfunden. Es gilt die Gewinnmaximierungsannahme. Der einzelne Anbieter befindet sich formal in der Position eines Monopolisten. Fig. 7-9: Kurzfristiges Gleichgewicht bei monopolistischer Konkurrenz K' R'= 7. Produktpreisbildung 179 Allerdings ist sein Spielraum relativ begrenzt und die Elastizität in einem beliebigen Punkt der Nachfrage wegen der leichten Substitutionsmöglichkeit vergleichsweise hoch (Fig. 7-9). Das kurzfristige Gleichgewicht (Gewinnmaximum) eines Monopolisten ist durch den Kurvenschnittpunkt von und , die Höhe des Gewinns durch die Differenz von Preis und kurzfristigen Durchschnittskosten ( ), multipliziert mit der Angebotsmenge im Gleichgewicht ( ), bestimmt (schraffierte Fläche). Das langfristige Gleichgewicht bei monopolistischer Konkurrenz sei unter den vereinfachenden Annahmen abgeleitet, daß alle Anbieter identische Kostenfunktionen haben und die Marktnachfrage zu gleichen Anteilen auf die einzelnen Unternehmen entfällt. Dann lassen sich zwei Anpassungsprozesse zum langfristigen Gleichgewicht unterscheiden, nämlich Marktzutritte und Preisvariationen. Zum ersten Anpassungsprozeß: Die im kurzfristigen Gleichgewicht entstehenden Gewinne aller am Markt befindlichen Unternehmen führen zu Markteintritten von newcomern, die durch die Gewinnerwartungen angelockt werden. Da sich die Marktnachfrage symmetrisch auf die Anbieter verteilt, verschiebt sich die firmenindividuelle Nachfragekurve jedes Anbieters nach links (Fig. 7-10). Fig. 7-10: Anpassung durch Markteintritte Dieser Prozeß setzt sich so lange fort, bis die Gewinne aller Anbieter Null werden und die Durchschnittskostenkurve die neue Nachfragekurve tangiert (Tangentenlösung). Die Langfristigkeit des Gleichgewichts - verstanden als gewinnloser Zustand - darf nicht mit der Langfristigkeit von Kostenverläufen (6. Kap.) verwechselt werden. Der Tangentialpunkt liegt jedenfalls links vom Minimum der Durchschnittskostenkurve, gleichgültig davon, ob diese kurzfristig (mit Fixkosten) oder langfristig definiert ist (ohne Fixkosten). Jeder Anbieter ist während des Marktzutrittsprozesses, der durch die Verschiebung von nach gekennzeichnet ist, bestrebt, sein jeweiliges Gewinnmaximum zu verwirklichen. Daraus folgt unmittelbar die Änderung des Marktpreises von auf , da die Preise den entsprechenden Grenzerlös-Grenzkosten- K' R' CA qE DK D1 D0 D1 p0 pE 180 Zweiter Teil. Mikroökonomie Bedingungen angepaßt werden. Das neue langfristige Gleichgewicht ist auch stabil, da für weitere Marktzutritte potentieller Anbieter der Gewinnanreiz entfallen ist und jede Abweichung von zu Verlusten führen muß. Zum zweiten Anpassungsprozeß: Das langfristige Gleichgewicht kann auch durch Preisvariationen erreicht werden. Voraussetzung dafür ist, daß keine Marktzutritte erfolgen und somit die Lage der firmenindividuellen Nachfragekurve unver- ändert bleibt. Preisänderungen aller Anbieter werden durch Bewegungen auf dieser Kurve verdeutlicht. Ausgangspunkt der Überlegungen ist ein Ungleichgewicht eines Anbieters, der bestrebt ist, durch Preissenkungen sein individuelles Gleichgewicht zu erlangen. Da jedes Unternehmen auf einem durch die Heterogenität der Güter isolierten Teilmarkt anbietet, glaubt der Anbieter, die Konkurrenten würden auf seine Preisänderungen nicht durch Preisvariationen reagieren. Diese Verhaltensannahme schlägt sich in einer Menge von konjekturalen Nachfragekurven nieder, die preiselastischer als die -Kurve sind, da in ihnen die vermuteten Nichtreaktionen der Konkurrenten zum Ausdruck kommen. Der Anbieter setzt gemäß dieser Verhaltensannahmen seinen Preis entlang der -Kurve (von nach in Fig. 7-11). Fig. 7-11: Anpassung durch Preisvariationen Da tatsächlich aber alle anderen Anbieter daraufhin ihren Preis entlang der - Kurve senken, wird das angestrebte neue Gleichgewicht nicht erreicht, sondern ein neues Ungleichgewicht (Punkt ) des Anbieters realisiert. Die fehlerhafte Einschätzung des Konkurrentenverhaltens veranlaßt den Anbieter wiederum, entlang der konjekturalen Nachfragekurve seinen Preis zu senken (Punkt ), worauf die Konkurrenten ebenfalls ihren Preis verringern (Punkt ). Da der Anbieter sein Verhalten annahmegemäß nicht ändert, führt dieser Prozeß schließlich zum Gleichgewichtspunkt , der für alle Anbieter aufgrund der Symmetrieannahme (identische Kosten- und Nachfragestruktur) gleich ist und durch den Tangentialpunkt zwischen der Durchschnittskostenkurve und der konjekturalen firmenindividuellenNachfragekurve gebildet wird. Auch dieses Gleichgewicht ist stabil, da jede weitere Preissenkung, sowohl entlang E pE D0 D0 d1 A B' D0 B d2 C' C E DK d4 7. Produktpreisbildung 181 der tatsächlichenNachfragekurve als auch entlang der konjekturalen Kurve , zu Verlusten führen muß. Dieser Preisanpassungsprozeß setzt allerdings voraus - darauf sei ausdrücklich hingewiesen -, daß der Anbieter nicht aus den Ergebnissen vorangegangener Preisänderungen lernt, seine Nichtreaktionsannahme hinsichtlich der Konkurrentenpreise während des gesamten Anpassungsprozesses aufrecht erhält und daß ferner diese Verhaltensweise auch auf alle anderen Unternehmen zutrifft. Unabhängig davon, ob Markteintritte oder Preisvariationen zum langfristigen Gleichgewicht führen, werden in Punkt Mengen angeboten, die kleiner sind als im Betriebsoptimum (Minimum von langfristigen ). Die Differenz zwischen Tangentialpunkt und Minimum der kann als Überschußkapazität (excess capacity) interpretiert werden, die aufgrund der gefallenenNachfrage oder des zu geringenMarktpreises nicht ausgenutzt werden kann. Darin zeigt sich sowohl ein Konkurrenzelement, das die monopolistic competition vom reinen Monopol unterscheidet, als auch eine Wettbewerbsbeschränkung im Vergleich zur vollständigen Konkurrenz, bei der langfristig eine größere Menge des Gutes zu einem geringeren Preis angeboten wird. Das langfristige Gleichgewicht der perfect competition ist dadurch charakterisiert, daß alle Unternehmen im Minimum der Durchschnittskostenkurven produzieren (statisches Modell der vollständigen Konkurrenz). Es ist leicht zu sehen, daß die perfect competition den Grenzfall der monopolistic competition darstellt. Je flacher die Nachfragekurve verläuft, um so geringer wird der Abstand des Gleichgewichtspunktes bei monopolistic competition vom Betriebsoptimum, um so geringer auch die freie Kapazität. Bei völliger Substituierbarkeit des Gutes (Güterhomogenität) geht die unvollkommene in die vollkommene Konkurrenz über. Die Tangentenlösung ist formal glänzend. Doch wie stets bleibt die Frage nach der empirischen Relevanz. EineBestätigung der Hypothesen ist - schon angesichts der unterstellten gro- ßen Anbieterzahl - am ehesten für den Einzelhandel, für einige Bereiche des Dienstleistungssektors sowie für bestimmte Konsumgüterindustrien zu erwarten. Im Vergleich zur traditionellen Preistheorie wird man der Konzeption der monopolistischen Konkurrenz nicht absprechen können, daß sie einen Fortschritt gegenüber der Dichotomie von Monopol und vollständiger Konkurrenz darstellt. Ihre Entwicklung fußt vor allem auf Arbeiten der beiden angelsächsischen Forscher EDWARD HASTINGS CHAMBERLIN (1899-1967) und JOAN VIOLET ROBINSON (1903-1983), die in den frühen dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts unabhängig voneinander zu gleichen Ergebnissen kamen. Auch deutsche Nationalökonomen, so vor allem HEINRICH VON STACKELBERG (1905-1946), hatten ganz ähnlicheÜberlegungen angestellt. Ein Vorzug derAnalyse liegt darin, daß sie neben dem Preis andere "Aktionsparameter" des Wettbewerbs ins Blickfeld rücken . Wenn Präferenzen die ihnen zugemessene Rolle spielen, werden Produktgestaltung, Verkaufsorganisation und Werbung zu wichtigen Absatzmitteln. Diese Erkenntnisse sind nicht auf den Fall einer großen Zahl von Anbietern beschränkt. Sie gelten in gleicher Weise für das Oligopol. Andererseits muß vor dem Glauben gewarnt werden, die Wirklichkeit lasse sich mit dem obigen Konzept zureichend beschreiben und analysieren. In vielen Fällen wird es nötig sein, andere oder modifizierte Erklärungselemente D0 d4 E DK E DK 182 Zweiter Teil. Mikroökonomie heranzuziehen. Die vielleicht gravierendste Einschränkung ist die Annahme von Einproduktanbietern, da empirisch Multiproduktunternehmen typisch sind. So bietet ein Einzelhändler eine Vielzahl von Diensten an, die überdiesmit den verkauften Gütern ein gemeinsames Ganzes, ein "Kuppelprodukt" bilden, und Unternehmen, die eine Vielzahl oft völlig unterschiedlicher Produkte herstellen (wie Papier, Badewannen, Autos und Kunststoffe), haben auf den Einzelmärkten gänzlich andere Aktionsmöglichkeiten als ein Einproduktunternehmen. Auch stellt sich erneut das Problem der Abgrenzung des Gutsbegriffs. Die Homogenität läßt sich straff und die Heterogenität weit fassen, so daß für jedes Gut ein "Monopol" besteht ("world of monopolies"). Es ist in praktischer Hinsicht jedoch ein großer Unterschied, ob ein Einzelhändler ein lokales "Monopol" mit einem Einzugsbereich von einigen hundert Metern hat (weil die nächsten Nachbarn des Händlers es am bequemsten finden oder sich verpflichtet fühlen, vor allem bei ihm zu kaufen) oder ob die Getreideeinfuhr eines Landes, in dem es kaum andere Grundnahrungsmittel gibt, in der Hand eines Anbieters liegt. Einige Weiterentwicklungen der monopolistic competition sind für eine empirisch gehaltvolle Theorie ebenso wenig relevant wie die Ergebnisse des Modells der vollständigen Konkurrenz. Oligopolistische Konkurrenz Wie verhalten sich Anbieter, wenn nur eine geringe Anzahl von ihnen auf dem Markt ist? Das ist die Ausgangsfrage zur Analyse der homogenen und heterogenen Oligopole, Marktformen, die insbesondere in hochentwickelten Volkswirtschaften anzutreffen sind. Man denke an die Automobil-, Mineralöl-, Chemie-, Montan- oder Elektroindustrie. Es ist aber nicht so sehr die Zahl der Marktteilnehmer an sich, die das Oligopol von anderen Marktformen unterscheidet, sondern die Tatsache, daß ein oligopolistischer Anbieter bei seinen Aktionen am Markt mit Gegenmaßnahmen der Konkurrenten rechnen muß. Ausschlaggebend hierfür ist die beachtliche Höhe der Marktanteile bei nur wenigen Anbietern. Absatzpolitische Entscheidungen eines Konkurrenten können die übrigen Anbieter beträchtlich in Mitleidenschaft ziehen. Reagieren diese zur Verteidigung ihrer Marktposition, kann es zu einer neuen Aktion des Anbieters kommen, von dem die Bewegung ausging. Eine treffende Bezeichnung für das Oligopol ist deshalb "zirkulare" Konkurrenz. Die Handlungen der Anbieter werden indessen nicht nur davon bestimmt, was die Konkurrenten tun, sondern auch, was sie wider Erwarten unterlassen. Man hat das Oligopolproblem analytisch auf verschiedene Weise behandelt. Ein Weg ist die Entwicklung von exakten, meist mathematisch formulierten Modellen. Zur Lösung dieser Modelle ist es notwendig, Annahmen über das Verhalten der Anbieter - vor allem über tatsächliche und mögliche Aktionen, Reaktionen und Gegenreaktionen - in die Überlegungen einzubeziehen. Die Zahl der Oligopolmodelle ist beträchtlich. "Klassische" Modelle entwickelten die Franzosen ANTOINE AUGUSTIN COURNOT (1801-1877), JOSEPH LOUIS FRAN- COIS BERTRAND (1822-1900), die Briten FRANCISYSIDRO EDGEWORTH (1845-1926), ARTHUR LYON BOWLEY (1869-1957) und der Deutsche HEINRICH VON STACKEL- BERG (1905-1946). Es lassen sich zwei Gruppen von Modellansätzen unterscheiden. 7. Produktpreisbildung 183 Haben die Nachfrager keine Präferenzen hinsichtlich der angebotenen Güter (homogenes Oligopol), so entsteht ein einheitlicher Marktpreis und die Unternehmen verändern ihre Absatzmengen solange, bis ein Marktgleichgewicht entsteht; die Alternative ist, daß die Anbieter ihre Preise ändern und die Absatzmengen als Ergebnis hinnehmen. Verfügen die Nachfrager jedoch über Präferenzen (heterogenes Oligopol), so variieren die Anbieter ihre Preise, bis sich ein Gleichgewicht einstellt. Beide Gruppen von Modellansätzen lassen sich nach den Reaktionskoeffizienten klassifizieren. Für die nachfolgende graphische Darstellung wird aus der Vielzahl der mathematischen Modelle ein heterogenes Oligopol mit zwei Anbietern (Dyopol) ausgewählt und ein autonomes Marktverhalten unterstellt, d. h. jedes der beiden Unternehmen rechnet bei den eigenen Preissetzungen nichtmit Reaktionen des jeweiligen Konkurrenten. Ein derartiges Modell bezeichnet man nach WIL- HELM LAUNHARDT (1832-1918) und HAROLD HOTELLING (1895-1973) auch als LAUNHARDT-HOTELLING-Modell. Erhöht ein Anbieter im heterogenen Oligopol seinen Preis, so verliert er - bei unverändertem Preis seines Konkurrenten - aufgrund der bestehenden Präferenzstruktur lediglich einen Teil seiner Nachfrage. Für die ihm verbleibende Nachfrage kann die Differenz zwischen den beiden Marktpreisen als Ausdruck der Präferenzstärke seiner Käufer verstanden werden. Erhöht der Oligopolist seinen Preis kontinuierlich ( ), so verschiebt sich die Absatzfunktion des Anbieters ( , ,..., ), wie in Fig. 7-12 dargestellt, nach rechts. Fig. 7-12: Kosten- und Nachfragestruktur des Anbieters bei Preisänderungen des Anbieters Jeder dieser Nachfragekurven kann ein bestimmter Preis des Anbieters ( , ,..., ) zugeordnet werden. Die Schar der Nachfragekurven wird nach unten begrenzt durch die Kurve , die bei einem Preis von entsteht. Die 2 p2 p1 const.= 1 D1 0 D1 1 D1 3 1 2 2 p2 0 p2 1 p2 3 D1 0 p2 0 0= 184 Zweiter Teil. Mikroökonomie obere Begrenzung bildet die Kurve, die gleichzeitig die gesamte Marktnachfrage repräsentiert ( ). Der Preis des Konkurrenten hat die Höhe erreicht oder überschritten, die alle Nachfrager veranlaßt, sich demOligopolisten zuzuwenden ( ). Für den Anbieter läßt sich in gleicher Weise eine Schar von Absatzkurven für den Fall darstellen, daß der Anbieter seinen Preis variiert. Weiterhin soll angenommen werden, daß beide Oligopolisten unter Bedingungen produzieren, die u-förmige Durchschnittskostenkurven entstehen lassen (klassische Kostenfunktion). Folgt nun die Preissetzung des Anbieters genau der Durchschnittskostenkurve, so entsteht bei jeder Preis-Mengen-Kombination ein Gewinn von Null ( ). Soll unabhängig von der Outputmenge ein Gewinn von einer Geldeinheit realisiert werden, so verschiebt sich diese Kurve nach oben. Je geringer die Outputmenge ist, um so stärker ist die Verschiebung, da der vorgegebene Gewinn durch eine geringere Stückzahl geteilt wird. Bei jeder Preissetzung entlang dieser Kurve wird ein Gewinn von einer Geldeinheit erzielt. Für jede Gewinnhöhe läßt sich eine derartige Kurve konstanten Gewinnes (Isogewinnkurve) konstruieren ( , ,..., ). Die Isogewinnkurven des Oligopolisten werden nach dem gleichen Verfahren abgeleitet. Bei einem gegebenen Preis des Anbieters wird das Gewinnmaximum des Anbieters durch die Isogewinnkurve bezeichnet, die die Nachfragekurve ( ; ) tangiert. Auf der Ordinate läßt sich der zugehörige gewinnmaximale Preis des Anbieters ablesen. Die Menge aller Tangentialpunkte wird als Reaktionslinie (auch: Kammlinie) des Anbieters bezeichnet. Verfolgt der Oligopolist das Ziel der Gewinnmaximierung, so wird er bei Preisvariationen des Konkurrenten entlang dieser Linie reagieren und seine Preise festsetzen. Analog dazu läßt sich die Reaktionslinie des Oligopolisten ableiten. Die Isogewinnlinien beider Anbieter werden nun in ein - -Diagramm übertragen, um dasMarktgleichgewicht zu ermitteln (Fig. 7-13.I.). Folgt man z. B. der Isogewinnkurve , so zeigt sich, daß im rechten Teil in Fig. 7-12 der Preis fällt und - da sie die alternativen Nachfragekurven ( , , ) schneidet - auch der Preis des Anbieters . Der Tangentialpunkt bezeichnet den minimalen Preis . Im linken Teil der Graphik steigen die Preise beider Unternehmen entlang der Isogewinnlinie an. Alle Isogewinnlinien mit einem höheren Niveau liegen in Fig. 7-13.I. innerhalb der -Kurve. Werden die entsprechenden Isogewinnlinien des Konkurrenten eingezeichnet, so ergibt sich die Fig. 7-13.I. Weil beide Oligopolisten das Ziel der Gewinnmaximierung verfolgen, werden sie versuchen, durch Preisvariationen (Fig. 7-13.II.) zu ihrer Reaktionslinie zu gelangen. Somit stellt der Schnittpunkt beider Reaktionslinien die Preiskombination dar, die keinen der Anbieter zu Preisänderungen veranlaßt. Das System ist im Gleichgewicht. Das gilt allerdings langfristig nur unter der Bedingung, daß beide -Kurven den Schnittpunkt einschließen, d. h., daß keiner derAnbieter Verluste realisierenmuß. Die Fig. 7-13.I. zeigt aber noch eine weitere Tatsache: Die Gleichgewichtspreiskombination repräsentiert nicht ein gemeinsames Gewinnmaximum. Verfolgt man die Isogewinnlinien beider Oligopolisten ( , ), die durch den Schnittpunkt führen, so stellt man fest, daß beide Anbieter entlang der Strecke einen höheren Gewinn D1 3 Dm= 1 D2 0= 2 1 1 G1 0 G1 1 G1 0 G1 1 G1 3 2 2 1 D1 p2 1 A R1R'1 1 R2R'2 2 p1 p2 G1 0 p1 D1 3 D1 2 D1 1 2 A0 p2 0 G1 0 E G0 E G1 1 G2 1 E BC 7. Produktpreisbildung 185 Fig. 7-13: Darstellung des Marktgleichgewichts 186 Zweiter Teil. Mikroökonomie realisieren können. Der Punkt soll dabei das gemeinsame Gewinnmaximum bilden. Zur Durchführung der kollektiven Gewinnmaximierung und zur Aufteilung des zusätzlichen Gewinns bedarf es aber gegenseitiger Verhandlungen und Absprachen und somit der Aufgabe der autonomen Verhaltensweise. Diese scheint in der Tat nicht sehr realistisch. In der Literatur sind deshalb weitere Verhaltensannahmen der Konkurrenten untersucht worden. Auch hat man - da die Situation im Oligopol der eines Spiels ähnelt - die Spieltheorie auf das Oligopolproblem angewendet. Wer sich für Einzelheiten interessiert, sei auf die bibliographischen Hinweise am Ende des Zweiten Teils aufmerksam gemacht. Man hat bei der Untersuchung des Oligopols auch einen anderen als den üblichen Weg beschritten. Statt immer neue Modelle zu entwickeln, beobachtete man die Wirklichkeit und versuchte, gleichförmige oder an bestimmten Grundsätzen orientierte Verhaltensweisen zu ermitteln. Aus solchen Bruchstücken sollte dann allmählich eine abgerundete, einigermaßen geschlossene Oligopoltheorie entstehen. Diese Art des Vorgehens erinnert in gewisser Weise an die historische Schule der Nationalökonomie, die in Deutschland vor dem Ersten Weltkrieg dominierte (Hauptvertreter: GUSTAV VON SCHMOLLER (1838- 1917)). In ihr wollte man durch Beobachtungen zu theoretischen Aussagen gelangen. Es ist deswegen nicht verwunderlich, daß sich die Forschungen zum Oligopolproblem auf alles greifbare Beobachtungsmaterial - etwa auf Kartelluntersuchungen - stützen, um empirisch gehaltvolle Ansatzpunkte zu gewinnen. Die Art des Vorgehens sei kurz an Beispielen illustriert. So hat man beobachtet, daß auf oligopolistischen Märkten Preisstarrheit ein bemerkenswertes Phänomen ist. Angenommen, ein Anbieter habe die Preis- Mengen-Kombination C verwirklicht (Fig. 7-14).Würde die Unternehmung den Preis von auf senken, müßte sie damit rechnen, daß Konkurrenten mit einer Preissenkung folgen. Zögen die Konkurrenten nicht nach, wäre der Mengenzuwachs größer. Kommt bei nachziehender Konkurrenz der Anbieter etwa von nach , so ohne konkurrierende Preissenkung vielleicht nach . Bei oligopolistischer Konkurrenz reagiert deshalb die Nachfrage bei einer Preissenkung unelastischer ( nach ), als wenn der Anbieter allein auf dem Markt wäre oder ohne Rücksicht auf seine Konkurrenten handeln könnte ( nach ). Bei einer Preiserhöhung hingegen werden die Konkurrenten nicht nachziehen, da ihnen diejenige Nachfrage zuwächst, die der preiserhöhende Anbieter verliert.Wäre er der einzige Anbieter, könnte er bei Preiserhöhungen auf der Kurve operieren, hat er dagegen Konkurrenten, verläuft seine Preis-Absatz-Kurve flacher und nimmt möglicherweise die Lage ein. Im Punkt weist also die Nachfragekurve des Oligopolisten einen Knick auf (kinked demand curve). Wegen dieses Knicks hat der positive Teil der Grenzerlöskurve einen Unbestimmtheitsbereich , so daß selbst ein Kostenanstieg die gewinnmaximale Situation nicht ändert, solange durch verläuft. Ein weiteres Beispiel einer von Beobachtungen ausgehenden Oligopoltheorie ist die Hypothese gemeinsamer Gewinnmaximierung (EDWARD HASTINGS CHAMBERLIN). Nach ihr wissen die Anbieter, daß sie voneinander abhängig sind. Die Abhängigkeit zeigt sich darin, daß der Gesamtgewinn und seine Ver- D BC pE p1 C C' C'' C C' C C'' CD' CD C DD AB K' AB 7. Produktpreisbildung 187 Fig. 7-14: Geknickte Nachfragekurve teilung im Oligopol durch ihr Verhalten in erkennbarer Weise bestimmt wird. Würden der Preis und die Ausbringung im Oligopol insgesamt dieselben sein, die ein Angebotsmonopolist realisiert, hätten die Anbieter ihren gemeinsamen Profit maximiert. Weichen die Firmen vom Verhalten eines Monopolisten ab, verringert sich der gemeinsameGewinn. Die Hypothese basiert auf der Vorstellung, daß bei einer gegebenen Nachfrage für die Angebotsseite verschiedene Gewinnmaxima existieren, unter denen das des Monopolisten am günstigsten ist. Für einen einzelnen Oligopolisten kann es sich auszahlen, wenn er auf Kosten anderer seinen Marktanteil vergrößert. Doch sein Verhalten reduziert zugleich den gemeinsamen Gewinn aller. Es gibt also aus der Sicht des einzelnen Anbieters Argumente für und gegen eine gemeinsame Gewinnmaximierung. Nun läßt sich beobachten, daß das Vorhandensein bestimmter objektiver Fakten für die gemeinsame Gewinnmaximierung spricht. Die Anbieter tendieren um so mehr zur gemeinsamen Gewinnmaximierung je stärker sie voneinander abhängen (kleineAnbieterzahl, fast identische Produkte, gleiche Marktanteile und Produktionsmethoden); je leichter es ist, geheime Abkommen zu treffen (Preisstarrheit, geringe Unsicherheit über die Entscheidungsgrundlagen, Unwirksamkeit der staatlichen Monopolkontrolle); je größer die Marktzutrittsbeschränkungen sind (Massenproduktion, Patente, Ausmaß der Markenwerbung). Die Hypothese über die gemeinsame Gewinnmaximierung im Oligopol (joint profit-Hypothese) stellt Kriterien heraus, die schon früher aus der Analyse von Kartellbildungen und Absprachen bekannt waren (etwa durch die Kartellenquête in Deutschland nach dem Ersten Weltkrieg). Zwei weitere Beispiele für Hypothesen dieser Art seien nur erwähnt. Vielfach stößt man auf die Ansicht, in Oligopolen seien der Gewinnmaximierung Grenzen gesetzt. Nach einer anderen Auffassungmaximieren Oligopole nicht ihre Gewinne, sondern ihre Um- 188 Zweiter Teil. Mikroökonomie sätze. Trotz einer noch relativ großen Unsicherheit bei der Analyse von Oligopolen besteht begründete Hoffnung, daß die methodische Neuorientierung der Oligopolforschung zu empirisch bestätigten Ergebnissen führt. Es darf dann von der Oligopoltheorie nicht jene Geschlossenheit und Eleganz erwartet werden, die wir von anderen, einfacheren Marktformen kennen. B. Faktormärkte 8. Kapitel: Nachfrage: Einkaufsplan des Unternehmens I. Grundlagen der Faktormarktanalyse Besonderheiten Gruppe Märkte für Produktionsfaktoren - inputabhängige Variable des output - Spezifische Analysen der Preisbildung - Produktive Dienste - Geldeinkommen - Faktorallokation - Funktionelle und personelle Einkommensverteilung Hypothesen Katalog von Annahmen - Preiselastizität der Nachfrage nach einem Faktor II. Faktornachfrage bei vollständiger Konkurrenz Individuelle Nachfrage Bindeglied Produktions- und Kostentheorie - Allgemeine und spezielle Gewinnmaximierungsbedingung - Zusammenhang zwischen Grenzertrag und Grenzertragswert sowie Gleichgewichtsbestimmung - Gleichgewichtsänderung Marktnachfrage Aggregation der Einzelnachfragekurven - Probleme einer Aggregation III. Faktornachfrage bei Monopol und Monopson Gleichgewichtsbedingung für ein Monopol - Gleichgewichtsbedingung für ein Monopson - Gleichgewichtsbedingung für ein Monopol und ein Monopson - Übersicht der Gleichgewichtsbedingungen I. Grundlagen der Faktormarktanalyse Besonderheiten Die bisherige Analyse bezog sich auf die Preisbildung bei konsumreifen Produkten, worunter sowohl materielle Güter als auch Dienstleistungen verstanden werden. Neben den Konsumgutmärkten als Teil der Produktmärkte gibt es als zweiteGruppe dieMärkte für Produktionsfaktoren, die aufgeteilt werden können in die Märkte für Arbeit, Boden und Kapital. Auf den Faktormärkten sind die Unternehmen Nachfrager, die Haushalte Anbieter. Würde man auf einer hohen Stufe der Abstraktion argumentieren, bestünde kein Anlaß, neben der Preistheorie für Konsumgüter eine solche für Produktionsfaktoren zu entwickeln. Eine detaillierte Analyse der Faktorpreisbildung stößt jedoch auf der Nachfrage- wie Angebotsseite auf Eigentümlichkeiten, die spezifische Überlegungen erfordern. Die von den Unternehmen nachgefragten Mengen der Faktoren sind abhängig von ihrem Güterangebot: Der input ist hier eine abhängige Variable des output. Die Faktornachfrage ist, anders ausgedrückt, eine aus dem Produktangebot abgeleitete Größe. Die Größe des input richtet sich - wie aus der Produktionstheorie bekannt ist und noch genauer erklärt wird - nach dem Beitrag, den eine zusätzliche Mengeneinheit eines Einsatzfaktors zur Erstellung des Produkts leistet. Da man diesen Beitrag Grenzproduktivität nennt, bezeichnet man die Aussagen über die daran orientierte Nachfrage der Unternehmen nach Produktionsfaktoren als Grenzproduktivitätstheorie. Diese Theorie sagt nur etwas über die Nachfrage auf Faktormärkten aus, genaugenommen sogar nur über die Nachfrage eines einzelnen Unternehmens. Sie gilt also weder für die gesamte Faktornachfrage noch für das Faktorangebot. Die synonyme Verwendung der Ausdrücke "Faktorpreisbildungslehre" und "Grenzproduktivitätstheorie" führt leicht in die Irre. Andererseits ist die Grenzproduktivitätstheorie auf die Nachfrage eines jeden Faktors anwendbar. Ein zweiter Unterschied zwischen Konsumgut- und Faktorpreisbildung liegt darin, daß es beim Konsumgüterangebot nicht erforderlich ist, einzelne Güterarten preistheoretisch gesondert zu analysieren. Die tatsächlich vorhandenen Unterschiede werden mit Hilfe der Gutsbeziehungen (Substitution, Komplementarität, Indifferenz und Homogenität) erfaßt, die sich in der direkten und indirekten Preiselastizität niederschlagen. Bei den Faktoren dagegen sind die Unterschiede beträchtlich. Spezifische Analysen der Preisbildung, vor allem bei dem Angebot von Arbeit, Boden und Kapital, sind zweckmäßig oder notwendig. Die Besonderheiten erkennt man auch in der Terminologie. Die Preise der Faktorleistungen heißen Lohn (i. e. S. Preis für unselbständige Arbeit; i. w. S. Preis für alle Arten von Arbeitsleistungen, einschließlich der Unternehmerleistungen), Bodenrente, Zins. Schließlich beruhen die Unterschiede zwischen Konsumgut- und Faktorpreistheorie zu einem beträchtlichen Teil auf der Tatsache, daß auf Faktormärkten nicht konsumreife, sondern produktive Dienste angeboten und bezahlt werden. Unter produktiven Diensten wird der Produktionsbeitrag von Faktoren verstanden, dieman bei der Erzeugung einsetzt, in "Dienst" nimmt, ohne sie 192 Zweiter Teil. Mikroökonomie als Eigentum besitzen zu müssen. Indienstnahme oder entgeltliche Überlassung gibt es auch bei Konsumgütern (Beispiel: Wohnung). Ob Güter konsumtive oder produktive Dienste leisten, richtet sich nach dem Verwendungszweck. Die Faktorenwerden letztlich vonHaushalten angeboten. Soweit Unternehmen Faktoren anbieten, sei angenommen, die Unternehmen würden den Haushalten gehören (Unternehmer-Haushalte). Haushalte können die Faktoren entweder auf demMarkt anbieten oder selbst in Anspruch nehmen; es muß zwischen fremder (produktiver) und eigener (konsumtiver) Verwendung gewählt werden. Der Preis eines variablen Faktors ( ), multipliziert mit der tatsächlich verkauften Menge ( ), ist das Faktorentgelt ( ), d. h. das Geldeinkommen des Faktoranbieters bei einer Fremdverwendung. Das Faktorentgelt bei Eigenverwendung läßt sich nach dem opportunity cost-Prinzip durch das Geldeinkommen der alternativ bestmöglichen Fremdverwendung bestimmen (Fig. 8-1). Zumindest ein Teil des Faktorentgelts muß zur Erhaltung der produktiven Dienste des Faktors aufgewendet werden, wenn auch in Zukunft ein Angebot erfolgen soll. Fig. 8-1: Geldeinkommen eines Faktors Aus diesemGrund kann das Verhalten der Haushalte als Anbieter stärkere Abweichungen von der "normalen" Reaktionsweise zeigen, bei der bekanntlich Mengen und Preise positiv korrelieren. Für die meisten Menschen ist der "Verkauf" von Arbeitsleistungen einzige oder wichtigste Quelle des Einkommens. Es ist verständlich, wenn sie am Faktormarkt einenmöglichst hohen Preis erzielenwollen und eine organisierte Strategie betreiben (z. B. ZusammenschlußUnselbständiger zu Gewerkschaften), um die Preisbildung zu ihren Gunsten zu beeinflussen. Hinter so dürren Worten wie "Faktoreinkommen" oder "Erhaltung der produktiven Dienste" stehen die Probleme der physischen Existenz und des Lebensstandards der gesamten Bevölkerung. Die Preisbildung auf dem Faktormarkt ist nicht nur für die Höhe, sondern auch für die Verteilung der Einkommen auf die einzelnen Anbieter bestimmend. Im Preisbildungsprozeß wirkt die Interdependenz der Märkte dahin, daß sich im relativen Preis die Knappheitsrelationen zwischen den Faktorenwiderspiegeln. Von der Höhe und Verteilung der Einkommenwerden dasNiveau der Beschäftigung und die Einsatzrichtung der Faktoren, die Faktorallokation, entscheidend beeinflußt. Die Nachfrage der Unternehmen nach einem Faktor lν ν y lν ν⋅= 8. Nachfrage: Einkaufsplan des Unternehmens 193 richtet sich nämlich nach den absoluten und relativen Preisen der Produktionsfaktoren. Wenn die Analyse der Faktorpreisbildung oft als "Theorie der Distribution" bezeichnet wird, darf man darunter nicht nur - wie es häufig geschieht - eine Einkommensverteilungstheorie verstehen. Für die ökonomische Frage, wie knappe Mittel bestmöglich gebraucht werden können, ist die Faktorallokation von nicht zu unterschätzender Bedeutung. Von ihrer Lösung hängt es ab, welches Einkommensniveau überhaupt erreicht wird, denn es kann nicht mehr verteilt werden als produziert worden ist - eine Binsenwahrheit, die leicht in Vergessenheit gerät. Sieht man das Ziel des Wirtschaftens darin, die Menschen mit Gütern zu versorgen, kommt somit der Preisbildung auf den Faktormärkten eine zentrale Bedeutung zu, weil Niveau und Verteilung der Einkommen die faktischen Möglichkeiten der Bedürfnisbefriedigung durch Güter bestimmen. Das ist der Grund, warum klassische Autoren, wie insbesondere DAVID RICARDO, die wichtigste Aufgabe der Volkswirtschaftslehre darin sahen, die "Gesetze" der Verteilung zu entdecken. Diese dominierende Stellung hat die Verteilungstheorie heute nicht mehr. Doch ist sie neben der Preistheorie für Konsumgüter ein Grundpfeiler der Mikroökonomie geblieben. Die Verteilung der Einkommen auf die Produktionsfaktoren wird als funktionelle Einkommensverteilung bezeichnet. Die Geldeinkommen der Faktoranbieter sind für die Unternehmer als Faktornachfrager Kosten. Zu diesen Kosten gehören nicht nur die Aufwendungen für fremde Produktionsfaktoren, sondern auch die Inanspruchnahme von Arbeit, Boden und Kapital, die dem Unternehmer gehören und die er sich gleichsam selbst anbietet (kalkulatorische Kosten). Die Zahlungen an die Faktoren werden aus dem Erlös (Umsatz) bestritten. Ist die Differenz zwischen Erlös und Kosten positiv, erzielt der Unternehmer einen Profit oder Gewinn (6.15), ist sie negativ, macht er einen Verlust. Die