Dritter Teil: Makroökonomie in:

Artur Woll

Volkswirtschaftslehre, page 277 - 519

16. Edition 2011, ISBN print: 978-3-8006-3835-2, ISBN online: 978-3-8006-4314-1, https://doi.org/10.15358/9783800643141_277

Series: Vahlens Handbücher der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften

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Dritter Teil Makroökonomie 13. Kapitel: Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung I. Aufgabe, Formen und Merkmale Aufgabe und Formen System von Definitionen gesamtwirtschaftlicher Größen und deren empirische Darstellung - Aufgabe - Formen nationaler Buchhaltung, Input-Output-Rechnung, Flow of Funds-Analyse Merkmale Theoretische Basis - Zeitdimension - ex post-Analyse - Wertrechnung II. Ermittlungsarten und Identitäten Ermittlungsarten Entstehungsrechnung - Verteilungsrechnung - Verwendungsrechnung - Verbindung von Verteilungs- und Verwendungsrechnung Vergleich der Ermittlungsarten und einige Identitäten Ermittlungsart - Identitäten K 13 - 1: Das Sozialprodukt als Indikator des Wohlstandes III. Das Kontensystem in der Bundesrepublik Deutschland Sektoren Sektoren als ökonomische Gruppen - Unternehmen - Staat - Haushalt Wirtschaftliche Tätigkeiten (Funktionen) Produktion - Erzielung und Verwendung von Einkommen - Bildung von Vermögen - Verbindung von sektoralen und funktionalen Konten IV. Input-Output-Rechnung Erklärungsziel und Merkmale Erklärungsziel - Merkmale Input-Output-Tabellen Bauart - Bedeutung I. Aufgabe, Formen und Merkmale Aufgabe und Formen Die Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung (National Income Accounting) ist zentraler Ausgangspunkt der makroökonomischen Analyse. Nach überwiegendem internationalen Sprachgebrauch versteht man unter Volkswirtschaftlicher Gesamtrechnung ein System von Definitionen gesamtwirtschaftlicher Größen und deren empirische Darstellung. Gelegentlich wird - im deutschen Schrifttum eher als im angelsächsischen - die Erarbeitung des Definitionssystems (Kreislaufanalyse) von seiner statistischen Auffüllung (Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung als Gebiet der Statistik) unterschieden; auch in anderer Hinsicht ist die Terminologie nicht sehr gefestigt. Obwohl sich die theoretischen und empirischen Arbeiten zur Erfassung des gesamtwirtschaftlichen Einkommens bis in das 18. Jahrhundert zurückverfolgen lassen, handelt es sich bei der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung in ihrer heutigen Form um eine relativ junge Entwicklung. Entscheidende Anstöße gab 1936 JOHN M. KEYNES mit seinemWerk "General Theory of Employment, Interest andMoney". Nach dem Zweiten Weltkrieg schufen sich zahlreiche Länder volkswirtschaftliche Rechnungssysteme als Teil der amtlichen Statistik, die später durch weitgehende Übernahme eines Standardsystems international vereinheitlicht wurden. Die englische Bezeichnung National Income Accounting deutet - besser als die deutsche - dieAufgabe der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung an: Generell sollen mit ihr die neu geschaffenen Werte eines Landes, gemessen am Volkseinkommen oder Sozialprodukt, für einen bestimmten Zeitraum erfaßt werden. Von der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung zu unterscheiden ist die Volksvermögensrechnung, in die nicht der Wertzuwachs einer Zeitperiode, sondern derWertbestand in einem bestimmten Zeitpunkt eingeht. Mit derMessung neu geschaffener Werte läßt sich ein wirklichkeitsnahes, quantitatives Gesamtbild über das Ergebnis des wirtschaftlichen Geschehens gewinnen. Aus diesem Grund dient die Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung insbesondere dazu, das Verständnis für gesamtwirtschaftliche Zusammenhänge zu fördern; wissenschaftliche Aussagen zu bestätigen oder zu falsifizieren; wirtschaftspolitische Vorschläge und Entwicklungen rational zu fundieren. Diese Zielsetzungen erfordern, daß die empirischen Daten nicht als einziger Maßstab (z. B. für die Konjunkturlage oder gar den "Volkswohlstand") angesehen und dadurch möglicherweise falsch interpretiert werden. Mißdeutungen von Zahlen sind bei der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung leicht möglich: Erstens können durch die Aggregation von zahlreichen Untergruppen wichtige Einzelheiten verlorengehen. Zweitens beruht ein Teil der Ergebnisse nicht auf statistischen Erhebungen, sondern auf Schätzungen oder fiktiven Zahlen (z. B. beim Eigenverbrauch). Drittens ist die logische Verbindung und Messung der makroökonomischen Aggregate zu einer komplizierten Materie geworden, deren Beherrschung erhebliche ökonomische und statistisch-methodische Kenntnisse voraussetzt. Die Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung wird im folgen- 282 Dritter Teil. Makroökonomie den soweit dargestellt, wie es für das Verständnis der makroökonomischen Theorie und zur Interpretation der Statistik notwendig scheint. Bei der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung kann man verschiedene Formen ausmachen, insbesondere die nationale Buchhaltung - nach häufiger Begriffsabgrenzung mit der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung identisch -, die Input-Output-Rechnung und die Flow of Funds-Analyse. Weitaus am gebräuchlichsten ist die nationale Buchhaltung, die dem betrieblichen System der doppelten Buchführung stark ähnelt. Die Volkswirtschaft als Ganzes wird gleichsam als ein einziger Betrieb behandelt, die Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung ist eine Art gesamtwirtschaftliches Rechnungswesen. Konten gibt es für bestimmte Sektoren: Haushalte, Unternehmen, Staat und Ausland. Daneben oder statt dessen werden Konten auch nach ökonomischen Funktionen - wie Produktion, Finanzierung, Einkommens- und Vermögensbildung geführt. Die Input-Output-Rechnung ist ebenso wie die Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung ein System von Definitionsgleichungen und eine spezielle Statistik, auf der theoretische Analysen aufbauen. Ex post sind die Angebotsund Nachfragemengen für die einzelnen Teile der Wirtschaft simultan gleich. Jeder Teil der Wirtschaft figuriert in einer Input-Output-Tabelle dementsprechend zweimal, in der Angebots- und der Nachfragespalte. Die Input-Output- Rechnung wird vor allem verwendet, um die intersektoralen Güterströme und damit die Interdependenzen (Strukturen) zwischen den einzelnen Industrien sichtbar zu machen. Im Gesamtergebnis weicht sie - bei gleicher Definition nicht von der nationalen Buchhaltung ab, die sie ergänzt und erweitert. Die Flow of Funds-Analyse (Geldstrom-Analyse), die auf den amerikanischenNationalökonomenMORRISA. COPELAND zurückgeht, erfaßt alle Transaktionen des Geld- und Kreditsektors. Deshalb bleiben - im Vergleich zur nationalen Buchführung - einseitig reale Transaktionen (z. B. Schenkungen) und interne Vorgänge (z. B. Abschreibungen) unberücksichtigt. Eine entsprechende Statistik gibt es in den USA, die sich von der analogen, gesamtwirtschaftlichen Finanzierungsrechnung der Deutschen Bundesbank erheblich unterscheidet. Nachfolgend wird fast ausschließlich die Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung - im Sinne von National Income Accounting - behandelt und die Input-Output- Rechnung kurz skizziert. Für die Flow of Funds-Analyse und andere Ausprägungen des überbetrieblichen Rechnungswesens sei auf das einschlägige Schrifttum verwiesen. Merkmale Theoretische Basis der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung ist der volkswirtschaftliche Kreislauf, dessen einfachste Version bereits erläutert wurde (2. Kap.). Beachtet werdenmuß jedoch, daß die Volkseinkommens- oder Produktionsrechnung die Transaktionen nur mit dem Teil erfaßt, der eine Wertschöpfung darstellt (Wertschöpfungs-, nicht Umsatzrechnung). Wertschöpfung einer Zeitperiode wird im Kreislauf an drei Meßstellen erfaßt: bei der Produktion, bei der Entlohnung der Produktionsfaktoren und beimVerbrauch. Auf dieseWeise erhält manDaten, die Aufschluß geben über die gesamtwirtschaftliche Struktur des Volkseinkommens bei seiner Entstehung, Verteilung undVerwendung. Die 13. Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung 283 jeweiligen Summen der Entstehungs-, Verteilungs- und Verwendungsrechnung sind bei einem "geschlossenen" Kreislauf größengleich, was vor allem für die statistische Erhebung und deren Kontrolle Bedeutung hat. Ein Kreislauf gilt als geschlossen, wenn die Summe der herausfließenden Ströme gleich der Summe der hineinfließenden Ströme ist (Kreislaufaxiom). Buchhalterisch gesehen erfordert das Kreislaufaxiom, daß die Konten insgesamt ausgeglichen sind (Budgetforderung), was bedeutet: Jede Buchung erscheint gemäß den Grundsätzen der doppelten Buchführung zweimal. Ein geschlossener Kreislauf im so definierten Sinn darf nicht mit dem Kreislauf einer geschlossenen Volkswirtschaft (Volkswirtschaft ohne Auslandsbeziehung) verwechselt werden. Ein wichtiges Merkmal der Kreislaufgrößen ist ihre Zeitdimension. Einkommen und Produktion werden für eine bestimmte Zeitperiode festgestellt, in der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung meist für ein Jahr. Durch den Bezug auf eine bestimmte Zeitperiode erhält eine quantitative Angabe zurWertschöpfung überhaupt erst ihre Bedeutung. Ein Einkommen von z. B. 100 000 Euro kann hoch oder niedrig sein, je nachdem, auf welchen Zeitraum es sich bezieht. Man nennt Größen, die für eine bestimmte Zeitperiode definiert sind, also eine Zeitdimension haben, Stromgrößen (flows) zum Unterschied von Bestandsgrö- ßen (stocks), die für einen bestimmten Zeitpunkt ermittelt werden (z. B. Geldoder Kapitalbestände). Aufzeichnungen über bewertete Bestände werden als Vermögensrechnungen bezeichnet. Änderungen der Bestände (Zu- und Abgänge) sind Stromgrößen, da sie notwendig eine Zeitdimension haben. In die Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung gehen nur Stromgrößen ein. Da Stromgrößen auch Bestandsänderungen sein können, besteht zwischen der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung und der Vermögensrechnung eine Verbindung. Die Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung bezieht sich stets auf eine Zeitperiode, die in der Vergangenheit liegt. Sie ist damit eine ex post-Analyse, mit der die Ergebnisse von Entscheidungen der Wirtschaftssubjekte für einen zurückliegenden Zeitraum sichtbar gemacht werden. Von der ex post- ist die ex ante- Analyse zu unterscheiden (1. Kap.), der erwartete oder geplante Größen zugrunde liegen. Die ex ante-Analyse ist für die mikro- und makroökonomische Untersuchung ökonomischen Verhaltens typisch. Die methodisch erforderliche Trennung von ex post- und ex ante-Analyse darf nicht als ein Entweder-Oder mißverstanden werden. Beide Arten der Analyse können nebeneinander bestehen und sich aus sachlich gebotenen Gründen sogar bedingen, so z. B., wenn die definitorischen Festlegungen der VolkswirtschaftlichenGesamtrechnung in makroökonomische Verhaltenshypothesen eingehen. Die Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung ist eine Wertrechnung, das heißt, Mengen werden mit Preisen bewertet, so daß man einen Geldausdruck erhält. Auf diese Weise werden unterschiedliche Güter und Dienstleistungen national und - nach Umrechnung in eine bestimmte Währung - auch international vergleichbar. Die Bewertung erfolgt, soweit dies möglich ist, zu Marktpreisen. Bewertungsprobleme ergeben sich bei Gütern, deren Erfassung notwendig erscheint, die jedoch keinen Marktpreis haben. Zu denken ist vor allem an nicht marktgängigen Eigenverbrauch und an staatliche Leistungen. Im ersten Fall be- 284 Dritter Teil. Makroökonomie hilft man sich mit den Marktpreisen vergleichbarer Transaktionen, im zweiten Fall mit dem Kostenwertprinzip. Sämtliche Staatsleistungen gehen in Höhe der Personal- und Sachausgaben in die Wertschöpfung ein - angesichts des hohen staatlichen Anteils am Volkseinkommen eine unbefriedigende Lösung. Bei jeder Wertrechnung erhöht sich derWert auch ohne Änderungen der Güter- und Dienstleistungsmengen, wenn die Preise imDurchschnitt steigen; Analoges gilt für Preissenkungen. In den meisten Fällen haben Wertänderungen eine Mengen- und Preiskomponente. Um beide zu isolieren, rechnet man zunächst mit Marktpreisen (bzw. nach den angegebenen Bewertungsregeln). Die so ermittelte Gesamtgröße wird als das nominale Volkseinkommen (Volkseinkommen in jeweiligen Preisen) bezeichnet. Ihm wird das reale Volkseinkommen gegen- übergestellt, das man durch Bewertung mit Preisen erhält, die als konstant unterstellt werden (z. B. Volkseinkommen von 2000-2010 in Preisen von 2000). Nach Ermittlungen eines Preisindexes kann man aus dem nominalen unmittelbar das reale Volkseinkommen berechnen, indem das nominelle Volkseinkommen durch den Preisindex dividiert wird. Am realen Volkseinkommen läßt sich die Änderung in der Güterversorgung ablesen, an der Differenz zwischen der Wachstumsrate des realen und nominalen Volkseinkommens das durchschnittliche Steigen oder Fallen der Preise (Inflation oder Deflation). II. Ermittlungsarten und Identitäten Ermittlungsarten In der Entstehungsrechnung der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung wird das Produktionsergebnis einer bestimmten Zeitperiode erfaßt. Ausgangsgröße für die Ermittlung ist der Bruttoproduktionswert (gross output), der sich aus dem wirtschaftlichen Umsatz, den Bestandsänderungen - des Kapitalstocks und der auf Lager genommenen Güter - und den selbsterstellten Anlagen zusammensetzt. Werden vom Bruttoproduktionswert die Vorleistungen (z. B. Material, Energie und Dienstleistungen) abgezogen, erhält man das Bruttoinlandsprodukt zu Marktpreisen. Das Bruttoinlandsprodukt zu Marktpreisen errechnet in jeweiligen und in konstanten Preisen - dient als Basis für weitere Berechnungen. Nach Abzug des durch Abschreibungen erfaßten Anlagenverschleißes erhält man das Nettoinlandsprodukt zu Marktpreisen. Da der Ermittlung Umsatzzahlen zugrunde liegen, die auch indirekte Steuern enthalten, würden z. B. Erhöhungen dieser Steuern eine Vergrößerung des Inlandsproduktes zuMarktpreisen zur Folge haben, ohne daß sich der Beitrag der Produktionsfaktoren geändert hat. Umgekehrtes gilt für Subventionen, die zu einer Verringerung der Marktpreise führen. Deshalb zieht man vom Nettoinlandsprodukt zuMarktpreisen die indirekten Steuern ab, während die Subventionen hinzugerechnet werden (Saldo beider Positionen: indirekte Steuern abzüglich Subventionen). Das Ergebnis wird als Nettoinlandsprodukt zu Faktorkosten (Wertschöpfung) bezeichnet, das den von Unternehmer- und Nichtunternehmerhaushalten aus der Inlandsproduktion erzielten Einkommen (in Form von Löhnen, Gehältern, Gewinnen u. a.) entspricht. Die beiden Nettoinlandspro- 13. Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung 285 duktdefinitionen heben auf den Einfluß bestimmter staatlicher Aktivitäten ab und nicht - wie der Ausdruck "zu Marktpreisen" suggerieren könnte - auf den Unterschied zwischen nominalen und realen Größen. Übers. 13-1: Nationales Produktionskonto Übers. 13-2: Inlands- und Inländerkonzept SozialproduktInlandsprodukt Abgrenzung nach Wirtschaftseinheiten: Inländerkonzept Inlandseinkommen von Inländern Inlandseinkommen von Ausländern Auslandseinkommen von Inländern Abgrenzung nach dem Wirtschaftsraum: Inlandskonzept 286 Dritter Teil. Makroökonomie Das nationale Produktionskonto weist demgemäß folgende Systematik auf (Übers. 13-1). Die Inlandsprodukte - brutto wie netto - sind räumlich abgegrenzt (domestic product): Sie schließen die Gesamtheit der innerhalb der Landesgrenzen von Inländern und Ausländern erstellten wirtschaftlichen Leistungen ein. Man kann jedoch auch eine Abgrenzung nach Inländern und Ausländern vornehmen: Dann spricht man vom (Brutto- oder Netto-)Sozialprodukt oder Volkseinkommen (national product), das die Gesamtheit der an Inländer im Inund Ausland fließenden wirtschaftlichen Leistungen umfaßt. Inlands- und Sozialprodukt weichen um die Einkommen (aus Erwerbstätigkeit und Vermögensbesitz) ab, die inländische Wirtschaftseinheiten (Personen und Institutionen) im Ausland und ausländische Wirtschaftseinheiten im Inland bezogen haben (Übers. 13-2). Das Sozialprodukt ist demnach gleich dem Inlandsprodukt, vermindert um die von Ausländern im Inland und vermehrt um die von Inländern im Ausland verdienten Einkommen. Die verschiedenen Begriffe stehen also in folgender Beziehung zueinander (Übers. 13-3).. Übers. 13-3: Systematik der Inlandsprodukt- und Sozialprodukt- (Volkseinkommens-) Begriffe Den Begriffen inÜbers. 13-3 sind Symbole beigefügt, die sich weitgehend an die international üblichen Bezeichnungen anlehnen ( = Taxes, = indirect; = Depreciation; =National Income; =Nettosozialprodukt zuMarktpreisen Inlandskonzept (Inlandsprodukt) Saldo der Erwerbs- und Vermögenseinkommen Inländerkonzept (Sozialprodukt = Volkseinkommen) aus dem Ausland an das Ausland Bruttoinlandsprodukt zu Marktpreisen + - Bruttosozialprodukt zu Marktpreisen = Bruttovolkseinkommen - Abschreibungen - Abschreibungen = Nettoinlandsprodukt zu Marktpreisen + - = Nettosozialprodukt zu Marktpreisen - indirekte Steuern + Subventionen - indirekte Steuern + Subventionen = Nettoinlandsprodukt zu Faktorkosten = Wertschöpfung + - = Nettosozialprodukt zu Faktorkosten = Volkseinkommen = Nettovolkseinkommen F( ) BI( ) GNP( ) D( ) D( ) YI( ) Ti( ) Ti( ) NI( ) T i D NI YI 13. Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung 287 [Inländerkonzept], = Gross National Product). In Gleichungsform läßt sich schreiben: (13.1) (13.2) (Definitions-Gleichungen). Die Entstehung des Bruttosozialproduktes zu Marktpreisen, auf das auch die übrigen Ermittlungsarten abstellen, wird von der Statistik nach folgendem Schema ausgewiesen, in dem die Wirtschaftsbereiche aufgeführt sind (Übers. 13-4). steht für das Bruttoinlandsprodukt, für den Saldo der Erwerbsund Vermögenseinkommen zwischen In- und Ausland. Übers. 13-4: Entstehungsrechnung des Sozialprodukts Die Beiträge zum Bruttoinlandsprodukt enthalten - mit Ausnahme der Beiträge von im Haushalt angestellten Arbeitskräften - nicht die Arbeitsleistungen im Haushalt, die vor allem von Frauen erbracht werden. Die Ursache dafür liegt in den praktischen Schwierigkeiten der Erfassung und Bewertung, die in gewissem Umfang auch in anderen Bereichen auftauchen. Theoretisch gesehen gibt es keinen Grund, häusliche Arbeitsleistungen auszuschließen. Wertschöpfung und - das von ihr um den Einkommenssaldo zwischen In- und Ausland abweichende - Volkseinkommen setzen den Rahmen für die Einkommensverteilung einer Periode. Die Verteilungsrechnung der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung geht deshalb vomVolkseinkommen aus. Statistisch werden nur zwei Gruppen von Einkommensempfängern unterschieden: die Bezieher von Einkommen aus unselbständiger Arbeit oder aus Unternehmertätigkeit und Vermögen. Das Bruttoeinkommen aus unselbständiger Arbeit umfaßt die Bruttolöhne und -gehälter, Arbeitgeberbeiträge zur Sozialversicherung (einschließlich der Zusatzversicherung im öffentlichen Dienst und der fiktiven Pensionsfonds für Beamte) sowie zusätzliche Sozialaufwendungen der Arbeitgeber (z. B. Zuschüsse zu Werkskindergärten). Der Anteil des Einkommens der Unselbständigen am Volkseinkommen - ausgedrückt in Prozent - wird als Lohnquote bezeichnet (vgl. 17. Kap.). Hinter dem Begriff Bruttoeinkommen aus Unternehmertätigkeit und Vermögen verbirgt sich eine Vielzahl von Einkünften, die man statistisch durch Abzug der Einkommen aus unselbständiger Arbeit vom Volkseinkommen als Restgröße ermittelt. Da das Beiträge zum Bruttoinlandsprodukt 1. Land- und Forstwirtschaft, Fischerei + 2. Warenproduzierendes Gewerbe + 3. Handel und Verkehr + 4. Dienstleistungsbereiche, Staat = Bruttoinlandsprodukt + Saldo der Erwerbs- und Vermögenseinkommen zwischen In- und Ausland = Bruttosozialprodukt zu Marktpreisen GNP GNP BI F+ NI Ti D+ + YI D+≡ ≡ ≡ YI NI Ti+≡ BI F BI( ) F( ) GNP( ) 288 Dritter Teil. Makroökonomie Unselbständigeneinkommen relativ genau bekannt ist, schlagen sich alle Mängel der Volkseinkommensrechnung in der Restgröße nieder. Beim Gebrauch dieser Zahl ist also Vorsicht geboten, mehr noch bei wirtschaftspolitischen Schlußfolgerungen. Im einzelnen schließt sie u. a. ein: das Einkommen der privaten Haushalte und des Staates aus Zinsen, Nettopachten, Einkommen aus immateriellenWerten, Dividenden und nicht ausgeschüttete Gewinne.Werden zumVolkseinkommen - Basis der Verteilungsrechnung - die indirekten Steuern (abzüglich Subventionen) und Abschreibungen hinzugerechnet (Übers. 13-3), erhält man das Bruttosozialprodukt (Übers. 13-5). Übers. 13-5: Verteilungsrechnung des Sozialprodukts Die Begriffssystematik kann auch durch folgende Identitäten dargestellt werden: (13.3) (13.4) (Definitions-Gleichungen). Die Verwendungsrechnung der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung ist ein Nachweis der Ausgabenrichtungen des Bruttosozialprodukts. Unterschieden werden vier Verwendungszwecke: privater Verbrauch, Staatsverbrauch, Investitionen und Außenbeitrag. Der private Verbrauch umfaßt die Warenund Dienstleistungskäufe der inländischen privaten Haushalte für Konsumzwecke. Neben den tatsächlichen Käufen werden bestimmte fiktive Käufe erfaßt, z. B. die Wohnungsnutzung durch den Eigentümer und Deputate der Arbeitnehmer. Der Erwerb vonWohneigentum ist in den Investitionen des Unternehmenssektors enthalten, da die privaten Haushalte definitionsgemäß nur konsumieren und sparen, also kein Erwerbsvermögen bilden. Der Staatsverbrauch entspricht den Aufwendungen des Staates für zivile und militärische Leistungen, die der Allgemeinheit fast immer ohne spezielles Entgelt zur Verfügung gestellt werden. Zu den zivilen Aufwendungen zählen die Einkommen aus unselbständiger Arbeit der beim Staat Beschäftigten, unterstellte Zahlungen in fiktive Pensionsfonds für Beamte, Waren- und Dienstleistungskäufe des Staates sowie fiktiveNettomieten für die vom Staat benutzten Gebäude. Es handelt sich also um konsumtive Ausgaben (Konsum des Staates). Die zivilen Aus- Bruttoeinkommen aus unselbständiger Arbeit + Bruttoeinkommen aus Unternehmertätigkeit und Vermögen = Nettosozialprodukt zu Faktorkosten = Volkseinkommen + Indirekte Steuern abzüglich Subventionen = Nettosozialprodukt zu Marktpreisen + Abschreibungen = Bruttosozialprodukt zu Marktpreisen Wu( ) Pr( ) NI( ) Ti( ) YI( ) D( ) GNP( ) GNP Wu Pr Ti D+ + +≡ YI Wu Pr Ti+ +≡ 13. Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung 289 gaben für Investitionen sind bei den Investitionen erfaßt. Zu den Aufwendungen für Verteidigungszwecke gehören neben den laufenden Personal- und Sachausgaben (konsumtive Ausgaben) auch die Käufe von Rüstungsgütern undmilitärische Bauten (militärische "Investitionen"). Die Investitionen der Privatwirtschaft (Unternehmen) und des Staates setzen sich aus Anlage- und Vorratsinvestitionen zusammen. Die Anlageinvestitionen werden unterteilt in Ausrüstungsinvestitionen (neue Ausrüstungen: Maschinen und sonstige Ausrüstungen, Fahrzeuge; gebrauchte Ausrüstungen: Käufe abzüglich Verkäufe gebrauchter Ausrüstungen einschließlich Anlageschrott) und Bauinvestitionen (neue Bauten: Wohnbauten und sonstige Bauten; gebrauchte Bauten: Differenz aus Käufen und Verkäufen von vorhandenen Bauten und Land). Als Vorratsinvestition gilt die Bestandsänderung von Roh-, Halb- und Fertigprodukten der eigenen Produktion und der Handelsware im Laufe der Berichtsperiode. Die Bewertung erfolgt zuWiederbeschaffungspreisen; damit wird der Ausweis von Scheingewinnen oder -verlusten vermieden, die aus preisbedingten Änderungen der Buchwerte resultieren. Der Außenbeitrag ist die Differenz zwischen der Ausfuhr und Einfuhr vonWaren und Dienstleistungen. Erfaßt werden die Umsätze zwischen Inländern und der übrigen Welt sowie die Erwerbs- und Vermögenseinkommen, die Inländer von Ausländern und Ausländer von Inländern bezogen haben. Die Aufgliederung der Verwendungsrechnung zeigt Übers. 13-6. (government) steht für den Staatsverbrauch, für die Bruttoinvestitionen ( für die Nettoinvestitionen, für die durch die Abschreibung erfaßten Ersatzinvestitionen), für den Export und für den Import. In Gleichungsform gebracht, erhält man: (13.5) und wegen sowie : (13.6) (Definitions-Gleichungen). Aus folgenden Gründen ist es zweckmäßig, die Verteilungs- und die Verwendungsrechnung zu verbinden: Das auf Unselbständige und Unternehmer (einschließlich Vermögensbesitzer) verteilte Einkommen deckt sich nicht mit Übers. 13-6: Verwendungsrechnung des Sozialprodukts Privater Verbrauch + Staatsverbrauch 1. Verbrauch für zivile Zwecke 2. Verteidigungsaufwand + Investitionen 1. Ausrüstungsinvestitionen 2. Bauinvestitionen 3. Vorratsinvestitionen = Inländische Verwendung + Außenbeitrag (Ausfuhr ./. Einfuhr) = Bruttosozialprodukt zu Marktpreisen G I IE+ I IE X M GNP C G I IE X M–+ + + +≡ GNP D– YI≡ IE D– 0≡ YI C G I X M–+ + +≡ C( ) G( ) I IE+( ) X M–( ) GNP( ) 290 Dritter Teil. Makroökonomie dem Einkommen, das für private Ausgaben verfügbar ist. Einerseits beziehen die privaten Haushalte vom Staat und vom Ausland Einkommen (wie Renten, Pensionen und Unterstützungen); sie tragen die Bezeichnung Transferzahlungen oder laufende Übertragungen. Andererseits enthält das Volkseinkommen noch an den Staat abzuführende direkte Steuern, wie die Bezeichnungen "Bruttoeinkommen" bei beiden Empfängergruppen andeuten. Die ursprüngliche Verteilung ("Primärverteilung") wird durch die Aktivität des Staates korrigiert. Übers. 13-7: Verbindung von Verteilungs- und Verwendungsrechnung des Sozialprodukts Ihr Ergebnis ist die "Sekundärverteilung". Erhöht man das Volkseinkommen um die Transferzahlungen und zieht man davon die direkten Steuern ab, ergibt sich das verfügbare Einkommen ( ). Vom verfügbaren Einkommen zieht man mitunter noch die nicht ausgeschütteten Gewinne ab (verfügbares persönliches Einkommen). Aus dem verfügbaren Einkommen wird der private Verbrauch der Inlandshaushalte (Konsumausgaben) bestritten; die verbleibende Restgrö- ße heißt Ersparnis (Sparen). Der definitorische Zusammenhang ergibt sich aus Übers. 13-7. Die Begriffssystematik kann auch durch folgende Identitäten dargestellt werden: (13.7) (13.8) (Definitions-Gleichungen). Der erste Ausdruck für bzw. ist Verteilungs-, der zweite Ausdruck Verwendungsrechnung. Sparen + Privater Verbrauch (C) = Verfügbares (disponibles) Volkseinkommen + Direkte Steuern abzüglich Transferzahlungen Einkommensumverteilung (Sekundärverteilung) = Nettosozialprodukt zu Faktorkosten = Volkseinkommen 1. Bruttoeinkommen aus unselbständiger Arbeit 2. Bruttoeinkommen aus Unternehmertätigkeit und Vermögen + Indirekte Steuern abzüglich Subventionen Einkommensverteilung (Primärverteilung) = Nettosozialprodukt zu Marktpreisen + Abschreibungen = Bruttosozialprodukt zu Marktpreisen S( ) Yν( ) Td( ) NI( ) Wu( ) Pr( ) Ti( ) YI( ) D( ) GNP( ) Yν GNP Wu Pr Ti D+ + + C S Td Ti D+ + + +≡ ≡ YI Wu Pr Ti+ +≡ C≡ S Td Ti+ + + GNP YI 13. Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung 291 Vergleich der Ermittlungsarten und einige Identitäten Für einen gegebenen Zeitraum ist das auf drei Wegen ermittelte Bruttosozialprodukt identisch (Übers. 13-8). Ein Vergleich der Ermittlungsarten führt zu folgenden Identitäten: Das Bruttosozialprodukt zu Marktpreisen ist wegen (13.1), (13.5) und (13.7) mit der Definition : (13.9) . Wegen gilt für das Nettosozialprodukt zu Marktpreisen ( ): (13.10) . Definiert man , wird (13.10) zu: (13.11 a) (Definitions-Gleichungen). In der Form stellt die volkswirtschaftliche Netto-Endnachfrage dar, d. h. die während einer Periode für dasNetto-Produktionsergebnis eines Landes insgesamt getätigte Ausgabe ( ). kann auch durch Größen dargestellt werden, die aus der Gegenüberstellung von Güter- und Geldkreislauf bekannt sind (2. Kap.). Entstehung Verteilung Verwendung Übers. 13-8: Vergleich der Ermittlungsarten des Bruttosozialprodukts (GNP) Da die Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung auf Einkommen und nicht auf Umsätze abstellt, muß man die Verkehrsgleichung (2.6) - statt in (2.6) steht hier wegen (13.5), in der den Importwert symbolisiert, für Bruttosozialprodukt zu Marktpreisen Beiträge inländischer Bereiche = Bruttoinlandsprodukt : Land- und Forstwirtschaft Warenproduzierendes Gewerbe Handel und Verkehr Dienstleistungen Bruttoeinkommen aus unselbständiger Arbeit Privater Verbrauch Bruttoeinkommen aus Unternehmertätigkeit und Vermögen Staatsverbrauch Investitionen Indirekte Steuern abzüglich Subventionen Saldo der Erwerbsund Vermögenseinkommen zwischen In- und Ausland AußenbeitragAbschreibungen T Ti Td+≡ GNP BI F+ C S T D+ + +≡ ≡ C≡ G I IE X M–+ + + + D IE≡ YI GNP D–= YI BI F D–+ C S T+ + C G I X M–+ + +≡ ≡ ≡ YI M+ Y= Y YI M+ BI F D– M+ + C S T M+ + +≡ ≡ ≡ C G I X+ + +≡ Y C G I X+ + +≡ Y A Y≡ Y GNP( ) ≡ BI( ) ≡ Wu( ) ≡ C( ) Pr( ) G( ) I IE+( ) Ti( ) F( ) X M–( )D( ) MS V⋅ Q P⋅≡M M 292 Dritter Teil. Makroökonomie die Geldmenge (money supply) - modifizieren: Die Gütermenge schließt nur die in den Endprodukten (Waren und Dienstleistungen) erfaßte Wertschöpfung ein ( ). Aus diesem Grund werden auch die Mengen mit Endproduktpreisen ( ) bewertet. Dem Güterwert ( ) entspricht aus definitorischen Gründen der Geldwert, dessen Komponente Geldmenge ( ) durch den Übergang von der Umsatz- auf die Einkommensrechnung nicht tangiert wird, während sich die Komponente Umlaufgeschwindigkeit auf den Einkommenskreislauf ( ) bezieht. Wenn auf das über den Anlagenverschleiß hinausgehende, um den Import vergrößerte Sozialprodukt abgehoben und fortgelassen wird, läßt sich (13.11 a) schreiben: (13.11 b) (Definitions-Gleichungen). Die ersten zwei Ausdrücke für entstammen dem Begriffssystem der Theorie von KEYNES (14. Kap.), die letzten zwei dem der Quantitätstheorie (18. Kap.). Aus (13.10) folgt: (13.12 a) (Definitions-Gleichung). Auf der linken Seite von (13.12 a) stehen Kontraktions- oder Restriktionsgrößen ( ): Sparen ( ) ist nicht verausgabtes, Steuern ( ) nicht verfügbares und Import ( ) nicht im Inland verausgabtes Einkommen. Die rechte Seite enthält Expansionsgrößen ( ), weil ein Sozialprodukt nur insoweit entsteht, wie Ausgaben für im Inland produzierte Güter und Dienstleistungen getätigt werden. Zu den Expansionsgrößen gehört auch das durch Kürzung entfallene . Setzt man und , wird (13.12 a) zu: (13.12 b) . Durch Umstellung von (13.12 a) erhält man: (13.13) , (13.14) für und (13.15) für und . Sind nicht nur , sondern auch und , wird (13.10) zu: (13.16) . Gilt überdies und , erhält man: (13.17) und (13.18) (Definitions-Gleichungen). Wenn und gleich Null sind (13.16), also keine Aus- und Einfuhr von Waren und Dienstleistungen erfolgt, spricht man von einer geschlossenen Volkswirtschaft, im Gegensatz zu einer nach außen offenen. Sind und gleich Null, werden also weder Steuern noch die mit symbolisierten Staatsausgaben getätigt, spricht man von einer Volkswirtschaft ohne staatliche Aktivität; MS Q∗ P∗ Q∗ P∗⋅ MS V∗ BI F D– M+ + Y C S T M+ + + C G I X+ + +≡ ≡ MS V∗⋅ Q P∗⋅≡ ≡ Y S T M+ + G I X+ +≡ R S T M E C R S T M+ +≡ E G I X+ +≡ R E≡ S I G T–( ) X M–( )+ +≡ S I G T–( )+≡ X M– 0= S I≡ G T– 0= X M– 0= X M– 0= X 0= M 0= Y C S T+ + C I G+ +≡ ≡ T 0= G 0= Y C S+ C I+≡ ≡ Y C– S I≡ ≡ X M T G G 13. Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung 293 diese Ausdrucksweise ist irreführend, wenn wie üblich und nicht nur den privaten, sondern auch den staatlichen Sektor umfassen. Die Ausdrücke (13.1) bis (13.18) sind wegen der zugrunde liegenden Definition stets erfüllte Identitäten. Anders als bei Hypothesen können statistisch ermittelte Werte für die einzelnen Größen die dargestellten Zusammenhänge nicht falsifizieren. Zu fragen ist lediglich nach der Zweckmäßigkeit der Definitionen. So sind z. B. nach (13.18) Nichtkonsum ( ) mit Sparen ( ) und Investitionen ( ) identisch. Ob es zweckmäßig ist, nicht verkaufte Konsumgüter (Lagerbildung nicht verkaufter Erzeugnisse) als Investitionen zu bezeichnen, erscheint zweifelhaft. Hinzu kommt, daß die makroökonomische Theorie und als voneinander unabhängige Größen betrachtet, die - anders als in der ex post-Identität (13.18) - ex ante in der Regel unterschiedlich groß sind (14. Kap.). S I Y C– S I S I K 13-1 Das Sozialprodukt als Indikator des Wohlstandes Früher wie heute wird die Verbesserung des Wohlstandes mit Wirtschaftswachstum gleichgesetzt. Indikator des Wachstums ist eine Erhöhung des Sozialprodukts. Beim Wettlauf zwischen Ost und West nach dem Zweiten Weltkrieg kam der Entwicklung des Sozialprodukts die entscheidende Rolle zu. Ebenso richten die Entwicklungsländer ihre ganzen Bemühungen darauf, das Wirtschaftswachstum zu fördern. Auch in hochentwickelten Ländern hat dieses Ziel nichts an Bedeutung verloren, schon um die permanenten Verteilungskämpfe und sonstigen sozialen Konflikte zu mildern. Angesichts der Bedeutung des Sozialprodukts als Wohlstandsindikator sei festgehalten, welche wirtschaftlichen Aktivitäten in seine Berechnung eingehen: Die Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung mißt den Strom der Wertschöpfung für eine bestimmte Zeit (meist in Jahr) auf organisierten, statistisch erfaßten Märkten. In jeder Volkswirtschaft gibt es jedoch wirtschaftliche Aktivitäten, die nicht über organisierte Märkte ablaufen. Dazu gehören Haushaltsproduktion ("do it yourself"), Nachbarschaftshilfe, soziale Dienste und "Schwarzarbeit". In hochentwickelten Ländern ist die gesamtwirtschaftliche Bedeutung dieser am Markt nichterfaßten Leistungen gering, anders als in Entwicklungsländern, für die eine "bipolare" Produktion typisch scheint. Aus diesem Grund ist ein Vergleich des Sozialprodukts zwischen hoch- und unterentwickelten Ländern problematisch. In die volkswirtschaftliche Rechnung gehen auch keine illegale Aktivitäten - neben der Schwarzarbeit - ein, wie Drogenproduktion und -handel, Glücksspiel und Prostitution. Schließlich werden Bestandsänderungen von Ressourcen vernachlässigt, die sich aus der Umweltnutzung ergeben, wie das Abholzen von Wäldern und der Abbau von Bodenschätzen. Verfahrensgrundlage der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung ist eine Bewertung von Mengen in einem gegebenen Kreislauf. Außerhalb der Betrachtung bleiben Qualitätsverbesserungen, nicht nur der einzelnen Produkte. Zu denken ist an Verbesserungen der Rechtssicherheit, der Verkehrswege sowie der Wohn- und Arbeitsverhältnisse - Dinge, für den Wohlstand eine nicht zu unterschätzende Bedeutung 294 Dritter Teil. Makroökonomie III. Das Kontensystem in der Bundesrepublik Deutschland Sektoren Das Kontensystem für die VolkswirtschaftlicheGesamtrechnung der Bundesrepublik ist ein nach den Grundsätzen der doppelten Buchhaltung gestaltetes Rechnungswesen, das die oben skizzierten Vorgänge statistisch erfaßt. Die wirtschaftlichen Vorgänge schlagen sich in funktionellen Konten nieder, die zu Sektoren (institutionelle Konten) zusammengefaßt (aggregiert) werden. Sektoren sind als ökonomische Gruppen von Entscheidungseinheiten definiert, deren Zusammenfassung nach Art und Kombination ihrer Aktivitäten, ihrer Stellung am Markt und ihrer Finanzierungsmöglichkeiten zweckmäßig erscheint. Es werden drei große Sektoren unterschieden, die jeweils noch mehr oder weniger untergliedert sind: Unternehmen, Staat und (private) Haushalte. Der Sektor Ausland erscheint auf einem zusammengefaßten Konto. Zum Sektor Unternehmen gehören alle Institutionen, die vorwiegend Güter (Waren und Dienstleistungen) herstellen und auf demMarkt mit Gewinn- oder zumindest Kostendeckungsabsicht verkaufen. Hierzu zählen neben privaten Produktions- und Dienstleistungsbetrieben (einschließlich Landwirtschaft, Handwerk und freie Berufe) die öffentlichen Unternehmen unabhängig von ihrer Rechtsform (z. B. Bundesbahn, Bundespost, Bundesbank). Die Vermietung von Wohnungen und ihre Nutzung durch Eigentümer wird dem Unternehmenssektor zugerechnet. Der Unternehmenssektor ist nach Wirtschaftsbereichen (Übers. 13-4) untergliedert. Der Sektor Staat umfaßt alle Institutionen (Gebietskörperschaften und Sozialversicherung), die Dienste für die Allgemeinheit anbieten und sich aus Zwangsabgaben (Steuern, Beiträge u. a.) finanzieren. Die Gebietskörperschaften bestehen aus dem Bund (einschließlich Lastenausgleichsfonds und ERP-Sondervermögen), den Ländern (einschließlich Stadtstaaten) und Gemeinden (einschließlich Gemeindeverbänden) sowie Zweckverbänden und Organisationen ohne Erwerbscharakter, soweit ihre Mittel vorwiegend aus öffentlichen Abgaben stammen. Der Sektor Haushalt enthält die privaten Ein- und Mehrpersonenhaushalte (einschließlich Anstaltshaushalte) und private Institutionen ohne Erwerbscharakter (z. B. Kirchen, Parteien, haben. Hierher gehört auch die Erhöhung der Lebensqualität durch Freizeit. Internationale Vergleiche leiden häufig darunter, daß Qualitätsunterschiede vernachlässigt werden. So ist das Sozialprodukt pro Kopf in Deutschland und Japan etwa gleich groß, während die Lebensqualität (z. B. bei Wohnen und Freizeit) deutlich voneinander abweicht. Der Ausschluß bestimmter Aktivitäten und die Vernachlässigung der Lebensqualität hat zu Versuchen geführt, Wohlstand durch einen weit gefaßten sozialen Indikator zu beschreiben. Soziale Indikatoren, die sich letztlich an der individuellen Bedürfnisstruktur orientieren, werfen jedoch neue Probleme auf, wie ein hoher Anteil von Schätzungen und subjektive Urteile über gesamtwirtschaftlich Wichtiges. Das Sozialprodukt bleibt immer noch der beste Wohlstandsindikator, wenn man den begrenzten Aussagewert vor allem bei internationalen Vergleichen beachtet. 13. Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung 295 Gewerkschaften, Vereine), deren Mittel vorwiegend aus freiwilligen privaten Zahlungen herrühren. Wirtschaftliche Tätigkeiten (Funktionen) Jede Entscheidungseinheit, die in einem der drei Sektoren erfaßt wird, geht bestimmten wirtschaftlichen Tätigkeiten (Funktionen) nach. In der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung werden drei Tätigkeiten - und dementsprechende Funktionskonten - unterschieden: die Produktion (Übers. 13-1), die Erzielung und Verwendung von Einkommen sowie die Bildung von Vermögen. Sie spiegeln die bereits erläuterten Vorgänge im Kreislauf wider. Die beiden letzten Funktionen werden noch weiter untergliedert. In der amtlichen Statistik gibt es 7 Funktionskonten (Übers. 13-9). Übers. 13-9: Systematik der Funktionskonten In der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung werden für jeden der drei Sektoren diese 7 Funktionskonten gebildet, so daßman insgesamt 21 Konten erhält. Ihnen sind je ein Sammelkonto vor- und nachgestellt: Ein vorgeschaltetes zusammengefaßtes Güterkonto (Kontogruppe 0) weist das Aufkommen an Gütern und ihre Verwendung nach, ein nachgeschaltetes, zusammengefaßtes Konto der übrigen Welt (Kontogruppe 8) die Transaktion mit dem Ausland. Die Verbindung von sektoralen und funktionalen Konten mit den entsprechenden Kontonummern zeigt Übers. 13-10. Funktion Kontengruppe Bezeichnung Funktionsmerkmal Produktion 1 Produktionskonto Produktion von Gütern (Waren und Dienstleistungen) Einkommenserzielung und -verwendung 2 Einkommensentstehungskonto Entstehung von Erwerbsund Vermögenseinkommen Einkommenserzielung und -verwendung 3 Einkommensverteilungskonto Verteilung von Erwerbsund Vermögenseinkommen Einkommenserzielung und -verwendung 4 Einkommensumverteilungskonto Umverteilung der Einkommen Einkommenserzielung und -verwendung 5 Einkommensverwendungskonto Letzter Verbrauch und Ersparnis Vermögensbildung 6 Vermögensänderungskonto Veränderung des Vermögens Vermögensbildung 7 Kreditänderungskonto Veränderung der Forderungen und Verbindlichkeiten 296 Dritter Teil. Makroökonomie Übers. 13-10: Schema des Kontensystems Die auf den Konten vorgenommenen Buchungen tragen die Kontonummer, aufgegliedert durch Unterziffern. So haben z. B. die Importe (Einfuhr von Waren und Dienstleistungen) auf dem zusammengefaßten Güterkonto die Buchungsnummer 0.40, ihre Gegenbuchung auf dem zusammengefaßten Konto der übrigen Welt die Buchungsnummer 8.60. Da in der amtlichen Statistik die Nummern der Buchungen und Gegenbuchungen angegeben werden, dürfte das Verständnis des Kontensystems der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung keine Schwierigkeiten bereiten. Seit dem Jahr 1992 weist das Statistische Bundesamt die Verwendungsseite der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung nach dem Inlands-, statt wie früher nach dem Inländer-Konzept aus. Es erreicht dadurch eine größere konjunkturelle Aussagekraft der Zahlen, da der Ort der Entstehung in den Vordergrund rückt. 13. Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung 297 IV. Input-Output-Rechnung Erklärungsziel und Merkmale In der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung werden - neben dem Ausland nur drei Sektoren unterschieden: Unternehmen, Haushalte und Staat. Die Verflechtung (Interdependenz) zwischen den Unternehmen wird dabei nicht näher erfaßt. Unternehmen produzieren mit Hilfe von Vorleistungen aus anderen Unternehmen und Faktoreinsätzen aus den Sektoren Haushalte, Staat und Ausland (Inputs) eine Reihe von Erzeugnissen (Outputs), die von anderen Unternehmen oder Sektoren nachgefragt werden. Erklärungsziel der Input-Output-Rechnung - auch: Input-Output-Technik oder Input-Output-Analyse im weiten Sinne - ist es, diese Zusammenhänge zunächst empirisch zu erfassen (Input-Output-Tabelle) sowie daran anschließend analytisch und prognostisch auszuwerten (Input-Output-Analyse im engen Sinne, Input-Output-Modelle). Die Input-Output-Rechnung geht insbesondere auf Arbeiten des amerikanischen Wirtschaftswissenschaftlers WASSILY LEONTIEF (1906-1999) zurück. Die Merkmale der Input-Output-Rechnung sind im wesentlichen die gleichen wie in der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung, zumal sie mit dieser oft verknüpft wird. Erstens gilt das Kreislaufaxiom; die Summe der hineinflie- ßenden Ströme ist gleich der Summe der herausfließenden Ströme. Zweitens werden die Mengen mit Preisen bewertet; es handelt sich um eine Wertrechnung. Drittens sind die Größen - wie Stromgrößen generell - auf eine bestimmte Zeitperiode, meistens von der Länge eines Jahres, bezogen; sie haben eine Zeitdimension. Schließlich ist die Input-Output-Tabelle - wie die Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung - eine ex post-Analyse, während die Input-Output-Analy-se oder in ihrem Rahmen entwickelte Input-Output-Modelle - wie makroökonomische Hypothesen oder Theorien - ex ante gelten. Nachfolgend werden nur Input-Output-Tabellen erläutert. Zur Input-Output-Analyse sei auf das unten erwähnte Schrifttum verwiesen. Input-Output-Tabellen Die Bauart von Input-Output-Tabellen, soweit diese mit der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung in nähere Beziehung gesetzt werden, soll ein Schema verdeutlichen (Übers. 13-11). Die Inputs sind in Spalten, die Outputs in Zeilen angeordnet. Der Sektor Unternehmen ist in "Produktionssektoren" (auch: Produktionsbereiche oder Wirtschaftszweige) unterteilt, deren Vorleistungen Input oder Output sein können. Die Güterströme insgesamt werden in drei Blöcken erfaßt, in der Vorleistungsmatrix (endogener Sektor) Primärfaktorenmatrix (exogener Sektor) Endnachfragematrix (exogener Sektor). Die wegen des Kreislaufaxioms größengleichen Spalten- und Zeilensummen ergeben den Bruttoproduktionswert, der sich aus den Vorleistungen des "endo- 298 Dritter Teil. Makroökonomie genen" Sektors Produktion und dem Bruttoinlandsprodukt zusammensetzt (Übers. 13-1). Die für die Produktion "exogenen" Sektoren entsprechen dem Bruttoinlandsprodukt, wobei die Primärfaktoren durch Größen der Verteilungsrechnung, die Endnachfrage durch solche der Verwendungsrechnung erfaßt werden (Übers. 13-8); der Außenbeitrag ( ) wird dabei folgerichtig teils ( ) den Primärfaktoren, teils ( ) der Endnachfrage zugerechnet. Auf einen kurzen Nenner gebracht: Die Input-Output-Tabelle zeigt die produktionsbedingten Verflechtungen, die bei der Produktion entstehende primäre Einkommensverteilung sowie die von der Produktion gespeiste Endnachfrage. Übers. 13-11: Schema einer Input-Output-Tabelle Zur Bedeutung der Input-Output-Tabellen läßt sich sagen: Input-Output-Tabellen des dargestellten Schemas haben einen höheren Informationswert als die bloße Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung. Anders als diese geben sie auch Auskunft über strukturelle Eigenheiten der Wirtschaft. Die Erstellung solcher Tabellen führt jedoch zu einer Reihe konzeptioneller Schwierigkeiten, statistischer Erfassungsprobleme und erfordert überdies einen großen Arbeitsaufwand. Gesamtwirtschaftliche Input-Output-Tabellen erscheinen deshalb mit großer Zeitverzögerung, sind bei ihrer Veröffentlichung nicht auf dem neue- X M– M X 13. Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung 299 sten Stand und deshalb als Basis einer empirisch gehaltvollen Input-Output- Analyse problematisch. Allerdings ändert sich dieWirtschaftsstruktur - im Vergleich zum Volkseinkommen - in der Regel nicht sehr schnell, so daß auch einige Jahre zurückliegende Werte wertvolle Informationen liefern. Input-Output-Tabellen können, müssen also nicht mit der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung verzahnt sein. So werden sie z. B. auch in der Regionalforschung oder bei der Untersuchung einzelner Wirtschaftszweige verwendet. 14. Kapitel: Einkommen und Beschäftigung I. Erklärungsansatz, Hypothesensystem und Prämissen Erklärungsansatz Erklärungsziel - Anspruch auf eine allgemeine Theorie - Gesamtnachfrage - Systematik der Keynesschen Theorie - Gleichungen - Beschäftigungsniveau und Arbeitslosenquote Ein einfaches Hypothesensystem Ausgangsfragen - Konsumfunktion - Investitionsfunktion - Gleichgewichtsbedingung - Multiplikator - Graphische Illustration - Autonome Änderung der Investitionsausgaben Einige Erweiterungen und Prämissen Einige Annahmen - Zahlenbeispiel und graphische Darstellung - Gleichgewichts-Volkseinkommen - Stabilität des Gleichgewichts - Autonome Ausgabenänderungen - Sparparadoxon - Kombinierte Expansions- und Kontraktionswirkungen - Prämissen - Vier aggregierte Märkte II. Gütermärkte Konsum Ausgangsfrage - Typische Verläufe der Konsumfunktion - Zusammenhang zwischen Konsum- und Sparfunktion - Definition des Volkseinkommens - Lage der Konsumkurve Investition Investitionen Käufe von Gütern - Investitionsentscheidung von drei Elementen determiniert - Kapitalertrag - Beschaffungskosten des Kapitals - Gewinnmaximum - Grenzleistungsfähigkeit des Kapitals - Gleichgewicht auf dem Gütermarkt - IS-Kurve - Lage der Investitionskurve gewinnabhängig - Weitere Einflußfaktoren III. Geldmarkt Geldnachfrage In Keynesscher Theorie Beschränkung auf Geldnachfrage - Geldnachfrage gleich Geldangebot - Umsatzkasse - Vorsichtskasse - Spekulationskasse Geldmarktgleichgewicht Totale Geldnachfrage - Gleichgewicht auf dem Geldmarkt - LM-Kurve IV. Arbeitsmarkt Arbeitsnachfragefunktion - Arbeitsangebotsfunktion - Gleichgewicht auf dem Arbeitsmarkt K 14-1: Vollbeschäftigung in Theorie und Wirklichkeit I. Erklärungsansatz, Hypothesensystem und Prämissen Erklärungsansatz Die im folgenden darzustellenden Teile der Makroökonomie sind Theorien über Abhängigkeiten zwischen gesamtwirtschaftlichen Aggregaten (Additionsgrößen), von denen die wichtigsten in der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung definiert und begriffssystematisch behandelt wurden (13. Kap.). Sie basieren im wesentlichen auf Arbeiten von JOHN M. KEYNES, von dem auch die den Klassikern unbekannte Trennung von mikro- und makroökonomischer Theorie ausgeht. Die Klassiker - nach dem Selbstverständnis von KEYNES alle Nationalökonomen vor seiner Zeit - unterschieden nach realer Theorie (Bestimmung des Wertes von Gütern, ausgedrückt in einem anderen Gut) und monetärer Theorie (Bestimmung des Preisniveaus bzw. der Kaufkraft des Geldes). Inwieweit diese klassische Zweiteilung (Dichotomie) zu widerspruchsfreien Ergebnissen führt, ist eine Kernfrage der modernen Makroökonomie. Sie geht von der klassischen monetären Theorie aus, deren Schwerpunkt von KEYNES deutlich verlagert wird: Erklärungsziel seiner Analyse - dargestellt aus der Sicht unseres gegenwärtigen Wissens (14. und 15. Kap.) - ist die Deutung der Höhe und der Schwankungen von Beschäftigung, Produktion und Volkseinkommen. Terminologie und Instrumentarium der Keynesschen Theorie lassen sich darüber hinaus sowohl zur Bestimmung des Preisniveaus als auch anderer makroökonomischer Größen verwenden. Die Schwerpunktverlagerung von der klassischen zur Keynesschen Theorie muß auf demHintergrund der Weltwirtschaftskrise in den dreißiger Jahren gesehen werden. KEYNES war davon überzeugt, daß die klassische Nationalökonomie außerstande sei, für die Massenarbeitslosigkeit eine zutreffende Ursachenerklärung zu geben. Er erhebt mit seiner Interpretation - wie schon im Titel seines Hauptwerks zum Ausdruck kommt - den Anspruch auf eine allgemeine Theorie, welche die klassische Theorie als Spezialfall einschließt. Umstritten bleibt bis heute, ob die Beurteilung der klassischen Theorie durch KEYNES zutreffend ist und - in Abhängigkeit von der Antwort auf diese Frage - ob sich sein Anspruch auf Allgemeinheit aufrechterhalten läßt. Auf die generelle Frage, wovon Beschäftigung, Produktion und Volkseinkommen eines Landes abhängen, lassen sich unmittelbar eine Reihe plausibler Bestimmungsgründe nennen, wie: Versorgung mit Bodenschätzen, Umfang und Ausbildung der Bevölkerung sowie Größe und Qualität des Kapitalstocks, Art des Wirtschaftssystems, Unternehmensorganisation, technisches Wissen und Nachfrage nach Gütern. Der Theorieansatz von KEYNES ist demgegenüber relativ einfach, weil er die möglichen Hypothesen bis auf eine reduziert: Determinante von Beschäftigung, Produktion und Volkseinkommen sei dieGesamtnachfrage nach Gütern. Die Zusammenhänge zwischen Volkseinkommen und Gesamtnachfrage werden durch Einkommens- oder Ausgabenfunktionen beschrieben. Die Entstehungsrechnung der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung (13. Kap.) verdeutlicht, daß das Volkseinkommen ein bestimmter Teil der mit Preisen bewerteten Produktion ist. Deshalb werden die Beziehungen zwischen Pro- 304 Dritter Teil. Makroökonomie duktion und Nachfrage durch die Ausgabenfunktion erfaßt. Der Zusammenhang zwischen Produktion und Beschäftigung wird durch die gesamtwirtschaftliche Produktionsfunktion beschrieben, die einen der mikroökonomischen Produktionsfunktion entsprechenden Verlauf hat (6. Kap.). Produktion (oder Volkseinkommen) und Beschäftigung bewegen sich in dieselbe Richtung, solange die Produktion zu konstanten Preisen bewertet wird (reale Definition). Ist Vollbeschäftigung erreicht, können Produktion und Volkseinkommen bei inflationärer Preisentwicklung nominell weiter steigen, real dagegen nicht, solange der Kapazitätseffekt der Investitionen außer Betracht bleibt (16. Kap.). Wenn in der KEYNESschen Theorie Beschäftigung und Volkseinkommen (oder Produktion) substitutiv verwendet werden, sollte bewußt bleiben, daß dies nur gilt, wenn Wertänderungen der Produktion auf Mengeneffekte der Beschäftigung zurückgehen, d. h. das Preisniveau konstant ist. Übers. 14-1: System der KEYNESschen Theorie Die KEYNESsche Analyse der Gesamtnachfrage hat sich im wesentlichen auf die Gesamtheit der inländischen Haushalte und Unternehmen beschränkt (geschlossene Wirtschaft ohne staatliche Aktivität). Zur Vereinfachung empfiehlt es sich oft, diese Restriktion beizubehalten. Es bereitet jedoch keine großen Schwierigkeiten, die Nachfrage des Staates und des Auslandes in die Analyse einzubeziehen. Die Nachfrage der privaten Haushalte wird in der Konsumfunktion, die der Unternehmen in der Investitionsfunktion, die des Staates in der Staatsausgabenfunktion und die des Auslands in der Exportfunktion ausgedrückt. Für den Ansatz derKEYNESschen Theorie ergibt sich folgende Systematik (Übers. 