12 Diskretionäre versus regelgebundene Geldpolitik in:

Karl-Heinz Moritz

Geldtheorie und Geldpolitik, page 254 - 277

3. Edition 2012, ISBN print: 978-3-8006-4234-2, ISBN online: 978-3-8006-4235-9, https://doi.org/10.15358/9783800642359_254

Series: Vahlens Kurzlehrbücher

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Vahlens Kurzlehrbücher – Moritz – Geldtheorie und Geldpolitik, 3. Auflage Herstellung: Frau Hilgendorff Status: Druckdaten Stand: 19.04.12 Seite: 234 Vahlens Kurzlehrbücher – Moritz – Geldtheorie und Geldpolitik, 3. Auflage Herstellung: Frau Hilgendorff Status: Druckdaten Stand: 19.04.12 Seite: 235 12 Diskretionäre versus regelgebundene Geldpolitik 12.1 Einführung Keynesianer plädieren für eine diskretionäre Geldpolitik. Eine diskretionäre Geldpolitik liegt vor, wenn die geldpolitischen Instrumente je nach konjunktureller Situation von Fall zu Fall eingesetzt werden, um konjunkturelle Schwankungen zu dämpfen. Da jeder Konjunkturzyklus ein eigenes Muster aufweist, plädieren die Keynesianer für einen relativ großen Handlungsspielraum der Notenbanken. Der Einsatz des geldpolitischen Instrumentariums erfolgt somit in Abhängigkeit der vorherrschenden konjunkturellen Lage. Der entscheidende Vorteil einer diskretionären Strategie besteht in der relativ hohen Flexibilität. Somit bietet diese Strategie die Möglichkeit, auf unvorhersehbare Ereignisse, wie z. B. einen Einbruch von Börsenkursen, zu reagieren. Sie eröffnet den Entscheidungsträgern die Möglichkeit, auf unterschiedliche Problemursachen auch mit einem entsprechenden Einsatz des geldpolitischen Instrumentariums zu reagieren. Monetaristen nehmen gegenüber einer diskretionären Geldpolitik eine kritische Haltung ein. Insbesondere aufgrund von Lag- und Dosierungsproblemen ist eine adäquate Steuerung der Konjunktur nicht möglich. Diese traditionelle Kritik wird im Abschnitt 12.2 dargestellt. Die Kontroverse zwischen Keynesianern und Monetaristen wurde in neuerer Zeit durch die Probleme der Zeitinkonsistenz geldpolitischer Entscheidungen wiederbelebt. Das Problem der Zeitinkonsistenz wird im Abschnitt 12.3 diskutiert. 12.2 Traditionelle Kritik an der diskretionären Geldpolitik 12.2.1 Wirkungsverzögerungen und Dosierungsprobleme Ein Problem der diskretionären Geldpolitik, liegt in den Wirkungsverzögerungen (Time-Lags) von geldpolitischen Maßnahmen.252 Die Lag-Problematik besagt, dass zwischen dem Auftreten einer gesamtwirtschaftlichen Störung und der Wirkung einer geldpolitischen Maßnahme am Gütermarkt eine sehr lange Zeit vergehen kann. Die möglichen Time-Lags werden anhand der Abbildung 12.1 beschrieben. 252 Vgl. hierzu ausführlich Pätzold/Baade (2008), S. 125ff. 12 Diskretionäre versus regelgebundene Geldpolitik 12.1 Einführung 12.2 Traditionelle Kritik an der diskretionären Geldpolitik Vahlens Kurzlehrbücher – Moritz – Geldtheorie und Geldpolitik, 3. Auflage Herstellung: Frau Hilgendorff Status: Druckdaten Stand: 19.04.12 Seite: 236 Vahlens Kurzlehrbücher – Moritz – Geldtheorie und Geldpolitik, 3. Auflage Herstellung: Frau Hilgendorff Status: Druckdaten Stand: 19.04.12 Seite: 237 12 Diskretionäre versus regelgebundene Geldpolitik236 Als Inside-Lag bezeichnet man den Zeitraum zwischen Eintritt der Störung und Ergreifung geldpolitischer Maßnahmen. Zunächst müssen statistische Daten vorliegen, die eine Fehlentwicklung signalisieren und einen geldpolitischen Handlungsbedarf erforderlich machen (Recognition-Lag). Ist der Handlungsbedarf erkannt, müssen geldpolitische Entscheidungen getroffen und durchgeführt werden. Jene Verzögerungen, die bei der Entscheidungsfindung eintreten, sind abhängig vom Willensbildungsprozess der Zentralbank (Decision-Lag). Durchführungsverzögerungen scheinen für die Ergreifung geldpolitischer Maßnahmen gegenüber der Durchführung fiskalpolitischer Maßnahmen von untergeordneter Bedeutung zu sein. Problematischer sind die Wirkungsverzögerungen, die sich im monetären Bereich (Intermediate-Lag) und im realwirtschaftlichen Bereich (Outside-Lag) ergeben. So vergeht eine ungewisse Zeitspanne, bis sich die geldpolitischen Maßnahmen auf die Zinsen und die Geldmenge auswirken und die Marktteilnehmer auf diese Änderungen reagieren. Die Bundesbank schätzt den Zeitraum zwischen geldpolitischem Impuls und Preisänderungen auf 20 Monate.254 Die Gefahr dieser Time-Lags liegt darin, dass eine expansive geldpolitische Maßnahme, die während der Rezession ergriffen worden ist, im realen Bereich erst ihre Wirkung entfaltet, wenn sich die Konjunktur bereits von selbst wieder erholt hat. Die antizyklische Geldpolitik bewirkt dann genau das Gegenteil dessen, was man sich von ihr verspricht – sie verstärkt die Konjunkturzyklen. Ein weiterer Unsicherheitsfaktor besteht in der Intensität, mit der sich eine gewisse Dosierung des Instrumentes auf das Endziel auswirkt. Um die Auswirkung eines geldpolitischen Impulses auf die Produktion prognostizieren zu können, benötigt man Kenntnisse über • die Auswirkungen der monetären Basis auf die Geldmenge, • den Einfluss der Geldmenge auf das Zinsniveau, • die Reaktion der Investitionen auf eine Zinsänderung und • die Auswirkungen der Investitionen auf die Produktion. 