2 Grundlagen in:

Karl-Heinz Moritz

Geldtheorie und Geldpolitik, page 28 - 43

3. Edition 2012, ISBN print: 978-3-8006-4234-2, ISBN online: 978-3-8006-4235-9, https://doi.org/10.15358/9783800642359_28

Series: Vahlens Kurzlehrbücher

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Vahlens Kurzlehrbücher – Moritz – Geldtheorie und Geldpolitik, 3. Auflage Herstellung: Frau Hilgendorff Status: Druckdaten Stand: 19.04.12 Seite: 5 2 Grundlagen 2.1 Einführung Was ist eigentlich Geld? Diese Frage ist alles andere als einfach zu beantworten. Es existiert eine Vielzahl von Geldmengendefinitionen, die sich primär an der unterschiedlichen Betonung der Geldfunktionen orientiert. Daher werden wir uns im folgenden Abschnitt 2.2 mit den Funktionen des Geldes beschäftigen. Geld in der Form wie wir es heute kennen ist das Ergebnis einer sehr langen Entwicklung. Die unterschiedlichen Erscheinungsformen des Geldes werden in Abschnitt 2.3 beschrieben. Um die Vor- und Nachteile einer gebundenen Währung bewerten zu können, ist es sinnvoll, auf die Quantitätstheorie des Geldes zurückzugreifen. Daher werden die Grundzüge der Quantitätsgleichung in Abschnitt 2.4 erläutert. Eine wichtige geldpolitische Frage ist, ob die von einer Zentralbank herausgegebene Geldmenge durch einen bestimmten Bestand an Gold oder anderen Reserven gebunden sein sollte. Der Abschnitt 2.5 analysiert die Vor- und Nachteile gebundener und ungebundener Währungen. 2.2 Funktionen des Geldes 2.2.1 Einführung Juristisch stellen alle Finanzaktiva Geld dar, die bei der Bezahlung von Waren und Dienstleistungen angenommen werden müssen. Gesetzliche Zahlungsmittel sind Noten und Münzen. Die juristische Definition erscheint für ökonomische Fragestellungen als zu eng. So bleiben z. B. Sichteinlagen, die im täglichen Geschäftsverkehr als Zahlungsmittel Verwendung finden, unberücksichtigt. Die ökonomische Definition von Geld ist daher weiter gefasst und orientiert sich an den Funktionen des Geldes (Geldfunktionen). Alle Finanztitel, welche in der Lage sind, diese zu erfüllen, werden als Geld bezeichnet. Der folgenden Abbildung können die einzelnen Funktionen entnommen werden. Wie im Folgenden beschrieben wird, muss Geld folgende Funktionen erfüllen: • einfache Abwicklung von Zahlungsvorgängen (Tausch- und Zahlungsmittelfunktion) • Wertbeständigkeit (Wertaufbewahrungsfunktion) • Vergleichbarkeit verschiedener Güter (Rechenfunktion) 2 Grundlagen 2.1 Einführung 2.2 Funktionen des Geldes Vahlens Kurzlehrbücher – Moritz – Geldtheorie und Geldpolitik, 3. Auflage Herstellung: Frau Hilgendorff Status: Druckdaten Stand: 19.04.12 Seite: 6 Vahlens Kurzlehrbücher – Moritz – Geldtheorie und Geldpolitik, 3. Auflage Herstellung: Frau Hilgendorff Status: Druckdaten Stand: 19.04.12 Seite: 7 2 Grundlagen6 2.2.2 Tausch- und Zahlungsmittelfunktion Als allgemein anerkanntes Tausch- und Zahlungsmittel ermöglicht Geld einem Individuum, im Unterschied zum Naturaltausch, den Kauf eines beliebigen Gutes, ohne gleichzeitig ein anderes Gut verkaufen zu müssen. Der Austausch von Gütern erfolgt indirekt durch die Zwischenschaltung von Geld.3 Die Vorteile der Verwendung eines Zwischentauschmittels lassen sich am besten anhand eines Beispiels illustrieren. Betrachten wir dazu eine Volkswirtschaft, in der keine Zwischentauschmittel existieren: Ein Bauer hat Kartoffeln angebaut und möchte Brot kaufen. Existiert kein Zwischentauschmittel, so muss er einen Bäcker suchen, der Brot gegen Kartoffeln tauschen möchte. Es sei unterstellt, der Bäcker wünscht seinerseits Schuhe und der Schuster wiederum Kartoffeln. Keine der drei Personen kann durch direkten Tausch das gewünschte Gut erhalten. Der Bauer müsste sich z. B. zuerst vom Schuster Schuhe besorgen und diese dann beim Bäcker gegen Brot eintauschen. Daraus resultieren enorme Transaktions- und Informationskosten, denn der Bauer muss herausfinden, wer was anbietet und nachfragt, die jeweiligen Tauschverhältnisse müssen ausgehandelt werden, und schließlich muss der Bauer ständig Güter transportieren. Die Probleme des Naturaltausches liegen also darin, dass sich stets zwei ad- äquate Handelspartner finden müssen, die jeweils das Gut anbieten, was der andere wünscht. Für diese Suche müssen die Handelspartner reale Ressourcen aufwenden, die zur Produktion anderer Güter nicht zur Verfügung stehen.4 Diese Kosten können durch Einführung eines Zwischentauschmittels (Geld) vermieden werden. In unserem Beispiel würde der Bauer seine Kartoffeln gegen Geld verkaufen und gegen Hingabe des erhaltenen Geldes Brot kaufen. Durch diese indirekten Tauschvorgänge reduzieren sich die oben angeführten Informations- und Transaktionskosten. Die Tauschvorgänge können also durch die Verwendung von Geld rationaler und effizienter gestaltet werden. Geld ist demnach gemäß der Tauschmittelfunktion eine allgemein anerkannte und jederzeit verwendbare Forderung auf das Gütervolumen einer Volkswirtschaft. Geld ist alles, was beim Tausch allgemein und gegenseitig akzeptiert wird. 3 Der Begriff „Zahlungsmittel“ ist weitgehender als der Begriff „Tauschmittel“, da neben dem Kauf von Gütern auch Finanztransfers wie Steuerzahlungen erfasst werden. Vgl. Duwendag/Ketterer/Kösters/Pohl/Simmert (1999), S. 72. 