14-1). Dieser Ansatz läßt sich in Gleichungen ausdrücken. Wird die Gesamtnachfrage Y nach (13.11) als Nettosozialprodukt zu Marktpreisen zuzüglich der Importe M verstanden, gilt (14.1) , Beschäftigung (Produktionsfunktion) Produktion und Volkseinkommen (Einkommensfunktion) Gesamtnachfrage (Ausgabenfunktion) Nachfrage nach Konsumgütern (Konsumfunktion) Nachfrage nach Investitionsgütern (Investitionsfunktion) Nachfrage des Staates (Staatsausgabenfunktion) Nachfrage des Auslands (Exportfunktion) Y C I G X+ + += 14. Einkommen und Beschäftigung 305 wobei für die private Konsumgüter-, für die Nettoinvestitionsgüter-, für die Staats- und für die Auslandsnachfrage steht. Für eine geschlossene Wirtschaft erhält man (14.2) , für eine geschlossene Wirtschaft ohne staatliche Aktivität (14.3) ; daraus folgt (14.4) . Die meisten der bisher verwendeten Begriffe sind empirisch bestimmbar. Ihnen entsprechen Größen, die in der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung statistisch ermittelt werden. Das gilt auch für den Ausdruck Beschäftigung, der durch die - von Keynes bereits vorgeschlagene - Größe Beschäftigungsniveau ( ) statistisch erfaßt wird. Die komplementäre Größe bildet die Arbeitslosenquote ( ). Sprachlich konsequenter wäre es, in beiden Fällen vomNiveau oder Quote zu sprechen. Bezeichnet man die absolute Zahl der abhängigen Beschäftigten eines Landes mit , die der Arbeitslosen mit , kann man definieren: (14.5) und (14.6) (Definitions-Gleichungen), woraus folgt, daß sich und zu 100% addieren ( ). Die Summe der Beschäftigten und Arbeitslosen ( ) stellt die abhängigen Erwerbspersonen dar. Sie ist definiert als die Zahl derjenigen, die zu den geltenden Faktorentlohnungen arbeiten möchten, unabhängig davon, ob sie Arbeit finden oder nicht. Als arbeitslos werden in einer engeren Definition jene Arbeitnehmer bezeichnet, die zu den bestehenden Löhnen arbeitenwürden, jedoch keinen Arbeitsplatz finden. Diejenigen, die bei den bestehenden Löhnen nicht arbeiten wollen, die "freiwillig Arbeitslosen", werden nicht als arbeitslos geführt. Statistisch kann es schwierig sein, die freiwilligen ("unechten") von den unfreiwilligen ("echten") Arbeitslosen zu trennen. Vollbeschäftigung wird nicht mit einem Beschäftigungsniveau von 100% - oder einer Arbeitslosenquote von 0% - gleichgesetzt, weil aus verschiedenen Gründen (Arbeitsplatzwechsel, Strukturänderungen, Saisontätigkeiten u. a.) ein gewisses Maß an Arbeitslosigkeit unvermeidlich ist. Die wirtschaftspolitisch akzeptierte Arbeitslosigkeit variiert von Land zu Land (meist zwischen 1 bis 4%). Ein einfaches Hypothesensystem Die Logik der KEYNESschen Theorie kann an einem einfachen Hypothesensystem - auch Grundmodell genannt - gezeigt werden. Spätere Ausgestaltungen lassen den Kern dieses Systems unberührt. Mit ihm erhält man eine Antwort auf folgende Ausgangsfragen: Wie läßt sich das Volkseinkommen bei gesamtwirtschaftlichem Gleichgewicht bestimmen? C I G X Y C I G+ += Y C I+ C S+= = S I= L U l u L l l u+ ---------- 100%⋅≡ U u l u+ ---------- 100%⋅≡ L U L 100% U–≡ l u+ 306 Dritter Teil. Makroökonomie Wie ändert sich das Volkseinkommen nach einer autonomen Ausgabenänderung? Zur Beantwortung der ersten Frage nach der Bestimmung des Gleichgewichtvolkseinkommens sei von einer geschlossenen Wirtschaft ohne staatliche Aktivität ausgegangen, bei der für eine Zeitperiode gilt (14.7) oder - für - (14.8) (Gleichgewichts-Bedingungen), d. h. das Gleichgewichtseinkommen ( ) einer Zeitperiode entspricht der Summe der geplanten Ausgaben ( ) für Konsum- ( ) und Investitionsgüter ( ). Anders als in der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung - einer ex post-Rechnung - sind (14.7) und (14.8) geplante Größen (ex ante), was durch indiziert wird. Es ist bekannt (1. Kap.), daß nur Verhaltenshypothesen wissenschaftliche Aussagen erlauben, nicht dagegen ex post-Definitionen. Zu beachten bleibt, daß in der Makroökonomie Aggregate von individuellen Größen stehen. Verhalten ist dementsprechend als eine Durchschnittsgröße zu interpretieren. Künftig wird generell von geplanten Größen ausgegangen; auf einen besonderen Index sei deshalb verzichtet. Es sollte klar sein, daß ex ante- von ex post- Ausdrücken genau unterschieden werden müssen. Gleichung (14.7) erlaubt noch keine Bestimmung des Gleichgewichts, weil wir eine Gleichung, jedoch drei Unbekannte haben. Deshalb sei angenommen (14.9) und (14.10) (Verhaltens-Gleichungen). (14.9) ist eine Konsumfunktion , die besagt, daß die Konsumausgaben einer Zeitperiode ( ) vom Volkseinkommen derselben Periode abhängen. Wenn eine Größe von einer anderen Größe desselben theoretischenModells abhängt, nennt man sie endogene Variable. Die Steigung c der Konsumfunktion wird als marginale Konsumquote bezeichnet. Sie drückt aus, in welchem Umfang sich die Konsumausgabenmit einer Einkommensvariation ändern. Ist z. B. , fließen von 1 EuroMehreinkommen 90 Cents in denKonsum. In den meisten Fällen liegt c zwischen 0 und 1. Gleichung (14.10) ist eine Investitionsfunktion, die ausdrückt, daß die Nettoausgaben für Investitionsgüter konstant und - weil sie nicht von einer Größe desselben Modells abhängen - exogen bestimmt sind. Aus (14.7) bis (14.10) erhält man (14.11) (Gleichgewichts-Bedingung). Diese Gleichgewichtsbedingung ist der Kern des KEYNESschen Systems. Zur Verdeutlichung wird er unten graphisch noch illustriert. Die marginale Konsumquote und die Investitionsausgaben können empirisch ermittelt oder geschätzt werden. Auf diese Weise erhält man für (14.11) eine Gleichung mit nur einer Unbekannten, für die es eine eindeutige Lösung gibt, wie durch folgende Umformung gezeigt werden kann. Aus (14.11) folgt: (14.12) oder t Yt At p Ct p It p+≡= Yt Ct p St p+= St p It p= Yt At p Ct p It p p Ct c Yt⋅= It It= C Yt( ) Ct c 0 9,= Yt C Yt( ) It+ c Yt It+⋅= = c I Yt c Yt⋅– It Yt 1 c–( ) It= = = 14. Einkommen und Beschäftigung 307 (14.13) (Gleichgewichts-Bedingungen). Wird das nicht für Konsumgüter verausgabte Einkommen als Sparen bezeichnet (13.7), sindmarginale Konsumquote undmarginale Sparquote komplementäre Größen, die sich zu 1 ergänzen: (14.14) oder (14.15) (Definitions-Gleichungen). Wegen (14.15) können die Gleichgewichtsbedingungen (14.11) und (14.13) geschrieben werden (14.16) (Gleichgewichts-Bedingung). Verbal ausgedrückt: In einer geschlossenen Volkswirtschaft ohne staatliche Aktivität ist das Gleichgewichtseinkommen gleich den Ausgaben für Investitionsgüter multipliziert mit dem reziproken Wert der marginalen Sparquote. Den Wert , mit dem die Ausgaben - wie Investitionsausgaben - zu multiplizieren sind, bezeichnet man alsMultiplikator. Generell stehen im Nenner die Teile des Einkommens, die nicht zu Ausgaben oder die "entzogen" werden (Entzugs- oder Kontraktionsgrößen). Der Ausdruck, von dem es im Hinblick auf verschiedene Entzugseffekte auch andere, zum Teil komplizierte Formeln gibt, wird meist nach der jeweiligen Ausgabe bezeichnet, so daß er im vorliegenden Basissystem (14.16) Investitions-Multiplikator heißt. Zur graphischen Illustration des Hypothesensystems sei angenommen, die in einer bestimmten Zeitperiode beobachtete marginale Konsumquote betrage 2/3 ( also 1/3), die exogen bestimmte Investitionsgüterausgabe Mrd. Euro. Das Gleichgewichtseinkommen - (14.11) und (14.16) - wäre dann in Mrd. Euro (14.17) (Verhaltens-Gleichung). Wegen (14.8) müssen beim Einkommen ( ) geplantes Sparen und geplante Investition größengleich sein. Den exogen bestimmten Investitionsgüterkäufen von 200Mrd. Euro steht im Gleichgewicht also ein endogener, weil vom Volkseinkommen abhängiger Sparbetrag gleicher Größe gegenüber. Die Sparfunktion ist komplementär zur Konsumfunktion (14.9), mithin wegen (14.15) (14.18) (Verhaltens-Gleichung). Durch Einsetzen der Beispielswerte ergibt sich Yt 1 1 c– ----------- It⋅= c s c s 1≡+ 1 c s≡– Yt 1 s -- It⋅= 1 s⁄ c s It 200= Yt At 1 1 2 3 --–⎝ ⎠ ⎛ ⎞ ----------------- 200⋅≡= 1 1 3 -- -- 200⋅ 600= = Yt At= St Yt Ct– Yt c Yt⋅–= = 1 c–( ) Yt⋅ s Yt⋅= = 308 Dritter Teil. Makroökonomie (14.19) (Verhaltens-Gleichung). Die Verhaltens-Gleichungen (14.16) und (14.18) sind - wie auch Fig. 14-1 veranschaulicht - Gleichgewichts-Bedingungen. Generell besteht ein Gleichgewicht nach (14.7), wenn die geplanten Ausgaben für Konsum- und Investitionsgüter gleich dem empfangenen Einkommen sind. Dieses Gleichgewicht ist in allen Punkten der 45°-Linie realisiert, sofern auf den Koordinaten gleiche Maßstäbe aufgetragen werden. Das gilt deshalb, weil die 45°-Linie der geometrische Ort aller identischen Ausgaben und Einkommen. Die Ausgabenfunktion (14.17) entspricht der Gleichgewichtsbedingung bei einemEinkommen von 600 Mrd. Euro. Nach der alternativen Ausdrucksweise (14.8) besteht ein Gleichgewicht, wenn sich geplantes Sparen und geplantes Investieren entsprechen. Diese Be- Fig. 14-1: Gesamtwirtschaftliches Gleichgewicht in der geschlossenen Wirtschaft ohne staatliche Aktivität dingung ist nach (14.19) bei einer Ersparnis von 200 Mrd. Euro erfüllt, was wiederum ein Einkommen von 600 Mrd. Euro voraussetzt. Solange sich Konsumund Investitionsfunktion, d. h. die geplanten Größen, nicht ändern, bleibt das Gleichgewicht bestehen. St 1 3 -- Yt⋅ It 200= = = 14. Einkommen und Beschäftigung 309 Wie ändert sich - so lautet die zweite Ausgangsfrage - das Gleichgewichtsvolkseinkommen nach einer autonomenÄnderung der Investitionsausgaben? Aus (14.16) erhält man, wenn der Multiplikator definiert wird: (14.20) (Gleichgewichts-Bedingung). Eine Erhöhung einer autonomen Ausgabe um erhöht das Volkseinkommen um diese Mehrausgabe multipliziert mit , demMultiplikator. Beträgt - wie in (14.19) - derMultiplikator 3, steigt bei einer zusätzlichen autonomen Investition von 1Mrd. Euro das Volkseinkommen um 3Mrd. Euro. Der Grund für dieMultiplikatorwirkung ist: Eine Zusatzausgabe - hier eine autonome Erhöhung der Investitionen - vergrößert das Volkseinkommen zunächst um den Betrag der Zusatzausgabe. Aus dem Einkommenszuwachs werden, sofern die marginale Konsumquote größer als Null ist, zusätzliche Konsumausgaben getätigt, die wiederum das Einkommen vergrößern und so fort. Einige Erweiterungen und Prämissen Die bisherige Analyse wird im folgenden Hypothesensystem durch einige Annahmen erweitert: Die Gesamtnachfrage - ausgedrückt als Summe der geplanten Ausgaben bestehe aus den Komponenten: Geplante Ausgaben für Konsumgüter und für Investitionsgüter, geplante Käufe des Staates und des Auslands (offene Volkswirtschaft mit staatlicher Aktivität): (14.21) (Verhaltens-Gleichung). Der Konsum sei teils eine endogene, teils eine autonome, d. h. hier: vom Volkseinkommen unabhängige Größe (autonomer Konsum): (14.22) (Verhaltens-Gleichung). Die Kontraktionsgrößen ( ) seien - wie der Konsum - teils endogen, teils autonom ( marginale Quote des nichtausgegebenen Einkommens): (14.23) (Verhaltens-Gleichung). Die Expansionsgrößen ( ) seien - wie bisher die Investition - autonom bestimmt: (14.24) (Verhaltens-Gleichung). Aus (14.21) bis (14.24) folgt die Einkommens- oder Ausgabenfunktion: (14.25) (Verhaltens-Gleichung). Ein Zahlenbeispiel (Übers. 14-2) und eine graphische Darstellung (Fig. 14-2) mögen das System illustrieren. Dabei seien , und , so daß man 1 s⁄ m≡ YtΔ 1 s -- ItΔ⋅ m ItΔ⋅= = IΔ m Yt At Ct It Gt Xt+ + +≡= Ct C0 c Yt⋅+= Rt St Tt Mt+ +≡ a ≡ Rt R0 a Yt⋅+= Et It Gt Xt+ +≡ Et Et= Yt At C0 c Yt Et+⋅+≡= C0 60= c 2 3⁄= Et 80= 310 Dritter Teil. Makroökonomie (14.26) (Verhaltens-Gleichung) erhält. Da , mithin , und bzw. sind, gilt (14.27) . Mit (14.23) folgt daraus (14.28) oder . Die Konsum- und Kontraktionsfunktion sind aus definitorischen Gründen komplementäre Funktionen. Neben (14.26) kann man deshalb schreiben (14.27) (Verhaltens-Gleichung). Die Werte vonÜbers. 14-2 sind in Fig. 14-2. I. als Teil- und Gesamtausgaben-, in Fig. 14-2. II. als Expansions- und Kontraktionsgrößen aufgetragen. Die Steigung der Konsumfunktion (als Differentialquotient: ) ist die marginale Konsumquote (Fig. 14-2). Dementsprechend ist (bzw. ) die marginale Kontraktionsquote und (bzw. ) die marginale Expansionsquote. Marginalausdrücke lassen sich auch für einzelne Expansions- oder Kontraktionsgrößen bilden (z. B. marginale Sparquote = ; marginale Importquote = ). Es hängt vom Verhalten der wirtschaftlichen Entscheidungsträger ab, ob die von ihnen am Anfang der Periode geplanten Ausgaben so groß sind, daß und werden. Diese unter dem Verhaltens-Gesichtspunkt zu Gleichgewichtsbedingungen gewordenen Gleichungen können ex ante erfüllt sein, müssen es aber nicht. Nur bei einem bestimmten Einkommen, nämlich bei , gilt und (Übers. 14-2 und Fig. 14-2). In diesem Fall entsprechen auch die ex ante-Werte den ex post-Werten, was in allen anderen Fällen nicht gilt. Dieser Abszissenwert ist das Gleichgewichts-Volkseinkommen oder das Gleichgewichtsniveau. Ein Gleichgewicht liegt dann vor, wenn bei gegebenen Parameterwerten keine Veranlassung besteht, einen einmal erreichten Stand aufzugeben, wenn also die von den Einzelwirtschaften (Haushalten, Unternehmen, Staat) unter diesen Bedingungen erwarteten Grö- ßen mit den faktischen übereinstimmen. Ein solcher Zustand läßt sich wieder alternativ bestimmen: 1. Ein Gleichgewicht liegt vor, wenn die geplanten Expansions- und Kontraktionsgrößen gleich sind (Fig. 14-2. II.) (14.28) oder (14.29) (Verhaltens-Gleichungen). (14.28) und (14.29) sind Bedingungen des gesamtwirtschaftlichen Gleichgewichts. Ist ex ante oder , ergeben sich Expansions- oder Kontraktionswirkungen. Bei (im Bereich ) sind die geplanten Ausgaben , und größer als aus dem laufenden Einkommen finanziert werden Yt 60 2 3⁄ Yt 80+⋅+= Y C R+= Y C– R= c a+ 1= a 1 c–= Rt Yt C0 c Yt⋅+( )– 1 c–( ) Yt C0–⋅= = C0 R0–= R0 C0–= Rt 60– 1 3 Yt⋅⁄+= tg α c CΔ YΔ⁄= = dC dY⁄ tg β a RΔ YΔ⁄= = dR dY⁄ EΔ YΔ⁄ 0= dE dY⁄ dS dY⁄ dM dY⁄ Yt At= Et Rt= Yt 420= Yt At= Et Rt= YE It Gt Xt+ + St Tt Mt+ += Et Rt= Et Rt< Et Rt> Et Rt> Y 420< It Gt Xt 14. Einkommen und Beschäftigung 311 kann. Da das Geldsystem elastisch sein soll, kommt zusätzlich Geld in den Umlauf, das eine Ausweitung der Nachfrage über gestattet. Fig. 14-2: Einkommen und geplante Ausgaben St Tt Mt+ + 312 Dritter Teil. Makroökonomie Übers. 14-2: Einkommen, Konsumausgaben, Expansions- und Kontraktionsgrößen pro geplanter Zeitperiode in Mrd. Euro Die Zusatzausgaben sind also größer als die aus dem laufenden Einkommen bereitstehenden Mittel. Durch die erhöhte Gesamtnachfrage werden Beschäftigung und Produktion steigen. Umgekehrtes gilt für den Fall (im Bereich ), da ein Teil des laufenden Einkommens nicht zu Ausgaben, sondern aus dem Kreislauf gezogen ("stillgelegt") wird. Im obigen Beispiel gilt für das Gleichgewicht: . 2. Denselben Punkt erhält man, wenn die aus einem Volkseinkommen ( ) geplanten Ausgaben ( ) ein Volkseinkommen ergeben, das dem tatsächlichen gleich ist. Der geometrische Ort für die Identität von und ist - bei gleichem Koordinatenmaß - die 45°-Linie (Fig. 14-2.I.). Punkte oberhalb der Linie zeigen Ausgaben, die größer, unterhalb der Linie, die kleiner sind als das laufende Einkommen, aus dem die Ausgaben getätigt werden. Entsprechend den Annahmen bestimmt die in Ausgaben ausgedrückte Gesamtnachfrage die Beschäftigung und Produktion. Die aus der Produktion gezahlten Einkommen bestimmen wiederum die Gesamtnachfrage. Ist sie gleich dem laufenden Einkommen, sind mit anderen Worten die geplanten Ausgaben mit dem laufenden Volkseinkommen größengleich, besteht kein Grund, daß sich Beschäftigung, Produktion und Gesamtnachfrage ändern ( ). Entsprechend kann die Gleichgewichtsbedingung auch wie folgt ausgedrückt werden: (14.30) In (14.30) stehen auf der rechten Seite die geplanten Ausgaben, auf der linken das Volkseinkommen, von demman bei der Planung ausgeht und das in (14.21) Einkommen Konsumausgaben Expansionsgrößen Kontraktionsgrößen 0 60 120 180 240 300 360 420 480 540 600 60 ( ) 100 140 180 220 260 300 340 380 420 460 30 30 30 30 30 30 30 30 30 30 30 30 30 30 30 30 30 30 30 30 30 30 20 20 20 20 20 20 20 20 20 20 20 140 180 220 260 300 340 380 420 460 500 540 80 80 80 80 80 80 80 80 80 80 80 - 60 - 40 - 20 0 20 40 60 80 100 120 140 Yt Ct 60 += 2 3 Yt⋅⁄+ It Gt Xt At Ct It+≡ G+ t Xt+ 2 3 Yt⋅⁄+= It Gt Xt+ + + Et ≡ It Gt Xt+ + = const. Rt ≡ St Tt Mt+ + = 60– 1 3 --Yt+ C0 Et Rt< Y 420> EE RE 80= = Yt At At Yt At At Ct It Gt Xt+ + += YE 420= Yt Ct Et+ At= = 60 14. Einkommen und Beschäftigung 313 und (14.25) als unabhängige Variable erscheint. Übersteigt die Ausgabensumme (Gesamtnachfrage) das "produzierte" bzw. "angebotene" Volkseinkommen , wird die Produktion und das daraus gezahlte Volkseinkommen steigen et vice versa, bis das Gleichgewicht erreicht ist. Das Gleichgewicht ist stabil, wenn folgende Bedingung gilt: (14.31) . Diese Bedingung wird unmittelbar verständlich, wenn die zeitliche Abfolge von Kreislaufvorgängen beachtet wird. Die aus dem Einkommen einer Periode ( ) stammenden Ausgaben ( ) werden zu Einkommen der nächsten Periode ( ), die in derselben Periode wieder ausgegeben ( ) und zu Einkommen der nächsten Periode ( ) werden. Da im Gleichgewicht keine Dispositionsänderungen mehr stattfinden, ist . Solange also die Einkommen der einzelnen Perioden gleich sind, besteht ceteris paribus kein Anlaß zu einer Niveauänderung, weil aus dem Einkommen jeder Periode die Ausgaben getätigt werden, die dasselbe Einkommen in der jeweils nächsten Periode wieder entstehen lassen. Faktische und geplante Größen entsprechen sich in jeder Periode. Ein Ungleichgewicht existiert, wenn die geplanten Ausgaben und damit das Einkommen der folgenden Periode größer oder kleiner als das laufende Einkommen sind. Ist kleiner als das laufende Einkommen , Fig. 14-3: Stabilität des Gleichgewichts schrumpft das Einkommen der folgenden Periode so lange, bis aus dem verringerten Einkommen genausoviel ausgegeben wird, wie dem Gleichgewichtseinkommen entspricht. Gleiches gilt für den umgekehrten Fall (Fig. 14-3). Sollte das Gleichgewichtseinkommen ( ) gerade jenes sein, bei dem alle Produktionsfaktoren beschäftigt werden, bestünde Gleichgewicht bei Vollbeschäftigung. Kurzfristig kann die Produktion entsprechend den Annahmen (Ausschluß von Betriebsgrößenänderungen und technischem Fortschritt) nicht weiter steigen. Jedes Gleichgewicht unterhalb dieses Niveaus ist mit Unterbe- At Yt YE Yt Yt 1+= = Yt At Yt 1+ At 1+ Yt 2+ Yt At Yt 1+ At 1+= = = At Yt YE 314 Dritter Teil. Makroökonomie schäftigung verbunden. Übersteigt das Vollbeschäftigungseinkommen, bezeichnet man die Differenz als inflatorische Lücke (inflationary gap); entsprechend heißt die negative Differenz deflatorische Lücke (deflationary gap). Was geschieht bei autonomen Ausgabenänderungen? Die Wirkungen werden anhand von Änderungen der Größen und analysiert. Die Verfahrensweise ist komparativ-statisch; altes und neues Gleichgewicht werden miteinander verglichen. Als erstes sei angenommen, daß ceteris paribus die autonome Größe steigt, etwa weil die Neigung, mehr zu investieren, zu exportieren und (oder) staatlicherseits auszugeben, zunimmt. Alle drei Fälle lassen sich als Verschiebung der -Kurve nach oben darstellen (Fig. 14-4). Das ursprüngliche Gleichgewichtseinkommen ist . Steigt von auf , erhält man das neue Gleichgewichtseinkommen , das um größer ist als . Gegenteiliges würde gelten, wenn fiele, etwa von auf . Fig. 14-4: Expansionswirkungen Bei einer gegebenen (hier: autonomen) Ausgabenänderung hängt die Volkseinkommensänderung offenbar von der Steigung der -Kurve ab. Bei einem flacheren Verlauf als , z. B. , wäre das neue Gleichgewichtseinkommen um größer als . Will man wissen, um wieviel das Volkseinkommen bei einer gegebenen Erhöhung der Ausgabenkomponenten und gegebenem steigt, muß man die Relation bilden, die der Steigerung der -Kurve ( ) entspricht (im zuletzt betrachteten Fall der -Kurve: ). Somit ergibt sich das Gleichgewicht aus (14.32) durch Auflösung nach (14.33) (Verhaltens-Gleichung). At At Yt– At Yt– E R E E YE 0 E E0 E1 YE 1 ' Y2Δ YE 0 E E1 E0 R R0 R1 YE 1 '' Y3Δ Y2Δ– YE 1 ' I G X, ,( ) R R1( ) EΔ YΔ⁄ R tg β dR dY⁄= R1( ) tg γ dR dY⁄= EΔ YΔ ------ dR dY ------ tg β= = YΔ YΔ 1 dR dY ------ ------ EΔ⋅= 14. Einkommen und Beschäftigung 315 Als erste Ableitung von (14.23) ist , die marginale Kontraktionsquote, so daß sich (14.33) schreiben läßt (14.34) , oder für : (14.35) (Verhaltens-Gleichung). Die Größe ist der Expansionsgrößen-Multiplikator - ein bereits bekannter Begriff -, der die Rate der Änderung des Gleichgewichtseinkommens fürmarginale Ausgabenänderungen angibt. Nicht selten wird nur für bestimmte Komponenten von definiert - z. B. für Änderungen der Investitionen wie in (14.20). Nimmt man nun an, ceteris paribus ändere sich die Größe , erhält man folgendes Bild (Fig. 14-5). Das ursprüngliche Gleichgewichtseinkommen ist . Verschiebt sich nach - weil sich bei alternativen Einkommen die nicht verausgabten Beträge für , und (oder) reduzieren -, steigt das Volkseinkommen auf . Für eine Verschiebung von auf , und (oder) erhöhen sich bei alternativen -, hätte sich das Volkseinkommen ceteris paribus von auf reduziert. Fig. 14-5: Kontraktionswirkungen In diesen Zusammenhang gehört das Sparparadoxon. Eine Verschiebung von auf könnte auf verstärktes Sparen aus einem gegebenen Einkommen zurückgehen (erhöhte "Sparneigung"). Die Folge wäre ein Sinken des Volkseinkommens, der Produktion und der Beschäftigung. Mißt man den Reichtum an diesen Größen - wie es oft geschieht -, kann man sagen: Durch Sparen wird ein Land ärmer, was offenbar verbreiteter Ansicht widerspricht. Wie immer muß auf die Bedingungen geachtet werden, unter denen die Aussage gemacht wird. Im System von KEYNES wird generell von Unterbeschäftigung ausgegangen. Steigt dann die Summe der nicht ausgegebenen Einkommensteile durch verstärktes Sparen ( ) bei unveränderten Nichtkonsumausgaben ( ), bedeutet der Einkommensrückgang zugleich einen Produktionsverlust und weitere Arbeitslosigkeit. Diese Aussage gilt nur ceteris paribus. Wird der nichtkonsumierte (gesparte) Betrag ausgegeben ( ), tritt das Sparparadoxon nicht auf. Ist die Gesamtnachfrage groß genug, um nicht nur alle ProduktidR dY a≡⁄ YΔ 1 a -- EΔ⋅= 1 a⁄ m= YΔ m EΔ⋅= m m E R YE 0 R0 R1 S T M YE 1 R1 R0 S– T M Y YE 1 YE 0 R1 R0 R 0>Δ EΔ 0= EΔ RΔ= 316 Dritter Teil. Makroökonomie onsfaktoren voll zu beschäftigen, sondern auch das Preisniveau der Vorperiode steigen zu lassen, würde verstärktes Sparen ceteris paribus die Preissteigerungen dämpfen. Ein Produktions- und Beschäftigungseffekt träte erst auf, wenn durch das Sparen die Gesamtnachfrage soweit zurückginge, daß sie zur Vollbeschäftigung nicht mehr reicht. Verstärktes Sparen ohne kompensierende Ausgaben macht ein Land nur bei Unterbeschäftigung ärmer. In einer Inflation ist es erwünscht, sofern Preisniveaustabilität ein Ziel der Wirtschaftspolitik darstellt. Auf die beliebte Frage: "Ist Sparen gesamtwirtschaftlich vorteilhaft oder nicht?" wäre deshalb die richtige Antwort: "Es kommt darauf an, was mit gespartem Geld geschieht und ob Arbeitslosigkeit oder Inflation herrscht". Die obigen Überlegungen gelten überdies nur gesamtwirtschaftlich. Es ist nicht schwierig, Expansions- und Kontraktionswirkungen zu kombinieren, zumal sowohl als auch aus je drei Komponenten bestehen, die sich verstärken (Fig. 14-6.I.) oder - ganz oder teilweise - kompensieren (Fig. 14-6.II.) können. Das ursprüngliche Gleichgewicht ist jeweils , das neue . Wirken expansive und kontraktive Größen zugleich auf das Volkseinkommen, hängt es von der Richtung der jeweiligenWirkungen ab, ob und in welchemUmfang sie sich verstärken oder teilweise (im Grenzfall: genau) kompensieren. Fig. 14-6: Expansions- und Kontraktionswirkungen Übers. 14-3: Richtung der Ausgaben- und Kontraktionswirkungen Darstellung in Ausgaben Kontraktionsgrößen Volkseinkommen, Beschäftigung, Produktion Fig. 14-4 + + + + ceteris paribus + Fig. 14-4 - - - - ceteris paribus - Fig. 14-4 ceteris paribus - - - + Fig. 14-4 ceteris paribus + + + - Fig. 14-6.I. + + + + - - - + Fig. 14-6.I. - - - - + + + - Fig. 14-6.II. + + + + + + + +, - oder 0 Fig. 14-6.II. - - - - - - - +, - oder 0 E R YE 0 YE 1 C I G X S M T Y 14. Einkommen und Beschäftigung 317 Symbolisiert man Vergrößerungen einer Expansions- oder Kontraktionskomponente mit +, Reduzierungen mit -, lassen sich die analysierten Wirkungen in einer Übersicht leicht darstellen. In ihr ist auch der Konsum als Bestandteil der aggregierten Gesamtnachfrage berücksichtigt (Übers. 14-3). Die Einkommens- und Beschäftigungstheorie enthält wie jede Theorie einige Prämissen, die explizit oder implizit der bisherigen Analyse zugrunde lagen. Die wichtigsten seien kurz wiederholend genannt oder ergänzend angeführt, zumal ihre Kenntnis für eine vertiefte Behandlungmakroökonomischer Probleme notwendig ist. Generell wird davon ausgegangen, daß nicht beschäftigte Produktionsfaktoren (Arbeitskräfte und Kapitalstock) zur Verfügung stehen (Unterbeschäftigung). Dann können mit steigenden Ausgaben das Preisniveau, das Verhältnis der Lagerbestände zur Produktion und die Arbeitszeit konstant bleiben sowie Einkommen und Produktion sich gleichläufig ändern. Mit der Hypothese, daß Volkseinkommen und Beschäftigung ausschließlich von der Gesamtnachfrage nach Gütern abhängen, werden andere Einflußgrößen - wie Änderungen des Kapitalstocks oder des technischen Wissens ausgeschaltet, also konstant gesetzt. Diese Hypothese läßt sich empirisch allenfalls für kurze Perioden vertreten (kurzfristige Betrachtungsweise). Für die Behandlung langfristiger Probleme (16. Kap.) ist die KEYNESsche Theorie unbefriedigend oder zumindest ergänzungsbedürftig. Aus beiden Prämissen folgt, daß die Produktion eine Funktion der Variablen "Beschäftigungsmenge" ist. Gesamtwirtschaftlich gibt es keine monetären Beschränkungen bei der Finanzierung zusätzlicher Ausgaben ("elastisches" Geldsystem). Beim voll entwickelten KEYNESschen System wird die Wirtschaft in vier aggregierte Märkte aufgeteilt: den - auf hoher Abstraktionsstufe soeben behandelten - Markt für Güter (Konsum- und Investitionsgüter), den Arbeitsmarkt, den Geldmarkt und den damit eng verbundenenWertpapiermarkt. Vereinfachte Analysen behandeln nur den Markt für Güter. Dies impliziert, daß die übrigen Märkte ohne Einfluß auf das Gleichgewicht des Gütermarkts sind. Die Prämissen des vereinfachten Systems sind sehr restriktiv und erlauben es nicht, auf folgende oder ähnliche Fragen eine Antwort zu geben: Ist notwendigerweise eine Konstante? Wenn nicht, wovon hängt sie ab? Sind monetäre Einflüsse auf das Gleichgewicht möglich?Wenn ja, welche undwieso?Was bestimmt die Lage der Konsumfunktion? Im voll entwickelten KEYNESschen System ist die Behandlung solcher Probleme möglich. Indessen bleibt der Wertpapiermarkt meist entweder ausgeschlossen oder er wird als Komplement des Geldmarktes behandelt. Dieser Verfahrensweise, die also aggregierte Märkte für Konsumund Investitionsgüter, für Geld und für Arbeit explizit berücksichtigt, soll gefolgt werden. Zunächst sei noch einmal gesondert auf die Gütermärkte, den Geld- und den Arbeitsmarkt eingegangen. Anschließend (15. Kap.) werden das gesamtwirtschaftliche Gleichgewicht bestimmt, Gleichgewichtsänderungen analysiert und der Unterschied zum klassischen System erörtert. Auch in der erweiterten Analyse wird durchgängig von einer geschlossenen Volkswirtschaft ohne staatliche Aktivität ausgegangen. Der Leser dürfte bereits in der I 318 Dritter Teil. Makroökonomie Lage sein, die Bedeutung dieser Einschränkungen zu beurteilen und sie ggf. selbst aufzugeben. Die Bestimmungsgründe der Komponenten des Außenhandels ( und )werden später noch untersucht (22. und 23. Kap.), die der staatlichen Aktivität im einzelnen bleiben ausgeklammert, weil ihre Prüfung im hier gegebenen Rahmen nicht möglich ist. II. Gütermärkte Konsum Die aggregierte Konsumfunktion ist ein charakteristisches Element der KEYNESschen Theorie. In allen Volkswirtschaften machen Konsumausgaben der Privaten und des Staates den größten Teil des verwendeten Einkommens aus (oft 70 bis 80%). Eine empirisch gehaltvolle Konsumfunktion wäre deshalb eine große Hilfe für die Wirtschaftspolitik. Die Ausgangsfrage fast aller theoretischen Analysen lautet: Worauf gehen Veränderungen der von den Haushalten getätigten Konsumausgaben zurück? Aus früheren Überlegungen ist bekannt, daß bei Veränderungen zwei Fälle genau zu trennen sind: 1. Was bestimmt die Gestalt der Konsumkurve? Dabei geht es - graphisch gesehen - um Veränderungen der Konsumausgaben längs einer Kurve. 2. Was bestimmt die Lage der Konsumkurve? Gefragt wird insbesondere nach den Gründen von Kurvenverschiebungen. In der Beschäftigungstheorie steht die erste Frage im Vordergrund. Auf die zweite Frage soll ebenfalls kurz eingegangen werden, weil dabei die Grenzen der kurzfristigen Betrachtungsweise deutlicher zutage treten. Die allgemein akzeptierte Antwort auf die erste Frage läßt sich in einer makroökonomischen Verhaltensfunktion von der Form (14.36) ausdrücken. Alle anderen Einflußfaktoren (zusammengefaßt zu ) auf die Höhe des Konsums werden konstant gehalten. Ihre Änderung würde zu Kurvenverschiebungen führen. Offen bleiben auch dann noch drei Teilfragen: 1. Welche Funktionsgleichungen werden für (14.36) angegeben? 2. In welcher Beziehung stehen Konsum- und Sparfunktion? 3. Wie ist Y in diesem Zusammenhang definiert? Die Zahl der empirisch relevanten Konsumfunktionen ist - in Abhängigkeit von Zeit und Raum - ziemlich groß. "Die" Konsumfunktion dürfte es nicht geben. Es seien deshalb einige typische Verläufe dargestellt. Die mathematisch einfachste Form einer Konsumfunktion lautet (14.9) . (14.9) ist eine durch den Nullpunkt laufende Gerade mit der Steigung (im Grenzfall würde sie zur 45°-Linie, somit zu ). Der bisherigen Darstellung wurde diese Konsumfunktion und die Funktion (14.22) X M Ct f Yt Z,( )= Z Ct c Yt⋅= c c 1= Ct Yt= Ct C0 c Yt⋅+= 14. Einkommen und Beschäftigung 319 zugrunde gelegt, die außerdem einen autonomen, d. h. einkommensunabhängigen Konsum berücksichtigt. Kompliziertere Funktionen sind (14.37) und (14.38) . Die Gleichungen ergeben folgendes Bild (Fig. 14-7), wobei die Gestalt Fig. 14-7: Konsumkurven von (14.37) und (14.38) innerhalb des dargestellten Bereichs von der Wahl der Parameter und abhängt. Man kann die unterschiedlichen Konsumfunktionen mit den Begriffen der marginalen und durchschnittlichen Konsumquote oder -neigung beschreiben. Die marginale Konsumquote ( ) ist das Steigungsmaß der Kurve ( bzw. ), die durchschnittliche Konsumquote ( ) der Quotient aus gesamtem Konsum und Einkommen ( ). Für (14.9) ist . (14.22) läßt sich durch die Eigenschaften (wegen ) und charakterisieren. Welche Kombination von und in der Funktion (14.22) auch gewählt wird, stets ist (Fig. 14-8.I.). Für (14.37) und (14.38) wird durch den Tangens des mit der Tangente an die Konsumkurve und der Abszisse gebildeten Winkels angegeben; fällt mit zunehmendem , bleibt aber (wegen ) stets hinter zurück: ; ist fallend (Fig. 14- 8.II.). Die Zusammenhänge verdeutlicht Übers. 14-4. Der Zusammenhang zwischen Konsum- und Sparfunktion in einer geschlossenen Volkswirtschaft ohne staatliche Aktivität kann analog zum Ausdruck (14.28) durch die Gleichung (14.39) beschrieben werden. Die Sparfunktion ist eine Komplementärfunktion der Konsumfunktion, so daß aus der Konsum- die Sparfunktion gewonnenwerden kann und umgekehrt. Lautet z. B. die Konsumfunktion , ist die Sparfunktion . Graphisch gesehen erhält man die Sparfunktion, indem die bei alternativen Einkommen ge- Ct C0 a Yt b Yt 2⋅+⋅+= Ct C0 a Yt⋅+= a b MC tg α MC c CΔ YΔ⁄= = = dC dY⁄ DC tg β DC C Y⁄= = DC MC= DC MC> C0 MC const.= C Y DC MC< MC α tg α Y C0 DC DC MC> MC S0 C0–= Ct 60 2 3 Yt⋅⁄+= St 60– 1 2 3⁄–( ) Yt⋅+ 60– 1 3⁄ Yt⋅+= = 320 Dritter Teil. Makroökonomie tätigten Konsumausgaben von den durch die 45°-Linie definierten Gleichgewichtseinkommen subtrahiert werden. Fig. 14-8: Marginale und durchschnittliche Konsumquote KEYNES nahm an, daß das Sparen mit steigendem Einkommen relativ zunehme; die Sparfunktion hätte dann den in Fig. 14-9 dargestellten Verlauf. In diesem Sparverhalten sieht er ein "fundamentales psychologisches Gesetz". Im Hinblick auf empirische Tests empfiehlt es sich, Sparen als eine Funktion des disponiblen Einkommens anzusehen, also jenes Einkommens, das den Haushalten bei ihrer Entscheidung zur Verfügung steht. Wesentlich für die Konsumtheorie ist dieDefinition des Volkseinkommens. Dabei geht es nicht um unterschiedliche Abgrenzungen im Sinne der Volks- 14. Einkommen und Beschäftigung 321 Übers. 14-4: Entwicklung der marginalen und durchschnittlichen Konsumquote bei steigendem Volkseinkommen Fig. 14-9: Konsum- und Sparkurve wirtschaftlichen Gesamtrechnung, sondern um die Einbeziehung von Erwartungen. KEYNES war der Meinung, daß sich gesamtwirtschaftlich optimistische und pessimistische Einkommenserwartungen der Konsumenten ausgleichen. Deshalb bezieht er die Konsumausgaben auf das laufende Einkommen, wie es die bisher verwendeten Konsumfunktionen von der generellen Form anzeigen. Es ist aber fraglich, ob das laufende oder aktuelle Einkommen diewichtigste oder gar einzige Entscheidungsgrundlage der Konsumgüterkäufe ist. Beispielsweise sind in den USAwährend und nach demZweiten Weltkrieg die Einkommen stark gestiegen, so daß nach demKEYNESschen "fundamentalen psychologischen Gesetz" die durchschnittliche Konsumquote hätte Funktionstyp Beispiel Marginale Konsumquote Durchschnittliche Konsumquote Verhältnis von zu I. Linear; konstant konstant II. Linear; konstant fallend III. Nichtlinear; fallend fallend MC( ) DC( ) DC MC C0 0= Ct 2 3⁄ Yt⋅= DC MC= C0 0> Ct 60 2 3⁄ Yt⋅+= DC MC> C0 0> Ct 60 5 Yt 1 10 ----- Yt 2⋅–⋅+= DC MC> Ct f Yt( )= 322 Dritter Teil. Makroökonomie fallen müssen. Tatsächlich trat dieses Ergebnis nicht ein, ohne daß ein Einfluß des Einkommens auf die Konsumausgaben zu leugnen wäre. Es ist deshalb naheliegend, nach anderen Einkommenskonzepten zu suchen. Von den zahlreichen Varianten seien nur drei erwähnt: die relative Einkommenshypothese (relative income hypothesis) von JAMES S. DUESENBERRY (1918-2009), nach der die Konsumausgaben von der jeweiligen sozialen Schichtung des Konsumenten abhängen; die Dauereinkommenshypothese (permanent income hypothesis) von MIL- TON FRIEDMAN (1912-2006), nach der die gegenwärtigen Konsumausgaben von den erwarteten ständigen Einkommen bestimmt werden; die Lebenszyklushypothese (life cycle hypothesis) von ALBERT K. ANDO (1929-2002) und FRANCO MODIGLIANI (1918-2003), nach der der Konsum als Funktion des Arbeits- und Renteneinkommens einer gesamten Lebensspanne angesehen wird. Übers. 14-5: Bestimmungsgründe des Konsums Gemeinsames Merkmal dieser Einkommenshypothesen ist, daß sie - im Gegensatz zur KEYNESschen Konsumfunktion - von langfristigen Einflüssen des Ein- Wirkungen auf die Lage der Konsumkurve Begründung der Hypothese Die Konsumausgaben steigen bei alternativen Einkommen, wenn... et vice versa. die Einkommensverteilung gleichmäßiger wird Bezieher relativ niedriger Einkommen haben größere Konsumneigung das liquide Vermögen (Geldvermögen) steigt Sparneigung fällt mit steigendem Geldvermögen das nichtliquide Vermögen (dauerhafte Konsumgüter) sinkt „Dienste“ dauerhafter Güter müssen gekauft werden das Preisniveau sinkt Realvermögen steigt die Zinsen sinken Kredite werden billiger die relativen Preise (nachfrageunelastische Güter) steigen Gleiches Konsumniveau erfordert höhere Ausgaben die „Fixkosten“ des Konsumenten (Ratenverpflichtungen, Versicherungsbeiträge, Miete u.ä.) sinken Restliches Einkommen steigt das Produktsortiment steigt Neue Produkte erhöhen Konsum die Kaufmotive (Werbung) steigen Kaufanreize und -nachahmungen sind soziale Phänomene die Bevölkerung steigt Bevölkerung im konsumfähigen Alter nimmt zu 14. Einkommen und Beschäftigung 323 kommens auf den Konsum ausgehen. Dieser Punkt wird im Testkapitel wieder aufgegriffen. Neben dem Einkommen gibt es eine Reihe von kurz- und langfristigen Einflußfaktoren des Konsums, die nicht den Verlauf bestimmen, sondern die Lage der Konsumkurve beeinflussen. Bekanntlich muß man zwischen Bewegungen auf einer Kurve und Kurvenverschiebungen scharf trennen. Für Bewegungen auf einer Konsumkurve wird das Einkommen in seinen verschiedenen Definitionen als die einzige Einflußgröße betrachtet; andere Einflüsse sind durch die ceteris paribus-Klausel eliminiert. Die folgende Übersicht enthält einige empirisch plausible, teilweise schon bei der Haushaltsnachfrage (4. Kap.) erörterte Hypothesen über die Bestimmungsgründe für die Lage der Konsumkurve und damit für ihre Änderung (Übers. 14-5). Unter den wirtschaftspolitischen Folgerungen, die Keynes aus seiner Analyse der Massenarbeitslosigkeit zog, hat die Änderung der Einkommensverteilung großes Gewicht, weil eine Einkommensnivellierung - etwa durch Besteuerung relativ hoher zugunsten niedriger Einkommen (redistributive Steuer) - wie eine Einkommenserhöhung bei den Beziehern niedriger Einkommen wirkt. Das gilt, wie die Übersicht zeigt, auch in anderen Fällen. Insbesondere die Vernachlässigung des Vermögens als Bestimmungsfaktor der Nachfrage sowie dieWirkungen des Preisniveaus, das in einer Krise weniger stark steigt oder gar fällt, sind häufig kritisierte Defekte der Keynesschen Überlegungen, die von seinenNachfolgern teilweise behobenworden sind. Investition Die zweite in der gesamtwirtschaftlichen Betrachtung genannte zentrale Nachfragekomponente sind die von den Unternehmen getätigten Investitionen (I). Es ist zu beachten, daß Investitionen in der Beschäftigungstheorie Käufe von Gütern (wie Anlagen, Maschinen, Lagergüter) sind und nicht mit den noch zu behandelnden Käufen von Wertpapieren ("Finanzinvestitionen", "Portfolioinvestitionen") konfundiert werden dürfen.Wie beimKonsum handelt es sich um geplante Ausgaben. Die Investitionen, deren Anteil an der Gesamtnachfrage (durchschnittliche Investitionsquote) in allen Volkswirtschaften gegenüber der durchschnittlichen Konsumquote nur einen relativ kleinen Teil ausmacht, haben starkes Interesse auf sich gezogen, weil sie erfahrungsgemäß stärker als die Konsumausgaben schwanken und deswegen beschäftigungstheoretisch von großer Bedeutung sind. Wegen des Multiplikatoreffekts können die durch diese Schwankungen ausgelösten gesamtwirtschaftlichen Volkseinkommens- und Beschäftigungswirkungen gravierend sein. Die Investitionen, die bisher vereinfachend als autonome, vorgegebene Größe behandelt wurden, hängen inWirklichkeit von einer Reihe ökonomischer und technischer Faktoren ab. Ist das Ausmaß der Investitionen nicht vor allem eine Frage der Finanzierungsmöglichkeiten? Es ist zweckmäßig, die Frage der Investitionsfinanzierung, die betriebswirtschaftlich oft im Vordergrund steht, als ein einzelwirtschaftliches Problem eigener Art zu betrachten. Gesamtwirtschaftlich gilt dagegen die empirisch bestätigte Hypothese, daß das Geldsystem ausreichend elastisch ist, um Investitionsvorhaben innerhalb weiter Grenzen zu finanzieren. 324 Dritter Teil. Makroökonomie Welche Bedeutung haben exogene Faktoren für das gesamtwirtschaftliche Investitionsniveau? Das ist - wie beim Konsum - eine erste Ausgangsfrage. Eine zweite lautet: Welche Konsequenzen ergeben sich für das gesamtwirtschaftliche Gleichgewicht, wenn die Investitionen - nicht wie bisher eine autonome, sondern - eine induzierte Größe sind? Drittens: Wie kommt es zu Verschiebungen des gesamtwirtschaftlichen Gleichgewichts? Auf diese drei Fragen sei im folgenden eingegangen. Die Analyse der Investitionen ist um einiges schwieriger als die des Konsums, ihre Ergebnisse sind umstrittener und größtenteils noch Gegenstand der Forschung. Die erste Frage versucht man meist mikroökonomisch zu beantworten. Die dabei gewonnenen Funktionen für einzelne Unternehmen werden dann aggregiert. Die Investitionsentscheidung der Unternehmen wird durch einen technischen Aspekt und durch eine Verhaltensweise beeinflußt. Technisch gesehen stellen Investitionen eine Veränderung des Kapitalbestands dar, der für die Produktion eingesetzt wird. Verhaltensmäßig wird unterstellt, daß Investitionen nur dann getätigt werden, wenn sie einen Gewinn versprechen. Die Investitionsentscheidungwird daher von drei Elementen determiniert: 1. dem aus einem bestimmten Kapitalbestand zu erwartenden Ertrag, 2. den Kosten dieses Kapitalbestands und 3. dem vorhandenen (aktuellen) Kapitalbestand. Die Analyse der einzelnen Elemente greift auf die in der Mikroökonomie verwendeten Darstellungen und Techniken zurück. Wird eine Produktionsfunktion vom COBB-DOUGLAS-Typ ( 6. Kap.) unterstellt, hängt die Produktionsmenge pro Periode vom Beschäftigungsstand und dem technischen Entwicklungsstand - beide werden hier als konstant angenommen - sowie vomKapitalbestand (z. B. Anzahl der zur Produktion eingesetzten Maschinen) ab: (14.40) mit (technische Gleichung). Der aus einem bestimmten Kapitalbestand zu erwartende Kapitalertrag pro Periode ergibt sich aus der Produktionsmenge, die mit dem Produktpreis bewertet wird: (14.41 a) (Definitions-Gleichung). Da eine aggregierte Betrachtung vorgenommen wird, entspricht der aggregierte (gesamtwirtschaftliche) Ertrag der einzelnen Unternehmen unter Einschluß der staatlichen "Produktion" dem nominalen Bruttosozialprodukt (Lagerbewegungen bleiben unberücksichtigt): (14.41 b) . Wird der aggregierte Produktpreis dem Preisniveau gleichgesetzt, entspricht die aggregierte Produktionsmenge dem realen Bruttosozialprodukt: (14.41 c) . O N β K O f K N β, ,( ) f K( )= = f'' K( ) 0< RK P RK P O⋅ P f K( )⋅= = RK Yn≡ Yn P Yr RK≡⋅ P O⋅ P f K( )⋅= = = Yr O≡ f K( )= 14. Einkommen und Beschäftigung 325 Die Beschaffungskosten des Kapitalbestands pro Periode sind abhängig vom Preis der Kapitaleinheiten (z. B. dem Preis einer Maschine), dem Kapitalbestand (Anzahl der Maschinen) und dem Zinssatz , der - bei Fremdfinanzierung - für die Aufnahme der Kaufsumme zu zahlen ist bzw. - bei Eigenfinanzierung - bei einer alternativen Verwendung der Kaufsumme für die Anschaffung von Wertpapieren (Opportunitätskosten) erzielt würde: (14.42) (Definitions-Gleichung). In der aggregierten Betrachtungsweise entspricht der aggregierte Kapitalgüterpreis dem Preisniveau für Kapitalgüter und der aggregierte Zinssatz dem nominalen Marktzins. Das gesamtwirtschaftliche Gewinnmaximum (14.43) wird bei dem (optimalen) Kapitalbestand erreicht, bei dem der gesamtwirtschaftliche Grenzertrag des Kapitals und die Grenzkosten des Kapitals gleich sind: (14.44 a) (Verhaltens-Gleichung). Entsprechend der Ertragsfunktion (14.41) und der Kostenfunktion (14.42) wird dies bei (14.44b) (Verhaltens-Gleichung) erreicht. Die Höhe der (optimalen) Investitionen ergibt sich aus der Differenz zwischen optimalem und aktuellem Kapitalbestand: (14.45) (Verhaltens-Gleichung). Eine spezielle Charakteristik des Investitionsverhaltens zeigt sich bei der Betrachtung der Grenzleistungsfähigkeit des Kapitals (marginal effeciency of capital): (14.46) (Definitions-Gleichung). Sie bezeichnet (ungefähr) den - erwarteten - Ertragswert, der von einerWerteinheit der zuletzt eingesetzten Kapitaleinheit erzielt wird. Löst man die Gewinnmaximierungsbedingung (14.44 b) nach auf: (14.47) , KK PK i KK i PK K⋅ ⋅= GK RK KK– Yn KK– Maximum!= = = Y'n dYn SK -------dKK dK --------- K'K= = = P dYr dK -------⋅ p f' Kopt( )⋅ i PK⋅= = I I Kopt Kakt–= f' 1– i PK⋅ P ------------⎝ ⎠ ⎛ ⎞ Kakt–= ir P dYr⋅ PK dK⋅ ------------------ P PK ------ f' K( )⋅= = i i P dYr⋅ PK dK⋅ ----------------- P PK ------ f' Kopt( )⋅= = 326 Dritter Teil. Makroökonomie wird deutlich, daß bei einem optimalen Kapitalbestand die Grenzleistungsfähigkeit des Kapitals dem Marktzins entspricht: (14.44 c) (Verhaltens-Gleichung). Bei einem Kapitalbestand unterhalb des Optimums ist die Grenzleistung des Kapitals höher als derMarktzins und umgekehrt. Die Investitionen erfolgen daher bis zu der Höhe des Kapitalbestands, bei der die Grenzleistungsfähigkeit des Kapitals mit dem Marktzins übereinstimmt. Eine entsprechende Umformung von (14.47) führt unter Berücksichtigung des aktuellen Kapitalbestands wieder zu (14.45). Die Bestimmung des optimalen Kapitalbestands und der Investitionshöhe läßt sich graphisch verdeutlichen (Fig. 14-10). Es wird ersicht- Fig. 14-10: Investitionshöhe und optimaler Kapitalbestand lich, daß die Investitionshöhe in jeder Periode davon abhängig ist inwieweit die Ertragskurve sich verändert hat durch eine Änderung des Preisniveaus oder durch eine Änderung der Produktionsfunktion aufgrund des technischen Fortschritts oder eines anderen Beschäftigungsstandes, inwieweit sich die Kostenkurve verschoben hat durch eine Änderung des Kapitalpreisniveaus oder durch eine Änderung des Marktzinses und welche Höhe der aktuelle Kapitalbestand einnimmt, der durch Abschreibung und Investitionen der Vorperiode verändert wurde. i ir= 14. Einkommen und Beschäftigung 327 In der KEYNESschen Analyse des Investitionsverhaltens werden alle Einflußfaktoren außer dem Zins als konstant angesehen: (14.48) (Verhaltens-Gleichung). Unter diesen Annahmen wird bei steigendem Marktzins der optimale Kapitalbestand - und damit die Investitionshöhe - zurückgehen und umgekehrt (Fig.14-11). Fig. 14-11: Zinsabhängige Investitionen It g P f K( ) PK i Kakt, , , ,( )= It i( )= 328 Dritter Teil. Makroökonomie Die analytische Konsequenz zinsabhängiger Investitionen ist, daß für das Gleichgewicht auf dem Gütermarkt nunmehr - statt (14.11) - gilt: (14.49) (Verhaltens-Gleichung). Dieser Ausdruck gibt die Ansichten von KEYNES - als Antwort auf die zweite Frage - in Kürze wieder. Die Ausgaben sind eine Funktion des Volkseinkommens und des Zinssatzes, wobei der Konsum - und damit implizit das Sparen ausschließlich als Funktion des Volkseinkommens, die Investition ausschließlich als Funktion des Zinssatzes angesehen werden. Während bei einer autonomen Investition das gesamtwirtschaftliche Gleichgewicht nur vom Volkseinkommen abhängt, wird es nun auch vom Zinssatz bestimmt (Fig. 14-12). Fig. 14-12: Ableitung der -Kurve DieGleichgewichtsbedingung ist im oberen Teil der Fig. 14-12 in jedem Schnittpunkt der -Kurve mit einer -Kurve erfüllt. Ist der Zinssatz , beträgt nach (14.48) die Investition und man erhält das Gleichgewichtseinkommen . Steigt der Zins, geht die Investition zurück, für auf . Dieser Investition entspricht ein Gleichgewichtseinkommen von und so fort. Man kann nun alle zusammengehörigen Gleichgewichtswerte von und in einem Koordinatensystem abtragen (Fig. 14-12; unterer Teil). Die Verbindungslinie dieser Punkte wird als IS-Kurve bezeichnet. Die -Kurve verschiebt sich, Yt Ct Yt( ) It i( )+= IS St It= S I i1 I1 i1( ) Y1 i2 I2 Y2 i Y IS 14. Einkommen und Beschäftigung 329 wenn ceteris paribus die Investitions-( -) oder die Spar-( -)Kurve ihre Lage ändern: Die -Kurve verschiebt sich nach rechts, wenn die Sparbeträge (= Investitionsgüterkäufe) fallen. Der Leser merke sich dieses - -Diagramm, auf das später zurückgegriffen wird (15. Kap.). Wenn das Volkseinkommen die abhängige Variable des Zinssatzes ist, werden auch die vomVolkseinkommen determinierten Konsumausgaben vom Zinssatz bestimmt. Andererseits gehört zu einem hohen Volkseinkommen ceteris paribus eine hohe Sparquote. Der Gleichgewichtszins, der für eine diesem Sparen entsprechende Investition sorgt, muß dann relativ niedrig sein. Daraus wird deutlich, daß die Investitionen indirekt auch vom Volkseinkommen bestimmt werden. Hierfür läßt sich eine weitere Begründung - und zugleich als Antwort auf die dritte Frage - anführen: Empirische Studien haben gezeigt, daß die Lage der Investitionskurve, das Investitionsniveau, von den Gewinnen abhängt, insbesondere von jenen, die der Unternehmer nicht auszuschütten braucht. Je höher der Anteil eigener Mittel bei der Investitionsfinanzierung ist (Selbstfinanzierungsquote), um so eher neigen die Unternehmer zur Investition, was oft auch gilt, wenn geeigneteMittel von außen (Fremdfinanzierung) leicht zu beschaffen sind. Fig. 14-13: Investitionen als Funktion gewinnabhängigen Volkseinkommens Die Selbstfinanzierungsquotewiederum korreliert starkmit demVolkseinkommen. Bei steigendem Volkseinkommen (Prosperität) nimmt die Quote zu, bei fallendem (Depression) ab, meist sogar überproportional. Graphisch gesehen kann man das wie folgt ausdrücken (Fig. 14-13). Der linke Teil der Fig. 14-13 stellt die um 90° gedrehte Fig. 14-11 (unterer Teil) dar. Betrachtet man als Parameter, läßt sich eine ganze Schar von Investitionskurven denken, weil mit steigendemVolkseinkommen zu jeweils alternativen Zinssätzen I S IS i Y Y Y2 Y1 Y0> >( ) 330 Dritter Teil. Makroökonomie mehr investiert wird. Die Einkommens- oder Ausgabenfunktion (14.49) erhält dann die von den Postkeynesianern (15. Kap.) entwickelte Form: (14.50) (Verhaltens-Gleichung). Die Bestimmungsgründe für die Investitionsausgaben sollen - da sie ein zentrales Stück der KEYNESschen Theorie bilden - in einer Übersicht noch einmal verdeutlicht werden (Übers. 14-5). Übers. 14-5: Bestimmungsgründe der Investitionsausgaben Es herrscht weitgehendes Einvernehmen darüber, daß Gewinnänderungen nur eine Größe sind, die auf die Lage der Investitionskurve einwirken. Von weiteren Einflußfaktoren seien einige mit ihrer Wirkungsrichtung genannt: Der Stand der Technik: Technischer Fortschritt verschiebt die Nachfragekurve für Investitionsgüter nach rechts. Die Ertragserwartungen: Bei pessimistischen Ertragserwartungen, die wirtschaftlich und politisch bedingt sein können, verläuft die Nachfragekurve unterhalb einer Kurve, die bei optimistischen Zukunftsaussichten relevant ist. Das Ausmaß der Unsicherheit: Bei großer Unsicherheit wird die Ertragserwartung größer sein müssen als bei geringer, um eine bestimmte Investition zu veranlassen, so daß die Nachfragekurve im ersten Fall höher verläuft. Die Unsicherheit kann bereits im Zinssatz (Marktzinssatz plus Risikoprämie des Kreditgebers) und (Kapitalertrag minus Risikoprämie des Kreditnehmers) berücksichtigt werden. Dieser Katalog von Hypothesen ist keineswegs vollständig. Es sei daran erinnert: Das Geldangebot wurde gesamtwirtschaftlich als hinreichend elastisch unterstellt, was volkswirtschaftlich plausibler ist als betriebswirtschaftlich, aber nicht in allen konkreten Fällen die tatsächliche Situation umschreibt. Beschränkungen in den Finanzierungsmöglichkeiten führen zu Verschiebungen der Investitionsfunktion nach links et vice versa. Yt C Yt( ) I Yt i,( )+= Investitionsausgaben Ertrag-Kosten-Differenz ir i≥( )Volkseinkommen Y( ) Gewinne insgesamt einbehalten Grenzleistungsfähigkeit des Kapitals ir( ) Zinssatz (Liquiditätspräferenztheorie) i( ) Erwartete Grenzerlöse P YrΔ⋅( ) Beschaffungsgrenzkosten PK( ) KΔ⋅ Geldangebot Ms( ) Geldnachfrage Md( ) i ir 14. Einkommen und Beschäftigung 331 III. Geldmarkt Geldnachfrage Der Zins war bisher eine autonome, theoretisch nicht erklärte Größe. Seine Bestimmungsgründe werden nun in der monetären Analyse der Einkommensund Beschäftigungstheorie erörtert. Ausgangspunkt der Überlegungen ist die Vorstellung, daß es immonetären Sektor Anbieter und Nachfrager wie auf Gütermärkten gibt. In derKEYNESschen Theoriewird eine Beschränkung auf die Geldnachfrage vorgenommen. Das Geldangebot, das von den Geldproduzenten stammt, wird als vorgegeben betrachtet (autonome, exogene Variable) - mithin theoretisch nicht untersucht -, ebenso wie das Preisniveau, dessen Wirkungen auf Einkommen und Beschäftigung allerdings Teil der Analyse sind. Die daraus abgeleitete nachfrageorientierte Zinstheorie - kaum mehr als Rudiment einer Geldtheorie - ist jedoch für das KEYNESsche System wesentlich. Das vorgegebene Geldangebot, kurz die Geldmenge, befindet sich in einem gegebenen Augenblick in der Verfügungsgewalt von Kassenhaltern (Haushalte, Unternehmen einschließlich Geschäftsbanken und Staat; die Bestimmungsgründe der Kassenhaltung des Staates sollen im folgenden außer Betracht bleiben). Die nominale Kassenhaltung oder Geldnachfrage ( ) ist ex post stets gleich dem nominalen Geldangebot ( ) und es gilt deswegen: . (Dies muß und wird in der Regel nicht ex ante gelten.) Durch bloße Änderungen der individuellen Kreditbeziehungen ist demnach eine Erhöhung oder Verringerung der nominalen Geldmenge nicht möglich. Für die Wirkungen des Geldes in der Zeit ist ausschlaggebend, wie lange eine gegebene Geldmenge im Durchschnitt von den Kassenhaltern festgehalten, also nicht zu Zahlungen verwendet wird. Diese Zeit wird als Kassenhaltungsdauer bezeichnet, ausgedrückt in Zeiteinheiten (Tagen,Wochen usw.). Ihre Reziproke ist die Umlaufgeschwindigkeit des Geldes pro Zeiteinheit (2. Kap.). Die Kassenhalter können zwar die Geldmenge nicht verändern (18. Kap.), wohl aber die Kassenhaltungsdauer bzw. die Umlaufgeschwindigkeit. Da - wie (2.6) zeigt - Geldmenge und Umlaufgeschwindigkeit die Komponenten der monetären Gesamtnachfrage sind, wird diese ebenso durch die Verhaltensweise der Privaten (über ) wie der Geldproduzenten (über ) beeinflußt. Makroökonomisch dürfte es in der Regel gleichgültig sein, ob eine Verringerung der monetären Gesamtnachfrage auf Geldvernichtung oder Erhöhung der Kassenhaltungsdauer (et vice versa) zurückgeht. Auf die Frage nach den Ursachen für Größe und Veränderungen der Kasse gibt KEYNES die Antwort: Kasse wird gehalten für Zwecke des Umsatzes, aus Gründen der Vorsicht und zur Spekulation. Das Umsatzmotiv veranlaßt Haushalte und Unternehmen, Geld zur Überbrückung der Zeitdifferenz zwischen den Zahlungseingängen und -ausgängen, dieUmsatzkasse, bereitzuhalten. Die Kassenhalter geben sich gleichsam selbst einen Überbrückungskredit. Liefen Einnahmen und Ausgaben völlig synchron, würden sie keine Umsatzkasse benötigen, da jeder Ausgabe zur selben Zeit eine Einnahme gegenüberstünde. Um die Zeitüberbrückungsfunktion der Umsatzkasse herauszuarbeiten, sei zunächst unterstellt, die Privaten hielten nur aus demUmsatzmotiv Kasse. Fig. 14- Md Ms Ms Md≡ V M 332 Dritter Teil. Makroökonomie 14.I. und II. zeigen die Transformation des Einkommens, das Haushalte am Beginn einer einmonatigen Ausgabenperiode ausgezahlt bekommen, zu kontinuierlichen Einnahmen der Unternehmen im Verlauf der Periode. Fig. 14-14: Zahlungsperiode und Kassenhaltung Die Zeichnung läßt sich mikro- oder makroökonomisch interpretieren. Die beiden Kassenhalter sollen jeweils die Gesamtheit der Haushalte (Fig. 14-14.I.) und Unternehmen (Fig. 14-14.II.) darstellen. Zu Beginn der Zahlungsperiode erhalten die Haushalte ein Einkommen ( ) in Höhe von 100, das von den Unternehmen als Faktorentgelt gezahlt wird. Gegen Ende der Periode ist das von den Haushalten wieder an die Unternehmen fließende Einkommen verausgabt. Im gleichen Zeitpunkt erfolgt eine neue Zahlung an die Haushalte durch die Unternehmen. Im Durchschnitt eines Monats verfügen dann die Haushalte über eine Kasse . Bezogen auf das Monatseinkommen ist sie 1/2, bezogen auf das Jahreseinkommen 1/24 des Monats- bzw. Jahreseinkommens. Ähnliches gilt für die Unternehmen, deren Kasse ( ) im Durchschnitt ebenfalls 50 Euro beträgt. Da die Einkommen in den Haushaltszahlungen erfaßt sind (Zahlungen der Unternehmen an die Faktoren), beläuft sich die totale Nachfrage der Haushalte und der Unternehmen nach Kasse insgesamt auf ein vollständiges Monats- oder 1/12 Jahreseinkommen ( ). Wird nicht auf Einkommen, sondern auf Zahlungen (Umsätze) abgestellt, ist die Geldnachfrage der Haushalte und Unternehmen jeweils 1/2 der monatlichen oder 1/24 der jährlichen Umsätze. Die auf das Einkommen bezogene tatsächliche Kassenhaltungsdauer ( ) läßt sich demnach als Quotient aus der Geldnachfrage und dem für eine bestimmte Zeitperiode erzielten Einkommen definieren (14.51) (Definitions-Gleichung). Y Md H 1 2⁄ Y⋅ 1 2⁄ 100⋅ 50Euro= = = Md U Md Md H Md U + Y 100= = = k∗ Md Yt k∗ Md Yt ------= 14. Einkommen und Beschäftigung 333 Betrachtet man als eine über die Zeit konstante ex ante-Größe, d. h. als Verhaltenskonstante (Verhaltensparameter) , läßt sich aus (14.51) eine Hypothese formulieren, die als Gleichung lautet (14.52) (Verhaltens-Gleichung). Mit (14.52) wird im Gegensatz zu (14.51) behauptet, daß sich die Geldnachfrage proportional zumVolkseinkommen verhält. Sie ist demnach ein konstanter Teil des Einkommens. Die auf sämtliche Transaktionen bezogene tatsächliche Kassenhaltungsdauer ( ) kann als reziproke Größe der Umlaufgeschwindigkeit (Verkehrsgleichung) definiert werden, was aus (2.6) unmittelbar einsichtig wird. Schreibt man (2.6) (2.6 a) folgt wegen der Definition (14.53) (14.54) (Definitions-Gleichungen). Auch die Größe kann als Verhaltensparameter behandelt werden, indem man sie - ebenso wie - als eine strukturelle Konstante einführt. Das Ergebnis ist (14.55) (Verhaltens-Gleichung). (14.55) besagt, daß sich die Geldnachfrage proportional zum gesamtwirtschaftlichen Angebot - ausgedrückt in der Sprache der Verkehrsgleichung - verhält. (14.52) und (14.55) stellen als Verhaltenshypothesen Behauptungen über die Abhängigkeit der Geldnachfrage dar. Für die Größe der beiden tatsächlichen Kassenhaltungszeiten gilt , weil nicht alle Umsätze zu Einkommen führen . Aus Fig. 14-14 wird evident, daß diskontinuierliche Einkommensverausgabungen auf die Höhe der Kassenhaltung einwirken. Von einer Analyse solcher Feinheiten sei abgesehen. Empirische Bedeutung hat die Tatsache, daß sich die Kassenhaltung auchmit Variationen der Periode ändert. Es sei angenommen, die Zahlungsperiode des Einkommens wird auf eineWoche verkürzt; ein Monat soll aus vier Wochen bestehen (Fig. 14-15) Das auf den Monat oder das Jahr bezogene Einkommen hat sich dagegen nicht verändert. Die totale Durchschnittskasse ist von auf gesunken (payment-interval-effect). In Fig. 14-15.II. ist die Zahlungsperiode ebenfalls verkürzt, jedoch keine entsprechende Verringerung der Höhe der Zahlungen vorgenommen worden. Das auf denMonat oder das Jahr bezogene Einkommenmuß sich dann vervierfacht haben, die Durchschnittskasse ist unverändert geblieben (paymentpattern-effect). Mit Verkürzung der Zahlungsperiode verringert sich demnach die für die Verausgabung eines bestimmten Einkommens benötigte Geldmenge. Wird die Geldmenge nicht reduziert, kann ein höheres Einkommen bewältigt werden und umgekehrt. Größere