Theorie der Preisbildung auf dem Faktormarkt ist deshalb eine Analyse der funktionellen Einkommensverteilung auf die Produktionsfaktoren Arbeit, Boden, Kapital und den Gewinn (oder Verlust). Der Gewinn (oder Verlust) wird meist als eine "Rest- oder Überraschungs-"Größe verstanden; einige Aspekte seiner Funktion kommen noch zur Sprache (10. Kap.). Von der funktionellen ist die personelle Einkommensverteilung zu unterscheiden, bei der auf die den natürlichen Personen, den Haushalten, zufließenden Einkommen abgestellt wird. Die personelle Einkommensverteilung wird dargestellt als Verteilung der Zahl der Einkommensbezieher auf Einkommensgruppen. Sie hängt erstens vom Umfang der den Personen zur Verfügung stehenden Produktionsfaktoren und dem Marktergebnis ab, zweitens von Umverteilungen (Transfers) durch private und staatliche Maßnahmen. In der Statistik der personellen Einkommensverteilung wird jedoch der Einfluß dieser Ursachenkomponenten oft negiert. Von der mikroökonomischen ist die makroökonomische Verteilungstheorie zu unterscheiden. Die makroökonomische Verteilungstheorie in ihrer heutigen Form ist ein relativ neues Gebiet der Volkswirtschaftslehre, für deren Entwicklung erstens die Theorie von JOHNMAYNARD KEYNES und zweitens die Versuche, die mikroökonomischen Beziehungen in gesamtwirtschaftlich relevante Aussagen zu transformieren, wichtige Impulse abgegeben haben. Einige 194 Zweiter Teil. Mikroökonomie Grundzüge der makroökonomischen Verteilungstheorie werden später behandelt (17. Kap.). Hypothesen Entsprechend dem Vorgehen bei der Produktpreisbildung behandelt die Faktormarktanalyse: (1.) die Determinanten der Nachfrage (Inhalt der Grenzproduktivitätsanalyse; 8. Kap.), (2.) die Bestimmungsfaktoren des Angebots (jeweils für die Individuen und den Markt; 9. Kap.) und (3.) das Zusammenspiel beider Komponenten bei der Preisbildung (unter verschiedenen Marktformen; 10. Kap.). Die Überlegungen beschränken sich bei der Angebots- und Preistheorie auf den Faktor Arbeit und Kapital in Geldform (Geldkapital). Einige Folgerungen für die Einkommensverteilung und Faktorallokation schließen sich an. Die gesamte Faktormarktanalyse beruht - sofern nichts anderes gesagt wird - auf folgendem Katalog von Annahmen: Die nachfragenden Unternehmer streben das Gewinnmaximum an. Sie werden nur dann zusätzlich Faktoren nachfragen, wenn ihr Gewinn dadurch steigt. Die Ziele der Faktoranbieter sind grundsätzlich indeterminiert. Einkommensmaximierung ist ebenso möglich wie Maximierung der Freizeit oder Sicherheit. Andere Ziele oder Zielkombinationen sind denkbar. Die Produktionsfaktoren lassen sich begrenzt (peripher) substituieren. Starre (limitationale) Faktorverhältnisse und völlige Substituierbarkeit seien unbeachtete Grenzfälle. Ein Produktionsfaktor ist kurzfristig jeweils variabel bei Konstanz der übrigen. Es gilt das Ertragsgesetz. Die Faktoren sind langfristig mobil. Sehr langfristige Veränderungen (technische Fortschritte) werden ausgeschlossen. Diese Annahmen sind überaus restriktiv. Für kompliziertere Modelle sei auf die Literatur am Schluß des Zweiten Teils verwiesen. Unter diesem Annahmenkatalog läßt sich, wie ALFRED MARSHALL gezeigt hat, ableiten, daß die Preiselastizität der Nachfrage nach einem Faktor um so größer ist je größer der Kostenanteil des Produktionsfaktors am Endprodukt, je elastischer die Nachfrage nach dem produzierten Gut, je leichter die Faktorsubstitution möglich und je elastischer das Angebot gleichartiger Produktionsfaktoren ist. Die ersten drei Aussagen seien an folgenden Überlegungen verdeutlicht; die letzte Aussage, die den Einfluß der Gewerkschaften illustrieren soll, dürfte erst später ganz verständlich werden (10. Kap.): Beträgt der Anteil der Arbeitsleistungen an den Gesamtkosten 10% (wie etwa bei der Energiegewinnung durch Wasserkraft), wird bei einer zehnprozentigen Lohnerhöhung die Nachfrage nach Arbeitsleistungen nicht so stark abfallen (unelastisch reagieren) wie bei ei- 8. Nachfrage: Einkaufsplan des Unternehmens 195 nem Lohnkostenanteil von 50% (typisch für Teile der Verkehrswirtschaft). Im ersten Fall steigen die Gesamtkosten nur um 1%, im zweiten dagegen um 5%. Mit steigendem Kostenanteil eines Produktionsfaktors - gemessen an den Gesamtkosten - wird erstens die Faktornachfrage "preisempfindlich". Diese Empfindlichkeit hängt zweitens vor allem davon ab, ob die steigenden Faktorkosten "überwälzt", d. h. dem Produktpreis zugeschlagen und damit an den Käufer weitergegeben werden können. Je leichter das möglich, je unelastischer also die Nachfrage nach dem produzierten Gut ist, um so weniger wird der Produzent auf Preiserhöhungen der Produktionsfaktoren reagieren, weil er die zusätzlichen Kosten auf die Käufer seines Produkts abwälzen kann. Ist es drittens möglich, den teurer gewordenen Faktor durch einen im Preis konstant gebliebenen oder nicht so stark gestiegenen Faktor zu ersetzen, wird ceteris paribus bei der Preiserhöhung eines Faktors die Nachfrage nach ihm "empfindlicher" reagieren, als wenn eine Substitution schwierig oder unmöglich wäre. Je leichter sich ein Faktor ersetzen läßt, um so elastischer ist folglich die Faktornachfrage et vice versa. Deshalb kann eine aggressive Lohnpolitik, die keine Rücksicht auf diesen Zusammenhang nimmt, Arbeitslosigkeit zur Folge haben; sind Arbeitskräfte im Vergleich zum Kapital teurer, verdrängen sie sich selbst vom Markt. II. Faktornachfrage bei vollständiger Konkurrenz Individuelle Nachfrage Die Theorie der Faktornachfrage ist ein wenig diffizil. Das Bindeglied der Analyse von input und output bildet die Produktions- und Kostentheorie. Bei Gültigkeit des Ertragsgesetzes fällt mit zunehmendem Einsatz des variablen Produktionsfaktors pro Zeiteinheit ( ) der Grenzertrag ( ) von der Schwelle des Ertragsgesetzes an. Die Durchschnittserträge sind in ihrem Maximum gleich den fallenden Grenzerträgen. Beim Ertragsgesetz handelt es sich um eine physisch-technische Relation. Ökonomische Größen erhält man durch Einführung von Preisen (Übergang zur Kostentheorie). Bei der Analyse sind zwei Preise zu unterscheiden: der Preis des nachgefragten Produktionsfaktors (Faktorpreis auf dem Beschaffungsmarkt) und der des produzierten Gutes (Produktpreis auf dem Absatzmarkt). Beide Preise stehen in Beziehung zueinander, weil die Nachfrage nach dem Faktor vom Verkaufserlös des Produkts und damit vom Produktpreis abgeleitet wird. Die Höhe der Preise auf den Beschaffungs- und Absatzmärkten hängt vor allem von den jeweiligenMarktformen ab.Wie in der Preisbildungsanalyse bei Konsumgütern muß generell nach Unternehmensund Marktvorgängen unterschieden werden. Welche Menge eines bestimmten Faktors wird ein Unternehmer für seinen Betrieb nachfragen? Es sei zunächst unterstellt, daß ein einzelner Unternehmer nicht glaubt, durch den Verkauf seines Produkts oder durch die Nachfrage nach Produktionsfaktoren einen Einfluß auf die Preise ausüben zu können. Das bedeutet, es wird von vollständiger Konkurrenz auf den Absatz- und Beschaffungsmärkten ausgegangen. Sowohl der Preis des variablen Produktionsfaktors als auch der Preis des Produkts - die Einsatzmenge eines zweiten Faktors bleibt gemäß ν O'ν lν ν p F 196 Zweiter Teil. Mikroökonomie den Annahmen (Ertragsgesetz) konstant - verändern sich nicht mit der Faktornachfrage oder dem Produktangebot. Möchte der Unternehmer seinen Gewinn maximieren, muß er - wie bekannt ist (7. Kap.) - eine Produktmenge (output) anbieten, bei der Grenzkosten ( ) und Grenzerlös ( ) gleich sind: (8.1 a) (Verhaltens-Gleichung). Für den speziellen Fall vollständiger Konkurrenz auf dem Absatzmarkt ist , da die Erlösänderung bei einer Änderung der angebotenen Produktmenge um eine Einheit dem Produktpreis dieser Mengeneinheit entspricht .; Parallele zur Abszisse). Die Gewinnmaximierungsbedingung (8.1 a) erhält dann die Form (8.1 b) (Verhaltens-Gleichung). Die Grenzkosten sind die für die Herstellung einer zusätzlichen Produkteinheit erforderliche Geldsumme. Den für eine zusätzliche Einheit des variablen Produktionsfaktors auszugebenden Betrag bezeichnet man als Grenzausgabe ( ). Grenzkosten und Grenzausgaben unterscheiden sich durch die Bezugsbasis ( bzw. ). Nur wenn eine zusätzliche input-Einheit den output gerade um eine Einheit vergrößert, sind Grenzkosten und Grenzausgaben größengleich. Dann gilt: (8.2 a) , weil (Definitions-Gleichung). Da die Ausgabenänderung bei einer Änderung der nachgefragten Faktormenge um eine Einheit dem Preis der Mengeneinheit entspricht ( ), gilt bei Annahme einer vollständigen Konkurrenz auf dem Beschaffungsmarkt: . Die Definitionsgleichung (8.2 a) erhält dann die spezielle Form (8.2 b) (Definitions-Gleichung). Die allgemeine Gewinnmaximierungsbedingung (8.1 a) läßt sich unter Berücksichtigung von (8.2 a) als simultane Bedingung für Produktangebot (Absatzmarkt) und Faktornachfrage (Beschaffungsmarkt) formulieren: (8.3 a) (Verhaltens-Gleichung). Bei vollständiger Konkurrenz auf den Märkten für den Absatz ( ) und die Beschaffung ( ) erhält man statt (8.3a) wegen (8.1b) und (8.2b) die spezielle Gewinnmaximierungsbedingung (8.3 b) (Verhaltens-Gleichung). K' dK dO⁄= R' dR dO⁄= K' R'= R' p= R' p const.= = K' p= K' A' dA dν⁄= O ν K' A'O'ν -------= dK dO ------- dA dν ------ dO dν -------÷ dAdO -------= = A' lν= A' lν const.= = K' lν O'ν -------= A' O'ν R'⋅= R′ p= K′ lv O′v⁄= lv O′v p⋅= 8. Nachfrage: Einkaufsplan des Unternehmens 197 Für die Ausdrücke auf der linken und rechten Seite von (8.3) gibt es keine einheitlichen Bezeichnungen. Die vorherrschende Terminologie im angelsächsischen Schrifttum ist folgende: In (8.3 a) werden als Grenzausgabe (oder Grenzfaktorkosten), als (physischer) Grenzertrag (oder physische Grenzproduktivität), als Grenzerlös (Nettogrenzwert), das Produkt als Nettogrenzertragswert (marginal revenue product) bezeichnet. In (8.3 b) werden als Faktorpreis (Faktorkosten oder Durchschnittsfaktorkosten) und das Produkt als Grenzertragswert (Durchschnittsnettoprodukt oder Grenzertragsprodukt) bezeichnet. In Übereinstimmung mit den meisten Autoren wird auf jene Termini zurückgegriffen, die vor der Klammer stehen. Die Klammerausdrücke mögen zur Verdeutlichung dienen. Wichtig ist, daß Faktorpreis und Grenzertragswert als Spezialfälle von Grenzausgabe bzw. Nettogrenzertragswert verstanden und physische Erträge mit bewerteten nicht konfundiert werden. Fig. 8-2: Gewinnmaximierung bei vollständiger Konkurrenz auf den Absatz- und Beschaffungsmärkten Den Zusammenhang zwischen Grenzertrag und Grenzertragswert sowie den dazugehörenden Durchschnittskurven bei vollständiger Konkurrenz auf den Absatz- und Beschaffungsmärkten veranschaulicht Fig. 8-2.I., die Bestimmung des Gleichgewichts Fig. 8-2.II. Aus der Multiplikation des Grenzertrags ( ) mit dem konstanten Produktpreis ( ) - für den im folgenden die Bedingung gelten soll - erhält man die Grenzertragswertkurve, aus der Division des Ertrags und Ertragswerts durch die Einsatzmenge des variablen Faktors ( ) die Durchschnittsertrags- bzw. Durchschnittsertragswertkurve (Fig. 8-2.I.). Der Unternehmer maximiert bei vollständiger Konkurrenz auf Absatz- und Beschaffungsmärkten seinen Gewinn (8.3 b), wenn er die Faktornachfrage bis zu jenem Punkt ausdehnt, bei dem der Faktorpreis ( ) demGrenzertragswert ( ) gleich wird ( in Fig. 8-2.II.). Links vom Schnittpunkt der Faktorpreis- und Grenzertragswertkurve würden mögliche Gewinne ( ist positiv) nicht realisiert, rechts von ihm Verluste entstehen A' O'ν R' O'ν R'⋅ lν O'ν p⋅ O'ν p p 1> ν lν0 lE0= O'ν p⋅ E0 O'ν p lν0–⋅ 198 Zweiter Teil. Mikroökonomie (Differenz ist negativ). Ein Zahlenbeispiel soll die Zusammenhänge noch einmal illustrieren (Übers. 8-1). Die gewinnmaximale Faktormenge beträgt 8 Einheiten, weil bei dieser Menge der Grenzertragswert (= Nettogrenzertragswert) und der Faktorpreis (= Grenzausgabe) gleich werden (8.3 b). Bei jeder größeren (kleineren) Faktoreinsatzmenge entstehen Verluste (werden mögliche Gewinne nicht realisiert). Übers. 8-1: Gewinnmaximale Faktornachfrage bei vollständiger Konkurrenz auf Absatz- und Beschaffungsmärkten Zu einem neuen Gleichgewicht, zu einer Gleichgewichtsänderung, und damit zu einer anderen Faktornachfrage kommt man bei Variationen des Grenzertragsverlaufs und (oder) des Produktpreises, also bei Verschiebungen der Grenzertragswertkurve; bei Variationen des Faktorpreises, d. h. bei Verschiebung der Faktorpreisgeraden. Steigt ceteris paribus auf (Fig. 8-2.II.), erhält man die neue Gleichgewichtsmenge . In diesem Fall haben im Gleichgewicht ( ) Grenz- und Durchschnittsertragswertkurven einen Schnittpunkt. Bestand in noch ein Überschuß über den Grenzertragswert, aus dem die fixen Kosten bezogen auf eine Einheit des variablen Faktors zu decken sind - wobei möglicherweise noch ein Rest als Gewinn verbleibt -, ist das in nicht mehr der Fall. Entstehen fixe Kosten, ist ein Verlust unvermeidbar, da der Erlös aus dem Verkauf des Produkts vollständig zur Bezahlung des variablen Faktors verwendet werden muß. Kostentheoretisch gesehen entspricht der Schnittpunkt der Grenz- und Durchschnittsertragswertkurve dem Betriebsminimum (6. Kap.). Marktnachfrage Kurzfristig würde das Unternehmen zum Preis ( ) keine Faktormenge nachfragen, die kleiner als ( ) ist. Langfristig müßten die Gesamteinnahmen auch die fixen Kosten decken, über deren Anteil an den Gesamtkosten Menge des variablen Faktors Grenzertrag Produktpreis = Grenzerlös Grenzertragswert = Nettogrenzertragswert Faktorpreis = Grenzausgabe 4 5 6 7 8 9 10 2,2 2,0 1,8 1,5 1,1 0,6 0 2 2 2 2 2 2 2 4,2 4,0 3,6 3,0 2,2 1,2 0 2,2 2,2 2,2 2,2 2,2 2,2 2,2 O'ν p lν0–⋅ ν( ) O'ν( ) p R'=( ) O( 'ν p⋅ O'ν R' )⋅= lν A'=( ) νE0 = lE0 = lν0 lν1 νE1 E1 E0 E0D E1 lν0 lν1 νE0 νE1 8. Nachfrage: Einkaufsplan des Unternehmens 199 die Ausgaben für den variablen Faktor nichts aussagen. Mithin ist kurzfristig die individuelle Nachfrage nach Produktionsfaktoren bei vollständiger Konkurrenz auf Absatz- und Beschaffungsmärkten durch den Verlauf der Grenzertragswertkurve bestimmt. Diese Überlegung gilt für jedes Unternehmen. Aus der Aggregation der Einzelnachfragekurven erhält man die Marktnachfrage für den variablen Faktor (Fig. 8-3). Die Grenzertragswertkurve ist zwischen dem Maximum der Durchschnittsertragswertkurve (= Betriebsminimum) und dem Schnittpunkt mit der Abszisse die kurzfristige Nachfragekurve der einzelnen Unternehmen ( , , ), die des Marktes erhält man durch horizontale Addition( ). Die Kurve der Marktnachfrage verläuft flacher als die individuellen Nachfragekurven der Unternehmen. Zur Diskontinuität gelten die Ausführungen zu Fig. 6-12.II. analog. Fig. 8-3: Kurzfristige Faktornachfrage der einzelnen Unternehmen und des Marktes Die früher schon erwähnten Probleme einer Aggregation von einzelwirtschaftlichen Nachfragekurven zu einer Marktnachfrage gelten hier in verstärktem Maße. Im Gegensatz zur Produktpreisbildung, bei der es eine große Zahl von Einzelmärkten gibt, unterscheidet man nur wenige, allerdings durch Eigentümlichkeiten gekennzeichnete Faktormärkte. Vor allem derAusschluß von Rückwirkungen durch die ceteris paribus-Klausel und die Bedingungen der vollständigen Konkurrenz müssen im Hinblick auf die Wirklichkeit als erhebliche Einschränkung betrachtet werden. Wenn - wie in zahlreichen Volkswirtschaften - die Einkommen des Faktors Arbeit zwischen 60 bis 80% des Gesamteinkommens ausmachen, wirken sich Änderungen der Löhne über Anpassungen des Arbeitsangebots auf die Konsumgüternachfrage aus, so daß weder die Annahme konstanter Produktpreise noch die eines stabilen Gleichgewichts auf Faktormärkten als realistisch gelten kann. Die Einwendungen verlieren andererseits in demMaße an Berechtigung, wie ein makroökonomischer Faktormarkt wegen der Faktorheterogenität in mikroökonomische Partialmärkte aufgelöst werden muß. III. Faktornachfrage bei Monopol und Monopson Die bisherige Annahme der vollständigen Konkurrenz wird dahingehend variiert, daß ein Unternehmen amAbsatzmarkt ein Monopol haben, bei der Beschaf- U I U II U III U I U III– 200 Zweiter Teil. Mikroökonomie fung des Produktionsfaktors hingegen in vollständiger Konkurrenz stehen soll. Auf dem Absatzmarkt divergieren Grenzerlös und Produktpreis; auf dem Beschaffungsmarkt sind Grenzausgabe und Faktorpreis gleich. Die allgemeine Gleichgewichtsbedingung (8.3 a) lautet dann für ein Monopol (8.4) (Verhaltens-Gleichung). Nunmehr muß zwischen Grenzertragswert und Nettogrenzertragswert genau unterschieden werden. Ein Zahlenbeispiel mag das verdeutlichen (Übers. 8-2). Übers. 8-2: Faktornachfrage des Absatzmarktmonopolisten Die gewinnmaximale Faktormenge beträgt 6 Einheiten, bei der der Nettogrenzertragswert und der Faktorpreis (= Grenzausgabe) gleich werden. Die Kurve des Nettogrenzertragswerts ( ) verläuft, da ist, unterhalb der Grenzertragswertkurve (Fig. 8-4). Fig. 8-4: Gewinnmaximum des Absatzmarktmonopolisten Menge des variablen Faktors Grenzertrag Grenzerlös Nettogrenzertragswert Faktorpreis = Grenzausgabe 4 5 6 7 8 9 10 2,1 2,0 1,8 1,5 1,1 0,6 0 1,62 1,42 1,22 1,02 0,82 0,62 0,42 3,4 2,8 2,2 1,5 0,9 0,4 0 2,2 2,2 2,2 2,2 2,2 2,2 2,2 A' lν O'ν R'⋅= = ν( ) O 'ν( ) R'( ) O 'ν R'⋅( ) lν A'=( ) νE = lν = O'ν R'⋅ p R'> 8. Nachfrage: Einkaufsplan des Unternehmens 201 Im Punkt befindet sich der Monopolist im Gleichgewicht; die dazugehörige Menge des variablen Faktors beträgt . Das an den Faktor gezahlte Entgelt ist gleich dem Produkt aus Faktorpreis ( ) und -menge ( ). Der Monopolist zahlt weniger als den Grenzertragswert, um den der Produktionswert derWirtschaft aufgrund des Faktoreinsatzes wächst. Das Rechteck stellt den zu Lasten des variabel eingesetzten Faktors gemachten Monopolgewinn dar [ ]. Es wird deswegen gelegentlich als "monopolistische Ausbeutung" interpretiert. Aus dem verbleibenden Rechteck sind die fixen Kosten zu decken. Die Annahmen des letzten Abschnitts sollen umgekehrt werden. Das Unternehmen sei ein Beschaffungsmarktmonopson, d. h. einziger Faktornachfrager; auf dem Absatzmarkt befinde es sich in vollständiger Konkurrenz - ein Fall, dem in der Realität wohl keine große Bedeutung zukommt. Wenn auf einem Markt nur ein einziger Nachfrager vorhanden ist, wird er größere Nachfragemengen nur zu höheren Preisen beschaffen können. Die Grenzausgabe liegt dann über dem jeweiligen Faktorpreis. Weil auf demMarkt nur ein Preis bestehen kann, müssen neben der zusätzlichen Einheit auch alle vorhergehenden höher bezahlt werden. Die allgemeine Gleichgewichtsbedingung (8.3 a) lautet dann für ein Monopson (8.5) (Verhaltens-Gleichung). Auch hier sei der Zusammenhang an einem einfachen Zahlenbeispiel erläutert (Übers. 8-3). Die gewinnmaximale Faktormenge beträgt 8 Einheiten, bei der Grenzertragswert (= Nettogrenzertragswert) und Grenzausgabe gleich werden. Die Grenzausgabe ist größer als der Faktorpreis (Fig. 8-5). Im Punkt ist die Gleichgewichtsbedingung erfüllt; die dazugehörige Menge beträgt , die Grenzausgabe . Das an den variablen Faktor gezahlte Entgelt ist gleich dem Produkt aus Faktorpreis ( ) und -menge ( ), also das Rechteck . Der Übers. 8-3: Faktornachfrage des Beschaffungsmarktmonopsonisten Menge des variablen Faktors Grenzertrag Produktpreis = Grenzerlös Grenzertragswert = Nettogrenzertragswer t Grenzausgabe 4 5 6 7 8 9 10 2,1 2,0 1,8 1,5 1,1 0,6 0 1,62 1,42 1,22 1,02 0,82 0,62 0,42 3,4 2,8 2,2 1,5 0,9 0,4 0 2,2 2,2 2,2 2,2 2,2 2,2 2,2 E νE lE νE AEGH GMLV O'ν p⋅ lE–( ) νE⋅= HGDF A' O'ν R'⋅ O'ν p⋅= = E νE A'E lE νE 0νECB ν( ) O 'ν( ) p R'=( ) Oν' p'⋅( O'ν R' )⋅= A'( ) νE = A'E = 202 Zweiter Teil. Mikroökonomie Unternehmer zahlt damit für eine Faktoreinheit weniger ( ) als er anteilig beim Verkauf des Produkts erlöst ( ). Bezogen auf die gesamte Menge des variablen Faktors macht er einen Monopsongewinn , was auch als "monopsonistische Ausbeutung" bezeichnet wird. Da die "Ausbeutung" von Produktionsfaktoren, v. a. von Arbeitsleistungen, ein auch theoretisch oft diskutierter Punkt ist, soll darauf später noch eingegangen werden (10. Kap.). Aus dem Rechteck sind wiederum die fixen Kosten zu decken. Fig. 8-5: Gewinnmaximum des Beschaffungsmarktmonopsonisten Beide vorhergehende Darstellungen werden miteinander verbunden, wenn man annimmt, ein Unternehmen habe ein Absatzmarktmonopol und ein Beschaffungsmarktmonopson inne. Es gilt dann die allgemeine Bedingung (8.3 a), weil sowohl Grenzertragswert undNettogrenzertragswert als auch Faktorpreis und Grenzausgabe verschieden sind (Übers. 8-4). lE O'ν p⋅ O'ν R'⋅= ABCE G[ MNV O'ν p⋅ lE–( ) νE ]⋅= AEDF 8. Nachfrage: Einkaufsplan des Unternehmens 203 Übers. 8-4: Faktornachfrage des Absatzmarktmonopolisten und Beschaffungsmarktmonopsonisten Die gewinnmaximale Faktormenge, bei der Nettogrenzertragswert und Grenzausgabe gleich werden, beträgt 6 Einheiten. Die graphische Darstellung (Fig. 8- 6) ist eine Kombination aus den beiden vorhergehenden Figuren. Fig. 8-6: Gewinnmaximumdes Absatzmarktmonopolisten und Beschaffungsmonopsonisten In Punkt - Schnittpunkt der Nettogrenzertragswert- undGrenzausgabenkurve - ist dieGleichgewichtsbedingung für einMonopol und einMonopson erfüllt; die dazugehörige Faktormenge beträgt , die Grenzausgabe . Das an den Faktor gezahlte Entgelt ist gleich dem Produkt aus Faktorpreis und -menge (Rechteck ). Der Unternehmer erhält aus dem Verkauf des produzierten Gutes das Produkt aus Durchschnittsertragswert und Faktormenge (Recht- Menge des variablen Faktors Grenzertrag Produktpreis = Grenzerlös Grenzertragswert = Nettogrenzertragswert Grenzausgabe 4 5 6 7 8 9 10 2,1 2,0 1,8 1,5 1,1 0,6 0 1,62 1,42 1,22 1,02 0,82 0,62 0,42 3,4 2,8 2,2 1,5 0,9 0,4 0 2,2 2,2 2,2 2,2 2,2 2,2 2,2 ν( ) O 'ν( ) R'( ) O'ν R'⋅( ) A'( ) νE = A'E = E νE A'E 0νECB 204 Zweiter Teil. Mikroökonomie eck ). Der "Ausbeutungsbetrag" ist ; er geht auf die Monopol- ( ) und Monopsonstellung ( ) zurück. Der Betrag des Rechtecks dient zur Deckung der fixen Kosten. Die in diesem Kapitel diskutierten Gleichgewichtsbedingungen seien in einer Übersicht zusammengefaßt (Übers. 8-5). Übers. 8-5: Übersicht der Gleichgewichtsbedingungen Marktstellung Beschaffungsmarkt (Faktornachfrage) Absatzmarkt (Produktangebot) Gleichung Beschaffungsmarkt Absatzmarkt Faktorpreis Grenzausgabe Nettogrenzertragswert Grenzertragswert Allgemeine Bedingung (8.3 a) Vollständige Konkurrenz Vollständige Konkurrenz Spezielle Bedingungen (8.3 b) Vollständige Konkurrenz Monopol (8.4) Monopson Vollständige Konkurrenz (8.5) Monopson Monopol (8.3 a) 0νEDF BCGH AEGH BCEA HGDF lν < A' = O'ν R'⋅ O'ν p⋅< lν = A' = O'ν R'⋅ O'ν p⋅= lν = A' = O'ν R'⋅ O'ν p⋅< lν < A' = O'ν R'⋅ O'ν p⋅= lν < A' = O'ν R'⋅ O'ν p⋅< 9. Kapitel: Angebot: Verkaufsplan des Haushalts I. Arbeitsangebot Partielles Angebot Partielles und totales Angebot - Lohnstruktur - Arbeits- und Freizeit - Lohnsatzänderungen - Angebotskurve des Marktes Totales Angebot Bevölkerungswachstum - Lohnhöhe und Erwerbstätige - Arbeitsqualität durch Ausbildung K 9 - 1: Studium zum "Nulltarif"? Lohnstruktur Lohndifferenzen - Monetäre und nichtmonetäre Einflußfaktoren - Mobilität und Lohnänderungen - Mobilität und Arbeitsorganisation II. Kapitalangebot Individuelles Angebot Sparen und Investieren - Angebotsanalyse des Geldkapitals - Analyse der individuellen Sparmenge - Haushaltsgleichgewicht - Zinsänderungen Totales Angebot Spar-Zins-Funktion - Spar-Einkommens-Funktion Sparstruktur Bestimmungsgründe - Kriterien I. Arbeitsangebot Partielles Angebot Die Angebotsmenge an Arbeitsleistungen in einer Volkswirtschaft hängt von der Zahl der Erwerbstätigen und der Arbeitszeit ab, die Zahl der Erwerbstätigen wiederum von der Bevölkerungsentwicklung und der Erwerbsdauer (Spanne zwischen Berufsbeginn und -austritt). Unter den Erwerbstätigen bilden die Arbeiter (oder Arbeitnehmer), auf die sich die folgenden Überlegungen beschränken, die größte Gruppe (in der Bundesrepublik Deutschland über 80 v. H.). Als Arbeiter wird in der Theorie jeder unselbständige Anbieter von Arbeitsleistungen bezeichnet, unabhängig von seiner arbeitsrechtlichen Stellung (Arbeiter, Angestellter oder Beamter). Ein Eckpfeiler der klassischen Theorie war die im folgenden dargestellte Erklärung der Arbeiterzahl aus der Lohnentwicklung. Die Kritik an dieser Hypothese hat zu einer Ausklammerung der Bevölkerungslehre aus der Volkswirtschaftslehre geführt. Die meisten der heutigen Autoren gehen von einem gegebenen Bevölkerungsstand aus und untersuchen zwei Fragen: Wieviel Arbeitszeit wird angeboten? Welche Art von Arbeit wird offeriert? Bei der ersten Frage beschränkt man sich meist auf die kurzfristige Analyse der Aufteilung von Arbeits- und Freizeit. Man nimmt an, die Entscheidung darüber werde vom einzelnen Haushalt als Anbieter von Arbeitsleistungen getroffen - gewiß eine ganz erhebliche Vereinfachung der in der Realität herrschenden Verhältnisse. Der Haushalt bietet Arbeit an, um Einkommen zu erzielen. Somit ist der Verkauf von Arbeitsleistungen ein wesentlicher Teil des Einkommensplanes. Eine Zusammenfassung der Haushaltsangebote erscheint nur sinnvoll, soweit es sich um homogene Arbeitsleistungen (Arbeitsarten) handelt. Das individuelle Angebot und das für eine Arbeitsart (homogenes Angebot = Marktangebot) werden als partielles Angebot bezeichnet. Dagegen stand im Mittelpunkt der klassischen Erklärungsversuche das totale, alle Arbeitsarten umfassendeAngebot einer Volkswirtschaft. Da die klassische Problematik einer "Überbevölkerung" in vielen Entwicklungsländern neue Aktualität erhalten hat, verstärkt sichwieder das wirtschaftswissenschaftliche Interesse an der Bevölkerungsentwicklung. Einige Aspekte des totalen Angebots werden nach der Analyse des kurzfristigen Partialangebots erörtert. Die zweite Frage nach demArbeitsartenangebot wirft folgendes Problem auf: Hat sich ein Anbieter von Arbeitsleistungen für eine bestimmte Tätigkeit an einem Arbeitsplatz entschieden, ist er für eine gewisse Zeit an diese Entscheidung gebunden. Unter kurzfristigem Aspekt sind Arbeitsart und -ort ein Datum. Doch bestimmte Umstände können den Anbieter veranlassen, eine andere Wahl zu treffen. Es geht dabei offensichtlich um Fragen der Verteilung, der Allokation von Arbeitskräften auf verschiedene Tätigkeiten. Dieses Problem ist wie das des totalen Angebots - mittel- und langfristiger Natur, was mit dem Begriff Lohnstruktur (auch Arbeitsangebotsstruktur) zum Ausdruck gebracht werden soll. Für die kurzfristige Analyse des individuellen Angebots sei angenommen, daß für den Anbieter die Bedingungen der vollständigen Konkurrenz gelten. Der Marktpreis für Arbeit, der Lohn (auch Lohnsatz), ist dann für ihn ein Da- 208 Zweiter Teil. Mikroökonomie tum. Zweitens wird unterstellt, der einzelne könne die Arbeitsdauer frei wählen. Obwohl beide Annahmen häufig nicht erfüllt sind, vermitteln sie - wie sich zeigen wird - einige elementare Einsichten. Später werden die Annahmen aufgegeben. DerHaushalt als Anbieter von Arbeitsleistungen kann eine fest vorgegebene Gesamtzeit in Arbeits- und Freizeit aufteilen. Arbeit und Muße sind konkurrierende, substitutive "Güter". Man kann mit einer zusätzlichen Stunde Arbeit sein Einkommen vielleicht um 15 Euro erhöhen oder statt dessen an einer Demonstration teilnehmen. Die opportunity cost für eine Stunde Demonstration wären 15 Euro. Analytisch gesehen handelt es sich bei der Alternative "Arbeit - Freizeit" um eine ökonomische Entscheidung darüber, ob ein Anbieter sein monetäres Einkommen erhöhen will oder nicht. Freizeit bedeutet Verzicht aufMarkteinkommen. Der Einsatz vonArbeitskraft führt - wie bei anderen Produktionsfaktoren - zu Leistungen, bei denen Fremd- und Eigenverwendung in Konkurrenz stehen. Physisch und psychisch kann die Beschäftigung während der Freizeit anstrengender als Arbeit sein, worauf die Erfahrungstatsache, daß die Berufstätigen montags oft ziemlich erschöpft und ihre Leistungen entsprechend gering sind, hindeutet. Die Beziehungen zwischen substitutiven Gütern können mit der bekannten Indifferenzkurven-Technik leicht veranschaulicht werden. Nimmt man an, pro Tag würden 12 Stunden für Schlafen, Essen und dergleichen benötigt, stellen die verbleibenden 12 Stunden mögliche Arbeitszeit dar. Bei einem Lohnsatz ( = wage) von beispielsweise 15 Euro pro Stunde, der sich unter der Annahme vollständiger Konkurrenz durch unterschiedliche Angebotsmengen eines einzelnen Anbieters nicht ändern soll, bestehen folgende Zusammenhänge (Fig. 9-1): Fig. 9-1: Individuelles Einkommens-Freizeit-Gleichgewicht Bei einer Arbeitszeit oder -menge ( ) von 12 Stunden beläuft sich das arbeitstägliche individuelle Einkommen ( ) auf 180 Euro.Würde der Lohnsatz 10 w w ν h= y 9. Angebot: Verkaufsplan des Haushalts 209 (20) Euro pro Stunde betragen, wäre das Einkommen 120 (240) Euro. Ohne Berücksichtigung der Zeitindizes läßt sich schreiben (9.1) (Definitions-Gleichung), wobei das Steigungsmaß der Geraden aus dem Nullpunkt ist. (9.1) ist die Gleichung der Lohneinkommens-Linie ( ) des Haushalts. Das Haushaltseinkommen stammt dann ausschließlich aus Arbeit. Wenn der Haushalt zwischen Arbeits- und Freizeit wählen kann, wird es eine Reihe von Einkommens- Freizeit-Kombination geben, die ihm gleiche Befriedigung verschaffen. Diese indifferenten Kombinationen sind durch die Kurve dargestellt. Ihre Steigung ist gleich der Grenzrate der Substitution von Einkommen und Freizeit. Ein Anbieter wird sich für jene Kombination entscheiden, die er bei einer gegebenen Einkommensgeraden gerade noch erreichen kann. Der Punkt , in dem die Gerade zur Tangente an wird, ist der günstigste. Bei gegebenem Lohn und gegebener Präferenzstruktur ist die erwünschte Arbeitszeit optimal. Es existiert ein Gleichgewicht, das bei einem gegebenen Lohn vom Haushalt als Arbeitskraftanbieter kurzfristig nicht verlassen wird. Es wird nun gefragt, wie der Anbieter unter der Annahme, daß sich seine Vorstellungen über die gewünschten Verhältnisse von Einkommen und Freizeit nicht ändern, auf eine Lohnsatzänderung reagiert. Die Lohnsatzänderung führt zur Drehung der Einkommensgeraden im Nullpunkt (Fig. 9-2). Fig. 9-2: Individuelles Arbeitsangebot bei Lohnsatzänderung y w ν⋅= w LEL I E y 15 ν⋅= I νE 210 Zweiter Teil. Mikroökonomie Die Verbindungslinie der Gleichgewichtspunkte bezeichnet man als Lohn-Angebotskurve ( ). Wird der Lohnsatz auf der Ordinate abgetragen, läßt sich die angebotene Arbeitszeit als Funktion des Lohnes direkt ableiten; man erhält die Kurve des kurzfristigen Arbeitsangebots (untere Figur). Ob das hier angenommene Verhalten als typisch für individuelle Anbieter anzusehen ist, läßt sich theoretisch kaum sagen. Manches spricht für eine anomale Reaktion bei niedrigen Lohnsätzen. Trotz steigender Lohnsätze würde die Angebotsmenge kleiner werden, weil der Anbieter bei niedrigen Löhnen unter Umständen bis an die Grenze seiner körperlichen Leistungsfähigkeit arbeiten muß, um elementare Bedürfnisse befriedigen zu können. In diesem Fall stehen Eigen- und Fremdverwendung von Arbeitskraft in scharfer Konkurrenz. Eine Wirkung steigender Löhne kann die Verkürzung der Arbeitszeit sein. Ein Teil des steigenden Lohnsatzes dient zur Erhöhung des Einkommens (Einkommenseffekt), ein anderer Teil zur Reduzierung der Arbeitszeit (Substitutionseffekt). Diese Wirkungen sind aus der Haushaltsanalyse bekannt. Unsicherheit herrscht über die Punkte der Lohn-Angebotskurve, an