Dr. Nico Rose: Clever bewerben: 80/20 schlägt 08/15 in:

Bettina Stackelberg

Karrierestart für Hochschulabsolventen, page 109 - 117

Selbstbewusst. Erfolgreich. Authentisch.

1. Edition 2012, ISBN print: 978-3-8006-4247-2, ISBN online: 978-3-8006-4248-9, https://doi.org/10.15358/9783800642489_109

Series: Vahlen Praxis

Bibliographic information
Verlag Franz Vahlen PRAXIS Stackelberg, Karrierestart für Hochschulabsolventen Hersteller: Frau Hilgendorff Stand: 05.03.2012 Status: Druckdaten Seite 113 Verlag Franz Vahlen PRAXIS Stackelberg, Karrierestart für Hochschulabsolventen Hersteller: Frau Hilgendorff Stand: 05.03.2012 Status: Druckdaten Seite 112 Dr. Nico Rose: Clever bewerben: 80/20 schlägt 08/15 Als mich meine Kollegin Bettina fragte, ob ich ein Gastkapitel für ihr neues Buch schreiben wolle, habe ich zunächst ein wenig gezögert. „Braucht die Welt wirklich noch einen Bewerbungsratgeber?“ war die Frage, die mir spontan durch den Kopf schoss. „Ja, wenn er gut ist!“ war dann die Antwort für mich. Also bin ich in mich gegangen und habe überlegt, wie ich auf wenigen Seiten einen echten Mehrwert für das Buch und Sie, den geneigten Leser, erbringen kann. Im Endeffekt habe ich mich für einen zweigeteilten Beitrag entschieden: Im ersten Teil gehe ich darauf ein, wie man typische Asymmetrien im Feld zwischen Bewerbern und Unternehmen nutzen kann, um sich erfolgreich zu bewerben, selbst wenn der eigene Lebenslauf nicht unbedingt zur Crème de la Crème gehört. Klingt erst mal kompliziert und hat sogar ein bisschen was mit Mathe zu tun, ist aber eigentlich ganz einfach. Die dort geschilderten Überlegungen habe ich so in noch keinem anderen Buch gefunden, was entweder dafür spricht, dass bisherigen Autoren dieser Aspekt nicht wichtig war (was aus meiner Sicht ein grober Fehler wäre); oder dass diese Einsichten nicht weitläufig bekannt sind (was daran liegen könnte, dass viele Verfasser entsprechender Ratgeber selbst nie als Personaler gearbeitet haben).10 Im zweiten Teil beschreibe ich in kurzen Abschnitten sieben Mythen (a. k. a. Irrtümer), die sich schier unerschütterlich rund um das Thema Bewerben ranken. Ich habe diese sieben ausgewählt, weil sie mir in den geschätzten 10.000 Bewerbungen, die ich bisher lesen durfte, am häufigsten untergekommen sind. Mit diesem Part tue ich also nicht nur Ihnen, sondern auch mir selbst einen großen Gefallen, weil ich mich bei den nächsten 10.000 Bewerbungen nicht so häufig ärgern muss. Vieles an diesen Ausführungen wird Ihnen möglicherweise kontraintuitiv erscheinen, weil man Sie schon des Öfteren vom Gegenteil überzeugen wollte. Bedenken Sie jedoch, dass die Häufigkeit oder Vehemenz, mit der eine Meinung vorgetragen wird, absolut nichts über deren Wahrheitsgehalt aussagt. 1.1 Das Henne-Ei-Problem bei der Bewerbung „Wie soll ich denn Praxiserfahrung bekommen, wenn ich immer schon Praxiserfahrung brauche, um Praxiserfahrung zu bekommen?“ Diese Frage wurde mir häufiger von abgelehnten Bewerbern gestellt, als ich in 10 Selbstverständlich kenn ich nicht jeden einzelnen Bewerbungsratgeber in dieser Galaxie. Aber doch eine ganze Menge. Gastbeitrag Dr. Nico Rose: Clever bewerben 1.1 Das Henne-Ei-Problem bei der Bewerbung Das Problem mit der Praxiserfahrung Verlag Franz Vahlen PRAXIS Stackelberg, Karrierestart für Hochschulabsolventen Hersteller: Frau Hilgendorff Stand: 05.03.2012 Status: Druckdaten Seite 115 Verlag Franz Vahlen PRAXIS Stackelberg, Karrierestart für Hochschulabsolventen Hersteller: Frau Hilgendorff Stand: 05.03.2012 Status: Druckdaten Seite 114 Gastbeitrag Dr. Nico Rose: Clever bewerben114 meinem ersten Job nach der Uni das deutsche Praktikantenprogramm eines internationalen FMCG-Unternehmens (FMCG steht für Fast Moving Consumer