2. Kapitel: Einige zentrale Konzepte in:

Michael Frenkel, Klaus Dieter John

Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung, page 18 - 26

7. Edition 2011, ISBN print: 978-3-8006-3763-8, ISBN online: 978-3-8006-4307-3, https://doi.org/10.15358/9783800643073_18

Series: Vahlens Kurzlehrbücher

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Fotosatz Buck – Vahlens Kurzlehrbücher – Frenkel/John – Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung, 2. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.05.11 Status: Druckdaten Seite: 7 2. Kapitel: Einige zentrale Konzepte Bevor eine Diskussion der theoretischen Grundlagen der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung im Rahmen der Kreislaufanalyse erfolgt (3.  Kapitel), ist es zweckmäßig, sich vorab mit einigen zentralen Konzepten von Kreislaufanalyse und Volkswirtschaftlicher Gesamtrechnung vertraut zu machen. Von elementarer Bedeutung sind die Unterscheidung von Strom- und Bestandsgrößen, die Klassifizierung der am Wirtschaftsleben Beteiligten und ihrer ökonomischen Aktivitäten sowie die Gliederung, Erfassung und Bewertung der zu beobachtenden ökonomischen Transaktionen. 1. Strom- und Bestandsgrößenrechnungen Im Rahmen des gesamtwirtschaftlichen Rechnungswesens werden zwei unterschiedliche Rechnungsverfahren verwendet, die Stromgrößenrechnung und die Bestandsgrößenrechnung. In einer Stromgrößenrechnung, zu der beispielsweise die Inlandsproduktsberechnung zählt, werden Umfang und Struktur von ökonomischen Größen mit der Dimension „Euro pro Zeiteinheit“ erfasst. Stromgrößen sind z. B. das Einkommen, das Sparen und der Gewinn, da sie sich auf einen bestimmten Zeitraum beziehen. An diesen Beispielen erkennt man sofort, dass die Angabe des Zeitraums, auf den sich die jeweilige Stromgrö- ße bezieht, zwingend ist, da etwa zwischen dem Monatseinkommen und dem Jahreseinkommen eines Haushalts ein großer Unterschied besteht. Auch die Lieferverflechtungen in der Input-Output-Analyse stellen Stromgrößen dar, denn es handelt sich jeweils um Vorleistungen, die einzelne Wirtschaftsbereiche von anderen innerhalb eines bestimmten Zeitraumes beziehen. Stromgrößen sind es auch, die in der Zahlungsbilanz ermittelt werden, denn auch hier beziehen sich die jeweiligen Gütertransaktionen und Veränderungen der Kreditbeziehungen auf Zeiträume. In Bestandsgrößenrechnungen werden Höhe, Struktur und Verteilung ökonomischer Größen registriert, die sich stets auf einen bestimmten Stichtag beziehen und daher die Dimension „Euro zu einem Zeitpunkt“ aufweisen. Bestandsgrößen sind z. B. das Vermögen, die Geldmenge oder der Kapitalstock. Daher stellt beispielsweise die Vermögensrechnung, in der sich die ermittelten Werte für das Sach- und das Geldvermögen jeweils auf einen festgelegten Zeitpunkt beziehen, eine Bestandsgrößenrechnung dar. Bestands- und Stromgrößenrechnung stehen nicht unverbunden nebeneinander. Die Veränderung von Beständen zwischen zwei verschiedenen Zeitpunkten setzt sich aus Zu- und Abgängen zusammen und wird somit durch eine Stromgröße, nämlich durch den Nettozugang oder -abfluss beschrieben. So stellt das private Nettosparen eine Stromgröße dar, welche die Veränderung des Vermögens der Privaten (= Bestandsgröße) beschreibt. Ebenso bildet die Summe 2. Kapitel: Einige zentrale Konzepte Fotosatz Buck – Vahlens Kurzlehrbücher – Frenkel/John – Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung, 2. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.05.11 Status: Druckdaten Seite: 8 Erster Teil: Grundlagen8 der Devisenzu- und -abflüsse bei der Deutschen Bundesbank eine Stromgröße, welche die Veränderung des Bestands an Währungsreserven widerspiegelt. 