denen diese eine positive Steigung annimmt. Bei höheren Löhnen kann das Angebot steigen und bei sehr hohen Löhnen vielleicht wieder fallen. Doch lassen sich auch andere plausible Verhaltenshypothesen finden; nur empirische Beobachtungen können weiterhelfen. Für die Konstruktion der Angebotskurve des Marktes ist folgendes zu beachten: Aggregiert werden nur individuelle Kurven gleicher (homogener) Arbeitsqualität (Arbeitsart), weil es keinen Sinn hätte, z. B. das Arbeitsangebot eines Fernlastfahrers und das eines Bäckers zusammenzufassen. Aber selbst bei Beachtung dieser Regel ist angesichts des unbestimmten Verlaufs individueller Lohn-Angebotskurven das Aggregationsergebnis offen. Auf einem Arbeitsmarkt kann im gesamten empirisch relevanten Bereich eine normale Reaktion auftreten, auch wenn individuelle Angebote in bestimmten Grenzen anomal verlaufen sollten (Fig. 9-3). Fig. 9-3: Aggregation des kurzfristigen individuellen Arbeitsangebots Langfristige Änderungen des Arbeitsangebots (Arbeitsplatzwechsel) wurden in der Analyse ausgeschlossen. Bedenkt man, daß es stets - auch bei Vollbeschäftigung - Arbeitskraftreserven gibt (Frauen, Schüler und Studenten, Pensionäre, Gastarbeiter), die kurzfristig als Anbieter auftreten können, erscheint die Hypothese plausibel, nach der das kurzfristige Marktangebot einen ande- LAK w y ν⁄= s 9. Angebot: Verkaufsplan des Haushalts 211 ren Verlauf als das individuelle Angebot zeigt. Allerdings sind anomale Marktangebote nicht auszuschließen. Totales Angebot Es ist schon immer - früher stärker als heute - die Frage nach den Bestimmungsgründen des gesamtwirtschaftlichen Bevölkerungswachstums untersucht worden. Das Bevölkerungswachstum einer Zeitperiode ist definiert durch den Überschuß der Geburten- über die Sterberate und die Differenz zwischen den Raten der Ein- und Auswanderung. Im Vordergrund stand traditionell die Überlegung, ob ein hoher (niedriger) Lohn dasBevölkerungswachstum anrege (dämpfe). THOMAS ROBERT MALTHUS (1766-1834) argumentierte, der Bevölkerungsanstieg habe eine so starke Erhöhung der Nachfrage nach Konsumgütern über das nicht nennenswert ausdehnbare Angebot zur Folge, daß durch die daraus erwachsenden Preissteigerungen die Reallöhne auf das Existenzminimum und zeitweilig sogar darunter zurückgingen. Es gebe nur einen begrenzten Vorrat an Gütern, der auf eine ständig steigende Zahl von Menschen aufgeteilt werden müsse. Die "Natur befehle" den zuviel Geborenen, "sich wieder zu entfernen", und zögere nicht, ihren Befehlen durch eine hohe Sterberate Nachdruck zu verleihen. In der striktesten Form läuft die Hypothese von MALTHUS auf eine Kostentheorie hinaus, in der die "Ausbringung" zu einem konstanten Reallohnsatz erfolgt, bei dem gerade noch die Aufrechterhaltung der physischen Existenz der Arbeiter und ihrer Familien möglich ist. Diese Hypothese wurde später durch FERDINAND LASSALLE (1825-1864) als "Ehernes Lohngesetz" popularisiert. Die Ansichten von Malthus stießen von Anfang an auf lebhaften Widerspruch. Es ist bemerkenswert, daß ein so einflußreicher Nationalökonom wieMARSHALL sie insoweit unterstützte, als nach seiner Ansicht steigende Löhne zwar keine eindeutigeWirkung auf die Geburtenrate hätten, jedoch die Sterberate verringerten und von einemAnstieg des Arbeitsangebots begleitet seien. Die Kritiker vonMALTHUS undMARSHALL stützten sich weit weniger auf empirisches Material als diese beiden Autoren und verließen sich allzusehr auf die Plausibilität ihrer Einwände. Diese Tatsache ist ein lehrreiches Beispiel dafür, daß bestimmte Probleme nicht durch Spekulation, sondern nur empirisch-wissenschaftlich zu lösen sind. Enger als die eben erörterte Beziehung dürfte die zwischen Lohnhöhe und Erwerbstätigen sein. Unter letzterer versteht man den im Arbeitsleben stehenden Bevölkerungsteil, der die Selbständigen einschließt. Schon kurzfristig werden Arbeitskräfte auf Lohnänderungen reagieren. In sehr langer Sicht scheint vor allem eine Korrelation zwischen Lohnhöhe und Erwerbsdauer (Zeit zwischen Eintritt in den und Ausscheiden aus dem Erwerb) zu bestehen. Mit den bisher ständig angestiegenen Löhnen hat sich im Durchschnitt nicht nur die kurzfristige Arbeitszeit, sondern auch die Erwerbsdauer verringert, weil das Eintrittsalter gestiegen und das Austrittsalter gesunken ist. Diese Entwicklung tritt in hochindustrialisierten Ländern besonders deutlich zutage. Da in zahlreichen Ländern die Bevölkerung steigt, Arbeitszeiten und Erwerbsdauer jedoch sinken, ist das Gesamtergebnis, die Entwicklung des mengenmäßigen Arbeitsangebots einer Volkswirtschaft, grundsätzlich offen. Es gibt Ländermit steigen- 212 Zweiter Teil. Mikroökonomie dem und solche mit fallendem Arbeitsmengenangebot. In der Bundesrepublik Deutschland ist in den frühen fünfziger Jahren durch einen positiven Wanderungssaldo (Flüchtlingsstrom) und den Übergang zur Vollbeschäftigung das Angebot sprunghaft gestiegen. In den letzten Jahren sind gegenläufige Tendenzen erkennbar geworden; das Mengenangebot beginnt trotz des Zugangs an ausländischen Arbeitskräften zu fallen, zunächst fürMänner, später vermutlich auch für Frauen. Seit einigen Jahren beschäftigt man sich zunehmend mit der Arbeitsqualität. Hier geht es ebenfalls um sehr langfristige Probleme. Der Arbeitsqualität wird deswegen einewachsende Bedeutung zugemessen, weil in einigen Ländern das gesamte Arbeitsangebot mengenmäßig fällt und die technische Entwicklung in verschiedenen Tätigkeitsbereichen zu wachsenden Anforderungen an die Arbeiter führt. Ausgangspunkt der Analyse ist die Hypothese, daß sich durch bessere Ausbildung die Arbeitsqualität steigern lasse. Die privaten und sozialen Kosten der Ausbildung werden als Investitionen in den Menschen (human investment) bezeichnet, weil für ihre ökonomischen Aspekte weithin nichts anderes gilt als für Kapitalinvestitionen. Bei Sachgütern gibt es Investitionen, die einen quantifizierbaren Ertrag abwerfen (z. B. Bau einer Produktionsanlage) und solche, bei denen keine direkten Erträge in monetärer oder sonstwie meßbarer Form anfallen (z. B. Bau einer Grünanlage). Diese Unterscheidung kann auch bei Bildungsinvestitionen getroffen werden. Ein erster Problemkomplex hat seine Ursache darin, daß bei ein und derselben Bildungsinvestition meßbare und unmeßbare Erträge typischerweise zugleich anfallen, wobei der meßbare Teil dem Individuum in Form höherer Einkommen zugute kommt, der unmeßbare als gesamtwirtschaftlicher Vorteil in Erscheinung tritt (K 9 - 1). Eine zweite Frage ist, wie lange es dauert, bis von human investments ökonomische Wirkungen ausgehen (Ausreifungszeit). Erste Untersuchungen lassen erkennen, daß die Ausreifungszeit wahrscheinlich ziemlich lang ist. Obwohl größere Klarheit erst von weiteren empirischen Arbeiten erwartet werden kann, dürfte im Hinblick auf die Länge der Ausreifungszeit und die Verteilungswirkungen eine gewisse Skepsis gegenüber Ansichten am Platze sein, nach denen von Bildungsinvestitionen eine schnelle Lösung zahlreicher Probleme - wie die Kompensation der zurückgehenden Arbeitsmenge durch Verbesserung der Arbeitsqualität - zu erwarten ist. Andererseits gibt es gerade bei Bildungsinvestitionen eine Reihe gesellschaftspolitischer Aspekte, die für den Entscheidungsträger stärkeres Gewicht besitzen können als die ökonomischen Wirkungen. K 9-1 Studium zum "Nulltarif" In den letzten Jahrzehnten hat sich das wirtschaftswissenschaftliche Interesse an bildungsökonomischen Problemen, die schon die Klassiker ADAM SMITH (1723-1790) und JOHN STUART MILL (1806-1873) beschäftigt haben, neu belebt. Die bildungsökonomische Renaissance geht vor allem auf zwei Volkswirte zurück, dem Amerikaner THEODORE WILHAIN SCHULTZ (1902- 1998), der dafür im Jahr 1979 den Nobelpreis erhielt, und dem Engländer 9. Angebot: Verkaufsplan des Haushalts 213 Lohnstruktur DieWahl zwischen verschiedenen Beschäftigungsmöglichkeiten stellt ein langfristiges Problem für den Anbieter von Arbeitsleistungen dar. Die Problematik ähnelt der, die ein Unternehmen mit der Wahl der Betriebsgröße zu lösen hat. Zentrales Thema der Lohnstrukturanalyse ist die Frage, warum sich in der Wirklichkeit Lohndifferenzen erhalten. Um diese Fragestellung zu erhellen, soll - imWiderspruch zur Realität - angenommenwerden, daß für alle Arbeiten in einer Volkswirtschaft ein einziger Lohnsatz existiert. Das kann man sich nur EDWIN G.WEST (1922-2001). Nach ihrer Betrachtungsweise sind Studenten Unternehmer, die gegenwärtig in ihre Person Humankapital investieren, um daraus künftig Erträge zu erzielen. Eine vieldiskutierte Frage ist: Sollen Studierende bei der Investitionsfinanzierung anders behandelt werden wie es insbesondere in Deutschland üblich ist - als Unternehmer, die in Sachkapital investieren? Zunächst scheint es angebracht, Art und Ausmaß der studentischen Investitionskosten zu präzisieren. Bei einem Hochschulstudium fallen drei Arten von Kosten an: die Kosten der Hochschule für das Studienangebot, die Lebenshaltungskosten der Studierenden und die wegen des Studiums entgangenen Einkommen (opportunity cost). Bei der Diskussion um Studiengebühren stehen die Hochschulkosten imVordergrund, auchwenn die übrigen Kosten zwangsläufig zugleich auftreten und höher sind. Die Hochschulkosten differieren zwischen den einzelnen Studiengängen ganz erheblich. Die Spannweite reicht gegenwärtig in der Bundesrepublik Deutschland von 10 000 Euro in den Rechts- und Wirtschaftswissenschaften bis 25 000 Euro in der Medizin, jeweils pro Studienjahr. Die Lebenshaltungskosten sind mit jährlich 8 000 Euro zu veranschlagen. Für Studiengebühren spricht, daß akademisch Ausgebildete - trotz der enormen Investitionskosten und der kürzeren Berufsdauer - ein höheres Lebenseinkommen erzielen als Nichtakademiker. Dem Einwand, höhere Einkommen bedeuten auch höhere Steuern, ist entgegenzuhalten, daß nach empirischen Untersuchungen Akademiker die Hochschulkosten nur zu einem kleinen Teil über hochschulbezogene Abgaben zurückzahlen. Die Akademiker werden von den Beziehern niedriger Einkommen "subventioniert". Auch der Hinweis auf positive externe Effekte dürfte kein durchgreifendes Gegenargument sein, weil die Existenz solcher Effekte als Folge einer Hochschulausbildung wissenschaftlich umstritten ist und allenfalls eine Teilrechtfertigung für einen "Nulltarif" bietet. Bedenklich sind Studiengebühren aus ganz anderen Gründen: Erstens werden dadurch auch Begabte, an deren wissenschaftlicher Ausbildung ein allgemeines Interesse besteht, von einem Studium abgehalten. Zweitens belasten Studiengebühren vor allem Familien mit Kindern im studierfähigen Alter zusätzlich. Diese Wirkungen lassen sich nur vermeiden oder begrenzen, wenn es ein entwickeltes Stipendienwesen, ein Angebot an zinsgünstigen Ausbildungsdarlehen und eine familiengerechte Sozialpolitik gibt. Daß die dabei auftretenden praktischen Probleme sozialverträglich lösbar sind, zeigt ein Blick in Länder, die auch an staatlichen Hochschulen - seit eh und je Studiengebühren kennen. 214 Zweiter Teil. Mikroökonomie vorstellen, wenn eine Serie von Bedingungen gegeben ist, von denen die wichtigsten genannt seien: alle Beschäftigungen, Branchen und Arbeitgeber haben für den Arbeiter gleiche Attraktivität, die Arbeitskräfte sind unbegrenzt räumlich beweglich (vollständige Mobilität), die individuellen Kosten der Mobilität sind Null, die Arbeitsleistungen sind homogen, auf dem Arbeitsmarkt besteht vollständige Konkurrenz und alle zum bestehenden Lohnsatz Arbeitswilligen finden Arbeit (Vollbeschäftigung). Es läßt sich zeigen: Immer dann, wenn auch nur eine dieser Bedingungen nicht gegeben ist, können langfristig Lohndifferenzen auftreten. Da in der Realität niemals alle Bedingungen zugleich vorliegen, sind Lohndifferenzen ein ständig konstatierbares Faktum. Die tatsächlichen Lohndifferenzen schließen Tendenzen, die auf eine Lohnnivellierung hinwirken, nicht aus.Wovonwird die Stärke solcher Tendenzen bestimmt? Zur Beantwortung der Frage scheint es zweckmäßig, auf einige Bedingungen des einheitlichen Lohnsatzes einzugehen. Die Attraktivität der zur Wahl stehenden Beschäftigungen hängt von monetären und nichtmonetären Einflußfaktoren ab. Die monetäre Größe, der Lohn, ist nur ein Kriterium für die Entscheidung, ob eine bestimmte Tätigkeit aufgenommen, fortgesetzt oder aufgegeben wird. Für langfristige Erwägungen kann das auf Dauer erzielbare oder das sogenannte Lebenszeit-Einkommen wichtiger sein als das kurzfristig erzielbare. Ein Beamter wird vielleicht die Sicherheit des Einkommens und der Versorgung im Alter (Pension) so hoch einschätzen, daß er ein Angebot in der Privatwirtschaft mit besseren Bezügen ausschlägt. Andererseits kann eine stimmbegabte Sekretärin, die ihr Glück als Schlagersängerin versucht, im Showgeschäft erheblich mehr verdienen als der Präsident der Bundesbank; nurweiß sie, daß hundert andere nicht weniger begabte Schlagersängerinnen kaum ein Engagement finden oder sich in ihrer Branche nur wenige Jahre behaupten können. Das zweite Entscheidungskriterium sind nichtmonetäre Vor- und Nachteile. Auf diesen Punkt hat schon ADAM SMITH aufmerksam gemacht. Wenig angesehene, gefährliche, schmutzige oder besonders lästige Tätigkeiten (wie Nacht- oder Untertagearbeit) muß ein Unternehmer höher bezahlen, um überhaupt jemanden zu finden. Umgekehrt sind viele bereit, zu einem geringen oder gar ohne Entgelt Arbeiten auszuführen, die als ehrenvoll oder angenehm gelten. Hochschullehrer arbeiten oft für einen Teil des Lohnes, den sie bei anderer Tätigkeit verdienen könnten, nur weil die Unabhängigkeit und Ungestörtheit der wissenschaftlichen Arbeit die Nachteile eines geringeren Einkommens aufwiegen. Gehen solche nichtmonetären Vorteile auch nur teilweise verloren, muß langfristig entweder ein höheres Entgelt gezahlt oder Abwanderung und Arbeitsqualitätsverschlechterung in Kauf genommen werden. Nichtmonetäre Vor- und Nachteile sind oft eine bessere Richtgröße für die langfristige Entscheidung als der Lohn. Die Zusammenfassungmonetärer und nichtmonetärer Einflußfaktoren bezeichnet man als Nettovorteil (oder -ertrag). Die übliche Hypothese für das langfristige Angebot von 9. Angebot: Verkaufsplan des Haushalts 215 Arbeit lautet: Der Anbieter von Arbeitsleistungen strebt einMaximum des Nettovorteils an. Nach ihr brauchen steigende Löhne in anderen Bereichen nicht zu einem Arbeitsplatzwechsel zu führen, wenn sie dort bestehende nichtmonetäre Nachteile ausgleichen. Die nichtmonetären Vor- undNachteile sind ein wichtiger Grund für die Beobachtung, daß Mobilität und Lohnänderungen nur wenig oder gar nicht korrelieren. Aus dieser Beobachtung den Schluß zu ziehen, der Wettbewerb funktioniere auf Faktormärkten nicht, ist unzulässig. Man unterscheidet meist nach räumlicher und beruflicher Mobilität. Da die Mobilität ein wichtiges Kriterium für die Anpassungsfähigkeit der Wirtschaft an Veränderungen ist, welche von der Angebots- und Nachfrageseite eines Marktes ausgehen, kommt ihrer Analyse große praktische Bedeutung zu. Diese Feststellung gilt für alle Produktionsfaktoren, für die Arbeitskraft jedoch in besonderer Weise. Für den Faktor Boden, der räumlich festliegt, mag dies überraschen. Bei wirtschaftlicher Betrachtungsweise kommt es jedoch allein auf mögliche alternative Verwendungen an. Boden kann trotz seiner geographischen Unbeweglichkeit ökonomisch beweglicher sein als Kapital (Produktionsanlagen) oder Arbeit. Ein bestimmtes Grundstück, das erst landwirtschaftlich genutzt und dann mit einem Kino bebaut wurde, nach dessen Konkurs ein Discounter einzog, ist mobil im Vergleich zu Bergarbeitern, die den Bergbau nicht verlassenwollen.Weil im Produktionsprozeß alle drei Faktoren benötigt werden, wird die Anpassungsfähigkeit der Produktion von jenem Faktor determiniert, der am wenigsten ökonomisch beweglich ist. Für die Mobilität des Arbeitsangebots gibt es eine Reihe von Hypothesen: Die Mobilität am Arbeitsort ist größer als zwischen verschiedenen Orten. Da es dabei vor allem auf die Entfernungen ankommt, läßt sich sagen, daß die Mobilität mit wachsenden Entfernungen abnimmt. Die nationale Mobilität ist größer als die internationale. Letztere ist um so kleiner, je größer ein Land ist. Die Mobilität in einem Sprachraum ist größer als zwischen verschiedenen Sprachräumen. Die Mobilität zwischen eng verwandten Berufen ist größer als die zwischen grundverschiedenen. In diesen Hypothesen kommt eine langfristige Verhaltensweise der Arbeiter zumAusdruck, die nicht nur von subjektiv bedingten nichtmonetären Vor- und Nachteilen und dem Lohn (Nettovorteilshypothese) bestimmt wird, sondern auch von Unterschieden in der menschlichen Begabung und dem Fleiß, in der Bereitschaft, Ort oder Beruf zu wechseln, und von den Kosten der Mobilität. Lohndifferenzen können dann durch die Nettovorteilshypothese nicht hinreichend erklärt werden. Ein solcher Versuch würde mitunter zu absurden Ergebnissen führen. Die Arbeit eines hervorragenden Chirurgen, der vielleicht hundertmal soviel verdient wie ein Straßenfeger, müßte so unangenehm sein, daß sie alle menschlichen Vorstellungen übersteigt. Der einfache Grund für solche Lohndifferenzen kann in der schlichten Tatsache liegen, daß exzellente Chirurgen äußerst knapp sind und durch noch so viel Fleiß nicht vermehrt werden können. 216 Zweiter Teil. Mikroökonomie Unterschiede in der Entlohnung sind schon deswegen wahrscheinlich, weil die Annahme der vollständigen Konkurrenz, von der die kurzfristige Betrachtungsweise ausgeht, unrealistisch ist. In fast allen Ländern ist das Angebot an Arbeitskraft mehr oder weniger beschränkt, kontrolliert oder organisiert. Ein Taxifahrer mag - bezogen auf die Fahr- und nicht auf die Wartezeiten - im Vergleich zu einem anderen Kraftfahrer einen hohen Lohn erhalten, nur weil der Marktzugang beschränkt ist. Auf die Höhe des Lohnes wird insbesondere durch Arbeitsmarktorganisationen Einfluß zu nehmen versucht. Beim Arbeitsangebot sind Gewerkschaften die wichtigste Organisationsform. Es sei für die Analyse der Lohnstruktur nur die Frage erörtert, welche Zusammenhänge zwischenMobilität undArbeitsorganisation bestehen. Einflüsse des organisierten Arbeitsangebots auf die Mobilität sind besonders deutlich, wenn Gewerkschaften Umstellungsprozesse in der Produktion (z. B. wegen der Einführung technischer Fortschritte, der Veränderung der Kapazität oder des Produktionsprogramms) dem Grunde oder Tempo nach bekämpfen, vielleicht aus der Befürch-tung, sie könnten durch berufliche Mobilität der Arbeit Mitglieder verlieren. Sie versuchen mitunter, staatliche Instanzen zu Schutzmaßnahmen zu drängen, wobei sie mit den von der Umstellung betroffenen Unternehmern nicht selten an einem Strang ziehen. Beispiele dafür gibt es in der Landwirtschaft, im Steinkohlenbergbau und im Eisenbahnverkehr. Wo - wie in einigen Fällen in den USA - der Staat einem solchen Drängen nicht nachgibt, kann die Gewerkschaftsstrategie auf Vereinbarungen mit den Unternehmern gerichtet sein, nach denen freigesetzte Arbeiter für eine gewisse Zeit auch dannweiter zu beschäftigen sind, wenn keine Arbeit für sie vorhanden ist. Die Arbeit wird nur "symbolisch" ausgeführt (Lokheizer fährt auf Elektrolok mit; Sinfonieorchester ist anwesend bei Tonbandsendungen). Da der wissenschaftliche Ökonom nicht bewertet, sondern feststellt, werden die Wirkungen gewerkschaftlicher Aktivität auf die Mobilität politisch und ökonomisch oft verschieden beurteilt. Vom ökonomischen Standpunkt ist unbestreitbar, daß durch die Gewerkschaften die Mobilität der Arbeit eingeschränkt werden kann und vielfach eingeschränkt worden ist. Ebenso wie bei anderenMobilitätshemmungenwird damit die Umstellung in der Produktion und letztlich das Wachstum beeinflußt. Einige Nationalökonomen nehmen für die Vereinigten Staaten an, die Mobilitätshemmung durch Gewerkschaften reduziere die Produktion so erkennbar, daß die auszahlbaren Löhne (Lohnsumme) niedriger seien als sie es ohne Gewerkschaften sein könnten - ein empirisch zwar schwer beweisbarer, aber möglicher Zusammenhang. II. Kapitalangebot Individuelles Angebot Nur wenige volkswirtschaftliche Termini werden in so unterschiedlicher Bedeutung gebraucht wie der Ausdruck Kapital. Es ist wichtig, auf die jeweilige Begriffsabgrenzung zu achten. In diesem Buch wird unter Kapital einmal ein Produktionsfaktor verstanden, also ein Gut, das bei der Herstellung von ande- 9. Angebot: Verkaufsplan des Haushalts 217 ren Gütern Verwendung findet und nicht dem Konsum zur Verfügung steht (Realkapital). Konkret besteht Realkapital in Produktionsanlagen, Werkzeugen, Maschinen, Rohstoffen, Halbfabrikaten, Konsumgütern während ihrer Reifungszeit (Whisky in Fässern), Verkehrswegen usw. Man verwendet deshalb auch vielfach den Ausdruck Kapitalgüter, um den Gutscharakter des Realkapitals deutlicher zumAusdruck zu bringen. Das Angebot von Realkapital erfolgt durch die Produzenten der Kapitalgüter. Nachgefragt wird es von denjenigen, die beabsichtigen, es zur Produktion heranzuziehen. Um aber Nachfrage entfalten zu können, müssen die Produzenten über Geld (Kaufkraft) verfügen. Die bereitstehende Kaufkraft in Geldformwird als Geldkapital bezeichnet. Dieses Geldkapital stammt zum Teil aus nicht konsumierten Einkommen der Haushalte, zum Teil aus neu produziertem Geld. Nicht konsumierte Einkommensteile nennt man (freiwilliges oder beabsichtigtes) Sparen. Alle Geldbeträge, die in einer Periode zum Ankauf von Kapitalgütern verwendet werden sollen, sind (freiwillige oder beabsichtigte) Investitionen; die "Umwandlung" von Geldkapital in Realkapital heißt Investieren. Anbieter von Geldkapital sind die sparenden Haushalte sowie alle Institutionen einer Volkswirtschaft, die Geld produzieren können. Nachfrager sind die investitionswilligen Produzenten und die Horter von Geldkapital. Der Leser achte genau auf die Formulierung: 1. Sparen und Investieren werden als geplante (ex ante), nicht als tatsächliche (ex post) Beträge definiert; sie können also verschieden groß sein. 2. Die Definition des Sparens enthält keine Aussage über die Verwendung der nicht ausgegebenen (nicht konsumierten) Einkommensteile. Ob das nicht ausgegebene Einkommen für den Erwerb von Kapitalgütern verwendet wird (Investieren) oder im Sparstrumpf verschwindet (Horten), bleibt offen. 3. Verfügt ein Haushalt über Sparbeträge aus früheren Zeiten (Vermögen) oder Schenkungen, ist er in der Lage, mehr auszugeben als er laufend an Einkommen bezieht. Sparen kann also negativ sein ("Entsparen"). Im folgenden werden einige Probleme des Geldkapitals untersucht. Die Angebotsanalyse des Geldkapitals beschäftigt sich vor allem mit den Determinanten des Sparangebots von Haushalten. Durch diese vereinfachende Annahme ergeben sich zwei kurz zu erwähnende Schwierigkeiten. Eine besteht darin, daß in der Realität nicht nur Haushalte, sondern auch Unternehmen sparen. Um ihr aus dem Weg zu gehen, wird das Sparen der Unternehmen als Vermögensbildung von Haushalten aufgefaßt, denn die Unternehmen sind mittelbar oder unmittelbar Eigentum oder Teileigentum der Haushalte. Eine zweite Schwierigkeit ergibt sich aus der Definition des Sparens, die auf die Verwendung der gesparten Geldbeträge keine Rücksicht nimmt, sondern lediglich den Rahmen für die Investitionen aus Sparkapital fixiert. Sie läßt ungeklärt, welche Art von Kapitalgütern tatsächlich angeschafft werden. Geht man dieser Frage nach, zeigt sich, daß die Unterscheidung von Arbeit, Boden und Kapital in einem gewissen Umfang bedeutungslos wird. Für die meisten volkswirtschaftlichen Fragen ist es gleichgültig, ob man z. B. Bodenmeliorationen oder Produktionsstättenerweiterungen durchführt; im folgenden wird deshalb nicht nach Investitionen in Arbeit, Boden und Kapital unterschieden. Das Angebot der Geldproduzenten wird im Detail gesondert behandelt (15. Kap.), weil es von 218 Zweiter Teil. Mikroökonomie anderen Einflußgrößen als den hier erörterten abhängt. Bei der Analyse des Geldkapitalangebots ist zuerst folgende Frage zu klären: Wie groß ist die Menge des pro Periode gesparten Geldkapitals, das individuelle und das gesamtwirtschaftliche (totale) Sparangebot? Da die nicht ausgegebenen Einkommensteile in verschiedenen Formen gehalten werden können (Sparformen), lautet eine zweite Frage:Was bestimmt die Form (Struktur) des Sparens? Von entsprechenden Fragestellungen wurde bereits bei der Behandlung des Faktors Arbeit ausgegangen. DieAnalyse der individuellen Sparmenge basiert auf folgender Hypothese: Wer spart, somit gegenwärtig auf mögliche Ausgaben verzichtet, verschiebt Konsum in die Zukunft. Gegenwartssparen heißt Verzicht auf gegenwärtig möglichen Konsum und damit beabsichtigter Zukunftskonsum. Diese Hypothese schließt weder die Behauptung ein, daß gegenwärtiges Sparen und zukünftiger Konsum (in monetären Einheiten gemessen) größengleich sind, noch, daß Personenidentität zwischen Sparern und künftigen Konsumenten bestehen muß. Man kann für andere (Kinder, Hinterbliebene) auf gegenwärtigen Konsum verzichten oder durch irgendwelche Umstände (Tod, Vertreibung) am künftigen Konsum verhindert sein. Der Markt, auf dem Zukunfts-"Güter" gehandelt werden, ist der Geldkapital- oder einfach: der Kapitalmarkt. Auf ihm wird als Preis für die zeitweise Überlassung von Kaufkraft in Geldform (Kredit) ein Zins (auch: Zinssatz) gezahlt. Der Haushalt hat zu entscheiden, wieviel vom gegenwärtigen Einkommen nicht ausgegeben oder welcher Teil des künftigen Einkommens schon in der Gegenwart konsumiert werden soll. Grundlage dieser Entscheidung ist eine Wertschätzung über Zukunftsgüter. Diese zeitliche Werteskala wird als Zeitpräferenz (time preference) bezeichnet. Dabei bleibt offen, ob Gegenwartsgüter höher geschätzt werden als Zukunftsgüter oder umgekehrt. Der Zusammenhang zwischen Gegenwarts- und Zukunftsgütern läßt sich wiederum mit der Indifferenzkurven-Technik darstellen. Es sei vereinfachend angenommen, der Haushalt nehme die Aufteilung des in zwei aufeinander folgenden Perioden erwarteten Realeinkommens in Konsumausgaben und Sparen zu Beginn der ersten Periode vor. Der Zinssatz soll einziges Entscheidungskriterium sein. Der Zeithorizont des Haushalts beträgt also zwei Perioden (Jahre). Die für und erwarteten Realeinkommen seien und . Die Ausgangsfrage ist: Wie verteilt der Haushalt dieses Einkommen unter der Annahme der Nutzenmaximierung auf beide Perioden (Fig. 9-4)? Ferner sei unterstellt, ein Haushalt erwarte in beiden Perioden jeweils ein Realeinkommen in Höhe von 10 000 Euro, also und . Diese beiden Grö- ßenwerden vomUrsprung aus auf den Koordinatenachsen abgetragen, wodurch im Koordinatensystem festgelegt ist. Würde der Haushalt beide Einkommen in der ersten Periode vollständig konsumieren wollen, müßte er einen Kredit aufnehmen, weil ihm in der ersten Periode nur zur Verfügung steht. Der Haushalt soll jedoch nur so viel Kredit aufnehmen können, wie ermit dem in der zweiten Periode anfallenden Einkommen an Tilgung und Zinsen zurückzahlen kann. Der in der Gegenwart in Form eines Kredits zusätzlich zu für Konsumzwecke zur Verfügung stehende Geldbetrag ist . ist bei positiven Zinssätzen kleiner als . Würde der i t1 t2 y1 y2 y1 10000= y2 10000= 0B 0C,( ) A y1 y2 y1 BD y2 1 i+( )⁄= BD y2 9. Angebot: Verkaufsplan des Haushalts 219 Fig. 9-4: Zeitpräferenz und Gleichgewicht Haushalt statt dessen sein gesamtes Einkommen der ersten Periode erst in der zweiten Periode ausgeben, könnte er zum Zinssatz i ein Jahr lang ausleihen. Der ihm außer zur Verfügung stehende Betrag wäre . Die durch , und verlaufende Kurve ist eine Gerade - analog der Budgetlinie - mit der Steigung (9.2) (Definitions-Gleichung). Bei einem Zinssatz von ist die Steigung der Geraden . Die Gerade ist der geometrische Ort aller möglichen Verteilungen der erwarteten Einkommen auf ihre gegenwärtige und zukünftige Verwendung bei gegebenem Zinssatz . Ihre Gleichung lautet (9.3) oder im speziellen Fall des Sparens in Periode 1 (9.3 a) . y1 y2 CF y1 1 i+( )⋅= D A F tg α ABBD -------– y2 y2 1 i+( )⁄ ------------------------–= = 1 i+( )–= i 0 05,= tg α 1 05,–= i y∗2 1 i+( ) y∗1 y2 y1 1 i+( )⋅+[ ]+⋅–= y∗2 y2 s 1 i+( )+= 220 Zweiter Teil. Mikroökonomie Dabei bedeuten und die erwarteten und zugleich als gegeben betrachteten Einkommen, der in der Gegenwart und der in Abhängigkeit davon in der Zukunft für Konsumzwecke verfügbare Geldbetrag (Einkommensteil). Der Ausdruck in der eckigen Klammer in (9.3) entspricht der Strecke , die sich aus dem zukünftigen Einkommen und dem in konsumierbaren Einkommen der ersten Periode ( ) zusammensetzt. Punkt kann realisiert werden, wenn ist. Die von demHaushalt jeweils als indifferent betrachteten Kombinationen aus gegenwärtig und zukünftig für Konsumgüter ausgebbaren Einkommen stellen Punkte auf einer Indifferenzkurve dar.Wie bei der Konsumgüternachfrage liegt das Nutzenmaximum dort, wo die Gerade (9.3) zur Tangente an eine der Indifferenzkurven wird. Der Haushalt befindet sich in (Fig. 9-4) im Gleichgewicht. Die Grenzrate der Zeitpräferenz (Steigung der Indifferenzkurve in ) ist gleich der Größe . Der Haushalt gibt dann Geldeinheiten für den Gegenwartskonsum und für den Zukunftskonsum aus. Von seinem Einkommen in der ersten Periode spart er Geldeinheiten, die - zum Zinssatz angelegt - in der zweiten Periode für denKonsum verfügbare Geldeinheiten ergeben. Der Haushalt gelangt dann auf ein höheres Nutzenniveau, wenn die erwarteten Periodeneinkommen und (oder) steigen, wodurch sich gemäß (9.3) ceteris paribus die "Budgetlinie" parallel nach rechts verschiebt. Bei normaler Lage der Indifferenzkurven könnte dann der Haushalt im Gleichgewicht sowohl in der Gegenwart als auch in der Zukunft mehr konsumieren (Punkt in Fig. 9-4). Würde sich das in der ersten Periode erwartete Einkommen ( ) erhöhen, könnte der Haushalt sowohl mehr konsumieren als auch mehr sparen. Daraus ist zu ersehen, daß das Ergebnis - bei gegebenem Zinssatz - von der Zeitpräferenz (der Lage der Indifferenzkurvenschar) und den Einkommen ( und ) abhängt. Die Nachfrage des Haushalts wird von einer Reihe weiterer Faktoren determiniert, die bereits erörtert wurden (5. Kap.). Versteht man Sparen als Nachfrage nach Zukunftsgütern, leuchtet ein, daß noch andere Faktoren auf das Sparangebot zu einem bestimmten Zeitpunkt einwirken. Eine vollständige Analyse hätte unter Inanspruchnahme der ceteris paribus-Klausel die Einflüsse der einzelnen Komponenten zu untersuchen. Hier soll nur die Wirkung einer Zinsänderung auf das Sparangebot näher betrachtet werden. Wie aus (9.3) ersichtlich wird, muß sich die "Budgetlinie" bei Zinssatzänderungen in drehen, wenn die erwarteten Realeinkommen für und konstant bleiben (Fig. 9-5). War sie ursprünglich , nimmt sie nach einer Zinssenkung die Lage ein. Infolge der Zinsänderung variieren sowohl die Steigung der "Budgetlinie" als auch ihre beiden Koordinatenabschnitte. Der Abszissenabschnitt wird größer, weil Kredite billiger werden ( ), und der Ordinatenabschnitt kleiner, weil gespartes Geldweniger Zinsen bringt ( ). In Fig. 9-5.I. entsteht aus nach einer Zinssenkung ein neues Gleichgewicht , bei dem aus dem Gegenwartseinkommen statt nur noch gespart wird ( ). Diese verringerte Ersparnis in wächst wegen des verringerten Zinssatzes nur noch auf . Dieser Betrag ist kleiner als . Da ein sinkender