Goods) geleitet habe. Das ist eine gute und berechtigte Frage, in der zunächst eine wichtige Erkenntnis steckt: Praxiserfahrung ist dasjenige Kriterium, dem Personaler mit einigem Abstand am meisten Aufmerksamkeit bei der Prüfung einer Bewerbung schenken. Wie also ein Ei legen (lassen), wenn man noch gar keine Henne hat? Das Problem mit der ersten Praxiserfahrung im Studium kann man zunächst verallgemeinern zu der Frage: Wie bekomme ich meinen Traumjob bzw. einen Job in meinem Traumunternehmen, wenn mein Lebenslauf eigentlich noch nicht den Anforderungen entspricht? Ich behaupte, dass dies fast immer möglich ist, wenn man clever handelt und bereit ist, kleine Umwege zu gehen. Dabei helfen •• ein bisschen volkswirtschaftliche Denke, •• ein Blick hinter die Kulissen einer typischen Personalabteilung und •• das Wissen, dass es leichter ist, in einem Unternehmen auf den richtigen Job zu wechseln, als überhaupt erst reinzukommen. Bewerben mit „hoher Wahrscheinlichkeit“ Zunächst einmal hilft es, das Feld aus Unternehmen und Bewerbern wie einen Markt zu betrachten. Die Unternehmen begeben sich auf diesen Markt und fragen eine Leistung nach (die Arbeitskraft des Bewerbers) und bezahlen einen bestimmten Preis dafür. Die Bewerber, die in unterschiedlicher „Qualität“ vorliegen (Noten, Ausbildung, Vorerfahrungen etc.), begeben sich ebenfalls auf diesen Markt und versuchen, sich bestmöglich zu verkaufen. Das bezieht sich einerseits auf das zu erzielende Gehalt, aber auch und gerade auf die Frage, an welchen Nachfragenden man überhaupt verkaufen kann. Das heißt, sehr gute Bewerber können nicht nur ein höheres Gehalt erzielen, sondern erhalten überhaupt erst Zugang zu bestimmten Unternehmen bzw. Positionen, die weniger guten Kandidaten unter normalen Umständen verwehrt bleiben. Heißt umgekehrt auch: Große, beliebte Unternehmen können aus viel mehr Angeboten selektieren, als kleine, unbekannte Firmen. Letztere müssen in der Regel mit dem „Material“ arbeiten, was die anderen übrig gelassen haben. Und hier kommt das Thema Volkswirtschaft ins Spiel, und zwar in Form von Vilfredo Pareto, dem Entdecker der nach ihm benannten, statistischen Verteilung (häufig einfach 80/20-Prinzip genannt). Die Pareto-Verteilung beschreibt ein in vielen Bereichen vorzufindendes Phänomen, wonach eine kleine Anzahl von hohen Werten einer Wertemenge deutlich mehr zu deren Gesamtwert beiträgt, als eine hohe Anzahl von kleinen Werten der gleichen Menge. Klassische Beispiele: Ca. 20 % der Bevölkerung besitzen etwa 80 % des Vermögens eines Landes. Etwa 20 % der Kunden generieren typischerweise ca. 80 % des Umsatzes einer Firma. Rund 20 % der Das Pareto- Prinzip Verlag Franz Vahlen PRAXIS Stackelberg, Karrierestart für Hochschulabsolventen Hersteller: Frau Hilgendorff Stand: 05.03.2012 Status: Druckdaten Seite 115 Verlag Franz Vahlen PRAXIS Stackelberg, Karrierestart für Hochschulabsolventen Hersteller: Frau Hilgendorff Stand: 05.03.2012 Status: Druckdaten Seite 114 1.1 Das Henne-Ei-Problem bei der Bewerbung 115 Maschinen produzieren ca. 80 % des Ausschusses einer Fabrik. Übertragen auf Unternehmen und Bewerber zeigt sich regelmäßig: Ca. 80 % der Bewerbungen für ein Unternehmen beziehen sich typischerweise auf nur 20 % der ausgeschriebenen Stellen (und zwar auf die attraktivsten Stellen, z. B. im Marketing). Das sind solche Stellen, die nah an der kritischen Kernkompetenz des Unternehmens liegen. Dafür ist es wichtig zu wissen, dass jedes Unternehmen einige wenige Kernkompetenzen hat, die absolut essenziell für das Funktionieren des jeweiligen Geschäftsmodells sind. Bei Markenartiklern wie Lebensmittel- oder Kosmetikherstellern sind es z. B. die Marketingfunktionen. Bei Automobilherstellern ist es typischerweise die