253 In Anlehnung an Schlipf (2009), S. 151 sowie Gischer/Herz/Menkhoff (2011), S. 302. 254 Vgl. Deutsche Bundesbank (1992), S. 20ff. Inside-Lag • Recognition-Lag • Decision-Lag Intermediate- Lag Outside-Lag Zentralbank Kreditinstitute Nichtbanken geldpolitische Maßnahme Eintritt der Störung Wirkung auf Zwischenziel Wirkung auf Endziel Abbildung 12.1: Wirkungsverzögerungen der Geldpolitik253 Vahlens Kurzlehrbücher – Moritz – Geldtheorie und Geldpolitik, 3. Auflage Herstellung: Frau Hilgendorff Status: Druckdaten Stand: 19.04.12 Seite: 236 Vahlens Kurzlehrbücher – Moritz – Geldtheorie und Geldpolitik, 3. Auflage Herstellung: Frau Hilgendorff Status: Druckdaten Stand: 19.04.12 Seite: 237 12.2 Traditionelle Kritik an der diskretionären Geldpolitik 237 Die Stärke dieser Effekte ist schwer zu ermitteln. Zudem variieren sie im Konjunkturverlauf. Es ist folglich kaum gewährleistet, dass eine gleiche Dosierung des Mitteleinsatzes stets zu dem gleichen Ergebnis führt. Lange und variable Lags können monetäre Impulse unter Umständen erst zum Tragen kommen lassen, wenn sie in Bezug auf die dann vorherrschende Konjunkturlage schon wieder kontraindiziert sind. Aufgrund der Wirkungsverzögerungen sind konjunkturelle geldpolitische Maßnahmen kaum adäquat einsetzbar. Vielmehr wird die Geldpolitik selbst zum Verursacher von Konjunkturschwankungen. 12.2.2 Politökonomische Kritikebene Neben der Dosierungs- und Lag-Problematik wurde von den Monetaristen darauf hingewiesen, dass eine diskretionär ausgelegte Geldpolitik langfristig die Inflation anheizen wird. Monetaristen befürchten, dass Politiker konjunkturelle Instrumente zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit auch dann einsetzen werden, wenn die natürliche Arbeitslosigkeit bereits erreicht ist. Im Kapitel 9.4 wurde gezeigt, dass der Versuch zur Bekämpfung der natürlichen Arbeitslosigkeit mittels einer expansiven Geldpolitik in langfristig höheren Inflationsraten endet. Durch den Einsatz konjunktureller Instrumente suggeriert der Staat ferner die Übernahme einer Vollbeschäftigungsgarantie. Daher bestehen für die Tarifpartner kaum Anreize, konjunkturkonforme Tarifabschlüsse zu tätigen. Dies trägt zu einer Verstärkung der Rigidität von Löhnen und Preisen bei. Schließlich befürchten Monetaristen asymmetrische Einstellungen der Politiker bezüglich einer Tolerierung des Anstiegs der Inflationsrate und einer Bekämpfung der Inflation. Dies lässt sich damit begründen, dass bei einer Erhöhung der Inflation temporär positive und bei einer Reduktion der Inflation temporär negative Beschäftigungseffekte auftreten. Expansive Maßnahmen sind politisch einfacher umzusetzen als kontraktive Maßnahmen. Demokratisch gewählte Regierungen werden daher nach Ansicht der Monetaristen nur ein geringes Interesse aufbringen, die Volkswirtschaft in eine Rezession zu stürzen, um Inflationsraten zu reduzieren. Monetaristen sind also skeptisch, dass Politiker adäquat mit dem konjunkturpolitischen Instrumentarium umgehen können. 12.2.3 Ineffektivität der Geldpolitik Nach Ansicht der Monetaristen wirkt eine diskretionäre Geldpolitik destabilisierend. Sie sprechen der Geldpolitik allerdings zumindest kurzfristig reale Wirkungen zu. Die Anhänger der Neuen Klassischen Makroökonomie gehen einen entscheidenden Schritt weiter. Nach Ansicht der Neuklassiker ist eine systematische Ausnutzung eines Trade-offs nicht möglich, da die Marktteilnehmer die beabsichtigten politischen Maßnahmen antizipieren. Sie sprechen damit der Geldpolitik auch kurzfristig jegliche reale Wirkungen ab.255 255 Vgl. die Diskussion im Abschnitt 9.5. Vahlens Kurzlehrbücher – Moritz – Geldtheorie und Geldpolitik, 3. Auflage Herstellung: Frau Hilgendorff Status: Druckdaten Stand: 19.04.12 Seite: 238 Vahlens Kurzlehrbücher – Moritz – Geldtheorie und Geldpolitik, 3. Auflage Herstellung: Frau Hilgendorff Status: Druckdaten Stand: 19.04.12 Seite: 239 12 Diskretionäre versus regelgebundene Geldpolitik238 12.3 Problem der Zeitinkonsistenz 12.3.1 Einführung Die traditionelle Diskussion hebt die Schwächen der diskretionären Geldpolitik insbesondere aufgrund der Lag- und Dosierungsproblematik hervor. Neuere Arbeiten betonen dagegen das Problem der Zeitinkonsistenz.256 Eine zeitinkonsistente Geldpolitik liegt vor, wenn „ein ursprünglich als optimal angesehener Instrumenteneinsatz im Zeitverlauf suboptimal wird“257. Ein anschauliches Beispiel für Zeitinkonsistenz stammt von Blinder.258 Professoren verfolgen das Ziel, Studentinnen und Studenten Wissen zu vermitteln. Sie möchten dieses Ziel aber mit möglichst geringem Aufwand erreichen, um sich ausreichend ihren Forschungsaktivitäten widmen zu können. Das Ausarbeiten und Korrigieren von Klausuren verursacht Kosten. Aus Sicht der Professoren wäre es also wünschenswert, ohne Klausuren Wissen zu vermitteln. Bezüglich der Studenten wollen wir annehmen, dass sie ihren Leistungsnachweis mit möglichst geringem Aufwand erreichen möchten. Die folgende Strategie würde den Nutzen der Professoren maximieren: Sie kündigen am Anfang der Vorlesung eine Klausur an. Die Studenten lernen fleißig für die Klausur. Unmittelbar vor der Klausur verkünden die Professoren, dass sie ihr Ziel, den Studenten Wissen zu vermitteln, erreicht haben. Eine Klausur erübrigt