4 Vgl. Holtemöller (2008), S. 23. Funktionen des Geldes Tausch- und Zahlungsmittelfunktion Wertaufbewahrungsfunktion Rechenfunktion Abbildung 2.1: Funktionen des Geldes Vahlens Kurzlehrbücher – Moritz – Geldtheorie und Geldpolitik, 3. Auflage Herstellung: Frau Hilgendorff Status: Druckdaten Stand: 19.04.12 Seite: 6 Vahlens Kurzlehrbücher – Moritz – Geldtheorie und Geldpolitik, 3. Auflage Herstellung: Frau Hilgendorff Status: Druckdaten Stand: 19.04.12 Seite: 7 2.2 Funktionen des Geldes 7 Damit ein Zwischentauschmittel die Kosten von Transaktionen minimiert, müssen bestimmte Eigenschaften erfüllt sein: • Seltenheit: Eine kleine Einheit des Tauschmittels sollte über eine hohe Kaufkraft verfü gen. • Haltbarkeit: Um die Wertaufbewahrungsfunktion zu erfüllen, darf Geld im Zeitverlauf keinen Verlust an stofflicher Substanz erleiden. • Homogenität: Alle Einheiten des Tauschmittels müssen über die gleiche stoffliche Be schaffenheit verfügen. • Teilbarkeit: Ein Tauschmittel muss ohne Wertverlust in kleine Einheiten zerlegbar sein. • Fälschungssicherheit: Das Zwischentauschmittel muss fälschungssicher sein. • Herstellkosten: Die Kosten der Produktion des Zahlungsmittels sollten niedrig sein. 2.2.3 Wertaufbewahrungsfunktion Eine ausschließliche Definition des Geldes anhand der Tausch- und Zahlungsmittelfunktion würde zu einer sehr engen Auslegung führen. Es existieren monetäre Aktiva, die, wie z. B. Termineinlagen5, nicht direkt als Zahlungsmittel eingesetzt, aber relativ schnell in solche umgewandelt werden können. Dies führt uns zur Wertaufbewahrungsfunktion des Geldes. Unter der Wertaufbewahrungsfunktion versteht man die Möglichkeit der Übertragung der Kaufkraft von der Gegenwart in die Zukunft. Durch die Wertaufbewahrungsfunktion wird das zeitliche Auseinanderfallen von Kauf und Verkauf realisierbar. Geld ermöglicht die zeitweilige Kaufkraftübertragung in eine andere Periode und bietet somit die Möglichkeit, Vermögen über einen bestimmten Zeitraum zu akkumulieren. Die notwendige Voraussetzung für die Erfüllung dieser Wertaufbewahrungsfunktion ist, dass der Wert des verwendeten Zahlungsmittels über einen längeren Zeitraum stabil bleibt. 2.2.4 Rechenfunktion Ein Zwischentauschmittel ermöglicht, dass der Wert von einzelnen Wirtschaftsgütern in einem einzigen Wertmaßstab ausgedrückt werden kann. Dadurch werden Werte unterschiedlicher Güter vergleich- und addierbar. Dies ist die Rechenfunktion des Geldes. Die Anzahl der Tauschrelationen, über die man in einer reinen Tauschwirtschaft informiert sein muss, ist enorm hoch. Werden in einer Volkswirtschaft z. B. eintausend Güter produziert, dann existieren ( ) ⋅ ÷ = 1.000 999 2 499.500 relative Preise. In einer Geldwirtschaft mit eintausend Gütern reduziert sich die 5 Termineinlagen sind verzinste Bankguthaben, die bis zu vereinbarten Terminen festgelegt sind („Festgelder“) oder erst nach Einhaltung einer Kündigungsfrist frei werden („Kündigungsgelder“). Vahlens Kurzlehrbücher – Moritz – Geldtheorie und Geldpolitik, 3. Auflage Herstellung: Frau Hilgendorff Status: Druckdaten Stand: 19.04.12 Seite: 8 Vahlens Kurzlehrbücher – Moritz – Geldtheorie und Geldpolitik, 3. Auflage Herstellung: Frau Hilgendorff Status: Druckdaten Stand: 19.04.12 Seite: 9 2 Grundlagen8 Anzahl der Preise, wenn eines dieser tausend Güter als Zwischentauschmittel akzeptiert wird, auf 999. In einer reinen Tauschwirtschaft fehlt eine Recheneinheit, mit der man den Wert verschiedener Wirtschaftsgüter bilanzieren und vergleichen kann. Geld erleichtert den Marktteilnehmern den Zugriff auf Informationen über die Preisrelationen verschiedener Güter. Schließlich ist die Existenz von Geld Voraussetzung für die Bildung von Kreditbeziehungen. Geld dient in diesem Zusammenhang als Schuldenmaßstab. Aus der Beschreibung der verschiedenen Geldfunktionen geht hervor, dass die Verwendung von Geld zu einer Reduktion von Transaktions-, Informationsund Wertaufbewahrungskosten führt. 2.3 Erscheinungsformen des Geldes Geld ist, wie aus den Überlegungen des vorausgegangenen Abschnitts hervorgeht, nichts anderes als ein Zwischentauschmittel. Als Tauschmedium kann jedes Gut in Frage kommen. In diesem Abschnitt wird ein kurzer historischer Überblick über die Entwicklung der Erscheinungsformen des Geldes gegeben. 2.3.1 Natural- oder Warengeldwirtschaft Die älteste Form des Geldes ist das Warengeld. Man spricht von Warengeld, wenn Güter als Zwischentauschmittel Verwendung finden, deren Geldwert durch den Warenwert gedeckt ist. Eine beliebige Vielfalt von Verbrauchs- und Gebrauchsgegenständen ist im Laufe der Zeit als Warengeld benutzt worden. Beispiele hierfür bilden Salz, Ziegen, Äxte, Tierfelle und Zigaretten. Der breite Bedarf an diesen Verbrauchsartikeln und die Möglichkeit der Vorratsbildung für den eigenen Verbrauch waren entscheidend für die Akzeptanz bei Zahlungsvorgängen. Schmuck war eine weiterentwickelte Form des Warengeldes. Bevorzugt wurden insbesondere Muscheln, Perlen sowie später Gold, Silber und Kupfer. Die Bedeutung des Warengeldes ist für entwickelte Volkswirtschaften gering. Es kann aber Zeiten geben, in denen die Wirtschaftssubjekte den offiziellen Zahlungsmitteln kein Vertrauen mehr schenken und in Sachgüter „fliehen“. Ein Beispiel hierfür ist die Verwendung von Zigaretten als Zwischentauschmittel kurz nach dem 2. Weltkrieg. 