2. Wirtschaftsprozess, Wirtschaftssubjekte und ökonomische Aktivitäten Im Mittelpunkt des gesamtwirtschaftlichen Rechnungswesens steht die Beschreibung des Wirtschaftsprozesses einer Volkswirtschaft. Der Wirtschaftsprozess umfasst dabei die Gesamtheit der wirtschaftlichen Transaktionen, die sich auf den verschiedenen Märkten beobachten lassen. Diese Transaktionen sind ihrerseits das Ergebnis einer Fülle von Einzelentscheidungen der am Wirtschaftsleben Beteiligten. Da es sich bei den Beteiligten nicht nur um Einzelpersonen, sondern auch um Unternehmen und staatliche Einrichtungen handelt, bezeichnet man diejenigen, die eine ökonomische Aktivität ausüben, neutral als Wirtschaftseinheiten oder als Wirtschaftssubjekte. Für eine systematische Betrachtung des Wirtschaftsprozesses ist es erforderlich, die Fülle der einzelnen wirtschaftlichen Aktivitäten und die Vielzahl der Wirtschaftssubjekte zu strukturieren, um so das komplexe Wirtschaftsgeschehen übersichtlicher zu machen. Die Übersichtlichkeit wird im gesamtwirtschaftlichen Rechnungswesen vor allem durch die Gliederung des Wirtschaftsgeschehens nach zwei Merkmalen erreicht: die Gliederung nach der Gruppenzugehörigkeit der Wirtschaftssubjekte und die Gliederung nach der Art der ökonomischen Aktivität. Hierdurch ergibt sich eine Grobstruktur des Wirtschaftslebens, auf die regelmäßig auch in der makroökonomischen Theorie zurückgegriffen wird. Bei der Gliederung nach Sektoren möchte man gleichartige Wirtschaftseinheiten zusammenfassen. Eine zweckmäßige und einfache Gliederung ist folgende: ●● Unternehmen ●● Private Haushalte ●● Staat ●● Ausland. Für die in diesen Sektoren erfassten Wirtschaftssubjekte lassen sich die sie charakterisierenden ökonomischen Tätigkeiten bzw. Transaktionen folgendermaßen beschreiben. Unternehmen produzieren unter Einsatz von Arbeit und Kapital Waren und Dienstleistungen. Die produzierten Güter werden an andere Unternehmen bzw. an die anderen Sektoren mit dem Ziel verkauft, Gewinne zu erzielen. Unternehmen kaufen von anderen Unternehmen Güter, die sie als Vorleistungen oder als Investitionen verwenden. Haushalte stellen den Unternehmen und dem Staat Arbeitsleistung und Kapital zur Verfügung. Sie kaufen die Produkte der Unternehmen und konsumieren sie. Der Staat stellt unter Verwendung von Arbeit und Kapital sogenannte öffentliche Güter (z. B. äußere und innere Sicherheit) bereit. Er erhebt bei den anderen Sektoren Abgaben und leistet Transferzahlungen an Unternehmen (Subventionen) und an Fotosatz Buck – Vahlens Kurzlehrbücher – Frenkel/John – Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung, 2. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.05.11 Status: Druckdaten Seite: 9 2. Kapitel: Einige zentrale Konzepte 9 die privaten Haushalte (z. B. Sozialleistungen). Im Auslandssektor werden alle Wirtschaftseinheiten erfasst, denen inländische Wirtschaftseinheiten Güter liefern (Exporte) oder von denen sie Güter empfangen (Importe). Für die Zwecke der modelltheoretischen Analyse der Wirtschaft ist diese einfache Gliederung der Wirtschaft sinnvoll und auch völlig ausreichend. Deswegen wird man in den meisten einführenden Lehrbüchern zur Makroökonomik diese oder eine ähnliche Charakterisierung der Sektoren finden. Auch in diesem Buch wollen wir in den beiden folgenden Kapiteln, die sich mit der Kreislaufanalyse beschäftigen, die obige einfache sektorale Gliederung zugrunde legen. Für empirische Zwecke ist eine solche vereinfachte Gliederung jedoch oft nicht ausreichend. So gibt es etwa Wirtschaftseinheiten, wie z. B. Wohlfahrtsorganisationen, die zwar im Prinzip unternehmerisch tätig sind, aber keine Gewinnerzielungsabsicht haben. Sollten diese trotzdem im Unternehmenssektor erfasst werden? Wenn nein, zu welchem Sektor sollten sie gerechnet werden? Kommunale Institutionen, wie z. B. Krankenhäuser oder Kindergärten, nehmen dieselben Aufgaben wahr, die auch private Krankenhäuser oder Kindergärten