sich daher. Bevor die Studenten sich Wissen angeeignet haben, ist es aus Sicht der Professoren optimal, eine Klausur schreiben zu lassen. Nachdem die Studenten fleißig gelernt haben, ist die Durchführung der Klausur aber nicht mehr optimal. Die Strategie, eine Klausur schreiben zu lassen, ist daher nicht zeitkonsistent. Die Zeitinkonsistenz der Strategie des Professors werden die Studenten allerdings durchschauen. Die Studenten gehen also in folgenden Perioden davon aus, dass die Klausur nicht geschrieben wird und bereiten sich daher auch nicht auf die Klausur vor.259 Die aus Sicht des Professors beste Lösung (First-Best-Lösung) – Studenten lernen und es wird keine Klausur geschrieben – ist somit nicht realisierbar. Wie können die Professoren aber erreichen, dass sich die Studenten Wissen aneignen? Die Lösung liegt in einer institutionellen Regelbindung. Durch eine verbindliche Prüfungsordnung verlieren die Professoren ihren Entscheidungsspielraum. 256 Ausgangspunkt der folgenden Überlegungen bildet die Arbeit von Kydland/Prescott (1977), S. 473ff. Barro/Gordon (1983), S. 101ff. übertrugen diese Gedanken auf die Stabilitätspolitik. 257 Vollmer (2005), S. 52. Zeitkonsistente Strategien weisen dagegen die Eigenschaft auf, dass eine Entscheidung im Zeitverlauf optimal bleibt. 258 Vgl. Blinder (1987), S. 399ff. sowie Bofinger/Frenkel (1991), S. 171f. 259 Liegen adaptive Erwartungen vor, dann wird die Zeitinkonsistenz bei wiederholten Spielen offengelegt. Für das Klausurbeispiel würde daraus folgen, dass es den Professoren einmal gelingt, die Studenten zu täuschen. In den nächsten Semestern lernen die Studenten aus ihren Fehlern und gehen von der Absage der Klausur aus. Bei rationalen Erwartungen und vollständigen Informationen gelingt die Täuschung schon in der ersten Periode nicht. 12.3 Problem der Zeitinkonsistenz Vahlens Kurzlehrbücher – Moritz – Geldtheorie und Geldpolitik, 3. Auflage Herstellung: Frau Hilgendorff Status: Druckdaten Stand: 19.04.12 Seite: 238 Vahlens Kurzlehrbücher – Moritz – Geldtheorie und Geldpolitik, 3. Auflage Herstellung: Frau Hilgendorff Status: Druckdaten Stand: 19.04.12 Seite: 239 12.3 Problem der Zeitinkonsistenz 239 Die Klausur wird auf jeden Fall geschrieben, und die Studenten werden sich (hoffentlich) vorbereiten.260 Übertragen wir nun dieses Beispiel auf die Geldpolitik: Im Zeitpunkt t0 kündigt eine Zentralbank an, welche Inflationsrate sie in der folgenden Periode anstrebt. Zu diesem Zeitpunkt haben die Tarifparteien noch keine Verhandlungen bezüglich des Lohnniveaus der kommenden Tarifperiode geführt. Die Zentralbank berechnet unter Beachtung, dass die Tarifparteien die von ihr angekündigte Inflationsrate in die Tarife einfließen lassen, das optimale Lohnniveau. Im Zeitpunkt t1 legen die Tarifparteien unter Beachtung der angekündigten Inflationsrate das Lohnniveau verbindlich für die Tariflaufzeit fest. Nach Festsetzung der Nominallöhne durch die Arbeitgeber und Arbeitnehmer kann die Zentralbank die Tarifpartner mittels einer inflationären Geldpolitik überraschen und eine Absenkung der Reallöhne herbeiführen. Ein Absinken der Reallöhne erhöht die Nachfrage nach Arbeitskräften, sodass positive Beschäftigungseffekte erzielt werden können. Die ursprünglich angekündigte Preisniveaustabilität ist somit nicht zeitkonsistent. Es stellt sich aber die Frage, ob sich die privaten Wirtschaftssubjekte von der Zentralbank täuschen lassen. Die Marktteilnehmer werden versuchen, die geldpolitischen Entscheidungen zu antizipieren und diese in ihre Entscheidungen einfließen zu lassen. Unterstellt man rationale Erwartungen auf Seiten der privaten Wirtschaftssubjekte und liegen symmetrische Informationsstände vor, so werden die privaten Wirtschaftssubjekte die Strategie der Zentralbank durchschauen. Sie erkennen den Anreiz der Zentralbank, die Inflationsrate über die angekündigte Inflationsrate anzuheben und werden dies in ihrer Erwartungsbildung berücksichtigen. Folglich werden sie eine höhere als die angekündigte Inflationsrate antizipieren. Bevor die Zentralbank eine expansivere Geldpolitik durchführen kann, werden bereits Tarifverträge vereinbart, in welche die erwartete höhere Inflationsrate einfließt. Da der Überraschungseffekt der Inflation entfällt, wird die Arbeitslosigkeit das natürliche Niveau annehmen. Daraus folgt: Aufgrund der Möglichkeit, einer diskretionären Geldpolitik eine Überraschungsinflation vorzunehmen, wird die Inflationsrate höher ausfallen, ohne dass damit positive Beschäftigungseffekte verbunden sind. Wir werden im Folgenden anhand eines einfachen Modells aufzeigen, welche Konsequenzen aus der Existenz zeitinkonsistenter Entscheidungen für die Kontroverse diskretionäre versus regelgebundene Entscheidungen resultieren. Darüber hinaus werden wir die Bedingungen für eine zeitkonsistente geldpolitische Strategie herleiten. 