2.3.2 Wägegeldwirtschaft Die im Abschnitt 2.2.2 angeführten Voraussetzungen eines Zahlungsmittels zur kostenoptimalen Abwicklung von Transaktionen, wie Haltbarkeit, beliebige Teilbarkeit und geringe Transportkosten, sind in einer Warengeldwirtschaft aber nur in geringem Maße erfüllt. Mit zunehmender und differenzierterer Güterproduktion wurden handlichere Tauschmittel benötigt, zumal der Wert der 2.3 Erscheinungsformen des Geldes Vahlens Kurzlehrbücher – Moritz – Geldtheorie und Geldpolitik, 3. Auflage Herstellung: Frau Hilgendorff Status: Druckdaten Stand: 19.04.12 Seite: 8 Vahlens Kurzlehrbücher – Moritz – Geldtheorie und Geldpolitik, 3. Auflage Herstellung: Frau Hilgendorff Status: Druckdaten Stand: 19.04.12 Seite: 9 2.3 Erscheinungsformen des Geldes 9 oben angeführten Tauschmittel starken saisonalen Schwankungen unterworfen war. Man suchte daher Tauschmittel, die beständiger und fungibler waren, wobei der Gebrauchswert der als Geld verwendeten Gegenstände immer mehr in den Hintergrund trat. Edelmetalle, besonders Gold und Silber, boten sich als Geld an. Sie waren wegen der beschränkten Vorkommen relativ wertbeständig. Bereits kleine Mengen hatten einen hohen Wert, sodass die Transportkosten gering waren. Edelmetalle wurden zunächst als Zahlungsmittel in jenem Zustand verwendet, in dem sie gewonnen wurden. Dabei handelte es sich um Metallstücke, die von größeren Brocken abgehackt wurden (Goldklumpen). Wann genau Metallgeld zum ersten Mal verwendet worden ist, ist nicht genau überliefert. Allerdings ist bekannt, dass in Asien Metallgeld rund 2000 v. Chr. als Zwischentauschmittel Verwendung fand. Die Verwendung von Goldklumpen hatte aber den Nachteil, dass die Klumpen bei jedem Zahlungsvorgang gesondert gewogen werden mussten und der Reinheitsgrad nur schwer nachprüfbar war. Ein großer Fortschritt für den sich ausweitenden Handel war das Wägegeld in Form von Metallbarren oder Metallstäben. 2.3.3 Münzgeldwirtschaft Die zuerst verwendeten Münzen waren Kurantmünzen. Bei diesen stimmt der aufgeprägte Wert mit dem Metallwert überein. Heute sind keine Kurantmünzen mehr im Umlauf. Der aufgeprägte Wert ist höher als der Metallwert. Solche Münzen werden als Scheidemünzen bezeichnet. Vermutlich entstanden die ersten Münzen in der Mitte des 7.  Jahrhunderts v. Chr. Geburt im Königreich Lydien sowei in den griechischen Städten an der kleinasiatischen Westküste. Nur der Münzherr hatte das Recht, nach Überprüfung von Reinheit und Gewicht, den Wert der Münze durch Aufdruck von Bildern und Schriftzeichen festzulegen. Dadurch, dass die Münzen nun genormt waren, mussten sie als allgemeines Zahlungsmittel akzeptiert werden.6 Mit dem Zerfall der staatlichen Zentralgewalt im ausgehenden Mittelalter begann eine Blütezeit des Geldbetrugs. Über den Rand des Prägestempels hinaus gedrucktes Edelmetall wurde abgeschnitten („Geldschneiden“). Statt des Edelmetalls wurden Legierungen eingesetzt. Das Gewicht entsprach nicht mehr dem Sollwert. Alte Münzen wurden gehortet oder eingeschmolzen, wenn ihr Materialwert über dem Nennwert der neu ausgegebenen Münzen lag. Das Geld mit dem niedrigsten Stoffwert wurde am häufigsten für Zahlungsvorgänge verwendet. Eine moderne Parallele war der Austausch der silberhaltigen 2-DM-Münzen gegen Nickelmünzen. Auch die alten kleinen englischen Sixpence-Stücke aus Silber wurden 1969 säckchenweise von England nach Irland geschleppt und mit Gewinn eingeschmolzen. Die 400 Jahre zuvor gemachte Aussage des National- 6 Vgl. Deutsche Bundesbank (2010), S. 13ff. Vahlens Kurzlehrbücher – Moritz – Geldtheorie und Geldpolitik, 3. Auflage Herstellung: Frau Hilgendorff Status: Druckdaten Stand: 19.04.12 Seite: 10 Vahlens Kurzlehrbücher – Moritz – Geldtheorie und Geldpolitik, 3. Auflage Herstellung: Frau Hilgendorff Status: Druckdaten Stand: 19.04.12 Seite: 11 2 Grundlagen10 ökonomen Thomas Gresham hatte sich abermals bewahrheitet: „Das gute Geld wird durch das schlechte Geld verdrängt.“ Münzen haben den Vorteil, dass nicht bei jedem Zahlungsvorgang der Wert des Zahlungsmittels festgestellt werden muss. Allerdings kann die Verwendung von Münzen dann problematisch werden, wenn hohe Transaktionswerte abgewickelt werden. Die Münzen müssen gezählt werden. Der Transport eines hohen Geldbetrages kann mühsam sein. Außerdem ist das Mitführen hoher Münzbestände risikoreich. 2.3.4 Papiergeld Bereits 800 n. Chr. verwendeten die Chinesen unter Kaiser Hien Tsung Papiergeld, das nicht durch Edelmetall gedeckt war. Es wurde aber in Folge der mongolischen Eroberungen um 1500 abgeschafft. Moderne Banknoten, wie wir sie kennen dürften, ihren Ursprung im England des 17. Jahrhunderts haben.7 Da der Transport von Gold relativ teuer war und dem Risiko des Diebstahls unterlag, wurde es bei Goldschmieden hinterlegt. Als Gegenleistung erhielten die Kaufleute Quittungen (Depotscheine), mit denen sie Geschäfte tätigen konnten. Dadurch ist im Prinzip das Papiergeld entstanden. Da nicht das gesamte Gold, welches bei einer Goldschmiede deponiert war, zu einem einheitlichen Zeitpunkt wieder abgeholt wurde, konnten die Goldschmiede zusätzliche Quittungen ausstellen oder gegen eine Zinszahlung Gold statt solcher Quittungen ausleihen. Die monetäre Kreditwirtschaft hatte begonnen. Man kann also sagen, dass die Goldschmiede die Vorläufer unserer Banken waren und die Quittungen die unserer Banknoten. Im Laufe der Zeit wurden staatliche Noten- und Münzmonopole geschaffen. Staatliche Banknoten wurden gesetzliches Zahlungsmittel und mussten von allen Wirtschaftssubjekten im Inland zur Tilgung von Zahlungsverpflichtungen angenommen werden. Staatliche Banknoten traten an die Stelle des Goldes als definitives Zahlungsmittel.8 2.3.5 Buchgeld Sichteinlagen sind zwar kein gesetzlich garantiertes Zahlungsmittel, sie haben sich aber als privat akzeptiertes Zahlungsmittel durchgesetzt. Diese nicht-verbrieften Forderungen nennt man auch Buchgeld oder Giralgeld. Dabei handelt es sich um Geldbeträge, die auf Konten bei Kreditinstituten zu Zahlungszwecken zur Verfügung stehen.9 Sie können jederzeit, d. h. auf Sicht, in gesetzliche Zahlungsmittel umgewandelt oder durch Überweisungen übertragen werden. Gefahren durch den Transport von Geld werden bei der Verwendung von Sichteinlagen vermieden. 