gesamtwirtschaftliche Änderungen der k∗ k∗t Md k∗t Yt⋅= k V Q P⋅ M -----------≡ k 1 V --≡ k M Q P⋅ -----------≡ k k∗t kt Md kt Q P⋅ ⋅= k∗ k> Y Q P–< Md M'd Md 334 Dritter Teil. Makroökonomie Zahlungsperioden dürften in der Realität kurzfristig kaum auftreten. Sie können - wie bei KEYNES - in einer kurzfristigen Analyse außer Betracht bleiben, nicht dagegen in einer langfristigen. Fig. 14-15: Änderungen der Zahlungsperioden und Kassenhaltung Eine Kassenhaltung ist nicht nur nötig für Umsatzzwecke. Jeder weiß, daß in der Wirklichkeit Ereignisse eintreten, die nicht vorherzusehen sind. Das Automobil kann plötzlich defekt, das Haus reparaturbedürftig werden. Dann sind unerwartete Ausgaben fällig. Aus Gründen der Vorsicht wirdman eine Kassenreserve bilden, die Vorsichtskasse. Wovon hängt ihre Größe ab? Wer wenig Einkommen hat, wird keine oder nur eine kleine Reserve bilden können. Bezieher hoher Einkommen dürften einen größeren Teil ihres Einkommens abzweigen. Nach dieser Hypothese ist die Vorsichtskasse vom Einkommen abhängig. Für ein gegebenes Einkommen gilt im einfachsten Fall folgender Zusammenhang (Fig. 14-16). Beide Kassen (Umsatz- und Vorsichtskasse) werden unter dem Begriff aktive Kasse ( ) zusammengefaßt. Es ist jener Teil des Einkommens, der als Durchschnittsbetrag für vorgesehene und unvorhergesehene Zahlungen bereitgehalten wird. Die einkommensabhängige aktive Kasse läßt sich bei einem konstanten Parameter durch eine Gleichung von der Form (14.52) wie folgt beschreiben (Fig. 14-17). Beim Einkommen wird vom Geldangebot die Geldmenge für die aktive Kasse nachgefragt (gebraucht), beim Einkommen die Geldmenge und so fort. Das Steigungsmaß der Geld- Md1 k∗t Y' M' Y'' M'' 14. Einkommen und Beschäftigung 335 Fig. 14-16: Umsatz- und Vorsichtskasse Fig. 14-17: Geldnachfrage für die aktive Kasse nachfragekurve ist - wegen der Ordinatenbezeichnung - die Reziproke der Kassenhaltungsdauer , die sich hier auf die Umsatz- und Vorsichtskasse bezieht. Über die Motive für eine aktive Kasse besteht ziemlich Einigkeit. KEYNES hat jedoch als drittes Motiv für die Kassenhaltung die Spekulationsabsicht hervorgehoben. Es ist möglich, durch die Wahl der Zeitperiode spekulative Ausgaben einmal zum Bestandteil der erwarteten, zum anderen der unerwarteten Transaktionen werden zu lassen. Will man das Spekulationsmotiv explizit berücksichtigen, darf die Zeitperiode nicht zu lang gewählt werden, was für die Analyse von KEYNES generell gilt. Seine Begründung für die Spekulationskasse ( ), die passive Kasse, basiert auf folgender Überlegung: Es gibt einen "normalen" Zinssatz, bei dem in bestimmtem Umfang Geld für Spekulationszwekke, aber auch bestimmteWertpapiere (festverzinslich, nicht rückzahlbar) als alternative Anlageform gehalten werden. Marktpreis (Kurs) und effektiver Zins k∗t Md2 336 Dritter Teil. Makroökonomie (Rendite) der Wertpapiere verhalten sich umgekehrt proportional (effektiver Zins =Nominalzins ∙ 100/Kurs), so daß an Stelle derWertpapierpreise der Zinssatz gesetzt werden kann (Fig. 14-18). Die Kurve in Fig. 14-18 ist Ausdruck Fig. 14-18: Geldnachfrage für die Spekulationskasse der Liquiditätspräferenz. Sie besagt: Steigt der Effektivzins infolge einer Senkung derWertpapierkurse über eine als normal empfundene Höhe, wird durch den Kauf vonWertpapieren die Spekulationskasse pro Zeiteinheit reduziert, da man in Zukunft mit einer Zinssenkung auf das als normal betrachtete Niveau (also mit einer Kurssteigerung) rechnet. Fällt der Zins unter die normale Rate (steigender Kurs), werden zunehmendWertpapiere verkauft und die Spekulationskasse wird aufgestockt, da man eine Zinssteigerung (Kurssenkung) befürchtet, bei der die möglichen Kursverluste - bei Wertpapierhaltung - größer als der entgangene Zinsertrag - bei Kassenhaltung - sein könnten. Von einem bestimmten niedrigen Zinssatz an wird die spekulative Geldnachfrage vollkommen zinselastisch. Jede Geldmenge, die nicht für Transaktionszwecke nötig ist, wird weder zu Güter- noch zu Wertpapierkäufen verwendet, sondern wandert in die Spekulationskasse (liquidity trap). Zum Unterschied von der loanable funds-Theorie (10. Kap.), bei der sich der Zinssatz auf das Geldkapitalangebot pro Zeiteinheit bezieht (Kapitalstrom), beruht die Liquiditätspräferenztheorie auf einem gegebenen Geldkapitalbestand, so daß bei der Zeitindex fehlt. Geldmarktgleichgewicht Die totale Geldnachfrage ist nach KEYNES die Summe aus den Teilkassen und : (14.56) (Definitions-Gleichung). - gleichgültig, ob Geldnachfrage oder -angebot ( oder ) - ist nominal, das heißt in Währungseinheiten, definiert. Die reale Geldmenge erhält man, indem z. B. durch den Preisindex - etwa des Bruttosozialprodukts - dividiert i Md Md Md1 Md2 Md Md1 Md2+= M Md Ms P 14. Einkommen und Beschäftigung 337 wird ( ). Da die Kaufkraft einer Geldeinheit ist, gibt die Kaufkraft der zu einem bestimmten Zeitpunkt vorhandenen Geldmenge an. Ob die Geldmenge imKeynesschen System nominal oder real interpretiert werden muß, ist strittig. Den Intentionen von KEYNES dürfte die reale Definition mehr entsprechen, wie noch deutlich gemacht wird (15. Kap.). Da einkommens- und zinsabhängig ist, erhält man für (14.56) generell: (14.57) , für den in Fig. 14-17 dargestellten Fall speziell (14.58) (Verhaltens-Gleichungen). (14.57) wird als reale Geldnachfrage oder als Realkassenfunktion der Keynesschen Theorie bezeichnet. Das Geldangebot ( ) ist vorgegeben und sei konstant (14.59) (Verhaltens-Gleichung). Der Schnittpunkt der durch (14.58) und (14.59) symbolisierten Kurven für Nachfrage und Angebot (14.60) ist das Gleichgewicht auf dem Geldmarkt, zu dem als Preis der Zins und als Menge die totale Geldnachfrage gehören (Fig. 14-19). Im unteren Teil der Fig. 14-19 ist Fig. 14-17 spiegelbildlich wiederholt. Vom Nullpunkt wird zunächst die aktive Kasse abgetragen. Das ist für drei verschiedene Volkseinkommen geschehen. Im oberen Teil der Figur ist die Nachfragekurve für Spekulationskasse - beginnend nach der aktiven Kasse - eingezeichnet, so daß sie die totale Geldnachfrage wiedergibt. Sind ex ante gesamte Geldnachfrage und -angebot grö- ßengleich, herrscht ein Gleichgewicht (Schnittpunkte der - mit den -Kurven). Der jeweilige Gleichgewichtszins ist (für ), ( ) bzw. ( ). In der liquidity trap hat das Geldangebot keinen Einfluß auf den Zins. Ähnlich wie auf dem Gütermarkt - für Konsum und Investition - lassen sich die Gleichgewichtspunkte in ein - -Diagramm übertragen und durch eine Kurve verbinden, die LM-Kurve, welche die Beziehungen zwischen Gleichgewichtszinssatz und Volkseinkommen ausdrückt (Fig. 14-20). Im linken Teil der Fig. 14-20 ist die Bestimmung des Gleichgewichts aus Fig. 14-19wiederholt. Zu jedemGleichgewicht gehört ein bestimmtes Volkseinkommen ( , und ), das mit dem Zinssatz innerhalb bestimmter Grenzen positiv korreliert. Verbindungslinie der Gleichgewichte im rechten Teil von Fig. 14-20 ist die -Kurve. M P⁄ 1 P⁄ M P⁄ M Md1 Md2 Md P ------ L1 Yt( ) L2 i( )+ P ----------------------------------= Md P ------ k∗t Yr L2 i( ) P -----------+⋅= Ms P⁄ Ms P ------ Ms P ------⎝ ⎠ ⎛ ⎞= Ms P ------ Md P ------= Ms P⁄ Md P⁄ i' Y' i'' Y'' i''' Y''' i Y Y' Y'' Y''' LM 338 Dritter Teil. Makroökonomie Fig. 14-19: Bestimmung des Gleichgewichtszinses Fig. 14-20: Ableitung der -Kurve Bei einem geringen Volkseinkommen und gegebenem Geldangebot ist die aktive (passive) Kasse klein (groß), der Zins demzufolge niedrig et vice versa. Bei einem sehr geringen Volkseinkommen wird die -Kurve wegen der liquidity trap vollkommen zinselastisch. Umgekehrt, bei sehr hohem Volkseinkommen, hat die -Kurve einen vertikalen Ast, d. h. daß bei sehr hohen Zinsen die Nachfrage nach Spekulationskasse völlig unelastisch wird. Die -Kurve verschiebt sich, wenn ceteris paribus die Liquiditätspräferenz-( -) oder die Geldangebots-( -)Kurve ihre Lage ändern. Eine Rechtsverschiebung wird ceteris paribus von einem steigenden nominalen Geldangebot oder einer Abnah- LM LM LM LM L M 14. Einkommen und Beschäftigung 339 me der Liquiditätsneigung (Verminderung von (Kurvendrehung) und/ oder Linksverschiebung von und/oder fallende Preise) ausgelöst. Wie bei der -Kurve sollte der Leser sich das - -Diagramm merken, weil darauf später zurückgegriffen wird (15. Kap.). IV. Arbeitsmarkt Ausgangspunkt für die Analyse der Arbeitsnachfragefunktion ist wiederum die gesamtwirtschaftliche Produktionsfunktion (14.40). Während bei der Analyse der Investitionsfunktion die Beschäftigung konstant gehalten und der Kapitalbestand variiert wurde, wird bei der Arbeitsnachfrageanalyse umgekehrt verfahren. Der Produktionsfaktor des technischen Fortschritts wird ebenfalls konstant gehalten: (14.61) (technische Gleichung). Der gesamtwirtschaftliche Ertrag (nominales Bruttosozialprodukt) folgt aus: (14.62) (Definitions-Gleichung). Die Produktionskosten, die der Faktor Arbeit verursacht, sind abhängig vom Nominallohnniveau und dem Beschäftigungsstand: (14.63) (Definitions-Gleichung). Ein gewinnoptimaler Beschäftigungsstand wird erreicht, wenn das volkswirtschaftliche Grenzwertprodukt der Arbeit den Grenzkosten des Faktors Arbeit entspricht: (14.64 a) oder (14.64 b) (Verhaltens-Gleichung). Entsprechend der Ertragsfunktion (14.62) und der Kostenfunktion (14.63) gilt dies für: (14.65) (Verhaltens-Gleichung). Dies Ergebnis stimmt mit der Grenzproduktivitätstheorie (9. Kap.) überein, nach der die Unternehmer nur soviel Arbeitsmenge einsetzen, bis der Grenzertrag gleich dem Nominallohn wird. Der Zusammenhang zwischen dem nominalen Bruttosozialprodukt, dem volkswirtschaftlichen Grenzertrag und dem Nominallohnniveau kann auf reale Größen abgestellt werden, wenn (14.65) durch das Preisniveau dividiert wird: (14.66) (Verhaltens-Gleichung). k∗t L2 i( ) IS i Y Yr f N K β, ,( ) f N( )= = Yn P Yr⋅ P f N( )⋅= = W KN W N⋅= Nopt Y'n K'N= dYn dN -------- d KN dN ------= P dYr dN -------⋅ P f' Nopt( )⋅ W= = dYr dN ------- f' Nopt( ) W P ----= = 340 Dritter Teil. Makroökonomie Die Wirkungsweise des Zusammenhangs zwischen dem realen Bruttosozialprodukt, realen Grenzertrag und dem Reallohnniveau wird aus einer Graphik deutlich (Fig. 14-21). Ein steigender Reallohn führt zu einer Verringerung des optimalen Beschäftigungsstandes und damit zu einem niedrigeren realen Produktionswert. Soll dagegen das reale Bruttosozialprodukt ansteigen, ist ein höherer optimaler Beschäftigungsstand erforderlich, der sich nur bei einer Verringerung des Reallohnniveaus einstellt. Da der optimale Beschäftigungsstand die Nachfrage nach Arbeit kennzeichnet ( ), stellt der Zusammenhang zwischen optimalem Beschäftigungsstand und Reallohn (14.66) die Nachfragefunktion nach Arbeit dar: (14.67 a) bzw. (14.67 b) (Verhaltens-Gleichung). Der Verlauf der Arbeitsnachfragefunktion ist durch die Form der Produktionsfunktion bestimmt, deren Ableitung einen - für Nachfragefunktionen typischen - fallenden Verlauf zeigt. Für die Arbeitsangebotsfunktion, die später (15. Kap.) näher erläutert wird, ist die Annahme eines entgegengerichteten Verlaufs plausibel. Steigende Reallöhne werden zu einer Erhöhung des Arbeitsangebots - und damit des Beschäftigungsstandes - führen und umgekehrt: (14.68 a) mit bzw. (14.68 b) (Verhaltens-Gleichung). Das Gleichgewicht auf dem Arbeitsmarkt ergibt sich aus dem Schnittpunkt der Angebots- und Nachfragekurve (Fig. 14-22). Der Gleichgewichtslohn ist , die Gleichgewichtsmenge , die erstens angibt, wieviel Arbeitskräfte zum herrschenden Reallohn arbeiten und - wegen der Form der Produktionsfunktion - zweitens das reale Volkseinkommen bestimmt (Fig. 14-21). Im übrigen sei auf die früheren Ausführungen zum Arbeitsmarkt hingewiesen (9. und 10. Kap.). Nopt Nd= W P ---- f' Nd( )= Nd f' 1– W P ----⎝ ⎠ ⎛ ⎞= W P ---- g Ns( )= g' Ns( ) 0> Ns g 1– W P ----⎝ ⎠ ⎛ ⎞= W P⁄( )E NE 14. Einkommen und Beschäftigung 341 Fig. 14-21: Produktionsfunktion (reales Bruttosozialprodukt), Grenzertrag (real) und Reallohnniveau Fig. 14-22: Gesamtwirtschaftliches Gleichgewicht auf dem Arbeitsmarkt 342 Dritter Teil. Makroökonomie K 14-1 Vollbeschäftigung inTheorie und Wirklichkeit Nach der Theorie befindet sich eine Volkswirtschaft im Zustand der Vollbeschäftigung, wenn auf dem Arbeitsmarkt ein Gleichgewicht herrscht. Beim Gleichgewicht - im Schnittpunkt von Arbeitsangebots- und -nachfragekurve (Fig. 14-22) - haben alle Arbeitswilligen zum geltenden Lohn eine Arbeit gefunden. Wer keiner Tätigkeit nachgeht, ist freiwillig arbeitslos und bleibt außerhalb der Betrachtung. Die Wirklichkeit auf dem Arbeitsmarkt kontrastiert jedoch mit dieser theoretischen Eindeutigkeit ganz erheblich. Tatsächlich ist es nicht möglich, genau anzugeben, ob Vollbeschäftigung vorliegt. Die Gründe dafür liegen in der Erfassung der Arbeitslosen. Diese werden von der amtlichen Statistik, die sich auf Erhebungen der Arbeitsargenturen stützt, fortlaufend registriert. Der prozentuale Anteil der Arbeitslosen an den unselbständigen Erwerbspersonen, die Arbeitslosenquote, wird in Deutschland monatlich publiziert und von Politik und Öffentlichkeit aufmerksam wahrgenommen. Aus mehreren Gründen weist die amtliche Statistik die Arbeitslosigkeit zu hoch oder zu niedrig aus - mit der Folge, daß eine nur an der Arbeitslosenquote orientierte Beschäftigungspolitik auf schwankendem Boden steht. Die Arbeitslosigkeit wird von der amtlichen Statistik übertrieben, weil sie auch Personen umfaßt, die freiwillig arbeitslos sind. Deren genaue Zahl ist unbekannt, das Faktum als solches unstreitig. Die freiwillige, aber registrierte Arbeitslosigkeit nimmt mit der sozialen Absicherung der Arbeitslosen zu. In Deutschland, in den sich die aus öffentlichen Mitteln stammenden Einkommen eines Arbeitslosen oft nicht nennenswert von denen aus Arbeit unterscheiden, ist deshalb mit einem hohen Anteil an freiwilliger Arbeitslosigkeit zu rechnen. Diese wird erkennbar, wenn die Zahlungen für Arbeitslose gekürzt oder an den Einsatz für öffentliche Arbeiten gebunden werden. Untertrieben wird die Arbeitslosigkeit in der amtlichen Statistik durch nicht registrierte Personen. Ein Arbeitsloser ist an einer Meldung in der Regel nur dann interessiert, wenn er Anspruch auf eine öffentliche Unterstützung hat. Das kann der Fall sein, wenn der Arbeitslose nur kurzzeitig ohne eine Beschäftigung ist. Umgekehrt übertreibt die amtliche Statistik die Arbeitslosigkeit, wenn als arbeitslos Gemeldete wieder eine Arbeit haben - gelegentlich auch, wie an Betrugsfällen immer wieder deutlich wird, eine Unterstützung weiterbeziehen -, dies aber den Arbeitsargenturen unbekannt ist. In Wirklichkeit ist schließlich ein gewisses Maß an Arbeitslosigkeit unvermeidlich, weil es einen ständigen Berufs- und Arbeitsplatzwechsel von jährlich Millionen Fällen gibt (Fluktuations-Arbeitslosigkeit). Aus diesem Grund wird in der wirtschaftspolitischen Praxis von Vollbeschäftigung gesprochen, wenn die Arbeitslosenquote nicht mehr als 2% bis 3% ausmacht. Dies spräche für eine Definition der Vollbeschäftigung, die vorläge, wenn die Zahl der Arbeitslosen und die der offenen Stellen in etwa gleich sind. Dieser Definition steht die Heterogenität von Arbeit entgegen, weil Arbeitslose oft freie Stellen entweder nicht oder nicht ohne weiteres füllen können. 15. Kapitel: Statisches Gesamtgleichgewicht I. Das Gesamtgleichgewicht bei Voll- und Unterbeschäftigung in der Terminologie vonKEYNES Erklärungsansatz IS-LM-Modelle als Basis der postkeynesianischen Gleichgewichtsanalyse - Ihre komparativ-statische Natur - Zusammenfassung von Gütermarkt, Geldmarkt, Arbeitsmarkt - Gleichgewicht auf Gütermarkt und Geldmarkt - Verschiebung der IS- oder LM-Kurve - Ursachen der Verschiebung - Erweiterung der Analyse umdenArbeitsmarkt und totales Gleichgewicht Vollbeschäftigungsgleichgewicht Flexible Preise und Löhne bedingen Vollbeschäftigungsgleichgewicht - Stabilität des Gleichgewichts Unterbeschäftigungsgleichgewicht KEYNES' Nachweis einer stabilen Unterbeschäftigung - Hohe Zinselastizität der Geldnachfrage - Zinselastizität der Investitionen zu klein - Einseitige Starrheit der Geldlöhne II. Wirtschaftspolitische Bewertung des Keynesschen Systems Negativkatalog wirtschaftspolitischer Maßnahmen Bestimmte wirtschaftspolitische Maßnahmen scheiden aus Positivkatalog wirtschaftspolitischer Maßnahmen Schwerpunkt der Wirtschaftspolitik im öffentlichen Bereich - Politik des leichten Geldes - Redistributive Besteuerung - Budgetpolitik des Staates KEYNES aus heutiger Sicht Funktionen des Geldes, der Preise und des liquiden Vermögens wenig beachtet - Einer der bedeutendsten Nationalökonomen K 15 - 1: Die Stagflation als Keynessches Erbe III. Neoklassische Kritik und Synthese Neoklassische Kritik Oberbegriff Realkasseneffekt, Unterfälle KEYNES-Effekt und PIGOU-Effekt - KEYNES- Effekt - PIGOU-Effekt - Unterbeschäftigungsgleichgewicht nicht stabil Neoklassische Synthese Zusammenfassung von drei Elementen- Neoklassisches Gleichgewicht - Unterbeschäftigungsgleichgewicht I. Das Gesamtgleichgewicht bei Voll- und Unterbeschäftigung in der Terminologie von KEYNES Erklärungsansatz Probleme des gesamtwirtschaftlichen Gleichgewichts haben früher wie heute hervorragende Theoretiker angezogen. Die bekanntesten Gleichgewichtsanalysen (Totalmodelle) wurden in der Vergangenheit vonMARIE ESPRIT LÉONWAL- RAS und in der Gegenwart von KEYNES-Nachfolgern (Postkeynesianern) entwickelt. Die Basis der postkeynesianischen Gleichgewichtsanalyse bildet das von JOHN RICHARD HICKS und ALVIN HARVEY HANSEN formulierte IS-LM-Modell. Diese Autoren beabsichtigen, mit ihremModell eine straffe Interpretation der schwer verständlichen und zum Teil dunklen "Allgemeinen Theorie" von JOHNMAYNARD KEYNES zu geben. Obwohl die Gültigkeit dieser Deutung in der vonAXEL LEIJONHUFVUD ausgelösten Diskussionmit beachtlichenGründen bestritten wird, herrscht das KEYNES-Verständnis von HICKS-HANSEN fort. Das postkeynesianische Gleichgewichtsmodell ist - wie das von KEYNES komparativ-statischer Natur. Damit soll gesagt werden: Es handelt sich um eine Analyse, mit der verschiedene Gleichgewichtszustände eines Systems gegenübergestellt werden. Die Dynamisierung des Modells - eine makroökonomische Erklärung der Übergänge zwischen verschiedenen Gleichgewichtszuständen - ist durch die Einführung der Dimension Zeit generell möglich. Die folgende komparativ-statische Darstellung des gesamtwirtschaftlichen Gleichgewichts beschränkt sich auf die traditionelle, durch HICKS-HANSEN vorgezeichnete Interpretation der KEYNESschen Theorie, deren Kenntnis vorausgesetzt wird (14. Kap.). Im postkeynesianischen Totalmodell sind die Partialanalysen wichtiger Märkte (präziser eigentlich: Marktgruppen) - die "des"Gütermarkts (Konsumund Investitionsgüter), "des"Geldmarkts (für die Geldnachfrage bei exogenem Geldangebot) und "des" Arbeitsmarkts (für den Produktionsfaktor Arbeit, bei gegebenem Kapitalbestand ) - zusammengefaßt. Entsprechend den Herleitungen im 14. Kap. werden der Gütermarkt und der Geldmarkt implizit durch die - und -Kurven dargestellt, während der Arbeitsmarkt explizit durch die entsprechenden Angebots- und Nachfragekurven vertreten ist. In analytischer Schreibweise lassen sich die drei Märkte durch vier Funktionsgleichungen beschreiben (Übers. 15-1). Die Funktionsgleichung der -Kurve (15.1) resultiert aus dem Gütermarktgleichgewicht (14.49) mit der Konsumfunktion (14.22), die der -Kurve (15.2) aus der Zusammenfassung der Geldnachfragefunktion (14.58) und der Geldangebotsfunktion (14.59) über die Gleichgewichtsbedingung (14.60), beide Gleichungen aufgelöst nach dem realen Volkseinkommen ( ). In Übers. 15-1 ist zusätzlich die gesamtwirtschaftliche Produktionsfunktion (14.61) aufgeführt, da sie die Verbindung zwischen dem Arbeitsmarkt und dem Güter- und Geldmarkt herstellt. Die implizite Erfassung des Güter- und Geldmarktes über die - und - Kurve bedeutet, daß sämtliche Kombinationen des Marktzinses ( ) und des realen Volkseinkommens ( ) erfaßt sind, die zum Gleichgewicht auf dem jeweiligen Markt führen. Da - und -Kurven im gleichen Koordinatensystem K IS LM IS LM Yr IS LM i Yr IS LM 346 Dritter Teil. Makroökonomie Übers. 15-1: Grundlage der postkeynesianischen Totalanalyse dargestellt sind, läßt sich aus dem Schnittpunkt beider Kurven diejenige Zins- Volkseinkommens-Kombination ( , ) ermitteln, bei derGleichgewicht auf demGütermarkt und auf dem Geldmarkt ( ) gleichzeitig besteht (Fig. 15-1). Fig. 15-1: - -System Andere Punkte auf der -Kurve ( ) bezeichnen allein einen gleichgewichtigen Gütermarkt, während der Geldmarkt im Ungleichgewicht ist. Entspre- Markt Funktionsbezeichnung Funktionsgleichung Funktionsgraphik Gütermarkt -Kurve (15.1) Fig. 14-12 Geldmarkt -Kurve (15.2) Fig. 14-20 Arbeitsmarkt Nachfragekurve (14.67 b) Fig. 14-22 Angebotskurve (14.68 b) Fig. 14-22 Verbindung zwischen Arbeitsmarkt und Güter- Geld-Markt Produktionsfunktion (14.61) Fig. 14-21 IS Yr 1 1 c– ---------- I i( ) C0+[ ]⋅= LM Yr Ms L2 i( )– k P⋅ -------------------------= W P ---- f' Nd( )= W P ---- g Ns( )= Yr f N K,( )= iE YE E IS LM IS G 15. Statisches Gesamtgleichgewicht 347 chend kennzeichnen andere Punkte auf der -Kurve ( ) Ungleichgewichte auf dem Gütermarkt bei ausgeglichenemGeldmarkt. Außerhalb beider Kurven liegende Kombinationen des Zinses und des Volkseinkommens ( ) bedeuten Ungleichgewichte sowohl auf dem Güter- als auch auf dem Geldmarkt. Fig. 15-2: Verschiebung der - oder -Kurve Eine Veränderung des gemeinsamen Gleichgewichts auf dem Güter- und Geldmarkt - etwa im Hinblick auf ein höheres reales Volkseinkommen - ist offensichtlich nur möglich, wenn eine Verschiebung der IS- oder LM-Kurve oder beider Kurven eintritt. Die Auswirkungen auf den neuen Gleichgewichtszins ( ) und das neue Gleichgewichtsvolkseinkommen ( ) bei Rechtsbzw. Linksverschiebung der - bzw. -Kurve verdeutlicht Fig. 15-2, wobei von einem "normalen" Verlauf der - und -Kurven ausgegangen wird. Dagegen können "Sonderfälle" des Kurvenverlaufs dazu führen, daß der Gleichgewichtszins oder das gleichgewichtige reale Volkseinkommen konstant bleiben (Fig. 15-3). In den Sonderfällen S I und S II kann nur eine Verschiebung der -Kurve, in den Sonderfällen S III und S IV dagegen nur eine Verschiebung der -Kurve zu einem höheren Volkseinkommen führen. Unveränderte Werte des gleichgewichtigen Zinses oder realen Volkseinkommens können aber auch bei normalenKurvenverläufendurch eine entsprechende simultane LM M U IS LM i1 Y1 IS LM IS LM IS LM 348 Dritter Teil. Makroökonomie Fig. 15-3: Sonderfälle des - -Systems Verschiebung sowohl der - wie auch der -Kurve eintreten. Das Ergebnis wird - insbesondere imHinblick auf ein unverändertes reales Volkseinkommen - als crowding out-Effekt bezeichnet (Fig. 15-4). Fig. 15-4: Crowding out-Effekt IS LM IS LM 15. Statisches Gesamtgleichgewicht 349 DieUrsachen für die Verschiebung der - und -Kurve können entsprechend ihrer analytischen Herleitungen und den dabei als konstant angenommenen Faktoren vielfältiger Art sein. Einen auf die Richtung der Verschiebung abgestellten Überblick über die Wirkung der Veränderung dieser Faktoren bietet Übers. 15-2. Übers. 15-2: Verschiebungsursachen der IS- und LM-Kurve Verschiebungen auslösende Faktoren Verschiebung der -Kurve nach links -Kurve nach rechts -Kurve nach links -Kurve nach rechts wenn der auslösende Faktor Konsumkurve insbesondere: marginale Konsumquote Autonomer Konsum Investitionskurve insbesondere: aktueller Kapitalbestand Preisniveau für Kapitalgüter Grenzproduktivität des Kapitals Steuerkurve insbesondere: Steuersatz Staatsausgaben nach unten verschoben fällt fällt nach unten verschoben steigt steigt fällt nach oben verschoben steigt fallen nach oben verschoben steigt steigt nach oben verschoben fällt fällt steigt nach unten verschoben fällt steigen - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - Geldangebot Liquiditätspräferenzkurve Kassenhaltungsdauer Preisniveau - - - - - - - fällt nach oben verschoben steigt steigt steigt nach unten verschoben fällt fällt IS LM IS IS LM LM C Yr( ) c( ) C0( ) I i( ) Kakt( ) PK( ) dYr dK⁄ T Yr( ) t( ) G( ) Ms( ) L2 i( ) k( ) P( ) 350 Dritter Teil. Makroökonomie Da in der keynesianischen Theorie das Verhalten des Staates eine besondere Rolle spielt, sind als Verschiebungsursachen zusätzlich die fiskalischen Faktoren Steuerkurve , insbesondere der Steuersatz ( ), und Staatsausgaben ( ) aufgeführt, die in der Herleitung der -Kurve (15.1) für eine Volkswirtschaft ohne staatliche Aktivitäten nicht erfaßt sind. Die Wirkungsweise fiskalischer Faktoren ist ebenso wie die der in Übers. 15-2 nicht berücksichtigten Außenhandelsfaktoren aus den Ausführungen über Expansions- und Kontraktionsgrößen und ihrer Effekte ersichtlich (Fig. 14-2. II.). Die Erweiterung der Analyse um den Arbeitsmarkt erfolgt über die Produktionsfunktion (14.61), die als Verbindung vonArbeitsmenge ( ) und realer Güterproduktion ( ), die dem realen Volkseinkommen entspricht, eine Anbindung des Arbeitsmarktes an das - -System ermöglicht. Zur graphischen Darstellung der Totalanalysewird das -Diagrammdes - -Systems in den Quadraten I eines Vierquadrantenschemas übertragen, im Quadranten IV die gesamtwirtschaftliche Produktionsfunktion abgebildet und in den Quadranten II die Nachfrage- und Angebotsfunktion des Arbeitsmarktes eingetragen (Fig. 15-5). Fig. 15-5: Gleichgewichtssystem der postkeynesianischen Totalanalyse Der Quadrant II kennzeichnet die Faktorpreisrelation mit den Achsen Zins ( ) für den Preis einer Einheit Geldkapital (zum Erwerb von Investitionsgütern) und Reallohn ( ) für den Preis einer Einheit des Faktors Arbeit. Das totale Gleichgewicht auf allen drei Märkten ist durch eine Kombination von Zins , reale Güterproduktion bzw. reales Volkseinkommen , Arbeitsmenge bzw. T Y( ) t G IS N Yr IS LM i Yr,( ) IS LM i W P⁄ iE YE 15. Statisches Gesamtgleichgewicht 351 Beschäftigungsstand und Reallohn gegeben, bei denen sämtliche Funktionsgleichungen der Übers. 15-1 erfüllt sind. Vollbeschäftigungsgleichgewicht Die Volkswirtschaft befindet sich im Zustand der Vollbeschäftigung, wenn alle Arbeitswilligen - abgesehen von einem geringen Ausmaß unvermeidlicher Arbeitslosigkeit - zum herrschenden Lohn Arbeit finden. Die simultanen partiellen Gleichgewichte sind Bedingungen des gesamtwirtschaftlichen Vollbeschäftigungsgleichgewichtsmit den durch indiziertenWerten der Variablen , , und . Die Voraussetzung eines gegebenen Kapitalbestandes ( ) bedeutet, daß die real definierte Produktion kurzfristig nicht über hinausgehen kann. Wären - anders als im postkeynesianischen System - Preise und Löhne flexibel, könnte mit anderenWorten von vollständiger Konkurrenz auf dem Güter- und Faktormarkt ausgegangen werden, bliebe das Vollbeschäftigungsgleichgewicht nach exogenen Störungen - von Anpassungsvorgängen abgesehen - erhalten. Das hieße auch: Ein Unterbeschäftigungsgleichgewicht induziert - wenn die Stabilitätsbedingungen gegeben sind - Kräfte, die auf ein Vollbeschäftigungsgleichgewicht hinführen (stabiles Gleichgewicht). Um die Stabilität des Gleichgewichts bei Vollbeschäftigung zu illustrieren, sei ein Anstieg des Reallohns auf angenommen, so daß aufgrund der Nachfragefunktion die Beschäftigungsmenge abgenommen hat (von auf ); indiziert Unterbeschäftigung. Fig. 15-6: Stabilität des Gleichgewichtssystems NE W P⁄( )E v W P⁄ N Y i K Yv W P⁄( )u Dl Nv Nu u 352 Dritter Teil. Makroökonomie Der zugehörige Zins steigt auf , wenn Verhaltensweisen unterstellt werden, wie sie im Quadranten I der Fig. 15-6 durch die - -Kurven gezeigt sind. Eine derartige Unterbeschäftigungssituation kann nicht von Dauer sein, weil auf dem Faktormarkt beim Reallohn ein Angebotsüberschuß ( ) und damit ein partielles Ungleichgewicht besteht (Fig. 15-6, Quadrant III). Während der Faktormarkt unausgeglichen ist, kann am Geld- und Gütermarkt kurzfristig ein simultanes Gleichgewicht existieren - Schnittpunkt der - mit der -Kurve (Fig. 15-6, Quadrant I). Da zwischen Faktor- sowie Geldund Gütermarkt Abhängigkeitsbeziehungen bestehen, ist die Gesamtsituation jedoch labil: Der Angebotsüberschuß am Faktormarkt drückt bei vollständiger Konkurrenz den Reallohn - an dem sich Arbeitnehmer und Arbeitgeber orientieren - herunter. Fallende Reallöhne ergeben sich aus sinkenden Nominallöhnen - niedrigeren Produktionskosten - und sinkendem Preisniveau, wobei der Nominallohn stärker als das Preisniveau fällt. Niedrigere Preise bedeuten eine Erhöhung des realen Wertes der Kassenhaltung, die als eine Ausdehnung der nominalen Geldmenge interpretiert werden kann. Ein Teil der aktiven Kasse wechselt in die passive Kasse. DieÄnderung in denMotiven der Kassenhaltung führt zu einer Verschiebung der -Kurve von nach (KEYNES-Effekt). DieWertsteigerung der Kasse - interpretiert als Vermögensanstieg - wirkt aber auch auf die Ausgaben für Konsum- und Investitionsgüter ein, wenn Vermögensaspekte in die Ausgabenentscheidungen einbezogen werden. Dies führt zu einer Rechtsverschiebung der -Kurve von nach (PIGOU-Effekt). Der Übergang von der labilen Unterbeschäftigungssituation zum stabilen Vollbeschäftigungsgleichgewicht ist dann abgeschlossen, wenn der Reallohn erreicht ist, zu dem Faktorangebot und -nachfrage ausgeglichen sind. Die zugehörigen Gleichgewichtswerte für die Beschäftigungsmenge , das Volkseinkommen und den Zins sind in Fig. 15-6 dargestellt. Unterbeschäftigungsgleichgewicht Wenn Preise und Löhne - wie die Klassiker und Neoklassiker unterstellen - generell flexibel wären, ist im vollentwickelten, durch die Fig. 15-6 dargestellten makroökonomischen System Vollbeschäftigung gewährleistet, weil eine Unterbeschäftigung Reaktionen auslöst, die zur Vollbeschäftigung zurückführen. KEYNES möchte indessen nachweisen: Vollbeschäftigung stellt sich nicht automatisch ein; die Unterbeschäftigung kann stabil sein. Der PIGOU-Effekt muß dabei außer Betracht bleiben. Für seine Auffassung führt KEYNES - nach dem Verständnis der Postkeynesianer - vor allem drei Gründe an: 1. die hohe Elastizität der Geldnachfrage bei einem niedrigen Zinssatz, die im Grenzfall zur Liquiditätsfalle (liquidity trap) wird, 2. die niedrige Zinselastizität der Investitionsausgaben und 3. die institutionell oder durch bestimmte Verhaltensweisen bedingte Schwierigkeit, die Nominallöhne zu senken (stickiness of wages). Die hohe Zinselastizität derGeldnachfrage - 1. KEYNES-Fall - ist die in der Literatur am häufigsten diskutierte Möglichkeit für die Ableitung eines stabilen Gleichgewichtes bei Unterbeschäftigung, wobei KEYNES selbst dem Grenzfall (liquidity trap) keine allzu große Bedeutung für die ökonomische Realität beiiu IS LM W P⁄( )u Aü Sl Dl> IS LM LM LMu LMv IS ISu ISv W P⁄( )v Nv Yv iv 15. Statisches Gesamtgleichgewicht 353 mißt. Ausgangspunkt der Analyse ist, daß die Geldnachfrage bei einem niedrigeren Zinssatz vollkommen zinselastisch werden kann (Liquiditätspräferenzkurve verläuft parallel zur Abszisse), weil entweder die Kassenhalter mit steigenden Zinsen (bei fallenden Wertpapierkursen) rechnen oder die Transaktionskosten den Investoren (unter Einschluß der Risikokosten) zu hoch sind. Eine derartige Situation ist insbesondere für eine schwere Depression typisch, in der ein fallendes Volkseinkommen den Bedarf für die aktive Kasse reduziert (und die Geldpolitik unter Umständen das Geldangebot vergrößert) hat. Die überschüssige, passive Kasse drückt auf das Zinsniveau, das jedoch aus noch zu erörternden Gründen positiv bleibt. Für die Argumentation von KEYNES ist es nicht notwendig - was Gegenstand häufiger Kritik war -, daß die Liquiditätspräferenz (die spekulative Geldnachfrage) völlig zinselastisch wird. Es genügt, wenn die "liquidity trap" zu einer -Kurve mit sehr hoher Zinselastizität bei einem niedrigen Zinsniveau führt. Eine Ausdehnung der Geldmenge wäre dann völlig oder fast ohne Wirkung auf Volkseinkommen und Beschäftigung, weil die passive Kasse aufgestockt würde, neues Geld also aus dem Kreislauf verschwände (gehortet würde) - es sei denn, öffentliche Stellen wären bereit, sich zunehmend zu verschulden und das Geld auszugeben. Ein stabiles, auf eine liquidity trap zurückgehendes Unterbeschäftigungsgleichgewicht sei am Diagramm des Totalmodells erläutert (Fig. 15-7). Fig. 15-7: Stabiles Unterbeschäftigungsgleichgewicht bei unendlich elastischer Geldnachfrage (liquidity trap) LM 354 Dritter Teil. Makroökonomie Angenommen, zum Reallohn gibt es einen Angebotsüberschuß auf dem Arbeitsmarkt, der Geldlöhne und Preise nach unten treibt. Die Preissenkung erhöht denWert der Realkasse, die - interpretiert als Erhöhung der nominalen Geldmenge - zu einer Rechtsverschiebung der -Kurve von nach führt (KEYNES-Effekt). Da eine sehr große Zinselastizität der Geldnachfrage besteht, wird das zusätzliche Geld gehortet: Der Zins fällt nicht. Wenn der Zinssatz unverändert bleibt, gehen - vernachlässigt man den PIGOU- Effekt - keineWirkungen auf die Nachfrage amGütermarkt aus. DieseNachfrage bestimmt aber das Realeinkommen und die Beschäftigung. Da die Unternehmen aufgrund zu niedriger Güternachfrage die Nachfrage nach Faktoren nicht ausdehnen - und das gilt auch bei fallenden Löhnen und Preisen -, bleibt das Unterbeschäftigungsgleichgewicht erhalten. Bei der liquidity trap verhindert eine zu große Zinselastizität der -Kurve eine Vollbeschäftigung. Bei niedrigen Zinselastizitäten der Investitionsgüternachfrage - 2. KEYNES-Fall - kommt es auch bei weniger elastischen -Kurven zu einem stabilen Unterbeschäftigungsgleichgewicht, weil die Zinselastizität der Investitionen und damit die der -Kurve zu klein ist. In diesem Fall kommt es deswegen nicht zu einem Vollbeschäftigungsgleichgewicht, weil der - an sich schon niedrige - Zins nicht unter ein bestimmtes Niveau fällt: Solange die Kassenhaltung nichts kostet, kann der Zins nicht negativ werden; in der Regel wird er positiv sein. Fig. 15-8: Stabiles Unterbeschäftigungsgleichgewicht bei zinsunelastischer Investitionsgüternachfrage W P⁄( )u AÜ LM LMu LMv LM LM IS 15. Statisches Gesamtgleichgewicht 355 Stehen in einer Volkswirtschaft ungenutzte Kapazitäten zur Verfügung, läßt sich denken, daß die Unternehmer Investitionen nur bei negativen Zinsen betriebswirtschaftlich für vertretbar halten (Grenzleistungsfähigkeit des Kapitals nahe Null oder negativ). In solchen Situationen kann die Investitionsnachfrage auf fallende Zinsen immer weniger reagieren, d. h. die -Kurve weist eine Krümmung auf (Fig. 15-8). Wegen der mit sinkendem Zins abnehmenden Zinselastizität der Investitionen würde eine durch einen Angebotsüberschuß auf dem Arbeitsmarkt induzierte Lohn- und Preissenkung zwar den Zinssatz reduzieren, aber nicht zu einer Einkommenserhöhung führen. Ein Vollbeschäftigungsgleichgewicht ist bei einem positiven Zins nicht möglich. Solange Zinssätze positiv oder null sind, wird sich bei dem dargestellten Verlauf der - Kurve ein stabiles Unterbeschäftigungsgleichgewicht einstellen. Fig. 15-9: Stabiles Unterbeschäftigungsgleichgewicht bei nach unten starren Geldlöhnen Die einseitige Starrheit der Geldlöhne nach unten - 3. KEYNES-Fall - ist die Folge der Geldillusion der Arbeiter: KEYNES nimmt an, daß die Arbeiter nicht bereit seien, zu geringeren Nominallöhnen als bisher zu arbeiten, wohl aber zu geringeren Reallöhnen. Diese fallen bei konstanten Nominallöhnen, wenn die Preise steigen. Zur Arbeitsangebotsfunktion, nach der die angebotene Menge an Arbeit eine positive Funktion des Reallohnes ist - Funktion 14.68 a in Übers. 15-1 -, gehört also die zusätzliche Bedingung . Nur bei Reallohnsteigerungen, die auf Nominallohnsteigerungen zurückgehen, wird das Arbeitsangebot ausgeweitet. Theoretisch gesehen kann es dahingestellt bleiben, wie die IS Aü IS W1 W2≥ 356 Dritter Teil. Makroökonomie Arbeiter nach unten starre Geldlöhne realisieren (z. B. durch gewerkschaftlichen Zusammenschluß oder eine Durchsetzung vonMindestlöhnen). Zur Vollbeschäftigung gehören bestimmte Niveaus der Preise ( ) und des Zinses ( ). Um die Vollbeschäftigung zu erreichen, müßte das Preisniveau sein. Bei diesem Preisniveau würde der Reallohn größer oder gleich auf dem Arbeitsmarkt für Vollbeschäftigung sorgen. Indessen zeigt Fig. 15-9 eine andere Konstellation: Bei einem gegebenen Geldangebot schneidet die -Kurve die -Kurve in einem Punkt, für den und gilt (Fig. 15-9). Zum Preisniveau wird die Vollbeschäftigung wegen unzureichender Nachfrage auf dem Gütermarkt nicht erreicht. Ein anderer Aspekt des gleichen Sachverhalts wäre: Das Reallohnniveau ist für eine Vollbeschäftigung zu hoch, das diesen Lohn mitbestimmende Preisniveau zu niedrig. Für eine Vollbeschäftigung müßte das Geldangebot so stark ausgeweitet werden, daß die - die -Kurve in V schneidet. Das auf steigende Preisniveau reduziert bei konstantem Nominallohn den Reallohn auf , der auf dem Arbeitsmarkt den Angebotsüberschuß beseitigt. Bei exogenem Preisniveau kann dieser Prozeß im KEYNESschen System nicht erklärt werden. II. Wirtschaftspolitische Bewertung des KEYNESschen Systems Negativkatalog wirtschaftspolitischer Maßnahmen Für KEYNES scheiden aufgrund seiner Analyse bestimmte wirtschaftspolitischeMaßnahmen aus, deren Eignung als Mittel zur Beseitigung der Arbeitslosigkeit vor ihm nicht in Zweifel gezogen worden war: die Kürzung von Geldlöhnen und die Expansion der Geldmenge. Die Kürzung von Geldlöhnen garantiert nach ihm keineswegs, daß eine Unterbeschäftigung überwunden wird. Auch wenn die Geldlöhne reduziert werden, bleibe offen, wie die Preise reagieren. Fallen die Preise im gleichen Umfang, ändert sich das Realeinkommen nicht. Sind die Ausgaben eine Funktion des Realeinkommens, haben die Geldlohnkürzungen keine Volkseinkommens- und Beschäftigungswirkungen. Aus dem gleichen Grund folgen auch andererseits den Geldlohnerhöhungen vor allem bei steigenden Preisen - nicht zwangsläufig Ausgabenausweitungen, wie KEYNES und seine Anhänger oft annehmen. Ähnlich unwirksam sei die traditionell imMittelpunkt stehende - Geldpolitik, die über die Geldmenge nur indirekt (via Zins und Investition) auf die Ausgaben einwirke. Der Geldpolitik wird von KEYNES infolgedessen nur insoweit Bedeutung zugemessen, als sie Zinspolitik ist. Positivkatalog wirtschaftspolitischer Maßnahmen Der Schwerpunkt der Wirtschaftspolitik nach KEYNESschem Muster liegt im öffentlichen Bereich. Da die Entscheidungen der Privaten kein Vollbeschäftigungsniveau der Ausgaben garantieren, müsse der Staat Maßnahmen ergreifen, die entweder die Privaten zu höheren Ausgaben veranlassen oder die fehlende private Aktivität ersetzen. Wichtigste geldpolitische Maßnahme zur Steigerung der privaten Ausgaben ist eine Politik des leichten Geldes (easy Pv iv Nv Pv W Pv LM Pv( ) IS Yu Yv< iu iv> Pv M LM P1( ) IS P1 W P1⁄ 15. Statisches Gesamtgleichgewicht 357 money policy). Der Zinssatz soll durch die Geldpolitik heruntergedrückt werden, um Investitionen anzuregen. KEYNES ist sich darüber im klaren, daß das Vollbeschäftigungszinsniveau negativ werden kann. In solchen Fällen könnte die easymoney policy nur ergänzende Bedeutung haben oder sie müßte Teil einer Investitionslenkung durch Zinssubventionen sein. Alles in allem steht die in jedem Fall nur zinsorientierte - Geldpolitik nicht im Vordergrund des Interesses, und Keynes versucht deutlich zu machen, daß die Unfähigkeit der bisherigen Wirtschaftspolitik, das Problem der Arbeitslosigkeit zu meistern, vor allem der Geldpolitik anzulasten ist. Mit einer zweiten Maßnahme sollen die Konsumausgaben angehoben werden. Das wäre - wie aus der Diskussion der Konsumfunktion bekannt ist (14. Kap.) - auf verschiedenen Wegen möglich. KEYNES hat nur eine Möglichkeit im Auge: eine redistributive Besteuerung (Besteuerung einkommensstarker zugunsten einkommensschwacher Schichten). Da bei den Beziehern niedriger Einkommen die marginale Konsum-(Spar-)Quote höher (tiefer) liegt als bei den Beziehern hoher Einkommen, wird durch eine Einkommensumverteilung die Konsumquote insgesamt angehoben. Die Problematik einer derartigen Maßnahme liegt darin, daß sie - abgesehen von den Schwierigkeiten der Realisierung - weder kurzfristig hinreichend sicher wirkt noch überhaupt den gewünschten Erfolg zeitigt. Empirische Beobachtungen legen den Schluß nahe, daß die Gründe, die es jemandem ermöglichen, ein hohes Einkommen zu erzielen, die gleichen Gründe sind, die es ihm weitgehend gestatten, einer zusätzlichen Steuerlast auszuweichen. Die redistributiv wirkende Steuerpolitik hat insofern keine überragende Bedeutung in der Wirtschaftspolitik KEYNESscher Prägung. Das Schwergewicht der Vollbeschäftigungspolitik liegt bei derBudgetpolitik des Staates, dessen Ausgaben höher als die Steuereinnahmen sein sollen (deficit spending); das Defizit sei durch Kredite zu finanzieren. Zusätzliche Ausgaben des Staates sollten vor allem für öffentliche Investitionen (z. B. Straßenbau) getätigt werden. Die Gesamtausgabenlücke - Ursache der Arbeitslosigkeit - lie- ße sich auf diese Weise schließen. Das Haushaltsdefizit kann wegen der Multiplikatorwirkung zusätzlicher Ausgaben geringer sein als die Einkommenslücke. Kritiker von KEYNES haben sich vor allem mit der Frage befaßt, welche Wirkungen von der Finanzierung des Haushaltsdefizits ausgehen. Nimmt der Staat Anleihen im Inland, jedoch außerhalb des Zentralbanksystems, auf, ist nicht auszuschließen, daß staatliche statt private Stellen Ausgaben tätigen, so daß kein Expansionseffekt zu verzeichnen ist (crowding out). Aber auch bei einer Finanzierung durchNotenbank- oderAuslandskredite kann es zu einer blo- ßen Substitution privater durch staatliche Aktivität kommen, so vor allem, wenn der Staat bei seinen Investitionen die Zinsen in die Höhe treibt und private Investoren entmutigt. KEYNES aus heutiger Sicht KEYNES wollte mit seiner "Allgemeinen Theorie" die Überbetonung realer Grö- ßen und die "schleierähnliche" Bedeutungslosigkeit des Geldes im klassischen System beseitigen und eine Integration von Güter- und Geldtheorie erreichen. 358 Dritter Teil. Makroökonomie Im Hinblick auf diese Absicht ist es ein bemerkenswertes Faktum, daß er die wirtschaftlichen Funktionen des Geldes, der Preise und des liquiden Vermögens so wenig beachtete. Nach KEYNES beeinflußt das Geld weder die Ausgaben für Konsum- und Investitionsgüter noch die Preise, ausgenommen über Änderungen des Zinssatzes, der nur das Verhältnis von Spekulationskasse und Wertpapieren determiniert. Die gesamte Last des Ausgleichs hängt am Zins was nicht auf den Zins wirkt, ist streng genommen bedeutungslos -, womit die Ansicht kontrastiert, daß einige Größen (z. B. Investitionen) sehr zinsunempfindlich sein können. Wenn von einer "KEYNESschen Revolution" gesprochen wird, ist dieser Ausdruck sinnvoll kaum auf die theoretische Entwicklung zu beziehen. Manches spricht vielmehr dafür, in der KEYNESschen Theorie eine Verengung des Blickwinkels zu sehen. Es gibt dennoch keinen Zweifel, daß KEYNES zu den bedeutendsten Nationalökonomen gehört und die Entwicklung der modernen Volkswirtschaftslehre nicht ohne seine analytisch wertvollen Arbeiten vorstellbar ist. Der beherrschende und dauerhafte Einfluß seines Hauptwerkes im Fache dürfte vor allem zwei Tatsachen zuzuschreiben sein: Erstens formulierte KEYNES seine Hypothesen in einer Weise, die sie ökonometrischen Meßverfahren zugänglich machte. Wenn die moderne Volkswirtschaftslehre - insbesondere die makroökonomische Theorie - einen großen Schritt auf dem Wege zur exakten Wissenschaft vorwärts gekommen ist, gebührt Keynes ein alles überragendes Verdienst. Einen gewissen Eindruck davon versuchen die Testkapitel dieses Buches zu geben. Zweitens hat KEYNES - wie nur wenige vor seiner Zeit - die Wirtschaftstheorie keineswegs als Selbstzweck betrachtet. Er hat das politische Engagement nicht nur nicht gescheut, sondern sich vielmehr bemüht, seine Konzeption zu realisieren. Dazu mußte er die Implikationen seiner theoretischen Analyse so formulieren, daß sie die Qualität wirtschaftspolitischer Entscheidungsregeln erhielten. K 15-1 Die Stagflation als Keynessches Erbe In den sechziger und siebziger Jahren gingen führende Industrieländer - die USA, Großbritannien und schließlich die Bundesrepublik Deutschland (ab 1967) - dazu über, eine an den Lehren vonKEYNES orientierte Wirtschaftspolitik zu betreiben. Durch eine "Globalsteuerung" sollten dauerhaft Inflation und Arbeitslosigkeit zugleich vermieden sowie das Wirtschaftswachstum gefördert werden. Diese Wirtschaftspolitik endete in einem Fiasko: Ihre unmittelbare Folge war eine Inflation, danach wachsende Arbeitslosigkeit mit Stagnation (Stagflation), so daß kein einziges Ziel erreicht wurde. Zugleich nahm die Staatsverschuldung geradezu atemberaubend zu, z. B. in der Bundesrepublik Deutschland von 1 000 Euro (1970) auf 5 000 Euro (1980) pro Kopf der Bevölkerung. Nach Abwahl der dafür verantwortlichen Regierungen um 1980 kam es weltweit zu einem wirtschaftspolitischen Kurswechsel, der von der Rückkehr zu bewährten Verfahren - wie der angebotsorientierten Wirtschaftspolitik - gekennzeichnet war. Die an KEYNES orientierte Politik 15. Statisches Gesamtgleichgewicht 359 III. Neoklassische Kritik und Synthese Neoklassische Kritik Im Anschluß an die oben dargestellte Theorie haben sich eine Reihe von Autoren, die der klassischen Theorie nahestehen (sogenannte Neoklassiker), mit der Frage befaßt, ob das Unterbeschäftigungsgleichgewicht unter den genannten Bedingungen stabil sein kann. Dabei sind insbesondere die Wirkungen (Effekte) von Preisniveauänderungen auf das reale Volkseinkommen untersucht worden. Die Bezeichnungen dieser Effekte sind uneinheitlich, so daß sie den Anfänger leicht verwirren. Als Oberbegriff soll der von DON PATINKIN (1922- 1995) stammende AusdruckRealkasseneffekt (real-balance effect, auch wealth effect) dienen. Er umfaßt neben anderen die wichtigen Unterfälle KEYNES-Effekt und PIGOU-Effekt (letzterer wird auch als HABERLER-PIGOU-Effekt bezeichnet). Der KEYNES-Effekt schlägt sich in einer -, der PIGOU-Effekt in einer -Kurvenverschiebung nieder, sofern auf die Primärwirkung gesehen mußte aus zwei Gründen scheitern. Erstens ist sie außerstande, Menschen als lernfähige Wesen zu sehen, in deren Entscheidungen aus Wissen und Erfahrung gebildete Erwartungen eingehen. Eine Beschäftigungspolitik, die sich auf eine Nachfrageausweitung mit monetärer Expansion stützt, kann allenfalls kurzfristige Erfolge vorweisen. Auf Dauer trägt sie selbst dazu bei, die Grundlage solcher Erfolge, die Geldillusion, zu zerstören. Wissenschaftlich ist heute unstreitig, daß das PHILLIPS-Theorem - als Prinzip der KEYNESschen Stabilitätspolitik - empirisch unhaltbar ist (19. Kap.). Zweitens wird verkannt, daß eine Staatsverschuldung die Beschäftigung auch verringern, also Arbeitslosigkeit verursachen kann. Zur Rechtfertigung von KEYNES ist hierzu allerdings anzumerken, daß er ein deficit spending nur bei Massenarbeitslosigkeit empfohlen hat und - anders als einige seiner Anhänger - auch wußte, daß bei Wegfall dieser Voraussetzung die klassische Erklärung gilt. Unter den herrschenden Verhältnissen löst eine wachsende Staatsverschuldung eine Re-Allokation der Produktionsfaktoren aus, von der Investitions- zur Konsumgüterindustrie. Diese Umstrukturierung tritt ein, weil die überwiegend konsumtiv wirksamen Staatsausgaben zunehmend aus potentiellen privaten Investitionsmitteln finanziert werden. Die Investitionen gehen zurück - in der Bundesrepublik Deutschland zu jener Zeit von 25% auf 20% des Bruttosozialprodukts - und damit die Zahl der Arbeitsplätze. Die Arbeitslosigkeit nimmt zu. Die Lehren aus dem Scheitern der KEYNESschen Wirtschaftspolitik sind: Einer Politik, die auf die Erwartungen der Menschen keine Rücksicht nimmt, ist der Erfolg versagt. So läßt sich z. B. eine dauerhafte Beschäftigung nicht mit Inflation "erkaufen", was nur bei wirklichkeitsfremder Geldillusion möglich wäre. Ein Beschäftigungsanstieg setzt Realinvestitionen vor allem privater Unternehmer voraus. Eine hohe Staatsquote und ein defizitäres Budget sind bestenfalls unwirksam, tatsächlich jedoch oft die Ursache von Arbeitslosigkeit. Solche Einsichten sind nicht neu, aber für einige Zeit vergessen worden. LM IS 360 Dritter Teil. Makroökonomie wird und weitere Rückwirkungen außer Betracht bleiben. Eine Verfolgung dieser Rückwirkungen, auf die im folgenden verzichtet sei, würde zeigen, daß die klare Unterscheidung nach Verschiebungsursachen der - und -Kurven (Übers. 15-2) nicht aufrecht erhalten werden kann, wenn es Realklasseneffekte gibt. Preisniveauänderungen - Auslöser von KEYNES- und PIGOU-Effekt - schlagen sich mit anderen Worten in Verschiebungen beider Kurven nieder. Die folgenden Darstellungen sind deshalb Vereinfachungen eines komplizierten Anpassungsprozesses. Der KEYNES-Effekt - so von GOTTFRIED VON HABERLER (1900-1995) benannt, weil KEYNES ihn als geringfügige Qualifikation seines Unterbeschäftigungsgleichgewichts einräumte - bedeutet: Fallende Preise, eine plausible Annahme für Unterbeschäftigung, reduzieren die Nachfrage nach aktiver Kasse, so daß bei einem gegebenen Geldangebot die passive Kasse größer wird. Der Zinssatz fällt, die Zinssenkung induziert zusätzliche Investitionen, die das Volkseinkommen erhöhen. Für eine graphische Darstellung des Realkasseneffekts ist das übliche - -Schema wenig geeignet, weil die Ursache des Effekts, die Preisniveauänderung, nicht besonders ausgewiesen wird. Entweder versieht man die einzelnen - und -Kurvenmit einemPreisniveauindex oder - was häufiger geschieht - die - -Kurven werden in eine gesamtwirtschaftliche Nachfragekurve des Typs transformiert. Dem letzteren Vorgehenwird hier gefolgt. Im Fall einer Preisniveausenkung - Folge eines Angebots- überschusses auf dem Gütermarkt - von auf führt der KEYNES-Effekt, der die Wirkungen dieser Senkung auf dem Geldmarkt beschreibt, zu einem sinkenden Zins, weil bei unveränderter nominaler Geldmenge derWert der Realkasse gestiegen und der Bedarf an Transaktionskasse gefallen ist. Die passive Kasse steigt, so daß der Zins von auf fällt, solange die Liquiditätsfalle nicht erreicht worden ist (Fig. 14-19). Dadurch werden Investitionen angeregt. Ein fallendes Preisniveau wirkt vor dem Erreichen der Liquiditätsfalle auf den Zins wie ein steigendes Geldangebot. Der sinkende Zins induziert eine Verschiebung der -Kurve nach rechts, bis sich ein neues Gleichgewicht ( ) auf dem Güter- und Geldmarkt herausbildet (Fig. 15-10). Das reale Volkseinkommen hat sich durch die Preisniveausenkung von auf erhöht. Der Verlauf der aus dem Geld- und Gütermarkt ( - -Schema) abgeleiteten gesamtwirtschaftlichen Nachfragekurve ergibt sich aus der Verbindung der Gleichgewichtspunkte , und , sowie weiterer Punkte, die sich ableiten ließen. Preisniveauänderungen bei einer konstanten nominalen Geldmenge führen zu Bewegungen auf einer Nachfragekurve, die einen normalen Verlauf hat, wobei Preisniveau und Volkseinkommen in einer umgekehrt proportionalen Beziehung zueinander stehen. Die ökonomische Bedeutung dieses Verlaufs ist: Mit dem Preisniveau sinkt der Zins, dessen Fallen erhöht die Investitionen und damit Volkseinkommen und Beschäftigung. Die Erklärung des Unterfalls PIGOU-Effekt setzt - wie die des KEYNES-Effekt - bei fallenden Preisen an (Realwirkung). In beiden Fällen wird die gesamtwirtschaftliche Nachfrage beeinflußt: bei KEYNES steigt die Nachfrage via Zins, Investition und Einkommen indirekt, bei PIGOU werden die Konsumausgaben direkt erhöht. Ausgangshypothese bei PIGOU ist, daß die Konsumausgaben LM IS IS LM IS LM IS LM Yr D Yr D P( )= P0 P1 i0 i1 LM E1 Yr 0 Yr 1 IS LM E0 E1 E2 15. Statisches Gesamtgleichgewicht 361 nicht nur vom Einkommen, sondern auch vom Geldvermögen abhängen (4. und 14. Kap.). Fig. 15-10: KEYNES-Effekt Fallen die Preise, steigt der reale Wert (die Kaufkraft) des Geldvermögens, so als wäre bei konstanten Preisen der nominale Betrag des Vermögens und damit auch sein realer Wert erhöht worden. Tatsächlich hat sich im Pigou-Ansatz das Geldvermögen nicht nominal, sondern nur real geändert. Besitzer von Geldvermögen ziehen - so die Konsumhypothese von PIGOU - daraus die Konsequenz, weniger zu sparen und zusätzliche Konsumausgaben zu tätigen, da sie ihr bisheriges Realniveau des Geldvermögens aufrecht erhalten: Die -Kurve verschiebt sich von nach (Fig. 15-11). Das reale Volkseinkommen steigt dabei von nach . Analog zu Fig. 15-10 läßt sich die gesamtwirtschaftliche Nachfragekurve ableiten. Ein kritischer Punkt in der Erklärung PIGOUS ist die Abgrenzung des Vermögens. Forderungen von Gläubigern stehen Verpflich- IS IS0 IS1 Yr 0 Yr 1 362 Dritter Teil. Makroökonomie tungen von Schuldnern gegenüber. Gesamtwirtschaftlich ist dieses Vermögen deshalb gleich Null. Fig. 15-11: PIGOU-Effekt Der PIGOU-Effekt würde nur auftreten, wenn die Haushalte mit einem Vermögensgewinn (Gläubiger) den Konsum stärker ausweiten, als ihn Haushalte mit einemVermögensverlust (Schuldner) einschränken.Will man den PIGOU-Effekt nicht dieser oder anderen Spitzfindigkeiten zuschreiben, ist es konsequent, nur vom gesamtwirtschaftlichen Nettovermögen auszugehen. Darunter wird jenes Vermögen verstanden, bei dem einer Vermögensvergrößerung (z. B. durch eine allgemeine Preissenkung = Deflation) keine Vermögensverringerung gegen- übersteht. Dieses Nettovermögen entspricht dem sogenannten "outsidemoney" (GURLEY-SHAW): Gold (oder eine andere Ware als Währungsstoff), Papiergeld soweit mit seiner Ausgabe keine Verbindlichkeiten im privaten Sektor entstehen (fiat paper money) - und öffentliche Anleihen, falls Private diese nicht als künftige Steuerlasten diskontieren (Freiheit von "Fiskalillusion"). Ohne Ein- 15. Statisches Gesamtgleichgewicht 363 schränkungen kann von einem Nettovermögen nur bei Zentralbankgeld oder einem anderen Gut als Währungsstoff gesprochen werden, so daß im striktesten Fall der PIGOU-Effekt eine Warenwährung voraussetzt. Aus den Überlegungen zum Realkasseneffekt folgt, daß eine Unterbeschäftigung - definiert als Angebotsüberschuß auf dem Arbeitsmarkt - auch unter den von KEYNES gewählten Bedingungen Kräfte zur Herstellung der Vollbeschäftigung auslöst. Die Kritiker von KEYNES gehen nicht so weit zu behaupten, die Vollbeschäftigung werde tatsächlich - quasi automatisch - erreicht. Sie beschränken sich auf die Aussage, das Unterbeschäftigungsgleichgewicht sei selbst dann nicht stabil, wenn langfristigeWirkungen (16. Kap.) vernachlässigt würden. Für die KEYNESsche und neoklassische Position ist das Argument der nach unten starren Löhne nur insoweit relevant, als sie nur eine von mehreren Möglichkeiten für ein stabiles Unterbeschäftigungsgleichgewicht bilden. KEY- NES wollte nachweisen, daß auch bei Wettbewerb auf dem Arbeitsmarkt dauerhaft Arbeitslosigkeit eintreten kann. Genau dies bestreiten die Neoklassiker, die die Möglichkeit temporärer Arbeitslosigkeit keineswegs leugnen. Gegen die neoklassische, im Realkasseneffekt formulierte Kritik gibt es aus der traditionellen KEYNESschen Theorie keinen durchgreifenden Einwand. Wenn "outside money" existiert, sind - mehr oder weniger starke - Realkasseneffekte nicht abzustreiten. Die KEYNESsche Theorie ist deshalb weit entfernt davon, eine "allgemeine" Theorie zu sein, in der lediglich "inside money" existiert: eine reine Kreditgeldwirtschaft, in der - bezogen auf moderne Verhältnisse - die öffentliche Hand keine Schulden hat und deswegen auch kein Papiergeld zu ihren Lasten ausgeben darf; Geld existiert nur als Kredit (etwa in Form vonGirokonten), dessen gesamtwirtschaftliche Summe Null ist. Die neoklassische Kritik setzt "outsidemoney" voraus - eine Bedingung, die anders als die vonKEYNES als realistisch anzusehen ist. Kann das KEYNESsche System gegen die neoklassische Kritik immunisiert werden, indem man den Realkasseneffekt akzeptiert, also "outside money" einbezieht? Der Realkasseneffekt verändert praktisch alle wichtigen Hypothesen: Die Konsumausgaben hängen nicht nur vom laufenden Realeinkommen, sondern auch vom Wert des Realvermögens ab. Gleiches gilt für die Nachfrage nach aktiver Kasse. Die Liquiditätspräferenz beeinflußt die Gesamtnachfrage nicht nur über Zins und Investition, sondern auch über den Konsum. Das Realeinkommen ist abhängig von Änderungen der Geldlöhne und Preise. Das exogene Preisniveauwird nunmehr zu einer entscheidenden Größe des Systems. Die Funktionsgleichungen für den Güter- und Geldmarkt erhalten dann - statt (15.1) und (15.2) - die Form: (15.3) und (15.4) (Verhaltens-Gleichungen). Yr C Y i M P⁄, ,( ) I Y i M P⁄, ,( )+= Md P ------ L1 Y M P ----,⎝ ⎠ ⎛ ⎞ L2 i M P ----,⎝ ⎠ ⎛ ⎞+= 364 Dritter Teil. Makroökonomie Neoklassische Synthese Die neoklassische Synthese ist eine Zusammenfassung von drei Elementen: der KEYNESschen Theorie der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage ( - - System), dem Basismodell des gesamtwirtschaftlichen Angebots und der monetären Theorie von Preisniveauänderungen, die auf ein gesamtwirtschaftliches Ungleichgewicht von Angebot und Nachfrage zurückgehen. Erklärt werden das reale Volkseinkommen ( ), die Beschäftigung ( ) und das Preisniveau ( ). Gegenüber der bisherigen Darstellung (14. und 15. Kap.) ist das dritte Element neu, dessen Einführung in die gesamtwirtschaftliche Totalanalyse zeigt, daß ein Unterbeschäftigungsgleichgewicht selbst kurzfristig nicht stabil sein kann. Auch wenn der Realkasseneffekt ein wichtiger Aspekt von Preisniveauänderungen ist, beschränkt sich die monetäre Theorie keineswegs nur darauf. Bedeutsamer sind in der Realität die Probleme des Geldangebots und der Geldnachfrage sowie die monetären Ursachen und Wirkungen von anhaltenden Preisniveauerhöhungen (Inflation), die weltweit als ein Übel empfunden werden. Deshalb wird die Theorie des Geldes und der Inflation gesondert behandelt (18. und 19. Kap.). In der Analyse und ihrer graphischen Darstellung greift man dabei in der Regel auf die Elemente der neoklassischen Synthese zurück. Das Gleichgewichtssystem der neoklassischen Synthese gleicht dem der postkeynesianischen Totalanalyse (Fig. 15-5). Da in dieser Synthese die Wirkungen von Preisniveauänderungen explizit behandelt werden und die - -Darstellung -wie bei der Erörterung des Realkasseneffekts gezeigt - in eine gesamtwirtschaftliche Nachfragekurve transformiert werden kann, wird der Güter- und Geldmarkt durch eine Nachfragekurve und eine Angebotskurve , die auf einer Produktionsfunktion basiert (14.61), repräsentiert. Der Gesamtzusammenhang läßt sich durch eine Übersicht verdeutlichen (Übers. 