260 Der Ansatz bietet somit eine Lösung für ein aus Sicht der Professoren unerklärbares Phänomen, warum Studenten sich auf eine anstehende Klausur nicht hinreichend vorbereiten. Die Studenten gehen davon aus, dass gar keine Klausur stattfindet. Aus Sicherheitsgründen (um unnötige Anstrengungen zu vermeiden) lernen sie nicht. Vahlens Kurzlehrbücher – Moritz – Geldtheorie und Geldpolitik, 3. Auflage Herstellung: Frau Hilgendorff Status: Druckdaten Stand: 19.04.12 Seite: 240 Vahlens Kurzlehrbücher – Moritz – Geldtheorie und Geldpolitik, 3. Auflage Herstellung: Frau Hilgendorff Status: Druckdaten Stand: 19.04.12 Seite: 241 12 Diskretionäre versus regelgebundene Geldpolitik240 12.3.2 Annahmen Die Grundgedanken werden anhand eines zweistufigen Spiels zwischen Zentralbank und privaten Marktteilnehmern illustriert. Dabei wird folgender zeitlicher Ablauf der Entscheidungen unterstellt: • Die Zentralbank berechnet eine vor Abschluss der Tarifverträge optimale Inflationsrate und kündigt diese an. • Die Tarifpartner schließen Verträge über die Höhe der Nominallöhne auf der Basis ihrer Inflationserwartungen ab, welche sich an den Ankündigungen der Zentralbank orientieren. Diese Arbeitsverträge besitzen eine Laufzeit von mindestens einer Periode. Die Verträge können während der Laufzeit nicht gekündigt oder modifiziert werden. • Die Zentralbank berechnet nach Abschluss der Arbeitsverträge die optimale Inflationsrate und versucht diese über den Einsatz ihrer geldpolitischen Instrumente zu erreichen. • Die tatsächlich durchgeführte Geldpolitik und das vereinbarte Lohnniveau bestimmen die Inflationsrate und die Höhe der Arbeitslosigkeit. • Wir betrachten nur eine Periode. Inflation und Arbeitslosigkeit führen zu volkswirtschaftlichen Verlusten (V). Die volkswirtschaftliche Verlustfunktion wird beschrieben durch: (12-1) = ˆV V(P,AQ) Sowohl eine Erhöhung der Arbeitslosigkeit (AQ) als auch eine Erhöhung der Inflation ˆ(P) erhöht den Verlust der Zentralbank. Die Grenzverluste (GV), bezogen auf die Inflation und die Arbeitslosigkeit, sind positiv: (12-2) P̂ V GV = 0 P̂ ∂ > ∂ (12-3) AQ V GV = 0 AQ ∂ > ∂ Die Grenzverluste geben an, wie stark der gesellschaftliche Wohlfahrtsverlust bei einer Erhöhung der Inflation bzw. bei einer Erhöhung der Arbeitslosigkeit um einen Prozentpunkt zunimmt. Die aus der Verlustfunktion resultierenden Verlustindifferenzkurven, die alle Kombinationen von Inflationsraten und Arbeitslosenquoten erfassen, die zum gleichen Verlust führen, verlaufen mit einer negativen Steigung. Nimmt die Arbeitslosigkeit zu, dann steigt der volkswirtschaftliche Verlust. Der volkswirtschaftliche Verlust kann nur dann konstant bleiben, wenn die Inflationsrate zurückgeht. Eine Steigung einer Verlustindifferenzkurve entspricht dem negativen Verhältnis der Grenzverluste. Um die weiteren Argumentationen sprachlich zu vereinfachen, definieren wir das Verhältnis der Grenzverluste als Grenzrate der Substitution (GRS): (12-4) ˆ AQPAQ P̂ GV GRS = GV Eine Grenzrate der Substitution mit dem Wert zwei bringt zum Ausdruck, dass eine Erhöhung der Arbeitslosenquote um einen Prozentpunkt nur dann den sozialen Verlust nicht verändert, wenn die Inflation um zwei Prozentpunkte zurückgeht. Dies bedeutet auch, dass die Zentralbank bereit ist, zwei Prozent- Vahlens Kurzlehrbücher – Moritz – Geldtheorie und Geldpolitik, 3. Auflage Herstellung: Frau Hilgendorff Status: Druckdaten Stand: 19.04.12 Seite: 240 Vahlens Kurzlehrbücher – Moritz – Geldtheorie und Geldpolitik, 3. Auflage Herstellung: Frau Hilgendorff Status: Druckdaten Stand: 19.04.12 Seite: 241 12.3 Problem der Zeitinkonsistenz 241 punkte mehr an Inflation in Kauf zu nehmen, wenn dadurch die Arbeitslosigkeit um einen Prozentpunkt reduziert werden kann. Da sowohl ein höheres Niveau an Arbeitslosigkeit als auch ein höheres Niveau an Inflation den sozialen Verlust erhöht, ist der soziale Verlust um so größer, je weiter die Indifferenzkurven vom Ursprung entfernt liegen. Schließlich wird unterstellt, dass die Indifferenzkurven konkav verlaufen: Je höher die Arbeitslosigkeit ausfällt, umso stärker muss die Inflationsrate zurückgehen, um die volkswirtschaftlichen Nachteile einer weiteren Erhöhung der Arbeitslosigkeit zu kompensieren. Die Abbildung 12.2 stellt das aufgrund der Annahmen resultierende Indifferenzkurvensystem dar: Für die Zentralbank wird angenommen, sie strebe die Arbeitslosenquote (AQA) an: (12-5) AQA = k ∙ AQN k: Parameter Ist k gleich eins, dann entspricht die angestrebte Arbeitslosenquote der natürlichen Arbeitslosenquote (AQN). Ist k < 1, dann verfolgt die Zentralbank das Ziel, die Arbeitslosigkeit unter die natürliche Arbeitslosenquote zu drücken. Allokative Verzerrungen wie Einkommensteuern, Arbeitslosenversicherungen, Monopolmacht und externe Effekte können als Ursachen dafür genannt werden, dass die angestrebte Arbeitslosenquote unter der natürlichen Arbeitslosenquote liegt.261 Wir gehen von folgender einfachen Verlustfunktion der Zentralbank aus, die den Nichtbanken bekannt ist:262 (12-6) 2ˆV = AQ dP+ 261 Vgl. Barro/Gordon (1983), S. 103. 