7 Vgl. Gerdesmeier (2011b), S. 20f. 8 Vgl. Demmler (2001), S. 439. 9 Vgl. Grill/Perczynski (1997), S. 104. Vahlens Kurzlehrbücher – Moritz – Geldtheorie und Geldpolitik, 3. Auflage Herstellung: Frau Hilgendorff Status: Druckdaten Stand: 19.04.12 Seite: 10 Vahlens Kurzlehrbücher – Moritz – Geldtheorie und Geldpolitik, 3. Auflage Herstellung: Frau Hilgendorff Status: Druckdaten Stand: 19.04.12 Seite: 11 2.4 Quantitätsgleichung und Quantitätstheorie 11 Das Buchgeld ist ein vollkommen stoffwertloses Geld und verfügt daher auch über keinen eigenen Gebrauchswert mehr. Geld ist damit zu einer abstrakten Größe geworden. Die Banknote hat zwar kaum noch einen Materialwert, aber erst mit der Einführung des Buchgeldes wurde der letzte Grad der Stofflosigkeit erreicht. So wie die Goldschmiede wissen die Geschäftsbanken aus Erfahrung, dass nur ein Teil ihrer Sichtguthaben in Bargeld umgewandelt wird. Aufgrund dessen können die Geschäftsbanken, z. B. durch Kreditvergabe und gleichzeitiger Einräumung von Sichteinlagen, mehr Sichteinlagen schaffen als sie an Barreserven vorhalten.10 2.4 Quantitätsgleichung und Quantitätstheorie 2.4.1 Quantitätsgleichung Eine der bedeutendsten, wenn nicht sogar die bedeutendste Gleichung der Geldtheorie ist die von Fisher formulierte Quantitätsgleichung. Mit Hilfe dieser Gleichung können die Auswirkungen einer Erhöhung der Geldmenge bzw. die Ursachen für Preisniveausteigerungen abgeleitet werden. Die Eigenschaften dieser Gleichung lassen sich anhand eines in Anlehnung an Demmler leicht modifizierten Beispiels erklären: „A und B, zwei Studenten der Wirtschaftswissenschaften, erkennen, dass ihre Einkünfte nicht ausreichen, um einen „angemessenen“ Lebensstandard aufrecht zu erhalten. Um ihr Einkommen aufzubessern, fassen sie den Plan, den Rest ihres Geldes in ein [zwanzig-Liter-]Fass Bier zu investieren, das sie in der im Nachbarort gelegenen Brauerei kaufen, um es in kleinen Bechern zu hohen Preisen (5 [€] pro [0,5-Liter-]Becher) auf einer Sportveranstaltung zu verkaufen. Mit einem Handwagen holen sie das Fass Bier an der Brauerei ab. Sie zahlen bar und während A keinen [Cent] mehr hat, beläuft sich der Kassenbestand des B auf genau 5 [€]. Schon nach kurzer Wegstrecke überrascht B seinen Freund A mit der Bemerkung: „Der erste Käufer ist bereits gefunden“, übergibt die 5 [€] an A und verlangt ein Bier. Wenig später erkennt auch A die tiefe Weisheit des alten Spruchs „Durst wird durch Bier erst schön“, verlangt ein Bier und gibt B die 5 [€] zurück. Die Sonne brennt, der Weg ist mühsam, die Frustrationstoleranz des B begrenzt. Mit den Worten „Lieber Lust statt Frust“ verlangt er gegen 5 [€] ein Bier. Um eine lange Geschichte abzukürzen: Als A und B schließlich am Ziel ankommen, sind sie breit wie Harry, das Fass Bier aber ist leer. Als sie am nächsten Tag wieder nüchtern sind, fragen sie sich wie es möglich ist mit 5 [€] ein [zwanzig-Liter-]Fass Bier [im Wert von 200 €] zu kaufen.“11 Betrachten wir die in diesem Beispiel enthaltenen Informationen: • getrunkene Becher (T): 40 • Preis je Becher (PT): 5 € • vorhandene Geldmenge (M): 5 € 10 Vgl. hierzu ausführlicher Abschnitt 5.5. 11 Demmler (2001), S. 455. 2.4 Quantitätsgleichung und Quantitätstheorie Vahlens Kurzlehrbücher – Moritz – Geldtheorie und Geldpolitik, 3. Auflage Herstellung: Frau Hilgendorff Status: Druckdaten Stand: 19.04.12 Seite: 12 Vahlens Kurzlehrbücher – Moritz – Geldtheorie und Geldpolitik, 3. Auflage Herstellung: Frau Hilgendorff Status: Druckdaten Stand: 19.04.12 Seite: 13 2 Grundlagen12 Der Wert des Bierfasses betrug 200 €. Bei einer gegebenen Geldmenge in Höhe von 5 € muss jede Geldeinheit im Durchschnitt vierzigmal zur Finanzierung von Güterkäufen verwendet worden sein. Wie oft eine Geldeinheit in einer Periode zur Finanzierung von Gütern verwendet worden ist, misst die Umlaufgeschwindigkeit des Transaktionsvolumens (VT). Sie lässt sich durch folgende Formel berechnen: (2-1) ⋅ ⋅ = = =TT P T 5 40 V 40 M 5 Erweitert man dieses Beispiel auf eine gesamte Volkswirtschaft, so kennzeichnet T das Transaktionsvolumen in einer Volkswirtschaft und PT das durchschnittliche Preisniveau. Die Umlaufgeschwindigkeit für eine abgelaufene Periode lässt sich somit immer auf der Basis des durchschnittlichen Preisniveaus, des Transaktionsvolumens und der Geldmenge ex-post bestimmen. Nach Umformung der Gleichung (2-1) erhält man die Quantitätsgleichung, die auch als Fisher’sche Verkehrsgleichung bezeichnet wird: (2-2) ⋅ = ⋅T TM V P T Diese Gleichung besagt, dass zur Finanzierung eines bestimmten nominalen Transaktionsvolumens (PT ∙ T) ein bestimmtes Geldvolumen (M) erforderlich ist, wobei die konkret benötigte Geldmenge von der Umlaufgeschwindigkeit