15-3). Übers. 15-3: Zusammenhang der neoklassischen Synthese IS LM Yr N P IS LM Yr D Yr S 15. Statisches Gesamtgleichgewicht 365 Für die simultane Darstellung des gesamtwirtschaftlichen Gleichgewichts sei auf das Vierquadrantenschema (Fig. 15-5) zurückgegriffen. Ein neoklassisches Gleichgewicht, bei dem Vollbeschäftigung realisiert ist, ergibt folgendes Bild (Fig. 15-12). Ein Vollbeschäftigungsgleichgewicht besteht, wenn auf dem Arbeitsmarkt alle Arbeitswilligen zum herrschenden Reallohn Arbeit finden (III. Quadrant als Ausgangspunkt). Über die Produktionsfunktion (IV. Quadrant) ist das Güterangebot bestimmt, das von der Nachfrage - wegen des simultanen Gleichgewichts auf dem Güter- und Geldmarkt (keine Überschüsse) - abgenommenwird (I. Quadrant). Durch das Preisniveau ( ) bei Vollbeschäftigung ist auch das Nominallohnniveau bestimmt (II. Quadrant). Im Vergleich zur bisherigen Darstellung des gesamtwirtschaftlichen Gleichgewichts ist der Verlauf des Angebots (I. Quadrant) erläuterungsbedürftig. Die gesamtwirtschaftliche Angebotsfunktion wird aus der Produktionsfunktion abgeleitet (14.61). Wird durch die neoklassische Beschäftigungsfunktion substituiert (Kap. 14.V.), Fig. 15-12: Neoklassisches Vollbeschäftigungsgleichgewicht Pv W W P⁄( ) P⋅= Yr S Yr S Yr f N K,( )= N N f w P,( )= 366 Dritter Teil. Makroökonomie erhält man : Das gesamtwirtschaftliche Angebot bleibt konstant, wenn es auf Änderungen des Preisniveaus - und solche des Nominallohns - nicht reagiert, weil die Kapazität des Produktionsapparats ganz ausgeschöpft ist. Die Angebotskurve reagiert hier völlig unelastisch im Hinblick auf Preisniveauänderungen, wovon die neoklassische Theorie ausgeht, so daß die -Kurve parallel zur -Achse verläuft. Der Extremfall dazu ist, daß eine steigende Nachfrage nicht zu Preisniveauerhöhungen führt, was allseits brachliegende Produktionsfaktoren voraussetzt. Dies nimmt die Keynessche Theorie für den Extremfall an, so daß die -Kurve parallel zur -Achse verläuft. Zwischen diesen beiden Grenzen existiert ein Bereich, in dem Nachfrageerhöhungen sowohl das Preisniveau wie die Produktion ausweiten. Da die Reaktionen des Preisniveaus auf die Nachfrageänderungen unterschiedlich sind - im Hinblick auf den Verlauf des Angebots -, wird darauf bei der Inflationsanalyse zurückzukommen sein (Kap. 19.III.). Fig. 15-13: Unterbeschäftigungsgleichgewicht bei nach unten starren Geldlöhnen Yr S f w P K, ,( )= Yr S P Yr S Yr 15. Statisches Gesamtgleichgewicht 367 Ein Unterbeschäftigungsgleichgewicht ist nur unter bestimmten Annahmen, die zuvor beschrieben worden sind, möglich (Kap. 15.II.). Von den drei Fällen sei nur einer herausgegriffen, nämlich der nach unten starren Geldlöhne - der von den drei Fällen der Realität wohl am ehesten entsprechen dürfte. Im Vergleich zu Fig. 15-9, in der dieser Fall beschrieben ist, zeigt sich (Fig. 15-13), daß im I. Quadranten das gesamtwirtschaftliche Gleichgewicht im preiselastischen Angebotsabschnitt liegt, so daß eine Ausweitung der Nachfrage - etwa durch eine Expansion der Geldmenge - das reale Volkseinkommen und die Beschäftigung, aber auch das Preisniveau erhöht. Auf ähnliche Weise ließen sich die beiden anderen Fälle des Unterbeschäftigungsgleichgewichts in diesem Vierquadrantenschema darstellen. 16. Kapitel: Wachstum I. Grundlagen und methodische Ansätze Grundlagen Definition - Definitionsproblematik - Andere Wachstumsdefinitionen - Ursachen - Determinanten - Klassische Ansichten - Kosten - Bedeutung Erklärungsansätze Wachstumsmodelle - Wachstumsprognosen - Deskriptive Wachstumserklärungen II. Wachstumsmodelle Gemeinsame Merkmale Annahmen - Wachstumsmodelle als Kombination von drei Basisfunktionen - Arbeitskräftefunktion - Produktionsfunktion - Spar-Investitions-Funktion - Grundlegende Verhältnisgrößen: Kapitalintensität, Arbeitsintensität, Kapitalkoeffizient, Kapitalproduktivität, Arbeitskoeffizient, Arbeitsproduktivität - Varianten des technischen Fortschritts: Hicks-neutral, Harrod-neutral, Solow-neutral Postkeynesianische Wachstumstheorie Domar-Modell - Konstantes Faktoreinsatzverhältnis - Optimale Faktorausstattung - Gleichgewichtsbedingung - Drei wesentliche Konsequenzen - Zahlenbeispiel - Kritische Bemerkungen Neoklassische Wachstumstheorie Andere Produktionsfunktion - COBB-DOUGLAS-Funktion - Pro-Kopf-Größen - Gleichgewichtsbedingung - Stabilität des neoklassischen Wachstumsmodells - Technischer Fortschritt als Wachstumsursache - Schwäche des neoklassischen Modells Endogene Wachstumstheorie Steigende Grenzerträge - Formales Gerüst der neoklassischen Wachstumstheorie - Produktionsfunktion für Ideen - Gesamtwirtschaftliches Gleichgewicht - Realitätsnahe Erklärung für Wirtschaftswachstum III. Wachstumsprognosen Wachstumsprognosen in einer marktwirtschaftlichen Ordnung Keine Begründung für quantitative Wachstumsprognosen - Leistungsstreben der Individuen als Produkt von Erziehung undUmwelt - Staatliches Handeln als Ergänzung privater Präferenzen Stagnations- und Stufenprognosen Stagnationsprognose von HANSEN - Vier Gründe - Prognoseerfüllung - Stufenprognose von ROSTOW - Reduktion historischer Entwicklung Mathematischer Anhang zu Kapitel 16 K 16 - 1: Grenzen des Wachstums I. Grundlagen und methodische Ansätze Grundlagen Unter Wachstum soll ein Anstieg des realen Volkseinkommens ( ) pro Kopf der Bevölkerung ( ) zwischen aufeinanderfolgenden Zeitperioden ( ) verstanden werden. Das ist eine von mehreren im Schrifttum gebrauchten Definitionen. Die Wachstumsrate ( ; = growth) als prozentualer Anstieg des Pro-Kopf-Realeinkommens wird dann wie folgt berechnet: (16.1) (Definitions-Gleichung). In der Bundesrepublik Deutschland belief sich das reale Bruttoinlandsprodukt im Jahr 2008 auf 2 496 ( ), im Jahr 2009 betrug es nur 2 407 ( ) Mrd. Euro (Zahlen leicht modifiziert). Die entsprechenden Zahlen für die Wohnbevölkerung sind 82,0 ( ) bzw. 81,9 ( ) Millionen. Setzt man dieseWerte in (16.1) ein, erhält man für 2009 gegenüber 2008 eine negativeWachstumsrate pro Kopf von etwa - 3,6% (Folge derweltweiten Finanzkrise) . Statt des Bruttoinlandsprodukts können selbstverständlich auch andere, aus dem 13. Kap. bekannte Abgrenzungen für Volkseinkommen und Sozialprodukt verwendet werden. Die Definition (16.1) berücksichtigt erstens die Veränderung der Bevölkerung. Erhöhen sich reales Volkseinkommen und Bevölkerung um denselben Prozentsatz, ist das Wachstum pro Kopf gleich Null. Demnach liegt kein Wachstum vor, wenn die Produktion nicht stärker als die Bevölkerung steigt. Zweitens werden Schwankungen des Preisniveaus ausgeschlossen, also nur reale Produktions- oder Volkseinkommensänderungen erfaßt. Drittens ist bei dieser Definition - wegen der Berücksichtigung des Bevölkerungswachstums - die Gefahr, daß aus Vergleichen derWachstumsraten verschiedener Länder irreführende Schlußfolgerungen gezogen werden, nicht so groß wie bei einfacheren Definitionen. In anderer Hinsicht ist die Definition problematisch. Unter konjunkturellem Aspekt könnte gefragt werden: Ist es sinnvoll, von Wachstum zu sprechen, wenn sich eine zu 20% unterbeschäftigte Wirtschaft mit "Wachstumsraten" von 3% über einige Jahre hinweg der Vollbeschäftigung nähert? (16.1) ist nämlich zugleich einMaßstab (Indikator) für konjunkturelle Änderungen. Wäre es nicht besser, diesen Fall als Wachstum auszuschließen und statt dessen von einer steigenden Auslastung der Produktionskapazität zu sprechen? Deswegen wird auch die Erweiterung der Produktionskapazität als Maß für das Wachstum angesehen, wenngleich ihre statistische Ermittlung schwierig ist. Im folgenden seien die konjunktur- und beschäftigungstheoretischen Probleme durch die Annahme einer vollbeschäftigten Wirtschaft eliminiert, sofern nicht ausdrücklich etwas anderes gesagt wird. Andere Wachstumsdefinitionen würden sich insbesondere vom Verbraucherstandpunkt aus anbieten: Ist wirtschaftliches Wachstum nicht vor allem Yr Nb t t 1 ...,+, Gr G Gr Yrt 1+ Nbt 1+ ----------- Yrt Nbt ------– Yrt Nbt ------ ------------------------- 100⋅= Yrt Yrt 1+ Nbt Nbt 1+ 372 Dritter Teil. Makroökonomie daran zu messen, welchen Nutzen die Konsumenten aus der Mehrproduktion von Gütern oder aus der Verlängerung der Freizeit ziehen? Wachstum würde dann in der Wohlfahrtssteigerung einer Gesellschaft ausgedrückt. Dies ist Gegenstand der in diesem Lehrbuch nicht behandeltenWohlfahrtsökonomie (welfare economics), die zur Theorie der Wirtschaftspolitik gehört. Die aus der Haushaltstheorie (5. Kap.) bekannten Schwierigkeiten eines interpersonellen Nutzenvergleichs schließen indessen eine empirische Erfassung einer Wachstumsdefinition aus, die auf der Wohlfahrtsökonomie basiert. Zweifellos ist Wachstum nicht bloß ein quantitativer Vorgang. Es kommt auch auf seine Qualität an. Solche und ähnliche Überlegungen dürften verdeutlichen: "Die" Definition für Wachstum gibt es nicht, kann es wohl auch nicht geben. Wenn sich Definition (16.1) in Theorie und Praxis durchgesetzt hat, so deswegen, weil sie eine für verschiedene Untersuchungsziele adäquate und empirisch brauchbare Sprachregelung ist. Beachtenswert bleibt in jedem Fall, daßWachstum ein langfristiges Phänomen darstellt und seine Beobachtung deshalb nicht auf kurze Zeiträume abgestellt sein sollte. Für die wissenschaftliche - ebenso wie für die politische - Betrachtungsweise liegt es nahe, nach den Ursachen des wirtschaftlichen Wachstums zu fragen. Überlegungen zu dieser Frage zeigen jedoch bald: Es gibt so zahlreiche Gründe, die zu wirtschaftlichem Wachstum führen, daß nicht nur ihre Erfassung, sondern sogar eine Klassifikation auf erhebliche Schwierigkeiten stößt. Wachstum ist praktisch immer das Ergebnis komplizierter, zeit- und raumabhängiger Prozesse - ähnlich dem biologischen Wachstum, das von einem schwer durchschaubaren System ineinandergreifender Einzelursachen bewirkt wird. Die Ursachen des Wachstums sind nicht allein oder primär wirtschaftlicher Natur, wenn man an folgende Einflußfaktoren denkt: Motivationen (z. B. asketische oder verschwenderische Bedürfnisse nach Gütern), Arbeitsintensität (Faulenzer und "Arbeitstiere"), sozialer Status und berufliches Image (etwa die ökonomische Stellung gehobener Schichten), Rechtsordnung (Ausmaß und Grenzen freier Aktivitäten, Regierungssystem) und natürliche Ressourcen (Bevölkerung, Umfang der Bodenschätze und ihre Erschließungsmöglichkeiten). Die meisten Wirtschaftswissenschaftler stellen deshalb in ihrer Analyse nicht auf letzte Ursachen, sondern auf solche Bestimmungsgründe oderDeterminanten des Wachstums ab, die einer ökonomischen Untersuchung zugänglich sind - wohl wissend, daß Determinanten von einer Reihe tiefer gehender Faktoren beeinflußt werden. Die Determinanten, die das (durch [16.1] definierte) Wirtschaftswachstum bestimmen, lassen sich in doppelter Hinsicht unterscheiden. Die Wirtschaft wächst, weil entweder der input (Mengenausweitungen der eingesetzten Produktionsfaktoren) oder der output pro input-Einheit (Qualitätsverbesserungen der Produktionsfaktoren = technischer Fortschritt im weiten Sinn) ansteigt. Bei den Produktionsfaktoren geht man in der Regel nur von Arbeit und Kapital aus (Erschließung des Bodens läßt sich ohne Schwierigkeiten als Kapitalinvestition begreifen). Da die Vergrößerung des output pro input-Einheit auf Qualitätsverbesserungen einzelner Faktoren oder der Faktorkombina- 16. Wachstum 373 tionen zurückgehen kann, erhält man folgende Systematik der Wachstumsdeterminanten (Übers. 16-1). Die Determinanten des Wachstums haben schon frühzeitig das Interesse der Ökonomen, vor allem der Klassiker, gefunden. Die klassischen Ansichten zur Vermehrung der Faktoren waren - grob skizziert - folgende: Das Angebot von Produktionsfaktoren hängt von wirtschaftlichen Größen ab. Das Kapitalangebot ist ebenso wie die Kapitalnachfrage eine Funktion des Zinses. Die Neigung zum Sparen nimmtmit wachsendemZins zu. Dahinter stehen die Entscheidungen der Einkommensbezieher zwischen Gegenwarts- und Zukunftskonsum. Je mehr gespart wird, um so größer ist der beabsichtigte Zukunftskonsum, um so größer aber auch die ermöglichte Kapitalbildung. Die Vermehrung der Bevölkerung, des Faktors Arbeit, hängt nach Auffassung der Klassiker entscheidend von den Lohnsätzen ab. Liegen diese über dem Existenzminimum, wächst die Bevölkerung. Bei einem Lohn unterhalb desMinimums geht das Bevölkerungswachstum -wenigstens relativ - zurück. Die berechtigte, bereits erwähnte Kritik an der traditionellen Bevölkerungslehre und gewisse Schwächen der Kapitaltheorie haben vergessen lassen, daß sich die klassischen Nationalökonomen Gedanken über die Verbesserung der Produktionsfaktoren, den technischen Fortschritt (im weiten Sinn), gemacht haben, ja daß diese Probleme oft im Zentrum ihrer Überlegungen standen. Es ging ihnen - ausgesprochen und unausgesprochen - immer wieder um zwei Fragen: Wie kann man ein Maximum an Faktorverbesserungen, an effizienter Ausbildung, an Erfindungen und Neuerungen erreichen? Auf welchemWege können Verbesserungenwirtschaftlich am besten durchgesetzt und marktgängig gemacht werden? Auf beide Fragen gaben sie im Grunde eine einheitliche Antwort, die sie in ihren theoretischen Systemen im Detail ausführten: Im Rahmen bestehender Gesetze komme es entscheidend auf die freie Entfaltung der persönlichen Initiative an. Die wirkungsvollste Methode, um Ausbildungen, Erfindungen und Neuerungen eine allgemeine Verbreitung zu sichern, bilde das Wettbewerbssystem als Motor des Wirtschaftswachstums. Es wird verständlich, daß die Beurteilung der Wachstumskräfte von der Einschätzung der Wettbewerbswirkungen abhängt. Wer auf die Effektivität der Konkurrenz vertraut, sieht in der Konstituierung und Sicherung des marktwirtschaftlichen Systems, im Schutz des Wettbewerbs und in der Beseitigung vonWettbewerbsbeschränkungen die besteWachstumspolitik, vor allem, soweit es um die Qualitätsverbesserung der Produktionsfaktoren geht. Wer die Leistungen der Wettbewerbsordnung skeptisch einschätzt, neigt demgegenüber dazu, nach Ersatzlösungen Ausschau zu halten. Optimistische und skeptische Beurteiler der Wettbewerbsordnung sind sich darin einig, daß Ausweitungen und Qualitätsverbesserungen der Produktionsfaktoren in der Regel Investitionen erfordern. Da InvestitionenwesentlicheVoraussetzungen für Wirtschaftswachstum sind, verursacht dieses volkswirtschaftliche Kosten. Im Zustand der Vollbeschäftigung, von dem - wie bei der Erörterung derWachstumsdefinition erwähnt - generell ausgegangen wird, bedeuten Investitionen zwangsläufig Konsumverzicht: Investitionen sind eine 374 D ritter T eil.M akroökonom ie Determinanten des Wirtschaftswachstums Mengenausweitungen der Produktionsfaktoren Qualitätsverbesserungen der Produktionsfaktoren (technischer Fortschritt im weiteren Sinne) Vergrößerung des Kapitalbestandes Vergrößerung der Arbeitsmenge Verbesserung der einzelnen Faktorqualität Verbesserung der Faktorkombinationen Verbesserung der Qualität von Humankapital (Erziehung und Ausbildung) Verbesserung der Qualität von Sachkapital (Qualitätsfortschritt) Verbesserung der Faktororganisation (organisatorischer Fortschritt) Verbesserung der Einsatztechnik (technischer Fortschritt im engeren Sinne) Übers. 16-1: Determinanten des Wirtschaftswachstums 16. Wachstum 375 notwendige, wenngleich nicht hinreichende Bedingung wirtschaftlichen Wachstums. Wenn wir mehr Fabriken, Maschinen oder Straßen wünschen, müssen wir auf Automobile, Häuser oder Ferienreisen verzichten - güterwirtschaftlich gesehen "sparen". Soweit dieses Sparen nicht freiwillig erfolgt, läßt es sich unter bestimmten Umständen durch eine höhere Besteuerung oder eine Inflation, die einer Besteuerung entspricht (19. Kap.), erzwingen. Die Kosten des Wachstums oder die volkswirtschaftliche Alternative können an der bekannten Produktionsmöglichkeitenkurve (Fig. 2-1) veranschaulicht werden (Fig. 16-1). Es sei von der Hypothese ausgegangen, daß mit den Investitionen (oder dem Konsumverzicht) die Wachstumsrate steigt. Dabei kann offen bleiben, ob sich diese Hypothese empirisch bestätigt und in welcher Zeit das Wachstum eintreten wird. In den drei Darstellungen der Fig. 16-1 sind für die Gegenwart dieselben Produktionsmöglichkeitenkurven (durchgezogene Linie) eingezeichnet. Bei einer kleinen Investitionsquote (Fig. 16-1.I.) wird sich die Produktionsmöglichkeitenkurve künftig weniger stark nach rechts verschieben (gestrichelte Kurve) als bei einer relativ großen (Fig. 16-1.II.). Im ersten Fall könnte nach der Ausreifungszeit der Investitionen von der Kombination auf , oder andere Punkte der gestrichelten Kurve übergegangenwerden, im zweiten Fall dagegen von auf , und so fort. Die größere Wachstumsrate im zweiten Fall ist durch größere Investitionen ermöglicht worden, hat aber auch einen höheren Konsumverzicht gekostet. Die Entscheidung über die Wachstumsrate impliziert eine Entscheidung über die zeitliche Verteilung des Konsums (Zeitpräferenzfunktion) und damit über die Kosten des Wachstums. Bei einer zeitlich konstanten Investitionsquote liegen und bzw. und auf einer Geraden, die vom Nullpunkt ausgeht (Fig. 16-1.III.). Fig. 16-1: Kosten des Wachstums Wachstum ist aus einer Reihe von Gründen in den letzten Jahren in der theoretischen Analyse und praktischen Wirtschaftspolitik ein Thema von großer Bedeutung geworden. Erstens herrscht in hochentwickelten Ländern, die fast alle in der gemäßigten Zone der nördlichen Erdhalbkugel liegen, die Befürch- A B B' C D D' A B C D 376 Dritter Teil. Makroökonomie tung vor, das Wachstum könne sich zunehmend verlangsamen. Auf einige Gründe für solche Befürchtungen wird noch eingegangen (III.). Zweitens hat nach dem Zweiten Weltkrieg ein internationaler Wettlauf eingesetzt, dessen wichtigstes Kriterium Wachstumsraten sind. Da Investitionen in marktwirtschaftlichen Ordnungen im wesentlichen aufgrund privater Entscheidungen, in zentralgelenkten Systemen nach staatlichen Befehlen zustande kommen, sind einige Nationalökonomen der Auffassung, Investitionen - unerläßliche Voraussetzung des Wachstums - müßten auch in einer Marktwirtschaft zentral gesteuert werden. Die naheliegende Frage, ob zentrale Investitionslenkung und Marktwirtschaft überhaupt kompatibel sind, bleibt dabei - gewollt oder ungewollt - meist offen. Drittens scheint das Bewußtsein über die internationale Einkommensungleichheit und die Teilung der Welt in reiche und arme Länder zu keiner Zeit so ausgeprägt gewesen zu sein wie in der Gegenwart. Zwar waren auch in der Vergangenheit die relativen Unterschiede zwischen reichen und armen Ländern keineswegs gering. Doch erst in jüngster Zeit wird es allgemein als Aufgabe empfunden, diejenigenWachstumskräfte ausfindig zumachen, die eine rasche Entwicklung zurückgebliebener Länder und damit die Nivellierung internationaler Einkommensdivergenzen ermöglichen. Viertens sind durch das Vordringen der von KEYNES konzipierten Beschäftigungstheorie Fragen zum Wachstum aufgeworfen worden: Ist langfristig zu erwarten, daß die Gesamtnachfrage zur Erhaltung dauernder Vollbeschäftigung ausreicht? Diese Frage basiert auf ähnlichen Überlegungen wie die kritische Beurteilung der Zukunft des "kapitalistischen" Wirtschaftssystems durch KARL MARX und seine Nachfolger. Anders formuliert: Werden langfristige Wirkungen auftreten, die das kurzfristige KEYNESsche Gleichgewicht stören? Erklärungsansätze In der Wirtschaftswissenschaft befaßt man sich mit dem Wachstum unter verschiedenen Aspekten. Eine erste Gruppe von Ansätzen, die seit Jahrzehnten im Zentrum der Wachstumsanalyse steht, sind Wachstumsmodelle. Sie verdanken ihr Entstehen hauptsächlich der Ergänzungsbedürftigkeit des Keynesschen Systems - jenem wachstumstheoretischen Wunderland, in dem über den Ersatzbedarf des Kapitals hinaus investiert (exakt: nettoinvestiert), aus dem vergrößerten Kapitalstock aber nicht zusätzlich produziert wird. Daß das KEYNESsche Gleichgewicht bestenfalls nur kurzfristig stabil sein kann, ist heute unbestritten. Zu Recht wurde deshalb von ROY FORBES HARROD und EVSEY DAVID DOMAR die Frage aufgeworfen, unter welchen Bedingungen das KEYNESsche Gleichgewicht langfristig - d. h. nach Einbeziehung des Kapazitätseffekts der Investitionen - stabil sein würde. Schon die Art der Frage verdeutlicht, daß solche Wachstumsmodelle keine Aussagen über die realen Wachstumsprozesse und ihre Ursachen bieten. Gezeigt werden soll lediglich, welche Bedingungen für ein gleichgewichtiges Wachstum unter den üblichen Annahmen des KEY- NESschen Systems erforderlich sind ("postkeynesianische" Wachstumstheorie). Das von HARROD und DOMAR abgeleitete Gleichgewicht steht gleichsam auf des Messers Schneide. Wenn sich die entscheidenden, an der Realität gemessen sehr restriktiven Konstanten (Parameter) geringfügig ändern, führt kein Weg 16. Wachstum 377 zum gleichgewichtigen Wachstumspfad zurück. Wachsende Arbeitslosigkeit oder konjunkturelle Überhitzung sind die Folge. ROBERT MERTON SOLOW entwickelte Mitte der fünfziger Jahre ein stabiles Wachstumsmodell. Er zeigte, daß sich die Instabilität der postkeynesianischenWachstumstheorie durch eine Produktionsfunktion beseitigen läßt, in der die Produktionsfaktoren Kapital und Arbeit substituierbar sind. Weil diese Prämisse vollständige Konkurrenz auf beiden Faktormärkten voraussetzt, rechnet man das von SOLOW entwickelte Modell der "neoklassischen" Wachstumstheorie zu - eine insofern irreführende Bezeichnung, weil nur eine andere Produktionsfunktion als bei HARROD und DOMAR unterstellt, ansonsten aber deren an KEYNES orientiertes Instrumentarium übernommen wird. Einen anderen Weg, die Instabilität des HARROD-DO- MAR Gleichgewichtspfades zu beseitigen, beschritt - zur gleichen Zeit wie SOLOW - NICHOLAS KALDOR. Eine säkulare Stabilität für eine wachsende Wirtschaft ist nach seiner Analyse möglich, wenn sich die volkswirtschaftliche Sparquote durch die Einkommensverteilung so ändert, daß die Gleichgewichtsrate des Wachstums erreicht wird. Seine Theorie ist eine Mischung aus Wachstumstheorie und makroökonomischer Verteilungstheorie (Cambridge Modell). In denModellen von SOLOW (16. Kap. II.) und KALDOR (17. Kap.) ist der technische Fortschritt exogen vorgegeben. Er fällt wie „Manna vomHimmel“. PAUL S. RO- MER und ROBERT E. LUCAS JR. entwickelten in den achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts Wachstumsmodelle, in denen der technische Fortschritt endogen erfaßt wird. Ansonsten basieren diese endogenenWachstumsmodelle (Kap. 16. II.), von denen es inzwischen eine Vielzahl von Varianten gibt, auf der neoklassischen Wachstumstheorie. Wachstumsmodelle werden oft als normative Theorien bezeichnet, weil das Ziel (die Norm) - Gleichgewicht oder gleichgewichtige Wachstumsrate - gegeben sei und nur analysiert werde, wie man zu diesem Ziel gelange. Der Ausdruck "normative Theorie" kann jedoch im Hinblick auf den hier verwendeten Wissenschaftsbegriff (1. Kap.) nicht als besonders gelungen bezeichnet werden. Warum eine Wirtschaft wachsen soll, stellt eine wissenschaftlich nicht zu beantwortende Frage dar. Wird die Realisierbarkeit einer Norm ökonomisch untersucht - wie bei den Bedingungen gleichgewichtigen Wachstums -, handelt es sich lediglich um eine Umkehrung des Erklärungszusammenhangs. Das Gleichgewicht ist Datum; die bestimmenden Größen werden gesucht. Wachstumsmodelle unterscheiden sich methodisch nicht grundlegend von anderen Modellen. Wenn der modernen WachstumstheorieWirklichkeitsferne nachgesagt wird, beruht das auf der Simplizität ihrer Aussagen. In Übereinstimmung mit der Literatur wird im folgenden von Wachstumstheorien gesprochen. Es sollte jedoch kein Zweifel bestehen, daß ihr Abstand zu Hypothesen (1. Kap.) groß sein kann. Eine empirisch gehaltvolle Theorie erlaubt Vorhersagen. Vor allem die postkeynesianischen und neoklassischen Wachstumsmodelle sind jedoch - trotz ihrer zum Teil komplizierten Form - für prognostische Zwecke kaum verwendbar. Ein genereller Vorbehalt ist insbesondere gegen quantifizierte Wachstumsprognosen angebracht. Dies wird näher begründet (Kap. 16. III.). Eine zweite Gruppe von Erklärungsansätzen sind die Versuche, Entwicklungen des marktwirtschaftlichen Systems vorherzusa- 378 Dritter Teil. Makroökonomie gen. Dabei geht es meistens um die Frage, welche Bedeutung den in der Gegenwart vorhandenen Wachstumskräften künftig zukommt. Die Antwort fällt verschieden aus, je nachdem, ob die Zukunft wachstumspessimistisch oder optimistisch eingeschätzt wird. Eine bekannte pessimistische Prognose ist die Stagnationstheorie von ALVINHARVEY HANSEN. Andere Autoren sind der Meinung, daß die künftige Entwicklung durch in der Historie immer wieder feststellbare Gemeinsamkeiten vorgezeichnet sei. Hierher gehört die Stufentheorie von WALT WHITMAN ROSTOW, in der es - ebenso wie in der Stagnationstheorie - zahlreiche Berührungspunkte zu Erklärungen gibt, die aus dem 19. Jahrhundert stammen. Obwohl bei dieser Art vonWachstumsprognosen die Verwandtschaft zu Visionen größer sein dürfte als zu wissenschaftlichen Theorien, erfreuen sie sich selbst unter wissenschaftlichen Nationalökonomen einiger Beliebtheit. Da solche Vorhersagen auch schon in früheren Zeiten abgegebenwurden, ist die Überprüfung ihres prognostischen Werts von besonderem Interesse. Eine dritte Gruppe von Ansätzen sind die deskriptiven Wachstumserklärungen, die statistisch angelegte Wachstumsstudien sein können (wie z. B. bei SIMON KUZNETS, RAYMONDWILLIAMGOLDSMITH undWALTHER GUSTAVHOFF- MANN) oder Beschreibungen des ökonomischen Datenkranzes wachstumsrelevanter Einflußfaktoren soziologischer, demographischer und institutioneller Art (z. B. bei WILLIAM ARTHUR LEWIS ). Insbesondere Darstellungen des letzten Typs vermögen die hinter den abstrakten Formeln der Wachstumsmodelle stehenden Wachstumskräfte sichtbar zu machen. Deskription und Modelltheorie bezeichnen äußere Markierungspunkte wissenschaftlicher Überlegungen und zugleich bestimmte Gefahren: In der Deskription sucht man oft vergeblich nach der theoretischen Analyse, in dieser nach der empirischen Relevanz. Im folgenden wird auf zwei Erklärungsansätze eingegangen, auf Wachstumsmodelle (II.) und auf Wachstumsprognosen (III.). II. Wachstumsmodelle Gemeinsame Merkmale Alle in diesem Kapitel behandelten Wachstumsmodelle basieren auf folgenden allgemeinen Annahmen: Investitionen haben einen Einkommens- und Kapazitätseffekt. Durch Investitionen fallen sowohl einkommenswirksameAusgaben als auch kapazitätserhöhende Realkapitalzuwächse ( ) an. In der Berücksichtigung des Kapazitätseffekts liegt die Besonderheit der Wachstumstheorie gegenüber der Beschäftigungstheorie von KEYNES. Dementsprechend gilt (abgestellt auf Differential-Ausdrücke): (16.2) (Definitions-Gleichung). Diese Gleichung impliziert die Vereinfachung, daß der Kapitalbestand K eine unbegrenzte Lebensdauer hat. Abschreibungen finden deshalb nicht dK It dK dt ------= 16. Wachstum 379 statt, so daß die Investitionen (Brutto = Netto) dem Kapitalzuwachs entsprechen. Bei einigen Varianten von Wachstumsmodellen werden - anders als hier - Abschreibungen als Differenz zwischen Brutto- undNettoinvestitionen berücksichtigt. Es besteht Vollbeschäftigung. Diese Annahme ist zweckmäßig, um konjunkturelle Änderungen vomWachstumstrend eindeutig eliminieren zu können, zumal für beide die Definition (16.1) ein Indikator ist. Das Preisniveau bleibt konstant. Alle Symbole bezeichnen reale Größen, so daß nominales Volkseinkommen und reales Volkseinkommen (Produktion, output) identisch sind, hier auch synonym gebraucht werden: (16.3) (Definitions-Gleichung). Die Volkswirtschaft ist geschlossen (ohne Außenhandel) und ohne staatliche Aktivität. In der Nomenklatur von KEYNES: (16.4 a) und (16.4 b) (Definitions-Gleichungen). Die Volkswirtschaft soll sich während des Wachstums im Gleichgewicht befinden. Dies erfordert, daß das gesamtwirtschaftliche Angebot ( ; s = supply) genauso stark zunimmt wie die gesamtwirtschaftliche Nachfrage ( ; d = demand): (16.5 a) (Gleichgewichts-Bedingung). Statt dessen kann auch geschrieben werden (14. Kap.): (16.5 b) (Gleichgewichts-Bedingung), wobei daran erinnert sei, daß und in (16.5 b) - im Gegensatz zu (16.4) - geplante Größen sind. Unter diesen allgemeinen Annahmen lassen sich dieWachstumsmodelle als eineKombination von drei Basisfunktionen begreifen. Nach der ersten Basisfunktion wird das Arbeitskräfteangebot bestimmt, das pro Zeitperiode mit einer bestimmten Rate wächst. Dieses Arbeitskräfteangebot einer bestimmten Zeitperiode stellt zusammenmit demKapitalbestand den input dar. Boden ist im Kapitalbestand einbegriffen. Die zweite Basisfunktion ist die Produktionsfunktion, die den - aus der Mikroökonomie (6. Kap.) bekannten - Zusammenhang zwischen input und output (Produktion) beschreibt. Sie ist in der Wachstumstheorie auf die Gesamtwirtschaft bezogen. Die dritte Basisfunktion gibt den Anteil an, der aus der Produktion (= dem Volkseinkommen) gespart und - gemäß (16.5 b) - investiert wird. Investitionen sind nach (16.2) identisch mit einer Kapitalbestandsvergrößerung, aus der mit dem - entsprechend der ersten Basisfunktion - gestiegenen Arbeitskräfteangebot zu Beginn der Periode ein vergrößerter input resultiert. Dieser ermöglicht - imHinblick auf die zweite Basisfunktion - die Produktion , aus der sich das Sparen und Investieren dieser Periode - dritte Basisfunktion - ergibt. Die Wachstumsmodelle beschreiben den soeben für zwei Perioden angedeuteten, durch drei Basisfunktionen erfaßten Prozeß, der zu einem gleichgewichtigen Wachstum führt. Y Yn Yr≡ ≡ Y C I+ C S+≡ ≡ I S Y C–≡ ≡ Ys Yd Ys Yd= It St Yt Ct–= = I S t K Yt t 1+ Yt 1+ 380 Dritter Teil. Makroökonomie Die Arbeitskräftefunktion ist in den Wachstumsmodellen exogen determiniert, d. h. es gibt - anders als bei den Klassikern, vor allem bei THOMAS ROBERT MALTHUS (9. Kap.) - keine ökonomische Erklärung für das Bevölkerungswachstum als Hauptkomponente des Beschäftigungsniveaus oder Arbeitskräfteangebots ( ). Ändert sich dieses in Arbeitsstunden oder Arbeitern pro Produktionsperiode bestimmte Angebot mit der konstanten Wachstumsrate (16.6) ( Verhaltens-Gleichung), ist das Angebot einer bestimmten Periode (16.7) ( Verhaltens-Gleichung). (16.6) ist eine Differentialgleichung erster Ordnung - in dieser Art häufig in der Wachstumstheorie, aber auch in der Zinseszinsrechnung -, deren Lösung (16.7) durch Integration möglich ist (Mathematischer Anhang zu diesem Kapitel). In der Produktionsfunktion der Wachstumsmodelle wird der gesamtwirtschaftliche Zusammenhang zwischen den unabhängigen Variablen Kapitalbestand ( ) undArbeitskräfteeinsatz ( ) zur abhängigen Variablen output oder Volkseinkommen ( ) beschrieben: (16.8) (technische Gleichung). Es ist bekannt (6. Kap.), daß die durch (16.8) bezeichnete produktionstechnische Beziehung zwischen input und output verschiedene Formen einschließt (vgl. [6.1 a] bis [6.1 c]). Bestimmte Formen von (16.8) - d. h. spezifische Produktionsfunktionen - sind Ausgangspunkt einer Trennung zwischen postkeynesianischer und neoklassischer (einschließlich endogener) Wachstumstheorie. Der dritte Block der Wachstumsmodelle ist die Spar-Investitions-Funktion. Sie gibt Auskunft über das Verhältnis von Sparen und Investieren für das Einkommen einer bestimmten Zeitperiode gemäß (16.5 b). Die einfachste Form einer Spar-Funktion, von der hier ausgegangen wird und die bei den meisten postkeynesianischen, neoklassischen und endogenen Wachstumsmodellen anzutreffen ist, lautet (14. Kap.): (16.9) (Verhaltens-Gleichung), in der die marginalen und durchschnittlichen Quoten für Sparen und Konsum größengleich sind. Nur in Ausnahmefällen wird explizit eine Investitions- Funktion eingeführt. Ansonsten ist die Investition eine exogene Größe - in merkwürdigemKontrast zur KEYNESschen Theorie, nach der die endogenen Bestimmungsgrößen der Investitions-Funktion (14. Kap.) wichtige Ursache eines stabilen Unterbeschäftigungsgleichgewichts sind. Weiterhin sind für die in diesem Kapitel behandelten Wachstumsmodelle einige grundlegende Verhältnisgrößen bedeutsam, die sich aus den verschiedenen Relationen zwischen Realkapitalbestand ( ), Arbeitskräfteeinsatz ( ) und Volkseinkommen bzw. Produktion ( ) ergeben. Das Verhältnis von Kapitalbestand und Arbeitsvolumen ( ) wird als Kapitalintensität ( ), der Kehr- L dL dt ----- L ------ L̂ n= = t Lt L0 e n t⋅⋅= Kt Lt Yt Yt f Kt Lt,( )= St s Yt⋅ 1 c–( ) Yt⋅= = K L Y K L⁄ ki 16. Wachstum 381 wert ( ) als Arbeitsintensität ( ) bezeichnet. Die Relation von Kapitalbestand zu Volkseinkommen ( ) wird als Kapitalkoeffizient ( ) definiert, die des Kehrwertes ( ) als Kapitalproduktivität ( ). Auf den Arbeitsfaktor bezogen heißt dementsprechend die Relation Arbeitskräfteeinsatz zu Volkseinkommen ( ) Arbeitskoeffizient ( ) und sein Kehrwert ( ) Arbeitsproduktivität ( ). Unter der Voraussetzung konstanter Faktorentlohnungssätze kennzeichnet die Entwicklung von Kapital- und Arbeitskoeffizient die zeitliche Veränderung der Einkommensverteilung auf die beiden Faktoren Arbeit und Kapital, auf die noch eingegangen wird (17. Kap.). Alle diese Verhältnisgrößen können sich im Zeitablauf ändern. Aus Gründen der vereinfachten Darstellung wird hier jedoch auf die Anfügung eines Zeitparameters verzichtet. Aufgrund der vorgestellten Definitionen ist eine Kombination der Verhältnisgrößen möglich: (16.10 a) : : (16.10 b) (Definitions-Gleichung). Die Kapitalintensität entspricht dem Verhältnis von Arbeitsproduktivität und Kapitalproduktivität bzw. der Relation von Kapitalkoeffizient zu Arbeitskoeffizient. Dieser Zusammenhang läßt sich auch in Wachstumsraten ausdrücken: (16.11 a) (16.11 b) (Definitions-Gleichung). DieWachstumsrate der Kapitalintensität ergibt sich demnach aus der Differenz der Wachstumsraten der Arbeitsproduktivität und der Kapitalproduktivität oder dem Abstand der Wachstumsrate des Kapitalkoeffizienten zu der des Arbeitskoeffizienten. Aus diesem Zusammenhang lassen sich die verschiedenen Varianten des technischen Fortschritts entwickeln, die auf unterschiedlichen Formen der "Neutralität" beruhen. Neutralität bedeutet dabei die zeitliche Konstanz bestimmter Verhältnisgrößen. Der technische Fortschritt heißt Hicks-neutral, wenn die Kapitalintensität konstant bleibt. Wegen (16.11) ist dies gleichbedeutend mit einem gleichmäßigen Wachstum von Arbeitsproduktivität und Kapitalproduktivität: (16.12 a) (technische Gleichung). Der technische Fortschritt wird als Harrod-neutral bezeichnet, wenn die Kapitalproduktivität bzw. der Kapitalkoeffizient konstant bleibt. Bei entsprechender Umformulierung von (16.11) folgt daraus eine gleichmäßige Entwicklung von Kapitalintensität und Arbeitsproduktivität: (16.12 b) (technische Gleichung). L K⁄ li K Y⁄ ν Y K⁄ σ L Y⁄ b Y L⁄ 1 b⁄ K L⁄( ) Y L⁄( )= Y L⁄( ) Y K⁄( )= L Y⁄( ) ki ν b⁄= K L⁄( ) Y L⁄( ) Y K⁄( )– K Y⁄( ) L Y⁄( )–= = ) ) ) ) ) k̂i ν̂ b̂–= K L⁄( ) k̂i 0= = Y L⁄( )⇔ Y K⁄( )= ) ) ) b̂⇔ ν̂= Y K⁄( ) σ̂ 0 K L⁄( )⇔ Y L⁄( )= = = ) ) ) ki ˆ⇔ 1 b⁄( )= ) 382 Dritter Teil. Makroökonomie Schließlich bleibt als dritte Variante der Solow-neutrale technische Fortschritt. Hier wird die Entwicklung der Arbeitsproduktivität bzw. des Arbeitskoeffizienten als konstant angenommen, so daß ein gleichgewichtiges Wachstum von Kapitalintensität und Kapitalkoeffizient vorliegt: (16.12 c) (technische Gleichung). Die unterschiedlichen Annahmen über die Entwicklung dieser grundlegenden Relationen bestimmen auch die Unterschiede zwischen den Hauptrichtungen der Wachstumstheorie, den postkeynesianischen, neoklassischen und endogenen Wachstumsmodellen. Postkeynesianische Wachstumstheorie Die Modelle von HARROD und DOMAR stimmen im wesentlichen formal überein. Die Unterschiede sind zum Teil terminologischer Art. Die folgendeDarstellung gibt den Kern des DOMAR-Modells in Formulierungen wieder, die - im Hinblick auf das Modell von HARROD - hier und da von denen DOMARS abweichen. Die Besonderheit der postkeynesianischen Wachstumstheorie liegt in der Annahme der speziellen Produktionsfunktion (16.13) (technische Gleichung). Diese Produktionsfunktion geht von einem konstanten (limitationalen) Faktoreinsatzverhältnis (fixed-coefficients technology) aus (LEONTIEF- Funktion). Die Isoquanten verlaufen im Koordinatensystem parallel zur und -Achse (6. Kap.), ihre Eckpunkte , , ... (geringste [min] Faktoreinsatzmengen) liegen auf einem Fahrstrahl aus dem Ursprung (Fig. 16-2). Um eine output-Einheit ( ) zu erstellen, sind Arbeitskräfte- und Kapitaleinheiten erforderlich. Ist die Modellwirtschaft mit einer bestimmten Menge von Arbeitskräften ausgestattet - Arbeitskräfte werden als limitierender Faktor angesehen -, können bei Vollbeschäftigung maximal output-Einheiten ( ) erzeugt werden. Die Faktorausstattung der mit dieser Produktionsfunktion operierenden Wirtschaft ist dann optimal, wenn stets die Eckpunkte der Produktionsfunktion erreicht werden: (16.14 a) (Verhaltens-Gleichung). Aus der rechten Seite der Gleichungskette der Optimalbedingung folgt, daß eine konstante Kapitalintensität angestrebt wird: (16.14 b) (Verhaltens-Gleichung). Ist die tatsächliche Kapitalintensität größer als die optimale Konstante (z. B. Punkt in Fig. 16-2), stehen Kapitalbestände frei und es werden keine Investitionen vorgenommen. Im umgekehrten Fall (Punkt in Fig. 16-2) sind L Y⁄( ) b̂ 0 K L⁄( )⇔ K Y⁄( )= = = ) ) ) k̂i⇔ ν̂= Yt min Kt ν ---- Lt b ----,⎝ ⎠ ⎛ ⎞= ν b⁄ K L A B C Y1 b ν Lt Lt b⁄ Yt Y1 Lt b⁄⋅= Yt Kt ν⁄ Lt b⁄= = Kt Lt⁄ ki ν b⁄= = ν b⁄ Q1 Q2 16. Wachstum 383 die Arbeitskräfte nicht vollbeschäftigt. Aus der Optimalbedingung (16.14 b) folgt insbesondere das gleichgewichtige Wachstum des Kapitalbestands und des Arbeitskräfteeinsatzes, dessen Wachstumsrate durch (16.6) vorgegeben ist: (16.14 c) (Verhaltens-Gleichung). Fig. 16-2: Produktionsfunktion der postkeynesianischen Wachstumstheorie Aus der Optimalbedingung (16.14 a) folgt weiterhin: Kapital und Arbeit werden so eingesetzt, daß die Kapitalproduktivität und die Arbeitsproduktivität im Zeitablauf konstant bleiben: (16.14 d) (Verhaltens-Gleichung) (16.14 e) (Verhaltens-Gleichung). Damit ist auch ein der Kapital- und Arbeitsentwicklung angepaßtes Wachstum des Volkseinkommens vorgegeben: (16.14 f) (Verhaltens-Gleichung). Aus der speziellen Vorgabe der Produktionsfunktion ergibt sich demnach die Situation eines Wachstumspfades, der frei von technischem Fortschritt ist und die drei Neutralitätsbedingungen (16.12 a-c) gleichzeitig erfüllt. Die Auswirkungen der postkeynesianischen Produktionsfunktion auf das Spar- und Investitionsverhalten zeigen sich in der Verbindung der Sparfunktion (16.9) mit den Annahmen (16.2) und (16.5 b). Die Auflösung dieser Zusammenhänge nach der Produktionshöhe führt zunächst zu einem erweiterten Multiplikator-Modell (vgl. 14.16): (16.15) (Verhaltens-Gleichung). Wird dieser Zusammenhang auf die Kapitalproduktivität bezogen, indem -mathematisch ausgedrückt - beide Gleichungsseiten durch den Kapitalbestand dividiert werden, gilt in Verbindung mit (16.14 d) und (16.14 c) als Gleichgewichtsbedingung der postkeynesianischen Wachstumsmodelle: K̂t L̂t n= = Yt Kt⁄ 1 ν⁄ σ= = Yt Lt⁄ 1 b⁄= Ŷt K̂t L̂t n= = = Yt 1 s -- St⋅ 1 s -- It⋅ 1 s -dKt dt --------⋅= = = 384 Dritter Teil. Makroökonomie (16.16 a) (Gleichgewichts-Bedingung). Im gleichgewichtigenWachstummuß der reziproke Kapitalkoeffizient (= Kapitalproduktivität) mit dem Verhältnis von Kapitalwachstumsrate und reziproker Sparquote übereinstimmen. Da nach (16.14 f) die Wachstumsraten von Kapital, Arbeit und Volkseinkommen sich entsprechen und bei einer konstanten Wachstumsrate des Kapitals auch die Investitionenmit der gleichen konstanten Rate wachsen müssen, läßt sich die Gleichgewichtsbedingung umformulieren: (16.16 b) . Die übereinstimmenden Wachstumsraten müssen im Gleichgewichtsfall dem Produkt aus Kapitalproduktivität und Sparquote entsprechen. Alle in (16.16) enthaltenen Funktionen sind Differentialgleichungen erster Ordnung, deren Auflösungen nach der Zeit - wie die Integration von (16.6) verdeutlicht - für und lauten: (16.17) (Gleichgewichts-Bedingung) (16.18) (Gleichgewichts-Bedingung) (16.19) (Gleichgewichts-Bedingung). Aus dem postkeynesianischen Modell ergeben sich drei wesentliche Konsequenzen: Ein Wachstumsgleichgewicht erfordert, daß das Produkt aus Kapitalkoeffizient und derWachstumsrate des Arbeitskräfteeinsatzes gleich der Sparquote ist. Zur Erhaltung der Vollbeschäftigung reicht ein absolut konstantes Wachstum der Investitionen nicht aus. Um den vergrößerten Kapitalbestand voll zu nutzen, muß immer mehr investiert werden (DOMAR-Paradoxon). Kapitalbestand und exogen bestimmter Arbeitskräfteeinsatz müssen mit derselben Rate wachsen: . Ein Zahlenbeispiel, in dem zur besseren Illustration auf Differenzen abgestellt wird, mag diese Ergebnisse verdeutlichen (Übers. 16-2). Die Beispiele zeigen, daß im postkeynesianischen Wachstumsgleichgewicht mögliche und tatsächliche Produktion ( ) übereinstimmen (Vollbeschäftigungsannahme), Kapitalbestand ( ), Volkseinkommen ( = Produktion), Konsum ( ) und Investition ( )mit derselben Rate ( ) wachsen - (16.17) bis (16.19) - und eine Wachstumsbeschleunigung stattfindet, die von den Komponenten der Wachstumsrate - der Kapitalproduktivität und der Sparquote bei entsprechenderWachstumsrate des Arbeitskräfteangebots - abhängt. Diese Beschleunigung tritt bei größeren Zahlen für , als sie der Übers. 16-2 zu entnehmen sind, deutlicher zutage. Bei einer Wachstumsrate von 0,05 (Übers. 16-2, Beispiel 1) würde nach 50 Perioden ( ) - setzt man die entsprechenden Werte in (16.17) bis (16.19) ein - von 400 auf 4860, von 100 auf 1215 und von 20 auf 243 anwachsen 1 ν -- σ Yt Kt ---- 1 s -- K̂⋅= = = 1 s -- n⋅= Ŷt K̂t Ît L̂z n s ν⁄ s σ⋅= = = = = = Î Ŷ, K̂ It I0 e σ s t⋅ ⋅⋅= Yt Y0 e σ s t⋅ ⋅⋅= Kt K0 e σ s t⋅ ⋅⋅= n σ s⋅= Ys Yd= K Y C I σ s⋅ t t K Y I 16. Wachstum 385 (Differentialrechnung; Werte gerundet). Ist die Wachstumsrate 0,1 (Übers. 16-2, Beispiel 3), erhält man nach 50 Perioden für 29 680, 14 840 und 2968, obwohl im Ausgangszeitpunkt der Kapitalbestand nur halb so großwar wie im Beispiel 1 (200). Übers. 16-2: Wachstumsgleichgewichte mit drei unterschiedlichen Wachstumsraten Eine graphische Darstellung, in der auf die zeitliche Entwicklung von (16.18) und (16.19) abgehoben wird, ergibt für die drei Beispiele der Übers. 16-2 das in Fig. 16-3 dargestellte Bild. Die Gleichgewichtsbedingungen einer wachsenden Wirtschaft sind in der postkeynesianischen Wachstumstheorie deshalb so stringent, weil in der Realität Abweichungen von den Konstanten - Sparneigung, Kapitalkoeffizient, Wachstumsrate des Arbeitskräfteangebots - nicht nur möglich, sondern wahrscheinlich sind. DOMAR wie HARROD beschreiben ein Wachstum mit dem Keim zur Instabilität. Einige kritische Bemerkungen zur postkeynesianischen Wachstumstheorie scheinen angebracht. Es war die Absicht von DOMAR - und die von HARROD -, die Wachstumsrate als nützliches Instrument der ökonomischen Analyse zukonzipieren. Im formalen Aufbau ähneln ihre Modelle sehr stark denen, die ei- Zeitperiode Kapitalbestand Mögliche Produktion Realisierte Produktion Konsum Investition Investitionsänderung Beispiel 1: ; ; (Wachstumsrate) 0 1 2 3 400,00 420,00 441,00 463,05 100,00 105,00 110,25 115,76 100,00 105,00 110,25 115,76 80,00 84,00 88,20 92,61 20,00 21,00 22,05 23,15 1,00 1,05 1,10 Beispiel 2: ; ; (Wachstumsrate) 0 1 2 3 400,00 410,00 420,25 430,75 100,00 102,50 105,06 107,69 100,00 102,50 105,06 107,69 90,00 92,95 94,56 96,92 10,00 10,25 10,50 10,77 0,25 0,25 0,27 Beispiel 3: ; ; (Wachstumsrate) 0 1 2 3 200,00 220,00 242,00 266,20 100,00 110,00 121,00 133,10 100,00 110,00 121,00 133,10 80,00 88,00 96,80 106,48 20,00 22,00 24,20 26,62 2,00 2,20 2,42 K Y I t0 K t K Ys σ K⋅= Yd C I+= C = 1 s–( ) Yd⋅ I IΔ s 0 2,= σ 0 25,= IΔ I⁄ σ s⋅ 0 05,= = s 0 1,= σ 0 25,= IΔ I⁄ σ s⋅ 0 025,= = s 0 2,= σ 0 5,= IΔ I⁄ σ s⋅ 0 10,= = Y K 386 Dritter Teil. Makroökonomie Fig. 16-3: Wachstum des Volkseinkommens und Kapitalbestands nach der postkeynesianischen Wachstumstheorie 16. Wachstum 387 nige Jahrzehnte zuvor der schwedische Nationalökonom GUSTAV CASSEL entwickelt hat. Da die Investitionen sowohl Volkseinkommen und Beschäftigung als auch die Kapazitäten beeinflussen, liegt es nahe, sie als entscheidende wirtschaftspolitische Operationsvariable zur Erreichung wachstumspolitischer Ziele anzusehen. Dieser Schluß ist hier und da tatsächlich gezogen worden. Überwogen hat jedoch die Skepsis, die aufgrund der rigorosenModellvereinfachungen angebracht ist. Weder die Kapitalproduktivität noch die Konsumbzw. Sparquote sind in der Realität konstant. Abgesehen davon sind auch die übrigen Modellprämissen - konstantes Preisniveau, Vollbeschäftigung, linearlimitationale Produktionsfunktion, unveränderte Technik - so restriktiv, daß der Erkenntniswert der Modelle als gering zu veranschlagen ist. Weiterhin ist ein konstanter Quotient ohne Realitätsbezug, da trendartig wegen der produktionstechnischen Kapitalintensivierungwächst. Die Ursache für die Gleichgewichtsinstabilität läßt sich beheben. Wenn vermieden werden soll, daß die konstanten Größen und nur zufällig ein Produkt ergeben, das der Gleichgewichtsrate des Wachstums entspricht, bieten sich zwei Lösungswege an: Entweder gleicht sich - über die Produktionsfunktion - oder - über die Sparfunktion - so an, daß die Gleichgewichtsrate gewahrt bleibt. Die erste Lösung hat SOLOW (neoklassische Wachstumstheorie), die zweite KALDOR (Cambridge Growth and Distribution Theory) aufgezeigt. Wie häufig sind Kombinationen beider Lösungen entwickelt worden. In diesem Kapitel sei die Lösung von SOLOW skizziert. Neoklassische Wachstumstheorie Die von SOLOW entwickelte neoklassische Wachstumstheorie unterstellt eine andere Produktionsfunktion als die des HARROD-DOMAR-Modells (16.13). Weil diese Funktion in der Wachstumstheorie eine erhebliche Rolle spielt, sei sie etwas genauer betrachtet. SOLOW geht von einer Produktionsfunktion aus, die folgende Eigenschaften hat: Die Faktoren und lassen sich technisch substituieren. Die partiellen Grenzprodukte dieser Faktoren nehmen ab. Die Niveaugrenz- oder Skalenerträge sind konstant und gleich 1 (linear homogene Produktionsfunktion). Eine Produktionsfunktion mit diesen Eigenschaften - von der ausgegangen sei - ist die aus der Mikroökonomie (6. Kap.) bekannteCOBB-DOUGLAS-Funktion (1.32), die hier wie alle aus derMikroökonomie verwendeten Größen auf die Gesamtwirtschaft zu beziehen ist. Sie hat - bei Verwendung der Symbole dieses Kapitals - die Form (16.20 a) , mit . A ist ein Parameter für den Stand der Technologie (Niveaugröße). Setztman ihn gleich 1, folgt aus (16.20 a) vereinfachend (16.20 b) (technische Gleichung). Nach (16.20 b) findet technischer Fortschritt nicht statt. Diese Einschränkung wird später aufgegeben. Die Konstanz der Skalenerträge ist durch die Bedin- ν b⁄ ν b⁄ σ s σ s K L Yt A Kt α Lt 1 α–⋅ ⋅= 0 α 1··< < Yt Kt α Lt 1 α–⋅= 388 Dritter Teil. Makroökonomie gung gegeben, daß die Exponenten von Kapital und Arbeit (= partielle Produktionselastizitäten der Faktoren) sich zu 1 ergänzen ( ). Graphisch läßt sich die COBB-DOUGLAS-Funktion wie folgt darstellen (Fig. 16-4). Fig. 16-4: Produktionsfunktion der neoklassischen Wachstumstheorie (COBB-DOUGLAS) Die erste Eigenschaft - technische Substituierbarkeit von und - zeigt sich im Verlauf der Isoquanten oder Isoproduktkurven und . Die Produktion läßt sich z. B. durch die Faktormengenkombination , (Punkt ), , (Punkt ) oder , (Punkt ) erzeugen. Eine kleinere (größere) Menge eines Faktors wird durch eine größere (kleinere) Menge des anderen Faktors substituiert - Zusammenhänge, die dem Leser aus verschiedenen früheren Kapiteln bekannt sind. Die zweite Eigenschaft ist eine Implikation des - zumNullpunkt - konvexen Verlaufs der Isoquanten. Beim Übergang von nach und nach sind im vorliegenden Beispiel die Zuwächse an Arbeitsmengen konstant ( ), während die Abnahmen von Kapitalmengen ( ) fallen ("Gesetz" fallender technischer Substitutionsraten). Die dritte Eigenschaft erfordert (vgl. [6.3]), daß eine Multiplikation der Einsatzmengen mit auch zu einer Vergrößerung der Produktion um diesen Faktor führt. Ist z. B. gleich 2, müßte eine Verdoppelung von und eine Verdoppelung von bewirken. Da dieMengen von und gleichmäßig erhöht werden, bewegt man sich auf Fahrstrahlen aus dem Nullpunkt, je nach dem Verhältnis . In Punkt hat sich die Produktion von auf - nach einer Vergrößerung von für und - erhöht. Entsprechendes gilt für andere Kombinationen von und , wie und (Fig. 16-4). Zahlenbeispiele bietet Übers. 6-1 (6. Kap.). Die COBB-DOUGLAS-Funktion kann auch für skalierte Größen gebildet werden. Eine skalierte Größe erhält man durch Bezug auf die Arbeitsmenge L, ausgedrückt z. B. in der Zahl der Arbeiter. Absolute Größen werden damit - wie in Gleichung (16.1) - zu Pro-Kopf-Größen umgeformt. In (16.20 b) eingesetzt, erhält man α 1 α–( )+ 1= K L Y1 Y2 Y1 L1 K3 A L2 K2 B L3 K1 C A B B C L2 L1– L3 L2–= K3 K2– K2 K1–> λ λ K L Y K L K L⁄ A' Y1 Y2 λ Y1⋅= λ L1 K3 K L B' C' 16. Wachstum 389 (16.21 a) (16.21 b) bzw. (16.21 c) sofern und (technische Gleichung). Danach läßt sich die Produktion pro Arbeiter ( ) als Funktion des Kapitals pro Arbeiter - der Kapitalintensität ( ) - durch Fig. 16-5 darstellen. Mit zunehmender Kapitalintensität steigt die Produktion pro Arbeiter. Die Zuwächse nehmen jedoch ab, weil das partielle Grenzprodukt des Faktors Kapital fällt. Für jeden Punkt der Kurve gilt . Da und definiert sind, kann man Fig. 16-5: Die Beziehungen zwischen Kapitalintensität, Produktion pro Arbeiter und Kapitalproduktivität auch schreiben: (16.22 a) (technische Gleichung), oder (16.22 b) (technische Gleichung). (16.22) besagt: Die Werte für die Kapitalproduktivität s oder den Kapitalkoeffizienten werden durch die Kurve wiedergegeben. Für den Quotienten aus Produktion und Kapitalbestand lassen sich beliebige Werte durch Fahrstrahlen aus dem Nullpunkt bestimmen. Mit steigender Kapitalin- Yt Lt ---- q Kt α Lt 1 α–⋅ Lt -----------------------≡ ≡ Kt Lt ----⎝ ⎠ ⎛ ⎞ α ki α≡= Yt Lt ---- f Kt Lt ----⎝ ⎠ ⎛ ⎞ f ki( )= = Yt Lt f ki( )⋅= f' ki( ) 0> f'' ki( ) 0< q ki ki f ki( ) q ki⁄ q Yt Lt⁄≡ ki Kt Lt⁄≡ q ki --- Yl Lt ---- Kt Lt ---- ----≡ Yt Kz ----- σ 1 ν --= = = q f ki( ) f Kt Lt ----⎝ ⎠ ⎛ ⎞≡= ν f ki( ) σ 1 ν⁄= 390 Dritter Teil. Makroökonomie tensität steigt (fällt) der Kapitalkoeffizient (die Kapitalproduktivität ), wie es für zwei Werte veranschaulicht wird (Fig. 16-5). In der neoklassischen Wachstumstheorie sind - anders als im HARROD-DOMAR-Modell - und variable, von abhängige Größen. DieGleichgewichtsbedingung läßt sich nunwie folgt bestimmen, wennman davon ausgeht, daß eine durch Verhaltensweisen realisierte, also nicht bloß definitorische Kapitalintensität vorliegt, die in Wachstumsraten ausgedrückt sei: (16.23) (Verhaltens-Gleichung). Da dieWachstumsrate des Arbeitskräfteeinsatzes als exogen vorgegeben betrachtet wird (16.6) und für dieWachstumsrate des Kapitals aus (16.2), (16.5 b) und (16.9) (16.24) (Verhaltens-Gleichung) folgt, kann (16.23) auch geschrieben werden: (16.25 a) oder nach Division von und durch (16.25b) (Gleichgewichts-Bedingung) Setzt man (in 16.25), erhält man die Kapitalintensität für die im Gleichgewicht wachsende Volkswirtschaft ( = equilibrium). Die Gleichgewichtswachstumsrate des neoklassischen Modells ist gegeben, wenn in (16.25) Null wird: (16.26 a) oder (16.26 b) (Gleichgewichts-Bedingung). Da - wegen (16.22) -, beschreibt der Quotient in Fig. 16-5 einen Fahrstrahl aus dem Nullpunkt, der die -Kurve in dem durch (16.26) bestimmten Punkt schneidet (Fig. 16-6). Vergleicht man die Gleichgewichtsbedingungen der postkeynesianischen (16.16) und neoklassischen (16.26)Wachstumstheorie, erhält man - auf gleiche Größen abgestellt - im ersten Fall (HARROD-DOMAR-Modell) ki ν σ ν σ ki ki Kt Lt⁄= k̂i K̂t Lt ˆ–= Kt ˆ dKt dt -------- Kt -------- It Kt ---- St Kt ---s Yt⋅ Kt ----------= = = = k̂i s Yt⋅ Kt ---------- n–= Yt Kt Lt k̂i s q⋅ ki --------- n– s f ki( )⋅ ki ----------------- n–= = k̂i 0= ki e e k̂ s qe⋅ ki e ----------s f ki e( )⋅ ki e -----------------≡ n= qe f ki e( ) n s --ki e= = n s⁄ q ki⁄ σ 1 ν⁄= = = f ki( ) 16. Wachstum 391 (16.27 a) (16.27 b) für , im zweiten Fall (SOLOW-Modell): (16.28 a) (16.28 b) für . Fig. 16-6: Gleichgewicht in der neoklassischen Wachstumstheorie Es bleibt nach der Stabilität des neoklassischen Wachstumsmodells zu fragen, da bekanntlich das HARROD-DOMAR-Modell instabil ist, denn Abweichungen vomGleichgewicht lösen keineWirkungen aus, die zumGleichgewicht zurückführen. Angenommen, es würde , sein, ein Punkt, der links von läge (Fig. 16-6). Dies bedeutet, daß ist. In diesem Fall ist wegen (16.25) , so daß ansteigt. Analoges gilt, wenn wäre; würde fallen. DieWirtschaft bewegt sich deshalb auf das Gleichgewicht zu, in dem ist (Fig. 16-7). In Gleichung (16.20 a) steht für den Stand der Technologie. Bisher wurde unterstellt, daß ist, was bedeutet: ein technischer Fortschritt findet nicht statt. Ohne technischen Fortschritt wachsen im Gleichgewicht Produktion und Kapitalbestand mit derselben Rate wie die Arbeitskräfte . In gesamtwirtschaftlichen Größen ausgedrückt (16.29 a) (Gleichgewichts-Bedingung) oder in Pro-Kopf-Größen (16.29 b) (Gleichgewichts-Bedingung). Dieses modelltheoretische Ergebnis läßt sich mit der Realität kaum in Einklang bringen. Typisch für die wirklichen Verhältnisse ist, daß Produktion und Kapitalbestand zwar in etwa mit der gleichen Rate wachsen, doch schneller als die n s -- σ= s n σ -- n ν⋅= = σ const.