y1 y2 y∗1 y∗2 0F y2 0C= t2 y1 1 i+( )⋅ CF= F y∗1 0= y∗1 y∗2,( ) E1 Ib E1 1 i+( )– 0G y∗1E= 0H y∗2E= BG s= i CH s 1 i+( )⋅= y1 y2 DF E2 y1 i y1 y2 A t1 t2 DF MN BD BM< CF CN> E0 E1 y1 s0 s1 s0 s1> t1 i1 s1 1 i1+( )⋅ s0 1 i0+( )⋅ 9. Angebot: Verkaufsplan des Haushalts 221 Fig. 9-5: Zinsänderungen und individuelles Sparen 222 Zweiter Teil. Mikroökonomie Zins verringerte Sparbeträge zur Folge hat, liegt eine normale Reaktion vor. Demgegenüber wird im Gleichgewicht der Fig. 9-5.II. aus dem konstanten trotz sinkenden Zinses mehr gespart als im Ausgangsgleichgewicht ( ). Der Haushalt reagiert anomal. Allerdings ist die um den Zinsertrag vergrößerte Ersparnis in wegen des sinkenden Zinses immer noch kleiner als im Ausgangszustand . Beide Fälle unterscheiden sich nur durch die Lage der Indifferenzkurvenschar. Im zweiten Fall werden die Zukunftsgüter generell höher geschätzt als im ersten. Aus der Bestimmung alternativer Gleichgewichtspunkte bei Zinsänderungen läßt sich die individuelle Sparfunktion ableiten: (9.4) (Verhaltens-Gleichung). Das Sparen pro Zeiteinheit wird dabei als abhängig vom Zinssatz betrachtet. Wie soeben gezeigt wurde, sind je nach Lage der Indifferenzkurvenschar zwei Fälle möglich (Fig. 9-6). Im ersten Fall, der sich aus Fig. 9-5.I. ergeben würde, reagiert das Angebot normal, im zweiten, ableitbar aus Fig. 9-5.II., anomal. Als Grenzfall ist eine Sparkurve parallel zur -Achse denkbar. Fig. 9-6: Individuelle Sparkurven Totales Angebot Aus der horizontalen Aggregation der individuellen Angebotskurven (Addition der Ersparnisse zu alternativen Zinssätzen) erhält man die gesamtwirtschaftliche Spar-Zins-Funktion. Empirische Beobachtungen zeigen: Gesamtwirtschaftlich kann fast immer mit einer normalen Reaktion gerechnet werden. Nur in außergewöhnlichen Situationen fällt (steigt) trotz steigender (fallender) Zinssätze das Angebot. Für die Aggregation bleibt jedoch - wie immer - zu beachten, daß die Funktion unter ceteris paribus-Bedingungen abgeleitet wurde. Die ceteris paribus-Klausel ist auf einemMarkt von so zentraler Bedeutung wie dem für Geldkapital gewiß besonders einschneidend. Einige Autoren lehnen deshalb die auf Irving Fisher zurückgehende partialanalytische Betrachtungsweise ab. Das Feld wird jedoch nach wie vor von der traditionellen mikroökonomischen Faktoranalyse beherrscht, weil die bisherigen makroökonomischen Ansätze kaum über erste Anfänge hinausgekommen sind. Der Zins auf dem Kapitalmarkt ist der Preis, zu dem Geldkapital angeboten und nachgefragt wird. Das gesamtwirtschaftliche Sparen ( ) bildet aber nur eine Quelle des ge- E1 y1 E0 s0 s1< t2 s0 1 i0+( )⋅ s1 1 i1+( )⋅>[ ] s t⁄ f i( )= s t⁄ i i S 9. Angebot: Verkaufsplan des Haushalts 223 samtwirtschaftlichen Geldkapitalangebots. Da im allgemeinen davon auszugehen ist, daß Geld nicht nur aus dem gegenwärtigen Einkommen stammt, sondern auch aus nicht verausgabten Einkommen, die aus früheren Einkommensperioden vorhanden sind ("Kassenbestände"), kann aus freigesetzter Kasse (Enthorten) Geld über das in einer gegenwärtigen Periode ersparte Einkommen hinaus angeboten werden. Andererseits braucht erspartes Einkommen nicht in den Kreislauf zurückzukehren (Horten). Der Nettoeffekt der Kassenhaltung (Horten minus Enthorten) ist nach dieser Definition negativ, wenn aus der Kassenhaltungsänderung zusätzliches Geldkapital angeboten wird. Ähnliches gilt für die Geldproduktion. Geld kann geschöpft, jedoch auch vernichtet werden. Wird der Nettoeffekt des Geldangebots (Geldschöpfung minus Geldvernichtung) ebenfalls berücksichtigt, ist das gesamtwirtschaftliche Angebot an Geldkapital ( ) pro Zeiteinheit (9.5) . Nur wenn beide Nettoeffekte ( , ) Null sind oder sich zu Null addieren, wird das Angebot ausschließlich vom Sparen bestimmt. Letzteres wäre z. B. gegeben, wenn die Geldschöpfung die Geldvernichtung um denselben Betrag übersteigen würde wie das Horten das Enthorten. Gesamtwirtschaftlich nicht weniger bedeutungsvoll als die Spar-Zins-Funktion ist die Spar-Einkommens-Funktion, die sich auf ähnliche Weise mit der Indifferenzkurven-Technik gewinnen läßt (Parallelverschiebungen der "Budgetlinie" bei Änderungen der erwarteten Gegenwarts- und Zukunftseinkommen, wie in Fig. 9-4).Während bei der Spar-Zins-Funktion gesamtwirtschaftlich mit normaler Reaktionsweise gerechnet werden kann, ist der Zusammenhang zwischen Sparen und Einkommen empirisch nicht eindeutig. Vor allem in konjunkturell unsicheren Zeiten ist zu beobachten, daß mit steigendem Realeinkommen ( ) das Sparen ( ) nicht nur absolut zunimmt, sondern auch relativ ( steigt). Doch auch das Gegenteil wurde schon festgestellt. In langer Sicht hat sich gezeigt, daß die Sparquote ( ) eine ziemlich konstante Größe ist. Da diese Fragen in der Makroökonomie Gegenstand der Beschäftigungsund Geldanalyse sind, mag dieser Hinweis genügen. Für das gesamtwirtschaftliche Sparangebot, das in den aufgezeigten Grenzen das Geldkapitalangebot determiniert, dürften neben dem Einkommen die Zeitpräferenz, der Zinssatz, die Nutzenvorstellungen ("Geschmack") und die verfügbare Kasse die wichtigsten Einflußgrößen bilden, was durch Tests bestätigt wurde. Sparstruktur Die Analyse der Faktoren, von denen die Entscheidung über die Einkommensaufteilung in verausgabte und gesparte Beträge abhängt, ist ein Problem. Eine zweite Frage lautet: Was geschieht mit dem gesparten, nicht für den Konsum verausgabten Einkommen? Oder: In welchen Formen wird gespart, welches sind die Bestimmungsgründe für die Sparstruktur? In der Regel ist der individuell gesparte Betrag eine Geldsumme, für deren Verwendung es folgende Alternativen gibt: Erstens kann der Sparer den Betrag in Form von Geld halten, zweitens zum Kauf von Gütern verwenden. Da Sparen Einkommen ist, das ex KΔ MΔ G Gt S MΔ KΔ–+= KΔ MΔ Y S S Y⁄ S Y⁄ 224 Zweiter Teil. Mikroökonomie definitione nicht für Konsumzwecke verausgabt wird, kann es sich im zweiten Fall nur um Güter handeln, die nicht oder nicht unmittelbar konsumierbar sind (nichtmonetäre Vermögensgüter). Nichtmonetäres Vermögen wirft im Gegensatz zumgehorteten Geld ein Einkommen ab oder stiftet unmittelbarenNutzen. Es gibt eine Reihe von Gliederungen der Vermögensgüter. Häufig unterscheidet man Geldtitel (z. B. Wechsel), festverzinslicheWertpapiere (z. B. Bundesanleihen), Dividendenpapiere (z. B. Aktien) und physische Güter (z. B. Gold, Häuser, Briefmarken). Eine Zweiteilung ist die nach Wertpapieren und physischen Gütern. Die Probleme, die sich dem Haushalt bei der Entscheidung über die Anlage des Sparkapitals stellen, sind formal die gleichen wie die beimKauf von Konsumgütern. Geld, Wertpapiere und physische Güter sind teilweise substituierbar. Bei gegebenen Präferenzen teilt der Sparer die Mittel so auf Zahlungsmittel (Kasse), Wertpapiere und physische Güter auf, daß die gesetzten Ziele in bestmöglicher Weise erreicht werden. Aus diesem Grund kann man die Geldtheorie als Teil einer umfassendenWahlhandlungs- oder Kapitaltheorie auffassen. Allerdings weist die Anlageentscheidung einige Unterschiede gegenüber der Konsumwahl auf. Die damit verbundenen Probleme sind Gegenstand der Portfolio-Theorie. Einige Kriterien seien angeführt, die für die Entscheidung der Haushalte bedeutsam sind und in verschiedenen Hypothesensystemen Berücksichtigung finden. Ein erstes Kriterium sind die Transaktionskosten. Zu ihnen rechnen die beim Kauf von Wertpapieren anfallenden Provisionen oder Steuern, aber auch Unbequemlichkeiten oder sonstige mit dem Erwerb verbundene Schwierigkeiten. Ein zweites Kriterium bildet die Marktgängigkeit des Gutes. Je weniger spezifisch das Gut ist, um so größer ist die Marktgängigkeit und damit dieWiederverkäuflichkeit. Mit Geld als allgemeinem Tauschmittel hat man - von starken Inflationen abgesehen - keine "Absatzschwierigkeiten", während Wertpapiere oder Grundstücke schwer verkäuflich sein können. Die Marktgängigkeit determiniert das dritte Kriterium, die Zahlungsfähigkeit (Liquidität) des Kapitalbesitzers. Die höchste Liquidität verschafft das Geld. Mit den beiden letztgenannten Kriterien steht das Risiko in enger Beziehung. Die Wertbeständigkeit der Vermögensgüter hängt von ihrer Lagerfähigkeit, Wiederverkäuflichkeit und der Preisentwicklung ab. Das Risiko kann - in Abhängigkeit von tatsächlichen Entwicklungen der Risikokomponenten - bei den einzelnen Vermögensgütern recht verschieden sein. Schließlich spielt der Nutzen oder Ertrag (Rentabilität) eines Gutes eine große Rolle. Offensichtlich besitzt jedes Vermögensgut spezifische Vor- und Nachteile. Geld als Kasse braucht zum Teil nicht beschafft zu werden (nicht ausgegebenes Einkommen); es ist von höchster Marktgängigkeit und Liquidität, verliert nicht durch Lagerung, büßt jedoch bei steigenden Preisen an Realwert ein und bringt insbesondere keinen monetären Ertrag. Gegenteiliges kann für bestimmte physische Güter gelten. Oft schließen sich Vorteile gegenseitig aus, wie hohe Rentabilität und geringes Risiko. Als optimal wird diejenige Anlagekombination gewählt, bei der die Nachteile ein Minimum (oder die Vorteile ein Maximum) erreichen. 10. Kapitel: Faktorpreisbildung I. Vollständige Konkurrenz Relative Faktorpreise und Einkommensarten Gleichgewichtspreise - Änderungen der relativen Preise - Tendenz zur Nivellierung der Preisunterschiede - Dynamische Differentialeinkommen - Statische Differentialeinkommen - Transfereinkommen und ökonomische Rente - Praktische Bedeutung der Unterscheidung von Differentialeinkommen Transfereinkommen und Produktionsfaktoren Arbeitskraft - Boden - Kapital - Abgrenzung beider Einkommenskomponenten II. Monopolistische Elemente in der Lohnbildung Theoretische Faktoren Marktformen - Gleichgewichte "Ausbeutung" der Arbeit Analytisches Instrument ohne empirische oder wirtschaftspolitische Bedeutung - Stabilität des Gleichgewichts bei Mindestlöhnen - Ausbeutungskonzept nicht zu begründen Gewerkschaften Allgemeine Bedeutung - Einfluß auf die Lohnbildung K 10 - 1: Krise der Gewerkschaften III. Besonderheiten der Zinsbildung Kredittheorie des Zinses Quellen des Geldkapitalangebots - Gleichgewichtsbedingung Einkommens- und Allokationsfunktion Einkommensstrom und Vermögensstock - Zinserträge Stein des Anstoßes - Zinserträge nur Teil des Gewinns I. Vollständige Konkurrenz Relative Faktorpreise und Einkommensarten Nach der Untersuchung der Determinanten von Angebot und Nachfrage auf den Faktormärkten kannman in der üblichenWeise die Preise bestimmen. Aus Angebot und Nachfrage ergeben sich unter entsprechenden Annahmen Gleichgewichtspreise für die einzelnen Faktoren (Lohn, Bodenrente, Zins). Werden sie mit derMenge der gekauften Faktoren multipliziert, erhält man das Faktoreinkommen. Änderungen des Angebots oder der Nachfrage haben auf Preise, Mengen und somit auch auf Faktoreinkommen die aus der Preisanalyse bekannten Wirkungen (4. Kap.). Änderungen eines Faktorpreises sagen jedoch noch nichts über die relative Bewertung eines Produktionsfaktors aus. Steigt von zwei Faktorpreisen nur einer, entstehen andere Wirkungen, als wenn beide um denselben Prozentsatz gestiegen wären, da im ersten Fall wahrscheinlich eine Faktorwanderung ausgelöst wird (Realeinkommens-Effekt), im zweiten Fall nicht.Man kann aus Faktorpreisvariationen nur dann eine Information über die Faktorallokation gewinnen, wenn auch dieÄnderungen der relativen Preise bekannt sind. Das gilt strikt nur unter der ceteris paribus-Klausel, insbesondere dann, wenn sich die Summe der Einkommen (Volkseinkommen) nicht ändert. Steigen bei einer Volkseinkommenserhöhung die Einkommen solcher Produktionsfaktoren, deren Preis absolut gestiegen, aber relativ gegenüber anderen Faktoren gefallen ist, geht der Anteil dieser Faktoreinkommen am Volkseinkommen relativ zurück, obwohl sie absolut größer geworden sind. Das Ergebnis ist vermutlich anders, wenn das Faktoreinkommen absolut gefallenwäre und die Bezieher anderer Faktoreinkommen von einem konstanten Volkseinkommen einen größeren Teil erhielten. Unter den Bedingungen, die für einen einheitlichen Preis eines Faktors gelten (9. Kap.), könnte es keine Unterschiede zwischen den Preisen verschiedener Faktoren geben. Stellt man sich einen Zustand vor, in dem die relativen Preise der Faktoren divergieren, würde mit der Verwirklichung der Bedingungen einer einheitlichen Faktorpreisbildung eine Tendenz zur Nivellierung der Preisunterschiede ausgelöst. Da unter den gemachten Annahmen sämtliche Faktoren völlig substituierbar sind, es also nur einen Faktor gibt, wandern die Faktoren von Unternehmen und Branchen, die niedrige Preise zahlen, zu solchenmit hohen. Dieser Prozeß hält so lange an, bis alle Faktorpreisunterschiede ausgeglichen sind. Die Nachfrage nach Faktoren hätte auf die Höhe ihrer Preise keinen Einfluß, wohl aber auf ihre Verteilung. Nimmtman vereinfachend an, in einer Volkswirtschaft existierten nur zwei Unternehmen, läßt sich das Ergebnis des Anpassungsprozesses leicht illustrieren (Fig. 10-1). Die insgesamt angebotene Faktormengen in der Volkswirtschaft ( ) wird sich entsprechend der Nachfrage auf Unternehmen ( ) und ( ) aufteilen. Unter den genannten Voraussetzungen besteht kein Grund anzunehmen, die Faktorpreise könnten unterschiedlich sein ( ). In der Realität sind Produktionsfaktoren meist heterogen. Nicht nur Arbeit, Boden und Kapital, sondern auch die einzelnen Leistungen eines Faktors lassen sich nicht vollständig substituieren. In einer a b+ I a II b lI lII= 228 Zweiter Teil. Mikroökonomie Welt mit heterogenen Faktoren gibt es Unterschiede bei den Faktorpreisen und Gewinnen. Diese können dynamischer oder statischer Art sein. Fig. 10-1: Faktorpreis und -verteilung Dynamische Faktorpreis- oder Gewinndifferenzen, sogenannte dynamische Differentialeinkommen, entstehen aus wechselnden, meist nicht vorhersehbaren Marktbedingungen (deswegen auch: windfall gains). Sie sind eine typische Begleiterscheinung von Ungleichgewichten und flüchtiger (transitorischer) Natur. Hinsichtlich ihrer Entstehung gibt es eine Reihe denkbarer Ursachen. Beispielhaft seien drei Fälle genannt: (1.) Die Nachfrage nach einigen Gütern kann bei unverändertem Volkseinkommen steigen, während sie bei anderen Gütern sinkt (Nachfrageänderungseinkommen). (2.) Eine Erhöhung des Einkommens - etwa durch Geldschöpfung - führt zu einer generellen, auf den einzelnen Märkten meist unterschiedlichen Nachfrageerhöhung (Kreislaufeinkommen). (3.) Ein Marktteilnehmer verschafft sich für eine gewisse Zeit eine Monopolstellung (temporäre Monopoleinkommen). Die Überlegungen gelten nicht nur für Faktor-, sondern mutatis mutandis auch für Produktmärkte. Bei allen drei Fällen gehtmanmeist von derHypothese aus, daß dynamische Einkommen nur Unternehmen zufließen. Die Analyse vereinfacht sich erheblich, wenn diese Hypothese übernommenwird. Da die Einkommen, die in denUnternehmen entstehen, entweder den Produktionsfaktoren als Faktorentgelte oder den Unternehmern als Gewinne temporär zukommen, lösen dynamische Differentialeinkommen Faktorwanderungen aus. Relativ gut verdienende Industrien ziehen Faktoren durch Preisüberbietung aus anderen Verwendungen oder aus verfügbaren Reserven ab. Damit wird - wie im obigen "Gedankenexperiment" - zugleich eine Tendenz zum Abbau der dynamischen Faktorpreisunterschiede oder Gewinne ausgelöst. Kriterium eines funktionierenden Wettbewerbs sind dynamische Differentialeinkommen, die über eine Angleichung der Faktorpreisdifferenzen verschwinden, mögen sie auch immer wieder an anderen Stellen auftreten und gesamtwirtschaftlich eine Dauererscheinung sein. Statische Differentialeinkommen haben andere Ursachen. Sie basieren auf differenzierten Faktorleistungen (unterschiedliche Grenzproduktivitäten) oder 10. Faktorpreisbildung 229 auf Diskrepanzen zwischen den gesamten (monetären und nicht-monetären) Vorteilen und dem Faktorpreis (9. Kap.). Statische Faktorpreisunterschiede existieren auch im Gleichgewicht des Monopols (dauerhaftes Monopol) und der vollständigen Konkurrenz. Sie sind permanenter Natur. Selbst bei schärfstem Wettbewerb werden Produktionsfaktoren mit hoher Grenzproduktivität besser bezahlt als solche mit niedriger. Vergleicht man beide Differentialeinkommensarten, kann man deswegen auch sagen: Der Wettbewerb vermag zu zeigen, in welchem Umfang Einkommen auf Zufälligkeiten (windfalls) oder Leistungen (Grenzproduktivität) zurückgehen. Bei monopolistischer Marktposition spiegeln statische Differentialeinkommen auch die Machtstellung amMarkt wider. Die Grenze zwischen statischen und dynamischen Monopoleinkommen kann jedoch empirisch nicht scharf gezogen werden. Die wichtige Frage nach den Wirkungen statischer Differentialeinkommen auf die Faktorallokation hat zu der Unterscheidung von Transfereinkommen und ökonomischer Rente geführt. Die Begriffe Transfereinkommen und Rente werden in der Literatur in mehrdeutigem Sinn gebraucht; der Leser sollte auf die hier gewählte Definition achten. Als Transfereinkommenwird jenes Faktoreinkommen bezeichnet, das den Faktor in seiner bisherigen Verwendung festhält, also an einem Transfer in eine andere Beschäftigung hindert. Es hat mit "Transferzahlungen" (= Einkommensübertragungen) öffentlicher Haushalte nichts zu tun. Das Transfereinkommen ist mit den opportunity cost identisch, jenem Einkommen, das der Produzent einem Faktor im Hinblick auf dessen nächstbeste Verwendung zahlen muß, um ihn in einer bestimmten Beschäftigung festhalten zu können. Die ökonomische Rente ist die Differenz zwischen dem tatsächlichen, auch im Gleichgewicht gezahlten Faktoreinkommen, und dem Transfereinkommen. Sie ist deutlich von der "Bodenrente" - dem Preis für die Nutzung des Bodens - oder der "Altersrente" zu unterscheiden. Eine Analogie besteht lediglich zur "Konsumentenrente", als der Differenz zwischen den subjektiven Wertvorstellungen und tatsächlich gezahltem Preis auf Konsumgutmärkten. Das Verhältnis von Transfereinkommen, ökonomischer Rente und Faktorpreis veranschaulicht folgende Darstellung (Fig. 10-2). Auf einem Markt sei die Konstellation I gegeben. Wird einem Faktor ein Preis geboten, der kleiner als ist, würde der Faktor definitionsgemäß nicht zum Angebot bereit sein. War der Preis für seine bisherige Beschäftigung , wandert er in eine andere ab. Das "Festhalte-" oder Transfereinkommen - Produkt aus Preis und Menge eines Faktors - darf nicht kleiner sein als . Im Fall II würde die Angebotsmenge auch zu jedem anderen Faktorpreis als offeriert. Die völlig starre Angebotskurve zeigt an, daß ein niedrigerer Preis den Anbieter nicht veranlassen kann abzuwandern. Das gesamte Einkommen ist ökonomische Rente. Eine Kombination von I und II ist der Fall III. Ein Teil des gezahlten Einkommens ist Transfereinkommen, ein anderer ökonomische Rente. Bei einem geringeren Faktorpreis als , z. B. bei , würde eine um geringere Menge angeboten. Preissenkungen führen - anders als im Fall II - zu Abwanderungen, jedoch bleibt - anders als im Fall I - ein Teil des Faktorangebots in seiner bisherigen Beschäftigung; die ökonomische Rente verringert sich. Der Anteil der ökonomischen Rente nimmt mit zunehmender Angebotselastizität lE lE lE νE⋅ vE lE lE νE⋅ lE l1 νE ν1– 230 Zweiter Teil. Mikroökonomie ab. Da die Angebotselastizität langfristig größer ist als kurzfristig, kann man in Analogie zu dem bei Wettbewerb transitorischen dynamischen Differentialeinkommen - sagen, daß langfristig bei vollständiger Konkurrenz eine Tendenz zur Reduzierung der ökonomischen Rente besteht. Fig. 10-2: Transfereinkommen und ökonomische Rente Praktische Bedeutung gewinnt die Unterscheidung von dynamischen und statischen Differentialeinkommen, wenn man sich in der Wirtschaftspolitik die Aufgabe stellt, die Verteilung der Einkommen zu ändern, ohne daß die Faktorallokation beeinflußt werden soll. Insbesondere dynamische Differentialeinkommen und ökonomische Renten sind Gegenstand von Umverteilungsmaßnahmen.Will man diese Einkommensarten auf einMinimum reduzieren, bleibt nur der Weg, ihre Entstehung so weit wie möglich zu vermeiden. Die Analyse der Faktorpreisbildung hat gezeigt, daß das um so eher gelingt, je intensiver der Wettbewerb ist. Sind nämlich solche Einkommen einmal entstanden, kann man sie empirisch nicht mehr oder nur schwer vom Transfereinkommen separieren. Bei einer Steuer auf den Gewinn ist deswegen ebensowenig wie beim Investivlohn, mit dem dynamische Gewinne der Unternehmer in die Hände der Arbeiter überführt werden sollen, zu vermeiden, daß Transfereinkommen erfaßt und damit die Faktorallokation beeinflußt wird. Schließlich hängt die Entscheidung der Frage, wie sich ein Faktoreinkommen auf Transfereinkommen und ökonomische Rente verteilt, auch davon ab, von welcher Art der Transfer ist. Dieser Punkt soll näher betrachtet werden. Transfereinkommen und Produktionsfaktoren Unter den Bedingungen vollständiger Konkurrenz wird eine Arbeitskraft von einer Beschäftigung in eine andere wechseln, wenn der Lohn, multipliziert mit der Menge der geleisteten Arbeit, niedriger als das Transfereinkommen ist. Es soll angenommen werden, der Stundenlohn eines Autoschlossers müsse mindestens 15 Euro betragen, wenn man ihn bei gleicher Arbeitszeit wie in der alternativen Verwendung halten will. Fiele der Stundenlohn unter 15 Euro, würde sich der Autoschlosser eine andere Stelle suchen. Das Transfereinkommen pro Stunde ist also 15 Euro. Was passiert, wenn andere Werkstätten in sei- 10. Faktorpreisbildung 231 ner Nähe in Schwierigkeiten geraten, vielleicht weil sie die Expansion des Reparaturgewerbes überschätzt haben?Wäre der beste Lohn, den der Autoschlosser bei einemWechsel dann noch erzielen könnte, 14 Euro, würde er bei 15 Euro eine ökonomische Rente von 1 Euro pro Stunde beziehen. Das Transfereinkommen pro Stunde ist jetzt 14 Euro. Was geschieht, wenn die Nachfrage nach Autoschlossern auf allen Märkten fällt? Vielleicht ist der Autoschlosser noch bereit, für 13 Euro in der alten Firma zu arbeiten, um überhaupt Autoschlosser bleiben zu können. Bei einem geringeren Stundenlohn wird er den Beruf aufgeben und vielleicht Kraftfahrer werden. Das Transfereinkommen für einen Berufswechsel beträgt dann 13 Euro pro Stunde. Daraus muß gefolgert werden: Das individuell ohnedies unterschiedliche Transfereinkommen richtet sich nach der Konjunkturlage und hängt davon ab, ob einWechsel von Firma zu Firma oder von Beruf zu Beruf in Betracht gezogen wird. Ähnliches gilt für das Transfereinkommen des Faktors Boden. Der Pächter eines zum Anbau von Weizen genutzten Bodens muß eine gewisse Pacht bezahlen, wenn er den Bodentransfer zu einem anderen Pächter verhindern will. Der den Wechsel hindernde Pachtbetrag ist das Transfereinkommen des Verpächters. In ähnlicher Lage ist ein Mieter, der einen bestimmtenMietpreis entrichten muß, um zu verhindern, daß der Hauseigentümer an einen anderen vermietet. Das Transfereinkommen ist in solchen Fällen offensichtlich ein anderes als jenes, das sich bei einer Industrieansiedlung auf dem landwirtschaftlich genutzten Boden oder bei einer gewerblichen Nutzung der bisherigen Mietwohnung ergeben würde. Will der Pächter die Industrieansiedlung verhindern, wird er eine höhere Mehrpacht bezahlen müssen als bei der Verhinderung einer Verpachtung an einen anderen Weizenproduzenten; ähnliches gilt für den Mieter. Die ökonomische Mobilität des Bodens und das Ausmaß seiner Knappheit kann bei den einzelnen Verwendungsrichtungen (Anbau-, Abbau- und Standortboden) recht unterschiedlich sein. Eine relativ große Mobilität besteht beim Anbauboden. Beim Abbauboden (je nachdem, was man abbaut, z. B. Gold oder "Mutterboden") und Standortboden (für Industrien oder Städte) ist die Verwendung und Mobilität oft stark eingeschränkt. Sind nur wenige Verwendungsrichtungen des Faktors möglich, wird das Angebot sehr unelastisch; bei großer Nachfrage fällt eine hohe ökonomische Rente an. Das gilt nicht nur für den Boden, sondern auch für die übrigen Produktionsfaktoren. Hervorragende Sänger und Schauspieler sind knapp und auch durch hohe Gagen nicht leicht vermehrbar. Preiserhöhungen führen kaum zu einer Erhöhung des Angebots. Der größte Teil des Einkommens ist ökonomische Rente. Kapital wird vielfach als ein relativ mobiler Faktor angesehen. Das gilt für Geldkapital gewiß in hohem Maße. Beim Realkapital, wie Maschinen und Anlagen, werden jedoch mit zunehmender Arbeitsteilung die alternativen Verwendungsmöglichkeiten ein und derselben Anlage immer geringer. Eine bestimmte Maschine, etwa eine Förderanlage in einem Kohlenbergwerk, soll bei der Errichtung einen Überschuß über die Amortisation in Höhe von 1000 Euro für eine bestimmte Zeitperiode erwarten lassen. Fällt nun die Nachfrage nach dem Produkt, an dessen Erzeugung die Maschine beteiligt ist, so daß der Überschuß nur noch 100 Euro beträgt oder gar negativ wird, bleibt die Anlage oft in 232 Zweiter Teil. Mikroökonomie Betrieb. Gibt es keine alternative Verwendung für die Förderanlage, dann lohnt sich ihre Weiterverwendung kurzfristig so lange, wie der Gesamterlös der Produktion die Arbeits- und sonstigen variablen Kosten deckt. In diesem Fall "verdient" die Anlage zwar weder den Kapitalzins noch die Amortisation; ihre produktionsgebundenen Eigenschaften verhindern jedoch den Übergang in eine andere Verwendung. Solche Situationen sind für manche Industrien typisch. Bei Ersatzinvestitionen wird der Unternehmer vor der Frage stehen, ob sich die Anschaffung der gleichen Anlage weiterhin rentiert. Eine Anlage kann in langer Sicht durchaus einen "Überschuß" abwerfen, ohne es auch in jeder kürzeren Periode zu tun. Da eine Anlage kurzfristig nicht ersetzt wird, sind die Einkommen der Anlage kurzfristig eine ökonomische Rente; langfristig ist ein Teil davon Transfereinkommen. Faktoreinkommen, die kurzfristig ökonomische Rente, langfristig Transfereinkommen sind, werden als Quasi-Rente bezeichnet. Zusammenfassend ist festzuhalten: Ob eine Faktorzahlung als ökonomische Rente oder Transfereinkommen zu bezeichnen ist, hängt von einer Reihe subjektiver und objektiver Einflußfaktoren ab, die es ausschließen, sowohl in den Einzelfällen wie für ganzeMärkte (oder gar für die Gesamtwirtschaft) eine Aufteilung a priori vorzunehmen. Eine exakte Abgrenzung beider Einkommenskomponenten scheitert schon daran, daß sie vom Zeithorizont abhängig ist. So plausibel die analytische Unterscheidung nach dynamischen und statischen Differentialeinkommen sein mag - insbesondere eignet sie sich zur Illustration der Unterschiede in der Einkommensverteilung -, so schwierig sind die Probleme einer empirischen Erfassung. II. Monopolistische Elemente in der Lohnbildung Theoretische Formen Die Theorie der vollständigen Konkurrenz enthält einige nützliche Aussagen über Faktorpreise, -einkommen und -allokation, die durch empirisches Material bestätigt werden. Das gilt für alle Faktorleistungen, auch für Arbeit. Oft wird übersehen, daß selbst in hochentwickelten Ländern der größere Teil der Arbeitnehmer keiner Gewerkschaft angehört und daß mit wirtschaftlichem Wohlergehen das Interesse der Arbeiter an gewerkschaftlichen Organisationen abnehmen kann. Hinzu kommt, daß in Zeiten der Vollbeschäftigung und vor allem in der Hochkonjunktur übertarifliche Löhne gezahlt werden (Lohndrift), die sich marktmäßig bilden und mit den zwischen Gewerkschaften und Arbeitgeberverbänden kollektiv ausgehandelten Tariflöhnen (collective bargaining) nur in losem Zusammenhang stehen. Andererseits läßt sich gerade auf den Arbeitsmärkten (Märkte für Arbeitsarten) eine Anzahl von Fällen aufzeigen, in denen die Aussagen der Theorie der vollständigen Konkurrenz problematisch sind. Monopolistische Elemente sind dafür vielfach der Grund. DieMarktformen, in denen sich insbesondere die Löhne bilden, können recht vielgestaltig sein. Meist werden zur einführenden Analyse der komplexen Realität vier klassifikatorisch abgegrenzte Fälle unterschieden (Übers. 10-1). 10. Faktorpreisbildung 233 Übers. 10-1: Marktformen auf Faktormärkten (Arbeitsmärkte) Eine kurze Analyse dieser Fälle läßt folgendeGleichgewichte erkennen, wobei im Hinblick auf die Vergleichbarkeit identische, normal verlaufende Angebots- ( ) und Nachfragekurven ( ) angenommen werden (Fig. 10-3). Fig. 10-3: Preisbildungsformen auf Faktormärkten (Arbeitsmärkte) Wie man zu Angebots- und Nachfragekurven des Marktes gelangen kann, ist aus den beiden vorhergehenden Kapiteln bekannt. Im ersten Fall bildet sich der Lohn einer Arbeitsart bei , bei dem Angebot und Nachfrage zum Ausgleich kommen und gleich sind (Fig. 10-3.I.). Im zweiten Fall ist das Angebot einer Arbeitsart monopolisiert, etwa durch eine Gewerkschaft. Die für den Anbieter günstigste Angebotsmenge wird durch den Schnittpunkt der Angebotskurve mit der -Kurve bestimmt (Fig. 10-3.II.). Der Unterschied zur Produktnachfrage besteht darin, daß (Fig. 10-3) eine Aggregation der individuellen Grenzertrags- oder Nettogrenzertragswertkurven ist (vgl. 8. Kap.); repräsentiert zugleich die Durchschnittseinkommen, demgemäß die Zahl der Fälle Anbieter Nachfrager Marktform I. II. III. IV. viele einer viele einer viele viele einer einer Vollständige Konkurrenz Monopol (Angebotsmonopol) Monopson (Nachfragemonopol) Bilaterales Monopol S D w wI νI S D' D D D' 234 Zweiter Teil. Mikroökonomie Grenzeinkommen. Im Gleichgewicht wird die Menge zum Lohnsatz angeboten. Im dritten Fall gibt es nur einen Nachfrager nach Arbeitsleistungen (Monopson), wie es in kleineren Orten mit nur einem Unternehmer oder auf Märkten mit einer Arbeitgeberorganisation wohl vorkommen mag. Der Lohn , der im Gleichgewicht für die Menge gezahlt wird, ist durch den Schnittpunkt der Grenzausgabenkurve ( ) mit der Nachfragekurve bestimmt (Fig. 10-3.III.). Die Angebotskurve zeigt dem Unternehmer, welche Durchschnittslöhne er bei alternativen Mengen zahlen muß. Fragt er eine Einheit mehr nach, ist sein Ausgabenzuwachs größer als der Preis dieser zusätzlichen Einheit. Waren 10 Einheiten zum Lohnsatz von 13 Euro pro Stunde beschäftigt und steigt der Lohnsatz für alle Einheiten bei Mehrnachfrage um eine Einheit auf 13,50 Euro, beträgt die Mehrausgabe des Unternehmers für die 11. Einheit (10 ∙ 0,50 + 13,50) Euro = 18,50 Euro. Man könnte die Grenzausgabe auch als Grenzlohnsatz bezeichnen. Bei normal verlaufender Angebotskurve ist der Grenzlohnsatz stets größer als der Durchschnittslohnsatz. Im Monopson- Fall liegt die günstigste Situation für den Monopsonisten dort, wo der Grenzlohnsatz ( ) gleich dem Grenzertragswert ( ) ist. Im vierten Fall handelt es sich um eine Kombination aus den Fällen zwei und drei. Ein Monopolist bietet einemMonopsonisten an. DerMonopsonist würde am liebsten zahlen, der Monopolist erzielen. Sind beide Seiten an einem "Umsatz" interessiert, verhandeln sie miteinander. Zur Vereinfachung sei angenommen, man würde sich über dieMenge einigen (Fig. 10-3.IV.). Dann bleibt nur noch die Frage, wie hoch der Lohn sein wird. Er kann sich zwischen und bewegen. Wo man sich trifft, läßt sich aus Fig. 10-3.IV. nicht ableiten. Ein Vergleich der Fälle zeigt, daß bei vollständiger Konkurrenz die größte Faktormenge eingesetzt wird. Der Preis im Angebotsmonopol ist höher, im Monopson niedriger als bei vollständiger Konkurrenz. Beim bilateralenMonopol bleibt der Preis unbestimmt; lediglich die möglichen Ausgangspunkte von Verhandlungen ( , ) können angegeben werden. Es sei noch vor einer Verwechslungsgefahr gewarnt.