262 Die Spezifizierung der Verlustfunktion beeinflusst nicht die Qualität der im Folgenden abgeleiteten Ergebnisse. Aus diesem Grund wurde eine möglichst einfache Verlustfunktion gewählt, wie sie auch bei Mankiw (2003), S. 463f. zu finden ist. Zu alternativen Formulierungen der Verlustfunktion Vgl. Illing (1997), S. 167, Bofinger/ Reischle/Schächter (1996), S. 141 sowie Jarchow (1998), S. 280 oder Wagner (2011), S. 149ff. V3 AQ P̂ V2 V1 V3 > V2 > V1 Abbildung 12.2: Verlustindifferenzkurvensystem Vahlens Kurzlehrbücher – Moritz – Geldtheorie und Geldpolitik, 3. Auflage Herstellung: Frau Hilgendorff Status: Druckdaten Stand: 19.04.12 Seite: 242 Vahlens Kurzlehrbücher – Moritz – Geldtheorie und Geldpolitik, 3. Auflage Herstellung: Frau Hilgendorff Status: Druckdaten Stand: 19.04.12 Seite: 243 12 Diskretionäre versus regelgebundene Geldpolitik242 Dabei wird implizit unterstellt, dass die Zentralbank eine Arbeitslosenquote von null (k = 0) sowie eine Inflationsrate von null anstrebt. Der Parameter d in der Verlustfunktion drückt die Präferenz der Zentralbank bezüglich der Inflation aus. Je größer d ausfällt, umso stärker gewichtet die Zentralbank die aus der Inflation resultierenden Nutzenverluste. Die Beziehung zwischen Arbeitslosigkeit und Inflation wird durch folgende inverse Phillipskurve abgebildet: (12-7) = − ⋅ − *N ˆ ˆAQ AQ c (P P ) Die Gleichung (12-7) impliziert, dass die tatsächliche Arbeitslosigkeit nur von der natürlichen Arbeitslosigkeit abweichen kann, wenn Erwartungsirrtümer vorliegen. Solange keine unvorhergesehenen Einflüsse eintreten, entspricht die tatsächliche Arbeitslosigkeit der natürlichen Arbeitslosigkeit. Die Arbeitslosigkeit unterschreitet (überschreitet) das natürliche Niveau, wenn die Inflationsrate unterschätzt (überschätzt) wird. Der Parameter c bringt zum Ausdruck, um wie viel Prozentpunkte die Arbeitslosigkeit bei gegebenen Inflationserwartungen zurückgeht, wenn die Inflationsrate um einen Prozentpunkt unterschätzt wird. Der Parameter c entspricht somit der Steigung der inversen Phillipskurve. Der Kehrwert 1/c bringt zum Ausdruck, um wie viel Prozentpunkte die Inflation steigen muss, damit die Arbeitslosenquote um einen Prozentpunkt zurückgeht. Dies sind die Grenzopportunitätskosten der Reduktion der Arbeitslosigkeit ( )P̂AQGOK : (12-8) P̂AQ 1 GOK = c Wir wollen schließlich unterstellen, dass die Zentralbank mit Hilfe der Geldmengenentwicklung die Inflationsrate ohne Verzögerung kontrollieren kann. Unvorhergesehene Schocks treten nicht auf. Es gilt die Quantitätstheorie: (12-9) =ˆ ˆM P In den folgenden Abschnitten betrachten wir nur eine Periode. Die Annahmen des vorliegenden Modells sind so konzipiert, dass die Notenbank ohne zeitliche Wirkungsverzögerungen das Preisniveau steuern kann und die Ziele der Notenbank sich an einer sozialen Wohlfahrtsfunktion orientieren. Unter diesen Voraussetzungen würde man im Rahmen der traditionellen Diskussion eine eindeutige Überlegenheit der diskretionären Geldpolitik ableiten. Die Intention der Arbeit von Barro und Gordon besteht nun darin zu zeigen, dass selbst unter derart idealisierten Voraussetzungen eine regelgebundene Geldpolitik einer diskretionären Geldpolitik vorzuziehen ist. 12.3.3 Optimale Lösung vor Vertragsabschluss Legt die Zentralbank die Inflationsrate vor Abschluss der Tarifverträge fest, dann fließt die Inflationsrate in die Tarifverträge korrekt ein. Unabhängig von der Höhe der Inflation stellt sich somit immer eine Arbeitslosigkeit in Höhe der natürlichen Arbeitslosigkeit ein. Da durch eine Erhöhung des Preisniveaus keine Beschäftigungseffekte realisiert werden können, beträgt das optimale Vahlens Kurzlehrbücher – Moritz – Geldtheorie und Geldpolitik, 3. Auflage Herstellung: Frau Hilgendorff Status: Druckdaten Stand: 19.04.12 Seite: 242 Vahlens Kurzlehrbücher – Moritz – Geldtheorie und Geldpolitik, 3. Auflage Herstellung: Frau Hilgendorff Status: Druckdaten Stand: 19.04.12 Seite: 243 12.3 Problem der Zeitinkonsistenz 243 Niveau der Inflationsrate null. Die Zentralbank will folglich eine Inflationsrate von null realisieren. Somit ergibt sich ein Wohlfahrtsverlust in Höhe der natürlichen Arbeitslosigkeit: (12-10) =A NV AQ Diese Lösung bezeichnen wir als Second-Best-Lösung. 12.3.4 Optimale Lösung nach Abschluss bindender Verträge Ist die oben abgeleitete Strategie, eine Inflationsrate von null anzustreben, zeitkonsistent bzw. ist eine andere als die oben abgeleitete Inflationsrate nach Abschluss der Tarifverträge optimal? Nehmen wir an, die Tarifpartner glauben der Ankündigung der Zentralbank. Da die erwartete Inflationsrate null beträgt, folgt für den Trade-off zwischen Arbeitslosigkeit und Inflation aus Gleichung (12-7): (12-11) = −N ˆAQ AQ cP Der Verlauf der kurzfristigen Phillipskurve ist damit festgelegt.263 Gesucht wird nun die Kombination aus Inflationsrate und Arbeitslosenquote, die den sozialen Verlust minimiert. Die preisniveaustabile Lösung stellt der Punkt A in der Abbildung 12.3 dar. Ist aber eine Inflationsrate in Höhe von null bei den gegebenen Inflationserwartungen nach Abschluss bindender Verträge optimal? Um eine Antwort zu geben, berechnen wir die Grenzrate der Substitution und die Grenzopportunitätskosten in Punkt A. Da im Punkt A die Inflationsrate null ist, gilt: (12-12) ˆ AQP AQ P̂ GV 1 GRS = = = ˆGV 2dP ∞ (12-13) P̂AQ 1 GOK = c 263 Beachte: In der Abbildung ist die Umkehrfunktion der Gleichung (12-7) = + −* N 1ˆ ˆP P (AQ AQ ) c dargestellt. Abgebildet wird somit die Phillipskurve. A AQ T ( )0P̂PK * = P̂ Abbildung 12.3: Täuschungslösung Vahlens Kurzlehrbücher – Moritz – Geldtheorie und Geldpolitik, 3. Auflage Herstellung: Frau Hilgendorff Status: Druckdaten Stand: 19.04.12 Seite: 244 Vahlens