Forschungs- und Entwicklungsabteilung, bei Softwarehäusern die Programmierer. Umwege erhöhen die Ortskenntnis Genau in dieser Asymmetrie liegt aber nun die große Chance für all jene Menschen, die kein Einser-Abitur und/oder Abschluss einer Elite-Uni in der Tasche haben. Als Bewerber muss man einfach verstehen: Wenn ich mich um einen Job im Produktmarketing bei den Nestlés, Unilevers oder Procter & Gambles dieser Welt bewerbe, habe ich ganz automatisch 80 % aller Bewerber für dieses Unternehmen als Konkurrenz. Wenn ich mich auf eine andere Funktion bewerbe (und davon gibt es sehr, sehr viele), habe ich nur etwa 20 % aller anderen Bewerber gegen mich.11 Bleiben wir beim Beispiel Konsumgüter: Hier wird z. B. gerne vergessen, dass die Produkte nicht von alleine aus der Fabrik in die Supermärkte fliegen (Logistik) oder dass die Produkte zuerst in den Handel hinein verkauft werden müssen, bevor der Endkonsument sie erwerben kann (Sales bzw. Key Account Management). Dafür wird bei forschungs- und entwicklungsintensiven Unternehmen (z. B. Pharma, Automotive) gerne mal vergessen, dass die Produkte auch vermarktet werden müssen. Wenn es also – um im Beispiel zu bleiben – Ihr sehnlichster Wunsch ist, Produktmanager bei einem Marketingartikler zu werden und Sie berechtigte Zweifel daran haben, dass eine direkte Bewerbung erfolgreich sein würde, dann kann es sich für Sie lohnen, den Umweg über eine weniger gefragte Funktion, wie z. B. Key Account Management oder den Vertrieb, zu wählen. Denn wenn Sie erst einmal für Ihr Wunschunternehmen arbeiten, dann ist es relativ leicht, nach einer gewissen Zeit auch auf die 11 Ich selbst habe meinen ersten Job rückblickend wohl auch durch eine solche Ineffizienz bekommen. Ohne nennenswerte Praxiserfahrung habe ich mich damals als Praktikant für die Marktforschung jenes Markenartiklers beworben, dessen Praktikantenprogramm ich später als Berufseinsteiger geleitet habe. Insofern kann ich mit einem Augenzwinkern sagen: Mein älteres Selbst hätte mein jüngeres Selbst wahrscheinlich nicht eingestellt. Geholfen hat mir schlicht die Tatsache, dass es kaum konkurrierende Bewerber für die betreffende Stelle gab. Und dann habe ich einfach die Chance genutzt, im Praktikum einen sehr guten Job gemacht – und darüber das Angebot für den späteren Festeinstieg erhalten. Andere Position Verlag Franz Vahlen PRAXIS Stackelberg, Karrierestart für Hochschulabsolventen Hersteller: Frau Hilgendorff Stand: 05.03.2012 Status: Druckdaten Seite 117 Verlag Franz Vahlen PRAXIS Stackelberg, Karrierestart für Hochschulabsolventen Hersteller: Frau Hilgendorff Stand: 05.03.2012 Status: Druckdaten Seite 116 Gastbeitrag Dr. Nico Rose: Clever bewerben116 Wunschposition zu wechseln (dass Sie bis dahin einen guten Job machen, setze ich mal voraus). Die Kenntnisse und Fähigkeiten, die Sie bis dahin gesammelt haben, können Ihnen in der neuen Funktion nur nützlich sein: Als Marketer müssen Sie sich sowieso ständig mit den anderen Abteilungen koordinieren. Da hilft es sehr, wenn Sie wissen, wie die Leute in den weiteren Funktionen ticken. Umwege erhöhen also nicht nur die Ortskenntnis, sondern sind manchmal sogar der einzig mögliche Weg zum Ziel. Trauen Sie sich! Eine abgewandelte Version dieser Methode ist es, sich in einer anderen Branche relevante Kompetenzen anzueignen, die für die eigentlich angestrebte Stelle besonders wertvoll sind. Schauen wir uns noch ein letztes Mal das Beispiel FMCG-Marketing an: Zu den wichtigen Aufgaben von Marketing-Managern gehört typischerweise die Steuerung von Werbeagenturen und Marktforschungs-instituten. Ich nehme an, Sie können mir folgen? Eine Praktikum oder ein bis zwei Jahre Erfahrung in einer entsprechenden Firma sind ein Pfund, mit dem Sie bei der