Übers. 10-1 und Fig. 10-3 enthalten vier Angebots- und Nachfragefälle auf einem Faktormarkt (hier: Arbeitsmarkt), Übers. 8-5 und Fig. 8-2, 8-4 bis 8-6 stellen vier Fälle der individuellen Faktornachfrage bei unterschiedlichen Formen des Produktmarktes (Absatzmarktes) dar. "Ausbeutung" der Arbeit Seit mehr als einem Jahrhundert wird die Behauptung aufgestellt, in der "kapitalistischen" Wirtschaftsordnung werde die Arbeitskraft "ausgebeutet". Die Einkommensverteilung zwischen Arbeit und Kapital sei deswegen "ungerecht". Einen erwägenswerten Definitionsversuch machte ARTHUR CECIL PIGOU (1877-1959), der vorschlug, vonAusbeutung dann zu sprechen, wenn der Lohnsatz unter demGrenzertragswert der Arbeit liege. In Industrien, in denenWettbewerb um Arbeitsleistungen herrsche, sei keine Ausbeutung möglich. Lediglich beim Monopson und bilateralen Monopol könnte der Lohn niedriger als der Grenzertragswert sein. Die Ausbeutung in der Definition PIGOUS ist an die Marktform des Monopols gebunden und damit zunächst vom Wortgebrauch bei MARX zu unterscheiden, nach dessen Festlegung Arbeiter auch bei vollstän- νII wII wIII νIII S' D S S' D wIII wII νII νIII= wII wIII wII wIII 10. Faktorpreisbildung 235 diger Konkurrenz ausgebeutet werden. Gibt es nicht nur den Produktionsfaktor Arbeit oder lassen sich andere Produktionsfaktoren nicht auf Arbeitsleistungen zurückführen, besteht kein Grund, sie analytisch anders zu behandeln: Dann werden auch die Besitzer von Boden und Kapital ausgebeutet, sofern das Entgelt für diese Faktoren unterhalb des Grenzertragswerts liegt. Vor allem besagt das Ausbeutungskonzept PIGOUS nichts über die absolute Höhe des Lohnsatzes. Ein ausgebeuteter Arbeiter kann - z. B. bei einer monopolistischen Stellung des Nachfragers auf dem Produktmarkt - einen erheblich höheren Lohn erhalten als ein nichtausgebeuteter. Die Monopolgewinne auf dem Produktmarkt würden also sowohl den "Kapitalisten" als auch den "Ausgebeuteten" zufließen. Es hätte in solchen Fällen wohl mehr Sinn, die Konsumenten, zu deren Lasten sich nicht selten Unternehmer und Arbeitnehmer einigen, und die übrigen Arbeitnehmer, deren Löhne ohne die Existenz von Monopolen höher sein könnten, als ausgebeutet zu betrachten. Diese Ausbeutung im Sinne PIGOUS ist lediglich ein analytisches Instrument zur Erklärung einer Faktoren- und Einkommensverteilung, die von der bei vollständiger Konkurrenz - unter den angegebenen strengen Prämissen (7. Kap.) - abweicht und die damit ohne empirische oder wirtschaftspolitische Bedeutung ist. Angesichts solcher Schwierigkeiten hat sich die Ausbeutungskonzeption wirtschaftspolitisch vor allem in der Forderung nach Mindestlöhnen niedergeschlagen. Unter einemMindeslohn pro Zeiteinheit versteht man ein Entgelt für die Arbeitsmenge, das nicht unterschritten werden darf. Die Durchsetzung und Garantie desMindeslohnes - durch Eingreifen des Staates oder Vereinbarungen der Arbeitsmarktparteien - ist eine politische Frage. Angenommen, der Mindestlohn sei höher als der Lohnsatz im Monopson , jedoch niedriger als der Grenzertragswert. Fig. 10-4: Mindestlöhne im Monopson Die Gleichgewichtsmenge ist dann größer als imMonopson ohneMindestlohn (Fig. 10-4.I.); die Angebotskurve hat die in Fig. 10-4.II. angegebene Lage. Es bleibt die theoretische Frage nach der Stabilität des Gleichgewichts bei Mindestlöhnen. Durch den Anstieg der Durchschnittslohnsätze auf wird es für den Nachfrager interessant (Fig. 10-4.I.), statt Arbeit Kapital einzusetzen; die Arbeitsnachfrage geht zurück und die Nachfragekurve wird vielwMI wM0 νE νM0 SM wMI 236 Zweiter Teil. Mikroökonomie leicht die Lage einnehmen. Die Mindestlohnsatzkurve schneidet dann die Nachfragekurve bei der geringeren Menge . Es ist jedenfalls nicht auszuschließen, daßMindestlohnsätze langfristig die Zahl der Beschäftigten einer Arbeitsart verringern. Das Ergebnis ist vom Verhalten der Produzenten, von der Substitutionsmöglichkeit zwischen den Arbeitsarten (z. B. zwischen gelernter und ungelernter Arbeit) und zwischen Arbeit und Kapital sowie von den Grenzertragswertfunktionen beider Faktoren abhängig. Ein tatsächlich zu beobachtender Effekt von Mindestlöhnen ist, daß weniger gute Arbeit durch höherwertige ersetzt wird. Wie immer das Ergebnis aussehen mag, es sollte deutlich geworden sein, daß das Ausbeutungskonzept traditioneller Art auch theoretisch nicht zu begründen ist. Man erhielte eher einen akzeptablen Begriff der "Ausbeutung", wenn man imGegensatz zu den bisherigen Definitionen an Fälle dächte, in denen der Nachfrager von Arbeitsleistungen die Unkenntnis von Arbeitern ausnutzt und für gleiche Leistungen unterschiedliche Löhne zahlt oder die Entlohnung nach außerökonomischen Kriterien (wie Geschlecht, Hautfarbe, Religion) differenziert. Vielleicht ist der Erfolg des organisierten Angebots auf dem Gebiet der allgemeinen Arbeitsbedingungen größer gewesen als bei der Lohnfindung. Gewerkschaften Gewerkschaften sind Vereinigungen von Arbeitnehmern, die vor allem höhere Löhne und bessere Arbeitsbedingungen für die Mitglieder der Gruppe erreichen wollen. Weitere mögliche Zielsetzungen sind die Schulung von Mitgliedern und - vor allem in der Bundesrepublik Deutschland - die Mitbestimmung, die eine nicht unwichtige Rolle in der gewerkschaftlichen Aktivität spielt. Eine weite Definition scheint im Hinblick auf die Realität zweckmäßig. Die allgemeine Bedeutung der Gewerkschaften liegt darin, daß sie eine Vielzahl individueller Arbeitnehmerinteressen auf den Arbeitsmärkten geschlossen vertreten. In weiten Bereichen sind kollektive Lohnverhandlungen typisch. Wenn auch in den westlichen Ländern der größere Teil der Arbeiter nicht organisiert ist - in der Bundesrepublik Deutschland gehört ungefähr jeder fünfte Arbeitnehmer einer Gewerkschaft an -, darf nicht übersehen werden, daß kollektive Vereinbarungen oft auch für die Nichtorganisierten gelten (Allgemeinverbindlichkeit). Ausgesprochen arbeitnehmerfeindliche Regelungen lassen sich nicht (oder nur schwer) aufrechterhalten oder durchsetzen. Der Einfluß der Gewerkschaften auf die politischen Entscheidungsträger ist erheblich und sollte nicht unterschätzt werden. Dominieren bei den Gewerkschaften politische Ziele, wäre der Terminus "politische Parteien" angebracht, unabhängig davon, wie sich die Organisationen selbst bezeichnen. Die wichtigste ökonomische Frage ist die nach dem Einfluß der Gewerkschaften auf die Lohnbildung. Geht man von einem bilateralen Monopol auf dem Arbeitsmarkt aus, sind den Verhandlungsergebnissen nach oben und unten Grenzen gesetzt, jenseits derer Nachfrage oder Angebot völlig ausfallen (Fig.10-3.IV.). Innerhalb dieser Grenzen setzen beide Seiten zahlreiche strategischeMöglichkeiten der Verhandlung und des Drucks ein, um die Gegenseite zu Zugeständnissen zu bewegen. Bekannte Mittel sind gegenseitige öffentliche D1 ν'E 10. Faktorpreisbildung 237 Anprangerung, Drohung, Boykott, Streik undAussperrung. Das Interesse, welches Arbeitskämpfe in der Öffentlichkeit erwecken, läßt leicht vergessen, daß es gravierendere dynamische Einflüsse auf den Lohn gibt als Art und Dauer der Verhandlungen. Es sind jene bekannten Faktoren, die für die Elastizität des Angebots und der Nachfrage eines Arbeitsmarktes bestimmend sind. Aus diesen Gründenmußman annehmen, daß langfristig die Elastizität der Nachfrage und des Angebots auf demArbeitsmarkt größer ist als bei kurzfristiger Betrachtung. Mit zunehmender Nachfrage- und (oder) Angebotselastizität schrumpft der Verhandlungsspielraum im bilateralen Monopol. Befinden sich die Nachfrager nach Arbeitsleistungen auf den Absatzmärkten in scharfem Wettbewerb oder geht die Nachfrage nach den Produkten zurück, können auch harte Verhandlungen den Lohn nicht über ein bestimmtes Niveau hinaus erhöhen. Das gilt entsprechend für das Arbeitsangebot. Es ist deshalb nicht erstaunlich, daß der Lohn in der Bundesrepublik Deutschland auf einigen Arbeitsmärkten (z. B. im Kohlenbergbau) zeitweilig hinter anderen Löhnen zurückgeblieben ist, obwohl die Gewerkschaften einen starken Druck auszuüben versuchten und der Organisationsgrad (Anteil der organisierten an der Gesamtzahl der Arbeitnehmer) relativ hoch liegt, während auf anderen Arbeitsmärkten, auf denen das Angebot weniger organisiert ist (z. B. bei Hausangestellten), die Löhne besonders stark gestiegen sind. Generell ist festzuhalten: Die ökonomischen Bestimmungsfaktoren der Nachfrage und des Angebots auf dem Arbeitsmarkt können von größerem Gewicht sein als die Organisationsformen beider Marktseiten. K 10-1 Krise der Gewerkschaften Seit einigen Jahren sind die Mitgliederzahlen der Gewerkschaften in hochentwickelten Ländern rückläufig. Dieser Trend ist in der Bundesrepublik Deutschland durch die deutsche Einigung im Jahr 1990 überdeckt worden. Wegen des hohen Organisationsgrades in der früheren DDR, die typisch ist für ein sozialistisches Regime, wuchs der Mitgliederbestand kräftig an, nahm in den folgenden Jahren jedoch in Übereinstimmung mit dem internationalen Trendwieder ab. Gegenwärtig ist mit knapp 7 Millionen Organisierten ein Mitgliederbestand für das wiedervereinigte Deutschland zu verzeichnen (Organisationsgrad etwa 20 %), der niedriger ist, als in den achtziger Jahre allein für die alten Bundesländer. Ähnlich verläuft die Mitgliederentwicklung in anderen Industrieländern, allerdings mit einer erheblichen Streuung zwischen ihnen, deren Gründe übergangen seien. So ist der Organisationsgrad in Großbritannien in den letzten beiden Jahrzehnten von 55% (1978) - dem historischen Höchststand - auf 25% (2010) gefallen. Weniger dramatisch verlief die Entwicklung in den skandinavischen Ländern, in denen trotz eines Rückgangs die Gewerkschaften noch weit mehr als die Hälfte der Beschäftigten zu erfassen wissen. Der wichtigste Grund für die Krise der Gewerkschaften ist die abnehmende Bedeutung des primären und sekundären Sektors der Volkswirtschaft (Landwirtschaft und Bodenschätze bzw. Verarbeitende Industrie) im Vergleich zum tertiären Sektor (Dienstleistungen).Die Schwerpunktverlagerung zwischen den Sektoren ist eine Begleit- 238 Zweiter Teil. Mikroökonomie III. Besonderheiten der Zinsbildung Kredittheorie des Zinses Der Zins ist der Preis für die zeitliche Inanspruchnahme von Geldkapital (= Kredit), ausgedrückt in Prozenten und bezogen auf eine Periode (meistens ein Jahr). Man könnte auch sagen: Der Zins ist der Preis, der die Verteilung von Geld steuert. Das Geldkapital- oder Kreditvolumen kann deshalb bei einem gegebenen Geldvolumen steigen oder fallen. In diesem Abschnitt wird nur die Verteilung von Geld analysiert. Die Probleme der Änderungen des Geldvolumens werden später behandelt (18. und 19. Kap.). Da Geldvolumenänderungen (Kredite der Notenbank) auch den Zins beeinflussen, müssen sie in die Zinstheorie eingehen, obwohl es zweckmäßig ist, genau zwischen Geld und Kredit zu unterscheiden. Der Zins bildet sich aus Angebot und Nachfrage, die als solche bereits analysiert worden sind. Bei der Zinsbildung ist auf einige Besonderheiten zu achten, auf die schon kurz hingewiesen wurde (9. Kap.). Quellen des Geldkapitalangebots sind einmal das Sparen ( ) derHaushalte undUnternehmen. Die Ersparnisse der Unternehmen lassen sich wieder vereinfachend als Vermögensbestände der Haushalte betrachten. Hierzu muß noch die Veränderung der Geldmenge ( ) gerechnet werden, die sich als Kredit der Notenbank interpretieren läßt. Das Gesamtangebot ist also . Die Nachfrage einer Unternehmung nach Krediten wird aus ihrem Produktangebot abgeleitet. terscheinung der wirtschaftlichen Entwicklung. In den beiden ersten Sektoren hat sich in allen hochentwickelten Ländern die Zahl der Arbeitsplätze zum Teil drastisch vermindert. So sind in der Bundesrepublik Deutschland Arbeitsplatzverluste in der Landwirtschaft, im Steinkohlebergbau, in der Stahlindustrie und in der Textil- und Bekleidungsindustrie zu verzeichnen. Vor allem im sekundären Sektor ist der Organisationsgrad ungewöhnlich hoch - zum Teil über 90% -, im Gegensatz zum Dienstleistungssektor. Die unvermeidliche Folge einer Umstrukturierung sind deshalb zurückgehende Mitgliederzahlen bei den Gewerkschaften. Dieser weltweite Struktureffekt wird durch einige Faktoren verstärkt. Einer dieser Faktoren ist das Aufkommen des Computers. Durch den Computereinsatz hat sich die Natur des Arbeitsplatzes häufig fundamental verändert und diese - wie etwa im Druckgewerbe - einer gewerkschaftlichen Kontrolle entzogen. Ähnlich wirken die Flexibilisierung der Arbeitsverhältnisse (z. B. unterschiedliche Arbeitszeiten) und die Teilzeitarbeit. Schließlich hat auch die Privatisierung öffentlicher Unternehmen - mit einemmeist hohen Organisationsgrad -, die in Großbritannien und Frankreich bisher ausgeprägter war als in Deutschland, die Bedeutung der Gewerkschaften zurückgedrängt. Die Krise der Gewerkschaften ist kein unabwendbares Naturgesetz. Um den Mitgliederabgang auszugleichen, müßte sie für die junge Generation attraktiv werden. Angesichts des Mentalitätswandels erfordert dies nicht zuletzt, daß die Gewerkschaften ideologische Altlasten abwerfen. Ob sie dazu in der Lage sind, muß dahingestellt bleiben. S MΔ S MΔ+ 10. Faktorpreisbildung 239 Betrachtet man den Kreditmarkt einer Volkswirtschaft als Einheit, muß zur Nachfrage der Privaten noch die des Staates addiert werden; soweit nämlich Staatsausgaben nicht durch Steuereinnahmen gedeckt sind, werden Kredite in Anspruch genommen. Da auch Kredite aus früheren Zeiten zurückgezahlt werden, findet nur der Überschuß der Kredite über die Rückzahlungen (Nettokredite) Berücksichtigung. Die Gesamtnachfrage der Unternehmen und des Staates erfolgt zum Zwecke der Beschäftigung von Produktionsfaktoren oder zur Auffüllung der Kassenbestände (Horten). Horten und Enthorten ergeben saldiert die Veränderung der Kassenbestände ( ), das Nettohorten. Der für die Faktoreinsätze nachgefragte Betrag wird als Investition ( ) bezeichnet. Kredite werden nicht nur für Investitionen und Horten, sondern auch für Konsumzwecke nachgefragt (Konsumentenkredite). Zur Vereinfachung sei angenommen, dieser Betrag wäre beim Sparangebot der Haushalte schon berücksichtigt worden. Das Sparen der Haushalte umfaßt dann nur jenen Betrag, der den Unternehmen und dem Staat angeboten wird. Die Gesamtnachfrage ist dann . Gesamtnachfrage und -angebot einer Periode sind gleich, wenn gilt: (10.1) (Gleichgewichts-Bedingung). Durch Auflösen von (10.1) nach ergibt sich (10.2 a) (Gleichgewichts-Bedingung) oder - wegen (9.5) - (10.2 b) (Gleichgewichts-Bedingung). Der amerikanischeNationalökonomABBA PTACHYA LERNER (1903-1982) hat die Zusammensetzung des Angebots und der Nachfrage entsprechend derGleichgewichtsbedingung (10.1) sowie die Beziehungen zwischen Krediten (Geldeinheiten pro Zeit) und dem Zinssatz übersichtlich dargestellt. Das Konzept wird auch als loanable funds-Theorie bezeichnet. In Fig. 10-5 sind die Angebotsgrößen und separat und dann als Summe aufgetragen; ebenso ist mit den Nachfragegrößen und verfahren worden. Der Zinssatz ist der Preis, der die gesamtwirtschaftlich ausleihbaren und nachgefragten Fonds , kurz: das Angebot und die Nachfrage auf dem Kreditmarkt, zum Ausgleich bringt. Diese Aussage steht unter dem Vorbehalt der ceteris paribus- Klausel; vor allem das Volkseinkommen darf sich nicht ändern (14. und 15. Kap.). Sparen und Investieren determinieren nur dann den Zins, wenn keine Geldmengen- und Kassenbestandsänderungen stattfinden (WICKSELLscher Punkt bei ) oder im anderen Grenzfall gilt. Eine andere Erklärung der Zinsbildung, die nicht auf den Kredit- sondern den Geldmarkt abstellt, stammt vonKEYNES. Nach seiner Hypothesewäre allein das Nettohorten zinsabhängig. Mit fallendem Zinssatz steige die Neigung zu horten und das Sparen habe nur indirekt mit dem Zinssatz zu tun; unmittelbar bestimmend dafür sei das Volkseinkommen ("Liquiditätspräferenz-Theorie"). Auf die Ansichten von KEYNES wird noch näher eingegangen (14. und 15. Kap.). Ein wichtiger Punkt mag schon hier erwähnt sein. Angebot und Nachfrage KΔ I I KΔ+ t S MΔ+ I KΔ+= I I S M KΔ–Δ+= I G= M i S MΔ S MΔ+ I KΔ iE 0ME W MΔ KΔ 0= = MΔ K 0≠Δ= 240 Zweiter Teil. Mikroökonomie nach Krediten sind empirisch gesehen nur bedingt zinsabhängig. Es ist eine offene Frage, ob das Sparangebot in der Wirklichkeit auf Zinsänderungen stark reagiert. Fig. 10-5: Zinsbildung Einkommens- und Allokationsfunktion Die Festsetzung, der Zinssatz sei der Preis für die Inanspruchnahme von Krediten auf ein Jahr, schließt keine Aussage über die Laufzeit des Kredits ein. Diese kann zwischen einem Tag und praktisch unendlich ("ewige Rente") variieren. Ändert sich der Zinssatz, wirkt sich das zunächst nur auf das Einkommen der Anbieter neuer Kredite aus. Das Einkommen der Ausleiher früherer Kredite ändert sich nicht, es sei denn, bei der Ausleihung wurde eine Anpassung an Zins- änderungen vereinbart. Das gegenwärtige Einkommen der Ausleiher früherer Kredite wird zwar nicht beeinflußt, wohl aber der reale Wert ihres Vermögens. Eine festverzinsliche Schuldverschreibung über einen bestimmten Betrag (z. B. 100 Euro) wird bei einer Zinserhöhung im Realwert fallen et vice versa. Steigt der Zins von 4 auf 5%, müßte der Kurswert von beispielsweise 100 auf etwa 80 zurückgehen, denn dem Nominalzins von 4% auf den Nennwert des Papiers von 100 entspricht ein "Realzins" von 5% auf den Kaufpreis von 80. Der Zinssatz ist - wie wir wissen (9. Kap.) - eine Größe, die es gestattet, Gegenwarts- und Zukunftseinkommen zu verbinden. In der Zukunft erwartetes Einkommen soll als Vermögen bezeichnet werden. Man kann auch sagen: Der Zinssatz verbindet den gegenwärtigen Einkommensstrom ( ) mit dem gegenwärtigen Vermögensstock ( ), aus dem künftige Einkommen fließen. Für den Fall einer dauernden Investition gilt die einfache Beziehung: (10.3 a) oder (10.3. b) . Wirft ein Grundstück ein jährliches Einkommen von 1000 Euro ab und beträgt der Zinssatz auf dem Kapitalmarkt 5%, wäre der Marktwert des Grundstücks nach (10.3 a) 1000 ∙ 100/5 = 20 000 Euro. Fiele der Zins auf 4%, würde sich der Y W W Y i⁄= Y i W⋅= 10. Faktorpreisbildung 241 Wert auf 25 000 Euro erhöhen, was keineswegs paradox ist, da ein Kapitalgut bei konstanten Darlehenserträgen und sinkendem Zinsniveau relativ im Wert steigt. Bei der Vermögensbewertung vermengt man häufig wirtschaftliche und technische Betrachtungsweise. Eine Investition mit dem dauernden Zinsertrag von Null ( ) besitzt nach (10.3 a) keinen Wert, weil das Vermögen als zukünftiges Einkommen dann ebenfalls Null ist. Gleichgültig bleibt dabei, ob die Investition technisch erfolgreich durchgeführt wurde oder nicht. Investiert jemand 100 000 Euro in eine Fabrik und ist von dem produzierten Gut kein Stück absetzbar, existiert kein Vermögen im wirtschaftlichen Sinn, soweit nicht die Anlage einen Schrottwert besitzt oder für eine andere Produktion verwendet werden kann. Der Leser achte selbst einmal auf die nicht seltenen Fälle, in denen von "Kapitalvernichtung" oder "Vermögensverschleuderung" gesprochen wird, obwohl wirtschaftliches Vermögen nicht oder nicht mehr in dem behaupteten Umfang vorhanden, da ein entsprechendes künftiges Einkommen nicht zu erwarten ist. Die Einkommen aus Krediten, die Zinserträge, werden von Kritikern des "Kapitalismus" als einStein des Anstoßes betrachtet. Die "Ausbeutung" der Arbeitskraft sei nur deswegen möglich, weil es Leute gebe, die ihre Arbeitskraft keinem Fremden anzubieten brauchten. Das seien die Kapitalbesitzer, die von der "Rente" ihrer Investitionen lebten. Wäre nicht eine Volkswirtschaft ohne Zinseinkommen besser? Wir wissen, daß Realkapital ein notwendiger Bestandteil einer arbeitsteiligen Produktion ist. Aus seinem Einsatz entstehen Erträge. Wer über Kredite verfügen will, wird wegen des dadurch möglichen ertragsteigernden Realkapitaleinsatzes bereit sein, Zinsen zu zahlen, was im allgemeinen auch erforderlich ist, um Einkommensbezieher zum Verzicht auf Gegenwartskonsum zu veranlassen. Die Entscheidung über die Allokation des Kapitals kann im Extremfall entweder vollständig von den Privaten oder dem Staat getroffen werden. Für welches System man sich auch entscheidet: Die Existenz von Kapital und Kapitalerträgen ist kein Unterscheidungskriterium der Lenkungssysteme. In einer Zentralverwaltungswirtschaft wird das "sozialisierte" Realkapital nach dem Zentralplan in seine Verwendungsrichtungen dirigiert. In einer Marktwirtschaft können die Privaten ihr Vermögen im Rahmen bestehender Gesetze am Ort größtmöglicher Erträge einsetzen. Man verläßt sich in ihr weitgehend auf die Lenkungs- oder Allokationsfunktion der Gewinne und Verluste. Die kurz- und langfristige Analyse des Angebots hat zu zeigen versucht, welche Wirkungen auf die Verwendung der Produktionsfaktoren von den Gewinnen ausgehen können. Die Zinserträge sind allerdings nur ein Teil dessen, was die Unternehmer als Gewinn bezeichnen, und von den Zinserträgen ist wiederum nicht alles Gewinn. Wenn man Gewinn als Differenz zwischen Erlösen und opportunity cost (Transfereinkommen) versteht, ist von den Zinserträgen nur der Teil Gewinn, der über den "Festhaltebetrag" hinausgeht. Da Kredite, wie jedes andere Gut, knapp sind, können sie vom Investor nur gehalten werden, wenn er zumindest die opportunity cost zahlt. Es ist also fraglich, ob der größere Teil der Unternehmergewinne aus Zinserträgen stammt. Unternehmergewinne entstehen vor allem auch als ökonomische Rente aus dem Einsatz anderer, dem Unternehmer Y 0= 242 Zweiter Teil. Mikroökonomie gehörenden Faktoren und als dynamische Gewinne - ganz abgesehen von jenen Fällen, in denen der "Lohn" des Unternehmers dem Gewinn zugerechnet wird. Die gängige Aufteilung des Volkseinkommens in Arbeitnehmereinkommen (Lohnquote), Unternehmer- und Vermögenseinkommen ist für die angedeuteten Probleme einer Gewinnabgrenzung ohne größere Aussagekraft. 11. Kapitel: Wettbewerbstheorie I. Von der Preis- zur Wettbewerbstheorie Ansatzpunkte Grenzen der Deduktion - Theorie der vollständigen Konkurrenz - Theorie der monopolistic competition - Marktform - Verhaltensweise - Technik Erklärungsziele Realitätsbezogene Erklärung des Wettbewerbsprozesses - Erarbeitung von Normen - Politisch-praktisches Motiv II. Grundzüge des Konzepts der workable competition Unvollkommenheiten des Wettbewerbs Diskrepanz zwischen vollständiger Konkurrenz und Realität - Dynamischer Prozeß - Beispiel - Keine Konstellation von Unvollkommenheitsprämissen Wettbewerbsergebnis als Bewertungskriterium Wirtschaftlicher Fortschritt - Meßproblem - Zielkonflikt - Preisgünstige Verbraucherversorgung als absolutes Ziel III. Das neoklassische Wettbewerbskonzept Theoretische Elemente Keine homogene Theorie - Ungewißheit und Unsicherheit - Maximierung der Erwartungserfüllung - Potentieller Wettbewerb Marktstruktur und -verhalten als Bewertungskriterien Objektives und subjektives Kriterium - Marktstruktur - Marktverhalten - Wettbewerbsgeist - Unterschiede - Ausnahmebereiche - Angeblicher Widerspruch I. Von der Preis- zur Wettbewerbstheorie Ansatzpunkte In der Wettbewerbstheorie wird versucht, solche Sachverhalte zu erklären, die in der bisher dargestellten Lehre (4. bis 10. Kap.) über vollkommene und unvollkommeneMärkte Daten sind, obwohl sie imWettbewerbsprozeß Änderungen unterliegen und auf ihn zurückwirken. Mit ihr möchte man primär Anpassungsprozesse analysieren, die durch den Prämissenkatalog der Preistheorie aus der Überlegung ausgeschlossen werden. Die traditionelle Preistheorie basiert - wie jede Theorie - auf bestimmtenHypothesen, die zunächst einmalmehr oder weniger plausibel sind und als Prämissen verschiedene Aussagensysteme abzuleiten gestatten. So unterscheiden sich die Theorien unvollkommener von denen vollkommener Märkte durch die Güterart (7. Kap.). Wie immer die Prämissen im einzelnen gewählt werden: Aus logischen Gründen gewinnt man durch die Ableitung keine Erkenntnisse, die nicht bereits vor der Deduktion in den Prämissen enthalten sind (1. Kap.). DieGrenzen der Deduktion lassen sich nach einer bekannten Redewendung in der Mathematik dadurch kennzeichnen, daß aus einem Topf nicht mehr herausgeholt werden kann, als vorher hineingelegt worden ist. BeimVersuch, denWettbewerbsprozeß theoretisch zu erfassen, lag es begrifflich nahe, auf die Theorie der vollständigen Konkurrenz zurückzugreifen. Es zeigte sich aber bald, daß die Verfeinerungen der preistheoretischen Analyse in den letzten Jahrzehnten zu einem System von Aussagen geführt haben, mit dem allein das Anbieter- und Nachfragerverhalten bei gegebenen Annahmen erklärt wird. Zu den wesentlichen Prämissen der perfect competition gehören bekanntlich eine große Zahl von Marktteilnehmern auf der Angebots- und Nachfrageseite, unbeschränkter Marktzutritt, Homogenität des Gutes, Unabhängigkeit der individuellen Entscheidung und völlige Markttransparenz. Hieraus sind unter der zusätzlichen Bedingung der Gewinn- bzw. Nutzenmaximierung der Marktteilnehmer kurz- und langfristige Gleichgewichte für die Einzelwirtschaft, den Markt und die Gesamtwirtschaft ableitbar. Beschränkt sich die Analyse auf die Erklärung der Gleichgewichte, entziehen sich jedoch dem Blickfeld gerade jene Faktoren, die für Unruhe auf den Märkten, für Wettbewerb sorgen. Im Gleichgewicht ist jeder Marktteilnehmer hinsichtlich seiner Erwartungen zufriedengestellt. Niemand hat Veranlassung, neue Aktivitäten zu entfalten. Auslösendes Moment einer Gleichgewichtsstörung an einem Markt sind Verschiebungen der Angebots- oder Nachfragekurve. Es entstehen Angebots- oder Nachfrageüberschüsse, die Anpassungsprozesse mit vorhersehbaren Ergebnissen ("Gesetze" von Angebot und Nachfrage) induzieren (4. Kap.). Weder die Prozesse selbst noch die auslösenden Ursachen und ihre Wechselbeziehungen können durch dieses Vorgehen adäquat erfaßt werden. Die traditionelle Preistheorie analysiert weniger die Datenänderungs- und die darauf folgenden Anpassungsprozesse sowie ihre treibenden Kräfte, sondern die mehr oder weniger fiktiven Ausgangs-, Übergangs- und Endzustände eines komplexen Marktgeschehens. Ein Teil der Wettbewerbskräfte wird durch die Anwendung der Methoden der komparativen Statik sowie der dynamischen 246 Zweiter Teil. Mikroökonomie Analyse sichtbar gemacht. Dieser Ansatz schließt eine umfassende Wettbewerbsanalyse aus. Bei vorsichtiger Interpretation lassen sich gleichwohl realitätsbezogene Erkenntnisse gewinnen, wie die Arbeiten einiger Wissenschaftler (z. B. GEORGE JOSEPH STIGLER (1911-1991) und MILTON FRIEDMAN ( 1912-2006)) zeigen, die den Wettbewerb preistheoretisch zu erfassen suchen. Die Prämisse heterogener Güter ermöglicht die Ableitung der Konsequenzen räumlicher, zeitlicher, sachlicher und persönlicher Präferenzen. Die Theorie dermonopolistic competition (7. Kap.) vermittelt insoweit ein wirklichkeitsnäheres Bild der Realität. Sie vermag zu zeigen, daß einige der Ergebnisse, die bei vollständiger Konkurrenz zu erwarten sind, nicht eintreten. Vor allem bildet sich in der Regel und kurzfristig nicht der enge Zusammenhang zwischen Kosten und Preisen heraus, der für die vollständige Konkurrenz typisch ist. Eine realitätsbezogene Aussage über den Wettbewerb dürfte auf einige Argumente der Theorie der monopolistischen Konkurrenz kaum verzichten können. Eine andere Frage ist jedoch, ob damit der Wettbewerb in seinen wichtigsten Erscheinungsformen erfaßt wird. Zunehmend hat sich die Auffassung durchgesetzt, daß diese Theorie den Rahmen der perfect competition nicht entscheidend erweitert, wenn ihr auch ein erweiterter Prämissenkatalog zugrunde liegt. Bei der Anwendung auf konkrete Wettbewerbsprobleme hat sie sich als wenig nützlich erwiesen. Denn diese sind letztlich Phänomene ökonomischen und sozialen Wandels, Ergebnisse (und Elemente) historischer Prozesse und dabei in nicht unerheblichem Maße Konsequenzen innovativer Aktivitäten. Die Preistheorie in ihrer morphologischen Ausrichtung geht von einer bestimmtenMarktform aus, etwa der des Oligopols. ImWettbewerb wandelt sich jedoch häufig die Marktform, weil ihre Transformation Folge oder Ziel von Anpassungsprozessen sein kann. Folge ist sie z. B., wenn technologische Änderungen immer größere Betriebseinheiten erfordern und der Markt nur einen quantitativ begrenzten Absatz zuläßt. Ziel ist sie, wenn z. B. ein auf verschiedenen Teilmärkten operierender Konzern (Konglomerat) auf einem Teilmarkt unter Selbstkosten verkauft mit der Absicht, die Konkurrenten zu ruinieren und den Markt schließlich zu monopolisieren. Die Marktformen sind deshalb vom Standpunkt einer empirisch relevanten Wettbewerbstheorie ihrerseits zu erklärende Variablen. Analoges gilt für dieVerhaltensweise, das ebenfalls ein Klassifikationskriterium der Preistheorie ist. Verhaltensweisen bleiben im Wettbewerbsprozeß, dessen Intensität im Ablauf der Konjunkturphasen, der Entwicklungsstadien eines Marktes, des Wachstums der Unternehmung u. a. m. variiert, nicht konstant. Typisch ist vielmehr, daß die Konkurrenten sich mit wechselnden Verhaltensweisen begegnen. In der herkömmlichen Preistheorie behalf man sich durch die Einführung alternativer Verhaltensweisen, ohne sie selbst aus dem tatsächlichen Marktgeschehen heraus zu erklären. Ein drittes Datumder Preistheorie ist dieTechnik. Gelegentlich gibtman zwar - z. B. in der Kostentheorie (6. Kap.) - die Annahme einer konstanten Technik auf. Aber dabei werden technische Änderungen als vorgegeben (exogen) unterstellt. Es fehlt eine endogene Erklärung (aus dem Wirtschaftsprozeß), vor allem eine über die Wechselwirkungen zwischen technischem Fortschritt und Wettbewerb. 11. Wettbewerbstheorie 247 Erklärungsziele Die Kritik an der traditionellen Preistheorie läßt erkennen, daß mit der Wettbewerbstheorie der Anspruch erhoben wird, eine realitätsbezogene Erklärung des Wettbewerbsprozesses zu bieten. Ohne Zweifel entspricht es nicht dem üblichen Sprachgebrauch, Aussagen über Gleichgewichte und ihre Bedingungen als Theorie desWettbewerbs zu bezeichnen. Schon eher läßt sich der Begriff für die Beschreibung und Erklärung von Anpassungsprozessen an das Gleichgewicht verwenden. Dabei bleibt offen, ob jemals ein Gleichgewicht erreicht wird. Deshalb wird der Ausdruck "Marktprozeß" bevorzugt; "Anpassungsprozeß" deutet auf einen Endzustand hin. Wichtige - jedoch nicht ausschließliche - Variablen wettbewerbstheoretischer Analyse sindMarktform, Verhaltensweise und Technik, die in der Preistheorie Daten darstellen. Marktprozesse können im einzelnen politisch erwünscht oder unerwünscht sein. In einer Wettbewerbsordnung sind diejenigen Marktprozesse unerwünscht, die das Wertsystem derWirtschaftspolitik - das Freiheitspostulat und die gesamtwirtschaftlichen Ziele (3. Kap.) - verletzen. Als Gegenstand derWettbewerbstheorie wird deshalb auch die Erarbeitung von Normen für Marktprozesse angesehen, die selbst und in ihren Ergebnissen den Anforderungen der Wettbewerbsordnung entsprechen. Die Ausgestaltung der Wettbewerbsordnung ist ein politischer Entscheidungsakt der betreffenden Wirtschaftsgesellschaft. Der Stellenwert der Wettbewerbspolitik variiert von Land zu Land und damit auch das Niveau der Wettbewerbstheorie und -politik. Es dürfte z. B. in den USA und auch in der Bundesrepublik Deutschland höher sein als in den meisten romanischen Ländern. Für die Entwicklung der modernen Wettbewerbstheorie ist schließlich ein politisch-praktisches Motiv bestimmend gewesen. Soll die Wettbewerbstheorie derWettbewerbspolitik dienen, die in entscheidenden Punkten den Rahmen der marktwirtschaftlichen Ordnung mitgestaltet, bedarf sie einer Form, die auch rechtlich-politischen Ansprüchen genügt, das heißt, es muß eine Brücke von einer empirisch gehaltvollen Theorie des Wettbewerbs zu einer praktikablen Wettbewerbspolitik vorhanden sein. Als Grundlage für eine solche Politik eignen sich nur Theorien, deren Konsequenzen von den politischen Entscheidungsträgern und Gerichten beurteilt werden können. Tatsächlich haben die Probleme der amerikanischen Wettbewerbspolitik die Entwicklung der Wettbewerbstheorie erheblich gefördert. Genereller Ansatzpunkt ist die Herausbildung von privater und öffentlicher Machtkonzentration, der in einer freien Gesellschaft mißtraut wird. Wettbewerb - wie immer er im einzelnen definiert werdenmag - wird oft als Abwesenheit von Freiheitsbeschränkungen oder von dominierender Marktmacht verstanden. Für die Wettbewerbspolitik zahlreicher Länder hat sich deshalb der Grundsatz herausgebildet, daß der auf freier Entscheidung beruhende Wettbewerb vor Beschränkungen zu schützen und Marktmacht zu bekämpfen ist. Das "Grundgesetz" der Wettbewerbspolitik in der Bundesrepublik Deutschland heißt dementsprechend Gesetz "gegen" Wettbewerbsbeschränkungen (GWB vom 27. 