des Geldes abhängt. Je schneller das Geld zirkuliert, desto geringer ist die notwendige Geldmenge, welche zur Finanzierung des Handelsvolumens benötigt wird. Das gesamte Handelsvolumen einer Volkswirtschaft lässt sich allerdings nicht exakt beobachten. Aus diesem Grunde wird häufig das nominelle Bruttoinlandsprodukt als Proxy für das Handelsvolumen verwendet, welches sich aus dem Staatsverbrauch, der Konsum- und Investitionsnachfrage sowie dem Au- ßenbeitrag zusammensetzt. Das nominelle Bruttoinlandsprodukt lässt sich in eine Preiskomponente (P) und eine reale Komponente (Yr) aufspalten. Gleichung (2-2) geht dann über in: (2-3) ⋅ = ⋅ rM V P Y In dieser Form misst die Umlaufgeschwindigkeit (V), wie häufig eine Geldeinheit zur Finanzierung des Bruttoinlandsprodukts verwendet worden ist. Da das Bruttoinlandsprodukt näherungsweise das (Brutto-)Einkommen einer Volkswirtschaft angibt, wird die Variable V auch als Einkommenskreislaufgeschwindigkeit des Geldes bezeichnet. Aus der Quantitätsgleichung folgt: Die Geldmenge (M) multipliziert mit der Einkommenskreislaufgeschwindigkeit (V) muss gerade dem nominalen Bruttoinlandsprodukt der Volkswirtschaft entsprechen, welches sich aus dem Produkt von Preisniveau (P) und Realeinkommen (Yr) ergibt. Die Quantitätsgleichung ist zunächst einmal nichts anderes als eine Definition, die für eine abgelaufene Periode immer erfüllt ist. Es handelt sich also um eine ex-post Identität. Ist man bestrebt aus der Quantitätsgleichung theoretische Aussagen abzuleiten, dann müssen Annahmen bezüglich der Abhängigkeiten der in der Quantitätsgleichung enthaltenen Variablen sowie über die Kausalität der Variablen getroffen werden. Vahlens Kurzlehrbücher – Moritz – Geldtheorie und Geldpolitik, 3. Auflage Herstellung: Frau Hilgendorff Status: Druckdaten Stand: 19.04.12 Seite: 12 Vahlens Kurzlehrbücher – Moritz – Geldtheorie und Geldpolitik, 3. Auflage Herstellung: Frau Hilgendorff Status: Druckdaten Stand: 19.04.12 Seite: 13 2.4 Quantitätsgleichung und Quantitätstheorie 13 2.4.2 Quantitätstheorie in einer stationären Volkswirtschaft Aus der Quantitätsgleichung lässt sich die Quantitätstheorie entwickeln, wenn Annahmen über die Bestimmungsgründe der in Gleichung (2-3) enthaltenen Variablen getroffen werden. Die Quantitätstheorie unterstellt diesbezüglich, dass • Geld nur für Transaktionszwecke verwendet wird. Der Liquiditätsbedarf der Wirtschaftssubjekte hängt ausschließlich von den Zahlungsgewohnheiten ab, die sich nur langfristig verändern. Zinsänderungen haben keinen Einfluss auf die Umlaufgeschwindigkeit des Geldes. Die Umlaufgeschwindigkeit des Geldes wird daher als konstant angesehen. • die reale Produktion von den produktionstechnischen Möglichkeiten einer Volkswirtschaft und den Strukturen am Arbeitsmarkt bestimmt wird. Voraussetzung dafür, dass die Produktion auch nachgefragt wird, sind flexible Preise und Löhne sowie eine Orientierung der Marktteilnehmer an realen Größen. Unfreiwillige Arbeitslosigkeit kann es dann nicht geben. Die Kapazitäten werden in der Volkswirtschaft stets voll ausgeschöpft. Aus diesen Annahmen folgt, dass die Geldmenge keinen Einfluss auf die reale Produktion und die Umlaufgeschwindigkeit ausübt. Es resultiert demnach eine proportionale Beziehung zwischen der Geldmengenentwicklung ( )M̂ und der Entwicklung des Preisniveaus ( )P̂ :12 (2-4) =ˆ ˆP M Für eine stationäre, d. h. nicht wachsende Volkswirtschaft gilt z. B.: Ein Geldmengenwachstum von 5 % führt zu einer Inflationsrate von 5 %. Aus der Quantitätstheorie folgt somit eine strenge Dichotomie zwischen dem realen und dem monetären Sektor. Vorgänge im monetären Sektor haben keinen Einfluss auf den realen Sektor. Die Quantitätstheorie ist die älteste Inflationstheorie. So wurden schon im 16. Jahrhundert von Jean Bodin die Zusammenhänge zwischen Inflation und Geldmengenwachstum erkannt, die später von Irving Fisher weiterentwickelt wurden. Die Quantitätstheorie basiert im Prinzip auf empirischen Beobachtungen. Auf Zeiten hoher Geldmengenausdehnungen folgten häufig Zeiten mit hohen Inflationsraten. So führten z. B. Gold- und Silberfunde im 16. und 17. Jahrhundert auch zu einer Erhöhung der Inflationsraten. Bei der Eroberung von Persien durch Alexander den Großen wurde eine große Menge an persischem Gold gestohlen. Der Anstieg der Geldmenge führte zu einer starken Erhöhung der Inflationsrate in Griechenland. 2.4.3 Quantitätstheorie in einer evolutorischen Volkswirtschaft In einer evolutorischen Volkswirtschaft verändert sich die Produktion. Können auch Veränderungen der Umlaufgeschwindigkeit ( )V̂ auftreten, so folgt aus der Gleichung (2-3): 12 Ein Dach über einer Variablen kennzeichnet die Wachstumsrate dieser Variablen. Vahlens Kurzlehrbücher – Moritz – Geldtheorie und Geldpolitik, 3. Auflage Herstellung: Frau Hilgendorff Status: Druckdaten Stand: 19.04.12 Seite: 14 Vahlens Kurzlehrbücher – Moritz – Geldtheorie und Geldpolitik, 3. Auflage Herstellung: Frau Hilgendorff Status: Druckdaten Stand: 19.04.12 Seite: 15 2 Grundlagen14 (2-5) = − +rˆˆ ˆ ˆP M Y V Es kommt also dann zu keiner inflationären Entwicklung, wenn das Geldmengenwachstum, unter Beachtung der Veränderung der Umlaufgeschwindigkeit, durch das Produktionswachstum ( )rŶ gedeckt ist. Die Quantitätstheorie unterstellt dabei, dass die Wachstumsrate der Produktion unabhängig vom Geldmengenwachstum