3. Kapitel: Elementare Kreislaufanalyse in:

Michael Frenkel, Klaus Dieter John

Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung, page 26 - 43

7. Edition 2011, ISBN print: 978-3-8006-3763-8, ISBN online: 978-3-8006-4307-3, https://doi.org/10.15358/9783800643073_26

Series: Vahlens Kurzlehrbücher

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Fotosatz Buck – Vahlens Kurzlehrbücher – Frenkel/John – Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung, 2. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.05.11 Status: Druckdaten Seite: 15 Zweiter Teil: Wirtschaftskreislauf Zweiter Teil: Wirtschaftskreislauf Fotosatz Buck – Vahlens Kurzlehrbücher – Frenkel/John – Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung, 2. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.05.11 Status: Druckdaten Seite: 17 Fotosatz Buck –Vahlens Kurzlehrbücher – Frenkel/John – Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung, 2. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.05.11 Status: Druckdaten Seite: 16 3. Kapitel: Elementare Kreislaufanalyse 1. Aufgabe der Kreislaufanalyse Aufgabe der Kreislaufdarstellung ist die Veranschaulichung der mit dem Wirtschaftsprozess verbundenen Transaktionen. Hierfür sind die Transaktionen der am Wirtschaftsleben Teilnehmenden zu systematisieren und die unterschiedlichen Wirtschaftssubjekte zu Gruppen zusammenzufassen. Kreislaufdarstellungen basieren heute auf der Einteilung der Wirtschaftssubjekte in die Sektoren Unternehmen, private Haushalte, Staat und Ausland. Die zwischen diesen Sektoren stattfindenden Transaktionen werden als Ströme bezeichnet und so zusammengefasst, dass sie die verschiedenen, im zweiten Kapitel beschriebenen, ökonomischen Aktivitäten widerspiegeln. Von der Kreislaufdarstellung ausgehend werden dann im Rahmen der Kreislaufanalyse wichtige Beziehungen zwischen den einzelnen Strömen abgeleitet. In der Kreislaufanalyse geht es somit vor allem um eine Strukturierung des gesamtwirtschaftlichen Geschehens und die Analyse der zwischen ihnen bestehenden Beziehungen. Die Kreislaufanalyse bildet die Grundlage für die quantitative Erfassung der ökonomischen Transaktionen im Rahmen der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung. Die Notwendigkeit einer ersten Systematisierung des Wirtschaftsgeschehens durch Kreislaufdarstellung und -analyse ergibt sich aus der Vielfalt der ökonomischen Transaktionen. Hauptursache für die unzähligen einzelnen Transaktionen, die den Wirtschaftsprozess charakterisieren, ist die untrennbar mit einer modernen Industriegesellschaft verbundene Arbeitsteilung. 2. Ursprünge des Kreislaufkonzepts A. Das Kreislaufmodell von Quesnay Die Ursprünge der Kreislaufanalyse gehen auf François Quesnay (1694–1774), den Leibarzt von Ludwig XV., zurück. Noch bevor die Betrachtung der wirtschaftlichen Zusammenhänge eine eigene Wissenschaftsrichtung darstellte, verglich Quesnay das wirtschaftliche Geschehen eines Landes mit dem Blutkreislauf, der erst wenige Jahrzehnte zuvor durch den englischen Physiologen Harvey (1578–1657) entdeckt worden war. In seinem „Tableau Economique“ illustrierte Quesnay die Zahlungsströme zwischen verschiedenen Teilen der Volkswirtschaft und legte damit den Grundstein für die Kreislaufanalyse. Wirtschaftsgeschichtlich kann das Tableau Economique als Grundstein des Denkens der Physiokraten in Zahlen und Wirtschaftsbeziehungen zwischen verschiedenen Sektoren der Wirtschaft gedeutet werden. Im Gegensatz zu der bis dahin vorherrschenden merkantilistischen Lehrmeinung, die dem Außen- 3. Kapitel: Elementare Kreislaufanalyse Fotosatz Buck – Vahlens Kurzlehrbücher – Frenkel/John – Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung, 2. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.05.11 Status: Druckdaten Seite: 18 Zweiter Teil: Wirtschaftskreislauf18 handel gegenüber inländischen Sektoren (insbesondere der Landwirtschaft) eine bevorzugte Rolle einräumte, betonten die Physiokraten mit dem Bild des Wirtschaftskreislaufs die Bedeutung auch der inländischen Sektoren für die Entwicklung einer Volkswirtschaft. Die Unterscheidung von drei Sektoren im Tableau Economique spiegelte die drei sozialen Gruppen im Frankreich des 18. Jahrhunderts wider: ●● Die produktive Klasse (classe productive), zu der die Bauern bzw. Bodenpächter gehörten, ●● die Klasse der Bodeneigentümer (classe possessive) sowie ●● die sterile Klasse (classe sterile), zu der die restlichen Berufe, insbesondere Händler und Gewerbetreibende, gehörten. Quesnay illustrierte in seinem Tableau Economique die Ströme der Einnahmen und der Ausgaben zwischen diesen Sektoren. Der Wirtschaftskreislauf wurde dahingehend interpretiert, dass allein von der Landwirtschaft (d. h. von der classe productive) als dem Sektor der Urproduktion neue Güter erzeugt werden können und die intersektoralen Transaktionen letztlich auf der Wertschöpfung der Landwirtschaft aufbauen. Die von der produktiven Klasse erzeugten Güter werden nach dem Kreislaufschema von Quesnay (siehe Abbildung 3-1) teilweise von den Bauern selbst verbraucht, und zwar in Form von Saatgut, Futtermittel und Eigenverbrauch an Nahrungsmitteln. Der Rest der Produktion geht an die sterile Klasse für den Kauf von Handelserzeugnissen und an die Grundbesitzer für Pachtzahlungen. Die sterile Klasse kauft Erzeugnisse von der produktiven Klasse, veredelt sie und verkauft sie an die beiden anderen Klassen. Von der Differenz zwischen Verkaufserlös und Vorproduktkosten erwirbt sie Produkte für den eigenen Verbrauch vom landwirtschaftlichen Sektor. Die Klasse der Bodeneigentümer kauft mit den Pachteinnahmen Produkte sowohl vom landwirtschaftlichen Sektor als auch von der sterilen Klasse. Abb. 3-1: Zahlungsströme im Kreislaufmodell von Quesnay Pa�tzahlungen Kauf von landwirts�aftl. Gütern Eigenverbrau� Kauf vonHandels-erzeugnissen Klasse der Bodeneigen-tümer SterileKlasse ProduktiveKlasse Kauf von Handelerzeugnissen Kauf von landwirts�aftl. Gütern Fotosatz Buck – Vahlens Kurzlehrbücher – Frenkel/John – Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung, 2. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.05.11 Status: Druckdaten Seite: 19 3. Kapitel: Elementare Kreislaufanalyse 19 Das zahlen- und wertmäßige Ausfüllen des Tableau Economique bildete die gesamtwirtschaftliche Einnahmen-Ausgaben-Rechnung der Physiokraten. Auch wenn das System von Quesnay auf die feudalen Gesellschafts- und Wirtschaftsstrukturen der damaligen Zeit zugeschnitten war, enthielt es doch erstmals den Kreislaufgedanken, der auch auf spätere Wirtschaftssysteme übertragen wurde. Die Grundprinzipien dieser Darstellung finden sich noch in der heute gängigen Kreislaufanalyse. Daher kann das Tableau Economique als Grundstein der Darstellung des Wirtschaftskreislaufs in einem gesamtwirtschaftlichen Rechnungssystem angesehen werden. Box 3-1: Kurzbiographie François Quesnay François Quesnay wurde 1694 in Mère, Seine-et-Oise, geboren. Er war das achte von dreizehn Kindern. Quesnay wurde zunächst keine systematische Ausbildung zuteil. Mit zehn Jahren konnte er noch nicht lesen; er entwickelte aber früh ein Interesse für die Medizin. Dieses Interesse führte ihn 1711 nach Paris, wo er Chirurg wurde. Erst sehr viel später, nämlich 1750, begann Quesnay sich mehr und mehr mit ökonomischen Fragestellungen zu beschäftigen. Quesnay begründete die Schule der Physiokraten, deren Ursprung auf das Jahr 1757 datiert werden kann. Ungefähr seit 1763 beteiligten sich die Physiokraten aktiv an der wirtschaftspolitischen Diskussion. Aber schon im Jahr 1768 begann ihr kultureller und politischer Einfluss zu schwinden. Quesnays Arbeiten wurden immer heftiger kritisiert. Er zog sich aus der wirtschaftspolitischen Debatte zurück und beschäftigte sich in seinen letzten Lebensjahren mit der Geometrie. Quesnay starb Ende 1774 in Grand Communs, unweit von Versailles. B. Der Beitrag von Marx zur Kreislaufanalyse Eine Neuinterpretation des Wirtschaftskreislaufs erfolgte im 19. Jahrhundert durch Karl Marx (1818–1883). Diese Neuinterpretation spiegelte die Veränderungen der Wirtschaftsstrukturen im 19. Jahrhundert durch die beginnende Industrialisierung wider. Marx unterschied zwei Sektoren, die Konsumgüterindustrie und die Investitionsgüterindustrie. Im Gegensatz zu den Physiokraten, die in der Landwirtschaft die eigentliche Quelle der gesamtwirtschaftlichen Wertschöpfung sahen, geht in der Darstellung von Marx die Wertschöpfung in den von ihm unterschiedenen Sektoren letztlich auf den Produktionsfaktor Arbeit zurück. Die Kapitaleigner beziehen Einkommen ausschließlich durch Einbehaltung eines Teils der bei der Produktion entstehenden Wertschöpfung. Dieser Unternehmensgewinn wird von Marx als Mehrwert bezeichnet. Sieht man einmal von den verteilungspolitisch motivierten Aspekten des von Marx entwickelten Modells des Wirtschaftskreislaufs ab, so finden sich in seiner Darstellung wesentliche Elemente der heutigen Kreislaufanalyse. So lieferte Marx eine erste und grundlegende Analyse des Zusammenhangs von Sparen und Investieren und legte damit den Grundstein für die Erklärung von Vermögensänderungen. Fotosatz Buck – Vahlens Kurzlehrbücher – Frenkel/John – Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung, 2. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.05.11 Status: Druckdaten Seite: 20 Zweiter Teil: Wirtschaftskreislauf20 C.  Die Weiterentwicklung der Kreislaufanalyse durch Keynes Eine Weiterentwicklung erfuhr die Kreislaufanalyse durch die Arbeiten von John Maynard Keynes (1883–1946). Den Anstoß für seine Überlegungen bildete die massive Arbeitslosigkeit während der Weltwirtschaftskrise, insbesondere in den Jahren von 1929 bis 1931. Die Ereignisse in dieser Zeit standen im krassen Gegensatz zu den Lehren der Klassiker, wonach es aufgrund der Selbstheilungskräfte der Wirtschaft zu keiner dauerhaften Arbeitslosigkeit kommen könne. Keynes’ Arbeiten erweitern die Kreislaufanalyse um mehrere Aspekte. Zum einen führte Keynes neben dem güterwirtschaftlichen einen geldwirtschaftlichen Kreislauf ein. Eine solche Trennung war im Rahmen der bis dahin vorherrschenden klassischen Lehre nicht erforderlich, da Geld keine eigene Rolle bei der Bestimmung der gesamtwirtschaftlichen Produktion spielte („Geldschleier“). Die Grundlage für die eigenständige Bedeutung des Geldkreislaufs bildet Keynes’ Analyse der Geldnachfrage. Danach wird Geld nicht nur zur Abwicklung von Transaktionen, sondern auch aus Gründen der Wertaufbewahrung gehalten. Wie er zeigt, führt dies dazu, dass Veränderungen im Geldkreislauf auf den Güterkreislauf Einfluss haben und somit geldwirtschaftliche Faktoren bei der Erklärung güterwirtschaftlicher Entwicklungen in die Betrachtung einzubeziehen sind. Zum zweiten ist zwar auch bei Keynes das güterwirtschaftliche Gleichgewicht durch die Gleichheit von Sparen und Investitionen bestimmt, aber im Gegensatz zur Lehrmeinung der klassischen Nationalökonomie sind nicht beide Größen, sondern nur die Investitionen vom Zinssatz abhängig. Das Sparen sieht er demgegenüber als im Wesentlichen durch das Einkommen determiniert. Da – wie noch gezeigt wird – ein Ergebnis der Kreislaufanalyse lautet, dass das gesamtwirtschaftliche Sparen und die Investitionen im Fall der geschlossenen Volkswirtschaft für eine abgelaufene Zeitperiode immer übereinstimmen, aber diese beiden Größen nach Keynes von unterschiedlichen Variablen abhängen, betont Keynes die Bedeutung der Analyse der Plangrößen (= ex ante-Größen) für die Erklärung der ex post zu beobachtenden Daten. Gleichzeitig wollte Keynes mit einer Neuorientierung des Kreislaufdenkens zeigen, wie ein Gleichgewicht in einer Wirtschaft zustandekommt, das nicht notwendigerweise mit Vollbeschäftigung verbunden ist. 3. Darstellungsweisen des Wirtschaftskreislaufs im Überblick Grundsätzlich lässt sich der Wirtschaftskreislauf auf unterschiedliche Weise darstellen. Im Wesentlichen lassen sich vier Darstellungsformen unterscheiden: ●● Graphische Darstellung, ●● Darstellung in Gleichungen, Fotosatz Buck – Vahlens Kurzlehrbücher – Frenkel/John – Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung, 2. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.05.11 Status: Druckdaten Seite: 21 3. Kapitel: Elementare Kreislaufanalyse 21 ●● Matrixdarstellung und ●● Kontendarstellung. Graphische Darstellungen erfolgen jeweils in Flussdiagrammen und dienen insbesondere der Veranschaulichung der einzelnen Ströme. Die Darstellung in Gleichungen eignet sich vor allem für die Illustration der zwischen den einzelnen Strömen bestehenden Identitäten. Die Vernetzung der ökonomischen Transaktionen zwischen den einzelnen Sektoren der Wirtschaft wird besonders durch die Matrixdarstellung veranschaulicht. Die Darstellung in Kontenform eignet sich dagegen vor allem für eine tiefer gegliederte Betrachtung. Da sich die verschiedenen Darstellungsformen in ihrem Erkenntniswert nicht unterscheiden, können sie als prinzipiell gleichwertig angesehen werden. Im Folgenden wird zunächst auf die graphische Darstellung sowie die Darstellung in Gleichungen zurückgegriffen. Eine ergänzende Betrachtung durch die Darstellung in Matrixform erfolgt am Ende des Kapitels. Die Kontendarstellung wird bei einer detaillierteren Betrachtung der Einnahme- und Ausgabeströme im 4. und 5. Kapitel ausführlicher verwendet. 4. Einfache Kreislaufdarstellung mit privaten Haushalten und Unternehmen Ein erstes Grundschema des Wirtschaftskreislaufs erhält man, wenn man zunächst von den öffentlichen Haushalten und dem Ausland abstrahiert und somit nur die privaten Haushalte und die Unternehmen in die Darstellung einbezieht. Ein solches Grundschema enthält Abbildung 3-2. Es gibt die zwischen den Sektoren fließenden ökonomischen Ströme (intersektorale Ströme) wieder, wodurch sich auch der Begriff Stromdiagramm für die Darstellungsform erklärt. Ausgangs- und Endpunkte von Strömen werden üblicherweise als „Pole“ bezeichnet. Nicht eingetragen sind die Ströme, die sich zwischen den Wirtschaftseinheiten des gleichen Sektors, also zwischen den Haushalten untereinander und den Unternehmen, ergeben (intrasektorale Ströme). Die Darstellung zeigt in den äußeren, gestrichelten Pfeillinien die realen Ströme zwischen den beiden Polen Haushalte (H) und Unternehmen (U). Sie umfassen Abb. 3-2: Ein einfacher Wirtschaftskreislauf ohne Staat, Ausland und ohne Vermögensänderung Fotosatz Buck – Vahlens Kurzlehrbücher – Frenkel/John – Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung, 2. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.05.11 Status: Druckdaten Seite: 22 Zweiter Teil: Wirtschaftskreislauf22 die Lieferung von Konsumgütern durch die Unternehmen an die privaten Haushalte und die Lieferung von Faktorleistungen (z. B. Arbeitskraft) durch die Haushalte an die Unternehmen. Die inneren, durchgezogenen Pfeillinien zeigen die Geldströme, die den Güterströmen gegenüberstehen. Dies sind die Ausgaben der privaten Haushalte für Konsumgüter sowie die Entgelte für die Faktorleistungen (Faktoreinkommen). Da der Tauschverkehr in modernen Volkswirtschaften mit Hilfe des Tauschmediums Geld erfolgt, stehen den realen Strömen stets wertmäßig gleiche monetäre Ströme gegenüber. Die monetären Ströme bilden sogenannte geschlossene Kreisläufe. Sie sind dadurch gekennzeichnet, dass für jeden Pol die Wertsumme aller Zuströme genau gleich der Wertsumme aller Abströme ist. Deshalb lässt sich für jeden Pol eine entsprechende, stets erfüllte Gleichung – man spricht von einer Identität – aufstellen: Pol Zuflüsse = Abflüsse H YUH = CH U CH = YUH YUH = Einkommen der privaten Haushalte bezogen von Unternehmen CH = Konsumausgaben der privaten Haushalte Den Gleichungen sowie der Kreislaufgraphik ist zu entnehmen, dass unter den hier getroffenen Annahmen die Konsumausgaben der privaten Haushalte und die von den Unternehmen gezahlten Faktoreinkommen gleich groß sind. Der Darstellung in Abbildung 3-2 liegt dabei die Annahme zugrunde, dass die privaten Haushalte ihr gesamtes Einkommen für Konsumgüter verausgaben und Unternehmen weder Gewinne einbehalten, noch Investitionen tätigen. Realistischer ist es allerdings zu unterstellen, dass ein Teil des Einkommens der privaten Haushalte gespart wird und Unternehmen sowohl investieren als auch teilweise Gewinne einbehalten. Diese Transaktionen sind in Abbildung 3-3 berücksichtigt. Um sie darstellen zu können, ist im Vergleich zur Abbildung 3-2 zusätzlich ein fiktiver Pol, der Vermögensänderungspol (VÄ), aufzunehmen. Der Strom von den privaten Haushalten zum Vermögensänderungspol stellt deren Sparen (SH) dar und zeigt damit die Zunahme des Vermögensbestands der privaten Haushalte. Aus der Differenz der laufenden Einnahmen (insbesondere aus dem Verkauf der hergestellten Erzeugnisse) und der laufenden Ausgaben (insbesondere für die Entlohnung der Produktionsfaktoren) einschließlich der ausgeschütteten Gewinne erhält man den Betrag der einbehaltenen Gewinne der Unternehmen. In der Terminologie der Kreislaufanalyse stellt dieser Betrag das Sparen der Unternehmen (SU) dar. Es wird durch den eingezeichneten Zahlungsstrom vom Unternehmenspol zum Vermögensänderungspol wiedergegeben. Diesem Betrag steht der Wert der Investitionen gegenüber, der in der Darstellung als Investitionsfinanzierung (IU) vom Vermögensänderungspol zum Unternehmenspol und damit in umgekehrter Richtung wie das Sparen der Unternehmen verläuft. Aus dem Kreislaufdiagramm in Abbildung 3-3 lässt sich schließen, dass für jeden abgeschlossenen, zurückliegenden Zeitraum, also Fotosatz Buck – Vahlens Kurzlehrbücher – Frenkel/John – Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung, 2. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.05.11 Status: Druckdaten Seite: 23 3. Kapitel: Elementare Kreislaufanalyse 23 ex post, das Sparen der privaten Haushalte die Finanzierungsquelle für den Teil der Investitionen der Unternehmen darstellt, der nicht durch einbehaltene Gewinne gedeckt ist. Der Finanzierungsbedarf der Unternehmen (IU–SU) entspricht ex post genau der Höhe des Sparens der privaten Haushalte. Dies kann man sich am besten verdeutlichen, wenn man zunächst annimmt, dass keine Unternehmensersparnis entsteht und sich somit der Finanzierungsbedarf der Unternehmen nur aus den Investitionen ergibt. In diesem Fall bleiben die Erlöse des Unternehmenssektors aus dem Verkauf von Konsumgütern hinter den gezahlten Faktorentgelten für die gesamte Produktion zurück. Die Differenz ist der Teil der Einkommen der privaten Haushalte, der nicht für Konsumgüterkäufe verausgabt wird. Dieser Teil stellt das Sparen der privaten Haushalte dar und entspricht somit dem Finanzierungsbedarf im Unternehmenssektor. Er entspricht dem Wert der Produktion, die nicht als Konsumgüter an die privaten Haushalte fließt, sondern im Unternehmenssektor verbleibt. Erfolgt kein Sparen auf Seiten der Unternehmen, entsteht hierfür in gleicher Höhe ein Finanzierungsbedarf. Somit stimmt die Höhe des Sparens der privaten Haushalte mit dem Finanzierungsbedarf der Unternehmen überein. Bezieht man nun die Möglichkeit einbehaltener Gewinne der Unternehmen (= Sparen der Unternehmen) in die voranstehende Betrachtung ein, verringern sich bei gleichem Verkauf von Konsumgütermengen die Finanzierungserfordernisse der Unternehmen. Auch hier besteht jedoch eine Identität zwischen den Finanzierungserfordernissen des Unternehmenssektors (IU–SU) und dem Sparen der privaten Haushalte. Letzteres ist nämlich aufgrund einbehaltener Gewinne und der infolgedessen geringeren Einkommensströme zu den privaten Haushalten genau um die einbehaltenen Gewinne der Unternehmen geringer. Abb. 3-3: Eine einfache Kreislaufdarstellung unter Berücksichtigung von Vermögensänderungen Fotosatz Buck – Vahlens Kurzlehrbücher – Frenkel/John – Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung, 2. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.05.11 Status: Druckdaten Seite: 24 Zweiter Teil: Wirtschaftskreislauf24 Die in Abbildung  3-3 enthaltenen Transaktionen können wiederum auch in Gleichungsform dargestellt werden. Hierzu sind die entsprechenden Identitäten von Zuflüssen und Abflüssen für die einzelnen Pole aufzustellen: Pol Zuflüsse = Abflüsse H YUH = CH + SH U CH + IU = YUH + SU VÄ SH + SU = IU YUH = Einkommen der privaten Haushalte bezogen von Unternehmen CH = Konsumausgaben der privaten Haushalte SH = Sparen der privaten Haushalte SU = Sparen der Unternehmen IU = Investitionen der Unternehmen Die Gleichung für den Vermögensänderungspol lässt sich aus den Identitäten für den Haushalts- und den Unternehmenssektor ableiten. Hierzu addiert man die Gleichungen für Haushalts- und Unternehmenssektor und eliminiert die auf beiden Seiten auftretenden identischen Ströme. Die verbleibenden Zuflüsse stellen die Abflüsse vom Vermögensänderungspol und die verbleibenden Abflüsse die Zuflüsse zu diesem Pol dar. Aus der Identität für die Vermögensänderung lässt sich eine erste wichtige Kreislaufbeziehung ableiten. In einer geschlossenen Volkswirtschaft ohne Staat stimmt das Sparen der privaten Haushalte mit dem Finanzierungsbedarf der Unternehmen überein: SH = IU – SU. Durch Umformung der Gleichung ergibt sich, dass die Summe des Sparens der beiden Sektoren gleich den Investitionen ist: SH + SU = IU. Fasst man SH und SU zum (Gesamt-)Sparen zusammen und schreibt man anstelle von IU einfach I, so erhält man die Beziehung: S = I, die besagt, dass in einer geschlossenen Volkswirtschaft ohne staatliche Aktivität Sparen und Investitionen ex post immer übereinstimmen. Schütten die Unternehmen alle Gewinne aus, so dass es zu keinem Sparen der Unternehmen kommt, entspricht der Umfang des Sparens der privaten Haushalte den Investitionen der Unternehmen. 5. Die Kreislaufdarstellung für die geschlossene Volkswirtschaft unter Einbezug des Staates Die einfache Kreislaufdarstellung der Abbildung 3-3 wird nun durch Einbeziehung des Staates (St) erweitert. Die zwischen dem Staat und den anderen Sektoren auftretenden Ströme resultieren aus den Aufgaben des Staates in Fotosatz Buck – Vahlens Kurzlehrbücher – Frenkel/John – Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung, 2. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.05.11 Status: Druckdaten Seite: 25 3. Kapitel: Elementare Kreislaufanalyse 25 modernen Volkswirtschaften. Der Staat stellt zum einen bestimmte Güter wie Infrastruktur, Schulwesen und Verteidigung unentgeltlich zur Verfügung (sogenannte öffentliche Güter) und verteilt andererseits Einkommen zwischen den Unternehmen und Haushalten oder auch innerhalb der beiden Gruppen durch Steuererhebung und Transferzahlungen um. Gleichzeitig werden zur Finanzierung der Ausgaben Steuern erhoben und Kredite aufgenommen. Neben den bereits in Abbildung  3-3 enthaltenen Strömen treten in Abbildung 3-4 die Ströme zwischen dem Staat und den einzelnen Polen hinzu. Der Güterstrom vom Unternehmens- zum Staatspol umfasst sowohl Vorleistungen als auch Endprodukte in Form von Konsum- und Investitionsgütern. Hierfür fließt ein wertmäßig gleicher Geldstrom vom Staat zum Unternehmenssektor. Im Gegensatz zu diesen zweiseitigen Transaktionen entstehen ausschließlich monetäre Ströme zwischen beiden Polen durch Zuschüsse des Staates für bestimmte Produktionen (Subventionen) und durch die Erhebung von Steuern. Zwischen dem Staat und dem Haushaltssektor treten ebenfalls sowohl zweiseitige als auch einseitige Transaktionen auf. Zweiseitige Transaktionen ergeben sich aus den Faktorleistungen, die der Staat von den