erfüllen. Sollen ihre Aktivitäten im Unternehmenssektor oder im Staatssektor erfasst werden? Private Haushalte verfügen z. T. über Wohnungseigentum, das sie vermieten. Soll diese Tätigkeit im Haushaltssektor oder im Unternehmenssektor erfasst werden? Diese Fragen bilden nur einen kleinen Ausschnitt aus den Problemen, denen sich die Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung in der Praxis gegenübersieht. Wie das Statistische Bundesamt mit diesen Problemen umgeht und welche Sektorengliederung die amtliche Statistik verwendet, wird im 5. Kapitel genauer erläutert. In Bezug auf die Art der ökonomischen Aktivitäten unterscheidet man die folgenden vier Kategorien: (1) Einkommensschaffung durch Produktion von Waren und Dienstleistungen, (2) Einkommensempfang und Einkommensverwendung, z. B. für den Kauf von Gütern, (3) Bildung von Vermögen und (4) Finanzierungsaktivitäten. Die Erzeugung von Gütern (=  Waren und Dienstleistungen) wird als Produktionsprozess bezeichnet. Alle Produktionsprozesse eines Landes bilden zusammengenommen den volkswirtschaftlichen Produktionsprozess. Er ist in modernen Volkswirtschaften durch eine weitgehende Arbeitsteilung gekennzeichnet. Diese findet nicht nur zwischen den Unternehmen statt, etwa durch die Herstellung von Vor-, Zwischen- und Endprodukten, sondern ist auch innerhalb der Unternehmen (verschiedene Produktionsstätten und Abteilungen) anzutreffen. Der volkswirtschaftliche Produktionsprozess ist in Abbildung  2-1 schematisiert. Zur Güterproduktion werden inländische und ausländische Faktoren (sogenannte Inputs) eingesetzt. Die inländischen Produktionsfaktoren umfassen die Nutzung von Grundstücken (Boden), die menschliche Arbeitsleistung (Arbeit) und die Nutzung von Produktionsanlagen (Kapital). Letztere bestehen beispielsweise aus Maschinen, Fahrzeugen und Gebäuden und werden auch als Fotosatz Buck – Vahlens Kurzlehrbücher – Frenkel/John – Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung, 2. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.05.11 Status: Druckdaten Seite: 10 Erster Teil: Grundlagen10 dauerhafte Produktionsmittel bezeichnet. Darüber hinaus fließen importierte Vorleistungen in den volkswirtschaftlichen Produktionsprozess ein. Die Produktionsverflechtung innerhalb der Volkswirtschaft, also die Lieferung von Vorleistungen von inländischen Unternehmen an andere inländische Unternehmen, spielt sich innerhalb des volkswirtschaftlichen Produktionsprozesses ab und ist daher nicht gesondert in Abbildung 2-1 eingezeichnet. Die erstellten Güter, die nicht als Vorleistungen von anderen inländischen Unternehmen verwendet werden, bilden das volkswirtschaftliche Produktionsergebnis (Output). Es umfasst die Endproduktverkäufe an inländische Wirtschaftseinheiten (private Haushalte, Unternehmen und Staat), die Lagerbestandsveränderungen und die Verkäufe an das Ausland. Der Erhalt und die Verwendung von Einkommen (Kategorie  2) bezieht sich auf die Gesamtheit der empfangenen Einkommen eines Wirtschaftssubjekts. Diese können aus der Bereitstellung von Produktionsfaktoren oder aus unentgeltlichen Leistungen von anderen Wirtschaftssubjekten resultieren. Bei der Vermögensbildung (Kategorie 3) wird bei den Produktionseinheiten das Sparen der Zunahme oder Abnahme des Sachvermögens gegenübergestellt und hieraus der Finanzierungssaldo ermittelt. Eine Abnahme des Sachvermögens erfolgt durch Abnutzung (Abschreibung), eine Zunahme hingegen durch den Kauf von Investitionsgütern. Die Gewährung und Aufnahme von Krediten zeigt an, wie der Finanzierungssaldo der einzelnen Wirtschaftssubjekte durch Veränderung von Forderungen und Verbindlichkeiten zustandegekommen ist. 3. Gliederungsansätze ökonomischer Transaktionen Unter einer ökonomischen Transaktion wird der Übergang eines Wirtschaftsobjektes, also eines Gutes