= n s -- σ= s n σ -- n ν⋅= = σ f ki( )= ki ki e< f ki( ) n s⁄( ) ki⋅[ ]> ki e s f ki( ) ki⁄⋅[ ] n> k̂i 0> ki ki ki e> ki E qe ki e,( ) k̂i 0= A A 1= Y K L Ŷ K̂ L̂= = q̂ k̂ n= = 392 Dritter Teil. Makroökonomie Zahl der Arbeitskräfte. SOLOW führt deswegen den technischen Fortschritt als Wachstumsursache ein. Fig. 16-7: Stabilität des neoklassischen Gleichgewichts Er geht davon aus, daß das Produktionsergebnis nicht nur von der Zahl der Arbeitskräfte, sondern auch von deren Effizienz abhängt. Wie die Zahl der Arbeitskräfte wird auch der technische Fortschritt, der sich in der Effizienz niederschlägt, nicht ökonomisch erklärt, sondern exogen vorgegeben. Der technische Fortschritt wird im Modell berücksichtigt, indem man in die Produktionsfunktion (16.20 b) eine Variable aufnimmt: (16.30) (technische Gleichung). Technischer Fortschritt tritt ein, wenn im Zeitablauf steigt. Mit anderenWorten: Eine Arbeitskraft ist produktiver, wenn das Niveau der Technologie zunimmt. wird von SOLOW - anders als in Gleichung (16.20 a) - ausschließlich der Größe beigefügt, was bedeutet, daß der technische Fortschritt „arbeitsvermehrend“ oder HARROD-neutral ist (16.12 b). Die Prozedur der Ableitung des Gleichgewichts ist dieselbe, wie bei den Gleichungen (16.23) bis (16.26), jedoch mit der Besonderheit, daß es nun zwei exogene Wachstumsraten gibt. wächst um die Rate , mit einer Rate, die mit bezeichnet sei. Zur Vereinfachung der Ableitungwird das Produkt durch die Größe ersetzt, die so- A Yt Kt α At Lt⋅( ) 1 α–⋅= A A L L n A g AL E 16. Wachstum 393 wohl die Zahl der Arbeiter als auch den technischen Fortschritt einschließt. Aus (16.23) wird dann (16.31) (Verhaltens-Gleichung). Analog zu (16.7) erhält man durch die mathematische Ableitung (siehe Mathematischer Anhang zu Kapitel 16) die technische Gleichung (16.32) . Nach Umformung - analog zu (16.24) und (16.25) - läßt sich (16.31) nunmehr schreiben (16.33) (Verhaltens-Gleichung). Ein Gleichgewicht liegt wiederum vor, wenn in (16.33) ist: (16.34 a) oder (16.34 b) (Gleichgewichts-Bedingung). Graphisch gesehen verschiebt sich als Folge des technischen Fortschritts die Kurve mit der Funktion , die die Produktion pro Arbeiter in Abhängigkeit von der Kapitalintensität beschreibt (Fig. 16-5), nach oben. Der Fahrstrahl aus dem Ursprung (Fig. 16-6 und 16-7) hat nunmehr die Steigung (Fig. 16-8). Ohne technischen Fortschritt erhält man - wie in Fig. 16.6 - das Gleichgewicht , das sich aus dem Schnittpunkt der -Kurve mit dem Fahrstrahl aus dem Nullpunkt ergibt. Bei der durch den technischen Fortschritt nach oben verschobenen Kurve erhält man das Gleichgewicht wiederum durch den Schnittpunkt der -Kurve mit dem Fahrstrahl aus dem Ursprung, dessen Steigungsmaß nun die Wachstumsrate des technischen Fortschritts g enthält. Die Einführung des technischen Fortschritts zeigt, daß dieser die Quelle einer steigenden Pro Kopf-Produktion ist. Die Wachstumsrate der Pro-Kopf-Größen entspricht der Wachstumsrate des technischen Fortschritts. Die neoklassische Wachstumstheorie war ausgezogen, die Instabilität des postkeynesianischen Modells durch eine Produktionsfunktion zu beseitigen, in der die Faktoren substituierbar sind und die Grenzraten der technischen Substitution fallen. Das bedeutet: Die Wachstumsrate kann durch eine steigende Spar- und Investitionsquote nicht fortwährend erhöht werden. Andererseits ist ein Kapitalbestand Voraussetzung der Produktion und des Konsums. Im ersten Fall wird zu viel, im zweiten Fall zu wenig gespart, wenn der Verbrauch pro Kopf maximiert werden soll. Um das tatsächlich zu beobachtende Wachstum dennoch erklären zu können, bedarf es des technischen Fortschritts. Dieser wird vorgegeben, also nicht als Resultat ökonomischer Entscheidungen beschrieben. Übereinstimmend wird die Exogenität des technischen Fortschritts k̂ K̂t Êt–= Et L1 e g t⋅⋅ L0 e n t⋅ eg t⋅⋅ ⋅ L0 e n g+( ) t⋅= = = k̂ s f ki( )⋅ ki ----------------- n g+( )–= ki ˆ 0= s f ki e( )⋅ ki e ----------------- n g+= qe f ki e( ) n g+ s ----------- ke⋅= = q f ki( )= n g+( ) s⁄ q1 e q1 n s⁄( ) ki⋅ q2 q2 e q2 g 394 Dritter Teil. Makroökonomie als größte Schwäche des neoklassischen Modells angesehen. Diese Schwäche versucht die endogene Wachstumstheorie zu überwinden. Fig. 16-8: Neoklassisches Wachstumsgleichgewicht ohne und mit technische Fortschritt Endogene Wachstumstheorie ROBERT SOLOW veröffentlichte seinen grundlegenden, mit einem Nobelpreis ausgezeichneten Beitrag zur Wachstumstheorie im Jahr 1956. Drei Jahrzehnte später erschienen die ersten Untersuchungen, in denen der technische Fortschritt nicht mehr vorgegeben, sondern modelltheoretisch erklärt wird. Deshalb spricht man von einer endogenen oder „neuen“ Wachstumstheorie. Die ersten Beiträge mit dem endogenen Ansatz lösten eine Flut von Veröffentlichungen aus. Mit Recht wird deshalb von einer Renaissance der Wachstumstheorie gesprochen. Bahnbrechend waren die Arbeiten von PAUL S. ROMER, der schon in seiner an der University of Chicago verfaßten Dissertation und daran anschließenden Veröffentlichungen von steigenden Grenzerträgen des Kapitals ausging und damit das entscheidende Merkmal des SOLOW-Modells - sinkende Grenzerträge - in sein Gegenteil verkehrte. Zum Aufschwung der Wachstumstheorie hat auch ROBERT E. LUCAS JR. wesentlich beigetragen. Ein Kennzeichen der wachstumstheoretischen Renaissance ist die Vielzahl vonModellen, deren gemeinsames Merkmal die Endogenität des technischen Fortschritts ist, die sich jedoch sonst erheblich unterscheiden. Eine überzeugende q2 e q k1 2, e k0 q1 e n g+ s ----------- ki⋅ q2 f ki( )= n s -- ki⋅ q1 f ki( )= 16. Wachstum 395 Systematisierung der unterschiedlichen Modellansätze in der endogenen Wachstumstheorie fehlt bisher. Die Modelle der endogenen Wachstumstheorie sind mathematisch komplex. Eine lückenlose Ableitung des Wachstumsgleichgewichts würde den Rahmen einer Einführung sprengen. Deshalb mag es genügen, die Basiselemente des Modells von PAUL S. ROMER zu verdeutlichen und insbesondere dieUnterschiede zur neoklassischen Wachstumstheorie hervorzuheben. Bemerkenswert ist zunächst, daß ROMER das formaleGerüst der neoklassischenWachstumstheorie übernimmt: die Produktionsfunktion vom COBB-DOUGLAS-Typ und einige Gleichungen, in denen der zeitliche Verlauf von Faktoreinsätzen beschrieben wird. Die Produktionsfunktion bei ROMER entspricht der in den Gleichungen (16.20 b) und (16.30) aufgeführten (zur Vereinfachung wird im folgenden der Zeitindex meist weggelassen): (16.35) , mit . Die Bedeutung von , und ist dieselbe, wie im SOLOW-Modell, ebenso die der Definitionsgleichungen für die Wachstumsraten des Kapitalstocks (ohne Abschreibungen) und der Arbeitskräfte (oder der Bevölkerung) . Neu ist die Bedeutung von , dem Symbol des technischen Fortschritts: Diese Größe steht im SOLOW-Modell für die Effizienz der Arbeitskräfte. Sie muß mit einer konstanten, exogen vorgegebenen Rate steigen, wenn die Wirtschaft dauerhaft wachsen soll. NachROMER ist der Bestand an Kenntnissen oder die Zahl von Ideen, die in der Vergangenheit bis zum Zeitpunkt entwickelt oder erfunden worden sind. Für einen Vergleich seines Modells mit dem von SOLOW genügt es zu zeigen, wie endogen abgeleitet wird. Zunächst ist der Begriff Ideen weit gefaßt. Er schließt jegliche Art von Entdeckungen und Erfindungen ein. Die Definition bezeichnet die Zahl der Ideen zu einem bestimmten Zeitpunkt. Die Arbeitskräfte insgesamt ( ) werden in zwei Gruppen geteilt. Arbeitskräfte entwickeln entweder neue Ideen oder sie produzieren Güter , so daß . In der einfachsten Modellversion ist gleich der Zahl der Arbeitskräfte , multipliziert mit einer Rate, mit der sie neue Ideen tatsächlich entwickeln : (16.36) (Verhaltens-Gleichung). Die Rate , mit der die Arbeitskräfte der Gruppe neue Ideen entdecken, kann steigen, fallen oder konstant sein. So wird steigen, wenn Erfindungen der Vergangenheit - wie der Computer - die Produktivität der Forscher in der Gegenwart erhöht. Dagegen wird fallen, wenn es in der Gegenwart immer schwieriger wird, Neues zu erfinden, weil in der Vergangenheit das meiste schon entdeckt wurde. Im Grenzfall bleibt konstant. Aufgrund dieser Überlegungen läßt sich die Rate neuer Erfindungen wie folgt modellieren: (16.37) (Verhaltens-Gleichung). Y Kα A Ly⋅( ) 1 α–⋅= 0 α 1< < Y K L dK( ) dt( )⁄ K·≡ dL( ) dt( )⁄ L·≡ A At t A dA( ) dt( )⁄ A·≡ L LA( ) LY( ) L LA LY+= A · LA δ( ) A· δ LA⋅= δ LA δ δ δ δ δ AΦ⋅= 396 Dritter Teil. Makroökonomie In dieser Gleichung sind und Konstanten. bedeutet, daß die Produktivität der Ideenentwickler mit dem bereits vorhandenen Bestand an Ideen steigt (Beispiel Computer). Entsprechend gilt für das Gegenteil, während den Grenzfall darstellt, bei dem der Ideenbestand keinen Einfluß auf die Ideenentwicklung hat. Überdies wird angenommen, daß die Ideenentwicklung auch von der Größe der Gruppe abhängt. So mag die Entwicklung neuer Ideen zunehmen, je mehr Forscher mit einem Projekt befaßt sind, so daß eine stärkere Arbeitsteilung und Spezialisierung möglich wird. Nimmt man diese Annahme imModell auf, wird (16.36) unter Berücksichtigung von (16.37) zu (16.38) , mit (Verhaltens-Gleichung). Die Gleichung (16.38), die - wie wiederholt sei - nur den Faktor Arbeit in (16.35) spezifiziert, stellt eine gesamtwirtschaftliche Produktionsfunktion für Ideen dar. Sie zeigt das wesentliche Merkmal der endogen Wachstumstheorie: Die Produktion von technischem Fortschritt (repräsentiert durch ) hängt ab vom Anteil der in Forschung und Entwicklung tätigen Arbeitskräfte ( ) sowie der Produktivität dieser Kräfte ( ). So steigt der technische Fortschritt, wenn oder der Anteil zunimmt. Es genügt, daß eine dieser Bedingungen vorliegt. Der endogen erklärbare technische Fortschritt ist nach ROMER der Motor des Wirtschaftswachstums. Durch neue Erfindungen und/oder verstärkten Einsatz von Forschern sei es möglich, steigende Grenzerträge des Kapitals zu erreichen. Bei Investitionen in Sachkapital und Humankapital träten externe Effekte auf, die nicht nur das Einkommen des Investors, sondern auch das anderer erhöhten. Über ein diffundierendes Wissen komme es zu gesamtwirtschaftlichen Synergiewirkungen. Auf dieseWeise sei - anders als im SOLOW-Modell - dauerhaftes Wachstum möglich. Die Ableitung des gesamtwirtschaftlichen Gleichgewichts folgt der Linie des neoklassischenModells. Die für dieses Modell geltende Gleichgewichts-Bedingung (16.29 b) wird modifiziert durch eine Gleichgewichts-Bedingung für die Arbeitsproduktivität, für die stehen mag. Es läßt sich leicht zeigen, daß (16.39) (Gleichgewichts-Bedingung) stehenmuß. Die Pro Kopf-Wachstumsraten für die Produktion ( ), die Kapitalintensität ( ) und den Bestand an Ideen ( ) müssen gleich sein. Ohne technischen Fortschritt, wenn gleich Null oder negativ ist, gibt es auch kein Wachstum. Die Frage ist deshalb, wovon die Wachstumsrate des technischen Fortschritts abhängt. Dividiert man beide Seiten der Produktionsfunktion von Ideen (16.38) durch , erhält man etwas umgeformt (16.40) (Verhaltens-Gleichung). δ φ φ 0> Φ 0< Φ 0= LA A· δ LA λ Aφ⋅ ⋅= 0 λ 1< < A· λ ϕ φ 0> LA q̂ k̂ n= = gA q̂ k̂ gA= = q̂ k̂ gA gA A A· A -- δ L Aλ A1 φ– ------------⋅= 16. Wachstum 397 Entlang eines Gleichgewichtspfades ist konstant, was nur dann der Fall ist, wenn Zähler undNenner der rechten Seite in Gleichung (16.40) mit derselben Rate wachsen. Logarithmiert und umgestellt wird (16.40) zu (16.41) (Verhaltens-Gleichung). Auf dem Gleichgewichtspfad muß die Wachstumsrate der Gruppe gleich derWachstumsrate der gesamten Arbeitskräfte sein. Wäre sie höher, würde die Gruppe womöglich die Gesamtzahl der Arbeitskräfte übersteigen, was unmöglich ist. Das heißt . In (16.41) eingesetzt, erhält man schließlich (16.42) (Verhaltens-Gleichung). Nach (16.42) wird die wirtschaftlicheWachstumsrate bestimmt durch die Parameter der Produktionsfunktion für Ideen und der Wachstumsrate der Gruppe , die wiederum vom Wachstum der Arbeitskräfte insgesamt abhängt. Die endogene Wachstumstheorie überwindet die Beschränkung der neoklassischen Wachstumstheorie auf das Sachkapital. Durch die Einbeziehung von Humankapital in den Kapitalbegriff wird es möglich, eine realitätsnahe Erklärung für dasWirtschaftswachstum zu finden. Empirische Untersuchungen haben das weitgehend bestätigt. Es hat sich als fruchtbar erwiesen, für die gesamtwirtschaftliche Sicht von der neoklassischen Annahme sinkender Grenzerträge abzurücken und von steigenden Grenzerträgen auszugehen, die auf wissenschaftlichen und technologischen Innovationen der letzten Jahrhunderte beruhen. Anders als die neoklassische vermag die endogene Wachstumstheorie auch Unterschiede in der wirtschaftlichen Entwicklung zu erklären. Länder, in denen die Bildung und Verbesserung von Humankapital günstig verlaufen und gefördert worden ist, weisen in aller Regel höhere Wachstumsraten auf als Länder, in denen das nicht oder kaum der Fall war. Deutlich sind auch die Lehren der endogenen Wachstumstheorie für die Politik. Der Wissenschafts- und Bildungspolitik kommt eine kaum zu überschätzende Bedeutung auch für das Wirtschaftswachstum zu. III. Wachstumsprognosen Wachstumsprognosen in einer marktwirtschaftlichen Ordnung Prognosen über das quantitative Wirtschaftswachstum erfreuen sich, vor allem unter wissenschaftlichen Beratern, großer Beliebtheit. Demgegenüber ist festzuhalten: Es gibt keinewissenschaftlich haltbare Begründung für quantitative Wachstumsprognosen in einerMarktwirtschaft. Die marktwirtschaftliche Ordnung beruht im privaten Sektor auf Einzelentscheidungen vonMillionenHaushalten und Unternehmen, deren Pläne am Markt abgestimmt werden. Diese kurze und geläufige Formel läßt leicht übersehen, daß die Marktparteien im A· A⁄ gA≡ 0 λ L· A LA ----- 1 Φ–( ) A · A --⋅⎝ ⎠ ⎛ ⎞–⋅= LA LA L· A LA⁄ n= gA λ n⋅ 1 Φ– ------------= LA 398 Dritter Teil. Makroökonomie Hinblick auf ihre Erwartungen sich ständig positiven wie negativen Überraschungen gegenübersehen. Die Ursache dafür ist: Obwohl sich die Pläne der Marktteilnehmer auf verfügbare Informationen stützen, führt die Unvollkommenheit des Wissens dazu, daß Wünsche und Realität nur selten voll zur Dekkung gebracht werden können. Abweichungen der Wirklichkeit von den Erwartungen haben die Konsequenz, daß der einzelne Erfahrungen und Wissen sammelt über Dinge, die er bisher nicht erfahren oder wissen konnte, und daß er bei seinen nächsten Entscheidungen am Markt von diesem Stand seiner Erkenntnisse ausgeht. Unter dem Informationsaspekt wirdman die auf FRIEDRICH AUGUST VON HAYEK zurückgehende Formulierung für zutreffend halten, nach der der Wettbewerbsprozeß ein Vorgang der Informationsausbreitung ist, der uns alle zu ständigen Anpassungen zwingt. Es ist ausgeschlossen, daß irgend jemand zu Beginn einer Zeitperiode weiß, wie hoch die Wachstumsrate als Ergebnis eines Prozesses nach Ablauf eines bestimmten Zeitabschnitts sein wird. Als Frage verbleibt, ob sich an dieser Aussage etwas ändert, wenn man die Beeinflußbarkeit der privaten Entscheidungen und die Möglichkeiten staatlichen Handelns berücksichtigt. In Deutschland gibt seit es seit dem Jahr 1963 einen Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung. Angesichts dieses Auftrags ist es naheliegend, daß sich die Sachverständigen mit dem Problem quantitativerWachstumsprognosen befaßt haben. Die Sachverständigen haben nach ihren Worten Verständnis für die Auffassung, Wachstum ergebe sich aus Millionen Individualentscheidungen. Sie könnten sich jedoch bei Würdigung aller Umstände dieser Auffassung nicht anschließen. Einen dieser Umstände sehen sie darin, daß das Leistungsstreben der Individuen mindestens teilweise ein Produkt von Erziehung und Umwelt sei. Die marktwirtschaftliche Ordnung habe sich als leistungsfördernd erwiese. Aber niemand wird behaupten wollen, diese Ordnung ließe sich nicht mehr weiterentwickeln oder an veränderte Aufgaben anpassen. An der Richtigkeit dieser Ansicht der Sachverständigen soll nicht gezweifelt werden. Doch ist nicht einzusehen, wieso sie als Antwort auf das Argument verstanden werden kann, Wachstum sei das Ergebnis von Einzelentscheidungen. Nur wenn man unterstellt, man könne auf die „Erziehung und Umwelt“ von Millionen Haushalten und Unternehmen so einwirken, daß das prognostizierte quantitativeWachstum exakt eintritt, ließe sich die Antwort halten. Der utopische Charakter einer derartigen Ansicht ist evident. Es geht nicht darum, die Einwirkungsmöglichkeiten auf menschliches Handeln zu leugnen, sondern um die Implikation der Ansicht, daßMenschen in einerWeise beeinflußbar und ihre Umweltbedingen so gestaltungsfähig sind, daß man nach einem Jahr ein Wirtschaftswachstum von z. B. 2,4% erreicht. Einenweiteren Umstand, der für quantitativeWachstumsprognosen spräche, sehen die Sachverständigen im Einfluß, den der Staat auch in einer Marktwirtschaft habe. Staatliches Handeln lasse sich als Ergänzung privater Präferenzen verstehen. Weil die öffentliche Hand über einen beträchtlichen Anteil am Sozialprodukt verfüge, sei es möglich, die privaten Entscheidungen so zu ergänzen, daß die prognostizierteWachstumsrate tatsächlich erreicht werde. Dieses Bild vom Staat und die Einschätzung seinerMöglichkeiten habenwiederum 16. Wachstum 399 mit der Realität wenig zu tun. Erstens ist für die Verhältnisse in Deutschland - ähnliches trifft für andere Länder zu - zunächst festzuhalten, daß es „den“ Staat nicht gibt, wohl aber über 10 000 Gebietskörperschaften (Bund, Länder, Kommunen), für die zwar gemeinsame Rahmenbedingungen gelten, die jedoch - im Hinblick auf wirtschaftlicheWirkungen - nach keinem bestimmten Plan operieren. Alle Versuche, wenigstens auf einigen Gebieten gemeinsam vorzugehen etwa in der Haushaltspolitik - sind bisher gescheitert. Zweitens sehen staatliche Stellen ihre Aufgabe nicht darin, private Entscheidungen zu ergänzen. Am Markt werden tagtäglich Entscheidungen getroffen, die tausendfach unterschiedliche Ergebnisse zulassen. Ein gewählte Regierungsmehrheit dagegen versucht in der jeweiligen Wahlperiode Pläne zu verwirklichen, die zuvor - je nach Interessenlagen der beteiligten politischen Gruppen - vereinbart worden sind. Diese auf Jahre angelegten Pläne sind nicht geeignet und auch nicht dafür vorgesehen, die kurzfristig erheblich schwankenden Wünsche von Marktteilnehmern zu ergänzen. Drittens sind staatliche Stellen außerstande, die quantitative Wirkung ihrer Maßnahmen vorherzusehen. Da diese die privaten quantitativen Wirkungen ergänzen sollen, müßten staatliche Stellen auch diese vorhersehen können. Es ist wirklichkeitsfremd anzunehmen, daß der Staat zu solchen Prognosen in der Lage sei. Stagnations- und Stufenprognosen Ein anderer Typ vonWachstumsprognosen sind Vorhersagen über die strukturelle Entwicklung des marktwirtschaftlichen Systems. Hierher gehören Stagnations- und Stufenprognosen, von denen zwei ausgewählt seien. Eine ist die Stagnationsprognose von ALVIN HARVEY HANSEN. Sie baut auf der Theorie von JOHN MAYNARD KEYNES auf. Unterstellt man, daß Staatshaushalt und Au- ßenhandel ausgeglichen sind ( und ), hängen im KEYNESschen System die Expansions- und Kontraktionswirkungen ausschließlich von und ab. Wenn langfristig bei gegebener Investitionsneigung so viel gespart wird, daß das Gleichgewichtseinkommen geringer als das Vollbeschäftigungseinkommen ist, ergibt sich daraus eine säkulare Stagnation (Fig. 16-9). Eine dauerhafte Vollbeschäftigung ( ) ist nicht erreichbar, weil die Investitionen ( ), gemessen am langfristigen Sparen ( ), zu gering sind. Im langfristigen Gleichgewicht ( ) wird zwar ebensoviel gespart wie investiert, aber die Investitionen sind zu niedrig, um das Vollbeschäftigungsniveau sichern zu können. Eine ständige Unterauslastung (Arbeitslosigkeit) wäre unvermeidlich, würde nicht der Staat die fehlende Nachfrage entfalten (Verschiebung von nach ). Da beim ersten Aufkommen dieser Prognose (1938) der Staat in erheblichem Umfang Rüstungsgüter kaufte, verbindet sich mit ihr häufig die Behauptung, eine Abrüstung ziehe Krise und Stagnation nach sich oder - anders formuliert - der "Kapitalismus" brauche Rüstungsausgaben zu seiner wirtschaftlichen Existenzerhaltung - ein unumstößlicher Glaubenssatz vor allem von Marxisten. HANSEN, der seine Prognose ausschließlich für die hochindustrialisierten Vereinigen Staaten gab, führt für eine Stagnation vier Gründe an: G T= X M= I S YV I0 S0 YE I0 I1 400 Dritter Teil. Makroökonomie Fig. 16-9: Säkulare Stagnation 1.eine fallende Wachstumsrate der Bevölkerung, 2.das Aufhören geographischer Erschließungen, 3.das Anwachsen der absoluten Sparsumme und 4.die Tendenz zu kapitalsparenden technischen Entwicklungen. Alle Gründe bewirken entweder ein Übersparen oder eine Unterinvestition. Wie andere Prognostiker, kam auch er zu seinen Aussagen nach historischen Vergleichen. Im 19. Jahrhundert war die amerikanische Volkswirtschaft sprunghaft gewachsen. In einem starken Anstieg der Bevölkerung - vor allem durch Einwanderungen -, der von der Erschließung neuer Gebiete angeregt und begleitet wurde, sah HANSEN die Triebfeder des Wachstums. Eine expandierende Bevölkerung und die Besiedlung des Mittelwestens, Westens und Südens der Vereinigten Staaten hatten den Bedarf nach Investitions- und Konsumgütern enorm erhöht. Für gesparteMittel und ausländische Kapitalimporte gab es stets ausreichende Investitionsmöglichkeiten. Verglichen mit dieser Zeit vollzog sich in den dreißiger Jahren dieses Jahrhunderts ein grundlegender Wandel, der nach HANSEN zu der Annahme Anlaß gebe, die Weltwirtschaftskrise sei nicht in erster Linie eine tiefe Depression, sondern der Beginn einer dauerhaften Unterbeschäftigung. Mit fallender Wachstumsrate der Bevölkerung und demAbschluß der Gebietserschließungen entstehe ein Überschuß der Ersparnisse über die Investitionen, weil eine im Durchschnitt ältere Bevölkerung sowohl mehr spare (junge Leute haben größeren Bedarf als alte) als auch weniger Investitionsmöglichkeiten biete (mit zunehmendemAlter werden relativ mehr Dienstleistungen nachgefragt als materielle Konsumgüter, womit der Investitionsbedarf sinkt). Hinzu komme der technische Trend zu kapitalsparenden Neuerungen und die - im Vergleich zum 19. und frühen 20. Jahrhundert geringe Zahl großer Investitionswellen (wie Eisenbahnbau, Fahrzeugbau, Elektrifizierung). 16. Wachstum 401 Die Prognose von HANSEN hat sich bisher nicht erfüllt. Während des ZweitenWeltkriegs war in den angelsächsischen Ländern die Ansicht verbreitet, die säkulare Stagnation werde durch den Kriegsbedarf überdeckt und trete deswegen nach dem Krieg in Erscheinung. Für die USA und Europa wurde folgerichtig andauernde Massenarbeitslosigkeit in Friedenszeiten vorhergesagt. Da bis in die Gegenwart hinein die Verhältnisse noch nicht denen früherer Friedenszeiten entsprechen und der Staat überall einen hohen Anteil des Sozialprodukts nachfragt, ist es bis auf eine wichtige Ausnahme nicht ganz einfach, HANSENS Hypothesensystem - Grundlage seiner Prognose - zu widerlegen. Mag er einerseits die künftige Entwicklung falsch eingeschätzt haben, so sind andererseits die meisten seiner Hypothesen empirisch plausibel, wenn die Bevölkerungszuwachsrate fällt. In diesem Punkt hat sich die Lage in den USA freilich völlig ver- ändert. Nach dem Zweiten Weltkrieg stieg die Bevölkerung stark an. In den letzten Jahren bestand eine permanente Schwierigkeit, das Arbeitsangebot in den Produktionsprozeß einzugliedern. Wenn HANSENS Prognose viel von ihrer Furcht eingebüßt hat, so vor allem deshalb, weil sie auf einer zeitbedingten, heute überholten Bevölkerungsentwicklung basiert. Die Erfahrung daraus könnte lauten, daß man mit säkularen Prognosen vorsichtig sein sollte, wenn nicht einigermaßen feststeht, daß die analytischen Grundlagen für den gesamten Zeitraum gelten. Die Stufenprognose von WALT W. ROSTOW, der eine Alternative zur marxistischen Entwicklungstheorie für notwendig hält, ist eine die historischen, geistigen und sozialen Charakteristiken berücksichtigende Antwort auf die "rigiden und mechanistischen" Wachstumsmodelle. Während sich die Stagnationstheoretiker mit den langfristigen Tendenzen reifer Volkswirtschaften befassen, wollen die Stufentheoretiker typische Prozeßabläufe vom Urzustand bis zur Reife aufweisen. ROSTOW versucht, dem Anstieg des Realeinkommens pro Kopf insgesamt fünf Phasen (Stufen) gesellschaftlicher Entwicklung zuzuordnen. Die Phasen ließen sich immer wieder beobachten, sogar unabhängig davon, ob es sich um eine "sozialistische" oder "kapitalistische" Wirtschaft handele: Die erste Stufe ist die traditionelle oder statische Gesellschaft. Die Arbeitsteilung ist wenig entwickelt, ein kontinuierlicher Strom technischer Neuerungen fehlt. Mehr als 75% der Erwerbstätigen sind in der Lebensmittelproduktion tätig. Mit guten Ernten fallen, mit schlechten steigen die Sterberaten. Die Gesellschaftsstruktur ändert sich kaum. Die soziale, berufliche und räumliche Mobilität ist gering. Die Zeit des Mittelalters in Europa dürfte ein gutes Beispiel für die erste Stufe sein. In einer zweiten Stufe bilden sich die Vorbedingungen für den Aufstieg heraus. Sie ist gekennzeichnet durch die allmähliche Entwicklung einer wissenschaftlichen Betrachtungsweise und insbesondere der modernen Naturwissenschaft. Damit geht die Entdeckung neuer Gebiete und Produktionsstätten einher. Drei Änderungen seien für diese Phase allgemeine Voraussetzung: Erstensmüßten soziale Einrichtungen geschaffenwerden - z. B. ein leistungsfähiges Transportwesen -, um die Märkte zu erweitern und wirtschaftlich zu integrieren. Zweitens müsse die Produktivität der Landwirtschaft stark an- 402 Dritter Teil. Makroökonomie steigen, wodurch erst ein rascher Anstieg der Stadt-Bevölkerung möglich werde. Drittensmüsse sich der Außenhandel ausweiten (Zunahme vor allem der Agrarexporte), um Kapitaleinfuhren für Investitionen zu ermöglichen. Großbritannien im 18. und Deutschland in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts können als Beispiele der zweiten Stufe gelten. Früher oder später wächst aus der zweiten die dritte Stufe der wirtschaftlichen Entwicklung (Phase des take-off = Abheben eines Flugzeuges). Langsam aber sicher wirdWachstum als ein Normalzustand akzeptiert. Die Sparund Investitionsquote steigt von 5 auf 10% des Volkseinkommens. Der Aufstieg "produziert" eine Klasse von Unternehmern, die denWachstumsprozeß vorantreiben. Die Mentalität, schnell Geld zu verdienen, breitet sich aus. Die take-off-Phase dauert im Schnitt etwa 20 Jahre. ROSTOW gibt für einzelne Länder folgende Daten: Großbritannien 1783-1802, Frankreich 1830-1860, USA 1843-1860, Deutschland 1850-1873, Japan 1878-1900, Rußland 1890- 1910, Indien und China 1952 bis heute. Als vierte Stufe wird die Entwicklung zur Reife angesehen. Die moderne Technik findet allgemein Anwendung. 10 bis 20% des Volkseinkommens werden investiert, so daß die Realeinkommen schneller als die Bevölkerung steigen. Der Anteil der Arbeitskräfte in der Landwirtschaft fällt von 40 auf 20% der Erwerbstätigen. Neben den Pionierunternehmern der Frühentwicklung bildet sich eineManagerklasse heraus. Die Reifephase dauert im Schnitt etwa 40 Jahre und wurde nach ROSTOW in Großbritannien um 1850, in den USA um 1900, in Deutschland um 1910 und in der Sowjetunion um 1950 erreicht. Die fünfte und letzte Stufe ist die der "Gesellschaft im Überfluß" oder des "Massenkonsums". Die meisten Menschen verfügen über Einkommensteile, die sie auch für einen gehobenen Lebensstandard nicht auszugeben brauchen. Die Produktionsfaktoren werden zunehmend für die Produktion dauerhafter Konsumgüter (Häuser, Automobile, Haushaltsmaschinen u. a.) und zur Deckung des Kollektivbedarfs (Zug zum Wohlfahrtsstaat) eingesetzt. Beides führt dazu, daß Wachstumsraten, die mehr und mehr fallen, individuell nicht mehr um jeden Preis als Ziel verfolgt werden, weswegen Wachstum eines der Ziele der Wirtschaftspolitik wird. ROSTOW sieht bemerkenswerte Parallelen zwischen der Entwicklung in den USA und der UdSSR. Die USA habe einen zeitlichen Vorsprung von 35 Jahren in der Industrieproduktion und von 50 Jahren bei den Pro-Kopf-Einkommen. Die Einteilung der Entwicklung einer Wirtschaft in mehr oder weniger eindeutig abgegrenzte Entwicklungsstufen und ihre prognostische Verwendung bei ROSTOW sind ein neueres Beispiel für die in der Geschichte der Volkswirtschaftslehre immer wieder auftauchenden Versuche, historische Entwicklungen auf wenige elementare Merkmale zu reduzieren, um sie auf solche Länder zu übertragen, die die letzte Stufe noch nicht erreicht haben. Die Analyse von ROSTOW ist gewiß dem schon logisch fehlerhaften System von MARX vorzuziehen und auch in mancher Hinsicht der auf dem KEYNESschen System beruhenden Stagnationsthese überlegen, wenngleich die Stetigkeit des Ablaufs und die Charakterisierung der fünften Stufe gewisse Bezüge zu MARX und HANSEN er- 16. Wachstum 403 kennen lassen. Der eigentliche Wert der Untersuchung ROSTOWS liegt eher in der Beschreibung wirtschaftshistorischer Fakten, mit der er jedoch bei Fachhistorikern auf Widerspruch gestoßen ist. Eine zureichende Grundlage der Prognose künftigenWachstums bildet seine Analyse wohl kaum. Die Anklänge an die individuellen Lebensvorgänge der Jugend, der Reife und des Alters sind deutlich. Zwischen individuellen Abläufen und gesellschaftlichen Entwicklungen sollte jedoch scharf getrennt werden. Eine Gesellschaft braucht nicht zu altern und wenn sie gealtert ist, kann sie sich - anders als Individuen - verjüngen. Deterministischen Geschichtsphilosophien, wie denen von KARL MARX, OS- WALD SPENGLER und ARNOLD TOYNBEE, ist gemeinsam, daß sie biologische Gesetzmäßigkeiten "sozialisieren", wofür es zwar einige Belege, aber zahlreiche Gegenbeispiele gibt. Als Grundlage allgemeiner Prognosen können sie nicht akzeptiert werden. Außerdem bestehen Zweifel, ob die unterentwikkelten Länder tatsächlich alle Entwicklungsstufen durchlaufen müssen, zumal sie es gar nicht wollen. Entscheidend für denWert einer Theorie ist - wie stets - die Überprüfung ihrer Hypothesen an der Realität. Siemüßte zeigen, ob die Analyse RO- STOWS jene Allgemeinverbindlichkeit für das Wachstum besitzt, die ihr beigemessen wird. Dabei bleiben gewisse Besonderheiten einzelner Länder, die den gekennzeichneten Entwicklungstrend variieren können, zu berücksichtigen. Diese Variationen dürfen jedoch keine generelle und zudem unspezifizierte Ausnahmeklausel sein, wenn Rostows Fünfstufenschema nicht zu einer unverbindlichen Aussage werden soll. Mathematischer Anhang zu Kapitel 16 Die Gleichung für die Wachstumsrate des Arbeitskräfteangebots (16.6) läßt sich umformen zu (16 A.1) . Durch Integration der linken Seite über (16 A.2) und der rechten Seite über (16 A.3) ergibt sich bei entsprechender Wahl der Integrationskonstanten und : (16 A.4) . n dL dt ------ 1 L --⋅= dL L ------ n dt⋅= L dL L ------∫ Lln C1+= t n dt⋅∫ n t⋅ C2+= C1 C2 Lln C1+ n t⋅ C2+= 404 Dritter Teil. Makroökonomie Die Integrationskonstanten und können nun auf der rechten Seite der Gleichung zu C zusammengefaßt ( ) und unter der Voraussetzung in logarithmischer Darstellung ( ) geschrieben werden: (16 A.5) . Exponiert man beide Seiten zur Basis , gilt wegen : (16 A.6) - Zur Zeit gilt: , woraus schließlich folgt: (16.7) . C1 C2 C2 C1– C= C 0> C cln= Lln n t⋅ cln+= e e Lln L= L c en t⋅⋅= t 0= L0 c e0⋅ c= = Lt L0 e n t⋅⋅= K 16 - 1 Grenzen des Wachstums Im Jahr 1972 veröffentlichte der "Club of Rome" die Studie "The limits to growth" (dt. "Die Grenzen des Wachstums", 1981), die ein internationales Wissenschaftlerteam am Massachusetts Institute of Technologie, Cambridge (USA), unter der Leitung von DEN- NIS L. MEADOWS (geb. 1942) verfaßt hatte. Diese Publikation löste eine weltweite Diskussion aus, die bis heute anhält. Mit einem Weltmodell, wie es in der Futurologie üblich ist, versuchten die Verfasser, die langfristigen Auswirkungen von politischen, wirtschaftlichen und technologischen Entscheidungen auf die Zerstörung der Umwelt zu erfassen und die Belastungsgrenzen der Erde bei fortschreitendem Wachstum der Bevölkerung, des Rohstoff- und Energieverbrauchs aufzuzeigen. Seitdem wird auch in anderen Untersuchungen mit Weltmodellen zu diesem Gegenstand operiert, wie z. B. in der vom früheren amerikanischen Präsidenten JAMES (JIMMY) CARTER (geb. 1924) in Auftrag gegebenen Arbeit "Global 2000" (1980). Die Autoren von "Grenzen des Wachstums" kommen zum Ergebnis, daß im Verlauf der nächsten 100 Jahre die Rohstoffvorräte der Erde erschöpft seien und die industrielle Produktion einschließlich Landwirtschaft und Dienstleistungssektor - zusammenbreche. Wegen einer Nahrungsmittelverknappung würde sich die Weltbevölkerung drastisch vermindern. Dieser Zusammenbruch ließe sich nur vermeiden, wenn das quantitative Wirtschaftswachstum beschränkt und ein Bevölkerungswachstum durch Geburtenkontrolle verhindert werde. "Prognosen" dieses Zuschnitts haben mit Wissenschaft wenig zu tun. Sie basieren auf einer großen Zahl von Annahmen über künftige Entwicklungen und Zusammenhänge, die niemand wirklich kennt oder kennen kann. In der Wirtschaftswissenschaft sind deshalb Weltmodelle ganz ungebräuchlich. Die tatsächliche Entwicklung offenbart auch die Fragwürdigkeit solcher Behauptungen. So ist das Versiegen der Ölquellen - verkündet schon für das Jahr 1992 - nicht eingetreten. Vielmehr hat sich durch neue Explorationen - induziert von hohen Mineralölpreisen - die Ölreserve von 1970 bis 1990 erheblich vergrößert, von 550 auf 900 Milliarden Barrels, bei einem Verbrauch von 600 Milliarden Barrels in dieser Zeit. Die kritische Beurteilung der Studie "Grenzen des Wachstums" und ähnlich angelegter Arbeiten sollte jedoch nicht verdecken: Die Probleme Ressourcenerschöpfung, Umweltbelastung und Bevölkerungsdruck existie- 16. Wachstum 405 ren und gewinnen eine zunehmende Bedeutung. Daß z. B. die Ölreserven irgendwann in der Zukunft - nach seriösen Schätzungen in 300 Jahren - erschöpft sein werden, scheint ziemlich sicher. Ob es technologische Entwicklungen geben wird, die diese Probleme abmildern, bleibt abzuwarten. Eine nicht nur vom Pessimismus bestimmte Beobachtung der Vergangenheit zeigt, daß kein Anlaß besteht, in eine Art Weltuntergangsstimmung zu verfallen, die der "Club of Rome" bei vielen erzeugt hat. Eine an der Realität orientierte Wirtschaftswissenschaft wird sich jedoch der aufgezeigten Probleme mehr als bisher annehmen müssen. 17. Kapitel: Einkommensverteilung I. Definitionen und Bedeutung der Einkommensverteilung Einkommensverteilungsdefinitionen Bezugsgrößen - Lohnquote und Profitquote - Abgrenzungen der funktionellen Einkommensverteilung Bedeutung der Einkommensverteilung Allgemeines Interesse an der Einkommensverteilung - Wachsender Bedarf nach öffentlichen Gütern und nichtmonetären Einkommen - Verteilungsprobleme oft vernachlässigt - Gesamtwirtschaftliche Ziele und Einkommensverteilung - Konkretisierung der "gerechten" Einkommensverteilung - Ökonomische Aspekte einer gleichmäßigen Einkommensverteilung K 17 - 1: Einkommensverteilung im vereinigten Deutschland II. Makroökonomische Verteilungstheorien Theoretische Ansatzpunkte Grenzproduktivitätstheorie - Funktionelle Einkommensverteilung - Wachstum und Verteilung - Einfluß der Monopolisierung Postkeynesianische Verteilungstheorie KALDORsModell der Einkommensverteilung und desWachstums - Profitquote determiniert von Sparneigung und vom Anteil der Investitionen am Volkseinkommen - Alternative Investitionsquote - Änderungen der Sparneigung der Arbeitnehmer - Änderungen der Sparneigung der Unternehmer - Wachstumstheoretische Implikationen - Einkommensverteilung mit I-S-Mechanismus III. Verteilungsmaße „Gesetz“ von PARETO - Empirische Relevanz - LORENZ-Kurve - GINI-Koeffizient - Keine Aussage über absolute Höhe der Einkommen I. Definitionen und Bedeutung der Einkommensverteilung Einkommensverteilungsdefinitionen Die Verteilung des Einkommens eines Landes knüpft an bestimmte Bezugsgrö- ßen an. Die wichtigsten sind: die Produktionsfaktoren und Einzelpersonen (oder Einzelhaushalte). Die auf Produktionsfaktoren bezogene Verteilung wird als funktionelle, die auf Personen (oder Haushalte) bezogene als personelle Einkommensverteilung bezeichnet (9. Kap.). Die Berücksichtigung staatlicher Einflüsse führt zu der Unterscheidung von primärer und sekundärer Einkommensverteilung (13. Kap.). ImMittelpunkt der wirtschaftstheoretischen Überlegungen steht die funktionelle Einkommensverteilung. In der makroökonomischen Theorie wird von zwei Produktionsfaktoren, von Kapital und Arbeit, ausgegangen; Boden läßt sich ohne Schwierigkeiten unter Kapital subsumieren. Der Anteil des Volkseinkommens, der auf den Produktionsfaktor Arbeit entfällt, wird als Lohnquote, der des Produktionsfaktors Kapital als Profitquote bezeichnet (10. Kap.). Die Anteile werden in Bruchteilen oder Prozentsätzen des Volkseinkommens ausgedrückt: (17.1 a) oder (17.1 b) (Definitions-Gleichungen). Das auf den Produktionsfaktor Arbeit entfallende Einkommen wird durch , das auf den Produktionsfaktor Kapital entfallende durch symbolisiert (13. Kap.). Lohn- und Profitquote sind komplementäre Größen: Je größer die eine Quote, um so kleiner ist die andere et vice versa. Die üblichen Abgrenzungen der funktionellen Einkommensverteilung sind nicht eindeutig. Im engeren Wortsinn wird die funktionelle Einkommensverteilung strikt auf die Faktoren Kapital undArbeit bezogen. Diese theoretisch mögliche Zurechnung bereitet statistisch erhebliche Schwierigkeiten. Deshalb wird von einer funktionellen Einkommensverteilung auch dann noch gesprochen, wenn die Verteilung auf Arbeitnehmer- und Unternehmerhaushalte gemeint ist, obwohl Arbeitnehmerhaushalte Kapital besitzen und Unternehmerhaushalte Arbeitsleistungen erbringen. Die Trennung zwischen Arbeitnehmer- und Unternehmerhaushalten ist sozioökonomischer Natur. Sie hat sich in der makroökonomischen Verteilungstheorie gleichwohl durchgesetzt. Dem Kriterium der funktionellen Einkommensverteilung - Faktorentlohnung - wird oft durch die Annahme entsprochen, daß die Einkommen der Arbeitnehmerhaushalte ausschließlich auf Lohneinkommen, die der Unternehmerhaushalte auf Unternehmertätigkeit und Vermögensbesitz zurückgehen. Durch Berechnen eines fiktiven Entgelts für Unternehmertätigkeit - die Einkommensarten der Unternehmerhaushalte sind empirisch nicht zu trennen - ist es möglich, das Wu Y ------ Pr Y ----+ 1≡ Wu Y ------ 100%⋅ Pr Y ---- 100%⋅+ 100%≡ Wu Pr 410 Dritter Teil. Makroökonomie gesamte aus Arbeitsleistungen stammende Einkommen (die Arbeitsquote) zu ermitteln (Bruttoarbeitseinkommen der Arbeitnehmer plus Arbeitseinkommen der Selbständigen). Demgegenüber ist die Abgrenzung in der Errechnung der personellen Einkommensverteilung eindeutig - statistisch allerdings schwierig - zu ermitteln: Sie gibt die auf Personen oder Einzelhaushalte entfallenden Einkommen ihrer Höhe nach an (Size Distribution of Income). Soweit sich wirtschaftspolitische Überlegungen auf eine gleichmäßigere Verteilung richten, knüpfen sie meistens an die personelle Einkommensverteilung an. Bedeutung der Einkommensverteilung Zu allen Zeiten haben Fragen der Einkommensverteilung die Aufmerksamkeit der Menschen auf sich gezogen. Solange nicht die Zustände eines Schlaraffenlandes existieren, können Güter nicht im gewünschten Umfang zugeteilt werden. Verbessern einige Personen oder Gruppen ihren bisherigen Anteil am Volkseinkommen, geht dies zwangsläufig zu Lasten der Anteile anderer. Letztlich dürfte die Menschen nicht so sehr interessieren, auf welche Weise die Güterproduktion funktioniert, sondern was ihnen im einzelnen vom Produktionsergebnis zukommt. Das allgemeine Interesse an der Einkommensverteilung scheint vom Produktionsniveau eines Landes nicht unabhängig zu sein. Leben breite Bevölkerungsschichten am Rande des physischen Existenzminimums, haben Verteilungsprobleme objektiv ein größeres Gewicht als bei einer ausreichenden Versorgung in einer wachsenden Wirtschaft. Man sollte meinen, daß mit steigendem realen Volkseinkommen pro Kopf Verteilungsprobleme in denHintergrund treten. Demgegenüber sieht es so aus, als würde die Einkommensverteilung eine zunehmende Bedeutung in einer "Gesellschaft im Überfluß" gewinnen, wenn man an die Schärfe des Verteilungskampfes in wirtschaftlich hochentwickelten Ländern denkt. Eine objektive Interpretation dieses Phänomens könnte sein: Für eine Volkswirtschaft auf einem sehr hohen Produktionsniveau ist einwachsender Bedarf nach öffentlichen Gütern und nicht-monetären Einkommen charakteristisch. Wenn auf Grund steigenden Staatsanteils der Einfluß des Staates an der Einkommensverteilung zunimmt, verliert die gesamte Einkommensverteilung an Eindeutigkeit und die über denMarkt erfolgende primäre Verteilung an Gewicht. Die bislang weitgehend anonyme Einkommensverteilung wirdmehr undmehr zu einer öffentlichen Angelegenheit, in der um die Gewährung von Einkommensanteilen und nicht-monetären Vorteilen gerungenwird. Ob und inwieweit das generelle verteilungspolitische Ziel staatlicher Aktivitäten, die primäre Verteilung des Marktes zu korrigieren, tatsächlich erreicht wird, ist indessen schwer abzuschätzen. Selbst der Ausschluß bestimmter Bevölkerungsgruppen von der Nachfrage nach öffentlich bereitgestellten Gütern oder von der Inanspruchnahme von Einkommensvorteilen gewährleistet keineswegs eine Einkommensverteilung zugunsten derjenigen, denen geholfen werden soll. In diesem Zusammenhang spielen Steuerüberwälzungen und -ausweichungen eine erhebliche Rolle. Von diesen Möglichkeiten können vor allem die Bezieher höherer Einkommen Gebrauch machen, weil die Gründe, die zu einem hohen Einkommen führen, oft eine Steuerüberwälzung oder -ausweichung gestatten - womit einer 17. Einkommensverteilung 411 redistributiven Steuer (15. Kap.) oder progressiven Einkommenssteuer bestimmte Grenzen gesetzt sind. Das skizzierte Phänomen dürfte auch eine subjektive Komponente haben: Steigende Einkommen bedeuten nicht zugleich wachsende Befriedigung. Der relative Abstand zu den Vergleichspersonen oder -gruppen scheint für die Bedürfnisbefriedigung nicht weniger wichtig als das absolute Niveau. Die Gleichmäßigkeit der Einkommensverteilung mag in entwickelten Volkswirtschaften größer sein. Wenn es eklatante Fälle mit gro- ßem relativen Abstand oder auch nur eine gute Einkommensverteilungstransparenz gibt, ist das Maß des Verteilungskonsenses oft gering. In der öffentlichen Auseinandersetzung werden in der Regel Verteilungsansprüche mit hohen sozialen Werten begründet. Niemand gibt gern zu, daß Neid und nicht der vorgegebene Wunsch ("Verdeckungsideologie") nach "sozialer Gerechtigkeit" Motiv der Forderung sein könnte. Zum starken emotionalen Interesse breiter Schichten an der Einkommensverteilung steht in bemerkenswertem Kontrast, daß in der Wirtschaftstheorie Verteilungsprobleme oft völlig vernachlässigt oder nur am Rand behandelt wurden. Der Schluß, erst die moderne Wirtschaftstheorie hätte sich Verteilungsproblemen zugewandt, wäre jedoch verfehlt. Vor über 150 Jahren erklärte kein Geringerer als DAVID RICARDO im Vorwort zu seinemHauptwerk "On the Principles of Political Economy and Taxation": "To determine the laws which regulate this distribution, is the principal problem in Political Economy...". Die von Neoklassikern entwickelte Grenzproduktivitätstheorie, auf der die Faktormarktanalyse basiert (9. Kap.) und die einen starken Einfluß auf die Erklärung der funktionellen Einkommensverteilung hat, kann als Versuch interpretiert werden, die "Gesetze" der Verteilung aufzudecken. Bis in die Gegenwart hinein ist die Grenzproduktivitätstheorie die vorherrschende Verteilungstheorie geblieben. Doch sie hat - wie noch ausgeführt wird - nicht nur einen sehr begrenzten Erklärungswert für die makroökonomische Einkommensverteilung. Sie ist auch in der volkswirtschaftlichen Analyse gegenüber anderen Theorieelementen zurückgetreten. Angesichts der skizzierten wirtschaftspolitischen und theoretischen Entwicklung wird verständlich, daß man sich in der modernen Wirtschaftstheorie Fragen der makroökonomischen Einkommensverteilung verstärkt zuwendet, wie es ihrer Bedeutung und dem breiten Interesse für diesen Gegenstand angemessen scheint. Im Hinblick auf die Bedeutung von Verteilungsfragen ist erstaunlich, daß eine bestimmte Einkommensverteilung nicht zu den expliziten gesamtwirtschaftlichen Zielen gehört. Für die Bundesrepublik Deutschland heißt es in § 2 des Gesetzes über die Bildung eines Sachverständigenrats zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung von 1963 (eine analoge Formulierung findet sich imGesetz zur Förderung der Stabilität und desWachstums derWirtschaft von 1967): "Der Sachverständigenrat soll in seinen Gutachten die jeweilige gesamtwirtschaftliche Lage und deren absehbare Entwicklung darstellen. Dabei soll er untersuchen, wie im Rahmen der marktwirtschaftlichen Ordnung gleichzeitig Stabilität des Preisniveaus, hoher Beschäftigungsstand und außenwirtschaftliches Gleichgewicht bei stetigem und angemessenemWachstum gewährleistet werden können. In die Untersuchung sollen auch die Bildung und 412 Dritter Teil. Makroökonomie die Verteilung von Einkommen undVermögen einbezogenwerden." Für dieses Vorgehen des Gesetzgebers spricht die Schwierigkeit, die Einkommens- (und Vermögens-) Verteilung als Ziel operational zu definieren. Gewiß sind auch die Definitionen der explizit genannten Ziele Preisniveaustabilität, Vollbeschäftigung, außenwirtschaftliches Gleichgewicht und Wachstum nicht unbestritten und innerhalb gewisser Grenzen Ausfluß politischer Ansichten. Bei der Einkommensverteilung gibt es jedoch kaumMaßstäbe, die - selbst bei Tolerierung gewisser Bandbreiten - einer operationalen Definition zugänglich wären. Auf einige Versuche, Verteilungsmaße zu finden, wird noch eingegangen. Zu einem erheblichen Teil beruht die Schwierigkeit, eine bestimmte Verteilung zu postulieren, auf dem tiefer liegenden Problem, daß es trotz zahlreicher Versuche seit Menschengedenken bis heute nicht gelungen ist, gesamtwirtschaftlich zu konkretisieren, was eine "gerechte" Einkommensverteilung bedeutet. Das ist eine wirtschaftsethische Frage, die kurz berührt sei, weil sie bei Verteilungsdiskussionen regelmäßig auftaucht. Geht man von der Prämisse aus, die meistenMenschen würden eine Einkommensverteilung für gerechtfertigt halten, bei der sich individuelle Leistung und Gegenleistung entsprechen, bleibt dennoch offen, was eine leistungsgerechte Entlohnung im einzelnen heißt. Das Problem wird nur auf eine andere Ebene verlagert. Gesamtwirtschaftlich wird häufig von einer gerechteren Einkommensverteilung gesprochen, wenn sie nur gleichmäßiger als die bestehende ist. Im Extremfall würde diese Gleichheitsforderung zu einer arithmetischen Verteilung führen, wobei dahingestellt sein kann, ob als Verteilungseinheit die Person, die Erwerbsperson oder der Haushalt gelten soll. Eine völlig gleiche Einkommensverteilung dürfte wohl kaum den Gerechtigkeitsvorstellungen der meisten Menschen entsprechen. Sie impliziert, daß individuelle Unterschiede der Begabung, der Ausbildung, des Fleißes, der Arbeitszeit und des Arbeitsleids nicht berücksichtigt werden. Verbreiteten Gerechtigkeitsvorstellungen entspricht wohl eher, Gleiches - nicht jedoch alles - gleich zu behandeln. Doch was sind in Anbetracht der zahlreichen Komponenten gleiche Leistungen? Wer soll das feststellen, wenn davon ausgegangen werden muß, daß jeder Mensch ein Interesse an einer für ihn günstigen Verteilung hat? Auf diese und ähnliche Fragen konnte bisher keine allseits befriedigende Antwort gefunden werden - und es ist zu bezweifeln, ob es sie jemals gebenwird. DieWissenschaft ist überfordert, wennman von ihr die Ableitung normativer Aussagen verlangt, die der Willkür eines Werturteils nicht entraten können. Die Forderung nach Gleichmäßigkeit der Einkommensverteilung hat nicht nur ethische, sondern beachtenswerte ökonomische Aspekte. Unterstellt man, daß zwischen dem Leistungsentgelt und der wirtschaftlichen Aktivität eine positive Korrelation besteht, wirkt die Einkommensverteilung fördernd auf das Produktionsergebnis ein. Bei einer sehr gleichmäßigen Einkommensverteilung würde das Volkseinkommen geringer sein als bei einer ungleichmäßigeren, sofern sich die Ungleichmäßigkeit in Grenzen hält, die von der Leistungsmotivation gesteckt sind. In opportunity cost ausgedrückt: Eine hohe Wachstumsrate ist - unter der angegebenen Prämisse - nur um den "Preis" einer ungleichmäßigeren Einkommensverteilung zu haben, eine gleichmäßigere Einkommensver- 17. Einkommensverteilung 413 teilung kostet Wachstum. Wachstumspolitik ist damit zwangsläufig Einkommensverteilungspolitik. Da die Preisniveaustabilitäts-, Beschäftigungs- und Außenwirtschaftspolitik ihrerseits nicht ohne Einfluß auf das Wachstum sind, läßt sich generell konstatieren: Die Wirtschaftspolitik ändert - gewollt oder ungewollt - Einkommensverteilung und Wachstum. K 17-1 Einkommensverteilung im vereinigten Deutschland Die Einkommen als Ergebnis der Produktion streuen nicht nur nach Produktionsfaktoren und Personen, sondern auch räumlich, national wie international. Internationale Einkommensunterschiede sind der entscheidende Grund für die Entwicklungspolitik. Ähnliches gilt für regionale Streuungen innerhalb eines Landes, die zwar nicht so ausgeprägt wie international, aber noch deutlich vorhanden sind. Generell liegen die Einkommen in den Städten - vor allem in Ballungsgebieten, wie dem Frankfurter und Münchener Raum - höher als in entlegenen Landstrichen, wie dem Bayrischen Wald. Regionale Einkommensunterschiede lösen jedoch nur in Ausnahmefällen eine auf Ausgleich oder Milderung setzende Subventionspolitik des Staates aus. Solche Ausnahmen waren die Zonenrand- und die Berlin-Förderung vor der deutschen Einigung. Nach der deutschen Einigung im Jahr 1990 stellte sich dieses Problem in einer bisher unbekannten Schärfe. In den neuen Bundesländern betrugen die durchschnittlichen Einkommen weit überwiegend aus Löhnen - trotz einer großzügigen Umstellung von DM-Ost auf DM-West etwa die Hälfte der in den alten Bundesländern. Gemessen jedoch an der ostdeutschen Produktivität, die auf etwa ein Viertel oder ein Drittel der westdeutschen geschätzt wurde, waren selbst diese Einkommen zu hoch. Die Wirtschaftspolitik stand vor einem Dilemma: Bleibt sie untätig, wird sich die schon vorhandene Ost-West-Wanderung der Arbeitskräfte in Deutschland (Pendler und Aussiedler) erheblich verstärken und - wie im unterentwickelten Süden Italiens - ein deutsches Mezzogiorno entstehen. Ermöglicht sie dagegen mit Subventionen hohe Löhne, wird die vorhandene Arbeitslosigkeit bestehen bleiben oder verschärft. Die Politik hat sich - entgegen den Ratschlägen mancher Ökonomen - für die zweite Möglichkeit entschieden und einen riesigen Strom von Subventionen, die nicht den Einkommensempfängern direkt, sondern Unternehmen zufließen, in die neuen Bundesländer geleitet. Nach Berechnungen der Deutschen Bundesbank beliefen sich die Nettotransfers in den ersten zehn Jahren nach der deutschen Einigung auf über 500 Mrd. DM. Dieser Betrag entspricht dem Zuwachs der öffentlichen Verschuldung in dieser Zeit. Durch diese Transfers konnten sich die ostdeutschen Einkommen, insbesondere die Löhne, in wenigen Jahren fast vollständig denen in Westdeutschland anpassen. Die zu erwartenden Folgen blieben nicht aus: Die Arbeitslosigkeit in den neuen Bundesländern hält sich seit Beginn der Transferzahlungen auf einem hohen Niveau, zumal die Subventionen bisher keinen selbsttragenden Aufschwung in Gang gesetzt haben. Deutlich zeichnet sich auch für die Zukunft ein hoher Bedarf für weitere 414 Dritter Teil. Makroökonomie II. Makroökonomische Verteilungstheorien Theoretische Ansatzpunkte Die traditionelle Grenzproduktivitätstheorie versucht die mikroökonomische Einkommensverteilung zwischen Anbietern und Nachfragern von Produktionsfaktoren zu erklären. Genau genommen enthält sie nur Aussagen über die Bestimmungsgründe der Faktornachfrage. Sie ist andererseits - was im Hinblick auf die üblichen Annahmen in der Wachstumstheorie und makroökonomischen Einkommensverteilungstheorie zu beachten bleibt - nicht auf die Marktform der vollständigen Konkurrenz beschränkt. Die makroökonomische Verteilung läßt sich als das Ergebnis eines Tauschprozesses auf zahlreichen Faktormärkten interpretieren. Unter diesemAspekt scheint eine besondere makroökonomische Verteilungstheorie weder nötig noch möglich, wenn an die Schwierigkeiten der Aggregation komplexer Marktvorgänge gedacht wird - es sei denn, man führt drastische Vereinfachungen ein. Genereller ausgedrückt: In marktwirtschaftlichen Systemen vollzieht sich die Einkommensverteilung im wesentlichen auf zahlreichen Teilmärkten. In einem vielschichtigen, interdependenten Faktorpreisbildungsprozeß kommen Verteilungsergebnisse zustande, die sich makroökonomisch in Faktoreinkommen niederschlagen. Die Diskrepanz - die bis heute nicht befriedigend gelöste Integration von mikro- und makroökonomischer Verteilungstheorie - wird in der neoklassischen Wachstumstheorie durch rigorose Vereinfachungen der Prämissen beseitigt: Die Volkswirtschaft als Ganzes entspricht einem Betrieb, für den insbesondere die Bedingungen der vollständigen Konkurrenz auf den Beschaffungs- und Absatzmärkten sowie der unbegrenzten technischen Teilbarkeit und Substituierbarkeit