7. Kapitel: Zur zeitlichen und internationalen Vergleichbarkeit der Inlandsproduktsdaten in:

Michael Frenkel, Klaus Dieter John

Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung, page 109 - 132

7. Edition 2011, ISBN print: 978-3-8006-3763-8, ISBN online: 978-3-8006-4307-3, https://doi.org/10.15358/9783800643073_109

Series: Vahlens Kurzlehrbücher

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Fotosatz Buck – Vahlens Kurzlehrbücher – Frenkel/John – Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung, 2. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.05.11 Status: Druckdaten Seite: 101 7. Kapitel: Zur zeitlichen und internationalen Vergleichbarkeit der Inlandsproduktsdaten Die für eine Periode im Rahmen der Inlandsproduktsberechnung ermittelten Daten besitzen nur eine eingeschränkte Aussagefähigkeit. Die Feststellung etwa, dass das Bruttoinlandsprodukt der Bundesrepublik Deutschland im Jahr 1970 eine Höhe von 345,3 Mrd. Euro aufwies, besagt, für sich genommen, nicht viel. Ist ein Inlandsprodukt von 345,3 Mrd. Euro hoch oder niedrig? Um eine Antwort auf diese Frage geben zu können, muss man das Bruttoinlandsprodukt entweder zu dem Bruttoinlandsprodukt eines anderen Landes oder zu dem Bruttoinlandsprodukt eines anderen Jahres in Beziehung setzen. Im ersten Fall stellt man einen internationalen, im zweiten Fall einen intertemporalen Vergleich an. Die Frage, wie man solche Vergleiche anstellen kann und welche Probleme dabei auftreten können, wird in diesem Kapitel genauer untersucht. Die Diskussion erfolgt zwar vor allem im Hinblick auf die Inlandsproduktsberechnung, die Überlegungen gelten jedoch in ganz ähnlicher Weise auch für die später noch zu behandelnden Nebenrechnungen der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung. Im folgenden Abschnitt soll zunächst die zeitliche Vergleichbarkeit betrachtet werden. Die internationale Vergleichbarkeit wird anschließend behandelt. 1. Zeitliche Vergleichbarkeit A. Zweck und Gegenstand zeitlicher Vergleiche Das Inlandsprodukt repräsentiert den Güterberg (ohne Vorleistungen), den eine Volkswirtschaft innerhalb einer Periode produziert hat. Um die Vielzahl der verschiedenartigen Waren und Dienstleistungen, die hergestellt werden, zu einer einzigen Größe zusammenfassen zu können, müssen die Güter bewertet werden. Dazu benutzt man in der Regel die Marktpreise der jeweiligen Periode. Vergleicht man nun das Bruttoinlandsprodukt von 2009 in Höhe von 2397 Mrd. Euro mit dem von 1996 in Höhe von 1876 Mrd. Euro, lässt sich anhand dieser beiden Zahlen nicht sagen, ob der Güterberg tatsächlich gewachsen ist oder ob bei gegebenem Güterberg lediglich die Preise gestiegen sind. In beiden Fällen hätte sich eine Erhöhung des monetären Wertes der produzierten Waren und Dienstleistungen ergeben. Wenn überhaupt, dann kann nur bei einem gestiegenen Güterberg von einer Zunahme des Wohlstands die Rede sein (Kapitel 9 beschäftigt sich genauer mit dem Zusammenhang zwischen Bruttoinlandsprodukt und Wohlstand). Daher ist die Frage von zentraler Bedeutung, ob und um wieviel die von einer Volkswirtschaft erzeugte Gütermenge zugenommen hat. Dies ist die Frage nach der realen Entwicklung einer Volkswirtschaft. Um sie beantworten zu können, muss das nominale Inlandsprodukt für jede betrachtete Periode in eine Mengenkomponente (reale Größe) und eine Preiskom- 7. Kapitel: Vergleichbarkeit der Inlandsproduktsdaten Dritter Teil: Inlandsproduktsberechnung in der Bundesrepublik Fotosatz Buck – Vahlens Kurzlehrbücher – Frenkel/John – Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung, 2. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.05.11 Status: Druckdaten Seite: 102 Dritter Teil: Inlandsproduktsberechnung in der Bundesrepublik102 ponente zerlegt werden. Diese Zerlegung wäre nur dann einfach, wenn sich zwischen zwei Perioden alle Preise und alle Mengen um jeweils den gleichen Prozentsatz erhöhen und sich überdies weder die Anzahl der Güterarten noch ihre Qualität ändern würden. In der Praxis ist dies jedoch nie der Fall: Erstens steigen oder sinken die Preise und Mengen der Güter einer Volkswirtschaft in sehr unterschiedlichem Maße, zweitens bleibt die Qualität von Gütern nicht konstant und drittens treten neue Güter auf dem Markt auf und alte verschwinden. Im Folgenden soll gezeigt werden, wie man versucht, das Zerlegungsproblem in den Griff zu bekommen. (Die Probleme, die Qualitätsveränderungen sowie das Auftreten und Verschwinden einzelner Güterarten hervorrufen, werden nur kurz gestreift.) Dabei muss man sich jedoch darüber im klaren sein, dass es unmöglich ist, durch „Herausrechnung“ der Preisentwicklung wirklich die „mengen-“ oder „gütermäßige“ Entwicklung des Inlandsprodukts einer Volkswirtschaft zu isolieren: Um zu einer zusammengefassten Größe, dem Inlandsprodukt, zu gelangen, ist ja gerade die Bewertung der einzelnen Güter unerlässliche Voraussetzung; bei einer echten „Herausrechnung“ der Preisentwicklung blieben nur die Güterberge übrig, die sich wegen der Verschiedenartigkeit ihrer Zusammensetzung nicht untereinander vergleichen lassen. B.  Konzepte zur Erfassung der Preisentwicklung: Preisindizes Die Preise der vielen verschiedenen Güter, die in einer Volkswirtschaft hergestellt werden, unterliegen ständigen Veränderungen. In einer gegebenen Periode steigen zahlreiche Preise, andere sinken und wieder andere bleiben konstant. Um eine Aussage über die generelle Tendenz der Preisentwicklung zu erhalten, muss die Vielzahl der Preise in eine Maßzahl des Preisniveaus verdichtet werden. Dies erreicht man durch die Konstruktion eines Preisindex. Wie soll nun die Verdichtung der vielen Einzelpreise in einen Preisindex erfolgen? Man könnte auf die Idee kommen, einfach das arithmetische Mittel aller Preise zu berechnen. Dabei würden jedoch alle Güter gleich behandelt. Weil aber mehr Kartoffeln als Kaviar gegessen werden, sollte dem Kartoffelpreis im Index auch ein größeres Gewicht zukommen. Daher werden bei der Konstruktion und Berechnung von Preisindizes den verschiedenen Gütern unterschiedliche Gewichte zugeordnet, die ihre relative Bedeutung widerspiegeln. Eine Möglichkeit, einen Preisindex zu konstruieren, besteht darin, für ein bestimmtes Jahr, das als Basisjahr bezeichnet werden soll, einen „Warenkorb“ zusammenzustellen und seinen Inhalt mit Gewichten entsprechend der Bedeutung der verschiedenen Güter zu versehen. Ein solcher Warenkorb könnte dann beispielsweise das Güterbündel repräsentieren, das ein durchschnittlicher Haushalt in einem bestimmten Jahr, dem Basisjahr, kauft. Bewertet man die Gütermengen des Warenkorbes mit den Preisen des Basisjahrs, erhält man den Wert des Warenkorbes im Basisjahr. Dem Wert des Warenkorbes im Basisjahr wird jetzt der Wert desselben Warenkorbes in einem anderen Jahr, das als Berichtsjahr bezeichnet werden soll, gegenübergestellt. Der Wert des Warenkorbes Fotosatz Buck – Vahlens Kurzlehrbücher – Frenkel/John – Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung, 2. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.05.11 Status: Druckdaten Seite: 103 7. Kapitel: Vergleichbarkeit der Inlandsproduktsdaten 103 im Berichtsjahr wird sich im Allgemeinen vom Wert des Warenkorbes im Basisjahr unterscheiden, er wird z. B. höher liegen, wenn die Preise im Durchschnitt gestiegen sind. Dividiert man den Wert im Berichtsjahr durch den Wert im Basisjahr, erhält man den Preisindex für die Güterstruktur des Warenkorbes. Der Preisindex macht eine Aussage über die zeitliche Entwicklung des Wertes des Warenkorbes. Nimmt man beispielsweise an, dass ein durchschnittlicher Haushalt, der sogenannte Indexhaushalt, im Basisjahr (z. B. 2005) zehn Kilogramm Kartoffeln, aber nur ein Glas Kaviar gekauft hat, besteht der dem Preisindex zugrundegelegte Warenkorb aus zehn Kilogramm Kartoffeln und aus einem Glas Kaviar. Für den Preisindex des Jahres 2009 (PIL, 2009) gilt dann: 2009 2009 , 2009 2005 2005 10 Kartoffelpreis 1 Kaviarpreis Preisindex 10 Kartoffelpreis 1 KaviarpreisL ⋅ + ⋅ = ⋅ + ⋅ Der Index besagt, wieviel im Berichtsjahr der Kauf von zehn Kilogramm Kartoffeln und von einem Glas Kaviar relativ zum Kauf des gleichen Warenkorbes im Basisjahr 2005 kostet. Nimmt man an, dass der Kartoffelpreis von 2 Euro im Basisjahr auf 3 Euro im Berichtsjahr steigt, während der Kaviarpreis von 10 Euro auf 5 Euro sinkt, dann lässt sich für dieses Beispiel der Preisindex folgendermaßen berechnen: , 2009 10 3 1 5 30 5 Preisindex 1,17 10 2 1 10 20 10L ⋅ + ⋅ + = = = ⋅ + ⋅ + . Da üblicherweise der Preisindex im Basisjahr gleich 100 gesetzt wird, ergibt sich für das Berichtsjahr ein Index von 117. Anders ausgedrückt ist der Warenkorb des Basisjahres im Berichtsjahr um 17 Prozent teurer. Einen Preisindex, der feste Gewichte verwendet, nämlich den Warenkorb des Basisjahres, bezeichnet man als Index vom Laspeyres-Typ. Allgemein kann man einen Laspeyres-Preisindex mit Hilfe folgender Formel beschreiben: = = = ∑ ∑ , , 1 , , , 1 n i t i b i L t n i b i b i p x P p x Hierin gibt PL,t den Zahlenwert an, den der Laspeyres-Preisindex im Berichtsjahr t aufweist. Das Basisjahr wird durch das Symbol „b“ gekennzeichnet. Wir gehen davon aus, dass der Warenkorb n Güter umfasst. Im Zähler der obigen Formel steht die Wertsumme dieser n Güter, wobei die Preise des Berichtsjahres (pi,t) jeweils mit den Mengen des Basisjahres (xi,b) gewichtet werden. Der Zähler gibt also den Wert wieder, den der Warenkorb des Basisjahres gehabt hätte, wenn er zu den Preisen des Berichtsjahres gekauft worden wäre. Der Nenner zeigt ebenfalls die Wertsumme der n Güter, wobei jetzt allerdings die Preise des Basisjahres (pi,b) sind, die mit den Mengen des Basisjahres (xi,b) gewichtet werden. Der Nenner gibt somit den Wert wieder, den der Warenkorb des Basisjahres in diesem Jahr hatte. Fotosatz Buck – Vahlens Kurzlehrbücher – Frenkel/John – Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung, 2. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.05.11 Status: Druckdaten Seite: 104 Dritter Teil: Inlandsproduktsberechnung in der Bundesrepublik104 Alternativ zu einem Laspeyres-Index kann man auch einen sogenannten Index vom Paasche-Typ betrachten. Ein Paasche-Index verwendet den jeweils aktuellen Warenkorb, also den Warenkorb des Berichtsjahres, für die Gewichtung. Werden im Jahr 2009 vom Indexhaushalt beispielsweise nur noch acht Kilogramm Kartoffeln, aber zwei Gläser Kaviar gekauft, dann gilt für einen Paasche-Preisindex (PIP): 2009 2009 , 2009 2005 2005 8 Kartoffelpreis 2 Kaviarpreis Preisindex 8 Kartoffelpreis 2 KaviarpreisP ⋅ + ⋅ = ⋅ + ⋅ Das Basisjahr dieses Index ist ebenfalls 2005, der Warenkorb ändert sich aber, wie gesagt, jedes Jahr. Im Zähler des obigen Bruchs steht der Wert, den der aktuelle Warenkorb im Berichtsjahr hat. Im Nenner steht der Wert, den der aktuelle Warenkorb im Basisjahr gehabt hätte. Der Paasche-Index zeigt uns also, wie teuer der jeweilige aktuelle Warenkorb relativ zum Basisjahr ist. Mit den für das obige Beispiel gewählten Preisen ergibt sich für den Paasche-Index: , 2009 8 3 2 5 24 10 Preisindex 0,94 8 2 2 10 16 20P ⋅ + ⋅ + = = = ⋅ + ⋅ + . Setzt man für das Basisjahr den Index wieder gleich 100, dann weist er im Berichtsjahr den Wert 94 auf. Das bedeutet, dass der aktuelle Warenkorb im Berichtsjahr um 6 Prozent billiger ist als im Basisjahr. Wie für den Laspeyres-Index können wir auch für den Paasche-Index eine allgemeine Formel angeben: = = = ∑ ∑ , , 1 , , , 1 n i t i t i P t n i b i t i p x P p x Ganz ähnlich wie beim Laspeyres-Index gibt Pp,t den Zahlenwert an, den der Paasche-Preisindex im Berichtsjahr t aufweist. Wieder wird das Basisjahr durch das Symbol „b“ gekennzeichnet, und wieder betrachten wir n Güter. Im Zähler der Index-Formel steht die Wertsumme der n Güter, wobei die Preise des Berichtsjahres (pi,t) mit den Mengen des Berichtsjahres (xi,t) gewichtet werden. Im Nenner steht die Wertsumme der n Güter, die sich ergibt, wenn man die Preise des Basisjahres (pi,b) mit den Mengen des Berichtsjahres (xi,t) gewichtet. Somit spiegelt auch der Paasche-Preisindex das Verhältnis zweier Wertsummen wider: Im Zähler steht der Wert des Warenkorbs des Berichtsjahres, bewertet zu den Preisen des Berichtsjahres. Im Nenner steht der Wert des Warenkorbs des Berichtsjahres, bewertet zu den Preisen des Basisjahres. Ein Vergleich der beiden für unser Beispiel berechneten Indizes muss beunruhigend wirken: Gemessen am Laspeyres-Index ist das Preisniveau um 17 Prozent gestiegen, gemessen am Paasche-Index dagegen um 6 Prozent gesunken! Welches Ergebnis ist denn nun richtig? Die Antwort lautet, dass beide Ergebnisse richtig sind (bzw. beide „falsch“). Die Tatsache, dass wir zwei unterschiedliche Fotosatz Buck – Vahlens Kurzlehrbücher – Frenkel/John – Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung, 2. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.05.11 Status: Druckdaten Seite: 105 7. Kapitel: Vergleichbarkeit der Inlandsproduktsdaten 105 Ergebnisse erhalten, basiert letztlich darauf, dass wir bei der Ermittlung der Indizes Mengen als Gewichte verwenden müssen und unser Ergebnis von den gewählten Gewichten beeinflusst wird. Im Beispiel wurden die Zahlen so gewählt, dass der Indexhaushalt auf den Anstieg des Kartoffelpreises mit einem Rückgang der gekauften Menge reagiert. Die Senkung des Kaviarpreises führt entsprechend zu einem Anstieg der gekauften Menge. Möchte man letztlich die Wohlfahrtswirkungen von Preisänderungen erfassen, so zeigt sich, dass dies bei beiden Indextypen grundsätzlich nur unvollkommen gelingen kann. Der Laspeyres-Index verwendet einen festen Warenkorb. Er übertreibt die Wirkung einer Preiserhöhung, weil die Möglichkeit einer Substitution von Kartoffeln durch andere Güter (z. B. Kaviar) ignoriert wird. Der Paasche-Index legt den aktuellen Warenkorb zugrunde. Er unterschätzt die Auswirkungen einer Preiserhöhung, weil er zwar die Substitution von Kartoffeln durch andere Güter vollständig berücksichtigt, aber außer acht lässt, dass diese Substitution mit Wohlfahrtsverlusten verbunden ist. Wegen der festen Gewichtung lässt ein Laspeyres-Index einen direkten Vergleich zwischen den einzelnen Jahren der Index-Reihe zu. Die aus einem solchen Vergleich gezogenen Schlussfolgerungen werden jedoch um so fragwürdiger, je weiter man sich vom Basisjahr entfernt. Die Wahrscheinlichkeit, dass der verwendete Warenkorb die tatsächlichen Verbrauchsgewohnheiten widerspiegelt, wird nämlich immer geringer. In der Praxis trägt man dem dadurch Rechnung, dass die Warenkörbe von Zeit zu Zeit aktualisiert und an die veränderten Verbrauchsgewohnheiten angepasst werden. Ein Paasche-Index lässt streng genommen nur eine Gegenüberstellung des jeweiligen Berichtsjahres mit dem Basisjahr zu. Ein direkter Vergleich der einzelnen Jahre einer Index-Reihe untereinander ist nur mit Einschränkungen möglich, weil im allgemeinen die Abstände der Index-Zahlen nicht nur durch die Preise, sondern auch durch Veränderungen im Warenkorb beeinflusst werden. Eine andere Form des Preisindex erhält man bei der Berechnung der Veränderungen als Kettenindex. Hierbei wird in zwei Schritten vorgegangen. In einem ersten Schritt wird zunächst für jedes Jahr, für das der Preisindex ausgewiesen werden soll, sowohl das Berichts- als auch das Basisjahr aktualisiert. Berechnet man etwa den Preisindex als Laspeyres-Index, wäre als Basisjahr einer Zeitreihe von z. B. fünf Jahren das Mengengerüst des Vorjahres zu verwenden, so dass der so berechnete Preisindex angibt, wie viel der Warenkorb des jeweils vorangegangenen Jahres im Berichtsjahr gekostet hätte. Zieht man für die Berechnung des Preisniveaus den Paasche-Index heran, so wäre in jedem ausgewiesenen Jahr einer Zeitreihe das jeweilige Mengengerüst des Berichtsjahres zu verwenden. Tabelle 7-1 enthält hierzu ein fiktives Beispiel von Preisänderungen zwischen den Jahren 2006 und 2010, wobei die Spalte „Jahresergebnis“ die nach einer der zuvor beschriebenen Methoden berechnete Preisniveauhöhe im Vergleich zum Vorjahr zeigt. In einem zweiten Schritt sind nun die Sequenzen von Jahresergebnissen zu verketten („chain linking“). Dabei verändert man ausgehend vom ersten Jahr der Zeitreihe – man spricht vom Referenzjahr, nicht vom Basisjahr – den Wert jeweils nach Maßgabe des Jahresergebnisses. Der Wert für 2008 ergibt sich dementsprechend als Erhöhung des Vorjahreswertes (102,1) um 2,7 Prozent. Fotosatz Buck – Vahlens Kurzlehrbücher – Frenkel/John – Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung, 2. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.05.11 Status: Druckdaten Seite: 106 Dritter Teil: Inlandsproduktsberechnung in der Bundesrepublik106 Eine Multiplikation von 102,1 mit 1,027 ergibt gerundet 104,9. In dieser Weise setzt man die Berechnung für die gesamte Zeitreihe fort. Jahr Jahresergebnis Zeitreihe durch Verkettung (Referenzjahr 2006) 2006 2007 2008 2009 2010 100,0 102,1 102,7 101,8 103,0 100,0 102,1 104,9 106,7 110,0 Tab. 7-1: Beispiel zur Berechnung eines Kettenindex Die auf diese Weise ermittelten Preisindizes haben einen bedeutenden Vorteil, aber auch einen nicht zu übersehenden Nachteil. Der Vorteil liegt darin, dass die jeweiligen Jahresergebnisse auf jeweils aktuellen Mengengerüsten aufbauen. Insofern berücksichtigen sie die Kritik, dass bei Preiszeitreihen, die auf der Berechnung nach dem Laspeyres- oder dem Paasche-Typ aufgebaut sind, mit zunehmendem Abstand zum Basisjahr immer weniger relevante Mengengerüste berücksichtigt werden. Ein Nachteil der Verwendung von Kettenindizes in der VGR ist dagegen in der Eigenschaft zu sehen, dass sich mit ihrer Hilfe preisbereinigte Teilaggregate des Inlandsprodukts nicht zu dem Wert des preisbereinigten Gesamtaggregats addieren. Deswegen ist u. a. eine Ermittlung des preisbereinigten Außenbeitrags nicht mehr möglich. C. Preisindizes in der Bundesrepublik Deutschland Die beiden wichtigsten Preisindizes, die in der Bundesrepublik durch das Statistische Bundesamt berechnet werden, beziehen sich auf die Inlandsproduktsberechnung und die Verbraucherpreise. Die Preisindizes der Inlandsproduktsberechnung – auch Preisindizes nach der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung genannt – geben die Preisentwicklung des Inlandsprodukts sowie seiner Teilaggregate an, wie sie aus dem gesamtwirtschaftlichen Produktionskonto bekannt sind. Mit dem Verbraucherpreisindex soll die Entwicklung der Kaufkraft des Geldes für die Verbraucher erfasst werden. Hinsichtlich des Bruttoinlandsprodukts und seiner Teilaggregate dienen die Preisindizes dazu anzuzeigen, welcher Teil des wertmäßigen Anstiegs auf einen Inflationseffekt und welcher Teil auf einen tatsächlichen Mengeneffekt zurückzuführen sind. Hierbei geht das Statistische Bundesamt wie folgt vor. Es ermittelt zunächst die Werte des Inlandsprodukts aus den jeweiligen Mengen und Preisen der einzelnen Jahre. Außerdem ermittelt es einen Mengenindex, der angibt, wie stark die Zunahme der mengenmäßigen Produktion war. Das Statistische Bundesamt spricht hierbei häufig vom Volumenindex. Bezeichnen pi und xi die Preise und Mengen des Gutes i und umfasst das Bruttoinlandsprodukt n Güter, so beträgt im Vergleich der Jahre t und t-1 der Fotosatz Buck – Vahlens Kurzlehrbücher – Frenkel/John – Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung, 2. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.05.11 Status: Druckdaten Seite: 107 7. Kapitel: Vergleichbarkeit der Inlandsproduktsdaten 107 = − − = = ∑ ∑ , , 1 1 , 1 1 Wertindex n i t i t i n i i t i x P x P und der nach dem Laspeyres-Typ berechnete − = − − = = ∑ ∑ , , 1 1 , 1 , 1 1 Volumenindex n i t i t i n i t i t i x P x P . Den Volumenindex (man spricht vom Index des realen Bruttoinlandsprodukts) berechnet das Statistische Bundesamt für längere Zeitreihen als Kettenindex. Der Preisindex wird nun nicht separat berechnet, sondern als Quotient aus Wert index und Volumenindex. Man spricht daher von einem impliziten Preisindex, der sich wie folgt ergibt: Impliziter Preisindex = Wertindex : Volumenindex , , 1 , , 1 , , 1 1 1 , 1 , 1 , 1 1 1 1 : n n n i t i t i t i t i t i t i i i n n n i t i t i t i t i t i t i i i x p x p x p x p x p x p − − = = = − − − − − − = = = = = ∑ ∑ ∑ ∑ ∑ ∑ . Wie der letzte Ausdruck dieser Gleichung zeigt, handelt es sich bei dem aus Wertindex und einem Volumenindex vom Laspeyres-Typ ermittelten Preisindex um einen Index vom Paasche-Typ, denn im Zähler und Nenner stehen jeweils die Mengen des aktuellen Jahres. Das Statistische Bundesamt berechnet auf diese Weise nach dem Wertindex und dem jeweils auf Vorjahrespreisbasis basierenden Volumenindex (folglich auf Basis des Laspeyres-Typs; dies entsprechend den europäischen Regelungen) den impliziten Preisindex. Hierbei ergeben sich für das Bruttoinlandsprodukt jeweils Preisindizes für einzelne Jahre bezogen auf das Vorjahr. Aus diesen Messzahlen wird dann durch Verkettung die gesamte Zeitreihe bezogen auf ein Referenzjahr (zuletzt 2000) berechnet. Die Methode der Verkettung wird sowohl für die Jahres- als auch für die Quartalsrechnung der VGR verwendet. Wie das Inlandsprodukt selbst, können die impliziten Preisindizes von der Entstehungs-, der Verteilungs- und der Verwendungsseite her berechnet werden. Da in der Praxis eine isolierte Berechnung des Inlandsprodukts über die Verteilungsseite nicht erfolgt, spielt diese auch bei der Ermittlung der Preisindizes keine Rolle. Von der Entstehungsseite her veröffentlicht das Statistische Bundesamt die Bruttowertschöpfung in laufenden und in konstanten Preisen in der vollen Gliederung nach 60 Wirtschaftsbereichen, so dass hier jeweils implizite Preisindizes berechnet werden können. Eine direkte Deflationierung der Bruttowertschöpfung wird vom Statistischen Bundesamt nicht vorgenommen. Statt dessen werden Produktionswerte und Vorleistungen deflationiert. Aus der Differenz dieser beiden Größen ergibt sich dann die reale Bruttowertschöpfung. Auf gesamtwirtschaftlicher Ebene wird das Bruttoinlandsprodukt preisbereinigt ausgewiesen. Fotosatz Buck – Vahlens Kurzlehrbücher – Frenkel/John – Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung, 2. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.05.11 Status: Druckdaten Seite: 108 Dritter Teil: Inlandsproduktsberechnung in der Bundesrepublik108 Von der Verwendungsseite her betrachtet, lässt sich das reale Bruttoinlandsprodukt über eine Deflationierung seiner Komponenten ermitteln. Für jede der Komponenten – mit Ausnahme der Vorratsveränderungen – wird daher auch ein eigener impliziter Preisindex ausgewiesen. Der allgemeinste Preisindex des Bruttoinlandsprodukts wird auch BIP-Deflator genannt. Einen Überblick über die Entwicklung der Preise nach der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung gibt Tabelle 7-2. Hierbei stellt der Teil a) der Tabelle die Preisindizes auf Basis eines Paasche-Index mit dem festen Basisjahr 2000 dar. Im Teil b) der Tabelle sind die Indizes als Kettenindizes mit Referenzjahr 2000 berechnet, wie sie seit 2005 nunmehr berechnet werden. Aus dem Vergleich beider Tabellen ist ersichtlich, dass für das Bruttoinlandsprodukt, die privaten und staatlichen Konsumausgaben sowie die Investitionsausgaben keine gravierenden Unterschiede zwischen beiden Zeitreihen bestehen. Die Kettenindizes weisen die Preisentwicklung etwas niedriger aus. Lediglich bei den Import- und Exportpreisen sind die Unterschied erheblich. Betrachtet man in Tabelle 7-2a die Daten für die Jahre 1999 und 2000 genau, dann fällt auf, dass der Preisindex des Bruttoinlandsprodukts gesunken ist, obwohl mit Ausnahme der Konsumausgaben des Staates die Teilindizes für die Verwendungskomponenten im gleichen Zeitraum gestiegen sind. Im ersten Moment Konsumausgaben Jahr Bruttoinlandsprodukt Private Haushalte u. priv. Org. ohne Erw.charakter Staat Bruttoinvestitionen Exporte Importe 1991 1992 1993 1994 1995 1996 1997 1998 1999 2000 2001 2002 2003 2004 2005 2006 2007 2008 2009 2010 87,16 91,50 94,91 97,16 98,98 99,49 99,77 100,33 100,68 100,00 101,21 102,64 103,85 104,85 105,53 105,94 107,89 108,98 110,50 111,15 85,93 89,48 92,51 94,81 96,04 96,96 98,29 98,77 99,08 100,00 101,76 102,96 104,55 105,95 107,42 108,55 110,51 112,43 112,49 114,69 88,20 92,26 95,10 96,55 98,85 99,51 98,92 98,46 100,16 100,00 101,58 103,01 103,87 104,37 104,92 105,32 105,95 107,04 109,28 110,06 90,21 93,42 96,28 98,05 99,33 99,31 100,13 99,84 98,41 100,00 99,49 98,42 97,69 98,68 100,04 100,94 103,63 105,18 102,81 103,16 95,83 96,79 96,93 97,73 98,94 98,42 99,27 98,41 97,55 100,00 100,39 100,20 98,51 98,45 99,14 100,40 100,84 101,50 98,40 101,01 97,66 95,57 93,85 93,72 93,46 93,63 96,53 94,18 92,85 100,00 100,51 98,30 95,72 95,95 98,01 100,62 100,58 102,42 95,48 100,19 Tab. 7-2a: Indizes vom Paasche-Typ mit festem Basisjahr (Basisjahr 2000 = 100) Quelle: Statistisches Bundesamt (2011b) Tab. 2.3.3 Fotosatz Buck – Vahlens Kurzlehrbücher – Frenkel/John – Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung, 2. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.05.11 Status: Druckdaten Seite: 109 7. Kapitel: Vergleichbarkeit der Inlandsproduktsdaten 109 mag dies rätselhaft erscheinen. Dieses Rätsel lässt sich jedoch leicht lösen: Ein Blick auf die Entwicklung des Einfuhrindex zeigt, dass sich die Einfuhrpreise im Jahr 2000 stark erhöht haben. In den einzelnen Verwendungskomponenten sind die Importgüter enthalten und wirken daher preistreibend. Das Bruttoinlandsprodukt erhält man jedoch durch Subtraktion der Importe von der letzten Verwendung von Gütern. Daher ist im Preisindex des Bruttoinlandsprodukts der preistreibende Effekt der Importpreise nicht enthalten. Zumindest in der Öffentlichkeit noch bekannter als der Inlandsproduktsdeflator ist der Verbraucherpreisindex. Seine Entwicklung ist in Tabelle 7-3 wiedergegeben. Die jährlichen Veränderungsraten (Inflationsraten) zeigen, dass der Preisanstieg in den vergangenen zehn Jahren nur zweimal über 2 Prozent lag, gleichzeitig aber nicht unbeträchtliche Schwankungen auftraten. (Tabelle 7-3 enthält außerdem einige andere in der Bundesrepublik Deutschland häufig verwendete Preisindizes.) Die Berechnung des Verbraucherpreisindex erfolgt wie auch bei den anderen Preisindizes von Tabelle 7-3 nach der Methode von Laspeyres, d. h. es wird ein fester Warenkorb zugrundegelegt. Der aktuelle Warenkorb des Verbraucherpreisindex von 2005 umfasst ca.  700  Güter, welche die gesamten Käufe von Waren und Dienstleistungen der Verbraucher repräsentieren. Konsumausgaben Jahr Bruttoinlandsprodukt Private Haushalte u. priv. Org. ohne Erw.charakter Staat Bruttoinvestitionen Exporte Importe 1991 1992 1993 1994 1995 1996 1997 1998 1999 2000 2001 2002 2003 2004 2005 2006 2007 2008 2009 2010 85,36 87,26 86,56 88,68 90,54 91,44 93,09 94,98 96,89 100,00 101,24 101,24 101,02 102,24 103,01 106,48 109,31 110,39 105,18 109,00 84,34 87,13 87,83 89,57 91,52 92,72 93,50 94,86 97,68 100,00 101,87 101,07 101,20 101,29 101,63 103,02 102,77 103,52 103,32 103,75 84,65 89,16 89,25 91,68 93,39 95,33 95,81 97,53 98,65 100,00 100,53 102,01 102,40 101,67 102,04 103,04 104,73 107,17 110,24 112,83 90,88 91,78 86,85 90,86 92,07 88,78 89,92 94,70 97,79 100,00 92,16 83,74 85,78 85,51 84,19 90,53 95,76 97,14 85,62 94,35 59,95 59,50 56,59 61,13 65,01 68,94 77,01 83,14 88,08 100,00 106,44 111,01 113,74 125,40 135,07 152,72 164,40 168,58 144,50 164,87 60,37 62,05 59,14 64,02 68,19 70,60 76,40 83,62 90,77 100,00 101,23 99,77 105,12 112,77 120,27 134,61 141,36 145,98 132,28 184,91 Tab. 7-2b: Kettenindizes auf Basis von Paasche-Indizes (Referenzjahr 2000 = 100) Quelle: Statistisches Bundesamt (2011b) Tab. 2.3.2 Fotosatz Buck – Vahlens Kurzlehrbücher – Frenkel/John – Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung, 2. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.05.11 Status: Druckdaten Seite: 110 Dritter Teil: Inlandsproduktsberechnung in der Bundesrepublik110 Die turnusmäßige Anpassung des Warenkorbes erscheint – neben sonstigen Ursachen für veränderte Verbrauchsgewohnheiten – vor allem aus zwei Gründen geboten: Erstens kommt es bei vielen Gütern im Zeitverlauf zu einer Qualitätsveränderung. Beispielsweise werden Staubsauger in den letzten Jahren häufig mit Mikrofiltern ausgestattet, die einen höheren Reinheitsgrad der Abluft bewirken. In den Augen der meisten Verbraucher stellt dies eine Qualitätsverbesserung dar. Eine Zunahme des Staubsaugerpreises, die ausschließlich auf dieser Qualitätsverbesserung beruht, ist ökonomisch völlig anders zu interpretieren als eine Zunahme des Preises bei gegebener Qualität. In der Praxis ist es jedoch sehr schwierig, einen beobachteten Preisanstieg in eine Qualitätskomponente und eine reine Preiskomponente zu zerlegen. Verbraucherpreise Baupreise Erzeugerpreise gewerblicher Produkte im Inlandsabsatz Preise im Außenhandel Ausfuhr Einfuhr Jahr Index Änderungsrate* Index1) Änderungsrate* Index Änderungsrate* Index Änderungsrate* Index Änderungsrate* 1962 1965 1970 1975 1980 1985 1990 1991 1992 1993 1994 1995 1996 1997 1998 1999 2000 2001 2002 2003 2004 2005 2006 2007 2008 2009 2010 – – – – – – – 75,9 79,8 83,3 85,6 87,1 88,3 90,0 90,9 91,4 92,7 94,5 95,9 96,9 98,5 100,0 101,6 103,9 106,6 107,0 108,2 – – – – – – – – 5,1 4,4 2,8 1,8 1,4 1,9 1,0 0,6 1,4 1,9 1,5 1,0 1,7 1,5 1,6 2,3 2,6 0,4 1,1 – – 29,2 40,3 51,7 66,5 79,7 85,2 90,5 94,3 96,3 98,2 98,0 97,3 97,1 96,8 97,5 97,8 97,7 97,8 98,9 100,0 102,4 109,3 113,0 114,4 115,4 – – – 6,1 6,6 2,6 3,0 6,9 6,2 4,2 2,1 2,0 –0,2 –0,7 –0,2 –0,3 0,7 0,3 –0,1 0,1 1,1 1,1 2,4 6,7 3,4 1,2 0,9 37,2 38,7 41,4 56,2 68,1 83,1 84,0 86,0 87,2 87,2 87,7 89,2 88,1 89,2 88,8 87,9 90,6 93,3 92,7 94,3 95,8 100,0 105,4 106,8 112,7 108,0 109,7 – 1,3 1,4 4,9 3,9 4,1 0,2 2,4 1,4 0,0 0,6 1,7 –1,2 1,2 –0,4 –1,0 3,1 3,0 –0,6 1,7 1,6 4,4 5,4 1,3 5,5 –4,2 1,6 40,2 42,2 45,6 62,1 74,2 88,6 90,5 91,5 92,1 92,1 92,9 94,2 94,2 95,6 95,6 95,1 98,0 99,0 98,8 98,6 99,1 100,0 101,8 103,0 104,8 102,5 106,0 – 1,6 1,6 6,5 3,6 3,6 0,4 1,1 0,7 0,0 0,9 1,4 0,0 1,5 0,0 –0,5 3,0 1,0 –0,2 –0,2 0,5 0,9 1,8 1,2 1,7 –2,2 3,4 44,7 47,6 47,4 67,3 89,6 111,6 92,0 92,7 90,5 89,1 89,8 90,1 90,5 93,7 90,8 90,3 99,5 100,1 97,9 95,7 96,7 100,0 104,4 105,1 109,9 100,5 108,3 – 2,1 –0,1 7,9 6,1 4,6 –3,5 0,8 –2,4 –1,5 0,8 0,3 0,4 3,5 –3,1 –0,6 10,2 0,6 –2,2 –2,2 1,0 3,4 4,4 0,7 4,6 –8,6 7,8 * Bei 5-Jahres-Schritten: Durchschnittliche Änderungsrate pro Jahr. 1) Eigene Berechnung der Deutschen Bundesbank unter Verwendung von Angaben des Statistischen Bundesamtes. Tab. 7-3: Verschiedene Preisindezes in der Bundesrepublik Deutschland (2005 = 100) Quelle: Deutsche Bundesbank (2011) sowie Statistisches Bundesamt (2011a) Fotosatz Buck – Vahlens Kurzlehrbücher – Frenkel/John – Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung, 2. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.05.11 Status: Druckdaten Seite: 111 7. Kapitel: Vergleichbarkeit der Inlandsproduktsdaten 111 Zweitens verschwinden einige Produkte vom Markt, während andere neu auftreten. Wird ein Gut nicht mehr am Markt verkauft, kann es bei der monatlichen Preiserhebung auch nicht länger berücksichtigt werden. Hier stößt die Berechnung eines Laspeyres-Index an eine prinzipielle Grenze. Problematisch ist auch das Auftreten neuer Güter. Sofern diese von den Verbrauchern gekauft werden, beeinflussen sie Kosten der Lebenshaltung, werden im Index aber nicht berücksichtigt. In beiden Fällen wird – wie auch beim Auftreten von Qualitäts- änderungen – die Aussagekraft des Index gemindert. Weil diese Probleme in jüngerer Zeit verstärkt in den Blickpunkt der wirtschaftspolitischen Diskussion gerückt sind, wollen wir weiter unten etwas näher auf sie eingehen. Die statistische Grundlage für die aktuellen Wägungsschemata bilden die Ergebnisse der Einkommens- und Verbrauchsstichprobe des Jahres 2003. Einen Überblick über das aktuelle Wägungsschema für den Preisindex für die Lebenshaltung aller privaten Haushalte gibt Abbildung 7-1. Damit auch nach Umstellung des Basisjahrs lange Indexreihen präsentiert werden können, ist es erforderlich, die Zahlen für die zurückliegenden Zeiträume umzubasieren. Das Statistische Bundesamt führt dabei lediglich eine einfache rechnerische Transformation durch, so dass die in Prozent ausgedrückten Ver- änderungsraten davon unberührt bleiben. Die Veränderungsraten der beiden allgemeinsten zur Inflationsmessung geeigneten Indizes, des Verbraucherpreisindex und des BIP-Deflators, sind in Abbildung 7-2 dargestellt. Neben der Tatsache, dass es sich beim Verbraucherpreisindex um einen Laspeyres-Index handelt, beim impliziten Preisindex des Bruttoinlandsprodukts aber um einen Paasche-Index (auf Basis eines Kettenindex), gibt es noch zwei weitere wichtige Unterschiede zwischen diesen beiden Indizes. Erstens erfasst Nahrungsmittel und alkoholfreie Getränke 10 % Alkoholische Getränke, Tabakwaren 4 % Bekleidung und Schuhe 5 % Wohnung, Wasser, Strom, Gas und andere Brennstoffe 31 % Einrichtungsgegenstände 6 % Gesundheitspflege 4 % Verkehr 13 % Nachrichtenübermittlung 3 % Freizeit, Unterhaltung und Kultur 12 % Bildungswesen 1 % Berherbergungs- und Gaststättendienstleistungen 4 % Andere Waren und Dienstleistungen 7 % 2005 = 100 Abb. 7-1: Wägungsschema des Verbraucherpreisindex Quelle: Statistisches Bundesamt (2010c, S. 1) Fotosatz Buck – Vahlens Kurzlehrbücher – Frenkel/John – Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung, 2. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.05.11 Status: Druckdaten Seite: 112 Dritter Teil: Inlandsproduktsberechnung in der Bundesrepublik112 der BIP-Deflator die Preise aller neu produzierten Waren und Dienstleistungen, während der Verbraucherpreisindex nur die Preise der Güter berücksichtigt, die von den privaten Haushalten gekauft werden. Ein Anstieg der Preise von Gütern, die ausschließlich von Unternehmen oder öffentlichen Haushalten gekauft werden, erhöht demzufolge den BIP-Deflator, nicht aber den Verbraucherpreisindex. Zweitens sind, wie im Zusammenhang mit Tabelle 7-2 angesprochen, im impliziten Preisindex des Bruttoinlandsprodukts nur die Güter enthalten, die im Inland erzeugt worden sind. Importgüter sind kein Bestandteil des Bruttoinlandsprodukts und tauchen daher auch nicht im BIP-Deflator auf. So führt beispielsweise ein Preisanstieg von Importwaren zwar zu einer Erhöhung des Verbraucherpreisindex, weil diese von den inländischen Konsumenten gekauft werden, der BIP-Deflator bleibt davon jedoch unberührt. Wie man aus der Abbildung 7-2 erkennen kann, verläuft die Entwicklung beider Indizes fast gleich, so dass es wenig praktische Konsequenzen hat, ob man zur Inflationsmessung den Verbraucherpreisindex oder den BIP-Deflator verwendet. Wenn es jedoch um Aussagen über die Entwicklung der inländischen Kaufkraft des Geldes geht, ist der Verbraucherpreisindex unter methodischen Gesichtspunkten vorzuziehen. D. Wie präzise ist der Verbraucherpreisindex? Wie weiter oben bereits angekündigt, wollen wir nun kurz auf die in jüngerer Zeit verstärkt gestellte Frage eingehen, wie genau der Verbraucherpreisindex eigentlich die „wahre Teuerung“ misst. Dazu muss zunächst geklärt werden, was unter „wahrer Teuerung“ zu verstehen ist. Ohne auf Details eingehen zu wollen, Abb. 7-2: Verbraucherpreisindex und BIP-Deflator, vierteljährliche prozentuale Veränderung Quelle: Statistisches Bundesamt (2011a; 2011b, Tab. 2.3.3) 3,5 4,0 4,5 5,0 5,5 -1,0 -0,5 0,0 0,5 1,0 1,5 2,0 2,5 3,0 BIP-Deflator Verbraucherpreisindex Fotosatz Buck – Vahlens Kurzlehrbücher – Frenkel/John – Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung, 2. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.05.11 Status: Druckdaten Seite: 113 7. Kapitel: Vergleichbarkeit der Inlandsproduktsdaten 113 greifen wir hier nur kurz auf die elementare mikroökonomische Analyse des Nachfrageverhaltens zurück. Wenn sich die Preise für bestimmte Güter erhöhen, dann können die Haushalte mit gegebener nominaler Ausgabensumme nur ein geringeres Nutzenniveau realisieren. Im allgemeinen wird es dabei auch zu Substitutionseffekten kommen, d. h. die Relationen der Nachfragemengen verschieben sich. Die wahre Teuerung bzw. der tatsächliche Kaufkraftverlust lässt sich nun durch die Nutzendifferenz zwischen altem und neuem Haushaltsoptimum beschreiben. Alternativ lässt sich als Maß für den tatsächlichen Kaufkraftverlust auch der Betrag verwenden, um den die minimalen Ausgaben steigen müßten, um zu den neuen Preisen das ursprüngliche Nutzenniveau realisieren zu können. Ein idealer Preisindex würde diesen Kompensationsbetrag widerspiegeln. Auch wenn sich ein solcher Preisindex in der Praxis aus einer Vielzahl von Gründen nicht berechnen lässt (u. a., weil man den Nutzenentgang nicht messen kann), kann man diesen Idealindex doch als Referenzpunkt für eine Diskussion der Genauigkeit von Verbraucherpreisindizes heranziehen. Im Jahr 1995 wurde vom Finanzausschuss des amerikanischen Senats eine Kommission eingesetzt, die aus fünf prominenten Wirtschaftswissenschaftlern unter der Leitung von Michael Boskin bestand. In ihrem Abschlussbericht, dem sogenannten Boskin-Report, kam diese Kommission zu dem Ergebnis, dass der amerikanische Verbraucherpreisindex den wahren Anstieg der Lebenshaltungskosten um ungefähr einen Prozentpunkt überzeichnet. Dies mag auf den ersten Blick eher belanglos erscheinen. Wenn man aber berücksichtigt, dass in den Vereinigten Staaten vergleichsweise viele Verträge indexiert sind und ein großer Teil der öffentlichen Einnahmen und der öffentlichen Ausgaben ebenfalls an den Verbraucherpreisindex gekoppelt sind, dann ergeben sich langfristig enorme Auswirkungen. Nach Ansicht der Boskin-Kommission ist die Staatsverschuldung der Vereinigten Staaten bei einer einprozentigen Überschätzung der tatsächlichen Erhöhung der Lebenshaltungskosten nach zwölf Jahren um eine Billion US-Dollar höher als es der Fall wäre, wenn die Anpassung von Staatseinnahmen und Staatsausgaben um diese Überschätzung korrigiert würden. Weil eine detaillierte Darstellung der methodischen Probleme der Preismessung den Rahmen dieses Lehrbuchs sprengen würde, wollen wir uns im folgenden darauf beschränken, die vier zentralen Fehlerquellen, die im Boskin-Report analysiert wurden, zu erläutern: ●● Substitutionsfehler (substitution bias) ●● Qualitätsfehler (quality change bias) ●● Vertriebsformenfehler (outlet substitution bias) ●● Produktlebenszyklusfehler (new product bias) Der Substitutionsfehler wurde bereits weiter oben angesprochen. Er entsteht folgendermaßen: Wenn die Preise einiger Güter steigen, dann werden die Haushalte tendenziell den Verbrauch der teurer gewordenen Güter einschränken und den Verbrauch der relativ billiger gewordenen Güter ausdehnen. Diese Änderung des Verbraucherverhaltens wird vom Verbraucherpreisindex nicht berücksichtigt, weil ja der Warenkorb des Basisjahrs zur Gewichtung herangezogen wird. Obwohl die Haushalte nur noch geringere Mengen der teurer gewordenen Fotosatz Buck – Vahlens Kurzlehrbücher – Frenkel/John – Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung, 2. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.05.11 Status: Druckdaten Seite: 114 Dritter Teil: Inlandsproduktsberechnung in der Bundesrepublik114 Güter verbrauchen, wird bei der Indexberechnung implizit so getan als ob die verbrauchten Mengen unverändert geblieben wären. Dieser Effekt führt zu einer Überzeichnung des Kaufkraftverlustes. Zwar ist aufgrund der Indexkonstruktion klar, dass ein Laspeyres-Index zwangsläufig mit dem Substitutionsfehler behaftet sein muss, wie groß dieser in der Praxis ausfällt, steht damit aber noch nicht fest. Eingeschränkt wird das Ausmaß dieses Fehlers vor allem dadurch, dass sich in der Realität bei der Verteuerung einzelner Güter häufig auch die Preise für nahe Substitutionsgüter erhöhen (z. B. Erdöl und Erdgas). In Hinblick auf den Qualitätsfehler wird argumentiert, dass ein Teil der beobachteten Preiserhöhungen durch Qualitätsverbesserungen bedingt sei. Preiserhöhungen, die durch Qualitätsverbesserungen verursacht werden, stellen für die Verbraucher aber keine Kaufkraftverringerung dar. Soweit Qualitätsverbesserungen von Produkten im Verbraucherpreisindex nicht berücksichtigt werden, ruft dies eine Überzeichnung der „wahren“ Teuerung hervor. Bei der Berechnung des Verbraucherpreisindex wird versucht, diesen Qualitätsänderungen Rechnung zu tragen. Eine präzise Erfassung des Qualitätseffekts ist jedoch nicht möglich, weil sich Qualitätsveränderungen in der Praxis nur grob identifizieren und bewerten lassen. Aus dieser Tatsache resultiert aber nicht zwangsläufig, dass der Verbraucherpreisindex die wahre Entwicklung überzeichnet. Es kommt beispielsweise auch vor, dass eine beobachtete Preiserhöhung durch die amtliche Statistik vollständig auf eine Qualitätsverbesserung zurückgeführt wird, obwohl es sich in Wirklichkeit bei einem Teil der Preissteigerung um eine „echte“ Preiserhöhung handelt. In diesem Fall wird der wahre Umfang der Teuerung unterschätzt. In der Praxis können also unvollständig erfasste Qualitätsveränderungen nicht nur eine Überschätzung, sondern auch eine Unterschätzung der tatsächlichen Kaufkraftveränderung implizieren. Ob dies per saldo dazu führt, dass der Verbraucherpreisindex die wahre Teuerung überzeichnet, ist eine offene Frage. Der Vertriebsformenfehler, manchmal auch als Verkaufsstellensubstitutionsfehler bezeichnet, bezieht sich auf die Hypothese, dass die Haushalte aufgrund von Preissteigerungen systematisch Nachfrage vom traditionellen Einzelhandel zu preisgünstigeren Vertriebsformen verlagern, wie z. B. Discounter, Factory- Outlets und „Schnäppchenmärkte“. Vom Statistischen Bundesamt wird der gesamte Preisunterschied zwischen traditionellen und neuen Vertriebsformen auf eine geringere Serviceleistung der neuen Vertriebsformen zurückgeführt und in diesem Sinne bei der Berechnung des Index nicht berücksichtigt. Dies führt in der Tat dazu, dass der Verbraucherpreisindex den wahren Kaufkraftverlust tendenziell überzeichnet. Andererseits wird auch argumentiert, dass die traditionellen Vertriebsformen auf die Konkurrenz der neuen Vertriebsformen mit einer Verschlechterung ihrer Serviceleistungen reagieren, um ebenfalls billiger anbieten zu können. Tritt dieser Fall ein, wird die Serviceverschlechterung in der amtlichen Statistik ignoriert, so dass die verzeichnete Preissenkung den tatsächlichen Kaufkraftanstieg übertreibt. Es stehen sich also zwei Effekte mit entgegengesetztem Vorzeichen gegenüber. Der Gesamteffekt der Veränderung in den Vertriebsformen lässt sich daher nicht ohne Weiteres feststellen. Eine bei der Bundesbank angefertigte empirische Studie kommt zu dem Ergebnis, dass der Vertriebsformenfehler zu einer Überzeichnung des wahren Kaufkraftrück- Fotosatz Buck – Vahlens Kurzlehrbücher – Frenkel/John – Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung, 2. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.05.11 Status: Druckdaten Seite: 115 7. Kapitel: Vergleichbarkeit der Inlandsproduktsdaten 115 gangs um ca. 0,1 Prozentpunkt pro Jahr führt. Allerdings ist dieses Ergebnis mit einiger Unsicherheit behaftet. Der Produktlebenszyklusfehler hängt damit zusammen, dass der Verbraucherpreisindex neue Produkte erst mit mehrjähriger Verspätung berücksichtigt. Bei vielen Produkten ist aber eine typische Preisentwicklung in ihrem Lebenszyklus zu beobachten: In der Phase der Markteinführung ist der Preis zunächst sehr hoch. Mit zunehmender Marktdurchdringung kommt es dann zu deutlichen Preissenkungen. Weil neue Produkte erst in einer späteren Phase des Produktlebenszyklus in den Warenkorb aufgenommen werden, wird die anfängliche Preissenkung systematisch ausgeblendet. Dieser Effekt bewirkt, dass der Verbraucherpreisindex die wahre Teuerungsrate überzeichnet. Wie stark diese Überzeichnung tatsächlich ist, hängt davon ab, wie schnell sich die neuen Güter verbreiten. Falls die stärksten Preissenkungen noch bei einer geringen Verbreitung des Produkts erfolgen, dürfte der Fehler eher gering sein, weil das Gut zwar eigentlich im Warenkorb enthalten sein müßte, sein Gewicht aber sehr klein wäre. Wie wirken sich diese vier möglichen Fehler nun insgesamt auf die Genauigkeit des Verbraucherpreisindex aus? Zu Beginn dieses Abschnitts hatten wir erwähnt, dass die Boskin-Kommission für die Vereinigten Staaten von einer Überzeichung in Höhe von etwa einem Prozent ausgeht. Nach dem derzeitigen Stand der wissenschaftlichen Diskussion dürfte zwar auch der deutsche Verbraucherpreisindex die wahre Teuerung übertreiben, aber der Fehler ist auf alle Fälle geringer als in den Vereinigten Staaten und