privaten Haushalten bezieht und für welche den privaten Haushalten Faktoreinkommen vom Staat zufließen. Hierzu gehören vor allem die Löhne und Gehälter für die im öffentlichen Dienst Beschäftigten. Einseitige Transaktionen, bei denen ausschließlich monetäre Ströme zwischen den beiden Polen fließen, entstehen durch Transfers des Staates an die privaten Haushalte und durch die Erhebung von Steuern. Die Differenz aus den Einnahmen und den nichtinvestiven Ausgaben des Staates bildet das staatliche Sparen. Es ist in Abbildung 3-4 als Strom vom Staat zur Vermögensänderung eingetragen. In umgekehrter Richtung sind, ähnlich wie bei den Unternehmen, die Investitionen eingezeichnet. Überschreiten die staatlichen Investitionen das staatliche Sparen, entsteht ein Finanzierungsdefizit, das einen Nettostrom vom Vermögensänderungspol zum Staat zur Folge hat. Abb. 3-4: Der Wirtschaftskreislauf einer geschlossenen Volkswirtschaft Fotosatz Buck – Vahlens Kurzlehrbücher – Frenkel/John – Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung, 2. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.05.11 Status: Druckdaten Seite: 26 Zweiter Teil: Wirtschaftskreislauf26 Die Gleichungsform für dieses Modell des Wirtschaftskreislaufs ergibt sich aus folgender Übersicht. Pol Zuflüsse = Abflüsse H YUH + YSH + Tr = CH + TH + SH U CH + G + Z + IU = YUH + TU + SU St TH + TU + ISt = YSH + G + Tr + Z + SSt VÄ SH + SU + SSt = IU + ISt YUH = Einkommen der privaten Haushalte bezogen von Unternehmen YSH = Einkommen der privaten Haushalte bezogen vom Staat Tr = Transfers vom Staat zu den privaten Haushalten Z = Subventionen CH = Konsumausgaben der privaten Haushalte TH = Steuerzahlungen der privaten Haushalte TU = Steuerzahlungen der Unternehmen SH = Sparen der privaten Haushalte SU = Sparen der Unternehmen SSt = Sparen des Staates IU = Investitionen der Unternehmen ISt = Investitionen des Staates G = Staatsausgaben für Güterkäufe Aus der Gleichung für den Vermögensänderungspol ist erkennbar, dass das gesamtwirtschaftliche Sparen, das sich nun aus der Summe des Sparens der drei Sektoren zusammensetzt, den gesamtwirtschaftlichen Investitionen entspricht: SH + SU + SSt = IU + ISt. Durch Umformung lassen sich die Finanzierungssalden der einzelnen Sektoren darstellen: SH = (IU – SU) + (ISt – SSt). Hier wird deutlich, dass das Sparen der privaten Haushalte in der geschlossenen Volkswirtschaft ex post der Summe der Finanzierungsdefizite der Unternehmen und des Staates entsprechen muss. Man kann die Finanzierungssalden der Haushalte und der Unternehmen zusammenfassen und dem Budgetsaldo des Staates FSt (= SSt – ISt) gegenüberstellen. In diesem Fall ergibt sich: (SH + SU – IU) = – FSt. Dies veranschaulicht, dass in der geschlossenen Volkswirtschaft dem Finanzierungsdefizit des Staates ein gleich großer Überschuss des privaten Sektors (private Haushalte und Unternehmen) gegenüberstehen muss. Fotosatz Buck – Vahlens Kurzlehrbücher – Frenkel/John – Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung, 2. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.05.11 Status: Druckdaten Seite: 27 3. Kapitel: Elementare Kreislaufanalyse 27 6. Der Wirtschaftskreislauf einer offenen Volkswirtschaft Die Einbeziehung des Auslandssektors vervollständigt die Darstellung des Wirtschaftskreislaufs, kompliziert sie jedoch gleichzeitig nicht unerheblich. Aus Vereinfachungsgründen sind deshalb in Abbildung 3-5 nur noch die Geldströme eingezeichnet. Zu den bisherigen Geldströmen treten nun die Transaktionen zwischen den inländischen Polen und dem Auslandspol hinzu. Hierzu zählen die zwischen dem Unternehmenssektor und dem Ausland (A) dargestellten Güterexporte (X) und Güterimporte (M). Vereinfachend wird angenommen, dass Güterimporte der Inländer stets über die inländischen Unternehmen abgewickelt werden, so dass Güterexporte und -importe vom Auslandspol nur zum Unternehmenspol dargestellt sind. Einseitige Transaktionen zwischen inländischen Sektoren und dem Ausland entstehen durch unentgeltliche Übertragungen. In Abbildung  3-5 sind solche Übertragungen vereinfachend nur vom Sektor der privaten Haushalte ausgehend eingezeichnet, wobei Ü die Nettoübertragungen an das Ausland bezeichnet. Grundsätzlich können Übertragungen an das und vom Ausland jedoch bei allen inländischen Sektoren auftreten. Weil beim Haushaltssektor auch die Übertragungen an das Ausland zu berücksichtigen sind, kann der Teil des Einkommens des Sektors der privaten Haushalte, der nicht für Konsumgüter verausgabt wird, sowohl in das Sparen als auch in Übertragungen an das Ausland fließen. Konsumverzicht und Sparen sind daher für den Sektor der privaten Haushalte nicht mehr identisch. Vielmehr stellt nur noch der vermögenswirksame Teil des nicht für den Kauf von Konsumgütern verwendeten Einkommens das Sparen dieses Sektors dar. Abbildung 3-5 zeigt daher, dass ein Teil des verfügbaren Einkommens der privaten Haushalte in Form von Konsumausgaben an den Unternehmenspol, ein Teil in Form der Nettoübertragungen an Ausländer und ein Teil als vermögenswirksames Sparen an den Vermögensänderungspol fließt. Abb. 3-5: Der Wirtschaftskreislauf einer offenen Volkswirtschaft Fotosatz Buck – Vahlens Kurzlehrbücher – Frenkel/John – Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung, 2. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.05.11 Status: Druckdaten Seite: 28 Zweiter Teil: Wirtschaftskreislauf28 Zählt man den Saldo aus Güterexporten und -importen mit den empfangenen Nettoübertragungen zusammen, so erhält man den Leistungsbilanzsaldo des Inlands (Lb), der mit umgekehrtem Vorzeichen dem Leistungsbilanzsaldo des Auslands gegenüber dem Inland entspricht. In Höhe dieses Saldos ergibt sich eine Veränderung der Vermögensposition des Inlands gegenüber dem Ausland. Dies ist durch den Strom zwischen Auslandssektor und Vermögensänderungspol angedeutet. Er verläuft vom Vermögensänderungspol zum Ausland, wenn die Summe der Deviseneinnahmen aus den genannten Transaktionen größer ist als die Summe der Devisenausgaben. In diesem Fall spricht man von einem Leistungsbilanzüberschuss des Inlands, der einen Finanzierungsbedarf des Auslands zur Folge hat. Für die Zuflüsse und Abflüsse der einzelnen Pole ergibt sich das in der folgenden Übersicht dargestellte Gleichungssystem. Aus der Betrachtung des Vermögensänderungspols lässt sich die folgende Budgetgleichung für die offene Volkswirtschaft ableiten: SH + SU + SSt = IU + ISt + Lb. Pol Zuflüsse = Abflüsse H YUH + Y S H + Tr = CH + TH + SH + Ü U CH + G + X + Z + IU = YUH + TU + M + SU St TH + TU + ISt = YSH + G + Tr + Z + SSt A M + Lb + Ü = X VÄ SH + SU + SSt = IU + ISt + Lb YUH = Einkommen der privaten Haushalte bezogen von Unternehmen YSH = Einkommen der privaten Haushalte bezogen vom Staat Tr = Transfers vom Staat zu den privaten Haushalten Z = Subventionen Ü = Nettoübertragungen an das Ausland CH = Konsumausgaben der privaten Haushalte TH = Steuerzahlungen der privaten Haushalte TU = Steuerzahlungen der Unternehmen SH = Sparen der privaten Haushalte SU = Sparen der Unternehmen SSt = Sparen des Staates IU = Investitionen der Unternehmen ISt = Investitionen des Staates G = Staatsausgaben für Güterkäufe M = Ausgaben für Güterimporte X = Erlöse aus Güterexporten Lb = Leistungsbilanzsaldo des Inlands In einer offenen Volkswirtschaft liegt damit eine Gleichheit von Sparen und Investitionen nur dann vor, wenn die Leistungsbilanz ausgeglichen ist. Übersteigt das gesamtwirtschaftliche Sparen die gesamtwirtschaftliche Investition, so impliziert dies einen Leistungsbilanzüberschuss. Fasst man den Finanzierungssal- Fotosatz Buck – Vahlens Kurzlehrbücher – Frenkel/John – Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung, 2. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.05.11 Status: Druckdaten Seite: 29 3. Kapitel: Elementare Kreislaufanalyse 29 do des inländischen privaten Sektors zusammen und stellt ihn gemeinsam mit dem des Staates dem Finanzierungssaldo des Auslands gegenüber, erhält man: (SH + SU – IU) + (SSt – ISt) = Lb bzw. mit dem Budgetsaldo des Staates FSt (= SSt – ISt) (SH + SU – IU) + FSt = Lb. Ein Leistungsbilanzüberschuss (Lb > 0) impliziert hiernach, dass der Finanzierungsüberschuss der Privaten größer ist als ein evtl. bestehendes staatliches Finanzierungsdefizit. 7. Identitäten und Gleichgewichtsbedingungen Die in den vorangegangenen Abschnitten abgeleiteten Kreislaufgleichungen beziehen sich auf tatsächlich realisierte Werte, die man auch als ex-post-Größen bezeichnet. Die auf ex-post-Größen basierenden Beziehungen sind für abgeschlossene Betrachtungszeiträume immer gültig und werden deshalb auch Identitäten genannt. Aus der Gleichheit von tatsächlichen Größen lässt sich allerdings nicht erkennen, ob diese Größen mit den von den Wirtschaftssubjekten geplanten Werten, den sogenannten ex-ante-Größen, übereinstimmen. In der Realität wird es fast immer so sein, dass die ex-ante-Größen von den tatsächlich realisierten Werten abweichen. Es ist daher notwendig, sorgfältig zwischen ex-ante- und ex-post-Größen zu unterscheiden. Um die Unterschiede beider Konzepte deutlich zu machen, soll ein Beispiel für eine geschlossene Volkswirtschaft ohne staatliche Aktivität betrachtet werden. Es wird angenommen, dass der Unternehmenssektor in einem bestimmten Zeitraum eine Gütermenge Y herstellt. Der Unternehmenssektor selbst plant eine Investition in Höhe von Igepl. Ferner soll angenommen werden, dass diese geplanten Investitionen geringer sind als das unabhängig davon geplante Sparen der privaten Haushalte (Sgepl): Igepl < Sgepl. Da der Teil der Produktion Y, der von den Unternehmen nicht für Investitionszwecke nachgefragt wird (Y – Igepl), größer ist als die von den privaten Haushalten geplante Konsumgüternachfrage (Cgepl = Y – Sgepl), liegt am Gütermarkt ein Angebotsüberhang vor. Die Unternehmen können somit nicht die gesamte Produktion absetzen, und es lässt sich schreiben: Y–Igepl > Cgepl, Y–Igepl > Y–Sgepl. Am Ende der betrachteten Periode kommt es daher zu einem ungeplanten Anstieg des Lagerbestandes der Unternehmen. Der Anstieg des Lagerbestandes wird nun in der Kreislaufanalyse und der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung als ungeplante Investitionen (Iungepl) interpretiert. Sie betragen: Iungepl = Sgepl – Igepl. Fotosatz Buck – Vahlens Kurzlehrbücher – Frenkel/John – Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung, 2. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.05.11 Status: Druckdaten Seite: 30 Zweiter Teil: Wirtschaftskreislauf30 Die ungeplanten Investitionen sind folglich so groß wie der Überschuss des geplanten Sparens der privaten Haushalte über die geplanten Investitionen. Hieraus lässt sich ableiten, dass selbst bei einer Ungleichheit der ex-ante-Grö- ßen von Investitionen und Sparen die ex-post-Größen, d. h. die tatsächlichen Größen von Investitionen (Itats) und Sparen (Stats), stets übereinstimmen. Im geschilderten Fall gilt daher: Itats = Igepl + Iungepl = Stats = Sgepl. Eine Übereinstimmung der ex-post-Größen kann deshalb durchaus mit einer Ungleichheit der ex-ante-Größen einhergehen. Nur wenn die ex-ante-Größen übereinstimmen, liegt eine Konstellation vor, in der keine ungeplanten Größen auftreten. Eine solche Situation wird in den Wirtschaftswissenschaften als Gleichgewicht bezeichnet. Verwendet man in der Kreislaufgleichung, in der die Gleichheit von Sparen und Investieren zum Ausdruck kommt, anstelle der ex-post-Größen die Plan- bzw. ex-ante-Größen, erhält man eine Gleichgewichtsbedingung. Gleichgewichtsbedingungen besitzen prinzipiell das gleiche Aussehen wie Identitäten. Es ist daher erforderlich, jeweils deutlich zu machen, welche Art von Beziehung vorliegt und ob es sich bei den betrachteten