7. 1957, sogenanntes Kartellgesetz; in Kraft seit 1. 1. 1958, mehrmals novelliert). Der Sherman Act von 1890 in den USA - einschließlich späterer Ergänzungen - wird als "Anti"-Trustgesetz be- 248 Zweiter Teil. Mikroökonomie zeichnet. Hinter dieser negativen Fassung derWettbewerbspolitik steht erstens die Erwartung, daß die vom Wettbewerb erwarteten Wirkungen eintreten, wenn seine Behinderung oder Beseitigung vermieden wird. Zweitens läßt sie vermuten, daß es offenbar schwierig ist, eine positive Legaldefinition des Wettbewerbs zu finden. II. Grundzüge des Konzepts der workable competition Unvollkommenheiten des Wettbewerbs Das Konzept der workable competition läßt sich als Antwort auf die Frage verstehen, wie die Diskrepanz zwischen den wirklichkeitsfernen Prämissen des Modells der vollständigen Konkurrenz und der "unvollkommenen" Realität zu beheben ist. Ein möglicher Versuch wäre, die Unvollkommenheiten durch politische Maßnahmen so weit wie möglich zu beseitigen, so daß sich dieWirklichkeit dem Vollkommenheitsideal annähert. Mit der Konzeption der workable competition wird der entgegengesetzte Weg beschritten: Unvollkommenheiten seien die unvermeidbare Realität, gemessen am Ideal der vollständigen Konkurrenz. Es zeige sich sogar, daß bestimmte Unvollkommenheiten den Wettbewerb erst effektiv machten. Als erster formulierte diese Idee der amerikanische Nationalökonom JOHNMAURICECLARK (1884-1963) in seinemVortrag "Toward a Concept of Workable Competition" (1939, veröffentlicht 1940), der wie kaum eine andere Einzelpublikation eine weltweite Diskussion auslöste und zahlreiche Anhänger fand. Wie immer in solchen Fällen variieren die Ansichten einzelner Wissenschaftler erheblich im Detail. Wenn dennoch von "dem" Konzept der workable competition gesprochen wird, so nur deswegen, weil es gemeinsame Grundauffassungen gibt, die eher als eine Sammlung wettbewerbspolitischer Grundsätze denn als geschlossene Theorie zu bezeichnen sind. CLARK geht von der Ansicht aus, Wettbewerb könne nur als dynamischer Prozeß verstanden werden, der sich in Vorstoß und Verfolgung zeige. Das werde deutlich, wenn man die dynamische Analyse mit der statischen Preistheorie vergleiche. Sei nur eine Prämisse der Preistheorie aus irgendwelchen Gründen nicht zu erfüllen, würde selbst bei vollständiger Präsenz der übrigen Bedingungen der Wettbewerb nicht ohne weiteres "workable". Wirksamer Wettbewerb ließe sich in der Wirklichkeit nur erreichen, wenn Bedingungen gefunden werden könnten, die gleichsam als "Gegengift" dieWirkungen vonwettbewerbsbeschränkenden Unvollkommenheiten beseitigten. Im Hinblick auf das Ideal des vollkommenen Marktes erhalte man zwar "zweitbeste", aber realisierbare Lösungen - eine Überlegung, die im Anschluß an CLARK von anderen Autoren zu einer generellen Theorie des "second best" ausgestaltet wurde. In seiner letzten, monumentalen Veröffentlichung "Competition as a Dynamic Process" (1961) geht CLARK einen Schritt weiter. SeineWettbewerbskonzeption, die unvollständige Konkurrenz, wird zur "first best-solution": Die vollständige Konkurrenz ist ihrer Funktion als Leitbild der Wettbewerbspolitik entkleidet, weil erst die 11. Wettbewerbstheorie 249 Abweichungen vom Modell, die Unvollkommenheiten, das bewirken, was die Bezeichnung Wettbewerb verdient. An einem Beispiel sei der Gedanke von der heilenden Wirkung von Marktunvollkommenheiten illustriert, der in CLARKs Veröffentlichungen und denen seiner Anhänger ständig wiederkehrt. Gegenüber der vollständigen Konkurrenz ist ein Angebotsoligopol unvollkommen, da sich nur wenige Anbieter den Markt teilen. Im Oligopol besitzt der einzelne Anbieter so erhebliches Gewicht, daß er bei seinen Entscheidungen die möglichen Reaktionen der Rivalen in Rechnung stellenmuß (7. Kap.). Bei "vollständigerMarkttransparenz" - Prämisse des vollkommenen Marktes - weiß jeder Anbieter, wie die Rivalen auf seine Entscheidung reagieren. Ist ein Oligopolist unter diesen Bedingungen nicht stark genug, die Konkurrenten aus dem Markt zu verdrängen, könnte er auf Kosten der Rivalen kaum gewinnen. Dann drängt sich allen Anbietern ein gleichförmiges Verhalten (bewußtes Parallelverhalten) auf. Dazu bedarf es nicht einer vertraglichen Vereinbarung, etwa in Form eines Kartells, wie das gemeinsameVorgehen deutscher und ausländischer Chemiekonzerne bei Preiserhöhungen für Farbstoffe deutlich zeigt (Teerfarbenfall), in der Regel nicht einmal der Abstimmung. An die Stelle der individuellen kann die kollektive Gewinn- oder Umsatzmaximierung treten. Völlige Markttransparenz führt so zu einem Ergebnis, das dem eines Angebotsmonopols ähnlich ist. Wettbewerb bleibt jedoch bei unvollständigem Wissen, wenn also die Reaktionen der Rivalen unvorhersehbar sind, möglich. Der Ausschluß gleichförmigen Verhaltens bedeutet, daß dieMöglichkeit einer zirkularen Konkurrenz, mit Aktion und Reaktion der Marktkontrahenten, offengehalten und unter Umständen die wettbewerbsbeschränkende Wirkung der Anbieterzahl kompensiert wird. Diese Abweichung von der polypolistischen Angebotsstruktur könnte durch eine unvollkommene Markttransparenz geheilt werden. Sich ausgleichende Unvollkommenheiten ermöglichen in der Realität Wettbewerb, nicht dagegen die Realisierung der Bedingungen vollständiger Konkurrenz. Die wettbewerbsstimulierende Wirkung einer unvollkommenen Markttransparenz veranlaßt deshalb Konkurrenten zu Versuchen, die Ungewißheit durch einen institutionalisierten Informationsaustausch (Preismeldestellen) zu beseitigen. Es liegt nahe anzunehmen, daß im Konzept der workable competition gewisse Kombinationen von Marktunvollkommenheiten als wettbewerbsfördernd klassifiziert werden und andere nicht. Die Vertreter der workable competition beschränken sich jedoch auf die vage Aussage, daß Abweichungen von den Vollkommenheitsbedingungen generell Voraussetzung für die Funktionsfähigkeit des Wettbewerbs sind. Sie geben also keine Konstellation von Unvollkommenheitsprämissen an, die als notwendige und/oder hinreichende Bedingung des funktionsfähigen Wettbewerbs anzusehen wären, räumen vielmehr ein, daß es unvollkommenenWettbewerb gibt, den sie nicht als "workable" oder "effective" bezeichnen. Es bleibt die Frage, wie bestimmt werden kann, wann einWettbewerb als funktionsfähig zu bezeichnen ist. Charakteristisch für das Konzept dürfte sein, daß es keine Definitionen desWettbewerbs und präzise Theorien anbietet, sondern sich darauf konzentriert, einen Rahmen zu be- 250 Zweiter Teil. Mikroökonomie schreiben, innerhalb dessen eine Reihe unterschiedlicher Erklärungselemente des Wettbewerbs Platz finden. Wettbewerbsergebnis als Bewertungskriterium CLARK und seine Anhänger sehen den Wettbewerb als funktionsfähig oder effizient an, wenn dieser dem wirtschaftlichen Fortschritt dient. Es kommt also vor allem auf das Marktergebnis (market performance) an. Einen exakten Fortschrittsmaßstab gibt es nicht. Als positiveMarktergebnisse werden z. B. sinkende Kosten und Preise, eine steigende Produktion oder die Verbesserung der Produktqualität betrachtet. Diese Bewertung des Wettbewerbs nach seinen Ergebnissen klingt plausibel: Wenn die Wirtschaft die Aufgabe hat, die Menschen mit dem zu versehen, was sie wünschen, ist ein Versorgungssystemmit hohem Niveau günstiger zu beurteilen als ein solches mit einem geringen.Was interessiert es z. B. den Konsumenten, durch welche Art von Marktgeschehen Güter bereitgestellt werden. Entscheidend bleibt, ob er bei einem System Waren bestimmter Qualität preisgünstiger erhält als bei einem anderen. Ein leistungsfähiges Monopol, das ihn besser versorgt, würde er wahrscheinlich einer Vielzahl träger Anbieter vorziehen. Mit der Wahl der Effizienz als Beurteilungsmaßstab scheint das Konzept der workable competition zugleich ein Dilemma der nationalökonomischen Theorie zu lösen: Nach der Theorie der vollständigen Konkurrenz führt die Abwesenheit von Monopolen zu den besten Marktergebnissen. In der Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung, die vor allem auf JOSEPH SCHUMPETER zurückgeht, zeigt sich, daß zeitweilige Monopole den wirtschaftlichen Fortschritt entscheidend fördern (7. Kap.) - ein Gedanke, der von HEL- MUT ARNDT (1911-1997) wieder aufgegriffen wurde. Dieses Dilemma wird beseitigt, wenn die Marktform als Norm entfällt und die Ergebnisse entscheiden. Monopole, die dem Fortschritt dienen, sind "gut", solche, die dem Fortschritt schaden, "schlecht"; nichts anderes gilt für polypolistische oder oligopolistische Märkte. Die Betonung des market performance-Kriteriums schließt nicht aus, daß auch andere Maßstäbe - wie Marktstruktur und -verhalten - ergänzend herangezogen werden. Das Konzept der workable competition wurde mit der Absicht entworfen, eine theoretische Grundlage für eine realistische Wettbewerbspolitik zu schaffen. Ob dieses Ziel erfüllt werden kann, hängt entscheidend von der Lösung des Meßproblems ab. Hier liegt die Schwäche des Konzepts: Ein Teil der Theorie ist nur möglich, wenn tatsächlich alternative Situationen (Marktergebnisse unter verschiedenen Bedingungen) miteinander verglichen werden können. Die alternativen Situationen liegen in der Wirklichkeit meist nicht vor, und empirisch können tatsächliche und potentielle Fälle, d. h. Wirklichkeit und Spekulation, nicht getestet werden. Dieser Einwand greift auch gegen die Anwendung von Als-Ob-Maßstäben bei der Monopolbekämpfung durch, wie es z. B. LEON- HARD MIKSCH (1901-1950) vorgeschlagen hat. Das Dilemma des Konzepts der workable competition liegt darin, daß aus Mangel an analytischen Bezugspunkten und im Hinblick auf schwer eliminierbare Bewertungsunterschiede bei der Beurteilung einer bestimmtenWettbewerbssituation keine Übereinstimmung erzielt werden kann, ob diese Konkurrenz als effektiv zu bezeichnen ist 11. Wettbewerbstheorie 251 oder nicht. Es ist deshalb nur folgerichtig, wenn in der amerikanischen Antitrustpraxis vor allem die Gerichte wenig Neigung erkennen lassen, das Konzept der workable competition als Entscheidungsgrundlage einer im Einzelfall vorzunehmenden performance-Beurteilung zu akzeptieren. Selbst wenn angenommen wird, daß sich gelegentlich ein positives Marktergebnis gegenüber einer hypothetischen Konstellation mit einiger Wahrscheinlichkeit ermitteln ließe und über Erfolgskriterien Einigkeit bestünde, bliebe das Problem des Zielkonfliktes bestehen, das an einem bekannten Fall aus der amerikanischen Rechtsprechung aufgezeigt sei. Ein Konzern, die New York Great Atlantic and Pacific Tea Company (A & P) - ein Lebensmittelfilialsystem mit 5800 Läden -, hatte seine Marktmacht eingesetzt, um Waren billiger als die Konkurrenten einzukaufen. An Orten, an denen er sich niederlassen wollte oder starker Konkurrenz ausgesetzt war, bot er seine Ware zu geringeren Preisen an als seine Rivalen. Die Einkaufsvorteile des marktmächtigen Konzerns waren also einigen Verbrauchern zugute gekommen. Es bestand kein zwingender Grund zu der Annahme, daß die Besserstellung dieser Verbraucher nur temporär sein würde. Auch brauchte nicht befürchtet zu werden, daß A & P eine Monopolstellung beim Ein- und Verkauf von Lebensmitteln erlangt. Dennoch wurde im Jahre 1949 der Konzern wegen Verstoßes gegen das Antrittsrecht verurteilt. Wird die preisgünstige Verbraucherversorgung unreflektiert zum einzigen, also absoluten Ziel oder entscheidenden Bewertungsmaßstab der Wettbewerbspolitik erhoben, ist die Gerichtsentscheidung problematisch. Der A & P- Fall ist demgemäß von Anhängern des Konzepts der workable competition zumAnlaß genommenworden, die Antitrustrechtsprechung zu attackieren. Sie laufe nach ihrer Auffassung auf eine per se-Verurteilung großer Unternehmen hinaus, auch wenn sie wettbewerbsaktiver seien und demVerbraucher Vorteile brächten. Es muß jedoch beachtet werden, daßA&P seine Verkaufspreise nicht generell, sondern gezielt und dann oft unter die Selbstkostenpreise gesenkt hatte. Dementsprechend stellt sich die Frage, ob Vernichtungswettbewerb lokal geduldet werden soll, d. h. der Verkauf unter Kosten an bestimmten Orten. Rechtfertigt das Verbraucherinteresse die Drohung, Lieferanten, die nicht zu den geforderten Bedingungen verkaufen wollten, kämen auf schwarze Listen von A & P? Es liegt in der Logik des market performance-Tests, solchen Fragen mit dem Ergebnis des Wettbewerbs entgegenzutreten. Doch nicht nur die amerikanische Rechtsprechung, auch eine Reihe vonWettbewerbstheoretikern verschiedener Länder sind der Auffassung, daß letztlich nicht das Marktergebnis entscheidend sein dürfe. Einig sind sie mit JOHN MAURICE CLARK und seinen Nachfolgern in der weitgehenden Ablehnung der statischen Preistheorie als Grundlage der Politik und in der Bejahung der dynamischen Sicht des Wettbewerbsprozesses. Darüber hinaus gibt es Gemeinsamkeiten in anderen Details, die durch eine Gegenüberstellung kontroverser Punkte leicht überdeckt werden. 252 Zweiter Teil. Mikroökonomie III. Das neoklassische Wettbewerbskonzept Theoretische Elemente Das neoklassische Wettbewerbskonzept ist, wie das der workable competition, keine homogene Theorie im Sinne der Preistheorie (7. Kap.). Obwohl die einzelnen Autoren ein breites Spektrum von Ansichten vertreten und einzelne Komponenten unterschiedlich gewichten, lassen sich gemeinsame Grundzüge feststellen, auf die sich die folgende Darstellung beschränkt. Die Bezeichnung "neoklassisch" soll einerseits besagen, daßÜberlegungen einiger "Neoklassiker" - wie ALFRED MARSHALL (1842-1924) und JOHN BATES CLARK (1847-1938) - wieder aufgenommen und weitergeführt werden, die durch die Entwicklung der Preistheorie in Vergessenheit geraten waren. Andererseits wird auch unmittelbar auf klassische Vorstellungen - insbesondere auf die Lehre von ADAM SMITH - zurückgegriffen. Ein wesentlicher Aspekt neoklassischer Wettbewerbstheorie ist die Betonung der für den Wettbewerbsprozeß charakteristischen Ungewißheit und Unsicherheit. Sieht man mit JOHN MAURICE CLARK den Wettbewerb als "challenge and response" an, als eine Abfolge von Handlungen agierender und reagierender Marktteilnehmer, dann ist das Ergebnis des Prozesses offen, da die wesentlichen Umstände, von denen sich die Handelnden leiten lassen, nicht bekannt sind. Der einzelne geht zunächst von bestimmten Erwartungen aus, die er im Prozeßablauf ständig korrigiert. Wettbewerb wird als ein Such- und Informationsprozeß, das heißt als Entdeckungsverfahren verstanden, bei dem Tatsachen bekannt werden, die ohne ihn unbekannt oder ungenützt bleiben würden. Die Wettbewerbstheorie kann deshalb nicht im einzelnen angeben, wie dieser Prozeß abläuft. Die konkreten Prozeßergebnisse sind im einzelnen unvorhersehbar und mitunter verschieden von den Erwartungen, die Marktteilnehmer und Wettbewerbspolitiker an ihn stellen. Der Wettbewerb enttäuscht also einerseits ständig einige Erwartungen. Andererseits sorgt er in seiner Informationsfunktion für eineMaximierung der Erwartungserfüllung. Im Entdeckungsprozeß können mehr Wissen genutzt und Wünsche realisiert werden, als in allen bisher bekannten Organisationsformen der Produktion und Verteilung von Gütern. Diese Aussage impliziert die Hypothese, daß in einer gegebenen Situation jeder Marktteilnehmer seine Wünsche und Handlungsmöglichkeiten selbst am besten kennt, wie immer sie entstanden sein mögen. Dieses Maximum der Erwartungserfüllung sei zwar nicht mit dem Gleichgewicht bei vollkommener Konkurrenz identisch, bei dem ein bestimmtes Gut zu den geringsten Kosten erzeugt und zum niedrigsten Preis verkauft wird. Es komme ihm jedoch am ehesten in der Struktur (Übereinstimmung der Pläne) nahe. Man könne sich darauf verlassen, daß bei Wettbewerb alle Güter zu Kosten erzeugt und Preisen verkauft werden, die geringer sind als die potentieller Produzenten und Anbieter (FRIEDRICH AUGUST VON HAYEK). Das deckt nicht die Aussage, Kosten und Preise seien bei Wettbewerb so niedrig, wie sie ein allwissender Diktator festlegen könnte. Es wird lediglich angenommen, potentielle Marktteilnehmer würden Güter produzieren und verkaufen, wenn sie es zu günstigeren Bedingungen tun könnten als die amMarkt 11. Wettbewerbstheorie 253 vorhandenen Anbieter. Produzenten und Verkäufer haben demnach nicht nur mit ihren tatsächlichen, sondern auch mit möglichen Konkurrenten zu rechnen (6. Kap.). Dieser potentielle Wettbewerb ist ein wichtiges Element der neoklassischen Wettbewerbstheorie. Da er gleichsam unsichtbar ist, wurde er von der Preistheorie ziemlich vernachlässigt, obwohl er im Hypothesenkatalog auftaucht (7. Kap.). In zahlreichen Fällen gehen jedoch, wie vor allem FRITZ MACHLUP (1902- 1983) betont hat, von der Furcht, Konkurrenten auf denMarkt zu ziehen, erheblich mehr Wettbewerbsimpulse aus als von vorhandenen Anbietern. Märkte, auf denen die Zahl und Zusammensetzung der Anbieter wechselt, zeichnen sich dementsprechend durch intensiverenWettbewerb aus als diemit verfestigter Marktstruktur. Das führt auch zu einer differenzierteren Beurteilung von Monopolen und Oligopolen, als sie die Preistheorie nahelegt, die in der Lehre vom unvollkommenen Markt zwar Substitutionsbeziehungen zwischen Gütern, nicht jedoch potentiellen Wettbewerb berücksichtigt. Ein morphologisches Monopol, das jederzeit mit dem Auftreten von Konkurrenten rechnen muß und danach handelt, ist offenbar kein Monopol im wettbewerbstheoretischen Sinne und anders zu beurteilen als ein solches, dem durch staatlicheMaßnahmen eine ungefährdete Position eingeräumtwird - wie z. B. demKonzessionär einer Spielbank - oder das sich durch die Errichtung hoher Marktzutrittsschranken (barriers to entry; 7. Kap.) selbst vor newcomer-Wettbewerb schützt. Es ist deshalb nur folgerichtig, wenn die am Markt vorhandenen Anbieter danach trachten, sich der Konkurrenz durch Marktschließungen (wie Patente, Berufszulassungen, Einfuhrverbote, Durchführung oder Androhung eines Verdrängungswettbewerbs) zu erwehren, deren vielgestaltige Formen kaum zu systematisieren sind. Wird - wie in marktwirtschaftlichen Ordnungen - der Wettbewerb nicht nur als Instrument, sondern auch als Ziel der Wirtschaftspolitik angesehen (3. Kap.), muß durch institutionelle Maßnahmen gewährleistet sein, daß der Zugang zumMarkt offen bleibt. Marktstruktur und -verhalten als Bewertungskriterien Die neoklassische Wettbewerbskonzeption rechnet mit zufriedenstellenden Marktergebnissen, wenn Wettbewerb möglich (frei) ist und tatsächlich stattfindet. Präziser wäre es wohl, zu sagen: Marktergebnisse, die nach einem unbeschränkten Wettbewerb zustande kommen, gelten als zufriedenstellend. Wettbewerbsfreiheit äußert sich als Freiheit der Anbieter, in Konkurrenz zueinander zu treten (Parallelprozeß), und als Freiheit der Marktgegenseite, unter Alternativen wählen zu können (Austauschprozeß). Parallel- und Austauschprozeß sind keine isolierten Elemente, sondern zwei Dimensionen des wettbewerblichen Marktprozesses (ERICH HOPPMANN (1923-2007)), die sich im "Vorstoß", aber auch in "Nachfolge" und "Imitation" zeigen. Einige Autoren (HELMUT ARNDT (1911-1997), ERNST HEUSS (geb. 1922)) haben Theorien entwickelt, die erheblich besser die Aktivitäten imMarktbereich (die Dynamik des Marktgeschehens) erfassen und erklären als die traditionelle Preistheorie. Trotzdem bleibt auch hier die Frage, woran die so definierteWettbewerbsfreiheit gemessenwerden kann. Die Bewertung des Wettbewerbs im neoklassischen Konzept erfolgt 254 Zweiter Teil. Mikroökonomie nach einem objektiven und einem subjektiven Kriterium. Diese Kriterien sind - anders als aus Modellvorstellungen abgeleitete - nicht positive Normen, sondern wegen der zentralen Bedeutung der Freiheit negative Abgrenzungen. Das objektive Kriterium (notwendige Bedingung) ist die Beschaffenheit der Marktstruktur (market structure). Komponenten der Marktstruktur sind nicht nur die Teilnehmerzahl des Marktes (Marktform), die Produktqualität und die Organisation desMarktes hinsichtlich seiner räumlichen und zeitlichen Dimension, der subjektiven Präferenzen, der Markttransparenz und Zutrittsschranken, sondern auch die Unternehmensverfassung, der Konzentrationsgrad, die Existenz von conglomerates, die personelle Verflechtung desManagements (interlocking directors) oder die Entwicklungsphase, in der sich der Markt befindet.Wettbewerb ist möglich, wenn ihm aus der konkreten Beschaffenheit dieser Marktstrukturkomponenten keine Beschränkungen erwachsen (Negativabgrenzung). Zu denken ist hier vor allem an "künstliche" Beschränkungen, wie Absprachen unter Produzenten (z.B. über Preise, Qualitäten und Konditionen) und Beseitigung oder Erschwerung des Marktzugangs. Diese Beschränkungen können aktiv durch staatliche Wettbewerbspolitik geschaffen oder passiv geduldet werden. Im letzten Fall setzt ihre Realisierung private Marktmacht im Sinne vonMarktbeherrschung voraus. Da sichMarktmacht aus einer Reihe von Gründen stets herauszubilden pflegt, besteht eine zentrale Aufgabe der Wettbewerbspolitik in der Verhinderung oder Auflösung von Marktmacht (Bekämpfung von Kartellen, Mißbrauchsaufsicht bei marktbeherrschenden Unternehmen, Fusionskontrolle). Soweit ihr das gelingt und staatliche Stellen selbst nicht tun, was sie privaten Marktteilnehmern verbieten, wäre eine wesentliche Voraussetzung für Wettbewerb geschaffen. Das subjektive Kriterium (hinreichende Bedingung) ist das Marktverhalten (market conduct).WennWettbewerb unbeschränktmöglich ist, bietet dies noch keine Gewähr dafür, daß er auch praktiziert wird. Hinzukommenmuß derWille zum Wettbewerb (spirit of competition). So läßt sich im Einzelhandel - doch auch anderswo - beobachten, daß kein intensiverWettbewerb zustande kommt, obwohl er nach derMarktstruktur zu erwarten wäre. Der Grund kann sein, daß die Verhaltensweisen der Anbieter von der Idee der "auskömmlichenNahrung" oder des "standesgemäßen Unterhalts des Geschäftsinhabers und seiner Familie" statt vom Wettbewerbsgeist bestimmt werden. Wenn die Wirtschaftsordnung für den Wettbewerb einen Freiheitsspielraum schafft, bleibt stets die Frage, ob er tatsächlich genutzt wird. Die Wirtschaftspolitik geriete mit sich selbst in Widerspruch, wenn sie die Ausfüllung des Freiheitsspielraumes erzwingen wollte. Ohne freiwilligen Wettbewerb (Negativabgrenzung) läßt sich die marktwirtschaftliche Ordnung nicht mit Leben füllen. Die Erfahrung zeigt: Die Antriebskraft des Wettbewerbs, der Wettbewerbsgeist, unterliegt historischem Wandel und gesellschaftlichen Einflüssen. In wirtschaftlich hochentwickelten Ländern finden sich meist genügend wettbewerbswillige Anbieter und Nachfrager, die ihre Mitbewerber nicht zur Ruhe kommen lassen - sofern die Leistungsanreize, wie Gewinne und sonstige Vorteile verschiedener Art, nicht beseitigt und die Märkte national und international offengehalten werden. In wirtschaftlich unterentwickelten Ländern läßt 11. Wettbewerbstheorie 255 sich - früher wie heute - beobachten, daß der Wettbewerb als Lenkungsinstrument versagt, weil die für seine Funktion notwendige Wirtschaftsgesinnung fehlt. Die Neigung zu zentralen Lenkungsmethoden in verschiedenen unterentwickelten Ländern spiegelt nicht nur die politischen Machteinflüsse bestimmter Supermächte in der "Dritten Welt", sondern auch die Tatsache wider, daß die individuellen Voraussetzungen des Wettbewerbs fehlen. Vergleicht man das workable competition-Konzept mit der neoklassischen Wettbewerbstheorie, können Gemeinsamkeiten und Unterschiede konstatiert werden. Für die Unterscheidung ist wichtig: Die neoklassische Theorie beurteilt den Wettbewerb anhand von realen Marktstrukturen und -verhaltensweisen und nicht nach fiktiven alternativen Wettbewerbsergebnissen. "Faktische" Beschränkungen desWettbewerbs entziehen sich - anders als hypothetische "market performance" - nicht generell empirischen Testverfahren. Dennoch ist es schwierig, wie die Antitrustgeschichte der USA verdeutlicht, eine zuverlässige Grenze zwischen erlaubten und unerlaubten Handlungen auf Grund allgemeiner Gesetze zu finden. Die wirtschaftspolitische Ausrichtung des Wettbewerbs an den Freiheitsnormen impliziert, daßMarktergebnisse so hingenommenwerden, wie sie sich aus den freienMarktprozessen ergeben - auchwenn sie im Einzelfall für den Verbraucher temporäre Nachteile mit sich bringen. Die Vertreter der neoklassischen Wettbewerbstheorie verzichten hinsichtlich hypothetischer Marktergebnisse konsequent darauf, dort Wissen vorzugeben, wo man es nach ihrer Auffassung erst durch den Wettbewerb erwerben kann. Dieser Wettbewerb dient nicht einem bestimmten Zweck. Er wird gewünscht, weil kein ökonomisch leistungsfähigeres Koordinationsverfahren für individuelle Pläne bekannt ist. Daraus folgt eine Wettbewerbspolitik, die einerseits sowohl Freiheit gewährleistet als auch eindeutige Grenzen setzt (Verbot des Machtmißbrauchs) und andererseits nicht an vorgegebenenModellen - gleich welcher Art - orientiert ist (Konstruktivismus). Verwickelt sich die neoklassische Wettbewerbstheorie in Widersprüche, wenn einige ihrer Vertreter zugeben, daß es sogenannte Ausnahmebereiche der Wirtschaft gibt, die sich einer Organisation durch Wettbewerb entziehen? Beispiele für Ausnahmebereiche oder "natürliche" Monopole wären die Telefon- oder die Elektrizitätsversorgung. Um zu wissen, ob ein Bereich zu den Ausnahmen zählt, müßte man - so wird der neoklassischen Wettbewerbskonzeption entgegengehalten - sagen können, daß der Wettbewerb als Lenkungsmittel versagt. Das hieße aber: Manmüßte vorhersehen können, welches Ergebnis der Wettbewerb zustande bringt. Die Trennung von Wettbewerbs- und Ausnahmebereichen impliziere also eine Kenntnis der Marktergebnisse. Der angebliche Widerspruch existiert nicht, wenn generell von der Vermutung ausgegangen wird, daß auch in den Ausnahmebereichen Wettbewerb möglich ist. Diese Vermutung ist wie jede Hypothese widerlegbar, das heißt methodologisch aber: durch Erfahrung (a posteriori) und nicht durch die gegenteilige Annahme (a priori). Man könnte auch sagen, Ausnahmebereiche sind vom ökonomischen Standpunkt nur nachträglich zu rechtfertigen. Regelmäßig basiert jedoch die von derWissenschaft undWirtschaftspolitik gegebene Begründung für Ausnahmebereiche auf a priori-Vermutungen statt auf gesi- 256 Zweiter Teil. Mikroökonomie cherten Erfahrungen. Die meisten Monopole sind nicht das Ergebnis einer zwangsläufigen Entwicklung - etwa im Bereich der Technik -, sondern von Schutzvorschriften oder Unterlassungen staatlicher Wirtschaftspolitik. Es gibt z. B. keinen zwingenden ökonomischen Grund fürdas traditionelle Leitungsund Versorgungsmonopol einer Elektrizitätsgesellschaft oder der Bundespost. Warum soll der Verbraucher nicht zwischen verschiedenen Elektrizitäts- und Telefonsystemen wählen können? Auf Grund welcher Tatsachen ist hinreichend genau bekannt, daß die Zulassung des Wettbewerbs schlechtere Ergebnisse zeitigt als eine Ausnahmeregelung? Die Schaffung oder Zulassung von Ausnahmebereichen durch die staatliche Wirtschaftspolitik auf Grund von a priori-Vermutungen basiert auf der - in jedem Fall unbewiesenen und unbeweisbaren - Behauptung, daß Monopole vorteilhafter seien als Wettbewerb. Was a priori festgelegt wird, entzieht sich jedem Test. Das bedeutet jedoch, daß sich Ausnahmebereiche nicht wissenschaftlich und rein ökonomisch (preisoder wohlfahrtstheoretisch) begründen lassen, obwohl es in der Regel geschieht. Die Wirtschaftspolitik behandelt oft Branchen als Ausnahmebereiche, aber nicht deswegen, weil Wettbewerb unmöglich wäre, sondern weil er aus verschiedenen politischen Gründen nicht gewollt wird. Die Bildung und Zulassung von Ausnahmebereichen sind praktisch immer Akte politischer Entscheidungen gewesen. Letztlich können jedoch über die Wirkungen des Wettbewerbs in einem Bereich, in dem er nicht zugelassen ist, nur Mutmaßungen unterschiedlicher Plausibilität angestellt werden. Bei diesen Mutmaßungen bleiben wir überdies auf das angewiesen, was unter den bestehenden Umständen bekannt ist, weil wir nicht wissen können, welche Erkenntnisse der Wettbewerb zu Tage fördert und welche noch unbekannten Aktionen und Reaktionen erfolgen. 