Bewerbung für Ihre eigentliche Traumstelle ordentlich wuchern können. Das „System“ schlagen Neben dem 80/20-Prinzip gibt es noch weitere Asymmetrien im Markt zwischen Unternehmen und Bewerbern, die Sie ausnutzen können – und mit ein wenig Nachdenken werden Sie noch viele weitere Beispiele entdecken abseits der zwei, die ich zum Abschluss dieses Parts erläutern werde. So redet alle Welt derzeit über „die Frauenquote“. Was dabei unter den Tisch fällt, ist die Tatsache, dass Unternehmen schon lange mit (inoffiziellen) Quoten arbeiten. In vielen Berufen bzw. Funktionen gibt es zum Beispiel eine heimliche Männerquote. Heißer Tipp neben einer Karriere als Erzieher: Die Personalabteilung. Ist (zu Unrecht) als Softie-Thema verschrien und hat typischerweise einen sehr hohen Frauenanteil. Um dem entgegenzuwirken, wird hier bei gleicher Qualifikation häufig der Mann bevorzugt.12 Weiterhin lohnt es sich, sich Gedanken über den Zeitpunkt der Bewerbung zu machen.13 Es gibt einfach bestimmte Stoßzeiten, zu denen sich deutlich mehr Menschen bewerben, z. B. im Frühjahr oder Herbst, wenn viele Studenten ihren Abschluss gemacht haben. In diesem Sinne: Schon mal über eine „Sommerloch-Bewerbung“ nachgedacht? 12 Die nüchterne betriebswirtschaftliche Ratio dahinter: Männer sind im Durchschnitt etwas weniger krank als Frauen und werden außerdem nicht schwanger. Sie sind also von dieser Warte aus betrachtet „billiger“ als Frauen. 13 Thema Praktikum: Nehmen Sie ein oder zwei Freisemester und bewerben Sie sich für den Semesterstart. Viele Unternehmen suchen da händeringend nach Praktikanten. Die gewonnene Praxiserfahrung ist um ein Vielfaches wertvoller als die Zeit, die Sie dadurch verlieren. Andere Branche Frauen- und Männerquoten Verlag Franz Vahlen PRAXIS Stackelberg, Karrierestart für Hochschulabsolventen Hersteller: Frau Hilgendorff Stand: 05.03.2012 Status: Druckdaten Seite 117 Verlag Franz Vahlen PRAXIS Stackelberg, Karrierestart für Hochschulabsolventen Hersteller: Frau Hilgendorff Stand: 05.03.2012 Status: Druckdaten Seite 116 1.2 Sieben Bewerbungsmythen aus der Sicht eines Personalers 117 1.2 Sieben Bewerbungsmythen aus der Sicht eines Personalers Ich könnte ja stundenlang darüber philosophieren, wie die im Folgenden beschriebenen Mythen zustande gekommen sind – aber das erspare ich Ihnen doch lieber. Stattdessen möchte ich Sie zu Beginn noch einmal dafür sensibilisieren, was wirklich mit Ihrer Bewerbung passiert, wenn diese nach dem mühevollen Prozess des Schreibens und Wieder-neu- Schreibens und Nochmal-von-vorne-Schreibens endlich vom Personaler Ihrer Wahl geöffnet wird. Die wichtigste Botschaft: Sie haben ungefähr zehn Sekunden. Wenns hochkommt. Eher weniger. Die meisten Personaler schauen kurz aufs Foto, überblättern das Anschreiben und gehen direkt zum Lebenslauf. Dieser wird in wenigen Sekunden quergelesen („gescannt“) und nur, wenn dort etwas Interessantes ins Auge springt (eine relevante berufliche Vorerfahrung, eine bestimmte Universität etc.), wird die Bewerbung eingehend gelesen. Wenn in den ersten paar Sekunden nichts hängen bleibt, landet die Bewerbung fast unweigerlich in der „Ablage P“. Daraus ergibt sich folgende Empfehlung: Von der Zeit, die Sie für eine Bewerbung auf eine konkrete Stelle einplanen, sollten Sie mindestens 80 % in die Optimierung Ihres Lebenslaufs für genau jene Stelle aufwenden – denn hier liegt der größte Hebel für den Bewerbungserfolg. Und nun zu den Mythen … Viel bewerben hilft viel Eine Menge Menschen bewerben sich nach dem Gießkannenprinzip. Dies ist aus mindestens zwei Gesichtspunkten unvorteilhaft: Kurzfristig, weil Sie Ihre Energie besser dafür einsetzen sollten, einige wenige, möglichst aussichtsreiche Bewerbungen zu individualisieren. Qualität schlägt