ökonomischen Größen um Plangrößen oder um tatsächliche Werte handelt. Diese Gedanken seien nun auf die offene Volkswirtschaft mit staatlicher Aktivität übertragen, für die weiter oben die Kreislaufgleichung SH + SU – IU + FSt = Lb hergeleitet wurde. Fasst man das Sparen der privaten Haushalte und der Unternehmen unter dem Symbol S zusammen und schreibt für die Unternehmensinvestitionen kurz I, so ergibt sich: S – I + FSt = Lb. Es lässt sich nunmehr feststellen, dass ein Gleichgewicht nur dann vorliegt, wenn die Summe aus geplantem Budgetsaldo des Staates und geplanter Differenz zwischen privatem Sparen und privaten Investitionen dem geplanten Leistungsbilanzsaldo entspricht, die ungeplanten Größen folglich gleich Null sind. Können nicht alle Plangrößen realisiert werden, ist die Gleichgewichtsbedingung verletzt. Es kommt dann zwangsläufig zu ungewollten Ausgleichsprozessen, durch die ex post die Gleichheit der tatsächlichen Größen hergestellt wird. Ein Beispiel soll mögliche Ausgleichsmechanismen in einer offenen Volkswirtschaft bei Nichterfüllung der Gleichgewichtsbedingung verdeutlichen. Aus Vereinfachungsgründen sei angenommen, dass die geplanten Größen von Leistungsbilanzsaldo und staatlichem Finanzierungsdefizit Null betragen. Ferner sei unterstellt, dass die geplante Ersparnis des privaten Sektors 15 Einheiten betrage, die geplanten Investitionen dagegen nur 10 Einheiten (s. erste Zeile in Tabelle 3-1). Damit planen die Haushalte bei gegebenem Einkommen weniger Käufe von Konsumgütern als die Unternehmen produzieren. Die Ausgangslage ist demnach durch eine Ungleichgewichtssituation charakterisiert, in der das geplante Güterangebot größer ist als die geplante Güternachfrage. Ein mögliches Ausgleichsszenario besteht darin, dass die Unternehmen einen Teil der Produktion nicht absetzen und kurzfristig auf Lager nehmen. Dann kommt es neben den geplanten Investitionen von 10 Einheiten zu ungeplanten Fotosatz Buck – Vahlens Kurzlehrbücher – Frenkel/John – Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung, 2. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.05.11 Status: Druckdaten Seite: 31 3. Kapitel: Elementare Kreislaufanalyse 31 Investitionen von 5 Einheiten (Fall 1). Wenn die Unternehmen feststellen, dass sie die Produktion beim geltenden Preis nicht vollständig absetzen können, die Produktionsentscheidung jedoch nicht mehr revidierbar ist und ein Lageraufbau verhindert werden soll, dann werden sie möglicherweise versuchen, durch Preissenkungen eine Erhöhung des Absatzes zu erreichen. Falls die privaten Haushalte auf Preissenkungen mit einer Erhöhung ihrer Gesamtnachfrage reagieren, kann ein ungeplanter Lageraufbau verhindert werden. In diesem Fall revidieren die privaten Haushalte ihre Sparentscheidung, die Unternehmen dagegen sind gezwungen, eine Verschlechterung der Gewinnsituation hinzunehmen, was sich in einer Verminderung des Sparens der Unternehmen niederschlagen kann. Insgesamt kommt es zu negativem ungeplanten Sparen (Fall 2). Die Fälle 1 und 2 stellen sehr kurzfristige Ausgleichsmechanismen bei auftretenden Ungleichgewichtssituationen dar. Wird die Betrachtung über diese sehr kurze Frist ausgedehnt, können über die beiden aufgezeigten Reaktionsmöglichkeiten hinaus weitere Ausgleichsmechanismen auftreten. So wäre es denkbar, dass die Unternehmen ihre Produktion einschränken und damit ein kontraktiver Effekt auf die inländische Beschäftigung entsteht. In Antizipation der Unternehmensreaktion könnte der Staat versuchen, den Angebotsüberhang durch wirtschaftspolitische Maßnahmen abzubauen, um den Beschäftigungsrückgang zu verhindern. Eine Möglichkeit besteht z. B. darin, dass der Staat seine Güternachfrage in Höhe des anfänglichen Angebotsüberhangs ausdehnt. In diesem Fall entsteht ein staatliches Finanzierungsdefizit von 5 Einheiten und die privaten Haushalte und Unternehmen können ihre ursprünglichen Pläne verwirklichen (Fall 3). Will der Staat die mit dem Finanzierungsdefizit verbundene Verschuldung vermeiden, könnte durch eine Abwertung der heimischen Währung versucht werden, die heimischen Exporte zu erhöhen und die Importe zu vermindern. Gelingt dies, wird der ex-post-Ausgleich durch eine Verbesserung der Leistungsbilanz erreicht (Fall 4). Während in den ersten beiden Szenarien eine Anpassung ohne Einwirkung der Wirtschaftspolitik und durch Auftreten ungeplanter Größen im privaten Sektor erfolgt, wird das ex-ante-Ungleichgewicht in den letzten beiden Fällen durch wirtschaftspolitische Maßnahmen in eine ex-post-Gleichheit überführt. Gleichzeitig gehen in diesen zuletzt aufgeführten Fällen die Plangrößen der Privaten in Erfüllung, so dass im privaten Sektor keine ungeplanten Größen auftreten. Tab. 3-1: Ex-ante-Ungleichgewicht und Anpassungen Fotosatz Buck – Vahlens Kurzlehrbücher – Frenkel/John – Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung, 2. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.05.11 Status: Druckdaten Seite: 32 Zweiter Teil: Wirtschaftskreislauf32 Box 3-2: Kurzbiographie Karl Heinrich Marx Karl Heinrich Marx wurde am 5. Mai 1818 in Trier geboren. Sein Vater, Heinrich Marx, stammte aus einer alten jüdischen Rabbiner-Familie, konvertierte aber wenige Jahre vor der Geburt seines Sohnes Karl zum Protestantismus. Nach dem Abitur studierte Marx in Bonn und Berlin. Er promovierte 1841 an der Universität Jena. Ursprünglich konzentrierten sich Marx’ Interessen auf Religionswissenschaft und Philosophie. 