ausfällt. Produktionserhöhungen werden nur durch Erhöhungen des Kapitalstocks oder durch Produktivitätsfortschritte ermöglicht. Die Abbildung  2.2 zeigt den Zusammenhang zwischen der durchschnittlichen Geldmengenexpansion und der durchschnittlichen Inflationshöhe für die Mitglieder der Europäischen Währungsunion im Zeitraum 1986 bis 1997. Anhand der Grafik ist deutlich ein positiver Zusammenhang zwischen Geldmengenwachstum und Inflationsrate zu erkennen. So führten z. B. insbesondere die hohen Geldmengenexpansionen in Griechenland, Portugal und Spanien zu relativ hohen Inflationsraten. Eine Ausnahme bildet Irland. Obwohl auch Irland eine hohe Geldmengenexpansion aufwies, stiegen die Preise jedoch nur moderat an. Dies liegt darin begründet, dass die irische Produktion real stark angestiegen ist. Die Geldmengenexpansion wurde durch einen Anstieg des Outputs gedeckt, sodass keine inflationären Prozesse auftraten. 13 Quelle: International Financial Statistics (IMF). Geldmenge: Money + Quasi Money = Currency in Circulation (34A.NZF) + Demand Deposits (34B.NZF) + Other Deposits (35.NZF). Inflationsrate basiert auf Consumer Prices (64.ZF). Zeitraum 1986–1997. 0% 2% 4% 6% 8% 10% 12% 14% 0% 2% 4% 6% 8% 10% 12% 14% 16% 18% Veränderung der Geldmenge (p.a.) Griechenland Portugal IrlandBelgien Spanien Italien Finnland Deutschland Österreich Niederlande Frankreich In fl at io ns ra te Abbildung 2.2: Zusammenhang zwischen Geldmengenwachstum und Inflationsrate13 Vahlens Kurzlehrbücher – Moritz – Geldtheorie und Geldpolitik, 3. Auflage Herstellung: Frau Hilgendorff Status: Druckdaten Stand: 19.04.12 Seite: 14 Vahlens Kurzlehrbücher – Moritz – Geldtheorie und Geldpolitik, 3. Auflage Herstellung: Frau Hilgendorff Status: Druckdaten Stand: 19.04.12 Seite: 15 2.4 Quantitätsgleichung und Quantitätstheorie 15 Insgesamt zeigen empirische Untersuchungen, dass bei hohen Inflationsraten eine nahezu proportionale Beziehung zwischen Geldmengenwachstum und Wachstumsrate des Preisniveaus besteht. Bei niedrigen Inflationsraten existiert dagegen kein enger Zusammenhang. Dies wird z. B. sichtbar, wenn man die Inflationsraten im Eurogebiet mit dem Geldmengenwachstum im Eurogebiet vergleicht. Während für das weite Geldmengenaggregat M3 immerhin noch eine positive Korrelation von 0,3 berechnet werden kann, fällt die Korrelation mit dem engen Geldmengenaggregat M1 sogar mit – 0,19 negativ aus.15 Schwankungen der Umlaufgeschwindigkeit können dazu führen, dass der Zusammenhang zwischen dem Geldmengenwachstum und der Inflationsrate gelockert wird. Bei unveränderter Geldmenge und Produktion kann sich das Preisniveau verändern, wenn die Umlaufgeschwindigkeit schwankt. In Abbildung 2.4 ist die Entwicklung der Umlaufgeschwindigkeit des Geldes für die Geldmenge M3 im Euroraum für den Zeitraum Dezember 1997 bis Dezember 2007 eingezeichnet. Aus dieser Abbildung ist ersichtlich, dass eine trendmäßige Reduktion der Umlaufgeschwindigkeit zu verzeichnen ist, wobei sich der Rückgang der Umlaufgeschwindigkeit seit 2000 verstärkt hat. Häufig werden Sonderfaktoren für die Entwicklung verantwortlich gemacht.16 Die Gültigkeit der Quantitätstheorie ist ferner eingeschränkt, wenn • die Umlaufgeschwindigkeit zinsabhängig ist. Geldmengenänderungen führen dann zu Zinsänderungen, die die Umlaufgeschwindigkeit mit verändern. 14 Hayo (2007), S. 11. 15 Vgl. Hayo (2007), S. 11. Zur Geldmenge M1 zählen der Bargeldumlauf und die Sichteinlagen der Nichtbanken bei den Kreditinstituten. Die Geldmenge M3 enthält zusätzlich Termineinlagen, Spareinlagen und marktfähige Instrumente. Die Geldmengenaggregate werden ausführlich beschrieben in Abschnitt 5.4. 16 Vgl. Bley (2008), S. 313f. 0.8 1.2 1.6 2.0 2.4 2.82,8 2,4 2,0 1,6 1,2 0,8 H ar m o n is ie rt er V er b ra u ch er p re is in d ex 6 8 10 12 14 16 18 % 2,8 2,4 2,0 1,6 1,2 0,8 % M1 M3 4 5 6 7 8 9 10 11 Abbildung 2.3: Geldmengenwachstumsraten und Inflationsrate im Eurogebiet 1999 bis 200614 Vahlens Kurzlehrbücher – Moritz – Geldtheorie und Geldpolitik, 3. Auflage Herstellung: Frau Hilgendorff Status: Druckdaten Stand: 19.04.12 Seite: 16 Vahlens Kurzlehrbücher – Moritz – Geldtheorie und Geldpolitik, 3. Auflage Herstellung: Frau Hilgendorff Status: Druckdaten Stand: 19.04.12 Seite: 17 2 Grundlagen16 • Unterbeschäftigung vorliegt. Geldmengenänderungen können die Güternachfrage ankurbeln und somit die Produktion erhöhen, ohne dass Preiseffekte auftreten. 2.5 Währungsordnungen 2.5.1 Formen Währungsordnungen unterscheiden sich bezüglich der Frage, inwieweit die umlaufende Geldmenge an ein bestimmtes Metall gebunden ist. Gebundene Währungen sind dadurch gekennzeichnet, dass der Notenumlauf durch die Vorräte eines bestimmten Edelmetalls bei der Zentralbank gedeckt ist. Die Abbildung 2.5 liefert eine Übersicht über unterschiedliche gebundene Goldwährungssysteme. Bei gebundenen Währungen (Metallwährungen) wird die umlaufende Geldmenge an eine bestimmte Menge eines Gutes gebunden. Diese Bindung erfolgt in der Regel an ein Edelmetall, meist an Gold oder Silber. Bei der Bindung an Gold spricht man von einer Goldwährung. Bei einer reinen Goldumlaufwährung sind ausschließlich vollwertig ausgeprägte Goldmünzen im Umlauf. Bei diesen Münzen entspricht der Stoffgehalt dem aufgeprägten Wert. In einigen Ländern waren früher gleichzeitig Silber- und Goldmünzen im Umlauf. Es handelte sich dabei um Doppelwährungen, bei denen von staatlicher Seite das Verhältnis der beiden Münzwerte festgelegt 17 Bley (2008), S. 313f. (nach: EZB, Eurostat sowie Berechnungen des Bundesverbandes der Deutschen Volksbanken und Raiffeisenbanken). Durchgezogene Linie: genaue Werte; gestrichelte Linie: Trend. 