Quantität. Langfristig hat dieses Verhalten jedoch eine weitere negative Konsequenz – und zwar dann, wenn Sie sich zu einem späteren Zeitpunkt erneut bei einem Unternehmen bewerben möchten. Wenn Sie nämlich erst mal mit einer Absage in der Datenbank stehen, haben Sie bei einer erneuten Bewerbung schlechte Karten, auch wenn sich Ihr Profil in der Zwischenzeit signifikant verändert hat. Das Anschreiben ist extrem wichtig Immer wieder lese ich in Ratgebern oder auf Internetseiten, wie wichtig angeblich das Anschreiben für die erfolgreiche Bewerbung sei. Dementsprechend legen viele Bewerber jedes Wort des Anschreibens auf die Goldwaage und verschwenden darüber Ressourcen, die anderswo sinnstiftender einzusetzen sind. Tatsache ist: Viele Anschreiben werden erst gar nicht gelesen – oder wenn überhaupt, dann nur überflogen. 1.2 Sieben Bewerbungsmythen aus der Sicht eines Personalers Kein Gießkannenprinzip! Je größer das Unternehmen, desto unwichtiger das Anschreiben Verlag Franz Vahlen PRAXIS Stackelberg, Karrierestart für Hochschulabsolventen Hersteller: Frau Hilgendorff Stand: 05.03.2012 Status: Druckdaten Seite 119 Verlag Franz Vahlen PRAXIS Stackelberg, Karrierestart für Hochschulabsolventen Hersteller: Frau Hilgendorff Stand: 05.03.2012 Status: Druckdaten Seite 118 Gastbeitrag Dr. Nico Rose: Clever bewerben118 Dafür gibt es zwei Gründe: Zum einen herrscht schlicht und ergreifend Zeitmangel. Ein typischer Personaler muss derart viele Bewerbungen sichten, dass es zu lange dauern würde, jedes Anschreiben im Detail zu studieren. Zum anderen enthält ein Anschreiben kaum verwertbare Information darüber, ob der Bewerber geeignet für eine etwaige Stelle ist. Eine Auflistung von gängigen Soft Skills („Ich bin motiviert, teamfähig und belastbar …“) reißt jedenfalls keinen Recruiter vom Hocker. Heißt im Endeffekt: Das Anschreiben sollte natürlich fehlerfrei14 sein, muss aber keine literarische Meisterleistung sein. Faustregel: Je größer das Unternehmen, desto unwichtiger das Anschreiben. Bewirbt man sich hingegen in einer kleinen, inhabergeführten Firma, wo „der Chef noch selbst auswählt“, kann ein sehr individuelles Anschreiben durchaus Sinn haben. Hilfreich ist in jedem Fall anzugeben, wie Sie von dem Jobangebot erfahren haben. Dies dient den Personaler zum Controlling der Personalmarketing-Maßnahmen. Eine Bewerbung muss kreativ sein Das ist ein großes Missverständnis – es sei denn, Sie bewerben sich als Kreativer in einer Kreativagentur. Eine Bewerbung, vor allem der Lebenslauf, muss zunächst gut strukturiert und dadurch nachvollziehbar sein. Er muss die Augen wie von selbst auf die wichtigen Informationen lenken. Ungewöhnliche Papierformate, Strukturelemente oder Schrifttypen stören hingegen die Lesegewohnheiten des Personalers. Dies wird (mindestens vorbewusst) als unangenehm wahrgenommen und schadet Ihnen mehr, als es nützt. Darüber hinaus erschweren abweichende Formate die Weiterverarbeitung Ihrer Bewerbung innerhalb der Firma. Sie stören damit eingespielte Prozesse. Genau das ist auch der Grund, warum so viele Unternehmen möchten, dass Sie Ihre Daten in ein Onlineformular hineinhacken: Alle Angaben liegen dann in höchstmöglicher Standardisierung vor und können leicht weiterverarbeitet werden. Mein tabellarischer Lebenslauf ist, wie er nun mal ist Das ist der wahrscheinlich häufigste und gefährlichste Fehler, den Bewerber machen: Aus mir nicht verständlichen Gründen wird immer wieder propagiert, man solle das Anschreiben individualisieren, könne dafür aber einen Standard-CV rausschicken. Genau das Gegenteil ist richtig! Der CV muss an die Bewerbung angepasst werden, das Anschreiben kann mehr oder minder ähnlich aufgebaut sein (Grund dafür siehe Einleitung). Ein guter CV