oder einer Forderung, von einem Wirtschaftssubjekt auf ein anderes verstanden. Man unterscheidet einseitige und zweiseitige Transaktionen. Bei einseitigen (unilateralen) Transaktionen werden Güter oder Forderungen ohne Gegenleistung übertragen. Beispiele hierfür sind Schenkungen und die Transfers des Staates an private Haushalte, Unternehmen oder das Ausland. Bei zweiseitigen (bilateralen) Transaktionen steht jeder Übertragung eine Gegenübertragung von Gütern oder Forderungen gegenüber. Abb. 2-1: Volkswirtschaftlicher Produktionsprozess Arbeit Kapital Boden inländis�e Produktuionsfaktoren importierte Vorleistungen Input Output Volkswirts�aftli�er Produktionsprozess Verkauf von Endprodukten an inländis�e Wirts�aftseinheiten und Lagerbestandsveränderungen Verkäufe an das Ausland (Exporte) Fotosatz Buck – Vahlens Kurzlehrbücher – Frenkel/John – Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung, 2. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.05.11 Status: Druckdaten Seite: 11 2. Kapitel: Einige zentrale Konzepte 11 Berücksichtigt man auch die einseitigen Transaktionen, bei denen gewisserma- ßen „nichts“ gegen ein Gut oder gegen eine Forderung getauscht wird, dann lassen sich die verschiedenen denkbaren Transaktionsformen übersichtlich in einer Matrix darstellen (vgl. Abbildung 2-2). In der in Abbildung 2-2 gezeigten Matrix sind alle denkbaren ökonomischen Transaktionsformen aus der Sicht einer der beiden an der Transaktion beteiligten Wirtschaftseinheiten dargestellt. Da es für die Klassifizierung der Transaktionen jedoch unerheblich ist, ob ein Wirtschaftssubjekt ein Gut gegen eine Forderung tauscht oder umgekehrt eine Forderung gegen ein Gut, gibt es nur sechs unterschiedliche Transaktionsformen, die in Abbildung 2-2 grau unterlegt sind. Von diesen sechs fällt noch eine weg, nämlich der ökonomisch unsinnige Tausch von nichts gegen nichts. Es können somit fünf Formen ökonomischer Transaktionen unterschieden werden: (1) Tausch eines Gutes gegen ein anderes Gut. Diese Art von Transaktion bezeichnet man als Real- oder Naturaltausch. Der Naturaltausch spielt in entwickelten Volkswirtschaften nur eine untergeordnete Rolle. (2) Tausch eines Gutes gegen eine Forderung. Der Tausch eines Gutes gegen eine Forderung stellt aus der Sicht desjenigen, der das Gut empfängt, einen (Güter-)Kauf, aus der Sicht des Tauschpartners einen (Güter-)Verkauf dar. (3) Tausch einer Forderung gegen eine Forderung. Bei dieser Transaktionsform spricht man von einem Kauf bzw. Verkauf von Forderungsrechten. (4) Übertragung eines Gutes ohne Gegenleistung. (5) Übertragung einer Forderung ohne Gegenleistung. Transaktion (4) stellt einen Realtransfer, Transaktion (5) einen Forderungstransfer dar. Beide Transaktionsformen werden auch als Schenkung bezeichnet. Oft wird im Zusammenhang mit Transaktionen zwischen Finanz- und Leistungstransaktionen unterschieden. Als Finanztransaktion bezeichnet man den Tausch von Forderungen gegen Forderungen, etwa den Kauf von Wertpapieren gegen Geld. Durch eine Finanztransaktion wird bei den beteiligten Wirtschafts- Abb. 2-2: Mögliche Transaktionsformen Fotosatz Buck – Vahlens Kurzlehrbücher – Frenkel/John – Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung, 2. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.05.11 Status: Druckdaten Seite: 12 Erster Teil: Grundlagen12 subjekten lediglich die Struktur ihrer Forderungen verändert, nicht aber der Gesamtbestand. Die Finanztransaktion wird im Matrixschema der Abbildung 2-2 durch das Zentralfeld beschrieben. Die beiden jeweils links bzw. unten angrenzenden Felder symbolisieren Leistungstransaktionen. Als Leistungstransaktion bezeichnet man die Übertragung eines Gutes gegen eine Forderung ebenso wie den Transfer einer Forderung. Durch eine Leistungstransaktion verändert sich der