2.5 Währungsordnungen 0,25 0,27 0,29 0,31 0,33 0,35 0,37 Dez 1997 Dez 1999 Dez 2001 Dez 2003 Dez 2005 Dez 2007 Abbildung 2.4: Trend der Umlaufgeschwindigkeit der Geldmenge M317 Vahlens Kurzlehrbücher – Moritz – Geldtheorie und Geldpolitik, 3. Auflage Herstellung: Frau Hilgendorff Status: Druckdaten Stand: 19.04.12 Seite: 16 Vahlens Kurzlehrbücher – Moritz – Geldtheorie und Geldpolitik, 3. Auflage Herstellung: Frau Hilgendorff Status: Druckdaten Stand: 19.04.12 Seite: 17 2.5 Währungsordnungen 17 wurde. Sind dagegen Gold- und Silbermünzen im Verkehr, deren Paritäten sich am Markt frei bilden, spricht man von einer Parallelwährung. Bei einer gemischten Goldumlaufwährung sind neben Kurantmünzen zusätzlich Banknoten und unterwertige Münzen (Scheidemünzen) im Umlauf, deren Stoffwert und Nennwert auseinanderfallen. Die umlaufenden Banknoten und Scheidemünzen können vollständig oder teilweise durch Goldbestände der Zentralbank gedeckt sein. Die Zentralbank verpflichtet sich, die umlaufenden Banknoten und Scheidemünzen zu einem von ihr fixierten Kurs in Gold einzulösen. Bei einer Goldkernwährung (Goldbarrenwährung) sind keine Goldmünzen mehr im Umlauf. Bezüglich der Deckungsvorschriften kann zwischen einem Proportionalsystem und einem Fiduziärsystem unterschieden werden. Das Proportionalsystem schreibt vor, dass ein bestimmter Prozentsatz des umlaufenden Geldes durch Gold gedeckt ist. Dagegen bleibt bei einem Fiduziärsystem ein gewisser Geldbetrag, ein sogenanntes Vertrauensgeld, ungedeckt. Darüber hinausgehende Geldbestände müssen vollständig durch Gold gedeckt werden. In dem Zeitraum von 1880 bis 1914 war die Deckung der umlaufenden Münzen und Noten durch Gold das am häufigsten praktizierte System. Diesen Zeitraum bezeichnet man daher auch als die Zeit des klassischen Goldstandards. So war die Reichsbank verpflichtet, mindestens ein Drittel des umlaufenden Bargeldes durch Gold zu decken. Bargeld konnte bei der Reichsbank in Goldmünzen umgetauscht werden. Da Goldmünzen und Scheidemünzen gleichzeitig umliefen, entsprach das Währungssystem einer gemischten Goldumlaufwährung. Die Festlegung der Parität der Währung eines Landes zum Gold implizierte, dass bei gleichzeitiger Festlegung einer anderen Währung zum Gold die Wechselkurse der Währungen untereinander über die Kreuzparitäten fixiert waren. Mit dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges wurde die Golddeckung aufgehoben. Nach dem Ersten Weltkrieg kehrten die USA und Großbritannien zum Goldstandard zurück. Die anderen Länder führten Golddevisenwährungen ein. Im Unterschied zum klassischen Goldstandard war die umlaufende Geldmenge nicht mehr ausschließlich durch eigenes Gold, sondern zusätzlich durch sogegebundene Währungen reine Goldumlaufwährung • Kurantmünzen gemischte Goldumlaufwährung • Kurantmünzen • Scheidemünzen • Papiergeld Goldkernwährung • Scheidegeld • Papiergeld ProportionalsystemFiduziärsystem Abbildung 2.5: Gebundene Währungen Vahlens Kurzlehrbücher – Moritz – Geldtheorie und Geldpolitik, 3. Auflage Herstellung: Frau Hilgendorff Status: Druckdaten Stand: 19.04.12 Seite: 18 Vahlens Kurzlehrbücher – Moritz – Geldtheorie und Geldpolitik, 3. Auflage Herstellung: Frau Hilgendorff Status: Druckdaten Stand: 19.04.12 Seite: 19 2 Grundlagen18 nannte Golddevisen gedeckt.18 Nach dem deutschen Bankengesetz musste die umlaufende Bargeldmenge zu 40 % durch Gold und Devisen gedeckt sein. Der restaurierte Goldstandard brach mit der Aufhebung der Goldeinlösungspflicht der Bank von England für das Pfund am 21.09.1931 zusammen. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das Wechselkurssystem von Bretton- Woods gegründet. Die amerikanische Zentralbank verpflichtete sich, gegenüber Inländern und anderen Zentralbanken, Gold zu einem Kurs von 35 US-$ je Feinunze zu kaufen und zu verkaufen, wobei die Dollarnoten zu 25 % durch Goldreserven der USA gedeckt wurden. Die anderen Teilnehmerländer verpflichteten sich, den Wechselkurs ihrer Währungen zum Dollar zu einem festen Kurs, mit einer Bandbreite von ursprünglich 1 %, später 2,25 %, zu stabilisieren. Da die USA von Interventionen gegen über anderen Währungen befreit waren, übernahm sie im Bretton-Woods-System die Leitwährungsfunktion. Aufgrund der Dollarschwäche in den Jahren 1972 und 1973 mussten die Teilnehmerländer des Währungssystems umfangreiche Interventionen vornehmen, was schließlich zum Zusammenbruch des Währungssystems von Bretton-Woods führte. In Deutschland wurde nach dem Zweiten Weltkrieg der Übergang von einer Metall- zu einer Papierwährung vollzogen. Papierwährungen werden auch als ungebundene Währungen bzw. manipulierbare Währungen bezeichnet. In einem solchen System orientiert sich die Höhe der Geldversorgung durch die Notenbank an gesamtwirtschaftlichen Erfordernissen wie der Preisniveaustabilität. Eine Einlösungspflicht des Bargeldes gegen Gold bei der Zentralbank besteht nicht. Dies gilt auch für den Euro. 2.5.2 Beurteilung Gebundene Währungen haben den Vorteil, dass eine inflationäre Geldmengenausweitung eingeschränkt ist, da eine übermäßige Inanspruchnahme der Notenpresse, die den Wert