enthält nicht nur Ihre bisherigen beruflichen Sta- 14 Und das richtige Unternehmen und den richtigen Ansprechpartner enthalten. Sie glauben gar nicht, wie häufig Copy-Paste-Fehler vorkommen. Und die mögen Personaler gar nicht. Gute Struktur entscheidend Qualifikationen anpassen Verlag Franz Vahlen PRAXIS Stackelberg, Karrierestart für Hochschulabsolventen Hersteller: Frau Hilgendorff Stand: 05.03.2012 Status: Druckdaten Seite 119 Verlag Franz Vahlen PRAXIS Stackelberg, Karrierestart für Hochschulabsolventen Hersteller: Frau Hilgendorff Stand: 05.03.2012 Status: Druckdaten Seite 118 1.2 Sieben Bewerbungsmythen aus der Sicht eines Personalers 119 tionen (das „Wo“), sondern immer auch einige ausgesuchte Angaben über konkrete Aufgaben, Projekte und Verantwortungsbereiche (das „Was“). Meistens geschieht dies in Form von zwei bis drei Bullet-Points, die unter die jeweilige Station gesetzt werden. Genau danach sucht der Personaler. Denn die Erkenntnis, dass Sie drei Jahre bei der Firma XY gearbeitet haben, ist ohne weitere Erläuterungen fast wertlos. Heißt konkret: Das „Wo“, also ihre beruflichen Stationen, bleibt natürlich über verschiedene Lebensläufe konstant, das „Was“ jedoch sollte bei jeder Bewerbung gezielt auf das Profil der angestrebten Stelle gemünzt werden. Bewerbung um Führungsposition Wenn Sie sich zum ersten Mal auf eine Führungsposition bewerben, sollten Sie all jene Elemente ihrer bisherigen Tätigkeiten betonen, die Sie für eine entsprechende Aufgabe befähigen. Vielleicht haben Sie schon mal kommissarisch ein Team geleitet, weil eine Führungsposition länger unbesetzt war? Rein damit! Bewerbung um Projektstelle Wenn Sie sich für eine Projektstelle ohne Führungsverantwortung bewerben, könnte sich die gleiche Information negativ auswirken. Der Personaler könnte z. B. vermuten, dass Sie sich dann nicht gut in Ihr zukünftiges Team einfügen können. Wählen Sie also weise, was Sie in Ihr Schaufenster stellen und was man erst im Laden oder unter der Theke entdecken kann. Schwächen im Lebenslauf müssen unbedingt kaschiert werden Dies ist ein etwas kniffliges Thema. Denn Bewerbung kommt ja schließlich von „werben“. Es ist also Ihr gutes Recht und Ihre Pflicht, sich im bestmöglichen Licht zu präsentieren. Was aber anfangen mit Schwächen (z. B. eine schlechte Abiturnote) bzw. Lücken im Lebenslauf (z. B. eine Periode der Arbeitslosigkeit)? Meine Empfehlung an dieser Stelle: Kaschieren Sie nichts, was nicht später im Gespräch sowieso zur Sprache kommen würde. Personaler sind nicht dumm. Und das Schlimmste, was Ihnen passieren kann, ist, wenn unser Spürsinn geweckt wird. Dann gehen wir gezielt auf die Suche nach Ihren Schwächen. Was Sie jedoch von sich aus offen ansprechen, ist als Störfaktor größtenteils entmachtet. Ein Lebenslauf muss einen roten Faden haben Dass in einem Lebenslauf ein roter Faden erkennbar sein sollte, ist zunächst nicht gänzlich falsch, gilt aber praktisch nur für Menschen, die schon einige Schritte in ihrer Karriere gemacht haben und weiter aufsteigen wollen. Für Berufseinsteiger in den ersten Jahren ist das hingegen Quatsch. „Wo ist denn der rote Faden?“ ist vor allem eine beliebte Personaler-Frage. Dabei geht es aber nicht so sehr darum, ob es wirklich einen solchen Zusammenhang gibt, sondern eher darum, ob Sie nachvollziehbar argu- Bleiben Sie ehrlich Gute Antwort überlegen Verlag Franz Vahlen PRAXIS Stackelberg, Karrierestart für Hochschulabsolventen Hersteller: Frau Hilgendorff Stand: 05.03.2012 Status: Druckdaten Seite 121 Verlag Franz Vahlen PRAXIS Stackelberg, Karrierestart für Hochschulabsolventen Hersteller: Frau Hilgendorff Stand: 05.03.2012 Status: Druckdaten Seite 120 Gastbeitrag Dr. Nico Rose: Clever bewerben120 mentieren können, warum Sie so