12. Kapitel: Konsumentenpolitik und Kontrolle wirtschaftlicher Macht I. Zur gesamtwirtschaftlichen Rolle der Konsumenten Konsumentensouveränität als zentrales Element einer Wettbewerbswirtschaft Steuerung der Marktwirtschaft durch Konsumenten - Konsumentensouveränität ein Ideal oder Wirklichkeit? - Schwelle der Konsumentensouveränität Behauptungen über Unfähigkeiten der Konsumenten Großindustrie produziere Nachfrage - Konsumenten unwissend und überfordert - Mangel an Markttransparenz Ansatzpunkte einer marktkonformen Konsumentenpolitik Ziele der Konsumentenpolitik - Schutz von Sicherheit und Gesundheit - Verbesserung der Markttransparenz - Intensivierung des Wettbewerbs II. Zur Kontrolle wirtschaftlicher Macht Ursachen und Formen privater und staatlicher Wirtschaftsmacht Zentrales Problem - Gemeinsame Ursache - Zwei Formen privater Machtausübung - Auflagen und Subventionen Behauptungen über die Notwendigkeit wirtschaftlicher Macht Wettbewerb durch Vereinbarungen beschränken - Gründe für Konzentrationen - Gründe für staatliche Eingriffe Ansatzpunkte zur Bekämpfung freiheitsbedrohender wirtschaftlicher Macht Drei Probleme - Verbot privater Wettbewerbsbeschränkungen - Marktbeherrschungen und Fusionen als Ergebnis des Wettbewerbs - Zurückdrängung systemwidriger Wettbewerbsinterventionen III. Bereichsausnahmen des Wettbewerbs Wettbewerbsausnahmen als Problem einer freiheitlichen Wirtschaftspolitik Bereichsausnahmen in großer Zahl - Zentrale ökonomische Probleme - Staat erhöht Zahl der Gegner einer freiheitlichen Ordnung Behauptungen über die Notwendigkeit von Bereichsausnahmen Technische Gründe - Staatliche Unternehmer - Marktergebnisse Mehr Markt oder mehr Staat? Grundprobleme von Bereichsausnahmen - Ansatzpunkte systemkonformerWirtschaftspolitik - Bindung des Staates an freiheitliche Wirtschaftsordnung Literaturempfehlungen zum zweiten Teil I. Zur gesamtwirtschaftlichen Rolle der Konsumenten Konsumentensouveränität als zentrales Element einer Wettbewerbswirtschaft Gegenstand der Wettbewerbspolitik ist der Wettbewerb, verstanden als individuelles Bestreben, vor anderen mit der Marktgegenseite zum Abschluß zu gelangen (3. Kap.). Wenn vonWettbewerb gesprochen wird, denkt man in der Regel an die „Wirtschaft", vor allem an die produzierende Industrie und den verteilenden Handel, die sich in Konkurrenz um einen Verkauf ihrer Produkte oder Dienstleistungen bemühen. Zu dieser Denkweise trägt bei, daß die Aufgabe der Wettbewerbspolitik darin gesehen wird, Wettbewerbsbeschränkungen der Anbieter zu verhindern oder zu begrenzen. Dabei gerät die entscheidende Figur der Wettbewerbsordnung, der nachfragende Konsument, leicht aus dem Blickfeld. Deshalb hat man ihn auch als „vergessenen Sozialpartner" bezeichnet. ADAM SMITH hat vor über 200 Jahren geschrieben: „Consumption is the sole end and purpose of all production". Unstreitig ist, daß die Erzeugung und der Vertrieb von Gütern nur einen Sinn ergeben, wenn die Wünsche der Letztverbraucher, der Konsumenten, die Richtschnur sind. In der Konsequenz heißt dies: Die Steuerung der Marktwirtschaft soll durch Konsumenten erfolgen. Was Konsumenten nicht wünschen, läßt sich in einer freiheitlichenWirtschaftsordnung auch nicht verkaufen. Werden unverkäufliche Güter aus irgendwelchen Gründen - z. B. wegen Fehleinschätzungen der Konsumentenwünsche gleichwohl hergestellt, müssen sich die Produzenten und Verteiler wegen des Wettbewerbs um die Konsumentennachfrage anpassen oder ausscheiden. Wer die Konsumentenwünsche erfüllt, kann verkaufen, dabei gewinnen und sich veranlaßt sehen, sein Angebot auszuweiten. Der Konsument ist in einer freiheitlichen Wirtschaftsordnung die entscheidende Macht: Er bestimmt durch seine Nachfrage die Allokation und Entlohnung der Produktionsfaktoren Arbeit, Boden und Kapital, ist also der „Souverän der Wirtschaft" - ein Ausdruck, der auf den in der englischsprachigen Welt einflußreichen, hierzulande kaum bekannten Nationalökonomen EDWIN CANNAN zurückgeht. Die Konsumentensouveränität ist zwar nicht hinreichend für eine freiheitlicheWirtschaftsordnung. Andere Freiheitsrechte sind ebenfalls erforderlich, so insbesondere die freie Berufswahl (Art. 12 Grundgesetz) und die Verfügungsgewalt über das Eigentum (Art. 14 Grundgesetz), unabhängig davon, ob Güter konsumtiv oder investiv verwendet werden. Doch in ihrer Bedeutung läßt sich die Konsumentensouveränität kaum überschätzen. Ist dieKonsumentensouveränität ein Ideal oder Wirklichkeit? Daß es in einer freiheitlichen Wirtschaftsordnung Konsumenten gibt, die Einkommen für bestimmte Güter verausgaben und sparen können, läßt sich nicht bestreiten. Letztlich kann nur verkauft werden, was auch gekauft wird. In einem formalen Sinn wäre damit die Frage, ob es eine Konsumentensouveränität in Wirklichkeit gibt, bereits positiv entschieden. In materieller Hinsicht kann bezweifelt werden und wird bezweifelt, ob die Kaufentscheidungen der Konsumenten Ausdruck ihrer eigenen Wünsche oder nur Reflex von Auswirkungen sind. 260 Zweiter Teil. Mikroökonomie Überspitzt ausgedrückt: Ist der Konsument ein frei entscheidenderMensch, der entsprechend seinen Wünschen unabhängig wählt? Unbewiesen, weil unbeweisbar ist jedoch die Behauptung, freie Menschen ließen sich durch Außeneinwirkungen so leiten, daß sie sich in einer vorhersehbaren Weise verhalten werden. Gelegentliche Beispiele, die eine derartige Behauptung stützen sollen, brauchen nicht einmal in Abrede gestellt zu werden. Entscheidend sind die zahlreichen Gegenbeispiele, die der generellen Gültigkeit dieser Behauptung entgegenstehen (Falsifizierungstest). Der Punkt, auf den es ankommt, sei beispielhaft erläutert: Ein gelungener Werbespot im Fernsehen für ein bestimmtes Produkt mag die beabsichtigte Wirkung auf eine Reihe von Konsumenten nicht verfehlen. Ein ganz anderes Problem ist jedoch, welche vorhersehbaren Wirkungen der in Geld bemessene Werbeaufwand auf das Konsumentenverhalten hat. Bezweifelt wird lediglich die Behauptung, zwischen dem Werbeaufwand und dem Konsumentenverhalten gebe es einen sicheren Zusammenhang. Wenn akzeptiert werdenmuß, daß Konsumenten in einer freiheitlichenWirtschaftsordnung tatsächlich nicht auf bestimmte Ausgaben für bestimmte Güter durch Einwirkungen von außen festzulegen sind, bleibt als Frage, von welcher Schwelle an es einen Sinn ergibt, von Konsumentensouveränität zu sprechen. Dazu ist es nicht erforderlich, die Konsumentensouveränität auf Fälle zu beschränken, in denen auf allen Märkten Wettbewerb besteht. Es genügt festzuhalten, daß sich bei jeder Marktkonstellation die Konsumentenwünsche relativ rasch in den Entscheidungen der Hersteller und Händler niederschlagen. Aus der ökonomischen Präferenz für ein Wettbewerbssystem darf jedoch nicht der Umkehrschluß gezogen werden, die Konsumentensouveränität gelte nicht bei Wettbewerbsbeschränkungen, etwa bei Angebotsoligopolen und -monopolen auf Konsumgütermärkten. Auch ein Angebotsmonopolist kann von seinen Aktionsparametern nicht alle zugleich einsetzen. Er muß sich z. B. entscheiden, ob er den Preis oder die Menge wählt. Entscheidet er sich für den Preis, muß er die abgesetzte Menge hinnehmen oder umgekehrt. Deshalb würde selbst ein Güterangebot, das auf allenMärkten völligmonopolisiert wäre, die Konsumentensouveränität zwar einschränken, aber nicht aufheben. Dies träfe jedenfalls dann zu, wenn sich ein Monopolgut durch ein anderes ersetzen ließe. Bei engen Substituten läuft jeder Monopolist wegen der Wahlfreiheit der Käufer Gefahr, zu einem gegebenen Preis nichts abzusetzen.Wenn schon bei einemmonopolisierten Angebot die Konsumentensouveränität erhalten bleibt - wenn auchmit Einschränkungen im Vergleich zu einem allseitigen Angebot unter Konkurrenz -, so gilt dies um somehr für jede Form von Oligopolen. Monopolistische und oligopolistische Wettbewerbsbeschränkungen beeinflussen vor allem die Faktorallokation und Einkommensdistribution, beseitigen im Ergebnis aber nicht die Freiheit der Einkommensverwendung. Behauptungen über Unfähigkeiten der Konsumenten Zu den Kritikern der Konsumentensouveränität gehören auch einige Vertreter der Gebiete Marketing und Psychologie, die in Abrede stellen, daß Konsumentensouveränität in materieller Hinsicht bestehe. Eine erste Behauptung lautet: 12. Konsumentenpolitik 261 Es gibt ein Ausmaß anWerbung, dem sich kaum jemand entziehen könne (high pressure advertising). Eine solche Hochdruck-Werbung könne und müsse von der Großindustrie betriebenwerden, die anders ihreMassenprodukte nicht „an denMann" bringen könne. DieGroßindustrie produziere nicht nur Güter, sondern auch derenNachfrage. Dies sei offenkundig bei neuen Produkten, für die es, da sie noch unbekannt seien, keine Nachfrage geben könne. Die Behauptung ist vor allem von JOHN KENNETH GALBRAITH aufgestellt und von anderen wissenschaftlichen, insbesondere aber von journalistischen Autoren übernommen worden. Sie konzentriert sich auf zwei Punkte: die Möglichkeiten der Hochdruck-Werbung und den Absatz bisher unbekannter Produkte. Gegen die Behauptung, mit Hochdruck-Werbung sei es möglich, ein beliebiges Produkt ohne Verluste abzusetzen, lassen sich so zahlreiche Gegenbeispiele anführen, daß sie nicht aufrechterhalten werden kann. Andererseits läßt sich gelegentlich beobachten, daß ohneWerbung des Herstellers dessen Produkte reißenden Absatz finden. Einsichtiger scheint die Behauptung zur Beeinflussung des Käuferverhaltens durch Anbieter insoweit, als ein Hersteller neuer Produkte die Nachfrage bei den Konsumenten erst schaffen müsse. Doch die Beobachtung der Wirklichkeit zeigt auch hier, daß diese Behauptung nicht zu halten ist. Die Hersteller erleben immerwieder: Neue Produktewerden einmal in hinreichend großer Zahl gekauft, ein anderes Mal nicht. Eine breite Öffentlichkeit registriert nur Produkte, die sich am Markt durchsetzen konnten, während nicht absetzbare Innovationen bald vergessen sind. Deshalb scheint es zweckmäßig, zwischen offenkundigem und latentem Bedarf zu unterscheiden, wobei der letztere nicht von den Herstellern erzeugt, sondern bei den Konsumenten schon vorhanden ist. Hersteller werden mit neuen Produkten nur Erfolg haben, wenn sie den latenten Bedarf für ein noch unbekanntes Gut erkennen. Andernfalls scheitern sie bei dem Versuch, ein neues Gut den Konsumenten zu verkaufen. Daran vermag in der Regel auch die Werbung nichts zu ändern. Eine zweite Kritik an der Konsumentensouveränität lautet: Die Konsumenten seien für die ihnen zugedachte Rolle zu unwissend und überfordert. Der durchschnittliche Verbraucher besitze nicht die Intelligenz, die man für eine vernünftige Verwendung seines Einkommens benötige. Trotz eines universellen Erziehungssystems, das die hochentwickelten Länder besäßen, würde ein erheblicher Teil der Bevölkerung keine höhere Schule und ein noch größerer Teil keine Hochschule besuchen. Die Behauptung enthält zwei Aspekte: einen wissenschaftlich beachtlichen und einen moralischen. Wissenschaftlich beachtlich ist, daß eine freiheitlicheWirtschaftsordnung in hochentwickelten Ländern in der Regel einMinimum an ausgebildeten Fähigkeiten voraussetzt, z. B. Lesen und Schreiben und die Kenntnis von allseits bekannten Gefahren, z. B. die der Trunksucht. Erst dann kann der Konsument bei der Konsumgüterwahl seine eigenen Bedürfnisse materiell verwirklichen. In modernen Staaten mit Schulpflichtpflicht kann jedoch davon ausgegangenwerden, daß diesesMinimum an Intelligenz und Kenntnissen bei nahezu allen Konsumenten vorhanden ist. Die Erkennung nicht allseits bekannter Gefahren, die z. B. von Medikamenten ausgehen können, ist in der Regel nicht von der Schulbildung abhängig, deshalb ein generelles Problem der Erziehung und Information, weniger eines derWirt- 262 Zweiter Teil. Mikroökonomie schaftspolitik. Wissenschaftlich unbeachtlich, weil moralisch begründet, ist der andere Aspekt der Behauptung. Es mag sicher der Gesundheit dienen, statt Bier Milch zu trinken oder nicht zu rauchen. Mit einer freiheitlichen Ordnung ist jedoch unverträglich, die Individuen vor sich selbst zu schützen, weil ein solcher Schutz die individuelle Freiheit zwangsläufig zerstörenwürde. KörperlicheGefahren drohen nicht nur vom Zigaretten- und Alkoholgenuß, sondern auch von vielen anderen, letztlich unübersehbaren Dingen, von den Eßgewohnheiten bis zu der Art, sich fortzubewegen. Selbst wenn wir bereit sein würden, die individuelle Freiheit zu opfern: Es wäre praktisch unmöglich, alle Gefahren für die Gesundheit zu beseitigen. Ebenso unverträglich mit einer freiheitlichen Wirtschaftsordnung ist es, den Konsumenten ihren Geschmack vorschreiben zu wollen. Zur privaten Autonomie gehört, Dinge zu kaufen, die dem Käufer gefallen. Ob sie auch anderen gefallen, ist völlig unerheblich. Die Alternativen zu der behaupteten „Verschwendung" sind Unfreiheit und Geschmacksdiktatur. Ein dritter Kritikpunkt setzt bei der industriellen Entwicklung an. Angesichts der Vielfalt des modernen Konsumgüterangebots fehlten dem Verbraucher für eine Entscheidung, die seinen Wünschen entsprechen und die Faktorallokation optimieren soll, zwei wesentliche Voraussetzungen: Erstens sei er immer weniger in der Lage, die meisten Güter qualitativ zu beurteilen. Zweitens fehle ihm ein zureichender Überblick - vor allem der Preise - bei vergleichbaren Gütern. DieserMangel an Markttransparenz führe dazu, daß sowohl die Verbraucherversorgung als auch der Ressourceneinsatz suboptimal seien. Der Verbraucher werde nicht so versorgt, wie es bei Markttransparenz der Fall wäre, und unter den Anbietern könnten sich clevere Geschäftsleute, die die Marktintransparenz der Verbraucher ausnutzten, behaupten, die andernfalls ausscheiden müßten. Dieser Einwand gegen die Konsumentensouveränität ist gravierend, aber auch zu relativieren. Im Hinblick auf die Qualitätsbeurteilung scheint bedeutsam, zwischen einfachen und komplexen sowie zwischen billigen und teurenGütern zu unterscheiden. Zweifellos führt die technische Entwicklung zu immer weniger überschaubaren Produktionsprozessen. Das muß jedoch nicht bedeuten, daß auch die Produkte zunehmend komplexer werden. Neben komplexen Gütern - wie Haushaltsmaschinen, Fernsehgeräten und Autos - gibt es einfache Güter, die - wie z. B. Benzin und Butter - heute homogener sind als in der Vergangenheit. Einfache Güter, die meistens auch relativ wenig kosten, kann der Konsument oft hinreichend gut qualitativ beurteilen. Daß selbst bei ausführlicher Information, die auf verschiedenenWegenmöglich ist (auch Geld und Zeit kostet), ein Qualitätsrisiko trotz Gewährleistungen des Herstellers verbleibt, liegt in der Natur technisch komplizierter Produkte - ein „Preis", den die technische Entwicklung unausweichlich fordert. Im Hinblick auf die Marktübersicht wäre zunächst an Mittel zu denken, mit denen die Transparenz verbessert werden könnte. Die Informationskosten bleiben dabei gegenüber den Risiken aus fehlender Information abzuwägen. Bedeutsamer scheint der Hinweis, daß Wettbewerb nicht völlige Markttransparenz der Konsumenten erfordert. Bei Wettbewerb sind die Preise niedriger, als sie es ohne Wettbewerb wären, aber nicht so niedrig, wie sie bei allwissenden Verbrauchern sein könnten. Im Gegensatz zu den beiden ersten Kritikpunkten regt die Behauptung von der man- 12. Konsumentenpolitik 263 gelhaften Markttransparenz zu der Frage an, ob es in einer freiheitlichen Wirtschaftsordnung marktkonforme Mittel zur Verbesserung der Konsumentenposition am Markt gibt. Ansatzpunkte einer marktkonformen Konsumentenpolitik Die freiheitliche Wirtschaftsordnung setzt ein selbstverantwortlich handelndes Individuum auch beim Konsum voraus. Deshalb ist es notwendig, sinnvolle Ziele der Konsumentenpolitik in einer Marktwirtschaft zu formulieren. Erfahrungen zeigen, daß es vornehmlich drei Aufgaben zu lösen gilt, die sich allesamt aus industriellen Produktions- und Absatzproblemen ergeben: Schutz von Sicherheit und Gesundheit, Verbesserung der Markttransparenz und Intensivierung des Wettbewerbs. Zu den Aufgaben der Konsumentenpolitik gehört als erstes der Schutz von Sicherheit und Gesundheit. Wer ein neues Auto erwirbt und vorschriftsmäßig benutzt, soll vor einem Unfall, z. B. durch sich lösende Räder oder Reifen, bewahrt werden. Und wer beimMetzger Fleisch kauft, soll nicht an einer Fleischvergiftung sterben. Daß die körperlicheUnversehrtheit ein schutzwürdiges Gut ist, folgt unmittelbar aus der Stellung des Individuums in einer freien Gesellschaft. Einen breiten Raum in der Konsumentenpolitik haben deshalb Schutzmaßnahmen gegen gefährliche Produkte. Nach geltendemRecht haftet der Produzent für Konstruktions-, Fabrikations- und Instruktionsfehler (§ 823 BGB). Ein großer Teil von Verbraucherschutzvorschriften findet sich imVerwaltungsrecht. Wichtiges Ziel des Lebensmittelrechts (Lebensmittelgesetz mit seinen Nebengesetzen Fleischbeschaugesetz, Weingesetz u. a.) und des Arzneimittelrechts ist es, den Verbraucher vor Gesundheitsschäden zu bewahren. Die Hersteller oder die von ihnen angebotenen Produkte unterliegen einer Präventivkontrolle. Trotz dieser Kontrollen und ihrer laufenden Verschärfung, die aus neuen Erfahrungen resultieren, verbleibt ein letztlich kaum vermeidbares Risiko, das unter Umständen erhebliche Folgen haben kann. Der Schutz von Sicherheit und Gesundheit gehört zu den unbestrittenen, zum Teil jahrhundertealten Aufgaben der Konsumentenpolitik. Er findet in einer freiheitlichenWirtschaftsordnung indessen dort seine Grenze, wo das Individuum bewußt für seine Person Risiken in Kauf nimmt. Ein Artist lebt häufig davon, daß er Dinge wagt, die die meisten Menschen unterlassen. Und viele Menschen essen mehr, als ihrer Gesundheit gut tut. Es gibt in einer freienOrdnung keinen Grund, demArtisten seinen gefährlichen Beruf und den Menschen das übermäßige Essen zu untersagen. In der Konsequenz dieses Gedankens ist beispielsweise auch eine Anschnallpflicht für Autofahrer nicht zu rechtfertigen. Wer bewußt gefährlicher leben will, darf nicht vom Staat zum Schutz seiner Person gezwungen werden. Eine zweite Aufgabe der Konsumentenpolitik ist die Verbesserung der Markttransparenz. Zu bekämpfen ist zunächst die bewußte Irreführung der Konsumenten. Schutzvorschriften gegen Irreführung finden sich vor allem im Gesetz gegen den unlauteren Wettbewerb (UWG) und ergänzenden Gesetzen (z. B. Kennzeichenrecht). Maßgeblich ist die Generalklausel des UWG (§ 3), 264 Zweiter Teil. Mikroökonomie nach der Marktteilnehmer, die unlauter handeln, auf Unterlassung und Schadenersatz in Anspruch genommen werden können. In Einzelvorschriften werden Ansprüche bei irreführenden Angaben begründet, Konkurswaren- und Ausverkäufe geregelt. Die Intention des 1909 erlassenen, 2004 reformierten UWG, die Marktteilnehmer vor Irreführung zu schützen, ist unbestritten, das Regelungsbedürfnis unverändert aktuell. Viele Anbieter sind bestrebt, die Konsumenten insbesondere über die Qualität, Preiswürdigkeit und Lebensdauer der Waren im unklaren zu lassen, wie gewollte mißverständliche Qualitätsbezeichnungen, Verpackungen unterschiedlichster Größe und verschlüsselte Herstellungsdaten unter anderem zeigen. Irreführende oder die Konsumentscheidungen erschwerende Marktpraktiken sind mit der Forderung nach einemWettbewerb, bei dem das Angebot einer Bewertung durch die Nachfrager zugänglich sein soll, nicht zu vereinbaren. Der Konsument, der sich gemäß seinen Wünschen entscheiden will, soll im Rahmen seines Einkommens auch in der Lage sein, dies zu tun. Deshalb ist es ordnungspolitisch nicht nur erlaubt, sondern geboten, die Markttransparenz durch Vorschriften zu verbessern, die gezielte Irreführungen ausschließen und gewollte Unklarheiten beseitigen. Zu denken ist an Angaben über definierte Warensubstanzen (z. B. durch Gütezeichen), Inhalt der Verpakkung in runden Gewichtseinheiten (z. B. in Gramm oder Kilogramm) und allgemein verständliche Verfallsdaten bei nicht dauerhaften Produkten (z. B. späteste Verbrauchszeit nach dem Kalender). Zu den wichtigsten staatlichen Maßnahmen der Konsumentenpolitik in einer freiheitlichenWirtschaftsordnung gehört alles, was geeignet erscheint, den Wettbewerb zu intensivieren. Konsumentenpolitik läßt sich nur als „Kuppelprodukt" einer konsequenten Wettbewerbspolitik ganz verstehen. Je mehr die Produzenten und Händler gehalten sind, den „Verbraucherbefehlen zu gehorchen", um so weniger Bedarf bleibt für eine Konsumentenpolitik außerhalb der Wettbewerbspolitik. Das stets vorhandene Sicherheits- und Gesundheitsbedürfnis der Konsumenten ist kompetitiv zumindest teilweise zu befriedigen, die Markttransparenz ist kein Ziel an sich, aus der Interessenlage des Verbrauchers vielmehr nur ein Mittel des Zwecks Wettbewerb. Dieser findet seine Schranken - nach allen Erfahrungen in modernen Industriestaaten - nicht so sehr in mangelnden privaten Aktivitäten, sondern in staatlichen Beschränkungen, die die Rivalität, die Schaffung von Alternativ- oder Substitutionsmöglichkeiten sowie den freien Zugang zum Markt behindern. Schutzvorschriften zur Erhaltung und Entfaltung des „fairen" Wettbewerbs, die nötig sind, können Wettbewerbsbeschränkungen nicht ausschließen. Il. Zur Kontrolle wirtschaftlicher Macht Ursachen und Formen privater und staatlicher Wirtschaftsmacht Die Kontrolle der Macht ist ein zentrales Problem der freiheitlichen Wirtschaftsordnung. Gelingt es nicht, dieses Problem adäquat zu lösen, geht die individuelle Freiheit und damit die Ordnung als Ganzes verloren. Macht ist ein sehr weiter und vager Begriff. Sie hat die Menschen seit altersher in vielfältiger 12. Konsumentenpolitik 265 Weise beschäftigt, z. B. in der Kunst (als Thema vieler Dramen und bildhafter Kunstwerke), in der Wissenschaft (als Untersuchungsobjekt vor allem in der Philosophie, Politologie und Soziologie) und im Alltag von Politik und Wirtschaft (als Kampf um Einfluß). Deshalb empfiehlt es sich, die Überlegungen auf Probleme der wirtschaftlichen Macht zu beschränken und den Kern des Problems zu umreißen. Eine freiheitliche Wirtschaftsordnung, die durch die Konsumenten gelenkt wird, muß eine Grundtatsache mit einem konkurrierenden Prinzip in Einklang bringen: Macht ist existent in vielen Formen, als Kaufkraft der Konsumenten, als Entscheidungspielraum derWirtschaftssubjekte, als Eingriff des Staates und anderes mehr (Grundtatsache). Andererseits ist individuelle Freiheit notwendig, um die Bedürfnisse der Menschen, auf die es letztlich ankommt, zu befriedigen (Prinzip). Ein Problem, die Realität und das Leitbild zur Übereinstimmung zu bringen, ergäbe sich nicht, wenn die Macht durch Wettbewerb neutralisiert und damit die dauerhafte Entstehung vonÜbermacht einer Seite verhindert werden könnte. Dieses Ideal läßt sich auch in einer freiheitlichen Wirtschaftsordnung - wie alle Erfahrungen zeigen - niemals völlig und meistens nicht einmal befriedigend erreichen. Dafür gibt es trotz unterschiedlicher Formen von Machtkonzentrationen eine gemeinsame Ursache: Die individuelle Freiheit und auch die Souveränität des Konsumenten wird ständig bedroht und tatsächlich beeinträchtigt, weil sie den Interessen anderer Personen oder Gruppen inWirtschaft, Gesellschaft und Staat zuwiderläuft. Individuelle Freiheit bedeutet nämlich, im Rahmen eines Freiheitsspielraumes unabhängig von den Interessen anderer entscheiden zu können. Diesen notwendigen Tribut der Freiheit wollen aber viele Entscheidungsträger in Wirtschaft, Gesellschaft und Staat, die für sich selbst Freiheit beanspruchen, nicht oder nur teilweise erbringen. Denn anders ließe sich nicht verstehen, daß einerseits private Unternehmer - in der Regel Produzenten und Händler - wirtschaftliche Privilegien beanspruchen und durchsetzen, mit denen die individuellen Freiheitsrechte anderer ausgehöhlt werden, und andererseits staatliche Unternehmer - in der Regel Politiker, aber auch politisch abhängige Beamte - im Hinblick auf ihre Ziele, Klientel und Förderer es für nützlich halten, den Freiheitsspielraum der Privaten einzuschränken. Zu den Paradoxien gehört: Alle bekennen sich zu einer freiheitlichen Ordnung. Bestimmte Personen oder Gruppen behaupten aber, daß es im allgemeinen Interesse läge, wenn die Freiheit beschränkt wird. Die Art und Weise, mit der sich bestimmte private Agenten gegenüber ihren Rivalen und der anderen Markseite Vorteile verschaffen können, sind vielgestaltig. Sie lassen sich auf zwei Formen privater Machtausübung reduzieren: Wettbewerbsbeschränkungen im engeren Sinn und Marktbeherrschung. Der wichtigste Fall einer Wettbewerbsbeschränkung im engeren Sinn ist das Kartell, insbesondere das Preiskartell. Kartelle haben in Deutschland, dem „klassischen“ Land der Kartelle, eine lange Tradition. Das Reichsgericht entschied schon im 19. Jahrhundert, daß die Freiheit zur Bildung von Kartellen Vorrang gegenüber der Wettbewerbsfreiheit habe. Der deutsche Gesetzgeber hat diese ordnungspolitisch sehr bedenkliche Entscheidung niemals korrigiert. Erst 266 Zweiter Teil. Mikroökonomie durch das Einschreiten der Besatzungsmächte nach dem Zweiten Weltkrieg, vor allem der amerikanischen, das vomKartellverbot des Antitrustrechts inspiriert war, erfolgte eine Wende, der die Gesetzgebung der Bundesrepublik Deutschland unter dem Einfluß von LUDWIG ERHARD folgte. Das im Jahr 1957 erlassene Gesetz gegen Wettbewerbsbeschränkungen (GWB; s. 11. Kap.) hält am Kartellverbot fest, erlaubt indessen eine Reihe von Ausnahmen. Da die wichtigste Kartellform, das Preiskartell, nicht zugelassen wurde, ist die in der Wirtschaft verbreitete Kartellmentalität erheblich zurückgegangen, weil die verbleibenden Ausnahmen vom Kartellverbot die früher bekannte Kartellierung der Wirtschaft weder zuließen noch ökonomisch besonders interessant machten. Dies hat dazu beigetragen, die Leistungs- und Innovationskraft der deutschenWirtschaft zu stärken, die in früheren Dezennien durch die Kartellierung oft erstickt wurde. Die Gesetzgebung der Bundesrepublik Deutschland hat zwar aus dem amerikanischen Antitrustrecht das Verbot der Kartelle als Generalregel übernommen, nicht jedoch das der „Monopolisierung" (Marktbeherrschung), in die später auch die Fusionskontrolle einbezogen wurde. „Marktbeherrschende Unternehmen" unterstellte man einer Mißbrauchsaufsicht durch die Kartellbehörde. Als „marktbeherrschend" gilt ein Unternehmen, wenn es auf einem bestimmten, dem „relevanten" Markt keinem wesentlichen Wettbewerb ausgesetzt ist. Dabei interessiert den Gesetzgeber nicht die ökonomische Interdependenz der Märkte. Das heißt: Wesentlicher Wettbewerb zwischen einzelnen Märkten, der eine Marktwirtschaft charakterisiert, bleibt unberücksichtigt. Das gleiche Verfahren gilt für die Fusionskontrolle. Maßgeblich für eine Beurteilung ist auch hier der „relevante Markt", auf dem keine „überragende" Stellung erreicht werden darf, wenn eine Mißbrauchsaufsicht vermieden werden soll. Da Unternehmen ihre wirtschaftlichen Vorteile dort suchen, wo sich eine Gelegenheit dazu bietet, haben sie ihre Aktivitäten nicht auf Kartellbildungen, sondern auf Größenwachstum und Fusionen konzentriert. Diese Linie ist durch das GWB, das Kartelle grundsätzlich verbietet, sonstige wirtschaftliche Macht jedoch nur einer Mißbrauchsaufsicht und Fusionskontrolle unterwirft, klar vorgezeichnet. Das klassische Land der Kartelle ist heute zu einem Beispiel dafür geworden, warum in der Regel große Unternehmen schneller wachsen als kleine und wie man durch Zusammenschlüsse groß werden kann. An die Stelle der Kartell-Enquete, die in den zwanziger Jahren Folianten füllte, sind heute Berichte der Monopolkommission getreten, die Aufschluß über die Entwicklung der Konzentration geben sollen. In einer freiheitlichen Wirtschaftsordnung ist das Verhältnis von Staat und Wirtschaft durch das Prinzip bestimmt, daß der Staat den rechtlichen Rahmen sichert, in den Wirtschaftsablauf selbst aber nicht eingreift. Zu betonen bleibt aus der Erfahrung vieler Länder, daß die staatlichen Vorschriften nur dann ihren Zweck erfüllen, wenn sie Allgemeingültigkeit haben, sich auf das Unerläßliche beschränken und vorhersehbar - das heißt auf Dauer - angelegt sind. Von diesen Regeln wird seit einer Reihe von Jahren immer mehr abgewichen. Auch in freiheitlichen Wirtschaftsordnungen greift der Staat zunehmend und kurzfristig, meistens partiell, in den Wirtschaftsablauf ein. Dadurch wird der Wettbewerb zwischen den Märkten verzerrt, im Gesamtergebnis beschränkt. Diese 12. Konsumentenpolitik 267 staatliche Machtausübung hat in der Regel als Form:Auflagen und Subventionen an bestimmte Private. Besonders behandelt werden staatliche Eingriffe, die ganzeWirtschaftszweige vomWettbewerb ausnehmen. Mit Auflagen an einige Private sollen andere Personengruppen begünstigt werden. Unter Auflagen sind erstens Rechtsvorschriften zu verstehen, die bestimmte Sachverhalte an Bedingungen knüpfen. Zweitenswird oft in die Vertragsfreiheit der Individuen eingegriffen. Beispiele dafür sind in der Bundesrepublik Deutschland die Vorschriften über den Mutterschutz, den Jugendschutz, die Kündigung von Mietverträgen. Die Wettbewerbsbeschränkungen ergeben sich aus der Tatsache, daß einige Unternehmen, insbesondere Großunternehmen, die ihnen auferlegten Lasten überwälzen können, andere dagegen nicht. Nicht minder gravierend sind Subventionen. Sie werden mehr und mehr zum bevorzugten Mittel einer kurzatmigen, ordnungspolitisch systemwidrigen Wirtschaftspolitik. Zu den Subventionen gehören sowohl Zahlungen des Staates an bestimmte Private als auch der Verzicht auf allgemein geforderte Zwangsabgaben, vor allem auf Steuern. Die Höhe der Subventionen kann so erheblich sein, daß fraglich ist, ob bestimmte Industrien überhaupt noch zum privaten Sektor gehören. Das Ausmaß an Subventionen, insbesondere die Unübersichtlichkeit des Steuerrechts, läßt sich kaum noch überbieten. Für viele Private kann es angesichts ihrer wirtschaftlichen Interessen ökonomisch angezeigt sein, die Zeit für die Inanspruchnahme von Subventionen, die stets an bestimmte Voraussetzungen gebunden sind, oder für die Schaffung der Subventionsvoraussetzungen zu verwenden, als für eine Produktitätsverbesserung und Umsatzsteigerung. Die Möglichkeiten für Private, vor allem für Unternehmer, andere Steuerzahler für sich in Anspruch zu nehmen, sind jedenfalls für den einzelnen nicht übersehbar. Angeschlagen werden damit die freiheitliche Wirtschaftsordnung, mögen auch einzelne durch Subventionen Wettbewerbsvorteile erringen, und die wohltätige Wirkung, die von einem interventionsfreien Wettbewerb ausgeht. Behauptungen über die Notwendigkeit wirtschaftlicher Macht Es gibt eine Reihe von Behauptungen, mit denen nachgewiesenwerden soll, der Einsatz privater und staatlicher wirtschaftlicher Macht sei unerläßlich. Von diesen Behauptungen werden nur solche aufgegriffen, die horizontale und vertikaleWettbewerbsbeschränkungen, Konzentrationen und staatliche Eingriffe zu begründen versuchen. Zu den horizontalen und vertikalen Wettbewerbsbeschränkungen ist zunächst festzuhalten, daß sie auf Vereinbarungen zwischen Unternehmern beruhen (vertragliche Wettbewerbsbeschränkungen), also nicht durch den Wettbewerbsprozeß entstehen. Deshalb beabsichtigen die Begründungen darzulegen, warum der Wettbewerb durch Vereinbarungen beschränkt werden sollte. So wird behauptet, das Recht der Unternehmer zu wettbewerbsbeschränkenden Verträgen sei Ausfluß ihrer Dispositionsfreiheit. Ein freier Unternehmer müsse das Recht haben, den Wettbewerb zugunsten einer besseren Marktordnung zu beschränken. Dafür spräche auch, daß der Staat möglichst wenig in die Wirtschaft eingreife. Was im Wege der Selbstverwaltung der Wirtschaft geregelt werden könne, sollte auf diese Weise erledigt und 268 Zweiter Teil. Mikroökonomie nicht einem staatlichen Dirigismus überlassen werden. Diese Begründungen sind mit den Prinzipien einer freiheitlichen Wirtschaftsordnung unvereinbar. Unternehmerische Entscheidungsfreiheit hat - wie jede Freiheit - dort ihre Grenzen,wo sie die Freiheit anderer, letztlich oder direkt die der Konsumenten, beeinträchtigt oder gar beseitigt. Die Aufgabe des Staates liegt gerade darin, die Freiheit aller zu sichern. Seine Eingriffe sollen sich zwar auf ein Minimum beschränken, aber nicht durch eine „Selbstverwaltung" der Wirtschaft ersetzt werden. Konzentrationen in der Wirtschaft sind teils die Folge des Wettbewerbsprozesses (marktbeherrschende Unternehmen), teils das Ergebnis von Unternehmensvereinbarungen (Fusionen). Die letzteren unterscheiden sich von den horizontalen und vertikalen Wettbewerbsbeschränkungen jedoch dadurch, daß mit Fusionen die bisherige wirtschaftliche Selbständigkeit von Unternehmen verschwindet - in der Regel zugunsten einer „Muttergesellschaft" oder einer „Holding", die eine „Tochter" erwirbt und kontrolliert. Die Begründungen vertraglicher Wettbewerbsbeschränkungen versuchen auch hier darzulegen, daß es in einer Wettbewerbswirtschaft gute Gründe für Konzentrationen gebe. So wird behauptet, die Entwicklung der modernen Technik fördere zwangsläufig