Kurzlehrbücher – Moritz – Geldtheorie und Geldpolitik, 3. Auflage Herstellung: Frau Hilgendorff Status: Druckdaten Stand: 19.04.12 Seite: 245 12 Diskretionäre versus regelgebundene Geldpolitik244 Die Steigung der Isoverlustfunktion ist im Punkt A unendlich. Die Zentralbank ist bereit, für einen Rückgang der Arbeitslosenquote um einen Prozentpunkt eine unendliche Steigerung der Inflationsrate in Kauf zu nehmen. Tatsächlich muss aber zur Reduktion der Arbeitslosenquote entlang der Phillipskurve lediglich eine Steigerung der Inflation von 1/c in Kauf genommen werden. Etwas platter gesagt: Der Preis der Rückführung der Inflation ausgedrückt durch die Steigung der Phillipskurve ist kleiner als die Zahlungsbereitschaft der Zentralbank. Daher führt eine Reduktion der Arbeitslosigkeit entlang der Phillipskurve zu einer Reduktion des sozialen Verlustes. Die Zentralbank kann also, in dem sie die Nichtbanken über ihre wahren Inflationsabsichten täuscht, den sozialen Verlust verringern. Wo liegt nun die optimale Täuschungsinflationsrate? Dies lässt sich an der Abbildung 12.3 ablesen. Die optimale Täuschungsinflationsrate wird im Punkt T erreicht, wo die Steigung der Phillipskurve mit der Steigung einer Isoverlustfunktion übereinstimmt bzw. wo die Grenzrate der Substitution mit den Grenzopportunitätskosten übereinstimmt: (12-14) = ˆ ˆP P AQ AQGRS GOK Unter den getroffenen Annahmen gilt: (12-15) 1 1 = ˆ c2dP Die Auflösung der Gleichung (12-15) nach der Inflationsrate liefert die optimale Täuschungsinflationsrate: (12-16) T c P̂ = 2d Wir sehen, dass die Einhaltung der angekündigten Inflationsrate von null Prozent nicht zeitkonsistent ist. Nachdem die Tarifparteien sich gebunden haben, hat die Zentralbank einen Anreiz, eine Überraschungsinflation durchzuführen. Aus der Gleichung (12-16) geht hervor, dass die Überraschungsinflationsrate umso höher ausfällt, • je größer die Reduktion der Arbeitslosigkeit bei einer Erhöhung der Inflationsrate (c) ausfällt bzw. je flacher die Phillipskurve verläuft und • je geringer die Präferenz für Preisstabilität (d) ausfällt. Die Substitution der Gleichung (12-16) in die Gleichung (12-11) führt unter Beachtung einer erwarteten Inflationsrate von null zu: (12-17) = − 2 T N c AQ AQ 2d Aus der Gleichung (12-17) ist ersichtlich, dass die Arbeitslosigkeit durch die Überraschungsinflation unter die natürliche Arbeitslosenquote gedrückt werden kann. Die Ursache für die Unterschreitung der natürlichen Arbeitslosigkeit liegt darin, dass die Vertragsparteien am Arbeitsmarkt auf der Basis einer Nullinflation die Tariflöhne festgelegt haben. Durch die Überraschungsinfla- Vahlens Kurzlehrbücher – Moritz – Geldtheorie und Geldpolitik, 3. Auflage Herstellung: Frau Hilgendorff Status: Druckdaten Stand: 19.04.12 Seite: 244 Vahlens Kurzlehrbücher – Moritz – Geldtheorie und Geldpolitik, 3. Auflage Herstellung: Frau Hilgendorff Status: Druckdaten Stand: 19.04.12 Seite: 245 12.3 Problem der Zeitinkonsistenz 245 tion sinkt der Reallohn, sodass Anreize zur Ausdehnung der Beschäftigung geschaffen werden.264 Die Reduktion der Arbeitslosigkeit wird durch eine höhere Inflationsrate erkauft. Der gesellschaftliche Verlust ergibt sich durch Substitution der Gleichungen (12-16) und (12-17) in die Verlustfunktion (12-6): (12-18) = − 2 T N c V AQ 4d Die Täuschungslösung bezeichnen wir als First-Best-Lösung. Der Wohlfahrtsverlust in der Täuschungslösung (12-18) ist geringer als der Wohlfahrtsverlust bei Einhaltung der Ankündigung (12-10). Halten wir die Bedingungen für die optimale Täuschungslösung fest: (12-19) = − ⋅ − *N ˆ ˆAQ AQ c (P P ) (12-20) ˆ ˆP P AQ AQGRS = GOK (12-21) *P̂ = 0 Bedingung (12-19) verlangt, dass ein Punkt auf der durch die Erwartungen vorgegebenen Phillipskurve realisiert wird. Gleichung (12-20) sichert, dass die Phillipskurve eine Isoverlustindifferenzkurve tangiert. Gleichung (12-22) erfasst eine erwartete Inflationsrate von null. 12.3.5 Zeitkonsistente Lösung Wie wir gesehen haben, ist es für eine Zentralbank optimal, die angekündigte Inflationsrate nicht einzuhalten. Es stellt sich die Frage, ob sich die Marktteilnehmer von der Zentralbank täuschen lassen. Dies ist zu bezweifeln, da die Beschlüsse der Zentralbankratssitzungen von der Öffentlichkeit äußerst akribisch beobachtet werden. Die Tarifparteien versuchen, geldpolitische Entscheidungen zu antizipieren und in ihre Anlageentscheidungen einfließen zu lassen. Werden rationale Erwartungen bei den Marktteilnehmern unterstellt und liegen symmetrische Informationsstände vor, so werden die Marktteilnehmer die Strategie der Zentralbank durchschauen, d. h. sie erkennen den Anreiz der Politiker, die Inflationsrate über die angekündigte Inflationsrate anzuheben. Sie werden dies in ihren Erwartungen antizipieren. Bei rationalen Erwartungen gehen also die Marktteilnehmer davon aus, dass die Zentralbank die durch die Gleichung (12-16) bestimmte Inflationsrate anstreben wird. Bevor die Zentralbank entsprechende Geldmengenerhöhungen durchgeführt hat, werden bereits Tarifverträge vereinbart, in denen die erwartete höhere Inflationsrate einfließt. Da der Überraschungseffekt der Inflation entfällt, wird die Arbeitslosigkeit das natürliche Niveau annehmen. 