gehandelt haben, wie Sie bisher gehandelt haben. Das heißt, die Antwort „Ich wollte in verschiedene Bereiche hineinschnuppern, weil man später als Führungskraft eine Schnittstelle zu fast allen Funktionen bilden können muss“ ist genauso gut wie „Ich wusste schon lange, dass ich Controller werden wollte und habe mich gezielt darauf vorbereitet“. Hauptsache, Sie können glaubhaft begründen, dass Sie Ihre Entscheidungen bewusst und vorsätzlich getroffen haben. Ich habe selbst einen ziemlich krummen Lebenslauf und pflege auf besagte Frage mittlerweile zu antworten: „Der rote Faden in meinem Lebenslauf ist, dass es keinen gibt.“ Mit einem Lächeln vorgetragen. Damit ist das Thema meistens durch. Initiativbewerbungen lohnen sich nicht Zum Abschluss noch einmal grober Unfug: Initiativbewerbungen lohnen sich nicht. Die Wahrheit ist: Initiativbewerbungen scheitern i. d. R. nicht an der Tatsache, dass sie nicht auf eine konkrete Stelle bezogen sind, sondern daran, dass sie zu unspezifisch geschrieben sind. Viele Initiativbewerbungen klingen für Personaler-Ohren übersetzt in etwa so: „Ich bewerbe mich für irgendwas in Ihrem Unternehmen. Egal. Hauptsache: Sie nehmen mich!“ Das klingt einerseits verzweifelt (was echt nicht hilft …) und macht es dem Personaler andererseits auch nicht gerade leicht, einen geeigneten Platz für Sie zu finden. Letzterer hat immer eine konkrete Stelle zu besetzen. Insofern sollte die Initiativbewerbung so geschrieben sein, als ob Sie sich auf eine fiktive, aber konkrete Stelle bewerben. Schildern Sie anschaulich, wie Ihr Job aussehen würde, wenn Sie sich einen basteln dürften. Dazu ist wichtig zu wissen, dass in den meisten Firmen der weitaus größere Teil aller Stellen niemals öffentlich ausgeschrieben wird. Häufig, weil es schon interne Anwärter für die Position gibt – was aber nichts heißt, wenn sich zum rechten Zeitpunkt ein besser geeigneter externer Kandidat bewirbt. 1.3 Das Letzte Ich glaube, dass fast jeder Mensch fast jeden Job bekommen kann, den er oder sie haben möchte. Natürlich hat es wenig Sinn, sich als studierter Sozialarbeiter um eine Stelle als Sicherheitsingenieur im Atomkraftwerk zu bewerben – das meine ich hier nicht. Was ich sagen will, ist Folgendes: Lassen Sie sich nicht abschrecken! Lassen Sie sich nicht abschrecken von den 120 %-Anforderungen in der Stellenausschreibung. Lassen Sie sich nicht abschrecken, nur weil Sie keine eins vor dem Komma haben. Lassen Sie sich nicht abschrecken, weil Sie vielleicht nicht unmittelbar nach dem Studium einen Festvertrag ergattern konnten. Oft zu unspezifisch formuliert 1.3 Das Letzte Lassen Sie sich nicht abschrecken Verlag Franz Vahlen PRAXIS Stackelberg, Karrierestart für Hochschulabsolventen Hersteller: Frau Hilgendorff Stand: 05.03.2012 Status: Druckdaten Seite 121 Verlag Franz Vahlen PRAXIS Stackelberg, Karrierestart für Hochschulabsolventen Hersteller: Frau Hilgendorff Stand: 05.03.2012 Status: Druckdaten Seite 120 1.3 Das Letzte 121 Das Spiel zwischen Bewerbern und Personalern folgt festen Regeln, die fast überall gleich sind. Und ähnlich wie in einem Computerspiel gibt es auch hier kleine Abkürzungen, (fast) geheime Gänge und waschechte „Cheats“, die man kennen sollte. Mit diesen können Sie sich durchsetzen, selbst wenn Sie nicht der beste Spieler im Feld sind. In einige davon habe ich Sie in diesem Kapitel eingeweiht. Wenn Sie dann noch die gängigsten Fehler vermeiden, die viele Ihrer Mitbewerber machen werden, sieht es wirklich gut für Sie aus. Ich wünsche Ihnen viel Erfolg im Berufsleben. Noch mehr wünsche ich Ihnen allerdings Zufriedenheit! Ersterer geht häufig mit Letzterer einher. Das muss aber nicht so sein. Zufriedenheit lauert mitunter an außergewöhnlichen Orten. Geheime Gänge nutzen