Bestand der Forderungen (oder Verbindlichkeiten) bei den Beteiligten. Der Naturaltausch und die Übertragung eines Gutes ohne Gegenleistung fallen in keine der beiden Kategorien. Eine andere wichtige Unterscheidung ist die in Markttransaktionen und unterstellte Transaktionen. Normalerweise finden Transaktionen über Märkte statt, so dass es sich um tatsächliche Transaktionen handelt. Manchmal ist es aber aus systematischen Gesichtspunkten sinnvoll, Transaktionen zu unterstellen, die nicht oder nicht in der Weise, wie sie erfasst werden, stattgefunden haben. Eine solche Berücksichtigung erfolgt, weil andernfalls prinzipiell gleiche wirtschaftliche Vorgänge unterschiedlich erfasst würden. Die einbehaltene Lohnsteuer wird in der Inlandsproduktsberechnung beispielsweise so erfasst, als ob sie zunächst als Lohnbestandteil an die privaten Haushalte ausgezahlt und anschließend von den Haushalten an den staatlichen Sektor abgeführt würde. Als weiteres Beispiel für eine unterstellte Transaktion lässt sich die Behandlung von selbsterstellten Anlagen durch ein Unternehmen nennen. Da sowohl beim Kauf einer Maschine von einem anderen Unternehmen als auch bei der Selbsterstellung dieser Maschine der Kapitalstock um eine Maschine zunimmt, wird aus Gründen der Gleichbehandlung in der Inlandsproduktsberechnung bei der Selbsterstellung eine fiktive Transaktion (Kauf einer Maschine) angenommen. Ein Beispiel für Transaktionen, die in der Inlandsproduktsberechnung anders behandelt werden, als sie tatsächlich stattgefunden haben, liefert der Wohnungsbau der privaten Haushalte. Hinsichtlich der mit dem Wohnungsbau verbundenen Transaktionen (Aufnahme von Krediten, Erstellung von Eigenleistungen, Verwendung von Ersparnissen und Bezug staatlicher Zuschüsse) gelten die privaten Haushalte in der Inlandsproduktsberechnung als Unternehmen. Damit werden diese Transaktionen dem Charakter nach der Produktionstätigkeit von Unternehmen gleichgestellt. Außerdem werden fiktive Mietzahlungen der privaten Haushalte einbezogen. Zahlt nämlich ein privater Haushalt Miete, so wird diese Transaktion als „Kauf von Wohnungsnutzung gegen Zahlung von Miete“ erfasst. Die Eigennutzung einer Wohnung oder eines Hauses beinhaltet zwar ebenfalls eine Wohnungsnutzung, verursacht aber keine solche Mietzahlung. Um den Umfang der Wohnungsnutzung nicht von den Eigentumsverhältnissen abhängig zu machen, wird deshalb bei Eigennutzung eine fiktive Mietzahlung der privaten Haushalte in die Inlandsproduktsberechnung aufgenommen. Fotosatz Buck – Vahlens Kurzlehrbücher – Frenkel/John – Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung, 2. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.05.11 Status: Druckdaten Seite: 13 2. Kapitel: Einige zentrale Konzepte 13 4. Bewertung und Datierung von Transaktionen Bei der Bewertung der Transaktionen in der Inlandsproduktsberechnung sind prinzipiell Marktpreise bzw. Herstellungspreise anzusetzen. Allerdings ist dies nur für solche Transaktionen möglich, die über den Markt abgewickelt werden. Bei der Bewertung der von öffentlichen Haushalten ohne direktes Entgelt zur Verfügung gestellten Leistungen verwendet man hilfsweise die Herstellungskosten als Wertmaßstab. Besondere Rechnungsverfahren werden für die Bewertung von Transaktionen benutzt, die zur Erfassung des wirtschaftlichen Geschehens fiktiv anzunehmen sind. Dies trifft vor allem für den Werteverzehr von Sachkapitalgütern zu, bei denen die Abschreibungen durch hypothetische Annahmen über die Abnutzung erfasst werden. Für die konsistente Erfassung des Wirtschaftsgeschehens im volkswirtschaftlichen Rechnungswesen ist es erforderlich, dass sich jede Transaktion eindeutig einem bestimmten Rechnungszeitraum (Monat, Quartal, Jahr) zuordnen lässt. Maßgeblich für die Erfassung im volkswirtschaftlichen Rechnungswesen