1842 wurde er Herausgeber der liberal-oppositionellen „Rheinischen Zeitung“ in Köln. Wenig später emigrier te er nach Paris, um den Pressionen der preußischen Zensur zu entgehen. In Paris lernte er Friedrich Engels kennen, der zu seinem wichtigsten Freund und Gönner wurde. Schon 1845 musste Marx Frankreich wieder verlassen; er übersiedelte nach Brüssel. Als 1848 in Deutschland die Revolution ausbrach, musste Marx auch Brüssel verlassen. Er ging zunächst nach Frankreich, dann nach Köln. Nach der Niederschlagung der Revolution wurde Marx aus Preußen ausgewiesen. Er emigrierte nach London. In London widmete er sich intensiv seinen ökonomischen Studien, ohne jedoch seine journalistische und politische Tätigkeit aufzugeben. Es war wohl weniger das Interesse am Journalismus als vielmehr die materielle Not, die Marx zu dieser Betätigung trieb. 1867 schrieb er den ersten Band des „Kapitals“. Der materielle Ertrag seiner wissenschaftlichen Veröffentlichungen reichte in keiner Weise aus, um seine Familie auch nur mit dem Allernötigsten zu versorgen. Trotz seiner anderen Tätigkeiten verbrachten Marx und seine Familie einen großen Teil ihres Lebens in bitterer Armut, Hunger und Krankheit. Nur durch die moralische und finanzielle Unterstützung von Engels überstand Marx diese Zeit der Not. Die Lebensbedingungen verbesserten sich erst ein wenig, als Marx das Erbe seiner Mutter antrat. Zu dieser Zeit war er jedoch schon chronisch krank. Sein Gesundheitszustand verschlechterte sich in den letzten Lebensjahren immer weiter. Marx starb am 14. März 1883 in London. Schlüsselbegriffe: Kreislaufdarstellung Matrixdarstellung Kreislaufanalyse Identität Kreislaufmodell von Quesnay Gleichgewichtsbedingung Stromdiagramm Ex-ante-Größe/Ex-post-Größe Fotosatz Buck – Vahlens Kurzlehrbücher – Frenkel/John – Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung, 2. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.05.11 Status: Druckdaten Seite: 33 4. Kapitel: Produktion und Inlandsprodukt 1. Darstellung des Wirtschaftskreislaufs in Kontenform Ein wichtiges Kennzeichen der im vorangehenden Kapitel behandelten Kreislaufdarstellungen besteht darin, dass für jeden Pol die Summe der Zuflüsse mit der Summe der Abflüsse übereinstimmt. Der Wirtschaftskreislauf lässt sich daher quantitativ auch in Kontenform erfassen. Die Darstellung des Wirtschaftskreislaufs in Kontenform stellt zwar grundsätzlich nur eine alternative Abbildungsform dar, besitzt jedoch gegenüber Flussdiagrammen, Matrix- und Gleichungsdarstellungen den Vorteil, dass sie sich auch für tiefer gegliederte und damit sehr viel mehr Transaktionen umfassende Wirtschaftskreisläufe eignet. Sowohl Flussdiagramme als auch Matrizen und Gleichungssysteme können die Kreislaufzusammenhänge nur solange anschaulich beschreiben, wie Ströme zwischen nicht weiter disaggregierten Sektoren betrachtet und die einzelnen Transaktionen nicht tiefer untergliedert werden. Ihre Verwendung zur Ableitung eines theoretischen Rahmens der Kreislaufanalyse ist daher auf eine vergleichsweise hohe Aggregationsstufe beschränkt. Die Darstellung des Wirtschaftskreislaufs in Kontenform erlaubt dagegen eine weitgehende Disaggregation der Gruppe der Wirtschaftssubjekte und eine stärkere Tiefengliederung der ökonomischen Transaktionen, ohne dass die Übersichtlichkeit verloren geht. Diese Vorteile sind ausschlaggebend dafür, dass die quantitative Beschreibung des Wirtschaftskreislaufs durch die amtliche Statistik im Rahmen der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung auf der Kontendarstellung aufbaut. Im Folgenden wird die Darstellung des Wirtschaftskreislaufs in Kontenform erläutert. Hierbei geht es, gleichsam aus pädagogischen Gründen, um das Minimalgerüst des Kontensystems, das zum Verständnis der Herleitung des Produktionsumfangs einer Volkswirtschaft erforderlich ist. Wie später gezeigt wird, verwendet das Statistische Bundesamt für die Bundesrepublik Deutschland mit dem Europäischen System Volkswirtschaftlicher Gesamtrechnungen 1995 (ESVG 95) ein im Vergleich hierzu deutlich komplexeres Kontensystem. Die im Folgenden verwendete Struktur erlaubt es jedoch, relativ rasch zu den wesentlichen gesamtwirtschaftlichen Größen zu gelangen. Im 5. Kapitel erfolgt eine genauere Betrachtung des Kontensystems des ESVG 95. Um die wichtigsten, in der amtlichen Statistik verwendeten Aggregate zur Messung des Umfangs der Produktionsaktivitäten darzustellen, konzentriert sich die weitere Betrachtung auf nur eine der verschiedenen, im 2. Kapitel erläuterten ökonomischen Aktivitäten, nämlich auf die Produktion. Wir folgen in diesem Kapitel der Sektorengliederung, wie sie bei der Darstellung der einfachen Kreislaufanalyse im 3. Kapitel vorgenommen wurde. Die Sektoren umfassen daher die Unternehmen, die privaten Haushalte, den Staat und das Ausland. In der amtlichen Statistik der Bundesrepublik Deutschland, die auf dem Europä- 4. Kapitel: Produktion und Inlandsprodukt

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References

Zusammenfassung

Die volkswirtschaftliche Gesamtrechnung.

Dieses Buch informiert umfassend über die Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung. Ausgehend von der theoretischen Fundierung der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung geht es ausführlich auf das in Deutschland (und den anderen Ländern der Europäischen Union) verwendete Gesamtrechnungssystem ESVG 95 ein. Ein besonderes Gewicht liegt auf der Anwendung und den Weiterentwicklungen der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung. So erhält der Leser nicht nur einen fundierten Überblick über die quantitativen Verhältnisse der deutschen Volkswirtschaft, er wird beispielsweise auch ausführlich über die aktuelle Diskussion um die Aussagefähigkeit des Bruttoinlandsprodukts, die Entwicklung alternativer Konzepte zur Wohlfahrtsmessung sowie die Bestrebungen informiert, die Fortschritte auf dem Weg zu einer nachhaltigen Wirtschaft zu quantifizieren.

Die Autoren

Prof. Dr. Michael Frenkel ist Inhaber des Lehrstuhls für Makroökonomik und Internationale Wirtschaftsbeziehungen an der WHU – Otto-Beisheim School of Management, Vallendar.

Prof. Dr. Klaus Dieter John ist Inhaber der Professur für Wirtschaftspolitik an der Technischen Universität Chemnitz.