einer Währung gefährdet, durch die Golddeckung verhindert wird. Man spricht daher von einer goldenen Bremse der Notenpresse. Diesem Vorteil stehen jedoch einige Nachteile gegenüber: Goldfunde sind zum einen zufällig und zum anderen sind die Goldvorkommen begrenzt und ungleich verteilt. Nehmen die Produktionsmöglichkeiten zu, dann muss, wie anhand der Quantitätsgleichung zu erkennen ist, sich entweder die Umlaufgeschwindigkeit des Geldes erhöhen oder das Preisniveau fallen, damit die zusätzlichen Produktionsmöglichkeiten auch ausgeschöpft werden. Wird die Umlaufgeschwindigkeit des Geldes durch die Zahlungsgewohnheiten in der Volkswirtschaft determiniert, dann liegt die Anpassung auf den Schultern des Preisniveaus. Sind aber die Preise nicht ausreichend flexibel, dann reicht die bestehende Geldmenge zur Finanzierung des potenziellen Bruttoinlandsprodukts nicht aus. Die Produktionsmöglichkeiten können nicht ausgeschöpft werden, womit Beschäftigungsrückgänge verbunden sind. Werden im umgekehrten Fall zufällig Goldbestände entdeckt, dann wächst die umlaufende Geldmenge, ohne 18 Bei Golddevisen handelt es sich um Devisen, die bei der emittierenden Zentralbank gegen Gold eingetauscht werden können. Vahlens Kurzlehrbücher – Moritz – Geldtheorie und Geldpolitik, 3. Auflage Herstellung: Frau Hilgendorff Status: Druckdaten Stand: 19.04.12 Seite: 18 Vahlens Kurzlehrbücher – Moritz – Geldtheorie und Geldpolitik, 3. Auflage Herstellung: Frau Hilgendorff Status: Druckdaten Stand: 19.04.12 Seite: 19 2.6 Aufgaben zu Kapitel 2 19 dass ein entsprechender Anstieg der Produktion dem entgegensteht, wodurch inflationäre Tendenzen ausgelöst werden. Ähnliche Probleme ergeben sich bei einem Konjunkturabschwung. Tritt ein Nachfrageschock auf und sind die Preise kurzfristig inflexibel, dann kommt es zu Produktions- und Beschäftigungseinbrüchen. Eine expansive Geldpolitik könnte einen expansiven Impuls geben und die Nachfrage beleben. Aus oben genannten Gründen ist dies aber nicht möglich. Eine konjunktur- bzw. wachstumsgerechte Geldmengenversorgung ist somit bei einer gebundenen Währung kaum möglich. Ungebundene Währungen (Papierwährungen) bieten den Vorteil, flexibel auf Konjunkturschwankungen eingehen zu können und ermöglichen ferner eine potenzialorientierte Wachstumspolitik. Außerdem ist aus der Quantitätsgleichung ersicht lich, dass zur Sicherung der Preisniveaustabilität die Geldmenge nicht durch einen bestimmten Metallvorrat bei der Zentralbank gedeckt sein muss, sondern durch eine entsprechende Produktion. Steigen die Produktionsmöglichkeiten, dann sollte die Geldmenge entsprechend ausgedehnt werden. Dies bedeutet, dass sich die Entwicklung der Geldmenge am Wachstum der Produktionsmöglichkeiten orientieren sollte. Unter Beachtung einer veränderbaren Umlaufgeschwindigkeit des Geldes löst eine Veränderung der Geldmenge nach der Formel (2-6) rP ˆˆ ˆM Y V= − rPŶ : Wachstumsrate des realen Produktionspotenzials keine inflationären Entwicklungen aus. Allerdings fehlt bei einer ungebundenen Währung die goldene Bremse der Inflation. Um das Vertrauen in die Stabilität der DM zu gewährleisten, wurde mit der Deutschen Bundesbank eine politisch und ökonomisch unabhängige Zentralbank geschaffen, deren primäre Aufgabe gemäß dem Bundesbankgesetz auf die Preisniveaustabilität gerichtet war. Bezüglich der Unabhängigkeit der Europäischen Zentralbank wurden im Maastrichter Vertrag ähnliche Vereinbarungen getroffen.19 2.6 Aufgaben zu Kapitel 220 Aufgabe 2.1 Welche Erscheinungsformen des Geldes kennen Sie? Aufgabe 2.2 Erläutern Sie die unterschiedlichen Funktionen des Geldes! Aufgabe 2.3 Erläutern Sie die Probleme, die sich im Zuge der Finanzmarktkrise ergeben hätten, wenn die umlaufende Bargeldmenge durch Gold gedeckt gewesen wäre! 19 Vgl. hierzu ausführlicher Abschnitt 14.4.4. 20 Die Lösungen zu den Übungsaufgaben finden Sie unter http://www.vahlen.de/. 2.6 Aufgaben zu Kapitel 2 Vahlens Kurzlehrbücher – Moritz – Geldtheorie und Geldpolitik, 3. Auflage Herstellung: Frau Hilgendorff Status: Druckdaten Stand: 19.04.12 Seite: 20 Vahlens Kurzlehrbücher – Moritz – Geldtheorie und Geldpolitik, 3. Auflage Herstellung: Frau Hilgendorff Status: Druckdaten Stand: 19.04.12 Seite: 21 2 Grundlagen20 Aufgabe 2.4 Wann führt eine Erhöhung der Geldmenge zu einer Erhöhung des Preisniveaus? Aufgabe 2.5 Eine Zentralbank geht für die nächste Periode davon aus, dass die reale Produktion um 4 % steigt und die Umlaufgeschwindigkeit des Geldes um 1 % zurückgeht. Um wie viel Prozent darf die Zentralbank die Geldmenge erhöhen, wenn eine angestrebte Inflationsrate von 3 % erreicht werden soll?

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References

Zusammenfassung

Die Zusammenhänge der Geldpolitik.

Moritz, Geldtheorie und Geldpolitik

3. Auflage. 2012.

ISBN 978-3-8006-4234-2

Geldpolitik komplett

Dieses Lehrbuch vermittelt die Grundkenntnisse der Geldtheorie und Geldpolitik anhand von konkreten Beispielen und den aktuellen geldpolitischen Entwicklungen. Die Übungsfragen am Kapitelende sorgen für einen höheren Lernerfolg.

Besonders aktuell: Geldpolitik

Die 3. Auflage berücksichtigt die aktuellen Entwicklungen der Europäischen Währungsunion und stellt die geld-politischen Zusammenhänge praktisch dar.

Besonders interessant

für Studenten der Wirtschaftswissenschaften an Universitäten, Fachhochschulen und Berufsakademien.