liegt mit großer Wahrscheinlichkeit deutlich unter einem Prozentpunkt pro Jahr. E. Der harmonisierte Verbraucherpreisindex Im zweiten Hauptabschnitt dieses Kapitels werden wir zeigen, dass ein internationaler Vergleich von Inlandsproduktdaten mit Problemen behaftet und nicht ohne Weiteres möglich ist. Dies gilt in ähnlicher Weise aber auch für den internationalen Vergleich der Preisentwicklung. Nun könnte man meinen, dass ein präziser Vergleich der Preisentwicklung zwischen verschiedenen Ländern gar nicht nötig sei. Gerade für das zusammenwachsende Europa ist dies aber falsch. Eines der Konvergenzkriterien des Vertrages von Maastricht ist das Inflationskriterium, das die „… Erreichung eines hohen Grades an Preisstabilität …“ daran misst, ob ein Land eine Inflationsrate zu verzeichnen hat, „… die der Inflationsrate jener – höchstens drei – Mitgliedsstaaten, nahe kommt, die auf dem Gebiet der Preisstabilität das beste Ergebnis erzielt haben …“ (Art. 109 j EGV). Ein solcher Vergleich lässt sich sinnvoll aber nur anstellen, wenn die Inflationsraten in den einzelnen Ländern auch auf gleiche Weise gemessen werden. Dem ist aber nicht so. Vielmehr gibt es bei der Ermittlung der nationalen Verbraucherpreisindizes erhebliche Unterschiede in der Erfassung, z. B. ●● vom Wohnen im eigenen Heim, ●● von Gütern des Bildungs- und Gesundheitswesens, ●● von neuen Produkten sowie ●● von Qualitätsänderungen. Fotosatz Buck – Vahlens Kurzlehrbücher – Frenkel/John – Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung, 2. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.05.11 Status: Druckdaten Seite: 116 Dritter Teil: Inlandsproduktsberechnung in der Bundesrepublik116 Daher wurde in Zusammenwirkung von EUROSTAT – dem statistischen Amt der Europäischen Gemeinschaft – und den nationalen statistischen Ämtern an der Entwicklung eines vereinheitlichten Verbraucherpreisindex gearbeitet, der für den Vergleich der Verbraucherpreise auf internationaler Ebene verwendet werden sollte. Als Ergebnis dieser Zusammenarbeit wurde im Januar 1996 erstmals ein sogenannter Interimsindex vorgestellt, der dann im Januar 1997 vom Harmonisierten Verbraucherpreisindex (HVPI) abgelöst wurde. Nach dem HVPI berechnete Zeitreihen werden für die Mitgliedstaaten sowie Norwegen rückwirkend ab Januar 1995 von EUROSTAT zur Verfügung gestellt. Der Interimsindex basierte – vereinfacht ausgedrückt – auf der Schnittmenge der nationalen Verbraucherpreisindizes. Alle Güter, die unterschiedlich erfasst und bewertet werden, wurden ausgeklammert. Die nun berechneten HVPI stellen echt harmonisierte Indizes dar, bei denen gegenüber den Interimsindizes deutliche Verbesserungen zu verzeichnen sind. Beispielsweise konnte der Umfang der einbezogenen Konsumgüter erhöht werden, so dass, bezogen auf Deutschland, nunmehr über 90 Prozent der im Verbraucherpreisindex erfassten Ausgaben der privaten Haushalte auch im HVPI enthalten sind. Weiter wurden Fortschritte bei der Vereinheitlichung der Verfahren zur Erfassung von Qualitätsveränderungen erzielt, es wurden verbindliche Regelungen zur Aktualität der Stichproben, zur Einbeziehung neuer Produkte usw. festgelegt.11 In Abbildung 7-3 werden die Veränderungsraten von HVPI und von Verbraucherpreisindex für Deutschland gegenübergestellt. Wie man erkennen kann, 11 Genauere Informationen zum HVPI finden sich in Elbel und Preißmann (2008). Abb. 7-3: Harmonisierter Verbraucherpreisindex und (nationaler) Verbraucherpreisindex Quelle: Statistisches Bundesamt (2011a) 0,0 0,5 1,0 1,5 2,0 2,5 3,0 3,5 4,0 4,5 5,0 5,5 VPI HVPI Fotosatz Buck – Vahlens Kurzlehrbücher – Frenkel/John – Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung, 2. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.05.11 Status: Druckdaten Seite: 117 7. Kapitel: Vergleichbarkeit der Inlandsproduktsdaten 117 liegt der nationale Indexanstieg für die Jahre 1996–1999 über dem Anstieg des harmonisierten Index. Dies ist vor allem darauf zurückzuführen, dass sich die Güter aus dem Gesundheitsbereich stark verteuert haben. Auch die unterstellten Mieten für selbstgenutztes Wohneigentum haben sich überdurchschnittlich erhöht. Die Preise beider Gütergruppen werden aber nur im nationalen, nicht dagegen im harmonisierten Index berücksichtigt. In diesem Zusammenhang ist es wichtig, darauf hinzuweisen, dass die Entwicklung des HVPI noch nicht abgeschlossen ist. Zur Zeit wird insbesondere an der Erweiterung des Abdeckungsbereiches gearbeitet. Schwierigkeiten bereitet nach wie vor in erster Linie die harmonisierte Erfassung von Gütern des Gesundheits- und Bildungswesens, die in den meisten Mitgliedstaaten in unterschiedlicher Art und unterschiedlichem Umfang subventioniert werden. Darüber hinaus ist auch noch zu überlegen, wie selbstgenutztes Wohnungseigentum erfasst werden soll. Während in Deutschland mit unterstellten Mieten gearbeitet wird, werden z. B. in Großbritannien stattdessen die Hypothekenzinsen berücksichtigt. Der HVPI wird monatlich nach den vereinbarten Richtlinien von den nationalen statistischen Ämtern berechnet und an EUROSTAT weitergeleitet. EUROSTAT überprüft die Einhaltung der Richtlinien und berechnet auf Basis der nationalen HVPI den Europäischen Verbraucherpreisindex (EVPI), der ein Maß für die durchschnittliche Inflationsrate der Mitgliedstaaten der Europäischen Union darstellt. Einen Überblick über die Inflationsrate im Euro-Währungsgebiet gibt Abbildung 7-4. Von Bedeutung sind die HVPI und der EVPI nicht nur für die Konvergenzprüfung und die Geldpolitik der Europäischen Zentralbank. Sie sollten immer dann herangezogen werden, wenn man einen Inflationsvergleich zwischen den Ländern der Europäischen Union anstellen will. Abb. 7-4: HVPI im Euro-Währungsgebiet Quelle: Eurostat (2011) -1,0 0,0 1,0 2,0 3,0 4,0 HVPI EU-Währungsraum Fotosatz Buck – Vahlens Kurzlehrbücher – Frenkel/John – Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung, 2. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.05.11 Status: Druckdaten Seite: 118 Dritter Teil: Inlandsproduktsberechnung in der Bundesrepublik118 Abschließend sei noch darauf hingewiesen, dass der HVPI – zumindest in den nächsten Jahren – die amtlichen nationalen Verbraucherpreisindizes nicht ablösen wird. Diese werden weiterhin zur Messung der nationalen Inflationsrate herangezogen, was in Deutschland insbesondere in Hinblick auf die Wertsicherungsklauseln nach § 3 des Währungsgesetzes bedeutsam ist. 2. Internationale Vergleichbarkeit A. Zweck und Gegenstand internationaler Vergleiche Internationale Vergleiche wirtschaftlicher Größen haben in den letzten drei Jahrzehnten an Bedeutung gewonnen. Hierzu haben vor allem die zunehmende wirtschaftliche Verflechtung zwischen den Volkswirtschaften sowie der Wettbewerb unterschiedlicher wirtschaftspolitischer Strategien und Wirtschaftssysteme beigetragen. Gegenstand der meisten internationalen Vergleiche sind Daten der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung. Dabei werden Inlandsproduktsdaten und Inflationsraten zu ganz unterschiedlichen Zwecken miteinander in Beziehung gesetzt. Von ihnen hängt ab, welche Länder und welche Daten miteinander verglichen werden. Häufig werden folgende Betrachtungen vorgenommen: ●● Vergleiche von Industrieländern mit Entwicklungsländern: Hierbei werden beispielsweise Aussagen über Entwicklungs- und Strukturunterschiede abgeleitet. ●● Vergleiche von Industrieländern oder Entwicklungsländern untereinander: Aus ihnen wird vielfach eine Rangskala für die jeweils untersuchten Inlandsproduktsaggregate abgeleitet. Diese dient z. B. in der Gruppe der Entwicklungsländer als Grundlage für die Beurteilung der Bedürftigkeit dieser Länder im Rahmen von Entwicklungshilfestrategien. ●● Vergleiche von Ländern mit unterschiedlichen Wirtschaftssystemen: Das Ziel dieser Vergleiche besteht in der Beurteilung des Erfolgs von Wirtschaftssystemen. Sie wurden insbesondere bis zum Ende der 80er Jahre vielfach vorgenommen, als sich sehr unterschiedliche Wirtschaftssysteme in Westund Osteuropa gegenüberstanden. ●● Vergleiche von Ländern als potentielle Handelspartner: Für Unternehmen sind Informationen über die Wirtschaftsstrukturen, die Einkommensniveaus, die Einkommensverteilung und die Nachfragestrukturen anderer Länder wichtige Grundlagen für ihre strategische Planung. Zur Entscheidung, welche Länder z. B. als mögliche Absatzmärkte für bestimmte Produkte in Betracht kommen, sind geeignete Inlandsproduktsdaten verschiedener Länder miteinander zu vergleichen. ●● Vergleiche von Ländern innerhalb einer Integrationsgemeinschaft: Innerhalb der EU ist die Finanzierung des gemeinsamen Haushalts teilweise an das Inlandsprodukt der Mitgliedsländer gebunden. Zur Festsetzung der Fotosatz Buck – Vahlens Kurzlehrbücher – Frenkel/John – Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung, 2. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.05.11 Status: Druckdaten Seite: 119 7. Kapitel: Vergleichbarkeit der Inlandsproduktsdaten 119 abzuführenden Beiträge sind daher bestimmte Inlandsproduktsaggregate der Mitgliedsländer miteinander zu vergleichen. ●● Vergleiche von Inlandsproduktswirkungen bestimmter Schocks in unterschiedlichen Ländern: Beispiele hierfür sind Untersuchungen zu den Auswirkungen von Rohstoffpreisänderungen auf unterschiedliche Volkswirtschaften. Bei internationalen Vergleichen von Inlandsproduktsdaten können Vergleiche absoluter und relativer Größen unterschieden werden. Während es sich bei absoluten Größen um das Niveau des Inlandsprodukts oder seiner Teilaggregate handelt, sind relative Größen Verhältniszahlen zwischen Inlandsproduktsdaten. Für internationale Vergleiche ist hierbei im Gegensatz zu absoluten Größen keine Umrechnung in andere Währungseinheiten erforderlich. In den nächsten Abschnitten werden einige Probleme internationaler Inlandsproduktsvergleiche erörtert. Grundsätzlich bestehen sie darin, dass die Abgrenzung und Berechnung der Daten sowie die Wirtschaftsstrukturen oft von Land zu Land unterschiedlich sind. Dies hat zur Folge, dass unter Umständen Größen miteinander verglichen werden, die Unterschiedliches messen, oder dass bei großen Strukturunterschieden fraglich ist, was Inlandsproduktsvergleiche überhaupt aussagen. Darüber hinaus stellt sich die Frage, wie die jeweils in einer Währung gemessenen Inlandsproduktsniveaus mit den in einer anderen Währung gemessenen Niveaus verglichen werden können. Bewusst wird in diesem Abschnitt das Problem ausgeklammert, ob die Inlandsproduktskonzeption geeignet ist, den Wohlstand eines Landes zu messen, da diese Frage im 8. Kapitel gesondert behandelt wird. Vielmehr geht es in diesem Abschnitt ausschließlich um die Frage, ob und wie ein internationaler Vergleich der durch das Inlandsprodukt gemessenen Ströme möglich ist. B.  Probleme von Inlandsproduktsvergleichen zwischen Industrieländern Grundlegende Probleme ergeben sich bei Inlandsproduktsvergleichen zwischen Industrieländern, wenn die Länder unterschiedliche Systeme der Inlandsproduktsberechnung verwenden. Dies ist in der Regel dann der Fall, wenn in den miteinander verglichenen Ländern unterschiedliche Wirtschaftssysteme gelten. Fundamentale Unterschiede in der Konzeption, Erfassung und Bewertung der produzierten Güter haben zur Folge, dass ein direkter Inlandsproduktsvergleich in diesem Fall wenig sinnvoll ist. Ein Beispiel stellen staatlich administrierte Preise dar, deren Anteil in marktwirtschaftlich organisierten Wirtschaftssystemen geringer ist als in Zentralverwaltungswirtschaften. Als Ausweg versucht man häufig, die Inlandsproduktsaggregate zunächst in das gleiche Rechnungssystem umzurechnen. Die Umrechnung in ein einheitliches System ist jedoch problematisch, da hierbei in der Regel zahlreiche Größen zu schätzen und für die Abgrenzungsangleichung eine Reihe von Annahmen zu treffen sind. Die Aussagefähigkeit der Vergleiche bleibt deshalb oft sehr eingeschränkt. Fotosatz Buck – Vahlens Kurzlehrbücher – Frenkel/John – Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung, 2. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.05.11 Status: Druckdaten Seite: 120 Dritter Teil: Inlandsproduktsberechnung in der Bundesrepublik120 Bezieht sich der internationale Inlandsproduktsvergleich ausschließlich auf westliche Industrieländer, ergeben sich keine größeren Schwierigkeiten aus den gesamtwirtschaftlichen Rechnungssystemen. Da diese Länder den Empfehlungen des System of National Accounts der Vereinten Nationen folgen, stellen die Datenabgrenzungen und Definitionen kaum ein Problem dar. Obwohl auch das statistische System der Vereinten Nationen den einzelnen Ländern bei manchen Größen Ermessensspielräume lässt und ihnen gestattet, länderspezifische Faktoren zu berücksichtigen, erscheint die Vergleichbarkeit der Daten hierdurch prinzipiell nicht eingeschränkt. Die Länder Mittel- und Osteuropas, die ihr Wirtschaftssystem auf eine Marktwirtschaft umstellen, sind ebenfalls im Begriff, ein System der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung nach den Empfehlungen der Vereinten Nationen aufzubauen. Bei einem Vergleich absoluter Größen der Inlandsproduktsrechnung ergibt sich das Hauptproblem für internationale Vergleiche aus der Notwendigkeit, die in nationaler Währung gemessenen Daten zunächst in die gleiche Währung umzurechnen. Dabei stellt sich die Frage nach dem geeigneten Wechselkurs zur Umrechnung der Inlandsproduktsaggregate. Das einfachste Verfahren bei einem Vergleich der Inlandsprodukte zweier Länder besteht darin, den durchschnittlichen Wechselkurs der Berichtsperiode anzuwenden, um die Daten eines Landes in der Währung des Vergleichslandes auszudrücken. Zwar ist dies die am häufigsten angewandte Methode, doch kann gegen sie vorgebracht werden, dass nicht alle Güter, die in das Inlandsprodukt eingehen, auch Einfluss auf den Wechselkurs haben. Auf den Wechselkurs wirken nur die Außenhandelstransaktionen und damit, sofern es sich um die Güterströme handelt, die international gehandelten Güter- und Dienstleistungen. Deshalb gibt weder ein am Devisenmarkt frei gebildeter Wechselkurs (bei flexiblen Kursen) noch ein offiziell fixierter Wechselkurs (bei festen Wechselkursen) die Kaufkraft der Gesamtheit der in einer Volkswirtschaft produzierten Güter wieder. Da aber gewöhnlich aus einem internationalen Inlandsproduktsvergleich Aussagen über die Kaufkraft der in einer Volkswirtschaft hergestellten Güter und der entstandenen Einkommen abgeleitet werden sollen, kann die Umrechnung zum durchschnittlichen Wechselkurs zu Verzerrungen führen. So können die Preise von international nicht handelsfähigen Gütern in den verschiedenen Ländern – umgerechnet zum Durchschnittskurs – sehr unterschiedlich sein. Mit einer Einheit einer bestimmten Währung kann man in diesem Fall in unterschiedlichen Ländern unterschiedlich viele Güter kaufen. Doch selbst wenn alle Güter handelsfähig sind, können Verzerrungen entstehen, wenn der Wechselkurs aufgrund besonderer Einflüsse (z. B. schwankende internationale Kapitalbewegungen) nicht dem langfristigen Gleichgewichtsniveau entspricht. Letzteres ist jedoch ein vom Wechselkursmodell abhängiges Konzept. Da auch unter Wissenschaftlern keine Einigkeit über das richtige Wechselkursmodell besteht, ist jede Bestimmung eines langfristigen Gleichgewichtskurses mit Problemen verbunden. Die aufgezeigten Schwierigkeiten, Inlandsproduktsniveaus über Wechselkurse in andere Währungseinheiten umzurechnen, haben zu Vorschlägen geführt, die Inlandsprodukte über die Berechnung von Volumenindizes und Kaufkraftpa- Fotosatz Buck – Vahlens Kurzlehrbücher – Frenkel/John – Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung, 2. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.05.11 Status: Druckdaten Seite: 121 7. Kapitel: Vergleichbarkeit der Inlandsproduktsdaten 121 ritäten zu vergleichen. Bei Volumenindizes werden für jedes Vergleichsland die Mengen der in das Inlandsprodukt eingehenden Güter mit den gleichen Preisen bewertet. Gewöhnlich handelt es sich dabei um die Preise, die in einem der Vergleichsländer gelten. Ein höherer Volumenindex wird dann als Ausdruck höherer Produktion bzw. wirtschaftlicher Leistung interpretiert. Aus dem Begriff Volumenindex darf nicht geschlossen werden, dass Preise für den Vergleich unbedeutend sind. Da bei einem Volumenindex die Preise die Mengengewichte bilden, schneiden jene Länder besonders gut ab, die relativ viel von solchen Gütern produzieren, die in dem Land, dessen Preisstruktur verwendet wird, vergleichsweise teuer sind. Hieraus wird ersichtlich, dass der Volumenindex von der Wahl der Preisstruktur abhängt. Bei Kaufkraftparitäten bzw. Kaufkraftindizes werden die Mengen eines Landes mit den Preisen von Vergleichsländern multipliziert um Aussagen darüber abzuleiten, wieviel ein gegebener Warenkorb in anderen Ländern kostet. Kaufkraftindizes dienen somit nicht dem Vergleich des Umfangs der wirtschaftlichen Aktivität, sondern dem Preisvergleich. Mit Volumen- und mit Kaufkraftindizes werden die bei Niveauvergleichen auftretenden Wechselkursprobleme zwar ausgeschaltet, doch sind nunmehr all jene Probleme zu berücksichtigen, die sich bei der Bildung von Indizes ergeben. Hierzu zählen vor allem die Wahl der geeigneten Gewichte und Indexformeln. Probleme bereiten auch Güter, die nicht in allen Ländern, die in den Vergleich eingehen, gehandelt werden. Für sie liegen keine Vergleichspreise vor, so dass Hilfsgrößen in die Berechnung einfließen müssen. Ähnliche Probleme ergeben sich, wenn die Qualität der Güter, die in das Inlandsprodukt eingehen, in verschiedenen Ländern sehr unterschiedlich ist. Aber auch ein internationaler Vergleich relativer Größen, bei denen das Wechselkursproblem nicht auftritt, ist nicht unproblematisch. Die Aussagekraft solcher Vergleiche kann selbst dann eingeschränkt sein, wenn die Rechnungssysteme der Vergleichsländer identisch sind. Ein Beispiel hierfür stellt die aus dem Quotienten von Bruttoinlandsprodukt und Zahl der Erwerbstätigen berechnete Produktivität dar. Wenn die quantitative Bedeutung der nicht über den Markt laufenden Leistungen (z. B. Schwarzarbeit), die in der Statistik unberücksichtigt bleiben, in den miteinander verglichenen Ländern ungleich ist, ist auch der Anteil der Produktionstätigkeit, der mit dem Inlandsprodukt der Vergleichsländer gemessen wird, unterschiedlich. Darüber hinaus ist zu bedenken, dass die Arbeitszeiten zwischen den einzelnen Ländern differieren können, so dass der Einsatz eines Erwerbstätigen in einem Land nicht mit dem in einem anderen Land vergleichbar ist. Die Aussagefähigkeit der berechneten Produktivitäten ist dann eingeschränkt. C.  