264 Beachten Sie bitte die Unterschiede zwischen den im Abschnitt 9.4 vorgesellten monetaristischem Phillipskurvenmodell. In Abschnitt 9.4 ist der Reallohn stets konstant. Temporäre Beschäftigungseffekte resultieren aus Fehleinschätzungen des Reallohns. In dem hier vorgestellten Modell fällt der Reallohn aufgrund der Laufzeit der Tarifverträge bei einer Erhöhung der Inflation. Vahlens Kurzlehrbücher – Moritz – Geldtheorie und Geldpolitik, 3. Auflage Herstellung: Frau Hilgendorff Status: Druckdaten Stand: 19.04.12 Seite: 246 Vahlens Kurzlehrbücher – Moritz – Geldtheorie und Geldpolitik, 3. Auflage Herstellung: Frau Hilgendorff Status: Druckdaten Stand: 19.04.12 Seite: 247 12 Diskretionäre versus regelgebundene Geldpolitik246 Für eine zeitkonsistente Lösung müssen folgende Bedingungen erfüllt sein: (12-22) = − ⋅ − *N ˆ ˆAQ AQ c (P P ) (12-23) = ˆ ˆP P AQ AQGRS GOK (12-24) =*ˆ ˆP P Die zeitinkonsistente Lösung verlangt also gegenüber der Täuschungslösung zusätzlich eine korrekt antizipierte Inflation (12-24). Da die Marktteilnehmer sich bei rationalen Erwartungen nicht täuschen lassen, entspricht die natürliche Arbeitslosenquote der tatsächlichen Arbeitslosenquote: (12-25) AQZ = AQN AQZ: Arbeitslosigkeit in der zeitkonsistenten Lösung Aus den Gleichungen (12-22) und (12-23) folgt dann:265 (12-26) 1 1 = ˆ c2dP bzw.: (12-27) Z c P̂ = 2d Dies führt zu einem volkswirtschaftlichen Verlust in Höhe von: (12-28) = + 2 Z N c V AQ 4d Erkennen die Marktteilnehmer die Zeitinkonsistenz der geldpolitischen Ankündigungen, so wird die natürliche Arbeitslosenquote bei einer positiven Inflationsrate erreicht. Die erwartete Inflationsrate nimmt dabei ein derart hohes 265 Dass die Inflationsrate der zeitkonsistenten Lösung mit der Täuschungslösung übereinstimmt, liegt an der hier angenommenen speziellen Verlustfunktion (12-6). Da die Verlustfunktion linear von der Arbeitslosenquote abhängig ist, enthält die Gleichung (12-26) die Arbeitslosenquote nicht. Eine Änderung der Arbeitslosenquote bei gegebener Inflationsrate ändert die Steigung der Indifferenzkurve bei der unterstellten Verlustfunktion nicht. Diese Implikation ist allerdings für die grundlegenden Ergebnisse des vorliegenden Modells nicht entscheidend. T A AQ Z D = d2 cP̂PK * P̂ ( )0P̂PK * = Abbildung 12.4: Zeitkonsistente Lösung Vahlens Kurzlehrbücher – Moritz – Geldtheorie und Geldpolitik, 3. Auflage Herstellung: Frau Hilgendorff Status: Druckdaten Stand: 19.04.12 Seite: 246 Vahlens Kurzlehrbücher – Moritz – Geldtheorie und Geldpolitik, 3. Auflage Herstellung: Frau Hilgendorff Status: Druckdaten Stand: 19.04.12 Seite: 247 12.3 Problem der Zeitinkonsistenz 247 Niveau an, dass es für die Zentralbanken nicht mehr vorteilhaft ist, durch eine Überraschungsinflation den kurzfristigen Phillipskurven Trade-off auszunutzen. Die ex-post optimale Politik stimmt dann mit der ex-ante angekündigten Politik überein. Anhand der Abbildung 12.4 sind die Ergebnisse ersichtlich. Da eine Inflationsrate von c/2d erwartet wird, verschiebt sich die Phillipskurve nach oben. Die zeitkonsistente Lösung beschreibt der Punkt Z. In Z ist gegenüber A die Inflation bei gleicher Arbeitslosigkeit größer. Damit ist auch der Wohlfahrtsverlust in Z größer als in A. Da der Wohlfahrtsverlust in der zeitkonsistenten Lösung (Z) größer als bei Einhaltung der Ankündigung (A) ausfällt, erhalten wir eine Third-Best-Lösung. 12.3.6 Deflationslösung Diskutieren wir abschließend den Fall, in dem die Zentralbank eine Inflationsrate von null anstrebt, die Marktteilnehmer aber eine Inflationsrate in Höhe von (12-29) * c P̂ = 2d erwarten, d. h. sie glauben nicht an die Einhaltung der Ankündigung durch die Zentralbank. Die Marktteilnehmer überschätzen die Inflationsrate. Aus der inversen Phillipskurve (12-7) resultiert: (12-30) 2 N N c c AQ = AQ c 0 = AQ 2d 2d − ⋅ − + Die Arbeitslosenquote übersteigt die natürliche Arbeitslosenquote. Dies liegt darin begründet, dass die Arbeitnehmer und Arbeitgeber in Antizipation einer expansiven Geldpolitik und einer dementsprechend positiven Inflationsrate relativ hohe Nominallöhne vereinbart haben. Da die Preissteigerungsrate tatsächlich jedoch den Wert null annimmt, sind die Reallöhne relativ hoch, sodass die Unternehmen Arbeitskräfte entlassen, was einen Anstieg der Arbeitslosigkeit nach sich zieht. Die Deflationslösung wird durch den Punkt D in der Abbildung 12.4 dargestellt. Der Wohlfahrtsverlust beläuft sich auf: (12-31) 2 D N c V = AQ 2d + Die Deflationslösung führt von allen diskutierten Lösungen zu dem schlechtesten Ergebnis und wird daher als Fourth-Best-Lösung bezeichnet. Aus diesen Überlegungen wird nochmals deutlich, welche Probleme sich bei einer Rückführung der Inflation ergeben. Ist die Ankündigung der Rückführung einer hohen Inflationsrate nicht glaubwürdig, so kann der Disinflationsprozess zu erheblichen Wohlfahrtsverlusten führen. Wird der Konjunktureinbruch im Zeitverlauf sichtbar, dann könnte die Zentralbank dazu verleitet werden, den Disinflationsprozess abzubrechen, sodass sich die Inflationserwartungen selbst bestätigen. Hohe erwartete Inflationsraten können somit hohe Inflationsraten erzwingen. Diesen Teufelskreis hat Robert Solow treffend beschrieben: Vahlens Kurzlehrbücher – Moritz – Geldtheorie und Geldpolitik, 3. Auflage Herstellung: Frau Hilgendorff Status: Druckdaten Stand: 19.04.12 Seite: 248 Vahlens Kurzlehrbücher – Moritz – Geldtheorie und Geldpolitik, 3. Auflage Herstellung: Frau Hilgendorff Status: Druckdaten Stand: 19.04.12 Seite: 249 12 Diskretionäre versus regelgebundene Geldpolitik248 „Why is our money ever less valuable? Perhaps it is simply that we have inflation because we expect it and expect inflation because we‘ve had it.