der Produktionsfaktoren Kapital und Arbeit unterstellt werden. Es liegt in der Logik dieser Prämissen, z. B. eine Volkswirtschaft mit einer Produktionsfunktion vom COBB-DOUGLAS-Typ anzunehmen. Die Frage nach der funktionellen Einkommensverteilung auf Kapital und Arbeit ist in der neoklassischenWachstumstheorie damit implizit beantwortet. Der Profit pro Kapitaleinheit ( ) bei konstanten Skalenerträgen und vollständiger Konkurrenz auf allen Märkten entspricht im Gleichgewicht dem Grenzertragswert des Faktors Kapital, der die partielle Ableitung der Funktion (16.21) nach ist. Partielles Differenzieren von (16.21) ergibt (ohne Zeitindizes), da ist: (17.2) Subventionen ab. Die Finanzierung der Subventionen führte zu steigenden Zwangsabgaben, die die internationale Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft merklich vermindert haben. Höhere Zwangsabgaben und geringere Wachstumsraten haben schließlich bewirkt, daß seit dem Jahr 1993 die verfügbaren Einkommen aus unselbständiger Arbeit in den alten Bundesländern gefallen sind. Ein solches Ergebnis führt zu politischer Labilität und ist auf Dauer kaum aufrecht zu erhalten. πd Pr K⁄ K ki K L⁄= π Y∂L∂ ----- L f' K L ---⎝ ⎠ ⎛ ⎞ 1 L --⋅⋅= = 17. Einkommensverteilung 415 (Gleichgewichts-Bedingung). Der Profit pro Kapitaleinheit ist gleich dem Steigungsmaß der Kurve für die Arbeitsproduktivität als Funktion der Kapitalintensität, die in den Fig. 16-5 bis 16- 7 dargestellt wurde. Unter gleichen Bedingungen ist der Lohn pro Kopf ( ) gleich dem Grenzertragswert des Faktors Arbeit, der die partielle Ableitung der Funktion (16.21) nach ist. Partielles Differenzieren von (16.21) ergibt: (17.3) (Gleichgewichts-Bedingung). Der Lohn pro Kopf ist gleich dem Volkseinkommen pro Kopf minus dem Profit pro Kopf, da Löhne und Profite komplementäre Größen sind. Die Zusammenhänge - bezogen auf ein Gleichgewicht - veranschaulicht Fig. 17-1. Im Gleichgewicht ist das Volkseinkommen pro Kopf ( )gleich , das Kapital pro Kopf ( ) gleich . Fig. 17-1: Einkommensverteilung nach der neoklassischen Wachstumstheorie Der Profit pro Kopf ist das Produkt von und , wobei - der Profit pro Kapitaleinheit im Gleichgewicht - der Steigung von in entspricht. Die Differenz zwischen und ist der Lohn pro Kopf ( ). Ist in der neoklassischen Wachstumstheorie das Gleichgewicht erreicht, bleibt die Verteilung zwischen den Faktoren Kapital und Arbeit konstant. Dieses Verteilungsergebnis ändert sich für die COBB-DOUGLAS-Funktion, wenn nicht - wie unterstellt - von einer konstanten Technik ausgegangen wird. In der Makroökonomie führt die Einbeziehung des technischen Fortschritts graphisch gesehen zu anderen Verläufen der Produktionsfunktion, wie aus derMikroökonomie bekannt ist. Unverändert bleibt auch dann, daß die aus f' ki( )= ω Wu L⁄≡ L ω Y∂L∂ ----- L f K L ---⎝ ⎠ ⎛ ⎞ ' K L2 -----–⎝ ⎠ ⎛ ⎞ f K L ---⎝ ⎠ ⎛ ⎞+⋅⋅= = f ki( ) ki f' ki( )⋅–= E E Y L⁄ qe K L⁄ ki e Pr L⁄ K L⁄ Pr K⁄ π Pr K⁄≡ f ki( ) E Y L⁄ Pr L⁄ Wu L⁄ 416 Dritter Teil. Makroökonomie der neoklassischen Wachstumstheorie abgeleitete funktionelle Einkommensverteilung eine gesamtwirtschaftliche Produktionsfunktion voraussetzt. Es dürfte auch kaum die Intention anderer Neoklassiker gewesen sein, soweit sie sich mit der Einkommensverteilung beschäftigt haben - von JOHN BATES CLARK bis GEORGE JOSEPH STIGLER -, ihre mikroökonomischen Analysen durch weitere Vereinfachungenmakroökonomisch verwendbar zumachen. Die meisten Neoklassiker waren und sind nicht primär an makroökonomischen Wachstums- und Verteilungstheorien interessiert- ein Grund mehr zu bezweifeln, ob die "neoklassische" Wachstumstheorie von SOLOW und seinen Nachfolgern die traditionelle Neoklassik widerspiegelt. Diese Schwäche der neoklassischen Wachstumstheorie ist von NICHOLAS KALDOR richtig erkannt worden. Während der "Neoklassiker" SOLOW eine Wachstumstheorie entwickelt, die verteilungspolitische Implikationen enthält, stellt KALDOR auf eine makroökonomische Verteilungstheorie ab, die wachstumstheoretische Konsequenzen hat. Gemeinsam ist ihnen - wie erwähnt -, daß die Instabilität derModelle vonHARROD und DOMAR beseitigt wird. Die Dominanz des Erklärungsziels rechtfertigt es, die Theorie SOLOWS und seiner Anhänger der Wachstumstheorie, die KALDORS und seiner Nachfolger der makroökonomischen Verteilungstheorie zuzuordnen. In dermodernenmakroökonomischen Theorie bildenWachstumundVerteilung ein schwer zu trennendes Ganzes. Die scharfe wachstums- und verteilungstheoretische Konfrontation zwischen Neo-Klassikern und Neo-Keynesianern drängte eine Entwicklung in den Hintergrund, die für beide Richtungen beachtlich bleibt: Nach einem Grundgedanken von MICHAL KALECKI (1899-1970), der verschiedene frühere Ansätze aufnimmt, beeinflußt das Ausmaß der Monopolisierung die Verteilung maßgeblich auch gesamtwirtschaftlich. Soweit Unternehmen eine monopolistische Marktstellung innehaben, bestimmen sie mit ihrer Preispolitik die Höhe des Einkommens und zugleich die Beschäftigung. Das reale Einkommen der Arbeitnehmer ist bei einem hohen Monopolisierungsgrad gering et vice versa. Eine monopolistische Preispolitik kann Ursache der Unterbeschäftigung sein eine Behauptung, die KALECKI nicht zuletzt unter dem Eindruck der Weltwirtschaftskrise der dreißiger Jahre vortrug. Schon vor ihm hatte ABBA PTACHYA LERNER den Monopolisierungsgrad als relative Abweichung des Preises ( ) von den Grenzkosten ( ) definiert [ ]. KALECKI nimmt an, daß im Zuge einer laufend steigenden Monopolisierung die Verteilung für die Arbeitnehmer ungünstiger werden wird. So beachtlich die Überlegungen KALECKIS für jeden Ansatz einer makroökonomischen Theorie auch bleiben: Die Reduktion der gesamtwirtschaftlichen Verteilungskomponenten auf monopolistische Marktstellungen läßt alle übrigen Einflüsse so stark zurücktreten, daß sie für die Erklärung ausfallen. Tatsächlich entzieht sich die Theorie KALECKIS bisher einer empirischen Erfassung. Postkeynesianische Verteilungstheorie Das von KALDOR Mitte der fünfziger Jahre entwickelte Modell der Einkommensverteilung und desWachstums ist ein auf der Analyse von KEYNES basierendes Konzept, das als Reaktion auf die Neoklassik zu verstehen ist. KEYNES p K' p K'–( )p 17. Einkommensverteilung 417 selbst zeigte sich an Verteilungsfragen wenig interessiert. KALDOR übernimmt sein Instrumentarium und unterstellt eine Zwei-Klassen-Gesellschaft, die aus Lohnempfängern und Profiteinkommensbeziehern besteht. Die Lohnempfänger sind entweder Arbeiter oder Gehaltsempfänger, die Profiteinkommensbezieher bestehen aus Unternehmern und Vermögensbesitzern. Für die KALDORsche Unterscheidung sind letztlich nicht die Beiträge beider Klassen zur gesamtwirtschaftlichen Produktion oder sozio-ökonomische Schichtungen, sondern ihr unterschiedliches Sparverhalten relevant. Der wichtige Unterschied liegt nach KALDORS eigenen Worten in der Tatsache, daß die marginale Konsum-(Spar-)Quote bei den Lohnempfängern groß (klein) ist im Vergleich zur Quote der Profiteinkommensbezieher. Vorausgesetzt wird - wie meist in der Theorie des Wachstums und der makroökonomischen Einkommensverteilung - Vollbeschäftigung. Das KALDOR-Modell geht von folgenden Gleichungen aus: (17.4) (Definitions-Gleichung), (17.5) (Definitions-Gleichung), (17.6) (Definitions-Gleichung), (17.7 a) und (17.7 b) (Verhaltens- Gleichungen). In (17.6) und (17.7) bedeuten ( ) das Sparen, ( ) die - marginale und zugleich auch die durchschnittliche - Sparquote der Arbeitnehmer (Unternehmer) aus ihren Einkommen ( ). Bei gegebenen (autonomen) Investitionen läßt sich (17.6) wegen (17.7) - unter Berücksichtigung von (17.4) und (17.5) - als Verhaltens-Gleichung schreiben: (17.8) (Verhaltens-Gleichung). Dividiert man (17.8) durch , folgt (17.9) (Verhaltens-Gleichung). (17.9) mit multipliziert und nach der Profitquote aufgelöst, ergibt (17.10 a) bzw. (17.10 b) (Verhaltens-Gleichung). Y Wu Pr+≡ I S≡ S Sw Sp+≡ Sw sw Wu⋅= Sp spr Pr⋅= Sw Spr sw spr Wu Pr I spr Pr sw Wu⋅+⋅ spr Pr sw Y Pr–( )+⋅= = sp sw–( ) Pr sw Y⋅+⋅= Y I Y -- spr sw–( ) Pr Y ---- sw+⋅= 1 spr sw–( )⁄ Pr Y⁄ Pr Y ---- I Y -- 1 spr sw– ---------------sw spr sw– ----------------–⋅= Pr Y ---- 1 spr sw– ---------------- I Y -- sw–⎝ ⎠ ⎛ ⎞⋅= 418 Dritter Teil. Makroökonomie Die abhängige Variable Profitquote - oder die komplementäre Lohnquote - wird im KALDOR-Modell von zwei nicht komplementären Grö- ßen determiniert: von der Sparneigung aus Lohneinkommen oder Profit ( bzw. ) und vom Anteil der Investitionen am Volkseinkommen, der Investitionsquote ( ). Eine positive Profitquote ergibt sich solange, wie und sind, was in der Regel der Fall sein dürfte. Die Zusammenhänge lassen sich graphisch wie folgt veranschaulichen (Fig. 17-2). Die Einkommensverteilungsfunktion (17.10) wird durch die Gerade dargestellt: Die abhängige Variable ist auf der Ordinate, eine der unabhängigen Variablen, ( ), auf der Abszisse aufgetragen. Die beiden anderen unabhängigen Variablen bestimmen die Steigung der Kurve und ihren Schnittpunkt mit der Ordinate. Fig. 17-2: Einkommensverteilung nach der postkeynesianischen Verteilungstheorie von KALDOR Wenn für die Profitquote gilt, ist nur der Punkt relevant. Der skizzierte Zusammenhang wird auch deutlich, wennman in (17.10) für die Profitquote die Extremwerte und einsetzt und nach auflöst. (17.10) wird dann zu (17.11 a) für bzw. (17.11 b) für (Verhaltens-Gleichung). Pr Y⁄ Wu Y⁄ sw spr I Y⁄ spr sw> I Y sw>⁄ AC Pr Y⁄ I Y⁄ AC 1 spr sw–( )⁄sw spr sw–( )⁄– Pr Y⁄ 0= B Pr Y⁄ 0 1 I Y⁄ I Y -- sw= Pr Y ---- 0= I Y -- spr= Pr Y ---- 1= 17. Einkommensverteilung 419 (17.11 a) bezeichnet den Punkt , (17.11 b) den Punkt in Fig. 17-2. Wie beeinflussen Änderungen der drei unabhängigen Variablen , und , die Profitquote? Die Beantwortung dieser Frage erfolgt unter Anwendung der ceteris paribus-Klausel. Als erstes sei nach den Verteilungswirkungen gefragt, die von alternativen Investitionsquoten bei konstanten Sparquoten ausgehen (Fig. 17-3). Es ist ohne weiteres ersichtlich, daß bei konstanten Sparneigungen und eine steigende Investitionsquote von nach zu einer Vergrößerung der Profitquote von nach führt. Der Effekt kann gemessen werden, wenn man (17.10) partiell nach differenziert: Fig.17-3: Einfluß der Investitionsquote auf die Einkommensverteilung (17.12) (Verhaltens-Gleichung). (17.12) ergibt eine positive Größe, weil gilt. KALDOR nennt diesen Ausdruck "Empfindlichkeitskoeffizient der Einkommensverteilung" (coefficient of sensitivity of income distribution). Damit will er ausdrücken: Je größer die absolute Differenz der Sparquoten - d. h. je kleiner der Quotient bzw. die Steigung der Geraden in Fig. 17-3 - ist, um so geringer wird die Differenz zwischen Lohnund Profitquote in Abhängigkeit von der Investitionsquote sein. Als zweites seien die Verteilungswirkungen untersucht, die bei Konstanz der Sparneigung der Profiteinkommensempfänger und der Investitionsquote von Änderungen der Sparneigung der Arbeitnehmer auf die Profitquote ausgeübt werden (Fig. 17- 4). Die Profitquote geht bei steigender Sparnei- B C I Y⁄ sw spr I Y⁄ sw spr I1 Y⁄I2 Y⁄ Pr1 Y⁄ Pr2 Y⁄I Y⁄ Pr Y⁄( )∂ I Y⁄( )∂ -------------------- 1 spr sw– -----------------= spr sw> sprI Y⁄ sw 420 Dritter Teil. Makroökonomie gung der Arbeitnehmer, einer gegebenen Investitionsquote und konstanter Sparneigung der Unternehmer von auf zurück (die Lohnquote steigt von auf ), wenn die Arbeitnehmer mehr sparen (von nach ). Die Arbeitnehmer haben es also nach dem Modell selbst in der Hand, die Einkommensverteilung zu ihren Gunsten zu ändern. Fig. 17-4: Einfluß des Arbeitnehmersparens auf die Einkommensverteilung Als dritte Möglichkeit sei der Einfluß einer Änderung der Sparneigung der Unternehmer auf die Profitquote erörtert, wobei die Investitionsquote und die Sparneigung der Arbeitnehmer konstant gehalten werden ( , ; Fig.17-5). Fig. 17-5: Einfluß des Unternehmersparens auf die Einkommensverteilung I Y⁄ spr Pr1 Y⁄ Pr2 Y⁄1 Pr1 Y⁄– 1 Pr2 Y⁄–sw1 sw2 spr I Y⁄ sw 17. Einkommensverteilung 421 Die Profitquote geht bei stegendem Unternehmersparen , einer Investitionsquote und konstantem von auf zurück, d. h. das Unternehmersparen reduziert (erhöht) ebenso wie das Arbeitnehmersparen die Profitquote (Lohnquote). Zusammenfassend gilt für das KALDOR- Modell: Erhöhungen der Investitionsquote vergrößern (reduzieren) die Profitquote (Lohnquote). Im Gegensatz dazu führt steigendes Sparen - gleichgültig, ob bei Arbeitnehmern oder Unternehmern - zu höheren Lohnquoten (geringeren Profitquoten). Auf die wachstumstheoretischen Implikationen des KALDOR-Modells wurde bereits hingewiesen. Sie seien auch explizit behandelt. Für ein gleichgewichtiges Wachstum gilt neben anderen die Prämisse, daß geplantes Sparen und Investieren gleich sind (16.5 b) (Gleichgewichts-Bedingung). Dann kann (17.10 b) geschrieben werden (17.13) (Verhaltens-Gleichung). Da im KALDOR-Modell - wie in der Wachstumstheorie - die marginale und durchschnittliche Sparquote gleichgesetzt worden sind ( ), geht (17.13) wegen (16.27 b) über in (17.14) (Verhaltens-Gleichung). Nimmt man mit KALDOR an, daß eine zu ignorierende Größe - im Grenzfall Null - ist, gilt (17.15 a) bzw. (17.15 b) (Verhaltens-Gleichungen). Aus (17.14) und (17.15) ist ersichtlich, daß im KALDOR-Modell die Gleichgewichtsbedingung von der Einkommensverteilung abhängt, deren Determinanten die Investitions- und Sparquoten sind. Bezeichnet man die von Investitions- und Sparquoten abhängige Einkommensverteilung mit , so kann man im Hinblick auf (16.27) und (16.28) für das KALDOR-Modell formulieren: (17.16 a) oder (17.16 b) für (Gleichgewichts-Bedingung). Die Größen und sind im Modell von HARROD-DOMAR konstant, während bei SOLOW und bei KALDOR ist. Das Gleichgewicht nach (17.16) ist stabil, wenn bei Abweichungen vom Gleichgewicht Einkomspr1 spr2 vt vt N 0 σv 2,( )∼ mt pt– vut N 0 σu 2,( )∼ Zt 1– pt 1 1 a+ ----------- mt yt– aEt 1– pt vt– ut+ +( )= Et 1– Et 1– vt Et 1– ut 0= = Et 1– pt 1 1 a+ ----------- Et 1– mt yt– aEt 1– pt+( )= Et 1– pt Et 1– mt yt–= pt pt Et 1– pt– 1 1 a+ ----------- mt Et 1– mt– ut vt–+( )= a pt Et 1– pt–( ) 476 Dritter Teil. Makroökonomie (19.14) . Wie aus Gleichung (19.14) unmittelbar hervorgeht, werden Abweichungen des Angebots von seiner normalen Komponente ausschließlich bestimmt von dem unerwarteten Teil der Geldmenge ( ) und von den realen Angebots- und Nachfrageschocks ( und ). Somit kann durch Geldpolitik der reale Output nur dann systematisch beeinflußt werden, wenn auch die Geldmengenerwartungen des privaten Sektors systematische Fehler aufweisen. Dieses Ergebnis kannmit Hilfe einer bestimmten Feedback-Regel für das Geldangebot (19.9) veranschaulicht werden. Die Geldmenge in Periode soll dabei von einer autonomen Größe und von der Differenz zwischen Output und Normaloutput der Vorperiode abhängen. Außerdem wird das Geldangebot noch durch einen Zufallsterm , , bestimmt, da die Zentralbank die Geldmenge nicht exakt steuern kann: (19.15) . Da die Gesamtheit der Wirtschaftssubjekte über rationale Erwartungen verfügt und die Bestimmungsgründe des Geldangebots kennt, folgen die Geldmengenerwartungen der Feedback-Regel: (19.16) . Setzt man (19.15) und (19.16) in (19.14) ein, erhält man eine Outputgleichung, aus der sich die Politikineffizienz direkt ersehen läßt: (19.17) . Abweichungen des Angebots vomNormaloutput entstehen nun ausschließlich aus den Störgrößen , und ; die Parameter der Zentralbank-Reaktionsfunktion und treten in der Outputgleichung (19.17) nicht auf. Eine systematische Geldpolitik ist unter den getroffenen Annahmen damit unmöglich. Die ökonomischen Wirkungen einer Inflation hängen entscheidend von den Erwartungen der Wirtschaftssubjekte über die Zukunft ab. Eine von den Wirtschaftssubjekten nicht erwartete Inflation zeitigt andere Folgen als eine erwartete. Der Zusammenhang sei für die oben behandelten Einkommensverteilungs- und Beschäftigungswirkungen einer Inflation exemplarisch verdeutlicht (Übers. 19-3). yt s yt a 1 a+ ----------- mt Et 1– mt–( ) aut vt+ 1 a+ -----------------+ += yt mt Et 1– mt– ut vt yt s t γ0 γ1 yt 1– yt 1––( ) wt E wt( ) 0= mt γ0 γ1 yt 1– yt 1––( ) wt+ += Et 1– mt γ0 γ1 yt 1– yt 1––( )+= yt s yt 1 1 a+ ----------- awt aut vt+ +( )+= wt ut vt γ0 γ1 19. Inflation 477 Übers. 19-3: Einige Inflationswirkungen für Einkommensverteilung und Beschäftigung III. Inflationstheorien Inflationsbedingungen und Inflationstheorien Inflationsbedingungen geben an, unter welchen Umständen eine Inflation zustande kommt. Sie sind Definitionen - also keine Ursachenerklärungen -, die sich in verschiedenen Symbolen ausdrücken lassen. Bezeichnet man das reale Volkseinkommen mit , das nominale Volkseinkommen mit und das Preisniveau für alle Endprodukte (Deflator) mit , schreibt man bekanntlich (19.18) (Definitions-Gleichung). Für eine geschlossene Wirtschaft ohne staatliche Aktivität, die zur Vereinfachung unterstellt sei, gilt in der Terminologie von KEYNES (19.19) (Definitions-Gleichung). steht für die Ausgaben für die Konsumgüter, für die von Investitionsgütern. In der Sprache der Quantitätstheorie, die nicht auf sämtliche Transaktionen, sondern auf das Volkseinkommen abstellt (Cambridge-Version), lautet (19.19): (19.20) (Definitions-Gleichung). Erwartungsfall Handlungsrahmen Wirkungen 1. Unerwartete Inflation feste Kontrakte mit Verminderung des Realwertes von Geld a) Ressourcentransfer vom Gläubiger zum Schuldner, steigende Kreditnachfrage b) Ressourcentransfer vom Arbeiter zum Unternehmer, steigende Arbeitsnachfrage 2. Erwartete Inflation Anpassung der Kontrakte an Inflation a) verzögerte Anpassung: temporäre Wirkungen wie zu 1. b) sofortige Anpassung bei unzutreffenden Erwartungen: Ergebnis offen c) sofortige Anpassung bei zutreffenden Erwartungen: keine realen Wirkungen auf Beschäftigung; nur nominale Effekte auf Preisniveau und Löhne d) laufende Anpassung bei Erwartungsunsicherheit: Indexierung von Nominalkontrakten, erhöhter Risikozuschlag bei Zinsen Yr Yn P Yn Yr P⋅≡ Yn Yr P⋅ C I+≡ ≡ C I Yr P⋅ M V∗⋅ M 1 k∗ -----⋅≡ ≡ 478 Dritter Teil. Makroökonomie symbolisiert die Einkommenskreislaufgeschwindigkeit ( als reziproke Größe die Kassenhaltungsdauer) der Geldmenge ( ). Auf Indizes, die die Quantitätsgleichung FISHERS von der Cambridge-Version abheben, sei verzichtet. Aus (19.19) und (19.20) folgen: (19.21 a) und (19.21 b) (Definitions-Gleichungen). Wird auf prozentuale Änderungsraten abgestellt, gilt näherungsweise: (19.22) oder bei weiter Fassung (19.23) . In welcher Form lediglich eine näherungsweise Darstellung vorliegt, ist im mathematischen Anhang zu diesem Kapitel aufgeführt. Eine Inflation wurde als dauerhafte Preisniveausteigerung definiert. Sie liegt vor, wenn ist. Aus (19.22) folgt logisch, daß dies nur dann der Fall sein kann, wenn als allgemeine Inflationsbedingung gilt: (19.24 a) bzw. (19.24 b) , oder auf (19.23) abgestellt: (19.24 c) bzw. (19.24 d) . Diese allgemeine Inflationsbedingung läßt sich - beschränkt auf die Symbole der Quantitätsgleichung - für bestimmte Fälle spezifizieren: V∗ k∗ M Yr P⋅ M V∗⋅ C I+≡ ≡ P M V∗⋅ Yr --------------- C I+ Yr -----------≡ ≡ PΔ P ------ 100⋅ M V∗⋅( )Δ M V∗⋅ ------------------------ 100 YrΔ Yr -------- 100⋅–⋅≅ C I+( )Δ C I+ -------------------- 100 YrΔ Yr -------- 100⋅–⋅≅ PΔ P ------ 100⋅ MΔ M ------- 100 V∗Δ V∗ --------- 100 YrΔ Yr -------- 100⋅–⋅+⋅≅ C C I+ ----------- CΔ C ------- 100 I C I+ ----------- IΔ I ---- 100 YrΔ Yr -------- 100⋅–⋅ ⋅+⋅ ⋅≅ PΔ P⁄( ) 100 0>⋅ M V∗⋅( )Δ M V∗⋅ ------------------------ 100 YrΔ Yr -------- 100⋅>⋅ C I+( )Δ C I+ -------------------- 100⋅ YrΔ Yr -------- 100⋅> MΔ M -------- 100 V∗Δ V∗ --------- 100 YrΔ Yr -------- 100⋅>⋅+⋅ C C I+ ----------- CΔ C ------- 100 I I C+ ----------- IΔ I ----- 100⋅ ⋅+⋅ ⋅ YrΔ Yr -------- 100⋅> 19. Inflation 479 (19.25) für und (19.26) für und (19.27) für und (Definitions- Gleichung) Steigt also z. B. die Geldmenge um 10 v. H. bei Konstanz von Umlaufgeschwindigkeit und realem Volkseinkommen, steigt auch das Preisniveau um diesen Betrag. Das ist zwangsläufig, weil definitorisch der Fall. Aus (19.25) und (19.27) folgt u. a., daß die Inflationsbedingung nur vorliegt, wenn (19.28) für (Definitions- Gleichung) gegeben ist. In einer Wirtschaft mit einem steigenden realen Volkseinkommen muß die prozentuale Wachstumsrate der Geldmenge bei einer konstanten Umlaufgeschwindigkeit größer sein als die des realen Volkseinkommens. (19.28) ist nicht nur eine notwendige, sondern auch hinreichende Bedingung einer Inflation. Die Gleichungen (19.25) bis (19.27) beziehen sich auf isolierte Fälle, je nachdem, welche Größen in der Symbolik der Quantitätstheorie als variabel bzw. konstant gesetzt worden sind. Im Hinblick auf mögliche Konfusionen und auf gewisse Unklarheiten im Schrifttum sei auf den Charakter der Inflationsbedingungen besonders aufmerksam gemacht. Sie sind definitorische Festlegungen, ihre Ableitungen - wie (19.28) - deshalb logisch zwingend. Über Kausalbeziehungen und empirische Relevanz geben sie keine Auskunft. Die Suche nach den Ursachen istGegenstand der Inflationstheorien: Bei ihnen wird die Frage nach den abhängigen und unabhängigen Variablen und ihren Beziehungen gestellt. In der Symbolsprache von (19.21) könnte man z. B. schreiben (19.29) (Verhaltens-Gleichung). (19.29) könnte als spezifizierte inflationstheoretische Hypothese lauten (19.30) (Verhaltens-Gleichung). Es ließe sich aber auch formulieren (19.31) (Verhaltens-Gleichung). (19.31) würde - analog zu (19.30) - (19.32) (Verhaltens-Gleichung). In (19.29) und (19.30) wäre das Preisniveau abhängige Variable der Größen , und , in (19.31) und (19.32) die Umlaufgeschwindigkeit abhängige Va- MΔ M ------- 100⋅ 0> V∗ Yr const.= V∗Δ V∗ --------- 100⋅ 0> M Yr const.= YrΔ Yr -------- 100⋅ 0> M V∗ const.= MΔ M ------- 100⋅ YrΔ Yr -------- 100⋅> V∗ const.= P f M V∗ Yr, ,( )= P M V ∗⋅ Yr ---------------= V∗ f M P Yr, ,( )= V∗ Yr P⋅ M ------------= M V∗ Yr 480 Dritter Teil. Makroökonomie riable von , und . Beide Hypothesen sind - schon kombinatorisch - nicht ausschließliche Möglichkeiten der Beziehungen zwischen den Größen von (19.20). Sie können aber als die in der internationalen Diskussion wichtigsten angesehen werden. Im deutschen - stärker als im angelsächsischen - Schrifttum stößt man noch auf die Behauptung (19.33) (Verhaltens-Gleichung), so daß man entsprechend erhielte (19.34) (Verhaltens-Gleichung). Relativ wenig untersucht ist - vom Fall einer verbreiteten Arbeitslosigkeit abgesehen - die Beziehung (19.35) (Verhaltens-Gleichung), bei der man zur Hypothese (19.36) (Verhaltens-Gleichung) gelangen könnte. Die Beziehungen (19.29) bis (19.36) schließen komplexere Formen nicht aus, die hier unerörtert bleiben sollen. Monetäre und nichtmonetäre Inflationstheorien Theorien über die Ursachen der Inflation sind so zahlreich wie Sand amMeer oder kaumweniger häufig wieMenschen, die sich zu diesem Problem geäußert haben. Somacht einer den Krieg in irgendeinem Erdteil, ein zweiter kauflustige Hausfrauen, ein dritter die Besteuerung von Dienstleistungen, ein vierter übermäßigeAnsprüche an das Sozialprodukt verantwortlich - eine Liste, die sich beliebig verlängern ließe. Welche Erklärungen, Umstände undMotivationen man im einzelnen auch anziehen mag: Der Wissenschaftler muß daran festhalten, daß Preisniveausteigerungen nur eintreten können, wenn die aufgezeigten Inflationsbedingungen erfüllt sind. Ob man sich in der Sprache der Quantitätstheoretiker oder in der von KEYNES ausdrückt, stets muß gezeigt werden, warum die Determinanten des Preisniveaus sich so ändern, daß eine Inflation hinreichend und notwendig begründet ist. Eine Inflation mag wirtschaftsimmanente oder außerökonomische Ursachen haben. Stets müssen sie die in (19.24) aufgeführten Bedingungen, gleichsam das "Räderwerk" des Preisniveaus, beeinflussen. Alle Erklärungen, die die Komponenten des Preisniveaus nicht tangieren, sind unter den angegebenen Prämissen wissenschaftlich irrelevant und allenfalls psychologisch aufschlußreich. Die wissenschaftlich relevanten Inflationstheorien lassen sich unter verschiedene Oberbegriffe subsumieren. Traditionell wird nach Nachfragesoginflation (demand pull inflation) und Kostendruckinflation (cost push inflation) unterschieden. In der modernen Inflationstheorie setzt sich zunehmend die Trennung von monetär und nichtmonetär verursachten Preisniveausteigerungen durch, die mit der üblichen Abgrenzung wohl teilweise übereinstimmt, die M P Yr M f P V∗ Yr, ,( )= M Yr P⋅ V∗ ------------= Yr f M V∗ P, ,( )= Yr M V∗⋅ P ---------------= 19.Inflation 481 Übers. 19-4: Theorien über Inflationsursachen 482 Dritter Teil. Makroökonomie sachlichen Differenzen jedoch - auch terminologisch - genauer betont. Eine Systematik der so gegliederten Inflationsursachentheorien bietet Übers. 19-4. Ansatzpunkt der monetären Inflationstheorien sind - in der Sprache der Quantitätstheorie - die Größen und , der nichtmonetären Inflationstheorien . Die Inflationsursachen wirken - unter verschiedenen speziellen Bedingungen - auf die Determinanten des Preisniveaus , und ein. In welchem Umfang das geschieht, ist kontrovers. Die unterschiedlichen Auffassungen lassen sich graphisch illustrieren, wenn man Angebot und Nachfrage einer Volkswirtschaft wie auf einem partiellen Markt darstellt. Die monetäre Inflationstheorie spiegelt sich in Lage und Verlauf einer gesamtwirtschaftlichen Nachfragekurve wider. Bei der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage ( -Kurve) sind Bewegungen auf der Kurve als Änderungen der Einkommenskreislaufgeschwindigkeit bei gegebener nomineller Geldmenge, Verschiebungen der Kurve als Variationen der nominellen Geldmenge zu interpretieren. Das gesamtwirtschaftliche Angebot ( -Kurve) ist eine Aggregation der bekannten mikroökonomischen Kostenfunktionen (Fig. 19-4). Fig. 19-4: Preisniveauerhöhungen nach der Quantitätstheorie Für den Fall (Fig. 19-4.I.), daß sich die gesamtwirtschaftliche Nachfrage erhöht (von auf ), weil die Geldmenge gestiegen ist, kommt es zu einer entsprechenden Preisniveauerhöhung (von auf ). Diese Preisniveausteigerung setzt aber ein völlig unelastisches Angebot an Gütern voraus. Tatsächlich impliziert diese Theorie in den meisten Versionen, daß kurzfristig keine größeren Reserven an Produktionsfaktoren mehr bereitstehen, die es erlauben würden, das Angebot der gestiegenen Nachfrage anzupassen. Die obige Aussage gilt dann kurzfristig nur unter den Bedingungen der Vollbeschäftigung oder langfristig, wenn mit der Eingliederung temporär freigesetzter Produktionsfaktoren nicht gerechnet werden kann. Geht der Preisanstieg auf eine Erhöhung der Nachfrage zurück, spricht man traditionell von einer nachfrageinduzierten Inflation (demand pull inflation). Fällt bei gegebener monetärer Gesamtnachfrage das Angebot von auf (Fig. 19-4.II.), weil beispielsweise die Produktionskosten wegen einer Verschlechterung der Produktionsbedingungen oder Erhöhung der Lohnkosten M V∗ Yr M V∗ Yr D S D0 D1 P0 P1 S D0 S0 S1 19. Inflation 483 gestiegen sind, wird das reale Volkseinkommen sinken. Herrschte bisher Vollbeschäftigung ( ), tritt nun Unterbeschäftigung ( ) ein. Inwieweit sich das Preisniveau ändert, hängt von der Lage der -Kurve ab. Würde sich die Kurve der monetären Gesamtnachfrage von nach verschieben (z. B. als Folge von Geldmengenausweitungen), bestünde eine Tendenz zur Vergrößerung des Angebots (von auf ) bei gleichzeitig steigendem Preisniveau. Soweit nicht erreicht wird, sind weitere wirtschaftspolitische Maßnahmen nötig, um die Nachfrage aufzustocken. Der "Preis" für die Vollbeschäftigung bei einer Angebotsverschiebung von nach ist die Differenz . Entsprechendes gilt für die Verschiebung von nach . Preissteigerungen als Folge einer Angebotsverschiebung werden als kosteninduzierte Inflation (cost push inflation) bezeichnet. Vor allem KEYNES hat die Prämisse der Vollbeschäftigung kritisiert. Bei der Bestimmung des Preisniveaus müsse auf die jeweilige Beschäftigungslage Rücksicht genommen werden. Stiege die Nachfrage bei allseitig noch verfügbaren Produktionsfaktoren, würden nicht die Preise, sondern die verkäufliche Produktion und damit die Beschäftigung steigen. Produktionserhöhungen ohne Preissteigerungen wären jedoch in einer solchen Situation genau das, was die meisten Menschen wünschten. Erst wenn die Produktionsfaktoren zunehmend eingegliedert wären, vergrößerte sich mit steigender Nachfrage die Gefahr allgemeiner Preiserhöhungen. Solange die gesamte Nachfrage nicht mehr als das Angebot aufnimmt, steigt das Preisniveau nicht über (Fig. 19-5), auch wenn die Geldmenge expandiert. Werden bei weiter steigender Nachfrage einige Produktionsfaktoren knapp und wird damit die Produktionselastizität zunehmend geringer (Engpässe), ziehen die Preise etwas an, doch nicht in demMaße wie bei Vollbeschäftigung aller Faktoren ( ). Erhöhungen der monetären Gesamtnachfrage haben bei allgemeiner Unterbeschäftigung ausschließlich Produktionseffekte, in Engpässen Produktions- und Preiseffekte, bei Vollbeschäftigung ausschließlich Preiseffekte zur Folge. KEYNES wird damit nicht zum Anhänger einer nichtmonetären Inflationserklärung. Er hat ihr jedoch den Weg bereitet. Nach der Quantitätstheorie schlagen Geldmengenerhöhungen bald auf das Preisniveau durch, wohingegen nach KEYNES Geldmengenexpansionen erst über die Zwischenstationen Zins Fig. 19-5: Preisniveau bei unterschiedlicher Produktion Yrv Yru D D0 D1 Yru Yrv Yrv S0 S1 P1 P0– S1 S2 Yru Pu Yrv 484 Dritter Teil. Makroökonomie und Investitionen auf dieAusgaben einwirken. Dienichtmonetären Inflationstheorien gehen noch einen Schritt weiter und suchen fast ausschließlich in den Bestimmungsfaktoren des realen Volkseinkommens die Ursache von Preisniveauerhöhungen. Diese Theorien nehmen überwiegend ihren Ausgang vom wage push-Modell, das vielfältig variiert und generalisiert worden ist, indem man es auf alle Kostenarten (unter Einschluß der Steuern, z. T. auch auf Gewinne) bezog. Zu den Varianten der nichtmonetären Inflationserklärung sind ferner solche Hypothesen zu rechnen, die strukturelle Nachfrageverschiebungen innerhalb eines Landes (structural shift-inflation) oder international (terms of trade shift-inflation), die Ausübung von Monopolmacht (monopoly power-inflation) oder Preisfestsetzungen (administered prices-inflation) als Inflationsursachen ansehen (Übers. 19-4). Die Entwicklung der Inflationstheorien, vor allem auch ihre empirische Überprüfung, ist noch in vollem Fluß. Als Kritik schält sich heraus: Monetäre Inflationstheorien vernachlässigen auch mittelfristig - den Einfluß nichtmonetärer Faktoren auf das Preisniveau. Erstens kann die Elastizität der monetären Gesamtnachfrage - im Hinblick auf das Fehlen exakter Geldmengenabgrenzungen und der Variabilität der Umlaufgeschwindigkeit - größer sein, als generell angenommen wird. Zweitens ist die Produktionselastizität der Wirtschaft - ausgedrückt im Auslastungsgrad der Unternehmen - erheblichen Schwankungen unterworfen, auch wenn keine Massenarbeitslosigkeit eintritt. Für eine schleichende Inflation verbleibt ein größerer Spielraum.Nichtmonetäre Inflationstheorien haben oft den Fehler, die Ursachen von partiellen Preisänderungen mit solchen des Preisniveaus, auf die es ankommt, zu konfundieren oder zu identifizieren. Leicht wird übersehen, daß eine anhaltende nichtmonetär verursachte Inflation der Alimentierung durch eine Ausweitung der monetären Gesamtnachfrage, letztlich der Geldmenge, bedarf. So gesehen ist die Inflationserklärung nach einem der beiden Ursachenmuster ein Scheinproblem, weil es ohne einemonetäre Expansion eine dauerhafte Inflation - auch mit geringen Inflationsraten - nicht geben kann. Die unterschiedlichen Erklärungen gewinnen an Bedeutung, wenn sich die Inflationsraten in Grenzen halten und kurze Beobachtungszeiträume zugrunde liegen. Mathematischer Anhang zu Kapitel 19 Aus (19.18) folgt: (19 A. 1) . Betrachtet man diese Identität im Zeitablauf, gilt für die Wachstumsrate des Preisniveaus: (19 A. 2) . P Yn Yr -----≡ P' P ---- Yr Yn ----- Yn Yr -----⎝ ⎠ ⎛ ⎞ '⋅≡ 19. Inflation 485 Die Anwendung der Quotientenregel für Ableitungen ergibt: (19 A. 3) . Mit (19 A. 4) (Cambridge-Version) (KEYNES-Version) folgt: (19 A. 5) (Cambridge-Version) (KEYNES-Version). Wird weiterhin die Produktregel bzw. die Summenregel für Ableitungen angewendet, gilt für die Cambridge-Version: (19 A. 6 a) bzw. für die KEYNES-Version: (19 A. 6 b) . Werden die Differentialquotienten der jeweiligen Ableitungen durch Differenzenquotienten näherungsweise bestimmt: P P -- Yr Yn ----- Y'n Yr Y'r Yn⋅–⋅ Yr 2 -------------------------------------- ⎝ ⎠ ⎜ ⎟ ⎛ ⎞ ⋅≡ Yr Yn ----- Y'n Yr ------ Y'r Yn⋅ Yr 2 ---------------– ⎝ ⎠ ⎜ ⎟ ⎛ ⎞ ⋅≡ Y'n Yn ------ Y'r Yr -----–≡ Yn M V∗⋅≡ C I+≡ P' P ---- M V ∗⋅( )' M V∗⋅ --------------------- Y'r Yr -----–≡ C I+( )' C I+ ----------------- Y'r Yr -----–≡ P' P ---- M' V ∗⋅ M V∗'⋅+ M V∗⋅ ---------------------------------------- Y'r Yr -----–≡ M' M ----- V∗' V∗ ------- Y'r Yr -----–+≡ P' P ---- C' I'+ C I+ ------------- Y'r Yr -----–≡ C' C I+ ----------- I' C I+ ----------- Y'r Yr -----–+≡ C C I+ ----------- C' C ----⋅ I C I+ ----------- I' I --⋅ Y'r Yr -----–+≡ 486 Dritter Teil. Makroökonomie (19 A. 7) für entsprechen für den speziellen Fall (1 Jahr) die Ableitungswerte näherungsweise dem Betrag der absoluten Differenzen (Jahresänderung) (19 A. 8) für mit und die Wachstumsraten den relativen Änderungsraten (auf Jahresbasis): (19 A. 9) für mit . Werden die Änderungsraten prozentual erfaßt, ist eine zusätzliche Multiplikation mit 100 (%) erforderlich. Die Anwendung dieser Näherungsbetrachtung auf (19 A. 5) und (19 A. 6) ergibt (19.22) und (19.23). X' dX dt ------ XΔ tΔ ------≈= X P M V∗ Yr C I M V∗ C I+,⋅, , , , , ,= tΔ 1= X' XΔ≈ X P M V∗ Yr C I M V∗ C I+,⋅, , , , , ,= tΔ 1= X' X ---- XΔ X ------≈ X P M V∗ Yr C I M V∗ C I+,⋅, , , , , ,= tΔ 1= K 19-1 Haftung der Zentralbankleitung Zu den schlimmsten wirtschaftlichen Erfahrungen der jüngeren deutschen Geschichte gehören zwei Hyperinflationen, die im Gefolge der beiden Weltkriege auftraten. Daraus ist die Lehre gezogen worden, daß Stabilität des Geldwertes unabdingbare Voraussetzung für eine freiheitliche Ordnung in Staat, Gesellschaft und Wirtschaft ist. Die Geldwertsicherung soll eine von der Regierung unabhängige Zentralbank, der die notwendigen geldpolitischen Instrumente an die Hand zu geben sind, in die Wirklichkeit umsetzen. Die Deutsche Bundesbank ist als Zentralbank ihrer Aufgabe nach allgemeiner Einschätzung in einem hohen Maße gerecht geworden, vor allem im internationalen Vergleich. Gleichwohl gab es immer wieder Zeiten - in den siebziger und in den ersten neunziger Jahren -, in denen sie ihr Ziel Geldwertsicherung verfehlt hat. Die geldpolitischen Entscheidungen in Deutschland fällte in der Vergangenheit der Zentralbankrat. Seine Mitglieder - das Direktorium und die Präsidenten der Landeszentralbanken - wurden in der Regel für 8 Jahre bestellt. Eine Abberufung konnte nur aus wichtigem Grund erfolgen - z. B. bei grober Pflichtverletzung -, eine Wiederbestellung war möglich. Die Bezahlung der einzelnen Mitglieder des Zentralbankrats gab man nicht bekannt - im Gegensatz zur üblichen Verfahrensweise im öffentlichen Dienst. Ihre Bezüge wurden im Geschäftsbericht nur insgesamt ausgewiesen. Es ist davon auszugehen, daß der Vorsitzende des Zentralbankrats und sein Vertreter - Präsident und Vizepräsident - die am höchsten bezahlten Staatsdiener in Deutschland waren. Was für die Deutsche Bundesbank in der Vergangenheit galt, trifft wohl auch für die ähnlich verfaßte Europäische Zentralbank zu, die seit dem Jahr 2002 für die Geldpolitik verantwortlich ist. Welche Folgen treten ein, wenn eine Zentralbank ihre Aufgabe Geldwertsicherung nicht erfüllt? Es geschieht in aller Regel nichts. Bei Gesetzen lassen sich zwei Typen unterscheiden: Ein erster Typ sind Sanktionsgesetze. 19. Inflation 487 Wer gegen eine Norm verstößt, wird mit einer Sanktion - wie Geldstrafe oder Haft - belegt. Ein zweiter Typ sind Deklarationsgesetze. Es wird etwas zur Norm erklärt, ein Verstoß bleibt jedoch folgenlos. Die Regelungen zur Geldwertsicherung im Gesetz über die Deutsche Bundesbank oder die entsprechenden Vorschriften für die Europäische Zentralbank gehören zur zweiten Gruppe. Daß Gesetzesverstöße einer Zentralbank für ihre leitenden Mitglieder folgenlos bleiben, entspricht zwar - auch in anderen Ländern - der Tradition, ist aber nicht selbstverständlich. Im privaten Sektor werden Manager - z. B. einer Großbank -, die ihre Aufgabe nicht oder schlecht erfüllen, unter Umständen entlassen. Auch ohne Entlassung hängt die Höhe ihrer Bezüge vom Geschäftserfolg ab. Es gibt keinen überzeugenden Grund, bei einer Zentralbank anders zu verfahren. Tatsächlich ist Neuseeland als erstes Land weltweit dazu übergegangen, die Beschäftigung des Governors der Zentralbank von seiner performance abhängig zu machen. Verfehlt die Zentralbank ihr Ziel, kann der Governor vor dem Ende seiner Amtszeit entlassen werden. Der Erfolg ließ nicht lange auf sich warten. Das seit Jahrzehnten von der Inflation heimgesuchte Land verzeichnete sehr bald ein stabiles Preisniveau. Über diese Regelung hinaus ist erwägenswert, die Bezüge mit jedem Inflationsprozent zu kürzen. Ergebnis einer anhaltenden wissenschaftlichen Diskussion ist die Empfehlung, für die Zentralbankleitungen diese Art von Haftung einzuführen. 20. Kapitel: Konjunktur I. Sachverhalt der Konjunktur Begriff, wissenschaftliche Bedeutung und Meßgrößen Definition - Wissenschaftliche Bedeutung der Konjunkturtheorie - Meßgrößen - Frühindikatoren - Präsensindikatoren - Spätindikatoren Erscheinungsformen Wiederkehrende Merkmale - Indikatorenmuster - Saisonzyklen II. Hypothesen über Konjunkturschwankungen Traditionelle Theorien Ursachenerklärungen - SAYsches Theorem eine reale Konjunkturtheorie - SAYsches Theorem für Geldwirtschaft unhaltbar - Monetäre Konjunkturerklärung vonHAWTREY - Inflation und Prosperität brauchen nicht zusammenzufallen - Überinvestitionstheorie von WICKSELL und HAYEK - Zusammenbruch nicht zwingend - Unterkonsumtionstheorie von LEDERER und KEYNES - Strukturänderungen als Krisenursache Neuere Theorien Theorie realer Konjunkturschwankungen von KYDLAND und PRESCOTT - Externe Schocks - Kritik gegen die Annahmen des Modells - Neukeynesianische Konjunkturtheorie - Modell über Preisänderungskosten von MANKIW - Kritische Anmerkungen III. Zyklenmerkmale Verstärker Psychologische Verstärkereffekte bei PIGOU - Ursachen der Aktivitätsschwankungen - Produktionstechnische Akzeleratorwirkungen beiAFTALION - Zur Erklärung vonWendepunkten ungeeignet Konjunktur und Wachstum Gemeinsame Ursachen für Konjunktur und Wachstum bei SCHUMPETER - Multiplikator-Akzelerator-Modelle von SAMUELSON und HICKS I. Sachverhalt der Konjunktur Begriff, wissenschaftliche Bedeutung und Meßgrößen Konjunkturschwankungen sind zeitliche Änderungen der wirtschaftlichen Aktivität. DieseDefinition soll Fälle partieller wirtschaftlicher Aktivitätsänderungen einschließen, sofern sie gesamtwirtschaftlich durchschlagen. Die Aktivität kann an verschiedenen Größen gemessen werden, wie Volkseinkommen, Beschäftigung, Produktion und Preisniveau. Die Wirtschaftswissenschaft bemüht sich, die Erfahrungstatsache der Konjunkturschwankungen zu beschreiben und zu erklären. Ein breiteres Interesse an der Beschreibung und Analyse des Konjunkturverlaufs ist erst festzustellen, nachdem im 19. Jahrhundert der französische Amateurökonom CLEMENT JUGLAR die Allgegenwärtigkeit der Aktivitätsschwankungen aufgezeigt hatte. Traditionell galt die Konjunkturtheorie als eines der schwierigsten Kapitel, wenn nicht als der krönende Abschluß des volkswirtschaftlichen Lehrgebäudes. Nach heutigemVerständnis ist sie ein wesentliches Element der in der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen aufkommendenMakroökonomie, weil es sich als schwierig oder als unbefriedigend erwiesen hat, konjunkturelle Schwankungen mikroökonomisch zu erklären. Die wissenschaftliche Bedeutung der Konjunkturtheorie hat sich in den letzten Jahrzehnten aus verschiedenen Gründen gewandelt. Erstens schien das Zeitalter ständiger Aufwärtsentwicklung - eine ewige Prosperität - angebrochen zu sein, was man in den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts schon einmal geglaubt hatte. Scharfe Einbrüche, die früher beobachtet wurden, traten jahrzehntelang nicht mehr auf. Zweitens hat die Analyse der Weltwirtschaftskrise durch KEYNES und die damit einsetzende Entwicklung der Beschäftigungstheorie (14. und 15. Kap.) die Hoffnung geweckt, man könne stärkere Konjunkturausschläge verhindern. Erfahrungen der jüngsten Vergangenheit mahnen jedoch zur Vorsicht. Auch wenn die meisten glauben, die Prosperitätsphase nach dem Zweiten Weltkrieg werde nicht in einem ähnlichen Desaster wie nach 1929 enden, so sind in verschiedenen Ländern die Aktivitätsschwankungen doch erheblich größer gewesen als es wirtschaftspolitisch erwünscht und gesamtwirtschaftlich notwendig war. Drittens hat das Aufkommen der Ökonometrie dazu geführt, die Erklärung der Konjunktur als erledigt zu betrachten, wenn man die Wirkungen der Geld- und Fiskalpolitik analysiert hat. Mit dieser Sichtweise wird die traditionelle Konjunkturtheorie in doppelter Hinsicht verengt. Erstens: Aktivitätsschwankungen können, müssen also nicht Ursache oder Folge bestimmter staatlicher Maßnahmen sein. Zweitens: Meßbare Größen sind ein, also nicht der einzige Faktor der Konjunkturerklärung. Deshalb kann man nur wiederholen, was auch professionelle Ökonomen leicht vergessen: Methodisch muß scharf zwischen logischer Wahrheit und empirischer Geltung von Aussagen unterschieden werden. Aussagensysteme, wie die von KEYNES oder modernen Autoren, sind zunächst nur logisch wahr. In welchemMaße sie empirisch relevant sind, ist eine ganz andere Frage. Der KEYNESsche Erklärungstyp eines starken konjunkturellen Einbruchs war in den frühen dreißiger Jahren in einigen Ländern vermutlich empirisch bedeutsam, wenngleich es auch daran begründete Zweifel gibt.Was für die Jahre nach demZwei- 492 Dritter Teil. Makroökonomie ten Weltkrieg gilt, ist selbst dann eine ganz andere Frage, wenn die ursprünglich zur Analyse einer Massenarbeitslosigkeit formulierten Hypothesen jene Fälle decken, in denen - gemessen an der Zahl der verfügbaren Arbeitsplätze - zu wenig Arbeitskräfte vorhanden sind (Überbeschäftigung). Ob es jemals eine Konjunkturtheorie geben wird, die den Entscheidungsträgern in Staat und Wirtschaft hinreichend sichere Erkenntnisse bietet, scheint zweifelhaft. Konjunkturschwankungen werden durch bestimmte Meßgrößen, die Konjunkturindikatoren, erfaßt. Als Konjunkturindikatoren eignen sich generell solche statistischen Zeitreihen, deren Verlauf die Expansion und Kontraktion der wirtschaftlichen Aktivität widerspiegeln. In der Bundesrepublik Deutschland werden gut ein Dutzend verschiedener Indikatoren ständig zu dem Zweck beobachtet, Aufschlüsse über den Konjunkturverlauf zu gewinnen. Die Meßgrö- ßen werden in drei Gruppen eingeteilt: Frühindikatoren, Präsensindikatoren und Spätindikatoren. Frühindikatoren zeigen den Verlauf der Konjunktur in absehbarer Zukunft - in den nächsten Monaten - an. Präsensindikatoren sind Beschreibungsmerkmale für den jeweiligen Stand der Konjunktur. Spätindikatoren hinken der Konjunktur nach und markieren oft noch Aufwärtsbewegungen, wenn bereits ein Abschwung eingetreten ist. Zu den wichtigsten Frühindikatoren zählen die Auftragseingänge der Industrie und die Baugenehmigungen imHochbau. Den Auftragseingängen - vor allem in der Investitionsgüterindustrie - kommt eine erhebliche Bedeutung zu. Stocken die Auftragseingänge, läßt sich an der Höhe der "Auftragspolster" mit einiger Genauigkeit der Zeitpunkt berechnen, an dem die Produktion und die Beschäftigung zurückgehen werden. Der Hersteller eines 250 000 Tonnen-Tankers dürfte kaum geneigt sein, das Schiff ohne Auftrag auf Lager zu produzieren, wie es in der Massenproduktion, z. B. bei Schuhen, üblich ist. Von der Statistik der Auftragseingänge in der Investitionsgüterindustrie darf deshalb nicht unbesehen auf die künftige Beschäftigungslage der Gesamtindustrie geschlossen werden, wenn auch sektorale Rückgänge in der Vergangenheit auslösende Faktoren eines Konjunkturabschwungs waren. Der Frühindikator Baugenehmigungen bezieht sich auf eine bestimmte Industrie. Wer eine Baugenehmigung hat, wird - nach allen Erfahrungenmit einerWahrscheinlichkeit vonmehr als 90% - innerhalb von zwei Jahren mit der Bauausführung beginnen, zumal die Erteilung von Baugenehmigungen Kosten verursacht. Die Erstellung von Bauten ist stark abhängig von der Konjunkturentwicklung. Die Baugenehmigungen geben deshalb zuverlässige Hinweise über die zu erwartende wirtschaftliche Aktivität. Die gegenwärtige Konjunkturlage wird insbesondere an den Präsensindikatoren industrielle Produktion und Kapazitätsauslastung gemessen. Einerseits kann in einem Land, wie der Bundesrepublik Deutschland, die Produktion der Industrie noch als repräsentativ für die Gesamtwirtschaft gelten. Andererseits hängen von der Produktion andere Indikatoren ab, insbesondere die Entwicklung des Volkseinkommens und Arbeitsmarktes. Produktion und Volkseinkommen werden oft sogar synonym gebraucht. Für beide liegen relativ gute Statistiken vor - für die ProduktionMonats-, für das VolkseinkommenHalbjahreszahlen. Auf dem Arbeitsmarkt werden die Angebots-Nachfrage-Verhältnis- 20. Konjunktur 493 se durch die Zahl der Arbeitslosen und der offenen Stellen ausgedrückt. Angebot und Nachfrage gelten als ausgeglichen, wenn die Zahl der Arbeitslosen der der offenen Stellen entspricht. Überwiegen die offenen Stellen gegenüber den Arbeitslosen, ist das ein Zeichen für großeWirtschaftsaktivität und umgekehrt. Neben der konjunkturellen gibt es jedoch auch eine strukturelle Arbeitslosigkeit, die von der Konjunkturentwicklung nur wenig beeinflußt wird. Typisch für die strukturelle Arbeitslosigkeit ist, daß die Qualifikation der Arbeitskraft nicht mit der Anforderung des Arbeitsplatzes übereinstimmt. So kann ein Friseur nicht als Arzt tätig sein. Ein bloßer Vergleich von offenen Stellen und Arbeitslosen als Indikator für die Konjunkturlage führt deshalb leicht in die Irre. Die wichtigsten Spätindikatoren sind die Löhne und Preise, vor allem die Preise für Güter der Lebenshaltung (Lebenshaltungskostenindex). Diese Preise folgen hauptsächlich aus zwei Gründen den Konjunkturphasen: Erstens erhöhen sich dieMasseneinkommen und damit die Konsumgüternachfrage imKonjunkturaufschwung ziemlich spät (Lohn-Lag). Zweitens kann im Aufschwung eine steigende Nachfrage zu relativ stabilen Preisen befriedigt werden. Erst nach Erreichung der Kapazitätsgrenzen ziehen die Löhne und Preise an. Ähnliches gilt für andere Konjunkturphasen. Einige Indizes, z. B. für die Erzeugerpreise, können mit der Konjunktur parallel laufen. Aus der Lohn- und Preisentwicklung allein darf nur mit Vorbehalt auf die Konjunkturlage geschlossen werden, weil die zeitlichen Verzögerungen von unterschiedlicher Länge sind. Vor allem sind sie als Richtgröße der Konjunkturpolitik ungeeignet. Setzt diese z. B. erst dämpfendeMaßnahmen ein, wenn die Löhne und Preise erheblich gestiegen sind oder ihren Höhepunkt erreicht haben, wird sie in der Regel den Abschwung verstärken - ein Fehler, der immer wieder zu beobachten ist. Erscheinungsformen Ein bestimmter Konjunkturablauf weist eine Reihe von Gegebenheiten auf, die in dieser Kombination und in ihrem jeweiligen Zusammenspiel einmalig sind. Kein Konjunkturgeschehen wiederholt sich genau in derselben Weise. Andererseits gibt eswiederkehrendeMerkmale, die allgemeine Aussagen gestatten. Trotz der historischen Einmaligkeit jedes Konjunkturablaufs neigen die meisten Forscher deshalb zu der Auffassung, der Versuch zur Entwicklung einer allgemeinen Konjunkturtheorie sei nicht ganz ohne Erfolgsaussichten. Zu den Ökonomen, die gegenteiliger Ansicht sind, gehören vor allemWALTER EUCKEN und FRIEDRICH AUGUST LUTZ. Der Konjunkturablauf wird im allgemeinen in vier Phasen unterteilt. Dieser idealisierte Konjunkturablauf ergäbe - nimmt man als Präsensindikator die Produktion, gemessen am realen Volkseinkommen - graphisch folgendes Bild (Fig. 20-1). Eine scharfe Trennung zwischen den einzelnen Phasen läßt sich in empirisch relevanter Weise nicht ziehen. Auch bei vereinfachter Darstellung von Konjunkturabläufen geht man heute generell von unterschiedlichen Phasenlängen (aperiodischen Zyklen) aus. Die Zeitspanne zwischen aufeinander folgenden Wendepunkten ist unbestimmt. Meist sind es Zeiträume von mehr als einem Jahr (oft 4-5 Jahre). Yr 494 Dritter Teil. Makroökonomie Fig.20-1: Idealisierter Konjunkturablauf In Fig. 20-1 wird der idealisierte Konjunkturablauf durch einen Präsensindikator dargestellt. Berücksichtigt man sämtliche Indikatorengruppen (Früh-, Präsens- und Spätindikatoren) erhält man ein Indikatorenmuster, das für die meisten Konjunkturabläufe typisch ist (Fig. 20-2). Fig. 20-2: Indikatorenmuster Die zeitlichen Verläufe der einzelnen Indikatoren sind zueinander verschoben. Als Ausgangspunkt - auch in der Terminologie - dient der Präsensindikator, dessen oberer Wendepunkt nach dem des Frühindikators (1. Lag) und vor dem des Spätindikators (2. Lag) liegt; Entsprechendes gilt für den unteren Wendepunkt. Fig. 20-2 läßt sich durch eine Übersicht weiter verdeutlichen (Übers. 20- 1). Aus Fig. 20-2 und Übers. 20-1 ist ersichtlich, daß die Amplituden der Indikatorengruppen unterschiedlich groß sind und nicht symmetrisch verlaufenmüssen: Die Schwankungen der Frühindikatoren haben größere Ausmaße als die der Präsensindikatoren, deren Schwankungen übertreffen wiederum die der Spätindikatoren. Eine strenge Symmetrie derAusschläge liegt nicht vor, bei den Spätindikatoren weniger als bei den Präsens- und den Frühindikatoren. Diese Aussage basiert vor allem auf empirisch gemessenen Konjunkturabläufen. 20. Konjunktur 495 Übers. 20-1: Konjunkturphasen und Indikatorverlauf Von den so charakterisierten Konjunkturschwankungen muß man zwei andere Sachverhalte unterscheiden: den Saisonzyklus und den Trend. Saisonzyklen (saisonale Schwankungen) sind jahreszeitlich bedingte Vorgänge, die in der Regel nur einige Wochen oder Monate dauern. Die Ursachen dieser Schwankungen können ganz verschieden sein (Wetter, natürliche Reifeprozesse, Urlaubszeiten, Feiertage, gesellschaftliche Gewohnheiten u. a.). Sie sind meist gut voraussehbar. Fig. 20-3: Saisonzyklen, Konjunkturschwankungen und Trend Die Unternehmen richten sich auf solche Fluktuationen der Geschäftstätigkeit ein. UnterTrend versteht man die langfristige Grundrichtung einer Zeitreihe. In den meisten Volkswirtschaften zeigt sich langfristig eine Aufwärtsentwicklung des Volkseinkommens (Wachstumstrend), die mit Verschiebungen der ökonomischen Bedeutung einzelner Wirtschaftszweige (Strukturwandlungen) einhergeht. Den zur Vereinfachung wiederum idealisierten Zusammenhang zwischen Saisonzyklen, Konjunkturschwankungen und Trend veran- Frühindikatoren (z.B. Auftragseingänge) Präsensindikatoren (z.B. Produktion) Spätindikatoren (z.B. Preise) Rezession schnell fallend fallend langsam fallend Depression langsam fallend langsam fallend lamgsam fallend, konstant Erholung steigend langsam steigend konstant, langsam steigend Boom schnell steigend steigend schnell steigend Indikatoren Konjunkturphasen 496 Dritter Teil. Makroökonomie schaulicht für den konjunkturellen Präsensindikator ( ) Fig. 20-3. Das statistische Material enthält neben den Komponenten der Saison- und Konjunkturschwankungen noch unsystematische Restgrößen. Wenn die empirischenWerte den Konjunkturverlauf anzeigen sollen, müssen sie deshalb von saisonalen und zufälligen Größen bereinigt werden. Aber erst nach einiger Beobachtungszeit erlauben die Fakten sichere Erkenntnisse über den Verlauf der Konjunktur. II. Hypothesen über Konjunkturschwankungen Traditionelle Theorien Als konjunkturtheoretisch entscheidend ist traditionell stets die Frage angesehen worden, worauf Konjunkturschwankungen zurückgehen. In neueren Erklärungen ist es dagegen üblich, neben den Ursachen auch die Ausbreitungsmechanismen zu analysieren, sofern man sich nicht - wie bei Modellen mit exogen Ursachen - sogar auf diese beschränkt.Wird eine einzige Ursache als bestimmend angesehen, spricht man von "monokausalen", andernfalls von "multikausalen" Ursachenerklärungen. An Hypothesen besteht kaum Mangel. Die amerikanischen Nationalökonomen WILLIAM T. FOSTER und WADDILL CAT- CHINGS kamen schon in den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts auf mehr als 200 Ursachenhypothesen. Man hat versucht, diese zu systematisieren und in Gruppen zu unterteilen: Eine Einteilung ist die nach exogenen (außerwirtschaftlichen; nichtökonomischen) und endogenen (innerwirtschaftlichen; ökonomischen) Theorien. Eine zweite Klassifizierung fußt auf der Unterscheidung von güterwirtschaftlichen (realen) und geldwirtschaftlichen (monetären) Ursachen. Nach einer dritten Ansicht besteht eine Tendenz zu übermäßigen Investitionen, die einen Rückschlag unvermeidlich machen ("Überinvestitionstheorien"). Demgegenüber wird von anderen Autoren ein "Unterkonsum" als entscheidend betrachtet ("Unterkonsumtionstheorie"). Schließlich hat man nach "psychologischen" und "mechanistischen" Theorien zu differenzieren versucht. Will man die traditionellen Hypothesen zusammenfassen, kann mit einigen Vorbehalten folgendes gesagt werden: 1. Monokausale Erklärungen werden überwiegend abgelehnt. 2. Die Analyse der Investitionen und der von ihnen ausgehenden Wirkungen steht im Zentrum der meisten Konjunkturtheorien. 3. Fast alle Erklärungen sind primär endogen. Exogene Einflüsse - wie dasWetter und die Politik - werden in unterschiedlichem Maße berücksichtigt. 4. Monetäre und psychologische Einflüsse bilden in der Regel einen festen, gelegentlich vorherrschenden Bestandteil der Theorien. 5. Zwischen Konjunktur und Wachstum besteht ein enger Zusammenhang. Es ist empirisch schwierig, konjunkturelle Schwankungen und Wachstumszyklen voneinander abzuheben. 