ist der Zeitpunkt der Entstehung einer neuen Forderung oder Verbindlichkeit. In der Bundesrepublik Deutschland wird die Inlandsproduktsberechnung vom Statistischen Bundesamt vorgenommen. Grundlage der Erfassung der ökonomischen Transaktionen sind eine Vielzahl von Datenreihen der Wirtschafts-, Finanz- und Bevölkerungsstatistik. Basis für diese Statistiken sind wiederum im Wesentlichen Steuerstatistiken, regelmäßig von öffentlichen Stellen und Verbänden durchgeführte Erhebungen sowie statistische Angaben anderer öffentlicher Stellen, wie etwa die der Deutschen Bundesbank, des Bundesamts für die gewerbliche Wirtschaft und der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin). Welche Statistiken für welche Datenreihen im Einzelnen herangezogen werden, ist allerdings bisher vom Statistischen Bundesamt nicht vollständig offengelegt worden. Bei der Vielzahl der ökonomischen Transaktionen verwundert es nicht, dass sie nicht alle durch die Statistik erfasst werden können. Dies liegt zum einen daran, dass der mit der Datenerfassung verbundene Aufwand zu begrenzen ist, zum anderen aber auch daran, dass bestimmte Transaktionen durch die offiziellen Statistiken nicht beobachtet werden können. Hierzu zählen insbesondere die Aktivitäten der sogenannten Schattenwirtschaft. Allgemein sind hierbei solche Transaktionen gemeint, die zumeist aus Gründen der Vermeidung der Erfassung eines steuerlichen oder anderen Tatbestandes außerhalb des offiziellen Marktes ablaufen. Auch andere, zweifelsfrei legale Transaktionen sind durch die Statistik nicht erfassbar. Hierbei handelt es sich um ökonomische Aktivitäten, die der Steuerpflicht nicht unterliegen, da sie entweder generell nicht besteuert werden oder im Einzelfall unterhalb der steuerlich relevanten Grenzen liegen. Man denke nur an Schenkungen, gelegentliche Nachbarschaftshilfe, Babysitting, private Unterstützungszahlungen oder auch den realen Gütertausch. Letzterer kann natürlich in seinem Umfang durchaus ein Reflex steuerlicher Bestimmungen sein. Fotosatz Buck – Vahlens Kurzlehrbücher – Frenkel/John – Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung, 2. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.05.11 Status: Druckdaten Seite: 14 Erster Teil: Grundlagen14 Die Fülle der Daten, die den Einzelstatistiken der Inlandsproduktsberechnung zugrunde liegen, bedingt, dass in der Regel zunächst vorläufige Zahlen ver- öffentlicht und die endgültigen Datenreihen erst mit erheblicher Verzögerung bekanntgegeben werden. Nicht selten werden auch noch nach Veröffentlichung der endgültigen Daten Revisionen vorgenommen, da entweder Änderungen bei den Basisdaten eingetreten sind oder aber Konzepte von Datenreihen geändert wurden. Die Erfassungs-, Bewertungs- und Abgrenzungsprobleme der einzelnen Daten haben zur Folge, dass die Inlandsproduktsberechnung kein völlig genaues Bild des Wirtschaftsprozesses einer Volkswirtschaft geben kann. Ein solcher Anspruch wäre auch nicht realistisch. Anzustreben ist vielmehr, dass die Ungenauigkeiten so klein sind, dass sie das Bild des Wirtschaftsgeschehens nicht wesentlich verzerren, wobei dieser Maßstab zwangsläufig eine subjektive Komponente enthält. Schlüsselbegriffe: Stromgröße Naturaltausch Bestandsgröße Realtransfer Wirtschaftsprozess Forderungstransfer Wirtschaftseinheit Einseitige Transaktion Wirtschaftssubjekt Zweiseitige Transaktion Unternehmenssektor Finanztransaktion Auslandssektor Leistungstransaktion Güterkauf/-verkauf Markttransaktion Forderungskauf/-verkauf Unterstellte Transaktion Realtausch Fotosatz Buck – Vahlens Kurzlehrbücher – Frenkel/John – Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung, 2. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.05.11 Status: Druckdaten Seite: 15 Zweiter Teil: Wirtschaftskreislauf Zweiter Teil: Wirtschaftskreislauf