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References

Zusammenfassung

Selbstbewusst starten.

Sie haben die Uni hinter sich, die letzten Prüfungen sind geschrieben und jetzt scharren Sie mit den Füßen: Sie wollen endlich loslegen und selbstbewusst ins Berufsleben starten!

Dabei hilft Ihnen dieses Buch und zwar mit ungewöhnlichen Ideen. Sie finden hier viele Tipps und Infos für die gelungene Bewerbung und das gute Bewerbungsgespräch.

Klare Vorteile:

* Standort- und Potenzialanalyse: So klappt der Start ins Berufsleben

* Authentisch bleiben: Auf Dauer können Sie sich nicht verstellen!

* Ratgeber, der Mut macht und bei der Jobauswahl wirklich hilft.

"Erfrischend. [...] Stackelberg berichtet auch von ihren langjährigen Erfahrungen als Trainerin, von besonderen Erlebnissen mit Bewerbern und vergisst auch die Sicht des Personalmanagers nicht. Klar, dass dabei viele brauchbare Tipps herauskommen, selbstverständlich auch für die Bewerbungsunterlagen, die richtigen Formulierungen bei Anschreiben und Lebenslauf sowie fürs Vorstellungsgespräch. Selbst die ersten hundert Tage im Job werden nicht vergessen. Die lockere und unprätentiöse Sprache macht das Buch im Übrigen sehr unterhaltsam." in: WISU-KARRIERE 5/2012

Autorin:

Bettina Stackelberg, die Frau fürs Selbstbewusstsein®, unterstützt als Coach mit Leidenschaft, Empathie und Know-how Menschen dabei, selbstbewusster zu werden. Sie ist Autorin der erfolgreichen Ratgeber "Selbstbewußtsein" (2009) und "Angstfrei arbeiten" (2010).