6. Eine allgemeine Konjunkturtheorie, die nicht im Widerspruch zu den vorherrschenden Theorien stände, müßte angesichts stark divergierender Erklä- Yr 20. Konjunktur 497 rungen so abstrakt sein, daß sie kaum empirischen Wert besäße. Aus diesem Grund ist es zweifelhaft, ob es je "die" Konjunkturtheorie geben wird. Aus einigen der genannten Gruppen (reale und monetäre Ursachenerklärungen, Überinvestitions- und Unterkonsumtionstheorien) seien die traditionell herrschenden Ansichten kurz angeführt. Als traditionelle reale Konjunkturtheorie gilt das SAYsche Theorem. Der französische Nationalökonom JEAN BAPTISTE SAY hat sich gegen die auch heute noch populäre These gewandt, die Ursache wirtschaftlicher Krisen sei in einer allgemeinen Überproduktion oder Übersättigung zu suchen. Seine ursprüngliche Aussage hat durch Kritik und Antikritik eine derartige Umgestaltung erfahren, daß spätere Autoren nur noch selten auf sie zurückgriffen. Dabei ist der Kern seiner Argumentation einfach. Nach SAY wäre es unsinnig, von einer allgemeinen Überproduktion zu sprechen. Warum arbeiten die Menschen überhaupt, warum bieten sie Güter und Dienste an? Wer nicht nachfragen möchte, wird sich nicht denMühen der Produktion unterziehen. Also wird nur insoweit produziert, um fremde Produkte nachfragen zu können. Das Angebot erzeugt gleichsam seine eigene Nachfrage. Das gilt für eine Naturaltausch-, jedoch auch für eine Geldwirtschaft, in der Geld für Zwecke des Tauschverkehrs - neben dem für die Vermögensbildung - benötigt wird. Es kann keine Nachfrage ausfallen. Das gesamtwirtschaftliche Gleichgewicht als Gleichheit von Angebot und Nachfrage ist unzerstörbar. Wenn es dennoch Absatzkrisen gibt, die SAY nicht leugnen wollte, handelt es sich um partielle Störungen. In einer arbeitsteiligen Produktion muß in einem gewissen Umfang "auf Verdacht hin" produziert werden. Stimmt das tatsächliche Angebot mit den Marktwünschen nicht überein, sorgt der Marktmechanismus dafür, daß das Angebot der Nachfrage angepaßt wird. Das SAYsche Theorem ist für eineGeldwirtschaft unhaltbar. Aus einer richtigen Erkenntnis (keine allgemeine Übersättigung) wird ein falscher Schluß gezogen. Geld ist nämlich nicht nur Tausch-, sondern auch Wertaufbewahrungsmittel. Mit steigender Kassenhaltungsdauer verliert Geld seine "Neutralität" für den Warentausch. Es ist nicht nur "Schmiermittel des Tausches", was eine wesentliche Voraussetzung des Theorems ist. Mit steigender Kassenhaltung bei konstantem Geldangebot - ein mögliches Verhalten - würden die aus Faktorleistungen und Produktverkauf erzielten Einkommen nicht völlig wieder verausgabt werden. Monetäre Gesamtnachfrage fällt temporär aus. Das wirtschaftliche Gleichgewicht zwischen Gesamtangebot an Waren und Diensten und monetärer Gesamtnachfrage wird gestört, wie jede allgemeine Depression, die auf schrumpfende Ausgaben zurückgeht, deutlich genug zeigt. Unter Benutzung der Geldfunktionsbegriffe kann man auch sagen: Die Depression kommt durch einen Funktionswechsel des Geldes zustande. Ein Teil der Tauschmittel hat die Aufgabe einerWertspeicherung übernommen. Die Geldneutralität kann ebenso durch das Geldangebot gestört werden. Geldproduktion ist in den meisten Geldsystemen ohne eine entsprechende Vorleistung möglich, so daß eine güterangebotsunabhängige Zusatznachfrage auftreten kann. Aus einer langen Diskussion des SAYschen Theorems haben die meisten Forscher die Konse- 498 Dritter Teil. Makroökonomie quenz gezogen, Geld bilde in seinen verschiedenen Funktionen ein unverzichtbares Erklärungselement der Konjunkturtheorie. Wenn sich allgemeine Schwankungen nicht aus der Natur des tauschwirtschaftlichen Prozesses erklären lassen, ist dann die Konjunkturursache in Eigenheiten der Geldwirtschaft zu suchen? Diese Frage wird von den Vertretern einer reinmonetären Konjunkturerklärung eindeutig bejaht. Unter ihnen ragt RALPH GEORGE HAWTREY, Wissenschaftler von Rang und erfahrener Praktiker - er war vier Jahrzehnte leitender Beamter des britischen Schatzamtes -, eindeutig hervor. Er formulierte folgende Hypothesen: 1. Die Wiederkehr des Zyklus kann durch rein monetäre Ursachen erklärt werden, die bewirken, daß ständig Schwankungen eintreten, deren Dauer sich über Jahre erstreckt. 2. Unvermeidliche Geld- oder Kreditbewegungen sind notwendige und hinreichende Bedingungen für den Konjunkturzyklus. Die erste Hypothese impliziert eine straffe Korrelation von Geld- und Güterbewegungen. Fällt die Geldmenge, dann sinkt die Nachfrage nach Gütern. Die Produzenten sehen sich in ihren Erwartungen getäuscht. Sie produzieren zunächst auf Lager, die Preise fallen. Schließlich müssen die Produktion gedrosselt und Produktionsfaktoren freigesetzt werden. Erst nach einemAnpassungsprozeß entsteht ein neues Gleichgewicht von Angebot und Nachfrage. Steigt die Geldmenge, sind die Wirkungen entgegengesetzt. Die Nachfrage ist größer als erwartet, die Läger werden abgebaut, die Preise steigen, und die Produktion nimmt zu bis die Produktionsfaktoren vollbeschäftigt sind. Die Konjunkturphasen, Prosperität und Depression, werden mit den Wirkungen von Geldumlaufschwankungen, Inflation und Deflation, gleichgeschaltet. Mit einer Stabilisierung des Geldumlaufs sowie einer Beseitigung der Geldwertschwankungen würde sich der Konjunkturzyklus beseitigen lassen. Die zweite These HAW- TREYS besagt jedoch, der Geldumlauf kann in modernen Volkswirtschaften nicht konstant gehalten werden. Insbesondere das Kreditsystem zeigt eine inhärente Instabilität, weil der Optimismus im Aufschwung zu einer Kreditnachfrage führt, deren Wirkungen sich verstärken. Solange die Banken über Reserven verfügen, können sie die Nachfrage befriedigen. Doch mit zunehmender Kreditnachfrage, steigenden Preisen und erhöhter Produktion verschlechtert sich die Bankenliquidität. Durch scharfes Anziehen der Kreditbremse läßt sich die Expansion stoppen, so daß immer die Gefahr eines Umschlags besteht. Gäbe es unbeschränkt Kredit, könnte die Expansion weitergehen. Nur würden dann die Preise ständig steigen. HAWTREY hat auf Eigentümlichkeiten des modernen Kreditsystems aufmerksam gemacht, die keine realistische Konjunkturerklärung vernachlässigen kann. Doch seine Hypothesen sind unvollständig. Wahrscheinlich würden die meisten Nationalökonomen die Behauptung, der Grund für den Zusammenbruch liege in monetären Restriktionen, wohl akzeptieren, jedoch seine These, dies müsse stets der Fall sein, aus empirischen Gründen ablehnen. Auf Skepsis ist vor allem die Ansicht gestoßen, mit einer unbeschränkten Kreditexpansion lasse sich die Prosperität ad infinitum fortsetzen. Beobachtungen in Ländern mit praktisch unbeschränkter Kreditexpansion (wie in einigen Staaten Latein- 20. Konjunktur 499 amerikas) und neuere Erfahrungen mit der Inflation in hochentwickelten Ländern zeigen: Inflation und Prosperität brauchen nicht zusammenzufallen. Rein "monetäre" Ursachenerklärungen sind, sosehr sie den rein "realen" Theorien überlegen zu sein scheinen, unbefriedigend oder zumindest unvollständig. Bei der folgenden Unterscheidung nach Überinvestitions- und Unterkonsumtionstheorien bleibt also zu beachten, daß zwar die realen oder monetären Einflüsse verschieden betont, jedoch zusammenwirkend gesehen werden. Die Theorie, nach der der konjunkturelle Zusammenbruch auf Überinvestitionen zurückgehe, fand traditionell breite Zustimmung. Innerhalb der "Überinvestitionsschule" gibt es verschiedene Richtungen, die sich meist auf den schwedischen Nationalökonomen KNUT WICKSELL berufen. WICKSELLS Absicht war, eine Erklärung für die Bewegungen des allgemeinen Preisniveaus zu liefern. Doch gaben seine Untersuchungen den Anstoß sowohl zur Überinvestitionstheorie als auch zur monetären Zinserklärung. Die Ursache von Änderungen des allgemeinen Preisniveaus sieht WICKSELL in der Zinsspanne, definiert als die Differenz zwischen dem "natürlichen" und "monetären" Zins. Beide Zinssätze versteht WICKSELL geldwirtschaftlich. Der natürliche Zins ist der Gleichgewichtspreis des Geldkapitalmarktes, zu dem das Angebot an Sparbeträgen genau der Nachfrage für Investitionsmittel (Kredite) entspricht. Änderungen der Kassenbestände und des Geldangebots finden nicht statt (Fig. 10-5). Da in der Realität weder die Kassenbestände noch das Geldangebot konstant bleiben, weicht der tatsächliche Zinssatz, der für die Nachfrager ein wichtiger relativer Preis ist, vom natürlichen Zins ab. Diesen Ungleichgewichtszins nennt WICKSELLMarktzins (auch: Geldzins). Ist derMarktzins niedriger als der natürliche, besteht ein Angebotsüberschuß, umgekehrt ein Nachfrageüberschuß an Geldkapital. Im ersten Fall steigt die Nachfrage der Unternehmen nach Krediten und daraus folgend auch die Nachfrage nach Vorprodukten und Produktionsfaktoren. Die Preise ziehen auf diesen Märkten an. Die aus erhöhter Faktorentlohnung gestiegenen Einkommen führen zu Preiserhöhungen bei Konsumgütern. Dieser "WICKSELLsche Prozeß" läuft so lange, wie eine positive Zinsspanne existiert. Die steigende Geldkapitalnachfrage drückt den Geldzins in die Höhe. Die positive Zinsspanne verringert sich deshalb im Aufschwung, bis sie schließlich negativ wird. Bei negativer Zinsspanne sind die Wirkungen auf die Preise gegenteilig.Was geschieht in einem Prozeß, in demderMarktzins unter dem natürlichen Zins liegt, mit den Gütermengen, dem input und output? Diese Frage, die bei WICKSELL offen bleibt, stellt FRIEDRICH AUGUST VON HAYEK. Ihm kommt es darauf an zu zeigen, daß sich im Aufschwung eine Disproportionalität zwischen dem Angebot an Investitions- und Konsumgütern auf der einen und der Nachfrage nach ihnen auf der anderen Seite herausbildet, die zumKonjunkturumschlag im oberenWendepunkt führt. Mit den Investitionen der Unternehmer, die bei einer "positiven" Zinsspanne ihre Gewinne erhöhen können, gelangt zusätzliches Geld in Umlauf. Steigt die Kreditnachfrage der Unternehmer, werden sich in dem dann einsetzenden Konkurrenzprozeß die Preise der Rohmaterialien und Produktionsfaktoren erhöhen. Die Ausdehnung der Investitionsgüterproduktion ist bei Vollbeschäftigung nur zu Lasten der Konsumgüterproduktion möglich. Die davon ausgehenden Preissteigerun- 500 Dritter Teil. Makroökonomie gen im Konsumgütersektor nötigen die Verbraucher, auf einen Teil des Konsums zu verzichten (erzwungenes Sparen). Wenn nach einiger Zeit auch die Einkommen der Konsumenten steigen, versuchen diese, ihr altes Konsumniveau wiederherzustellen. Mit fortschreitendem Aufschwung wird deshalb die Konsumgüter- im Vergleich zur Kapitalgüternachfrage wieder zunehmen. In der Produktion werden Faktoren aus dem Investitions- in den Konsumgüterbereich umgelenkt. Soweit Investitionen nicht fertiggestellt werden konnten, führt das zur Freisetzung auch anderer Faktoren und zu Verlusten. Hinzu kommt meist, daß im Boom die Kredite knapper werden und damit der Marktzins steigt. Bei Krediteinschränkungen kann das bisherige Ausmaß der Investitionen nicht durchgehalten werden, weil das Geldangebot, das aus freiwillig Erspartem besteht, nicht entsprechend gewachsen ist. Die Situation vor dem Tendenzumschwung ist also durch Überinvestition (Investitionsgüterüberproduktion), Untersparen (Kapitalknappheit) und Überkonsum (Konsumgüterdefizit) gekennzeichnet: eine paradoxe, doch plausible Situation - Mangel und Überfluß zur gleichen Zeit.Wenn die Haushaltemehr freiwillig sparen undweniger konsumieren würden, ließe sich der Zusammenbruch vermeiden. Der Keim des Zusammenbruchs liegt im kreditfinanzierten Aufschwung, der notwendig zur Überinvestition führt. Ein schwacher Punkt der Überinvestitionstheorien ist, daß der Zusammenbruch nicht zwingend endogen erklärt wird. Die disproportionale Entwicklung vor dem oberen Wendepunkt erfordert eine Drosselung der Kapital- und eine Ausdehnung der Konsumgüterproduktion. Diese Umstellung kann, muß aber nicht durch eine Depression erzwungen werden. Es ist durchaus möglich, daß sich beide Bereiche ohne Depression an die veränderte Situation anpassen. Offen bleibt auch die Frage, ob nicht eine Kreditexpansion den Abschwung verhindern könnte. Das einzige Hindernis für permanente Kreditausweitungen ist die Gefahr progressiver Preissteigerungen und letztlich die eines Zusammenbruchs des Kreditsystems. DieUnterkonsumtionstheorie ist eher eine Depressions- als eine voll entwikkelte Konjunkturtheorie. Ihr wissenschaftliches Niveau liegt - wie eine der größten Autoritäten auf dem Gebiet der Konjunkturtheorie, GOTTFRIED VON HABERLER, meint - niedriger als das der anderen Theorien. Ein bekannter Vertreter dieser Theorie ist EMIL LEDERER. Zentraler Bestandteil der Theorie ist die Hypothese, daß Kaufkraft in irgendeiner Form fehle, um die Vollbeschäftigung zu sichern. Dieses Kaufkraftdefizit kann seine Ursache in einer Vergrößerung der Kassenhaltungsdauer haben. Finden die Spargelder keine Anlage in der Investition, entstehen Hortbeträge, die einen Kaufkraftausfall darstellen. Der Rückgang im Konsum - Kehrseite der Horte - führt zu einem Preisverfall. Unterkonsumtion wäre dann eine andere Bezeichnung für Deflation. Ein Kaufkraftdefizit kann sich auch aus einem Anwachsen des Güterangebots ergeben. Wird in diesem Fall die Geldmenge nicht ausgedehnt, müssen die Preise tendenziell sinken, weil die vorhandene Kaufkraft nicht ausreicht, um die Produkte zum bisherigen Preis vom Markt zu nehmen. Generell läßt sich sagen: Eine Kaufkraftausweitung - durch Vergrößerung des Geldangebots oder Verringerung der Kassenhaltungsdauer - kann eine Krise verhindern, sofern deren Ur- 20. Konjunktur 501 sache eine zu geringe monetäre Nachfrage ist. Verschiedene Unterkonsumtionstheoretiker heben besonders hervor, daß die Löhne im Aufschwung hinter den Profiten zurückbleiben. Da aus Profiten mehr als aus Löhnen gespart werde, sei dieWurzel des Übels eine Disparität der Einkommensverteilung imAufschwung - eine These, die unter Gewerkschaften verständlicherweise beliebt ist. Diese Konjunkturerklärung ähnelt stark der von KEYNES. Die Konjunkturtheorie von KEYNES läßt sich am besten als ein Spezialfall der Unterkonsumtionstheorie einordnen. Für diese Theorie ist charakteristisch, daß sie keine geschlossene Konjunkturtheorie bildet, was KEYNES auch gar nicht beabsichtigt hat. Wenn seine Argumentation über die Konjunkturerklärung hinaus so große Bedeutung gewonnen hat, daß häufig von einer "KEYNESschen Revolution" gesprochen wird, so deswegen, weil er Begriffe und Denkmethoden zu entwickeln vermochte, die sich für die Untersuchung zahlreicher Probleme als recht nützlich erwiesen haben. Mit seinen Aussagen zur Depression hat er einige wertvolle Aspekte zur Interpretation bestimmter Konjunkturphasen beigetragen. In der monetären Überinvestitionstheorie wird betont, daß eine Ursache des Zusammenbruchs ein Überkonsum sei. Wenn diese Erklärung des Zusammenbruchs auch problematisch scheint, so läßt sich empirisch zeigen, daß die in der Überinvestitionstheorie herausgearbeiteten Merkmale vor dem Umschwung typischer sind als die der Unterkonsumtionstheorie, mit der man den Zusammenbruch in der Regel nicht erklären kann. Zeichnet sich der Umschwung ab oder ist er bereits eingetreten, stellt eine Ausdehnung der Konsumgüternachfrage mitunter ein geeignetes Mittel dar, eine Depression zu vermeiden. Doch diese Feststellung gilt nicht in allen Fällen. Es ist beobachtet worden, daß ein beträchtliches Maß an Arbeitslosigkeit herrschte, während Volkseinkommen und Produktion nicht fielen, manchmal sogar stiegen, wenn auch nicht in einem Maße, wie es bei Vollbeschäftigung der Fall gewesenwäre.Ursachen solcher Krisen sind Strukturänderungen, die auf das Angebot (z. B. Automation) oder die Nachfrage (z. B. Wechsel von Kohle zu Öl) zurückgehen können. Der rasche Strukturwandel setzt Arbeitskräfte frei, die jedoch wegen zu geringer räumlicher und beruflicher Mobilität nicht so schnell wieder in den Produktionsprozeß eingegliedert werden können, daß sich nennenswerte Unterbeschäftigung vermeiden ließe (strukturelle Arbeitslosigkeit). Eine in einem solchen Fall vorgenommene Erhöhung der Kaufkraft würde die Preise in die Höhe treiben oder die vorhandenen Preissteigerungstendenzen verstärken, ohne den betroffenen Industrien zu nützen oder die rasche Eingliederung der Arbeitskräfte zu gewährleisten. Viele "Postkeynesianer" haben, sofern sie Unterkonsumtionsanhänger waren, in einem langwierigen Lernprozeß einsehen müssen, daß der "KEYNES-Fall" für Krisen in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg ohne empirische Bedeutung war und die - wenn auch gegensätzlichen - Ansichten der Überinvestitions- oder Überkonsumtionsschule größere Beachtung verdienen. Diese Feststellung gilt um so mehr, als die Trendentwicklung, das Wachstum, stärker als früher die Aufmerksamkeit auf sich lenkt. Bemerkenswert bleibt, daß man sich bei der Untersuchung dieser Fragen weitgehend der Sprache von KEYNES bedient. 502 Dritter Teil. Makroökonomie Neuere Theorien In den siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts wuchs erneut das Interesse an Konjunkturtheorien, nachdem in den Jahrzehnten zuvor dieWachstumstheorie sowie die Kontroverse zwischenMonetaristen und Fiskalisten im Vordergrund des makroökonomischen Interesses gestanden haben. Die Renaissance der Konjunkturtheorie nahm ihren Ausgang von der Diskussion des PHILLIPS- Theorems und demKonzept der rationalen Erwartungen. Nach einem als „neuklassisch“ bezeichneten Modell ist die Geldpolitik bei rationalen Erwartungen und bei Markträumung auf allen Faktor- und Produktmärkten selbst kurzfristig wirkungslos (19. Kap. II.). Hier setzt die Theorie der realen Konjunkturschwankungen (real business cycle approach) an, die deshalb als eine Variante der neuklassischen Konjunkturmodelle angesehen wird. Ihre grundlegende Formulierung stammt von FINN E. KYDLAND und EDWARD C. PRESCOTT. Wesentliche Beiträge lieferten auch JOHN B. LONG, CHARLES I. PLOSSER und RO- BERT G. KING. Die Theorie der realen Konjunkturzyklen unterstellt - wie alle neuklassischen Modelle - optimales Verhalten (Nutzen- und Gewinnmaximierung), Markträumung bei vollständiger Konkurrenz und rationale Erwartungen. Von der Existenz des Geldes, dem nur nominale Wirkungen zugeschrieben werden (Geldneutralität), wird analytisch abgesehen. Konjunkturelle Schwankungen, insbesondere Änderungen der realen Größen Produktion, Beschäftigung, Konsum, Investition und Produktivität, werden ausgelöst durch externe Schocks. Diese sind plötzliche, unvorhergesehe Änderungen der äußeren Umstände, die für das Wirtschaften bedeutsam sind, oder Entwicklungen, die die Produktionstechnik beeinflussen. Die Schocks werden modelltheoretisch nicht erklärt, sind also exogen vorgegeben. Die Individuen passen sich an Schocks an, die sie nicht verhindern können. Zur Verdeutlichung der individuellen Entscheidungen greifen LONG und PLOSSER auf den repräsentativen Konsumenten - einen „Robinson Crusoe“ - zurück, der für den Einzelfall zeige, wie sich alle Konsumenten eines Landes unter den gegebenen Annahmen verhielten. Angenommen, durch einen realen Schock, z. B. eine unerwartet reiche Ernte, erhöht sich temporär die Produktivität von Robinson Crusoe. Es ist dann optimal, mehr Zeit für die Produktion einzusetzen und weniger Freizeit in Anspruch zu nehmen. Arbeit und Freizeit sind zeitlich gesehen Substitute. Da alle Konsumenten wie der repräsentative Robinson Crusoe handeln, boomt die Wirtschaft eines Landes. Andere Schocks, z. B. temporär verschlechterte Arbeitsbedingungen durch eine Naturkatastrophe, haben die gegenteilige Wirkung, so daß weniger gearbeitet und produziert wird. Neben Schocks, die auf den Arbeitsmarkt einwirken und zu einem intertemporalen Austausch von Arbeit und Freizeit führen, werden technologische Schocks, die die Produktionsfunktion verändern, in die Überlegungen einbezogen. Als Fazit der Erklärungen läßt sich festhalten: Konjunkturschwankungen sind nichts anderes als die Reaktion von Individuen auf unvermeidbare Schocks aus ihrer Umwelt. Es mache keinen Sinn, Konjunkturschwankungen als Abweichungen von einem Wachstumspfad zu interpretieren. Was sich verändere, sei der Trend selbst, der sich als Ergebnis einer Serie von realen Schocks begreifen lasse. Eine wichtige wirtschaftspolitische Konse- 20. Konjunktur 503 quenz der Theorie realer Konjunkturschwankungen ist: Da für die Reaktionen aller Individuen das Optimalprinzip gilt, wären konjunkturpolitische Eingriffe des Staates schädlich, weil sie vom gesamtwirtschaftlichen Optimum wegführen. Die Kritik an der Theorie der realen Konjunkturschwankungen richtet sich vor allem gegen dieAnnahmen des Modells. Ein erster Kritikpunkt ist die Annahme über die Exogenität der Konjunkturursache, die selbst in der traditionellen Konjunkturtheorie eher eine Ausnahme war. Nachdem die Exogenität in derWachstumstheorie - hier die des technischen Fortschritts - überwunden und dies als Erfolg angesehen wurde (16. Kap. II.), hält sie in der Theorie der realen Konjunkturschwankungen erneut Einzug. Dadurch beschränkt sich diese Theorie auf die Frage, wie sich Konjunkturschwankungen ausbreiten und sie erklärt nicht, warum sie auftreten. Ein zweiter Kritikpunkt ist - wie schon im SAYschen Theorem - die Annahme, Geld habe keine realenWirkungen (Neutralitätshypothese). Dagegen sprechen vor allem empirische Beobachtungen. Die Vertreter der Theorie realer Konjunkturschwankungen leugnen diese Beobachtungen nicht, kehren aber die Ursache-Wirkung-Beziehung um. Sie behaupten, das Geldangebot reagiere auf reale Schwankungen und sei deswegen endogen. Doch diese Behauptung steht auf schwachen Füßen, wie Untersuchungen ergeben haben. Drittens wird die Annahme vollständiger Markträumung kritisiert. EineMarkträumung setzt unter anderem eine völlige Flexibilität der Löhne und Preise sowie symmetrisch verteilte Marktinformationen voraus. Davon kann in der Wirklichkeit häufig nicht die Rede sein. Einige Kritiker der Theorie realer Konjunkturschwankungen haben Modelle entwickelt, die der Tradition von KEYNES verhaftet sind. Die neukeynesianische Konjunkturtheorie ist eine Sammelbezeichnung für eine Gruppe vonModellen, die sich in ihren Ansätzen jedoch ganz erheblich unterscheiden. Wesentliche Beiträge stammen von N. GREGORY MANKIW, DAVID ROMER, ROBERT J. GORDON, GEORGE A. AKERLOF, JANE L. YELLEN und JOSEPH E. STIGLITZ. Einige Autoren stellen die Nichtneutralität des Geldes, andere die Inflexibilität von Löhnen und Preisen, wieder andere asymmetrisch verteilte Marktinformationen in den Mittelpunkt ihrer Analyse. Die einzige Gemeinsamkeit ist, daß alle oder einige Annahmen der Theorie realer Konjunkturschwankungen abgelehnt werden, aus deren Kritik die neukeynesianische Konjunkturtheorie entstanden ist. Als Beispiel für diese Gruppe sei das Modell über Preisänderungskosten (menu cost approach) vonMANKIW herausgegriffen. DasModell soll Preisstarrheiten und daraus resultierende Konjunkturschwankungen endogen begründen. Der Analyse liegt partialanalytisch ein repräsentatives Unternehmen zugrunde, das sich auf dem Gütermarkt wie ein Monopolist verhalten kann. Wie beim repräsentativen Konsumenten in der Theorie realer Konjunkturschwankungen läßt sich das Ergebnis der Analyse totalanalytisch verallgemeinern. Ausgangspunkt der ökonomischen Ereignisse in diesemModell ist ein monetärer Schock, z. B. eine Geldmengenausweitung und eine daraus folgende Nachfrageerhöhung. Das Unternehmen kann nun entweder den Preis erhöhen oder unverändert lassen. Gegen eine Preiserhöhung sprechen die dabei entstehen- 504 Dritter Teil. Makroökonomie den Kosten, etwa für die Auszeichnung der Waren oder die Erstellung neuer Speisekarten (deshalb der Ausdruck „menu costs“). Diese Kosten können grö- ßer sein als der Gewinnanstieg bei einem höheren Preis. Preisänderungskosten führen dazu, daß alle Unternehmen, die sich in der gleichen Lagewie das repräsentative Unternehmen befinden, ihre Preise nur von Zeit zu Zeit anpassen. Wie entstehen aus solcher Preisstarrheit konjunkturelle Schwankungen? Wenn Unternehmen ihre Preise nicht erhöhen, die Produkte also zu einem relativ geringeren Preis verkaufen, treten externe Wirkungen auf die Gesamtnachfrage auf. Durch die relative Preissenkung ist das Preisniveau niedriger als es ohne eine Preiserhöhung der Unternehmenwäre, so daß derWert der realen Kassenbestände gesamtwirtschaftlich steigt. Eine Erhöhung der Realkasse löst eine Nachfragesteigerung nach den Produkten aller Unternehmen aus. Der monetäre Schock, die Geldmengenausweitung, bewirkt im Ergebnis einen Boom. In gleicher Weise läßt sich zeigen, daß eine Geldmengenkontraktion eine Rezession verursacht. Das Modell über Preisänderungskosten ist zwar nur eines von mehreren Modellen, wird allerdings von einigen Autoren als Kernstück der neukeynesianischen Makroökonomik angesehen. Kritische Anmerkungen sind angebracht erstens - gegen die Beschränkung auf die Preisänderungskosten. Andere Kosten, insbesondere die einer Outputänderung, bleiben ausgeschlossen. Solche Kosten, die in der Regel erheblich höher sind, treten ein, weil eine gestiegene oder gesunkene Nachfrage als Folge eines monetären Schocks eine Anpassung über die Menge erfordert, wenn der Preis unverändert bleibt. Ein unveränderter Preis ist aber nur dann rational, wenn die Kosten einerMengenänderung höher sind als die einer Preisänderung. Kritisch ist - zweitens - die Annahme zu bewerten, daß das repräsentative Unternehmen ein Monopolist ist. Auf vielen Märkten herrschtWettbewerb, der dieMöglichkeiten zur partialen Preisfestsetzung mit zunehmender Wettbewerbsintensität einschränkt oder beseitigt. Dieser Einwand trifft vor allem zu, wenn externe Schocks zu einer Verringerung der Gesamtnachfrage führen, die die Unternehmen zu Preissenkungen zwingt. Drittens ist auch hier darauf hinzuweisen, daß der menu cost approach keine Ursachenerklärung für konjunkturelle Schwankungen bietet, sondern nur deren Ausbreitung nach einem exogenen Schock beschreibt. III. Zyklenmerkmale Verstärker In der Konjunkturerklärung lassen sich einige Gemeinsamkeiten feststellen. Nur wenige bestreiten, daß es Verstärker der Konjunkturbewegungen gibt. Au- ßerdem wird ein Zusammenhang zwischen Konjunktur und Wachstum gesehen. Unter den Verstärkern kann man subjektive - vom Verhalten abhängige - und objektive - durch Produktionseigentümlichkeiten vorgegebene - unterscheiden. Gelegentlich spricht man auch von "psychologischen" und "mechanistischen" Verstärkern oder Konjunkturtheorien, sofern angenommen wird, daß psychologische und mechanistische Zusammenhänge den Konjunkturablauf 20. Konjunktur 505 hinreichend erklären. In den meisten Analysen werden psychologische Verstärkereffekte berücksichtigt. Besonders ARTHUR CECIL PIGOU hat die Basis psychologischer Einflüsse herausgearbeitet: die Ungewißheit. Zukünftige Ereignisse ließen sich niemals mit absoluter Sicherheit prognostizieren. Die Unsicherheit nehmemit der Entfernung von der Gegenwart zu. Jede wirtschaftliche Entscheidung sei eine Gegenwartsentscheidung, die in die Zukunft wirke. Die Investitionsentscheidungen reichten weiter in die Zukunft und seien deshalb unsicherer als Konsumentscheidungen. In einer Prosperität herrsche Optimismus, in einer Depression Pessimismus über die künftige Entwicklung. Prosperität und Depression seien Wellen des Optimismus und Pessimismus. Die meisten Konjunkturtheoretiker würden diese Wellen vermutlich als Verstärkungselemente des Auf- oder Abschwungs akzeptieren und nicht wenige unter ihnen haben psychologische Einflüsse betont. Berücksichtigt man Verhaltenswellen, sind einige Zusammenhänge - etwa die Reaktion der Unternehmer auf Zinsänderungen oder die der Kassenhalter auf Geldangebotsvariationen nicht so strikt wie sie gemeinhin unterstellt werden. Die Geister scheiden sich an der Frage, ob Optimismus und Pessimismus einzige Ursachen der Aktivitätsschwankungen sind. Ein gutes Beispiel für die unterschiedlichen Ansichten ist die Rezession in der Bundesrepublik Deutschland, die mit der Bildung der großen Koalition Ende 1966 einsetzte. Eine rein "mechanistische" Interpretation leugnet den Einfluß psychologischer Faktoren, eine rein "psychologische" Erklärung macht den Stimmungsumschwung, der durch den Regierungswechsel und öffentliche Erklärungen zur tatsächlichen oder vermeintlichen "Krise" ausgelöst wurde, für die "Talfahrt" des Jahres 1967 verantwortlich. Die Wahrheit dürfte vermutlich in der Mitte zu suchen sein. Daß man sich mit Vermutungen behelfenmuß, zeigt, wie wenig wir letztlich über die entscheidenden Triebkräfte und ihr Gewicht im konjunkturellen Ablauf wissen. Neben psychologischen gibt es produktionstechnische Beschleunigungseffekte, die man als Akzeleratorwirkungen bezeichnet. Sie wurden von dem französischen Sozialökonomen ALBERT AFTALION (1874-1956) entdeckt. Zahlreiche Konjunkturtheoretiker sind ihm gefolgt. Die zentrale Hypothese ist folgende: Veränderungen in der Nachfrage nach und der Produktion von Konsumgütern tendieren dahin, viel größere ("akzelerierte") Veränderungen in der Nachfrage nach und der Produktion von Investitionsgütern hervorzurufen, als zu ihrer Produktion benötigt werden. Was für Konsum- und Kapitalgüter gilt, kann mutatis mutandis sowohl auf ein beliebiges Gut und seine Kapitalgüter übertragen werden als auch auf jene Fälle, in denen im Verhältnis zur Produktion ein bestimmtes Lager gehalten wird. Die Hypothese lautet dann: Die Schwankungen der Kapitalgüterproduktion und der Lagerhaltung sind größer als die mengenmäßigen Schwankungen der mit ihrer Hilfe erzeugten oder zu ihnen in Beziehung stehenden Produkte. Der Akzelerator (Beschleuniger) läßt sich definieren als Quotient aus der Nettoinvestition und einer (marginalen) Zunahme der Konsumgüternachfrage , also: (20.1) (Definitions-Gleichung). b∗ I C b∗ IdC ------= 506 Dritter Teil. Makroökonomie Der Ausdruck gibt an, wieviel monetär bewertete Kapitalgütereinheiten zusätzlich für die Produktion einer weiteren Konsumgütereinheit nötig sind. Wird als im Zeitablauf konstant betrachtet, kann als Funktion von aufgefaßt werden: (20.2) (technische Gleichung). Mit (20.2), die sich auch als Verhaltens-Gleichung interpretieren läßt, wird behauptet, die Nettoinvestitionen (Gesamt- oder Bruttoinvestitionenminus Ersatzinvestitionen) seien von Änderungen der Konsumgüternachfrage proportional abhängig. Die Schwankungen im Investitionsgüterbereich sind nach (20.2) um so stärker, je größer ist. Eine Akzeleratorwirkung im etymologischen Wortsinne auf die Nettoinvestitionen tritt offenbar nur ein, wenn ist; in diesem Fall schwanken die Investitionen relativ stärker als der Konsum, werden aber nicht mehr "beschleunigt" (Fig. 20-4). Fig. 20-4: Akzeleratorwirkungen Für die Beurteilung der Wirkungen des Akzelerators kommt es nicht allein auf die Nettoinvestitionen, sondern auch auf die Schwankungen der Gesamtinvestitionen an, die sich aus Ersatz- und Nettoinvestitionen zusammensetzen. Das Akzeleratorprinzip - vorsichtig verwendet - ist eine Erklärung für die Beschleunigungswirkungen im Auf- und Abschwung. Zur Erklärung von Wendepunkten scheidet es - isoliert betrachtet - aus. Konjunktur und Wachstum Konjunkturschwankungen und Wachstumstrend sind theoretisch leichter zu trennen als faktisch. Es ist überhaupt die Frage, ob konjunkturelle und langfristige Entwicklungen nicht die gleichen Ursachen haben. JOSEPHALOIS SCHUM- PETER (1883-1950) sieht die wirtschaftliche Entwicklung als einen Vorgang an, der sich in Stößen vollzieht. Die Bewegung zum Aufschwung ist nicht so sehr eine Konsequenz der vorhergehenden Depression, sondern das Ergebnis selbständiger Kräfte. Dynamische Unternehmer nutzen neues technisches Wissen (inventions) zur Einführung von Neuerungen (innovations) und verschaffen sich damit einen zeitweiligen Vorsprung vor den Konkurrenten. Monetäre Voraussetzung der innovations sind Finanzierungsmöglichkeiten, in der Regel b∗ b∗ I dC I b∗ dC⋅= b∗ b∗ 1> 20. Konjunktur 507 Bankkredite, da es an freiwilligen Ersparnissen in den Unternehmen mangelt. Andere Unternehmer ahmen die Neuerungen der Innovatoren mit einem zeitlichen Abstand (lag) nach (imitations), so daß sich ein Anpassungsprozeß in Richtung auf ein neues Gleichgewicht auf höherem Niveau einstellt, das schließlich durch erneute innovations gestört wird (Fig. 20-5). Ob die SCHUMPE- TERsche Analyse eine Konjunktur- oder Wachstumserklärung (Erklärung von Wachstumszyklen) ist, kann unterschiedlich beantwortet werden. Sie ist jedenfalls so angelegt, daß dieUnterschiede zwischen Konjunktur undWachstum an Bedeutung verlieren. Fig. 20-5: SCHUMPETER-Prozeß Das gilt auch für die Theorie von JOHN RICHARD HICKS, der - wie zunehmend andere Autoren - Konjunktur und Wachstum als einen integrierten Prozeß ansieht. Ausgangspunkt seiner Überlegungen ist ein Modell, in dem der Akzelerator mit einem Einkommensmultiplikator kombiniert wird. Daraus lassen sich Schwankungen des Volkseinkommens und der Beschäftigung im Zeitablauf ableiten. Der Einkommensmultiplikator des HICKSschen Modells (im 14. Kap. wird eine allgemeinere Multiplikatorformel dargestellt) gestattet die Berechnung der Erhöhung des Volkseinkommens, die eintritt, wenn die Nettoinvestitionen um einen bestimmten Betrag steigen. Der zugrunde liegende Gedanke ist: Investitionsausgaben werden zu Einkommen, die - soweit sie wieder ausgegeben werden - erneut Einkommen schaffen. Das gilt um so mehr, je größer der aus den entstandenen Einkommen wieder verausgabte Betrag ist. Eine zusätzlich vorgenommene Investition von 1000 Eurowird nach einer mehr oder weniger langen Zeit zu Einkommen der an der Produktion des Investitionsgutes beteiligten Arbeiter, Kapital- und Bodeneigentümer. Werden 4/5 dieser 1000 Euro wieder ausgegeben - z. B. für Konsumgüter -, entsteht erneut Einkommen in Höhe von 800 Euro. Gibt man diese Einkommen wieder zu 4/5 aus, entsteht ein neues Einkommen von 640 Euro. Addiert man die nacheinander entstehenden Einkommen, ergibt sich als Folge der Investitionszunahme 1000 Euro bei einer (marginalen) Konsumquote c = 4/5 ein zusätzliches Einkommen 5000 Euro. IΔ = YΔ = 508 Dritter Teil. Makroökonomie Das läßt sich nach folgender Formel berechnen: (20.3 a) oder (20.3 b) , für infinitesimale Änderungen: (20.3 c) (Verhaltens-Gleichung). Gleichung (20.3 c) kann aus durch Differenzierung nach gewonnenwerden. Die Größe ist bekanntlich die (marginale) Konsumquote, die Größe der Multiplikator. PAULANTHONY SAMUELSON hat das kombinierteMultiplikator-Akzelerator- Modell entwickelt. Da es in verschiedenen Konjunkturtheorien auftaucht, sei es kurz erläutert. Dabei ist hier auf Änderungsgrößen (Differenzen) abgestellt worden. Gefragt wird nach Schwankungen des Volkseinkommens als Folge von zusätzlichen Ausgaben, die man als "autonom" bezeichnet, weil ihr Entstehen nicht - wie die "induzierten" Ausgaben - aus demwirtschaftlichen Kreislauf heraus erklärt wird. Die autonomen Ausgaben sollen Investitionen ( ) sein, die bei den Produktionsfaktoren in der Periode ein Einkommen in gleicher Höhe entstehen lassen ( ). Von diesem Einkommenwird in der nächsten Periode, also in , nur der der marginalen Konsumneigung entsprechende Teil ausgegeben: (20.4) (Verhaltens-Gleichung). Die Zunahme der Konsumausgaben ( ) wird nach dem Akzeleratorprinzip (20.2) eine Investition "induzieren", die wiederum Einkommen entstehen läßt, für das (20.4) gilt. Der beschriebene Vorgang wiederholt sich ständig. Hinsichtlich der zeitlichen Abfolge sei angenommen, die induzierten Investitionen werden in der gleichen Periode getätigt, in der die Konsumgüternachfrage steigt, so daß (20.2) wie folgt lautet: (20.5) . Die Änderung einer Nettoinvestition ( ) hängt dementsprechend von der Änderung der Konsumausgabenänderung ( ) ab: (20.6) . Wenn (20.7) (Definitions-Gleichung) gilt, kann man unter Berücksichtigung von (20.4) und (20.6) schreiben: (20.8) (Verhaltens- Gleichung). YΔ 1 1 c– ----------- IΔ⋅= YΔ 1 s -- IΔ⋅= dY 1 s -- dI⋅= Y C Y( ) I+= I c 1 s–= 1 s⁄ 1 1 c–( )⁄= Ia t 1– Yt 1–Δ t c CtΔ c YΔ t 1–⋅= CtΔ It b∗ CtΔ⋅= ItΔ CtΔ Ct 1–Δ– ItΔ b∗ CtΔ Ct 1–Δ–( ) b∗ CtΔ⋅ b∗ Ct 1–Δ⋅–= = YtΔ IaΔ CtΔ ItΔ+ +≡ YtΔ IaΔ c Yt 1–Δ⋅ c b∗ Yt 1–Δ⋅ ⋅ c b∗ Yt 2–Δ⋅ ⋅–+ += IaΔ c 1 b∗+( ) Yt 1–Δ c b∗ Yt 2–Δ⋅ ⋅–+= 20. Konjunktur 509 Fig. 20-6: Multiplikator- und Akzeleratormodelle Der Parameter ist eine Verhaltenskonstante (marginale Konsumquote), der Parameter sei als eine technische Relation (Akzelerator) gedeutet. Samuelson wies nach, daß die Volkseinkommensänderungen (20.8) einen schwingenden Verlauf zeigen, also Wendepunkte besitzen können. Die Schwingungstendenz wird von der Wahl des Verhältnisses von zu bestimmt. Von vier möglichen Fällen sind zwei hervorzuheben: Ist , sind die Schwingungen gedämpft, ist , sind sie explosiv. Das absolute Volkseinkommen schwankt dann um den Wert (Fig. 20-6). Der Zusammenhang sei an einem numerischen Beispiel erläutert. Die autonome Investition betrage 100, = 0,9 und = 1. Nach den Werten von und ist ein gedämpftes Modell zu erwarten. DieWerte für 30 Perioden sind graphisch (Fig. 20-7) und tabellarisch (Übers. 20-2) wiedergegeben. Die Erwartung, daß durch die Wahl von und ( ) ein gedämpftes Modell entsteht, wird bestätigt. In kleiner werdenden Amplituden nähert sich dem Wert Null. Das Modell ist zugleich ein Beispiel für eine endogene Theorie. Mit Ausnahme der autonomen Investition können die Änderungen des periodischen Volkseinc b∗ c b∗ c 1 b∗⁄< 1 b∗⁄ c 4b∗ 1 b∗+( )2⁄< < Ia 1 c–( )⁄ c b∗ c b∗ c b∗ 0 9 1 1⁄<, YΔ 510 Dritter Teil. Makroökonomie kommens, der Konsumausgaben und Investitionen aus dem Prozeß erklärt werden. HICKS wählt nun ein explosives Modell mit der Besonderheit, daß die In- Fig. 20-7: Gedämpftes Multiplikator-Akzelerator-Modell vestitionen erst in der Periode nach der Erhöhung der Konsumgüterausgaben durchgeführt werden. Das Volkseinkommen schwingt darin um einen ansteigenden Trend, den HICKS durch die Annahme dauernd steigender autonomer Nettoinvestitionen in das Modell einführt, die damit zu einer Funktion der Zeit werden. Da das Anwachsen von im Zeitablauf nicht erklärt wird, handelt es sich um kein vollständig endogenes Konjunktur-Modell. Schranken der explosiven Schwankungen nach oben (ceiling) und nach unten (floor) sind exogen vorgegeben. Reale Kapazitätsbeschränkungen gestatten keine Ausschläge über eine obere Grenze (full employment), Desinvestitionen keine über eine untere Grenze, sofern das reale Volkseinkommen als Bezugsgröße gewählt wird. Die untere Grenze liegt über den autonomen Investitionen (Fig. 20-8). Das Modell von Hicks ist ein Beispiel für das wachsende Bestreben, eine Verbindung von Konjunktur- und Wachstumstheorie herzustellen. Es kam Hicks in erster Linie darauf an, die Grenzen konjunktureller Abläufe und die destabilisierende sowie verstärkende Wirkung des Akzelerators aufzuzeigen. An eine umfassende, empirisch relevante Konjunkturerklärung konnte schon deshalb nicht gedacht sein, weil wichtige Einflußgrößen (wie Zinsen, Preise) außer Betracht bleiben. Ia Ia Yr 20. Konjunktur 511 Übers. 20-2: Gedämpftes Multiplikator-Akzelerator-Modell Periode Änderung der autonomen Investitionen Änderung der Konsumausgaben Änderung der induzierten Investitionen Änderung des periodischen Volkseinkommens 0 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 100 - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - 90 162 211 234 231 205 161 105 44 - 15 - 67 - 107 - 132 - 141 - 135 - 116 - 87 - 52 - 15 20 50 72 85 88 82 68 49 27 5 - 15 - 90 72 49 23 - 3 - 26 - 44 - 56 - 61 - 59 - 52 - 40 - 25 - 9 6 19 29 35 37 35 30 22 13 3 - 6 - 14 - 19 - 22 - 22 - 20 100 180 234 260 257 228 179 117 49 - 17 - 74 - 119 - 147 - 157 - 150 - 129 - 97 - 58 - 17 22 55 80 94 98 91 76 54 30 5 - 17 - 35 t IaΔ CtΔ c Yt 1–Δ⋅= ItΔ b∗ CtΔ⋅= b∗ Ct 1–Δ⋅– YtΔ IaΔ += CtΔ ItΔ+ 512 Dritter Teil. Makroökonomie Fig. 20-8: Konjunktur und Wachstum bei HICKS 21. Kapitel: Stabilitätspolitik I. Gesamtwirtschaftliche Instabiltät als Problem einer Wirtschaftsordnung Gesamtwirtschaftliche Instabiltät als Tatsache Konjunkturen sind zeitlich unterschiedliche Ausnutzungen der Produktionskapazitäten - Gesamtwirtschaftliche Instabilität - Gesamtwirtschaftliche Inflexibilität Behauptungen über die Ursachen der gesamtwirtschaftlichen Instabilität Instabilität des privaten Sektors - Instabiliät auch Folge von Strukturänderungen - Instabilität des staatlichen Sektors Prinzipien der Stabilitätspolitik Systemkonformität der gesamtwirtschaftlichen Ziele und wirtschaftspolitische Mittel - Stetigkeit beimMitteleinsatz - Einhaltung angenommenerWirkungszeiten nach demMitteleinsatz II. Stabilisierung des Preisniveaus Träger der Geldpolitik und Regulierungen Träger der Geldpolitik ist die Europäische Zentralbank - Regelungen Systemkonforme Maßstäbe Rolle der Preisniveaustabilität - Zerrüttung des Geldsystems beseitigt Marktwirtschaft - Priorität unter den Zielen der Stabilitätspolitik Systemkonforme Mittel Wachstum der Geldmenge steuern - Empirische Untersuchungen belegen übermäßige Geldmengenexpansion führt zu Inflation - Geldpolitik Feuerwehr der Stabilitätspolitik? - Geldnachfrage hinreichend stabil - Absolute Preisniveaustabilität ein utopisches Ziel III. Sicherung eines hohen Beschäftigungsstandes Tatsächliches Verhalten der Entscheidungsträger Mißverständnis über die Voraussetzungen der „Fiscal Policy" - Eine Schwäche der parlamentarischen Demokratie - Zunehmende staatliche Regulierungen Systemkonforme Maßstäbe Beschäftigungsprobleme sind vor allem mikroökonomischer Natur - Räumliche und berufliche Mobilität - Arbeitsmärkte sollten nicht durch staatliche Interventionen behindert werden Systemkonforme Mittel Gewährleistung funktionsfähiger Arbeitsmärkte - Sicherung der räumlichen und beruflichen Mobilität - Beachtung der Systemkonformität auch bei Arbeitsmarktinterventionen Literaturempfehlungen zum dritten Teil I. Gesamtwirtschaftliche Instabilität als Problem einer Wirtschaftsordnung Gesamtwirtschaftliche Instabilität als Tatsache Die gesamtwirtschaftlichen Produktionskapazitäten werden durch die Wirtschaftsubjekte zeitlich unterschiedlich genutzt. Diese unterschiedlichen Aktivitäten bezeichnet man als Konjunkturen, Konjunkurschwankungen oder Konjunkturzyklen, die von Schwankungen im Ablauf eines Jahres (Saisonzyklen), in Teilbereichen der Volkswirtschaft (Branchenzyklen) und des Produktionspotentials (Wachstumszyklen) abgehoben werden. Die Frage, warum Konjunkturen auftreten, beschäftigt die Wirtschaftswissenschaft seit langem. Hypothesen über die Ursachen konjunktureller Schwankungen sind ein wichtiger Gegenstand der Wirtschaftstheorie. In der theoretischen Wirtschaftspolitik genügt es zu prüfen, ob und inwieweit es in einer freiheitlichenWirtschaftsordnung angezeigt ist, Konjunkturen zu bekämpfen, also die unterschiedliche Auslastung der Produktionskapazitäten zu verstetigen, zu stabilisieren. Dabei wird auf gesicherte Erkenntnisse der Konjunkturtheorie zurückgegriffen. Vor einem Einsatz derWirtschaftspolitik bleibt zu klären, was konjunkturpolitische Ziele in einer freiheitlichenWirtschaftsordnung sind. Zu den im einzelnen noch zu erörternden Zielen gehören: Preisniveaustabilität, Vollbeschäftigung und Zahlungsbilanzausgleich. Die Forderung, wirtschaftliche Aktivitäten zeitlich so zu stabilisieren, daß Preisniveaustabilität, Vollbeschäftigung und Zahlungsbilanzausgleich zugleich erreicht werden, stellt sich nur insoweit, als Anpassungsmechanismen derMarktwirtschaft behindert oder außer Kraft gesetzt werden. Die wachsende Bedeutung der Stabilitätspolitik ist - wie auf anderen Gebieten - Symptom und Folge zunehmender staatlicher Eingriffe in eine freiheitliche Wirtschaftsordnung. Die gesamtwirtschaftliche Instabilitätwird durch Indikatoren beschrieben. Konjunkturindikatoren sind Meßgrößen, mit denen der zeitliche Verlauf der Expansion (Boom) oder Kontraktion (Depression) wirtschaftlicher Aktivitäten in einem Land erfaßt wird. Als Konjunkturindikatoren eignen sich vor allem bestimmte Zeitreihen. Beim Zyklenmuster unterscheidet man Früh-, Präsens- und Spätindikatoren der Konjunkturen. Zu den wichtigsten Frühindikatoren gehören die Auftragseingänge und Baugenehmigungen, weil sinkende Auftragseingänge oder Baugenehmigungen Vorboten von Produktionseinschränkungen sind und umgekehrt. Die gegenwärtige Konjunkturlage wird durch Indikatoren für die Produktion und den Arbeitsmarkt (Arbeitslose, offene Stellen, Kurzarbeiter) sowie durch Einzelhandelsumsätze und den Saldo der Ein- und Ausfuhren (Handelsbilanz) beschrieben. Zu den Spätindikatoren gehören Preise, insbesondere die Löhne und die Preise für Güter der Lebenshaltung, weil sich die Massenkaufkraft und damit die Konsumgüternachfrage im Konjunkturablauf ziemlich spät anpassen. Das moderne Schema der Kapazitätsauslastung stellt das Produktionspotential - eine errechnete Größe - dem Bruttoinlandsprodukt - eine gemessene Größe - gegenüber. Als prozentualen Anteil des Bruttoinlandsprodukts am Produktionspotential erhält man den 516 Dritter Teil. Makroökonomie Auslastungsgrad. Die gesamtwirtschaftliche Inflexibilität ist das zentrale Problem jeder freiheitlichen Wirtschaftsordnung, wenn man die Anpassungsmechanismen des Marktes behindert oder beseitigt. Davon muß freilich in allen Demokratien mehr oder weniger ausgegangen werden, in denen bei der Bevölkerung wie bei den Politikern eine verbreitete Unkenntnis über die Marktwirtschaft sowie ihrer engen Verzahnung mit der Gesellschafts- und Staatsordnung - in Verbindung mit dem Glauben an die „Machbarkeit" einer gesamtwirtschaftlichen Steuerung - dazu geführt haben, Eingriffe in den Marktprozeß permanent zu verstärken. Bezieht man diese generelle Aussage auf die Verhältnisse in der Bundesrepublik Deutschland während der letzten Jahrzehnte, läßt sich empirisch festhalten, daß ein hoher Bedarf für eine Stabilitätspolitik nur deswegen aufgetreten ist, weil negative Schocks, die die Volkswirtschaft früher ohne weiteres verkraftet hat, nicht mehr von der Wirtschaft aufgefangen werden konnten, die Ausweitung des staatlichen Sektors in die Handlungsmöglichkeiten der privaten Wirtschaftssubjekte tief eingegriffen hat, damit zusammenhängende Tendenzen der Steuerung und staatlichen Umverteilung verstärkt worden sind, verzerrte Preisverhältnisse zwischen Kapital und Arbeit zu einer unzureichenden Kapitalbildung geführt haben und deshalb der nach dem Zweiten Weltkrieg aufgebaute Kapitalstock veralten mußte. Ob sich in einem Land diese, in einem anderen Land jene Eingriffe beobachten lassen, ist letztlich unbeachtlich, weil im Hinblick auf die spezifischen Verhältnisse eines bestimmten Landes festgestellt werden muß: Die Neigung, private Freiheiten einzuschränken und staatliche Interventionen auszudehnen, ist unbeschadet der jeweiligen Eingriffsformen überall zu konstatieren. Die Verhältnisse in der Bundesrepublik Deutschland dürften zumindest für die drei erstgenannten Gründe übernationale Bedeutung haben. Erstens hat die Fähigkeit der privaten Sektoren in verschiedenen Ländern, Schocks in einer kurzen Zeit zu absorbieren, deutlich abgenommen. Schocks sind einmalige Ereignisse, deren Wirkungen dauerhafte Krisen nicht erklären können. Wenn einmalige Schocks gleichwohl eine anhaltende Arbeitslosigkeit oder gar eine Stagnation auslösen, kann die Erklärung nur sein, daß die Wirtschaft wegen bestehender oder erwarteter Staatseingriffe keinen Grund sieht, sich den veränderten Umständen anzupassen. Zweitens hat sich der staatliche Sektor überall zu Lasten des privaten Sektors ausgeweitet. Die Belastung durch Abgaben ist international kräftig gestiegen - in der Bundesrepublik Deutschland von 1960 bis 2010 von 30 auf weit über 40% -, der private Sektor entsprechend geschrumpft. Damit geht eine Zunahme bürokratischer Regelungen - durch Auflagen, Anweisungen und Verbote - einher, die die dezentralen Entscheidungen der privaten Wirtschaftssubjekte weiter einengen und überdies erhebliche gesamtwirtschaftliche Kosten verursachen, die insbesondere an kontraproduktiven Industrien deutlich werden. Drittens haben die geasmtwirtschaftliche Steuerung, mit der bestimmte Wirtschaftssubjekte zugunsten anderer belastet werden, ebenso wie die Umverteilungspolitik des Staates den Spielraum der Wirtschaft, insbe- 21. Stabilitätspolitik 517 sondere die Fähigkeit der privaten Unternehmer, sich unerwarteten Risiken anzupassen, erheblich eingeschränkt. Ein wichtiges Symptom dieser beschnittenen Anpassungsfähigkeit dürfte vor allem der rapide Rückgang der Eigenkapitalbildung sein, der ein Indiz für die private Fähigkeit ist, sich ohne die Hilfe anderer am Markt zu behaupten. Behauptungen über die Ursachen der gesamtwirtschaftlichen Instabilität Genauere Analysen der gesamtwirtschaftlichen Instabilität bietet die Konjunkturtheorie. In gewisser Unabhängigkeit von konjunkturtheoretischen Begründungen werden seit einer Reihe von Jahren vor allem zwei Behauptungen über die Ursachen der gesamtwirtschaftlichen Instabilität wissenschaftlich erörtert. Eine erste Behauptung geht dahin, die private Nachfrage reiche bei einer gegebenen staatlichen Nachfrage zur Vollbeschäftigung in der Regel nicht aus. Deshalb solle der Staat eine gesamtwirtschaftliche Steuerung mit dem Ziel betreiben, das für eine Vollbeschäftigung nötige Niveau der Nachfrage auch kurzfristig zu sichern. Diese Auffassung, die von JOHN MAYNARD KEYNES stammt, basiert auf der Annahme, die gesamtwirtschaftliche Instabilität gehe auf die Instabilität des privaten Sektors zurück. Solche Ansichten sind nicht von KEYNES allein geäußert worden. Vielmehr vertreten die meisten Konjunkturtheoretiker endogene Theorien, nach denen allein innerwirtschaftliche Faktoren die Konjunkturbewegungen auslösen. Was jedoch viele dieser Theorien, z. B. die Überinvestitionstheorie VON HAYEKS, von der Keynesschen Erklärung trennt, ist die Unausweichlichkeit der Konjunkturschwankungen, die sie gegenüber wirtschaftspolitischen Eingriffen unempfindlich macht. Demgegen- über ist bei KEYNES der Staat aufgerufen, die Rolle des Demand-Managements zu übernehmen. Die These von der Instabilität des privaten Sektors impliziert nach unten unbewegliche oder relativ starre Preise, so daß Angebot und Nachfrage auf den Märkten nicht über Preisbewegungen zum Ausgleich kommen können. Eigentliche Ursache der Instabilität des privaten Sektors sei deshalb, daß derWettbewerb nicht oder nicht schnell genug funktioniere, dieWirtschaft bei Störungen deshalb nicht zum Vollbeschäftigungsgleichgewicht zurückkehre. Konjunkturschwankungen seien die Folge von Änderungen der effektiven gesamtwirtschaftlichen Nachfrage, die insbesondere durch die instabile Entwicklung der privaten Investitionen über Multiplikator- und Akzeleratorprozesse hervorgerufen würden. Für eine freiheitlicheWirtschaftsordnung kommt es bei einer Beurteilung dieser Ansicht nicht in erster Linie auf die theoretische Analyse an, die richtig oder falsch sein mag, sondern auf die stabilitätspolitischen Konsequenzen. Fällt dem Staat die Aufgabe zu, zu jeder Zeit an die Stelle angeblich unterlassener privater Ausgaben seine eigenen zu setzen, werden kurzfristige und diskretionäre Interventionen notwendig, die jeweils auf einzelne Situationen abgestellt sind. Damit ist dem wirtschaftspolitischen Aktionismus staatlicher Akteure Tür und Tor geöffnet. Eine Stop-and-Go-Politik bewirkt nachweislich genau, was theoretisch vorausgesetzt wird: der private Sektor verliert wegen der unvorhersehbaren staatlichen Eingriffe und ihrer nicht abzusehenden Folgen an Fähigkeit, für einen Ausgleich von Angebot und Nachfrage über die Märkte zu sorgen. 