die Konzentration. Nur große Unternehmen seien in der Lage, die erheblichen und steigenden Kosten für Forschung und Entwicklung zu verdienen und damit zu tragen. Viele Produkte könnte man zu marktgängigen Preisen nicht mehr in kleinen Hinterhofwerkstätten herstellen, z. B. Autos und Treibstoffe. Einmehr oder minder großer Teil der Kosten, inmanchen Branchen bis zu 90%, sei durch Tarifverträge, Steuern, amtlich festgesetzte Preise, technische Vorgaben u. a. fest gebunden und der unternehmerischen Disposition entzogen. Diese Behauptungen sind in dieser Allgemeinheit unhaltbar. Auch wenn nicht zu bestreiten ist, daß die Aufwendungen für Forschung und Entwicklung in gro- ßen Unternehmen meistens relativ höher sind als in kleinen, läßt sich nicht der behauptete Umkehrschluß ziehen. Kleine Unternehmen leisten durchaus ihren Beitrag zur Forschung und Entwicklung. Bezieht man wirtschaftlich bahnbrechende Erfindungen in die Überlegungen ein, sind Einzelpersonen und Kleinunternehmen zumindest historisch bedeutsamer gewesen als Großunternehmen, weil Geld nicht auch schon ein Genie hervorbringt. Daß sich bestimmte Produkte, deren Zahl indessen nicht überschätzt werden sollte, nur noch absetzen lassen, wenn sie kostengünstig als standardisierte Masse erzeugt werden, ist nicht zu bestreiten. Sehr hohe fixe Kosten ( economies of scale) sind unstreitig zum Teil eine unumgängliche Erscheinung der modernen Technologie. Andere Begründungen für Konzentrationen sind auch für eine freiheitliche Wirtschaftsordnung bedenkenswert: Der Ausdruck Mißbrauch lasse sich eng und weit fassen. Mißbrauch könne in einer weiten Fassung - wie beim UWG - auch Tatbestände erfassen, die als Wettbewerbshandlungen in einer freiheitlichen Wirtschaftsordnung erwünscht seien. Die überragende Stellung auf einem Markt sei ebenfalls ein definitorisches Problem. Auf einem sehr eng verstandenen Markt gebe es nur überragende dominante Marktpositionen, auf einem sehr weit verstandenen überhaupt keine oder nur vernachlässigbare. Wettbewerbstypisch seien überdies Prozesse, in denen bestimmte Unternehmen als 12. Konsumentenpolitik 269 Pioniere tätig sind und deshalb eine Führung auf einem Markt erlangen könnten. Insoweit müsse verhindert werden, daß temporäre Marktführer auf einem partiellen Markt, die ihre Position ihren Wettbewerbsanstrengungen verdanken, für solche Leistungen auch noch bestraft würden. Fusionen könnten - anders als horizontale und vertikale Wettbewerbsbeschränkungen, bei denen Unternehmen selbständig bleiben - zu effizienteren Unternehmen führen. Ob sich Fusionen bewähren, entscheide der Markt, dessen Alternativen durch Unternehmensauflösungen in der Regel nicht nennenswert vermindert würden. Machtzusammenballungen stellen der freiheitlichen Wirtschaftspolitik die Aufgabe, zwischen Konzentrationen, die ihren Prinzipien widersprechen, und solchen, die ihnen entsprechen, zu unterscheiden. Damit ist keine theoretische Frage aufgeworfen, bei der nur zwischen zwei Übeln gewählt werden kann (Dilemma-Position), sondern eine empirische, bei der kasuistisch zu klären bleibt, ob der Wettbewerb gefördert oder behindert wird (Alternativ-Position). Die Empirie zeigt, daß große Unternehmen den Wettbewerb sowohl behindern als auch fördern können. Für staatliche Eingriffe in den Wettbewerb, für Auflagen und Subventionen, die in der Bundesrepublik Deutschland das Marktgeschehen wohl am schwerwiegendsten beeinträchtigen, gibt es trotz des Bekenntnisses für eine freiheitliche Wirtschaftsordnung keine ernst zu nehmende Begründung. Seit Jahren werden deshalb ohne weitere Täuschungsversuche neue Auflagen und Subventionen als politischer „Sündenfall", vor allem in den Massenmedien, vermarktet. Ökonomisch ernsthafte Gründe für staatliche Eingriffe sind bisher auch nicht vorgebracht worden. Eine gewisse Ausnahme scheint die Behauptung, durch die Subventionierung technischer Entwicklungen würde die Wettbewerbsfähigkeit in der Zukunft erhöht. Entsprechend werden mit staatlicher Hilfe Entwicklungsinvestitionen getätigt, die wegen ihres Risikos ohne diese Hlfe unterblieben wären. Tatsächlich konnte nicht ausbleiben, daß Milliardenbeträge für unwirtschaftliche Projekte vertanworden sind (z. B. Windkraftwerke). Dies gilt nicht nur für ein Land als Ganzes, sondern auch regional und lokal, wo über das Parteieninteresse hinweg die Konkurrenz um das politische Mandat zu allen nur denkbaren Koalitionen von Politikern führt, mit denen man sich bei der Suche nach staatlicher Hilfe „vor Ort" behaupten möchte. Zu wiederholen bleibt: Das Ergebnis der um sich greifenden politischen Interventionen in den Wettbewerbsprozeß ist eine Aushöhlung, letztlich eine Zerstörung der freiheitlichen Ordnung in Wirtschaft, Gesellschaft und Staat. Ansatzpunkte zur Bekämpfung freiheitsbedrohender wirtschaftlicherMacht Die Ordnung des Wirtschaftslebens durch Wettbewerb und die Regelung wirtschaftlicher Vorgänge durch private Wettbewerbsbeschränkungen und staatliche Eingriffe schließen sich gegenseitig aus. Die Ansatzpunkte zur Bekämpfung wirtschaftlicher Macht müssen deshalb von der Entscheidung für Wettbewerb als Mittel und Ziel einer freiheitlich verfaßten Ordnung ausgehen. Dann kann es weder der Wirtschaft noch dem Staat überlassen bleiben, diese Ordnung nach eigenem Ermessen zu durchkreuzen. Es sind vor allem drei Probleme zu 270 Zweiter Teil. Mikroökonomie bewältigen, die bisher nicht befriedigend gelöst sind: Vertragliche Wettbewerbsbeschränkungen, Konzentrationen (Marktbeherrschung, Fusionen) und Intervention des Staates in den Wettbewerb. In der Entstehungsgeschichte des GWB ist belegt, daß der damalige Wirtschaftsminister LUDWIG ERHARD sich für ein Verbot der vertraglichen Wettbewerbsbeschränkungen mit der Begründung einsetzte, vor allem Kartelle seien eine „besondere Spielart kollektivistischen Geistes", eine Art „Planwirtschaft der Unternehmer". Er wollte die Zustimmung der Industrievertreter, die den Regierungsentwurf heftig bekämpften, mit wenigen Ausnahmen vom Verbot - für Normierungs- und Typisierungskartelle - erreichen. Eine ökonomische Begründung für Ausnahmen hat er nicht gegeben. Eine widerspruchsfreie Lösung kann nur sein, private Wettbewerbsbeschränkungen zu verbieten. Im Hinblick auf das geltende Gesetz gegen Wettbewerbsbeschränkungen würde dies vor allem bedeuten, daß die Ausnahmen vom Kartellverbot und vom vertikalen Preisbindungsverbot ersatzlos zu streichen sind. Das Substitut der vertikalen Preisbindung, die vertikale Preisempfehlung, ist zu verbieten. Neu zu fassen wären auch Vorschriften, die vertragliche Wettbewerbsbeschränkungen anderer Art erlauben. Ein nicht unwichtigerNebeneffekt einer solchen gestrafften Fassung des GWB wäre eine erhebliche Reduzierung der in Bund und Ländern vorhandenen Kartellbürokratie sowie eine Entlastung der Gerichte. Die mehrfachen Novellierungen des GWB lassen erkennen, daß die Hauptprobleme des Gesetzes nicht bei den vertraglichenWettbewerbsbeschränkungen, sondern bei den Konzentrationen gesehen werden. Unstreitig ist, daß § 1 GWB frühere Ausmaße einer Kartellierung verhindert hat, auch, daß die staatlichen Eingriffe in den Wettbewerbsprozeß das Hauptübel darstellen, während die Bedeutung der Konzentration unterschiedlich eingeschätzt wird. Dennoch sei festgehalten: Die existierenden vertraglichen Wettbewerbs-beschränkungen horizontaler und vertikaler Art sind erheblich und in jedem Fall ein Fremdkörper des freien Wettbewerbs. Die Frage, an welcher Stelle die Wettbewerbspolitik bei marktbeherrschenden Unternehmen und Fusionen ansetzen soll, wird auch von Vertretern einer freiheitlichen Wirtschaftsordnung verschieden beantwortet. Insbesondere WALTER EUCKEN sowie ihm nahestehende Anhänger der „Freiburger Schule" vertreten die Auffassung, Macht an sich müsse bekämpft werden. Die Gefährlichkeit von Monopolen bestehe nicht darin, daß sie ihre Macht mißbrauchen, sondern daß sie überhaupt Macht haben. Dieser Standpunkt, der vom irrealen Modell der vollkommenen Konkurrenz bestimmt ist, wird heute nur noch selten vertreten. Nach der herrschenden Meinung soll nur der Mißbrauch von Marktmacht verfolgt werden. Dabei scheiden sich die Geister an der Frage, was alsMißbrauch zu betrachten undwie er in der Praxis zu bekämpfen ist. Eine Legaldefinition des Mißbrauchs gibt es nicht, wohl eine stehende Kartellamtspraxis. Das GWB nennt drei Fallbeispiele für Mißbrauch von Marktmacht: erstens die ungerechtfertigte Beeinträchtigung anderer Unternehmen im Wettbewerb, zweitens den Preis- und Konditionenmißbrauch als Abweichung vom hypothetischen Marktergebnis bei wirksamen Wettbewerb und drittens die ungerecht- 12. Konsumentenpolitik 271 fertigte regionale Preis- und Konditionendifferenzierung. Diese Beispiele führen im Ergebnis nicht viel weiter als bisher, schon wegen einiger unbestimmter Rechtsbegriffe - wie „ungerechtfertigte" Beeinträchtigungen oder „wirksamer" Wettbewerb -, zeigen jedoch, daß der Bundesgesetzgeber glaubt, Abweichungen vom hypothetischen Marktergebnis als Maßstab für Eingriffe des Kartellamtes heranziehen zu können. Das entscheidende Problem läßt sich auf die Frage reduzieren: Soll ein „Als-ob-Wettbewerb" - eine Art wohlfahrtsökonomisches PARETO-Optimum -Maßstab desMißbrauchs sein oder die Beeinträchtigung derWettbewerbsfreiheit? Ausgangspunkt einerWettbewerbspolitik kann nur sein, daß die Wettbewerbsfreiheit nicht beeinträchtigt wird. Deshalb kommt es vor allem darauf an, die Wettbewerbsfreiheit zu sichern. Sollten sich als Ergebnis eines freienWettbewerbs Marktbeherrschungen und Fusionen herausbilden, sind diese zu tolerieren. Die Wettbewerbspolitik ist offen gegenüber Betriebsgrößen - grundsätzlich offen, also nicht dafür da, bestimmte betriebliche Entwicklungen vorab zu verfemen. Dahinter steht die gesicherte Erfahrung, daß im Zuge eines Wettbewerbsprozesses Ergebnisse eintreten, die niemand vorhersehen kann. Eine Orientierung an einem fiktiven „Als-ob-Wettbewerb" oder - in der Sprache des GWB - einem hypothetischenMarktergebnis bei wirksamenWettbewerb, die das Kartellamt zu gerichtlich bestätigten Preisverfügungen veranlassen kann, sind schon gedanklich verfehlt. Aus welchen Erkenntnissen leitet das Kartellamt ab, daß die Benzinpreise an Autobahntankstellen nur bis 2 Cents pro Liter höher sein dürfen als an benachbarten Straßentankstellen, mehr als 3 Cents aber ein Mißbrauch von Marktmacht sein muß? Dieser, als „Ausbeutungsmißbrauch" bezeichnete Sachverhalt ist in einer freiheitlichen Wirtschaftsordnung nicht zu beanstanden, wenn die Straßentankstellen nicht behindert werden, billiger als die Autobahntankstellen anzubieten und die Autofahrer die freie Wahl haben, an oder abseits der Autobahn zu tanken (kein „Behinderungsmißbrauch"). Die Problematik großer Unternehmen, die oft Pioniere desWettbewerbs sind und ihre Größe nicht selten demWettbewerb verdanken, liegt nicht in der Höhe ihrer Marktanteile auf irgendwelchen Märkten, deren Bestimmung je nach Markt- und Gutsdefinition willkürlich ist, sondern in ihrer Potenz, die Wettbewerbsfreiheit von Konkurrenten oder die Wahlfreiheit der Nachfrager zu behindern. Nur insoweit dies geschieht, also bei „Behinderungsmißbrauch", ist dieWettbewerbspolitik gefordert, für Abhilfe zu sorgen. Die tatsächliche Ausgestaltung des GWB trägt diesem Erfordernis jedoch keine Rechnung. Die Klärung des Ansatzpunktes für eine Wirtschaftspolitik, wie staatliche Eingriffe (rechtliche Auflagen und finanzielle Subventionen) in den Wettbewerb zu behandeln sind, bereitet kaum wissenschaftliche, offensichtlich aber schwer zu überwindende politische Probleme. Politisch ist nur das Ziel der Wettbewerbspolitik in einer freiheitlichen Ordnung klar: die Zurückdrängung systemwidrigerWettbewerbsinterventionen. Entscheidend für unterschiedliche Beurteilungen sind die Mittel, die Glaubwürdigkeit und die Konsequenz, mit denen unkontroverse Ziele wirklich verfolgt werden. Einem politisch erklärten Willen müssen Taten folgen, die - für die Bundesrepublik Deutschland - folgende Fakten zu verändern haben: 272 Zweiter Teil. Mikroökonomie Die „Lust" gesetzgeberischer Organe, in Bund, Ländern und Gemeinden, alles Denkbare möglichst perfektionistisch zu reglementieren. Die „Täuschungsversuche" staatlicher Stellen, Zwangsabgaben beliebig zu deklarieren, um auf diese Weise über Steuern, Soziallasten, Inflationsgewinne und anderes die frei verfügbaren Realeinkommen der Individuen zu schmälern. Die Versuche politischer Unternehmer - Abgeordneter wie politisierter Beamtenschaft -, als „Wohltaten" zu deklarieren, was die staatlich verursachten, von einer breiten Bevölkerungsschicht jedoch nicht erkannten Folgen hoheitlicher Eingriffe in den Wettbewerb sind, die durch Belastungen aller Steuerzahler finanziert werden müssen. Dieser Ausgangspunkt einer freiheitlichen Wirtschaftspolitik ist leicht beschrieben, angesicht der kurzfristigen Erfolgswünsche politischer Unternehmer aber nur dann in ihrem Bewußtsein zu verankern, wenn weite Teile der Bevölkerung den Mechanismus, sie auf ihre eigene Kosten zu täuschen, durchschauen und diese Einsicht bei autonomen Politikerpersönlichkeiten Platz greift. Es führt kein Weg daran vorbei: Wer weniger Staat und mehr persönliche Freiheit will, kommt nicht umhin, den Dschungel staatlicher Auflagen zu durchforsten. III. Bereichsausnahmen des Wettbewerbs Wettbewerbsausnahmen als Problem einer freiheitlichen Wirtschaftsordnung Der Wettbewerb wird nicht nur von Wettbewerbsbeschränkungen durchbrochen, die in allenWirtschaftszweigen auftreten können, sondern auch durch die Herausnahme ganzer Bereiche aus dem Wettbewerbsgeschehen. Diese Bereiche werden Bereichsausnahmen oder Ausnahmebereiche genannt. Bereichsausnahmen gibt es in großer Zahl: Ganz oder teilweise freigestellt werden insbesondere: Unternehmen der Verkehrswirtschaft (Bundespost, Bundesbahn, Schiffs- und Flugunternehmen), die Landwirtschaft, die Deutsche Bundesbank und die Kreditanstalt für Wiederaufbau, Verwertungsgesellschaften (z. B. GEMA) und Versorgungsunternehmen (Elektrizitäts-, Gas- und Wasserversorgung). Die Freistellungenwurden früher imGWB, neuerdings zum Teil in speziellen Gesetzen geregelt. Das GWB ist darüber hinaus entgegen den Regelungen in anderen Ländern nicht anzuwenden auf den Arbeitsmarkt (Arbeitsverträge, Tarifverträge) und den Gesundheitssektor (Sozialversicherungsträger, Krankenanstalten, kassen- und zahnärztliche Vereinigungen). Schließlich gibt es Bereiche, in denen der Staat ein Monopol innehat oder als Marktführer neben privaten Anbietern tätig ist, wie bei der Arbeitsvermittlung und Berufsberatung, in der Spielindustrie (Lotterien und Spielbanken), bei einigen Medien (Rundfunk und Fernsehen) sowie im Hochschulsektor. Rechnet man zu diesen 12. Konsumentenpolitik 273 Bereichsausnahmen die staatlichen Eingriffe in den Wettbewerb, in Form von Auflagen und Subventionen, hinzu, wird deutlich, in welchem Umfang in einem Land, das international als ein Hort des freien Wettbewerbs gilt, hoheitlicher Zwang die individuelle Freiheit beeinträchtigt oder beseitigt. Angesichts des Ausmaßes und der Bedeutung der Bereichsausnahmen, die einigen Industrien gesamtwirtschaftlich zukommt, sind zunächst ihre ökonomischen Wirkungen von Interesse. Die entscheidende Frage lautet, ob und gegebenenfalls inwieweit Bereichsausnahmen mit einer freiheitlichen Wirtschafts-, Gesellschafts- und Staatsordnung zu vereinbaren sind und wie eine ordnungskonformeWettbewerbspolitik imHinblick auf die Bereichsausnahmen konzipiert sein muß. Die Wirkungen der Bereichsausnahmen im Vergleich zum Wettbewerb lassen sich nur in ihrer Richtung, nicht im Detail analysieren. Grundlage einer Beurteilung sind die generell feststellbaren Folgen des Wettbewerbs (Mustervorhersage), in geeigneten Fällen auch Vergleiche mit anderen Ländern (Analogievorhersage). Die zentralen ökonomischen Probleme der Bereichsausnahme in freiheitlichen Ordnungen ergeben sich aus der Tatsache, daß knappe Ressourcen verschwendet, Einkommen nach Behördenwillkür verteilt und die Angebote nicht durch Nachfrager maßgeblich bestimmt werden. Diese Folgen lassen sich an einem beliebigen der genannten Bereiche illustrieren. Im Hinblick auf später behandelte Bereiche sei auf die Rundfunk- und Fernsehindustrie beispielhaft eingegangen, womit nicht die imWettbewerb stehenden Gerätehersteller, sondern die staatlichen Rundfunk- und Fernsehanstalten als Dienstleistungsunternehmen gemeint sind. Der Ausdruck Anstalten weist vorab hinreichend deutlich darauf hin, daß es sich in der Tat um staatliche Einrichtungen handelt, die - wie z. B. Universitäten - Körperschaften des öffentlichen Rechts sind, für die die Bundesländermit Ausnahme der Fernmeldetechnik die Kompetenz besitzen. Die Finanzierung der Rundfunkanstalten erfolgt imwesentlichen durch Gebühren und durch Einnahmen ausWerbesendungen. Die Beschaffung der wichtigsten Einnahmen, das heißt die Festsetzung der Gebühren für Rundfunk und Fernsehen, obliegt den Länderparlamenten. Über dreißig Jahre hinweg wußten die Landesgesetzgeber nicht - nicht einmal in Andeutungen -, ob die von den Rundfunkanstalten. geforderten und vom Gesetzgeber ganz oder teilweise verordneten Gebühren für technische und personelle Ausgaben tatsächlich notwendig waren. Erst nachdem Rechnungsprüfer der Rundfunkanstalten ihre Berichte den Parlamenten und damit der Öffentlichkeit zugänglich machten, wurde einiges über das wirtschaftliche Gebaren von „Rundfunkbeamten" bekannt, so vor allem: die Verschwendung von knappen Ressourcen, die bei einem privaten Unternehmen längst zum Konkurs geführt hätte, und die Gehälter und Altersversorgung von Rundfunkbediensteten, bei denen Redakteure besser als Staatssekretäre und Intendanten besser als das Staatsoberhaupt gestellt wurden. Die staatlichen Bereichsausnahmen werden, wie man durchaus verstehen kann, von Beschäftigten in diesen Industrien verteidigt. Staatliche Organe, 274 Zweiter Teil. Mikroökonomie staatlich bestellte oder von staatlichen Eingriffen abhängige Unternehmer können überhaupt kein Interesse daran haben, sich demWettbewerb auszusetzen. Da der Staat eine steigende Zahl von Menschen gegen Wettbewerb schützt, erhöht er durch sein Verhalten die Zahl der Gegner einer freiheitlichen Ordnung. Mit anderenWorten: Staatlich gebildete Bereichsausnahmen schaffen ein Millionenheer von Wettbewerbsgegnern und damit einen erheblichen Widerstand gegen eine auf demWettbewerb basierende Wirtschafts- und mit ihr verknüpfte Gesellschaftsordnung. Diese Gruppe der Gegner wird noch verstärkt von denjenigen in Wirtschaft, Gesellschaft und Staat, die von staatlichen Eingriffen in den Wettbewerb profitieren. Kommt schließlich noch hinzu, daß die Wettbewerbsgegner über wesentliche Teile der Massenkommunikationsindustrie verfügen oder auf sie maßgeblich einwirken - z. B. durch elektronische Massenmedien verbreitete Verlautbarungen ihrer Presseämter und -abteilungen -, befinden sich die Vertreter der freiheitlichen Ordnung in einer geradezu hoffnungslosen Lage. Hilfe können diese nur von der Überzeugungskraft ihrer Argumente erwarten, was angesichts der wirtschaftlichen Interessen ihrer Gegner meistens nur wenig bewirkt, und vom Desaster, das staatliche Eingriffe in die persönliche Sphäre - soweit diese und deren Urheber überhaupt erkannt werden - kurz- und vor allem langfristig geradezu zwangsläufig anrichten. Nach allen Erfahrungen liegt die Chance der Vertreter einer freiheitlichen Ordnung nicht in der intellektuellen Überzeugungskraft ihrer Argumente, sondern in dem Versagen einer Politik, die die Unausweichlichkeit von Bereichsausnahmen behauptet, staatliche Amtsträger für weniger selbstsüchtig hält als private Unternehmer und den Wettbewerb entweder nicht versteht oder seine Ergebnisse nicht akzeptiert. Die folgende Analyse der Ausnahmebereiche konzentriert sich deshalb auf Behauptungen, nach denen in bestimmten Fällen - erstens - Bereichsausnahmen notwendig seien, der Staat - zweitens - eingreifen müsse und - drittens - der Markt versage. Behauptungen über die Notwendigkeit von Bereichsausnahmen Die Behauptungen über die Notwendigkeit von Bereichsausnahmen haben als gemeinsame Wurzel die Dilemma-These: Wettbewerbsfreiheit und ökonomische Vorteilhaftigkeit seien unter bestimmten Marktbedingungen nicht zugleich realisierbar. Da das Ziel des Wettbewerbs - verstanden als Instrument die Erlangung ökonomischer Vorteile ist, müßten diese bei bestimmten Marktstrukturen auf einem anderen Weg erreicht werden. Die Dilemma-These enthält zwei Aspekte. Unterstellt wird erstens, daß das Marktergebnis bei Wettbewerb als Referenzsituation bekannt sei, zweitens, daß angegeben werden kann, in welchen Fällen der Wettbewerb ökonomisch nicht die gewünschten Ergebnisse zeitige. Beide Annahmen - über dasMarktergebnis und dieMarktstruktur - sind problematisch, wennWettbewerb als ein Entdeckungsverfahren verstanden wird. Nach diesem Verständnis sind nicht bestimmte Marktergebnisse, sondern nur die Muster der Wettbewerbswirkungen vorhersehbar (Mustervorhersagen) undMarktstrukturen für denWettbewerb keine vorgegebene Größe. Gegen dieses Wettbewerbsverständnis wird eingewandt, es gebe technische 12. Konsumentenpolitik 275 Gründe für Bereichsausnahmen, gleichsam „naturgegebene" Ausnahmen vom Wettbewerb. Wenn ein Markt nur einem Unternehmen Platz biete, liege ein „natürliches" Monopol vor, bei dem Wettbewerbsfreiheit keinen Sinn ergebe. Solche natürlichen Bereichsausnahmen seien insbesondere leitungsgebundene Produkte oder Dienstleistungen, z. B. die Elektrizitätsversorgung. Denkbar sei wohl, Märkte dieser Art einem privaten Unternehmen zu überlassen. Dieses müsse als Monopolist aber staatlich beaufsichtigt werden (regulierte Industrie). Es ist nicht zu bestreiten, daß die Zahl der Alternativen aus technischen Gründen beschränkt sein kann. Damit läßt sich jedoch weder die zu beobachtende staatliche Praxis - mit weitgehenden Wettbewerbsbeschränkungen - noch ein Wettbewerbsausschluß von vorneherein begründen. Für die Dilemma-These wird zweitens vorgebracht, ein Wettbewerb scheide oft wegen übergeordneter gesellschaftlicher und politischer Gesichtspunkte aus. Darin liegt der Anspruch, staatliche Unternehmer - Politiker und politisierte Beamte - seien besser als private Unternehmer, die dem Profitstreben nachgehen, in der Lage, das Gemeinwohl zu verfolgen. Erinnert sei daran: In unsererWirtschafts-, Gesellschafts- und Staatsordnung ist die individuelle Freiheit das maßgebende Prinzip. Gemeinwohl erhält nur einen Sinn, wenn es ein Maximum an persönlicher Freiheit bedeutet, die ihre Grenzen dort hat, wo in die Freiheit anderer eingegriffen wird. Staatliche Beschränkungen der individuellen Freiheit, auf irgendwelchenMärkten tätig zuwerden, bedürfen deshalb der näheren Begründung, warum diese Eingriffe im Interesse der Individuen notwendig sind. Schließlich wird zur Stützung der Dilemma-These die Behauptung vorgetragen, der Markt bringe nicht die gewünschten Ergebnisse zustande. Deshalb müsse derWettbewerb als Ordnungsmittel durch einewie auch immer geartete Organisation des Marktes ersetzt werden. Diese Marktversagensthese impliziert vor allem eine Festlegung darüber, wie gewünschte Ergebnisse auszusehen hätten. Herrschende Auffassung unter Ökonomen ist, Abweichungen vom Modell der vollständigen Konkurrenz oder vom wohlfahrtsökonomischen PA- RETO-Optimum als Defekte des Wettbewerbs anzusehen: Damit wird der Wettbewerb nicht nur an einem irrealen Zustand (Wettbewerbs-Utopie), sondern auch amModell der vollständigen Konkurrenz gemessen, in demWettbewerb tatsächlich nicht mehr stattfinden kann (Wettbewerbs-„Nirwana"). Mehr Markt oder mehr Staat? Bereichsausnahmen können, wie deutlich geworden sein dürfte, ökonomisch nur in Einzelfällen begründet werden. Aber auch wenn Bereichsausnahmen aus anderen Gründen gewollt sind - meistens aus politischen -, wird fast immer ein ökonomisches Ziel vorgegeben, nämlich bestimmte wirtschaftliche Ergebnisse zu erzielen, die lediglich anders als die bei Wettbewerb erreichten aussehen sollen. Bei der Verwirklichung tauchen fast überall die gleichenGrundprobleme von Bereichsausnahmen auf: Auch bei Bereichsausnahmen gilt die nationale und internationale Interdependenz derWirtschaft, so daß eine wirkliche Kontrolle der Ausnahmeberei- 276 Zweiter Teil. Mikroökonomie che nicht gelingen kann. Maßnahmen innerhalb der Bereichsausnahmen führen zu unerwünschten, destabilisierenden Nebenwirkungen. Bei der Schaffung von Bereichsausnahmen wird meistens davon ausgegangen, es lasse sich auf bestimmten Gebieten eine wirtschaftliche Teilautonomie herstellen, die gegenüber dem Wettbewerb abzuschirmen sei. Diese Annahme ist - wie die Realität immer wieder zeigt - unhaltbar. Das sei am Beispiel der Landwirtschaft erläutert, die national und innerhalb der EuropäischenGemeinschaft vom Wettbewerb ausgenommen wird. Die generelle Begründung für diese Bereichsausnahme ist die Behauptung einesMarktversagens. Politisch gewollte Ziele für die Herausnahme der Landwirtschaft sind: die Produktivität durch Rationalisierung zu steigern, die Versorgung der Bevölkerung zu angemessenen Preisen sicherzustellen, die Agrarproduktion zu stabilisieren sowie Angebot und Nachfrage zu koordinieren. Zur Verwirklichung dieses Zielbündels wurden umfangreicheMarktorganisationen errichtet - sogenannte „Marktordnungen" -, die inzwischen so kompliziert sind, daß ihre technischen Einzelheiten nur wenigen Spezialisten bekannt sein dürften. Die Problematik der Bereichsausnahmen führt zur Frage, an welcher Stelle eine systemkonforme Wirtschaftspolitik ansetzen soll. Ohne Zweifel sind Bereichsausnahmen grundsätzlich ein Fremdkörper in einer freiheitlichen Wirtschaftsordnung, die zudem die übrigen Staatseingriffe verstärken und damit den Freiheitsspielraum der Individuen unnötig einengen. Für ein Remedur scheinen derzeit nur zwei Wege realistisch: zunehmende Schwierigkeiten in allen Bereichen, in denen staatliche Stellen den Wettbewerb beschränken oder ausschalten; ein Prozeß des Umdenkens bei denjenigen, die künftig die Macht ausüben oder gegenwärtig die Gesetzgebung kontrollieren. Beim ersten Weg wird darauf gesetzt, daß auch Politiker aus der Erfahrung, die immer noch der beste Lehrmeister zu sein scheint, wirklich lernen. Die Probleme und Gefahren dieses Weges sind offenkundig. Erstens hat dieser Weg unübersehbare volkswirtschaftliche Kosten zur Folge, selbst wenn er zum Ziele führt. Zweitens ist nach allen wirtschaftspolitischen Erfahrungen keineswegs sicher, daß die Folgen staatlicher Eingriffe überhaupt erkannt werden, zumal auch schonungslose Analysen nicht akzeptiert werden, wenn sie eigenen Interessen widersprechen. Drittens kann angesichts des gegenwärtigen Ausmaßes staatlicher Eingriffe nicht ausgeschlossen werden, daß jede politische Einsicht zu spät kommt, die freiheitliche Ordnung schon verloren ist. Auf den zweiten Weg sei abschließend eingegangen. Geht man davon aus, daß die freiheitliche Ordnung schon gegenwärtig ernsthaft durch staatliches Verhalten bedroht ist, liegt es nahe, an diejenigen zu denken, die die herrschende Schicht der Politiker ablösen wird, wie den politischen Nachwuchs, oder der Gesetzgebung Grenzen setzt, wie das Verfassungsgericht. Die bisherige Rechtsprechung dieses Gerichts zeugt allerdings von einer elementaren Unkenntnis des entscheidenden Punktes: Auch der Staat muß an die freiheitliche Wirtschaftsordnung gebunden werden, wenn die freiheitliche Ordnung als Ganzes überleben soll. Diese Auffassung erfordert eine etwas 12. Konsumentenpolitik 277 nähere Begründung. Das Verfassungsgericht vertritt seit einigen Jahrzehnten unverändert die These von „der wirtschaftspolitischen Neutralität des Grundgesetzes". Damit hat es der Legislative freie Bahn gelassen, bei der Gesetzgebung in wirtschaftlichen Angelegenheiten fast nach Belieben zu verfahren, während diese sonst darauf sehen muß, die Verfassungsnormen zu beachten. Wirtschaftspolitik wird damit zu einem verfassungsrechtlichen Freiraum, in dem das Wollen der Politiker fast allein entscheidet. Der Standpunkt des Verfassungsgerichts kann ordnungspolitisch nur als tragisch bezeichnet werden, was führende Rechtsgelehrte, wie der erste Präsident des Bundesarbeitsgerichts, HANS-CARLNIPPERDEY, frühzeitig erkannt haben. Verschiedene prominente Staatsrechtslehrer versuchen bis heute - allerdings ohne praktischen Erfolg - zu zeigen, daß das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland im Gegensatz zur Weimarer Verfassung eine bestimmte ordnungspolitische Wertentscheidung enthalte, so die Garantie des Privateigentums, des Erbrechtes, der Berufsfreiheit und der Freizügigkeit. DieseWertentscheidungen, die essentielle Bestandteile einer freiheitlichen Wirtschaftsordnung seien, könnten nicht ausgewechselt werden, ohne daß die Verfassung ihre Identität verlöre und der staatliche Gewalt legitimierende Grundkonsens zerbräche. Diese Grundrechte seien nicht nur willkürlich in die Verfassung eingestreute subjektive Rechte des einzelnen gegenüber dem Staat, sondern auch diesen bindende objektive Normen. Folgt man diesem Verfassungsverständnis, gelten die Grundrechte als höchstrangige Rechtsprinzipien auch für dieWirtschaftsgesetzgebung. Die freiheitliche Wirtschaftsordnung ist dann zwangsläufig ein unverzichtbarer Teil unserer gesellschaftlichen und staatlichen Ordnung, deren Ausgestaltung unstreitig nur im Rahmen so verstandener Grundrechte erfolgen darf. Die zunehmende Zerstörung der freiheitlichen Ordnung durch hoheitliche Gewalt könnte eines Tages zu einer Wende in der Rechtsprechung des Verfassungsgerichtes führen. Ob sie jemals und für die Sicherung der Freiheit noch rechtzeitig eintreten wird, vermag niemand zu sagen. Literaturempfehlungen zum zweiten Teil U. FEHL - P. OBERENDER, Grundlagen der Mikroökonomie. Eine Einführung in die Produktions-, Nachfrage- und Markttheorie, 9. A., München 2004. J. FRANKE, Grundzüge der Mikroökonomik, 8. A., München-Wien 1996. W. GÜTH, Markt- und Preistheorie, Berlin 1994. K. HERDZINA- ST. SEITER, Einführung in die Mikroökonomik, 11. A., München 2009. W. HOYER - R. RETTIG - K.-D. ROTHE, Grundlagen der mikroökonomischen Theorie, 3. A., Düsseldorf 1993. G.KNIPS, Wettbewerbsökonomie. Regulierungstheorie, Industrieökonomie, Wettbewerbspolitik, 3. A., Berlin 2010. 278 Zweiter Teil. Mikroökonomie I. SCHMIDT, Wettbewerbspolitik und Kartellrecht. Eine interdisziplinäre Einführung, 8.A., Stuttgart 2005. K. SCHÖLER, Grundlagen der Mikroökonomik. Eine Einführung in die Theorie der Haushalte, der Firmen und des Marktes, 2. A., München 2004. J. SCHUMANN - U. MEYER - W. STRÖBELE, Grundzüge der mikroökonomischen Theorie, 7. A., Berlin-Heidelberg-New York 1999. H. R. VARIAN, Grundzüge der Mikroökonomik, 7. A., München-Wien 2007. A. WAGNER, Mikroökonomik, 5. A., Marburg 2009. S. WIED-NEBBELING , Preistheorie und Industrieökonomik, 5. A., Berlin 2009. H. WIESE, Mikroökonomik. Eine Einführung in 376 Aufgaben, 5. A., Berlin 2010.

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References

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Der Autor Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Artur Woll lehrte an verschiedenen Universitäten VWL und war Gründungsrektor der heutigen Universität Siegen.