Spezifische Probleme von Inlandsproduktsvergleichen zwischen Industrie- und Entwicklungsländern Bei einem Vergleich von Inlandsproduktsdaten zwischen Industrie- und Entwicklungsländern ergeben sich grundsätzlich die gleichen Probleme, die bereits Fotosatz Buck – Vahlens Kurzlehrbücher – Frenkel/John – Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung, 2. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.05.11 Status: Druckdaten Seite: 122 Dritter Teil: Inlandsproduktsberechnung in der Bundesrepublik122 im vorigen Abschnitt geschildert wurden. Es treten jedoch noch eine Reihe zusätzlicher Schwierigkeiten auf, die die Aussagefähigkeit der Vergleiche weiter einschränkt. Sie umfassen insbesondere die Verfügbarkeit und Qualität der Daten sowie die Unterschiede in den kulturellen und wirtschaftlichen Bedingungen. Der Umfang des verfügbaren Datenmaterials sowie die Genauigkeit der Daten sind in Entwicklungsländern sehr viel geringer als in Industrieländern. Dies liegt vor allem an der geringen Ausbildung der in den einzelnen Behörden Beschäftigten, den geringen finanziellen Ressourcen der Verwaltung und der Schwierigkeit, bei geringem Entwicklungsstand ein engmaschiges Berichtssystem bei den am Wirtschaftsprozess Beteiligten zu errichten. Da auch das Steuersystem, das Sozialversicherungssystem, die Bankenaufsicht, die Erfassung der internationalen Transaktionen u. ä. sehr viel einfacher strukturiert sind, kann auch auf viel weniger Sekundärstatistiken zurückgegriffen werden als in den Industrieländern. Die grundlegenden Unterschiede in den wirtschaftlichen Bedingungen stellen ein weiteres Problem der Aussagefähigkeit der Inlandsproduktsvergleiche zwischen Industrie- und Entwicklungsländern dar. In vielen Entwicklungsländern lassen sich z. B. zwei vergleichsweise gering miteinander verzahnte Wirtschaftsbereiche unterscheiden: ein industrieller Sektor, in dem der Wirtschaftsprozess dem in Industrieländern ähnelt, und ein landwirtschaftlicher Sektor, in dem der Großteil der Bevölkerung tätig ist, in dem die Produktionsaktivitäten vornehmlich der Ernährung der Familienangehörigen dienen und der durch den Tausch mit den unmittelbaren Nachbarn gekennzeichnet ist (Subsistenzwirtschaft). Da diese wirtschaftlichen Leistungen nur schwer meßbar sind, gehen sie teilweise als Schätzgrößen, teilweise auch überhaupt nicht in die Inlandsproduktsberechnung ein. Dies reduziert die Aussagefähigkeit der Inlandsproduktsvergleiche zwischen Industrie- und Entwicklungsländern erheblich. Darüber hinaus wird häufig hervorgehoben, dass Inlandsproduktsvergleiche aufgrund der zwischen Industrie- und Entwicklungsländern bestehenden gravierenden Unterschiede in den Lebensgewohnheiten und dem Wertesystem wenig aussagekräftig sind. Es muss bedacht werden, dass selbst dann, wenn keine Datenprobleme bestehen, Inlandsproduktsvergleiche jeweils nur einen einzigen Aspekt des Lebens in einem Land beschreiben. In jedem Fall ist eine fundierte Kenntnis der Datenqualität und der Wirtschaftsstrukturen der jeweiligen Länder erforderlich, wenn die Inlandsproduktsaggregate bei internationalen Vergleichen auch nur als grobe Indikatoren des Umfangs der Güterproduktion in den einzelnen Ländern verwendet werden sollen. Schlüsselbegriffe: Preisindex Preisindizes der Inlandsproduktsberech- Laspeyres-Index nung Paasche-Index BIP-Deflator Kettenindex Verbraucherpreisindex Basisjahr Zweck internationaler Vergleiche Berichtsjahr Fotosatz Buck – Vahlens Kurzlehrbücher – Frenkel/John – Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung, 2. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.05.11 Status: Druckdaten Seite: 123 7. Kapitel: Vergleichbarkeit der Inlandsproduktsdaten 123 Warenkorb Wechselkursproblematik internationaler Impliziter Preisindex Vergleiche Vergleich absoluter und Vergleich rela- Boskin-Report tiver Größen Substitutionsfehler Probleme bei Vergleich mit Entwick- Qualitätsfehler lungsländern Vertriebsformenfehler Volumenindizes Produktlebenszyklusfehler Kaufkraftindizes Fotosatz Buck – Vahlens Kurzlehrbücher – Frenkel/John – Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung, 2. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.05.11 Status: Druckdaten Seite: 125 8. Kapitel: Die Erfassung der wirtschaftlichen Entwicklung Die im Rahmen der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung ermittelten und zusammengestellten Wirtschaftsdaten bilden eine wichtige Grundlage für die Erfassung der wirtschaftlichen Lage und Entwicklung eines Landes. Dies soll im Folgenden anhand einiger praktischer Beispiele gezeigt werden. Wegen der unterschiedlichen Fragestellungen soll dabei zwischen lang- und kurzfristiger Betrachtung der ökonomischen Entwicklung differenziert werden. 1. Langfristige Betrachtung: Wirtschaftswachstum Die langfristige Entwicklung der meisten industrialisierten Volkswirtschaften ist durch ein mehr oder minder stark ausgeprägtes Wirtschaftswachstum gekennzeichnet. Das wirtschaftliche Wachstum – gemessen etwa durch die langfristige Entwicklung des realen Bruttoinlandsprodukts – wird im Allgemeinen auf drei Ursachen zurückgeführt: Mehreinsatz des Produktionsfaktors Arbeit, Mehreinsatz des Produktionsfaktors Kapital und technologischer Fortschritt. Alle drei Ursachen führen jede für sich oder im Zusammenspiel dazu, dass die betreffende Volkswirtschaft in der Lage ist, einen immer größeren Güterberg zu produzieren: Das Produktionspotential dieser Wirtschaft wächst. Die Erfassung und quantitative Charakterisierung der beiden Produktionsfaktoren Arbeit und Kapital sowie des Produktionspotentials einer Wirtschaft sind Gegenstand der folgenden Abschnitte. Auf den technologischen Fortschritt soll hier nicht weiter eingegangen werden. A. Der Produktionsfaktor Arbeit Das Statistische Bundesamt veröffentlicht Angaben über Erwerbstätige und beschäftigte Arbeitnehmer im Inland für 60 Produktionsbereiche. Einen Überblick über die zeitliche Entwicklung seit 1970 – allerdings nicht nach Produktionsbereichen aufgeschlüsselt – gibt Tabelle 8-1. Ausgangspunkt der im Folgenden zu erstellenden und in Abbildung 8-1 dargestellten Systematik ist die Bevölkerung (Einwohnerzahl). Sie umfasst alle Personen, die ihren ständigen Wohnsitz im Bundesgebiet haben. Die Staatsangehörigkeit spielt dabei keine Rolle. Insbesondere gehören zur Bevölkerung demnach auch ausländische Arbeitnehmer, die zwar keine deutsche Staatsangehörigkeit haben, deren ständiger Wohnsitz sich aber im Bundesgebiet befindet. Die Bevölkerung lässt sich in Erwerbspersonen und Nichterwerbspersonen einteilen. Es wird davon ausgegangen, dass Nichterwerbspersonen nicht am Erwerbsleben Dritter Teil: Inlandsproduktsberechnung in der Bundesrepublik 8. Kapitel: Die Erfassung der wirtschaftlichen Entwicklung

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References

Zusammenfassung

Die volkswirtschaftliche Gesamtrechnung.

Dieses Buch informiert umfassend über die Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung. Ausgehend von der theoretischen Fundierung der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung geht es ausführlich auf das in Deutschland (und den anderen Ländern der Europäischen Union) verwendete Gesamtrechnungssystem ESVG 95 ein. Ein besonderes Gewicht liegt auf der Anwendung und den Weiterentwicklungen der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung. So erhält der Leser nicht nur einen fundierten Überblick über die quantitativen Verhältnisse der deutschen Volkswirtschaft, er wird beispielsweise auch ausführlich über die aktuelle Diskussion um die Aussagefähigkeit des Bruttoinlandsprodukts, die Entwicklung alternativer Konzepte zur Wohlfahrtsmessung sowie die Bestrebungen informiert, die Fortschritte auf dem Weg zu einer nachhaltigen Wirtschaft zu quantifizieren.

Die Autoren

Prof. Dr. Michael Frenkel ist Inhaber des Lehrstuhls für Makroökonomik und Internationale Wirtschaftsbeziehungen an der WHU – Otto-Beisheim School of Management, Vallendar.

Prof. Dr. Klaus Dieter John ist Inhaber der Professur für Wirtschaftspolitik an der Technischen Universität Chemnitz.