Chapter Preview

References

Zusammenfassung

Die volkswirtschaftliche Gesamtrechnung.

Dieses Buch informiert umfassend über die Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung. Ausgehend von der theoretischen Fundierung der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung geht es ausführlich auf das in Deutschland (und den anderen Ländern der Europäischen Union) verwendete Gesamtrechnungssystem ESVG 95 ein. Ein besonderes Gewicht liegt auf der Anwendung und den Weiterentwicklungen der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung. So erhält der Leser nicht nur einen fundierten Überblick über die quantitativen Verhältnisse der deutschen Volkswirtschaft, er wird beispielsweise auch ausführlich über die aktuelle Diskussion um die Aussagefähigkeit des Bruttoinlandsprodukts, die Entwicklung alternativer Konzepte zur Wohlfahrtsmessung sowie die Bestrebungen informiert, die Fortschritte auf dem Weg zu einer nachhaltigen Wirtschaft zu quantifizieren.

Die Autoren

Prof. Dr. Michael Frenkel ist Inhaber des Lehrstuhls für Makroökonomik und Internationale Wirtschaftsbeziehungen an der WHU – Otto-Beisheim School of Management, Vallendar.

Prof. Dr. Klaus Dieter John ist Inhaber der Professur für Wirtschaftspolitik an der Technischen Universität Chemnitz.