518 Dritter Teil. Makroökonomie Eine Variante der an KEYNES orientierten Stabilitätspolitik ist die sogenannte Globalsteuerung. Wie der Ausdruck erkennen läßt, sollen die volkswirtschaftlichen Aggregate, Konsum- und Investitionsausgaben, gesteuert werden. Es ist aber unkontrovers, daß gesamtwirtschaftliche Maßnahmen der Politik der Geld-, aber auch der Finanzpolitik - nicht durchgängig die gleichen Wirkungen entfalten. Einzelne Industrien, Sektoren und Regionen werden unterschiedlich getroffen. Eine Zinserhöhung z. B. führt in zinsempfindlichen Bereichen, etwa im Wohnungsbau, zu anderen Wirkungen als in solchen, bei denen die Zinsbelastungen unerheblich sind. Maßnahmen der Globalsteuerung zeitigen deshalb auch immer strukturelle Wirkungen. Von dieser Erkenntnis ist es nur noch ein kleiner Schritt zur Auffassung, die Globalsteuerung sei ein Teil der Strukturpolitik. Noch weiter gehen Autoren, die behaupten, die gesamtwirtschaftlichen Instabilitäten hätten auch oder überwiegend strukturelle Ursachen. Als Ursachen für Instabilitäten bei Preisen und Beschäftigung werden unter anderem genannt: Strukturverschiebungen zwischen dem primären, sekundären und tertiären Sektor der Volkswirtschaft sowie Branchenkonzentrationen, gemessen als gesamtwirtschaftliche Anteile der zehn oder zwanzig größten Branchen am Produktionsvolumen der Volkswirtschaft. Zwischen den kurzfristigen Instabilitäten als Folge unzureichender effektiver Gesamtnachfrage und langfristigen Instabilitäten als Folge struktureller Änderungen gebe es bisher nicht beachtete, aber auch wenig erforschte Wechselwirkungen. Deshalb sei es zweckmäßig, die Stabilitäts- und die Strukturpolitik zu integrieren. Ziel dieser Politik müsse es sein, die wirtschaftspolitischen Aktivitäten von der gesamtwirtschaftlichen, kurzfristig orientierten Einflußnahme auf das Wirtschaftsgeschehen in Richtung auf eine längerfristige, strukturell orientierte Steuerung zu verlagern. Was aus der Sicht einer freiheitlichen Wirtschaftsordnung gegen die Globalsteuerung vorgebracht wurde, gilt verstärkt für eine strukturorientierte Stabilitätspolitik. Ein ordnungspolitisches Bedenken -wachsende Staatsinterventionen bei erlahmenderWettbewerbskraft - wird durch ein zweites verstärkt: Die Eingriffe kämen einer staatlichen Investitionslenkung gleich, die auf diese Weise durch die „Hintertür" eingeführt würde. Eine solche Wirtschaftspolitik ist schon deshalb verfehlt, weil sie der theoretischen Fundierung ermangelt und die Integration von Stabilitäts- und Strukturpolitik nicht über schlichte Denkansätze hinausgekommen ist. Aus der Kritik an der Stabilitätspolitik Keynesschen Zuschnitts erwuchs die Gegenthese, die vor allemMILTON FRIEDMAN vorgetragen hat: Die gesamtwirtschaftliche Instabilität gehe auf die Instabilität des staatlichen Sektors zurück. Der private Sektor sei grundsätzlich stabil, wenn freier Wettbewerb herrsche. Dies schließe Schwankungen der wirtschaftlichen Aktivitäten, z. B. nach exogenen Schocks, nicht aus. Doch Störungen des Marktgleichgewichts würden rasch absorbiert, so daß eine Beschäftigungspolitik des Staates nicht erforderlich sei. Dessen Aufgabe in der Stabilitätspolitik liege darin, für ein möglichst gleichmäßiges Geldmengenwachstum derWirtschaft zu sorgen (Monetarismus). Denn entgegen den Annahmen von KEYNES gingen von der Geldpolitik konjunkturelle Wirkungen aus, wenn Geldmengenänderungen nicht erwartet würden. Die Konstanz derWachstumrate der Geldmenge sei sta- 21. Stabilitätspolitik 519 bilitätspolitisch wichtiger als die Höhe derWachstumsrate, für die als Richtgrö- ße die reale Wachstumsrate des Produktionspotentials dienen könne. Die Behauptung von der Instabilität des staatlichen Sektors wird auf verschiedene Argumente gestützt: Empirische Untersuchungen über die Geldpolitik in den Vereinigten Staaten hätten eindeutig ergeben, daß starke Schwankungen des Geldmengenwachstums nach einiger Zeit zu Änderungen des Volkseinkommens führten und nach einem weiteren „lag" auch das Preisniveau beeinflußten. Diese Wirkungen träten jedoch nicht nach einem bestimmten lag-Muster ein, das heißt, die Zeiten zwischen Mitteleinsatz und Mittelwirkungen seien unterschiedlich lang und nicht prognostizierbar. Dies gelte im übrigen für alle stabilitätspolitischen Interventionen. Deshalb sei davon auszugehen, daß die Stabilitätspolitik prozyklisch wirken, also einen Boom oder eine Depression verstärken könne. Im Hinblick auf die Stabilität des privaten Sektors bestehe kein stabilitätspolitischer Handlungsbedarf über die Geldpolitik hinaus. Soweit der Staat aus Steuererhöhungen oder Inlandsschulden Ausgaben tätige, verdränge er nur private Nachfrage (crowding-out-Effekt). Für eine über Geldmengenexpansion finanzierte Ausgabenerhöhung gelte nichts anderes als für die Wirkungen einer expansiven Geldpolitik, da es ökonomisch gleichgültig sei, auf welche Weise Geld in den Umlauf gelange. Die stabilitätspolitischen Konsequenzen dermonetaristischen Position stehenmit der freiheitlichenWirtschaftsordnung in Einklang, sofern akzeptiert wird, daß die Geldversorgung eines Landes durch ein staatliches Monopol erfolgen kann. Die Schwierigkeiten liegen nicht in der Konzeption an sich, sondern in demVerzicht, den sie fordert: das Abgehen von einer diskretionären, aktionistischen Stabilitätspolitik, sowohl in der Finanz- als auch in der Geldpolitik. Prinzipien der Stabilitätspolitik Die Stabilitätspolitik in einer Marktwirtschaft wird nur dann Erfolg haben, wenn bestimmte Grundsätze beachtet werden. Diese sind nicht abstrakte Gedankengebilde, sondern erfahrungswissenschaftlich gestützte Konsequenzen aus Fehlschlägen der Stabilitätspolitik in den letzten Jahrzehnten, in der Bundesrepublik Deutschland insbesondere mit der Anwendung des Gesetzes zur Förderung der Stabilität und des Wachstums der Wirtschaft aus dem Jahr 1967. Die seit Jahrzehnten anhaltende Wachstumsschwäche ist nach überwiegender wissenschaftlicher Meinung auch das Ergebnis einer Stabilitätspolitik, die mit dem Anspruch auftrat, für einen hohen Beschäftigungsstand und Preisniveaustabilität zu sorgen, am Ende aber beides verfehlte. Aus den Erfahrungen mit einer Stabilitätspolitik dieses Zuschnitts muß aus ordnungspolitischer Sicht die Lehre gezogen werden, daß die gesamtwirtschaftliche Instabilität nur bei Beachtung der folgenden Prinzipien in akzeptablen Grenzen zu halten sein dürfte: Systemkonformität der gesamtwirtschaftlichen Ziele und der wirtschaftspolitischen Mittel, Stetigkeit beim Mitteleinsatz und Einhaltung von Wirkungszeiten nach einem Mitteleinsatz. Das Prinzip Systemkonformität der gesamtwirtschaftlichen Ziele und wirtschaftspolitischen Mittel ist im Zusammenhang mit gesamtwirtschaftlichen 520 Dritter Teil. Makroökonomie Entscheidungsverfahren generell bereits behandelt worden (3. Kap.). Es ist keine Frage des Glaubens, sondern der Logik, ob sich Ziele und Mittel der Stabilitätspolitik mit einer freiheitlichen Wirtschaftsordnung vereinbaren lassen. Es sei wiederholt, daß Vollbeschäftigung, Preisniveaustabilität und Zahlungsbilanzausgleich systemkonform sind. Sind die genannten Ziele auch miteinander vereinbar? Diese Frage beschäftigt die Fachwelt seit langem. Ein Diskussionsergebnis ist: Vollbeschäftigung und Preisniveaustabilität sind entgegen verbreiteter Behauptung konsistente Ziele. Eine Unvereinbarkeit folgt nicht aus den Zielen an sich, kann aber die Folge eines bestimmten Mitteleinsatzes sein. Ordnungspolitisch zumindest bedenklich sind andere Ziele, wieWirtschaftswachstum und Strukturänderungen, insbesondere wenn mit der darauf gerichteten Politik mehr als die Beseitigung vonWettbewerbshemmungen erreicht werden soll. Letztlich sind aber nicht die Ziele, sondern die Mittel der Stabilitätspolitik ordnungspolitisch zu beurteilen. Als Regel kann gelten, daß nur die geldpolitischen Instrumente ordnungspolitisch unproblematisch sind. Schweren Bedenken unterliegt dagegen der Einsatz des Staatshaushalts für die Ziele der Stabilitätspolitik (antizyklische Finanzpolitik). Diese Bedenken ergeben sich nicht so sehr daraus, daß die Finanzpolitik tatsächlich nur in geringem Umfang - wenn überhaupt - in der Lage sein dürfte, antizyklisch zu wirken. Der ordnungspolitisch entscheidende Punkt ist: Der Staat entzieht den privaten Haushalten und Unternehmen Teile ihres Einkommens für unstreitig nichthoheitliche Verwendungszwecke, also nicht bloß für Aufgaben, die nur er wahrnehmen kann. In einer freiheitlichen Wirtschaftsordnung gehört es nicht zu den Aufgaben des Staates, über hoheitliche Aufgaben hinaus die Einkommensverwendung zu bestimmen. Das Prinzip, Stetigkeit beimMitteleinsatzwalten zu lassen, gründet auf der Erkenntnis, daß die Stabilitätspolitik die Verhaltensweise der Menschen beeinflußt, meistens in eine bestimmte Richtung lenken will. Das ist ordnungspolitisch nicht ohne weiteres zu beanstanden, jedenfalls nicht, solange die Individuen frei sind, solchen Beeinflussungsversuchen, die einMittel der Politik sind, zu folgen. Eine Stabilitätspolitik, die im Hinblick auf gesteckte und unkontroverse Ziele erfolgreich sein will, muß jedoch beachten, daß die Wirtschaftssubjekte lernen, die Entscheidungen der politischen Instanzen in ihr Kalkül einzubeziehen. Verursachen die Entscheidungen dieser Instanzen z. B. eine anhaltende Inflation und kennen die Wirtschaftssubjekte den Zusammenhang zwischen der Inflation und dem Handeln wirtschaftspolitischer Instanzen, so werden sie für die Zukunft mit einer Inflation rechnen und sich darauf einrichten - was zur Unwirksamkeit der politischen Maßnahme führt, die die Inflation hervorrief. In diesem Fall ist die Politik nur wirksam, wenn es ihr gelingt, die Wirtschaftssubjekte in ihren Erwartungen zu täuschen. Durch den Einsatz stets wechselnderMittel zu unterschiedlichen Zeitpunkten in variierendemAusmaß kann zwar die Erwartungsbildung der Individuen konterkariert werden. Das gewünschte Resultat wird dennoch nicht erzielt: Eine Stabilitätspolitik, die ständig wechselnde Mittel einsetzt oder deren künftiger Kurs unklar ist, verunsichert Wirtschaftssubjekte und führt zu abwartendem Verhalten und zur Untätigkeit. Es kommt letztlich darauf an, daß die Stetigkeit der Stabilitätspolitik 21. Stabilitätspolitik 521 geeignet sein muß, die Glaubwürdigkeit der politischen Instanzen zu erhöhen. Dies setzt Kontinuität beimMitteleinsatz, Übereinstimmung vonWort und Tat, ökonomischen Sachverstand und die Fähigkeit zur Auswahl adäquater Mittel bei den Trägern der Stabilitätspolitik voraus. Fehlt auch nur eines dieser Elemente, beispielsweise weil eine Diskrepanz zwischen den Erklärungen einer Partei vor einer Wahl und ihrem Tun danach besteht, ist das Vertrauen zwischen Politikern und Wählern erschüttert, so daß der Stabilitätspolitik eine wichtige Erfolgsgrundlage entzogen wird. Für den politischen Alltag von Demokratien dürfte dies keine neue Erkenntnis sein. Erstaunlich ist vielmehr, daß solche allgemein verbreiteten Einsichten von „politischen Unternehmern“ kaum zur Kenntnis genommen werden. Eine Volkswirtschaft gleicht - unabhängig von der Ordnungspolitik - nicht einem Fahrrad, dessen Fahrtrichtung sich schnell ändern läßt, sondern einem Ozeandampfer, auf dessen Kurs man durch Steuerbewegungen nur allmählich Einfluß nehmen kann. Hält man sich dies vor Augen, wird die Bedeutung des Prinzips Einhaltung angemessener Wirkungszeiten nach dem Mitteleinsatz deutlich. Alle Erfahrungen zeigen, daß die Kapitäne der Stabilitätspolitik - um im Bild zu bleiben - sich fast immer wie Radfahrer verhalten und verwundert sind, daß ihren Steuerungsbemühungen ein schneller und sichtbarer Erfolg versagt bleibt. Die wissenschaftliche Kontroverse zu diesem Punkt kreist um die Frage, ob die gesamtwirtschaftlichen Ergebnisse machbar sind oder nicht. Aus empirischer Sicht lassen sich extreme Positonen nicht halten. Einerseits muß vor der Hybris gewarnt werden, Vollbeschäftigung und Preisniveaustabilität könnten unter allen Umständen in relativ kurzer Zeit erreicht werden. Diesem Irrtum sind die politischen „Macher", die der „Philosophie" des Stabilitätsgesetzes folgten, nachweislich erlegen. Andererseits läßt sich nicht leugnen, daß die Stabilitätspolitik zu einem hohen Beschäftigungsstand und zur Geldwertsicherung auch in einer freiheitlichen Wirtschaftsordnung beitragen kann, wenn sie einige Grundsätze beachtet. Zu beobachten ist: Stabilitätspolitische Maßnahmen entfaltenWirkungen, die sich teilweise auch bei dem vorherrschenden aktionistischen Mitteleinsatz empirisch feststellen lassen. DieseWirkungen treten nur selten kurzfristig auf, weil die Wirtschaftssubjekte sich auf neue Bedingungen nur allmählich einstellen. Verzögerungen in der Anpassungmuß die Stabilitätspolitik von vornherein einkalkulieren, damit nicht zu früh weitere Maßnahmen ergriffen werden, nur weil der fälschliche Eindruck entstanden ist, die ursprüngliche Vorgehensweise sei wirkungslos geblieben. Auch beim Prinzip der Einhaltung angenommener Wirkungszeiten wird deutlich, daß die wesentliche Anforderung an die Stabilitätspolitiker unpopulär ist. Gefragt ist Geduld und Vertrauen auf die Reaktionen des Marktes, nicht Hektik und Diffamierung der freiheitlichen Wirtschaftsordnung. 522 Dritter Teil. Makroökonomie II. Stabilisierung des Preisniveaus Träger der Geldpolitik und Regelungen Träger der Geldpolitik ist die Europäische Zentralbank (EZB) mit Sitz in Frankfurt amMain, die diese Aufgabe für die Bundesrepublik Deutschland von der Deutschen Bundesbank in den neunziger Jahren des letzten Jahrhunderts übernommen hat. Sie ist zuständig für alle Ländern, die Mitglied der Europäischen Währungsunion sind. Ursprünglich waren es zwölf Länder. Durch die Ausweitung der Europäischen Union vor allem nach Osteuropa hat sich der Mitgliederkreis inzwischen vergrößert - ein Vorgang, der noch nicht abgeschlossen ist. Die Verfassung der Europäischen Zentralbank und die für sie geltenden Regelungen für die Geldpoltik decken sich weitgehend mit denen der Deutschen Bundesbank. Für eine solche Übernahmeentscheidung sprach vor allem die vorbildliche Rolle und - daraus folgend - die hohe Reputation, die die deutsche Zentralbank im internationalen Vergleich besaß. Die Geldpolitik hat generell die Aufgabe, den Geldwert zu sichern, das heißt durch eine Stabiliserung des Preisniveaus Deflationen und Inflationen zu verhindern. Traditionell spielt die Verhinderung einer Inflation die größere Rolle. Bei einer Papiergeldwährung und in einer Demokratie kann eine Zentralbank diese Aufgabe nur erfüllen, wenn bestimmte Regelungen gelten. Die Europäische Zentralbank muß autonom, das heißt von Weisungen anderer Staatsorgane - wie Regierungen und Parlamenten - unabhängig sein, dasMonopol bei der Papiergeldproduktion (mit Strafandrohungen für andere Produzenten von Geldscheinen) besitzen und die Bankengeldproduktion (mit entsprechenden Befugnissen) kontrollieren können. Systemkonforme Maßstäbe Die zentrale Frage stellt ist, welche Rolle der Preisniveaustabilität zukommt. Eine, auch wissenschaftlich verbreitete Auffassung geht dahin, Preisniveaustabilität sei ausschließlich ein Ziel vonmehreren Zielen der Stabilitätspolitik. Dies ist auch die Ratio des Gesetzes zur Förderung der Stabilität und desWachstums der Wirtschaft. Wird überdies in Rechnung gestellt, daß unerwartete Preisniveauänderungen die Beschäftigung beeinflussen, liegt der Schluß nahe, die Stabilisierung des Preisniveaus habe nicht einen Wert an sich. Ihr Wert leite sich daraus ab, Vollbeschäftigung auf Dauer zu garantieren. Diesem Standpunkt muß aus folgenden Gründen widersprochen werden: Die Stabilisierung des Preisniveaus hat einen eigenen ordnungspolitischen Rang. Ordnungspolitisch hat die Preisniveaustabilisierung Priorität unter den Zielen der Stabilitätspolitik. Der ordnungspolitische Rang der Preisniveaustabilisierung ergibt sich insbesondere aus der Erfahrungstatsache, daß mit einer Zerrüttung des Geldsystems dieMarktwirtschaft, in der Regel auch die gesellschaftliche und staatliche 21. Stabilitätspolitik 523 Ordnung, beseitigt wird. „Um die bürgerliche Ordnung zu zerstören, muß man ihr Geldwesen verwüsten", soll LENIN erklärt haben. Einer solchen Einschätzung ist ohne weiteres zuzustimmen. Vor allem die mehr als hinreichenden Inflationserfahrungen in vielen Ländern zeigen eindeutig, daß von einer Geldentwertung die Beschäftigung beeinflußt werden kann. Allerdings ist diese Wirkung keineswegs sicher. An dieser zweifelhaften Wirkung der Geldpolitik wird das Ziel Preisniveaustabilisierung gemessen. Mit anderen Worten: Mögliche stabilitätspolitische Folgen sind Richtschnur einer Bewertung der Geldwertstabilität. Eine ordnungspolitische Betrachtungsweise hat jedoch auch andere und gewichtigere, vor allem sichere Folgen der Geldentwertung einzubeziehen. Eine sichere Folge jeder Geldentwertung ist eine reale Einkommensund Vermögensumverteilung zwischen Privaten, zwischen dem privaten und staatlichen Sektor einer Volkswirtschaft sowie zwischen dem Inland und Ausland. In diesem Zusammenhang kommt es nicht darauf an zu analysieren, wer unter welchen Umständen bei einer Inflation gewinnt oder verliert. Es genügt die empirisch gestützte Aussage, daß die erzielten Markteinkommen und daraus gebildeten Vermögen durch eine vom Staat verursachte Geldentwertung wie bei einer Steuer nachträglich und unvorhersehbar zugunsten oder zu Lasten bestimmter Individuen, Gruppen und Länder zwangsläufig verändert werden. Eine Inflation ist deshalb schon von den Klassikern zu Recht als eine redistributive Steuer verstanden worden, mit der der Staat in den Markt willkürlich eingreift. Die staatliche Redistribution ist eine sichere, aber nicht die einzige ordnungspolitisch problematische Folge der Inflation. Eine Inflation vermindert in jedem Fall, unabhängig davon, ob sie erwartet oder unerwartet eintritt, die Wirksamkeit des Wettbewerbs und die Vorteile einer Geldwirtschaft. Preisniveauverschiebungen führen zu Verzerrungen der relativen Preise, die für den Allokationsmechanismus einer Marktwirtschaft entscheidend sind. Eine Inflation, bei der sich alle Preise gleichmäßig erhöhen und damit die Einzelpreisrelationen nicht ändern würden, wäre insoweit unproblematisch. Da es dergleichen niemals gegeben hat und geben dürfte, täuscht eine Inflation Knappheitsrelationen vor, die es in Wirklichkeit nicht gibt. Die Folgen sind Fehlleitungen knapper Ressourcen. Die Wettbewerbslenkung wird durch eine Inflation irregeführt, gleichsam „überlistet". Nimmt eine Inflation zudem noch exorbitante Maße an, fällt eine Geldwirtschaft in eine Naturaltauschwirtschaft zurück. Auch dies hat erhebliche Folgen für den Wohlstand der Bevölkerung. Eine Ordnungspolitik, die auf Wettbewerb und Geldwirtschaft basiert, ist auf Geldwertstabilität angewiesen. Ordnungspolitisch diskutabel ist lediglich eine Geldwerterhöhung in einer wachsenden Wirtschaft. Gegenüber der verbreiteten stabilitätspolitischen Betrachtungsweise sollte der früher wie heute nicht zu bestreitende ordnungspolitische Rang der Preisniveaustabilität wieder ins Blickfeld geraten. Im Hinblick auf ihren ordnungspolitischen Rang hat die Preisniveaustabilisierung eine eindeutige Priorität unter den Zielen der Stabilitätspolitik. Damit soll - negativ formuliert - nicht die überflüssige und unergiebige Diskussion zwischen Anhängern bestimmter stabilitätspolitischer Prioritäten, zwischen den „Preisniveaufanatikern" und den „Vollbeschäftigungsfetischisten", aufge- 524 Dritter Teil. Makroökonomie nommen und fortgeführt werden. Es geht um die schlichte Frage, ob Preisniveaustabilität gleichsam vor die Klammer des Katalogs stabilitätspolitischer Ziele gezogen werden kann. Diese Frage ist beim gegenwärtigen Stand der wissenschaftlichen Kenntnisse mit einem eindeutigen Ja zu beantworten. Denn die strikte Verfolgung der Preisniveaustabilisierung beeinträchtigt zumindest mittelfristig weder die Vollbeschäftigung noch den Zahlungsbilanzausgleich, sofern die Geldpolitik ordnungspolitisch konform betrieben wird. Umgekehrt läßt sich in der Regel beobachten, daß viele Maßnahmen, die jenseits der Geldpolitik - im engeren Wortsinn - zur Sicherung der Vollbeschäftigung und des Zahlungsbilanzausgleichs getroffen werden, die Bemühungen um eine Preisniveaustabilisierung fördern. Systemkonforme Mittel Aus den Darlegungen zu den systemkonformenMaßstäben ergibt sich, daß die Preisniveaustabilisierung anzustreben ist, unabhängig davon, ob andere stabilitätspolitische Ziele verwirklicht sind. Wo haben die systemkonformen Mittel anzusetzen? Die entscheidende Aufgabe der Geldpolitik liegt darin, das Wachstum der Geldmenge so zu steuern, daß das Preisniveau stabilisiert wird und die Geldpolitik nicht zur gesamtwirtschaftlichen Instabilität beiträgt. Die Lösung dieser Aufgabe ist schwierig genug, wie sogleich deutlich werdenwird. Schon deshalb sollte die Geldpolitik nicht auch noch damit belastet werden, Konjunkturschwankungen auszugleichen - eine Aufgabe, die sie bisher weder zu lösen vermochte, noch im Einklang mit der Ordnungspolitik leisten kann. Konzentriert man die Geldpolitik auf die beiden genannten Anforderungen, läßt sich das so formulierte Ziel erreichen, wenn die effektive gesamtwirtschaftliche Nachfrage mit dem gesamtwirtschaftlichen Angebot übereinstimmt und die Geldmengenexpansion für die Wirtschaftssubjekte kalkulierbar ist. Im Hinblick auf die weltweite Inflation würde dies für die meisten Länder konkret bedeuten, die Ausdehnung der Geldmenge auf die des Wirtschaftswachstums zurückzuführen und zeitlich zu verstetigen. Eine so konzipierte Geldpolitik wird von der Praxis, teilweise auch von der Wissenschaft, mit einigen Argumenten angegriffen: Das Konzept beruhe auf einer „falschen" Theorie. Die sich ändernde Geldnachfrage der Wirtschaftssubjekte erlaube es nicht, von der Expansion der Geldmenge auf eine Expansion der Gesamtnachfrage zu schließen. Auch gebe es nicht „die" Geldmenge, sondern verschiedene Geldmengenabgrenzungen, so daß unklar sei, woran sich die Geldpolitik zu halten habe. Solche Einwände gegen das Konzept sind wissenschaftlich unhaltbar, also empirisch zu widerlegen. Zu den Einwänden ist vom gegenwärtigen Stand der wissenschaftlichen Kenntnisse anzumerken: Empirische Untersuchungen belegen, daß eine übermäßige Geldmengenexpansion zu einer Inflation führt. Theoretisch denkbare Kausalitätsumkehrungenwerden zwar immerwieder behauptet, empirisch aber nicht nachgewiesen. Wissenschaftlicher Praxis entspricht es, vom jeweils empirisch fundierten Erkenntnisstand auszugehen, der durch neue, auf Tatsachen basierenden Erkenntnissen überholt werden kann. 21. Stabilitätspolitik 525 Auf die Problematik der Ansicht, die Sicherung des Geldwertes ausschließlich oder primär stabilitätspolitisch zu würdigen, wurde bereits eingegangen. Doch meinen auch Wissenschaftler, die eine Verstetigung der Geldpolitik für angezeigt halten, dieGeldpolitik müsse zumindest als Feuerwehr der Stabilitätspolitik für Extremfälle zur Verfügung stehen, z. B. bei Schocks, die vor allem vom Ausland (etwa Ölpreis- oder sonstige Rohstoffpreis-„Explosionen") ausgehen, oder bei kumulativen Abschwüngen, die sich aus irgendwelchen Gründen herausbilden können. Eine Geldpolitik dieses Zuschnitts läßt sich auch in Extremfällen unstreitig nur vertreten, wenn Einzelpreisbewegungen nach unten ausgeschlossen werden. Solange die Wirtschaftssubjektive entsprechend ihren Erfahrungen darauf vertrauen, daß Einzelpreiserhöhungen wegen einer expansiven Geldpolitik keine Einzelpreissenkungen notwendig machen, werden sie sich gegen Preisanpassungen nach unten wehren und Arbeitslosigkeit in Kauf nehmen oder produzieren. Eine Geldpolitik muß deshalb eindeutig und nachhaltig die Einzelpreisflexibilität in beiden Richtungen ermöglichen und sichern. Die vielbeschworene Geldnachfrage derWirtschaftssubjekte besagt - bildlich gesprochen -, daß zwischen Geldmengen- und Geldausgabenexpansion, zwischen „Kelchrand und Lippe", noch viel passieren kann. Empirisch ist jedoch hinreichend gesichert, daß dieGeldnachfrage, die die Relation zwischen erhaltenen und verausgabten Einkommen bestimmt, für mittelfristige Zeiträume von 2 bis 4 Jahren konjunkturpolitisch in der Regel als hinreichend stabil angesehen werden kann. Die Frage, welche Geldmengenabgrenzung der Geldpolitik zugrunde zu legen ist, läßt sich für jedes Land empirisch befriedigend beantworten. Die meisten Untersuchungen zeigen, daß für die Geldpolitik vor allem die Geldmenge M 1 (Bargeld und Sichteinlagen bei den Banken) geeignet ist. Eine absolute Preisniveaustabilität - Konstanz des Preisniveaus im Zeitablauf - wäre unstreitig ein utopisches Ziel, auch inmittelfristiger Sicht.Wegen der Schwierigkeiten, das Wirtschaftswachstum zu prognostizieren, aber auch wegen der Entscheidungsmöglichkeiten der Geldnachfrager, Vermögen in verschiedenen Anlageformen zu halten, kann es in einerMarktwirtschaft keine absolute Preisniveaustabilität geben. Jede realistisch orientierte Geldpolitik muß deshalb „Fehlermargen" oder „Toleranzabweichungen" einkalkulieren. Für eine im Ansatz richtige Geldpolitik ist jedoch typisch, daß die Summe der Abweichungen von der absoluten Preisniveaustabilität gegen Null tendiert. Ein Inflationstrend - ein ökonometrischer „bias" - ist ein sicheres Indiz für eine Geldpolitik, die ihr Ziel Preisniveaustabilität verfehlt hat. III. Sicherung eines hohen Beschäftigungsstandes Tatsächliches Verhalten der Entscheidungsträger Ein hoher Beschäftigungsstand, die Vollbeschäftigung, läßt sich nur erreichen und sichern, wenn bei einer verbreiteten Arbeitslosigkeit deren Ursachen erkannt und zu ihrer Beseitigung Anpassungsprozesse ausgelöst oder geeignete 526 Dritter Teil. Makroökonomie Mittel eingesetzt werden. Prüft man, ob und inwieweit diese in Wissenschaft und Praxis unkontroverse Ansicht in derWirklichkeit zumZuge gekommen ist, muß für die Bundesrepublik Deutschland zunächst konstatiert werden, daß seit einigen Jahrzehnten die staatlichen Entscheidungsträger - trotz der Pflichten und Vollmachten des Stabilitätsgesetzes - nicht in der Lage waren, Vollbeschäftigung zu erreichen. Für das Versagen der staatlichen Beschäftigungspolitik sind vor allem auf drei Gründe maßgeblich gewesen: ein Mißverständnis über die Voraussetzungen der „Fiscal Policy", eine Schwäche der parlamentarischen Demokratie und zunehmende staatliche Regulierungen. Das verbreiteteMißverständnis über die Voraussetzungen der „Fiscal Policy" liegt darin, daß eine Beschäftigungspolitik betrieben worden ist, die eine bestimmte Ursache der Arbeitslosigkeit unterstellt: Die gesamtwirtschaftlich effektive Nachfrage reiche nicht aus, um die Produkte vom Markt zu nehmen. Eine Erhöhung der Staatsausgaben führe zu einer Erhöhung des Sozialproduktes und der Beschäftigung. Der entscheidende Einwand gegen diese Annahme ist: Nachfragedefizit und gleichzeitige Inflation schließen sich aus, weil eine Inflation - verstanden als anhaltende Preisniveauerhöhung - Ausdruck der Tatsache ist, daß die Nachfrage nicht nur ausreicht, um die Produkte vom Markt zu nehmen, sondern auch noch allgemeine Preiserhöhungen erlaubt. Auch andere Voraussetzungen einer beschäftigungseffizienten Wirtschaftspolitik, z. B. bestimmte Annahmen über das Verhalten der Wirtschaftssubjekte, lagen nicht vor. Die Ursache der Arbeitslosigkeit konnte deshalb nicht in einem gesamtwirtschaftlichen Nachfragedefizit liegen. Die staatlichen Entscheidungsträger haben jedoch durch zusätzliche Staatsausgaben, z. B. durch „Beschäftigungsprogramme", in einer Weise gehandelt, als fehle es gesamtwirtschaftlich an Nachfrage. Die Beschäftigungswirkungen solcher Programme, deren Zahl erheblich ist, ließen auf sich warten und sind in der Regel nicht meßbar, die Folgen der Finanzierung dieser Programme vor allem auf die Investitionstätigkeit und die Einkommensumverteilung dagegen um so beachtlicher. Durch staatliche, kreditfinanzierte Ausgabenerhöhungen und den daraus folgenden Zinssteigerungen sind privaten Investoren Mittel entzogen worden, die der Schaffung neuer Arbeitsplätze gedient hätten. Die Zinsen für staatliche Verschuldungen müssen von Steuerzahlern aufgebracht werden, die für den aufgezwungenen Verzicht auf das verfügbare Einkommen keine Gegenleistung erhalten. Ordnungspolitisch gesehen engt die „Fiscal Policy", selbst wenn ihre Voraussetzungen vorgelegen hätten, den Freiraum der Individuen ein. Der Vater dieser Politik, JOHN MAYNARD KEYNES, hat dies wohl deutlicher gesehen als seine Anhänger. Im Vorwort zur deutschen Übersetzung seines wichtigsten Buches schreibt er im Jahr 1936, daß seine Konzeption viel besser für eine Diktatur als für eine freiheitliche Ordnung geeignet sei. Die Behinderung des Markgeschehens war beschäftigungspolitisch in doppelter Hinsicht beachtlich. Erstens sind durch die „Fiscal Policy" in zunehmendem Maße Arbeitsplätze - für die Öffentlichkeit meist unsichtbar - freigesetzt worden. Zweitens haben staatliche Stellen eine Politik betrieben, vor allem über Subventionen an kränkelnde Unternehmen und Branchen, die auf Dauer die 21. Stabilitätspolitik 527 Arbeitslosigkeit erhöhen mußte. Gemeinsame Ursache dieser Politik ist eine Schwäche der parlamentarischen Demokratie. Der erste Grund für die zunehmende Arbeitslosigkeit - als Folge der Behinderung des Marktgeschehens wurde bereits angedeutet. Staatliche Stellen hielten die Ausgaben der Privaten trotz der Inflation für unzureichend. Deshalb haben sie die Staatsausgaben, vor allem durch staatliche Schuldenaufnahmen im In- und Ausland, erhöht. Die privaten inländischen Nachfrager nach Krediten sahen sich einer scharfen Konkurrenz durch den Staat ausgesetzt, der die Zinsen herauftrieb. Staatliche Zinsverpflichtungen werden jedoch zwangsweise dem Steuerzahler aufgebürdet, während private Schuldner ihre Zinsen imWettbewerb erwirtschaften müssen. Selbst wenn man ordnungspolitische Bedenken zurückstellt, ließe sich ein derartiges Verfahren stabilitätspolitisch nur rechtfertigen, wenn die staatlichen Ausgaben für produktive Investitionen verwendet worden wären, also unterbliebene private Investitionen ersetzt hätten. Tatsächlich sind die erhöhten Staatsausgaben überwiegend in den Konsum geflossen, so daß die gesamtwirtschaftliche Investitionsquote mehr undmehr abgesunken ist. „Fiscal Policy" hat in der Bundesrepublik Deutschland die nachweisbare Folge gehabt, daß Arbeitsplätze durch Investitionen nicht mehr im bisherigen Umfang geschaffen werden konnten. Schon die Begriffsprägung „Beschäftigungsprogramm" ist für eine breitere Öffentlichkeit irreführend, ganz zu schweigen von den politisch verständlichen, ökonomisch jedoch unhaltbaren Behauptungen über die beschäftigungspolitischen Wirkungen der „Fiscal Policy". Der zweite Grund hängt mit dem ersten eng zusammen. Jede Regierung in einer Demokratie, die aus ihrem eigenen Überlebensinteresse das Ziel der Vollbeschäftigung verfolgt, muß von der Öffentlichkeit bemerkten Freisetzungen vonArbeitskräften entgegentreten - es sei denn, sie versteht es, ihre Wählerschaft von der Notwendigkeit der „Arbeitsplatzvernichtung" oder von den unzumutbaren finanziellen Folgen der „Arbeitsplatzsicherung" zu überzeugen. Staatliche „Erhaltungssubventionen" werden also nicht ökonomisch begründet: Sie sind allein daran orientiert, ob Freisetzungen in bestimmten Firmen oder Industrien öffentlich bemerkt werden. Die Folge ist eine Art Staatsgarantie für das Überleben von großen Firmen oder für „bedeutend" erklärte - womöglich als „lebensnotwendig" erachtete - Industrien. Die solchen Unternehmen oder Industrien gewährten Unterstützungen beseitigen jedoch nur selten auf Dauer die ökonomischen Ursachen für die Freisetzung von Arbeitskräften. Im Gegenteil verleiten staatliche Hilfen, zumal wenn sie ohne strenge Auflagen gewährt werden, vielmehr dazu, die Aktivitäten der Industrien - sowie ihrer Lobby in Arbeitgeber- und Arbeitnehmerverbänden - nicht auf die Herstellung der Wettbewerbsfähigkeit, sondern auf die Fortgewährung der Unterstützungen zu richten. Die Leidtragenden sind sämtliche Steuerzahler sowie die Konkurrenten der begünstigten Industrien. Denn Subventionen müssen zwangsweise aufgebracht werden, wobei die steuerzahlenden Subventionsempfänger „unter dem Strich" einen Gewinn verbuchen können. Doppelt betroffen sind mittelständische Unternehmen oder staatlich nicht präferierte Industrien, die zur Subvention herangezogen und überdies dem Konkurrenzdruck staatlich begünstigter Großunternehmen ausgesetzt werden. 528 Dritter Teil. Makroökonomie Die staatliche Beschäftigungspolitik mißtraute den Kräften des Marktes und suchte ihre Zuflucht in bürokratischen Vorschriften. Deswegen waren zunehmende staatliche Regulierungen zu verzeichnen, je mehr die Arbeitslosigkeit zunahm. Daß die anwachsende Arbeitslosigkeit auch oder überwiegend eine Folge der Ausschaltung der Marktkräfte war, die auf eine Anpassung von Arbeitsangebot und Arbeitsnachfrage hinwirken, wurde nicht gesehen. Es galt als ausgemacht, daß ansteigende Arbeitslosigkeit die zwangsläufige Folge eines Marktversagens ist - eine politische Auffassung, die auch von einigen Wissenschaftlern vertretenwird und auf derenMeinungman sich berufen konnte. Erst nachdem „das Kind in den Brunnen gefallen war", das heißt die staatliche Beschäftigungspolitik für jedermann erkennbar zu staatlichen Regulierungen, zur Bürokratisierung der Wirtschaft und Einengungen der persönlichen Freiheit geführt hatte, setzte auch wissenschaftlich eine Besinnung ein. So empfiehlt der Wissenschaftliche Beirat beim Bundeswirtschaftsministerium nicht nur, die privaten Investitionen zu fördern, sondern auch, einen Abbau der staatlichen Regulierungen privater Wirtschaftstätigkeit und eine Entbürokratisierung in Angriff zu nehmen. Die Begründung für diese Empfehlung, damit würden öffentliche Ausgaben eingespart, vor allem aber die gesamtwirtschaftlichen Kosten vermindert, ist aus ordnungspolitischer Sicht unbefriedigend. Zwar wird eingeräumt, ein Abbau der Regulierungen und der Bürokratisierung bedeute keine Aufgabe der staatlichen Ziele, sondern füge sich besser als die bisherige Politik in den gesamtwirtschaftlichen Steuerungsmechanismus ein. Doch es wird nicht deutlich ausgesprochen, daß staatliche Regulierungen dem Prinzip einer freiheitlichen Wirtschaftsordnung eindeutig zuwiderlaufen. Die einzelnen Staatseingriffe aufzuzählen, ist angesichts ihrer Fülle unmöglich. Ihr Ausmaß mögen folgende Tatsachen oder Einschätzungen verdeutlichen. Die Bundesrepublik Deutschland gilt heute anders als in den fünfziger und sechziger Jahren als ein Land, in dem für eine freie Wirtschaftstätigkeit - auch international vergleichend - große bürokratische Hemmnisse bestehen, mit neuen willkürlichen Eingriffen des Staates jederzeit gerechnet werden muß, insbesondere der Einsatz vonArbeitskräften einer unübersehbaren Fülle „sozialstaatlicher" Vorschriften unterworfen ist. Viele Maßnahmen der letzten Jahrzehnte, deren vernünftiges Ziel die Sicherung der Vollbeschäftigung war, produzierten jedoch als Ergebnis eine anhaltende Arbeitslosigkeit. Dieses paradox scheinende Phänomen läßt sich nur verstehen, wenn man das ordnungspolitische Mißverständnis staatlicher Stellen berücksichtigt: Die Stabilisierung eines hohen Beschäftigungsstandes könne nicht durch freie Entscheidungen von Anbietern und Nachfragern, also durch Marktparteien herbeigeführt werden. Erreichung und Sicherung der Vollbeschäftigung sei eine Aufgabe, die nur der Staat lösen könne, dem deshalb alle Mittel an die Hand gegeben werden müßten, von der Kontrolle des Arbeitsmarktes - bei der Arbeitsvermittlung und Berufsberatung - bis zu Verpflichtungen für die Arbeitgeber, welche Berufs-, Alters- und Sozialgruppen sie zu bestimmten Konditionen zu beschäftigen haben. Tatsächlich hat diesesMißver- 21. Stabilitätspolitik 529 ständnis bewirkt, was vermiedenwerden sollte: die Erhöhung der Arbeitslosigkeit. Deshalb scheint es angezeigt, sich auf systemkonforme Maßstäbe und Mittel zur Sicherung eines hohen Beschäftigungsstandes zu besinnen. Systemkonforme Maßstäbe Eine Feststellung systemkonformer Maßstäbe der Beschäftigungspolitik geht zweckmäßig von einer Tatsache aus, die unstreitig ist, oft aber vergessen wird: „den" Arbeitsmarkt gibt es gesamtwirtschaftlich nicht. Eine Argumentation auf diesem Abstraktionsniveau verdeckt vielmehr gerade die Probleme, auf deren Lösung es ankommt. Arbeitsmärkte sind - von Ausnahmen abgesehen - lokal oder regional begrenzt und durch eine Vielzahl unterschiedlicher Arbeitsqualitäten voneinander abgehoben. Zwischen den jeweiligen lokal und regional begrenzten Arbeitsmärkten besteht eine Interdependenz nationalen, zum Teil auch internationalen Ausmaßes, zwischen den Arbeitsqualitäten eine gewisse, vom Einzelfall abhängige Substitutionsmöglichkeit. Anbieter und Nachfrager auf allen Arbeitsmärkten neigen dazu, sich über die Arbeitsbedingungen, insbesondere über den Lohn, zu verständigen, sofern nicht zum angeblichen Schutz der Arbeit von staatlicher Seite eingegriffen, den Arbeitgebern z. B. unnötige Auflagen oder den Arbeitnehmern z. B. Vollbeschäftigungsgarantien erteilt werden. Eine systemkonforme Beschäftigungspolitik sollte daher als Maßstäbe beachten: „Der"Arbeitsmarkt besteht aus einer großen Zahl von einzelnen Arbeitsmärkten, die wie beliebige andere Märkte funktionieren können. Zwischen den einzelnen Arbeitsmärkten gibt es räumliche und substitutive Beziehungen. „Der"Arbeitsmarkt tendiert zur Vollbeschäftigung, wenn das Marktgeschehen auf und zwischen den einzelnen Arbeitsmärkten nicht durch staatliche Eingriffe behindert wird. Nach dem ersten Maßstab der Beschäftigungspolitik sind Beschäftigungsprobleme vor allemmikroökononischerNatur. Die Schwierigkeiten in vielen Ländern, mit einer marktwirtschaftlichen Ordnung Vollbeschäftigung zu erreichen, dürften zu einem erheblichen Teil ihre Ursache darin haben, daß dieses Faktum mißachtet wird. Das in der Bundesrepublik Deutschland und auch anderswo praktizierte Demand-Management führt vor allem deswegen zu nennenswerten Inflationsraten, weil trotz einer überhöhten Gesamtnachfrage immer noch Arbeitslosigkeit verbleibt - ganz entgegen demKeynesschen Erklärungsmuster - und deshalb die Neigung besteht, die schonmehr als ausreichende Gesamtnachfrage noch weiter aufzustocken. Eine gegenüber Nachfrageaufblähungen resistente Arbeitslosigkeit wird von einigen Autoren als strukturelle Arbeitslosigkeit bezeichnet. Der Ausdruck „strukturelle Arbeitslosigkeit" - negativer Sammelbegriff für nichtkonjunkturelle Arbeitslosigkeit - verdeckt den entscheidenden Punkt: die Arbeitslosigkeit entsteht auf einzelnen Märkten. Dort muß eine Ursachenanalyse einsetzen. Dabei mag sich z. B. zeigen, daß für Anbieter von Arbeit am Angebotsort keine Nachfrage besteht oder bei vorhandenemAngebot und vorhandener Nachfrage ein Angebotsüberschuß - also Arbeitslosigkeit - auftritt. Solche Beobachtungen legen die Frage nahe, warum ein 530 Dritter Teil. Makroökonomie erfolgloser Arbeitsanbieter nicht den Ort oder den Beruf wechselt oder warum ein Angebotsüberschuß nicht durch einen sinkenden Lohn zum Verschwinden gebracht wird. Ein zweiter Maßstab für die Beschäftigungspolitik ist die Erkenntnis, daß Vollbeschäftigung räumliche und berufliche Mobilität unerläßlich voraussetzt. Der Bedarf an räumlicher und beruflicher Mobilität entsteht aus den für eine Marktwirtschaft typischen Schwankungen von Angebot und Nachfrage, die mit der ökonomischen Dynamik der Volkswirtschaft zunehmen. So führt ein rascher technischer Fortschritt, der sich auch ökonomisch als vorteilhaft erweist - z. B. in der Entwicklung der Elektronik - zu neuen Produktionsverfahren, bei denen bestimmte Arbeitskräfte freigesetzt und andere benötigt werden. Geschmackswandel, neue Technologien und Sättigungserscheinungen auf bestimmten Märkten induzieren eine Umorientierung der Nachfrage, bei der bisher nachgefragte Güter nicht mehr oder nicht im bisherigen Umfang abzusetzen sind und andere sich besser verkaufen lassen. Wirtschaftlicher Fortschritt und freie Einkommensverwendung haben zur Konsequenz, daß laufend einige Arbeitsqualitäten überflüssig, andere dagegen zusätzlich oder erstmalig benötigt werden. Außerhalb der Wissenschaft wird oft angenommen, daß aus den genannten Gründen gesamtwirtschaftlich Arbeitslosigkeit und deswegen eine Beschäftigungspolitik unvermeidlich sei. Die Wissenschaft hat demgegenüber früher wie heute betont, daß diese Arbeitslosigkeit in der Regel nur kurzfristig auftrete, also nicht ohne weiteres zu dauerhafter Arbeitslosigkeit führe. Beim technisch-ökonomischen Fortschritt werden Arbeitskräfte freigesetzt (technologische Arbeitslosigkeit), in einer funktionierenden Wettbewerbswirtschaft aber nach einiger Zeit wieder in den Wirtschaftsprozeß eingegliedert. Der Eingliederungsprozeß hängt von Kräften ab, die dem durch die Störungsursache eingeleiteten Prozeß entgegenwirken. Diese Kräfte kommen im Einkommenskreislauf zum Zuge. Ein ökonomischer Fortschritt löst Senkungen der Produktionskosten aus. Sinkende Kosten erhöhen die Unternehmergewinne und/oder - über sinkende Preise - die Realeinkommen der Konsumenten. Werden die Gewinne oder real gestiegenen Konsumenteneinkommen nicht dem Einkommenskreislauf entzogen, führen sie zu erhöhten Investions- und/oder Konsumgüterausgaben. Diese Expansion, die nichts anderes als eine durch den technischen Fortschritt bewirkte Einkommensumlenkung ist, erfordert an anderer Stelle neue Arbeitskräfte.Was für den technischen Fortschritt dargelegt worden ist, gilt auch für Nachfrageschwankungen, die temporär Arbeitslosigkeit verursachen (friktionelle Arbeitslosigkeit), mittelfristig aber durch Einkommensumlenkungen die Voraussetzung für eine Wiedereingliederung schaffen. Eine anhaltende Arbeitslosigkeit läßt sich - erstens - nur erklären, wenn eine Einkommensumlenkung nicht erfolgt. Dies wiederum setzt voraus, daßwirtschaftlicher Fortschritt und Nachfrageschwankungen eine Hortung von Kaufkraft bewirken (entsprechende Aufstockung der Realkasse). Empirische Untersuchungen zeigen insoweit eindeutig, daß abgesehen von ganz außergewöhnlichen Situationen - etwa einer tiefen Depression - eine derartige Annahme unrealistisch wäre. Deshalb ist das Kassenverhalten der Wirtschaftssubjekte kein Problem, das sich der Stabilitätspolitik stellt. Technologische und friktionelle 21. Stabilitätspolitik 531 Arbeitslosigkeit als notwendige Begleiterscheinungen der Marktwirtschaft kann - zweitens - in Dauerarbeitslosigkeit übergehen, wenn das für eine Vollbeschäftigung erforderliche Maß an räumlicher und beruflicher Mobilität fehlt. Räumliche und beruflicheMobilität sind in der Regel etwas persönlich Lästiges. Deshalb muß sich die gesamte Wirtschaftspolitik - nicht nur die Stabilitätspolitik - darauf einstellen, daß sie laufend mit der Forderung konfrontiert wird, die ökonomische Notwendigkeit zum Wohnort- und/oder Berufswechsel zu verhindern. Als dritter Maßstab für die Beschäftigungspolitik gilt, daß dieArbeitsmärkte nicht durch staatliche Interventionen behindert werden sollten. Die Wirtschaftswissenschaft kann die unbestrittenen Bedingungen nennen, bei deren Vorliegen unfreiwillige Arbeitslosigkeit weder auf den einzelnenMärkten noch gesamtwirtschaftlich auftritt. Auf jedem einzelnen Arbeitsmarkt kommt es bei freien Entscheidungen der Wirtschaftssubjekte zu einem Ausgleich zwischen Angebot und Nachfrage. Wer zumMarktlohn, der sich einspielt, nicht arbeiten will, gilt als freiwillig arbeitslos. Gesamtwirtschaftlich ist überdies erforderlich, daß Substitutionsmöglichkeiten von Arbeitsarten und räumliche Interdependenz zwischen einzelnen Arbeitsmärkten existieren. Jede Erklärung der Arbeitslosigkeitsursachen hat darzulegen, weshalb diese Bedingungen, die Vollbeschäftigung sicherstellen, nicht vorliegen können oder sollen. Hierzu gibt es eine Vielzahl von Tatsachenbehauptungen und Meinungsäußerungen, aus der nur wenige von Bedeutung willkürlich herausgegriffen seien: Für Arbeitsmärkte würden nicht die Bedingungen des Modells vollständiger Konkurrenz gelten. Zutreffender sei es angesichts der Organisation beider Marktseiten, von der Theorie bilateraler Monopole auszugehen. Räumliche und berufliche Mobilität sei eine Illusion, die es in Wirklichkeit nicht gebe. Arbeit sei keine „Ware", die wie Käse und Bier dem freien Spiel der Marktkräfte überantwortet werden dürfe. Die Konsequenz, die aus solchen Behauptungen undMeinungen gezogenwird, ist immer die gleiche: Der Staat dürfe es nicht zulassen, daß auf Arbeitsmärkten ökonomische Überlegungen bestimmend seien. Tatsächlich läßt sich beobachten, daß staatliche Instanzen wegen solcher Argumente in die Arbeitsmärkte eingreifen, damit jedoch Arbeitslosigkeit verursachen. Zu den einzelnen Argumenten sei angemerkt: Erstens ist unstreitig, daß sich auf Arbeitsmärkten organisierte Gruppen gegenüberstehen. Der Organisationsgrad ist jedoch so gering, daß bestenfalls die Verhältnisse eines Teiloligopols herrschen. Die meisten Arbeitnehmer und -geber gehören nicht einer Organisation an, die Arbeitnehmer durchschnittlich nur zu etwa 25%. Erst durch staatliches Eingreifen (z. B. durch Allgemeinverbindlichkeitsvorschriften für Tariflohnabschlüsse) und durch Bequemlichkeiten (z. B. Verzicht auf Verhandlungenmit Nichtorganisierten) wird das Verhandlungsergebnis auch für Nichtorganisierte verbindlich. Zweitens kann räumliche und beruflicheMobilität fehlen, vor allem, wenn es für Arbeitslose keinen existentiellen Zwang gibt, an anderen Orten oder/und in anderen Berufen tätig zu werden. Drittens funktioniert der Arbeitsmarkt im Grunde genauso wie der für Käse und Bier. Es ist ein - oft gewolltes - Mißverständnis, da- 532 Dritter Teil. Makroökonomie mit sei auch schon etwas über denWert desMenschen und seiner Arbeit gesagt. Menschliche Arbeitsleistungen werden durch Menschen bewertet und bezahlt, entsprechend dem Dienst, den Arbeitende anderen gewähren. Die Bewertung dürfte - jedenfalls nach allgemeiner Einschätzung freier Individuen - „humaner" sein als eine Subventionierung der Arbeitslosen auf Kosten des Arbeitsleids der Beschäftigten oder gar als staatliche Vorschriften, wer wo zu irgendeinem vom Staat festgesetzten Entgelt zu arbeiten hat. Wo immer Arbeitslosigkeit auftritt, zeigt sich: Vollbeschäftigung kann erreicht werden, wenn der Staat nicht aus irgendwelchen sachwidrigen, meist willkürlichen Gründen in Arbeitsmärkte eingreift. Dabei bleiben außerökonomische Gründe für verbreitete Arbeitslosigkeit außer Betracht, die durch verheerende Kriegseinwirkungen (Zerstörung der Produktionsanlagen) oder große Flüchtlingsströme (Völkervertreibungen) entstehen können. Gerade die Bundesrepublik Deutschland ist ein Beispiel dafür, daß durch Wettbewerb auf den Arbeitsmärkten und berufliche wie räumliche Mobilität selbst diese auf Kapitalmangel zurückgehende Arbeitslosigkeit relativ rasch zu beseitigen ist. Systemkonforme Mittel Geht man von normalen Verhältnissen in dem Sinne aus, daß weder eine tiefe Depression noch Kriegsverwüstungen und Flüchtlingsströme, wohl aber Konjunkturschwankungen - neben Saisonschwankungen - zu verzeichnen sind, liegt die zentrale Aufgabe der Beschäftigungspolitik darin, die Funktionsfähigkeit der Arbeitsmärkte zu gewährleisten, räumliche und berufliche Mobilität zu sichern und auch bei Arbeitsmarktinterventionen auf die Systemkonformität zu achten. DieGewährleistung funktionsfähiger Arbeitsmärkte ist in einer freiheitlichen Wirtschaftsordnung eine unerläßliche Aufgabe der Wirtschaftspolitik. Denn wenn - von exorbitanten Ausnahmen abgesehen - funktionierende Arbeitsmärkte in einer Wettbewerbswirtschaft zu der Erwartung berechtigen, daß freigesetzte Arbeitskräfte in einer relativ kurzen Zeit wieder eingegliedert werden, besteht aller Anlaß, bei auftretender Arbeitslosigkeit zunächst die Kräfte des Marktes zur Wirkung kommen zu lassen. Dabei ist nicht nur an die Arbeitsmärkte selbst zu denken, auf die unten noch eingegangen wird, sondern auch an alle übrigenMärkte einer Volkswirtschaft und an den Verbundmit derWeltwirtschaft. Denn nur eine durchgängige Konkurrenzwirtschaft sichert wegen der Interdependenz zwischen denMärkten auch die Wettbewerbsfunktion einzelner Märkte. Aus stabilitätspolitischer Sicht, das heißt im Hinblick auf die Ziele Preisniveaustabilität, Vollbeschäftigung und Zahlungsbilanzausgleich, muß aus der Erfahrung in vielen Ländern festgestellt werden, daß die Arbeitslosigkeit zu einem nicht unerheblichen Teil durch Inflation und/oder durch marktwidrige Wechselkurse verursacht wird. Inflation und feste Wechselkurse verzerren national und international die tatsächlichen Knappheitsrelationen der Güter, die bei Preisniveaustabilität und freier Wechselkursbildung erkennbar sind. Muß - angesichts der Währungsverfassungen - die stets vom Staat zu vertretende Inflation gestoppt oder ihr Ausmaß reduziert werden, zeigt sich 21. Stabilitätspolitik 533 ebenso wie bei Auf- oder Abwertungen im System freier Wechselkurse, daß ein Teil der Arbeitskräfte in der bisherigen Verwendung - wegen der nationalen und internationalen Absatzmöglichkeiten der von ihnen erzeugten Produkte nicht mehr beschäftigt werden kann. Inflation und feste Wechselkurse führen deshalb zu Fehlleitungen der Arbeitskräfte, die bei der Inflationsbekämpfung undWechselkursänderung zutage treten. Sie werden in diesem Sinne zur Ursache der Arbeitslosigkeit. Eine Inflations- undWechselkurspolitik staatlicher Instanzen ist generell ein zusätzliches Risikoelement der Beschäftigung, neben den unvermeidlichen Schwankungen in einer Marktwirtschaft, die aus dem Angebot und der Nachfrage stammen. Diese empirisch fundierte Aussage stellt frühere Behauptungen auf den Kopf, nach denen eine mäßige Inflation und exportorientierte Wechselkursfestsetzungen das Beschäftigungsniveau eines Landes erhöhen sollen. Worauf es letztlich ankommt, ist eindeutig: Die tatsächlichen Knappheiten der Güter und die marktorientierte Entlohnung der Produktionsfaktoren, also auch der Arbeitskräfte, sollte nicht durch Inflation und willkürlicheWechselkursfestsetzungen verschleiert werden. In der „Stunde der Wahrheit", wenn die tatsächlichen Knappheiten national und international sichtbar werden, sind die Kosten der Fehlleitung auch und vor allem von den Arbeitnehmern zu tragen. Eine von der übrigen Wirtschaftspolitik isolierte Beschäftigungspolitik kann es in einer freiheitlichenWirtschaftsordnung nicht geben. Die Sicherung der räumlichen und beruflichen Mobilität gewährleistet die Wiedereingliederung freigesetzter Arbeitskräfte. Denkbar wäre durchaus auch ordnungspolitisch -, daß die in der Regel persönliche Lästigkeit, den bisherigen Ort und/oder die Art der Tätigkeit zu wechseln, die stabilitätspolitische Marschroute bestimmt. Konkret würde dies heißen: Niemandem wird zugemutet, sein Haus und seine gewohnte Umgebung zu verlassen, vielleicht einige Zeit ohne täglichen Kontakt mit seiner Familie zu leben. Die unvermeidlichen Folgen einer solchen Politik sind unstreitig. Das Wirtschaftswachstum bliebe erheblich hinter einem bei Mobilität möglichen Ausmaß zurück. Es würde - angesichts der internationalen Konkurrenz, die auf Mobilität nicht verzichtet - mehr und mehr zu einem Schrumpfungsprozeß kommen, das heißt zu einer Verarmung der Bevölkerung. In einem Land wie der Bundesrepublik Deutschland kann der Staat nicht dasWirtschaftswachstum und damit - wegen des Außenhandelsanteils an der Wertschöpfung - die Erhaltung der Konkurrenzfähigkeit auf den Weltmärkten als Ziel deklarieren, die Voraussetzungen dafür jedoch mißachten. Mögliche Kombinationen sind Immobilität der Arbeitskräfte und schrumpfende Wirtschaft oder Mobilität der Arbeitskräfte und wachsende Wirtschaft. Alles Übrige entbehrt der ökonomischen Logik und tatsächlichen Erfahrung. Eine Immobilität der Arbeitskräfte und eine schrumpfende Wirtschaft sind zudem ordnungspolitisch überaus bedenklich. Konkret bedeutet diese Wahl, daß das Vermeiden der monetären und psychologischen Kosten eines Orts- oder/und Berufswechsels für bestimmte Personen von anderen getragen werden müssen. Wer die Vorteile der Arbeitsteilung genossen hat, sollte auch bereit sein, ihren „Preis" zu zahlen, wenn die freiheitliche Ordnung überleben soll. Für die Existenz dieser Ordnung ist die Sicherung der 534 Dritter Teil. Makroökonomie räumlichen und beruflichen Mobilität unerläßlich. Im Hinblick auf die Verhältnisse in der Bundesrepublik Deutschland bedeutet dies vor allem: Abbau der Mobilitätshemmungen. Mobilitätsbehinderungen gibt es zunächst auf dem Arbeitsmarkt, beispielsweise bei der Ausgestaltung der Zumutbarkeitsregelungen für Arbeitslose. Aber auch viele andere Interventionen des Staates sind entweder geeignet, die Mobilität zu hemmen (z. B. die steuerliche Förderung von Wohnhäusern und Eigentumswohnungen) oder zu verhindern (z. B. Subventionen an unrentable Unternehmen). Durch solche Maßnahmen kann die Arbeitslosigkeit kurzfristig unter einer Quote gehalten werden, die sich bei Mobilität ergäbe. Dafür ist sie langfristig um so höher. Diese langfristig unvermeidliche Arbeitslosigkeit erweist sich in der Regel als besonders hartnäckig, weil sie das Ergebnis einer zunehmend unrentablen Produktion ist. Bei einem internationalen Vergleich von Arbeitslosenquoten, mit dem die wirtschaftspolitischen Debatten häufig bestritten werden, muß selbst bei identischen Erhebungsmethoden beachtet werden, daß eine relativ hohe Arbeitslosenquote für die Betroffenen erträglicher sein kann als eine geringe. Eine hohe Mobilität führt zu einer geringeren Dauer der durchschnittlichen Arbeitslosenzeiten und umgekehrt. Deshalb dürfte z. B. eine Arbeitslosenquote von 10% mit einer durchschnittlichen Arbeitslosenzeit von zwei Wochen einer solchen von 5 % und sechs Monate durchschnittlicher Arbeitslosenzeit vorzuziehen sein. Das primäre Problem der Beschäftigungspolitik kann nicht die Senkung irgendwelcher Arbeitslosenquoten sein, sondern die Beseitigung der Dauerarbeitslosigkeit. Anhaltende Arbeitslosigkeit stellt sich um so sicherer ein, je geringer die berufliche und räumliche Mobilität ist. Es besteht eine verbreitete Neigung, Arbeitsleistungen ökonomisch als etwas Besonderes zu betrachten. Ganz unstreitig hat die Arbeit nicht nur - und nach der Einschätzungwohl vielerMenschen nicht in erster Linie - eine ökonomische Seite. Dies bedeutet jedoch nicht, daß ein Arbeitsmarkt anders als ein beliebiger Markt funktioniert und daß Eingriffe in den Markt ohne Folgen für die Wirtschafts-, Gesellschafts- und Staatsordnung und damit für das Individuum bleiben können. Deshalb verdient festgehalten zu werden, was schon in verschiedenen Zusammenhängen betont worden ist: Die gewünschten Wirkungen des Wettbewerbs können sich nur einstellen, wenn auch bei Arbeitsmarktinterventionen die Systemkonformität der Mittel beachtet wird. Das wichtigste Ergebnis interventionsfreier Arbeitsmärkte ist die Vollbeschäftigung. Entgegen allen Versuchen, die Arbeitslosigkeit auf Marktversagen zurückzuführen, muß festgehalten werden, daß sich dauerhafte Arbeitslosigkeit ohne staatliche Interventionen auf den Märkten nicht, jedenfalls nur sehr schwer nachweisen und erklären läßt.Wo immerDauerarbeitslosigkeit auftritt, stößtman bei genaueren Untersuchungen auf Denaturierungen der Wettbewerbswirtschaft, die der Staat zuließ oder verursacht hat. Es kommt bei staatlichen Unterlassungen oder Eingriffen nicht darauf an, wie diese gemeint sind - und meistens soll bestimmten oder allen Arbeitnehmern geholfen werden -, sondern wie sie wirken. So sind in der staatlichen Arbeitsverwaltung weit über 100 000 Menschen beschäftigt, von denen ein erheblicher Teil versucht, Arbeitslose unterzubringen. Das ist die gute Absicht, aber nicht die Wirklichkeit. Tatsächlich erfolgt ein großer 21. Stabilitätspolitik 535 Teil der Arbeitsvermittlungen direkt, z. B. über Zeitungsanzeigen, was bisher nur zu der Forderung der Arbeitsverwaltung geführt hat, ihre Behörde müsse noch weiter vergrößert werden. Ein anderes, willkürlich gewähltes Beispiel ist die 1969 gesetzlich vorgeschriebene Einbeziehung des Lehrvertrags in das kollektive Arbeitsrecht (Tarifvertrag, Betriebsvereinbarung) - eine gut gemeinte Tat. Auch wenn Unternehmer die Lehrlingsausbildung als eine Zukunftsinvestition betrachten, sind für viele, vor allem kleine Betriebe, die Lehrlingsvergütungen unerschwinglich, so daß mit Unterstützungen aus Steuermitteln versucht worden ist, für ein hinreichendes Lehrstellenangebot zu sorgen. Auf die ökonomisch sinnvollste Lösung, den Eltern und Lehrlingen einerseits und den Lehrherren andererseits wie früher die freie Entscheidung über den Lehrvertrag zu überlassen, kommt trotz der allgemeinen Klage über die Jugendarbeitslosigkeit anscheinend niemand mehr. Aus ähnlichen Gründen haben eine Ausgestaltung des Mutterschutzes, Bestimmungen über Sozialpläne, Verschärfungen des Kündigungsschutzes, der Zwang zur Überleitung von Zeitverträgen in Dauerarbeitsverhältnisse und anderes dazu geführt, daß Arbeitswillige nur deswegen nicht eingestellt werden, weil viele Unternehmer außerstande sind, ihnen vom Staat auferlegte Risiken, die mit der Beschäftigung bestimmter Personengruppen verbunden sind, zu tragen. Da es ein Leben ohne wirtschaftliche Risiken nicht geben kann, geht es auch auf dem Arbeitsmarkt um die Frage der Risikoverteilung. Die Eingriffe in die freie Vertragsgestaltung begünstigen die Arbeitenden und diskriminieren die Arbeitslosen, deren Zahl höher ist, als sie es ohne solche Eingriffe wäre. Die Arbeitsplatzbesitzer gewinnen auf Kosten der Arbeitslosen. Das Risiko, Arbeit zu finden, wird einseitig verteilt. Staatliche Vorschriften sind individuellen Vereinbarungen, die im beiderseitigen Interesse liegen, generell unterlegen. Der Arbeitsmarkt ist ein geradezu klassisches Beispiel für die Regel: Der Wettbewerb bringt für alle bessere Ergebnisse zustande als Wettbewerbsbeschränkungen, die einige auf Kosten anderer begünstigen. Literaturempfehlungen zum dritten Teil R. J. BARRO - V. GRILLI, Makroökonomie. Europäische Perspektive, München-Wien 1996. M. C. BURDA - C. WYPLOSZ, Makroökonomie. Eine europäische Perspektive, 3. A., München 2009. D. CASSEL - H. J. THIEME, Stabilitätspolitik, in: Vahlens Kompendium der Wirtschaftstheorie undWirtschaftspolitik, Bd. 2, 9. A., München 2007. W. CEZANNE, Grundzüge der Makroökonomik, 7. A., München-Wien 1998. R. DORNBUSCH - S. FISCHER - R. STARTZ,Makroökonomik, 8. A.,München-Wien 2003. B. FELDERER - S. HOMBURG, Makroökonomik und neue Makroökonomik, 9. A., Berlin u. a. 2005. 536 Dritter Teil. Makroökonomie W. FUHRMANN, Makroökonomik. Zur Theorie interdependenter Märkte, 3. A., München-Wien 1994. N. G. MANKIW, Makroökonomik, 5. A., München 2003. H. MÜLLER, Angewandte Makroökonomik, München-Wien 1999. R. RETTIG - L. BÖCKMANN - D. VOGGENREITER, Makroökonomische Theorie, 7. A., Düsseldorf 1998. J. STARBATTY, Stabilitätspolitik in der freiheitlich-sozialstaatlichen Demokratie, Baden-Baden 1977. J. D. SACHS - F. LARRAIN B., Makroökonomik - In globaler Sicht, München-Wien 2001. H.-W. WOHLTMANN, Grundzüge der makroökonomischen Theorie. Totalanalyse geschlossener und offener Volkswirtschaften, 5. A., München-Wien 2007.

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References

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VWL-Experte seit Jahrzehnten

Der Autor Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Artur Woll lehrte an verschiedenen Universitäten VWL und war Gründungsrektor der heutigen Universität Siegen.