“266 Man erkennt also hieran recht deutlich, dass eine einmalige Tolerierung des Inflationsprozesses die Inflationserwartungen nach oben schraubt und somit die volkswirtschaftlichen Kosten der Inflation in der Zukunft erhöht.267 12.3.7 Vergleich der Lösungen Die Verluste der abgeleiteten Lösungen enthält die Tabelle 12.1: Inflationserwartung der Marktteilnehmer =*P̂ 0 ( )*P̂ c / 2d= Marktteilnehmer glauben Zentralbank Marktteilnehmer glauben Zentralbank nicht Strategie der Notenbank P̂ 0= Einhaltung der Ankündigung A NV AQ= (second best) 2 Z N c V AQ 4d = + (third best) c P̂ 2d = Nichteinhaltung der Ankündigung 2 T N c V AQ 4d = − (first best) 2 D N c V AQ 2d = + (fourth best) Tabelle 12.1: Wohlfahrtseffekte der unterschiedlichen Lösungen Die geringsten Kosten entstehen, wenn es der Zentralbank gelingt, die Marktteilnehmer zu täuschen. Sie kündigt zuerst eine stabilitätsorientierte Geldpolitik an, die die Marktteilnehmer als glaubhaft ansehen. Nachdem die Marktteilnehmer basierend auf der angekündigten Geldpolitik verbindliche Verträge abgeschlossen haben, führt die Zentralbank dann eine Überraschungsinflation durch. Bilden private Wirtschaftssubjekte jedoch rationale Erwartungen, so durchschauen sie die Zeitinkonsistenz geldpolitischer Maßnahmen. Dies hat folgende Implikationen zur Folge: • Die Täuschungslösung ist optimal, aber nicht realisierbar. • Die Tarifparteien werden die optimale Inflationsrate der Zentralbank antizipieren, sodass ein kurzfristiger Trade-off zwischen Arbeitslosigkeit und Inflation nicht existiert. 266 Solow (1979), S. 31. 267 Diese abgeleitete Implikation ergibt sich allerdings erst, wenn man die statische Version des Modells verlässt und das Modell dynamisiert. Eine ansatzweise Dynamisierung erfolgt in Abschnitt 12.3.9.1. Vahlens Kurzlehrbücher – Moritz – Geldtheorie und Geldpolitik, 3. Auflage Herstellung: Frau Hilgendorff Status: Druckdaten Stand: 19.04.12 Seite: 248 Vahlens Kurzlehrbücher – Moritz – Geldtheorie und Geldpolitik, 3. Auflage Herstellung: Frau Hilgendorff Status: Druckdaten Stand: 19.04.12 Seite: 249 12.3 Problem der Zeitinkonsistenz 249 • Die Reduktion einer Inflationsrate führt zu einem Konjunktureinbruch und zu einem Anstieg der Arbeitslosigkeit. Daher wird die Zentralbank zur Vermeidung von Beschäftigungseinbußen gezwungen, die Inflationserwartungen zu bestätigen. Hohe Inflationserwartungen können eine inflationäre Geldpolitik erzwingen. Unter den getroffenen Annahmen kann bei einer diskretionären Geldpolitik maximal die Third-Best-Lösung erreicht werden, bei der eine positive Inflationsrate ohne Beschäftigungserfolge vorliegt. Es stellt sich die Frage, ob nicht die zumindest oben dargestellte Second-Best- Lösung durch Veränderung der Rahmenbedingungen realisiert werden kann, d. h. wie kann die Zentralbank die privaten Wirtschaftssubjekte davon überzeugen, dass sie ihre Ankündigung auch einhält? 12.3.8 Möglichkeiten zur Überwindung des Problems der Zeitinkonsistenz 12.3.8.1 Regelgebundene Geldpolitik Betrachten wir die Ursachen für die Inflationsverzerrung: Einerseits hat die Notenbank ein Interesse daran, die Arbeitslosigkeit kurzfristig unter das natürliche Niveau zu drücken. Die Berufung konservativer Notenbanker oder der Abschluss leistungsorientierter Arbeitsverträge mit den Notenbankern kann dieses Problem überwinden. Darauf gehen wir noch ausführlich in Abschnitt 12.3.8.3 ein. Andererseits ist die Notenbank in ihren Entscheidungen nicht beschränkt. Hier setzt die Forderung nach einer regelgebundenen Geldpolitik ein. Bei einer regelgebundenen Geldpolitik kündigen die geldpolitischen Entscheidungsträger ex-ante an, wie sie künftig auf unvorhersehbare Ereignisse mit ihren geldpolitischen Instrumenten reagieren werden. Mit Hilfe einer geldpolitischen Regel soll die Glaubhaftigkeit preisstabiler Maßnahmen hergestellt und somit die Second-Best-Lösung erreicht werden. Die Zentralbank kann ihre eigenen Ziele besser erreichen, wenn ihr die Entscheidungsfreiheit genommen wird. Sie verpflichtet sich glaubhaft, bestimmte geldpolitische Regeln einzuhalten, mit dem Ziel, dass sich die Marktteilnehmer darauf verlassen können, dass die in den Tarifverträgen vereinbarten Einkommen durch eine Überraschungsinflation nicht real entwertet werden.268 Durch eine Regelbildung wird somit der Entscheidungsspielraum einer Notenbank beschränkt. Eine Regelbildung besteht aus folgenden Schritten: • Die Entscheidungsträger kündigen an, wie sie in verschiedenen Situationen reagieren. • Die Entscheidungsträger verpflichten sich, dieser Ankündigung zu folgen. Wird durch die Regelbindung Glaubhaftigkeit erzielt, dann kann die Second- Best-Lösung realisiert werden. Die Regelbindung führt damit zu geringeren 268 Vgl. Bofinger/Frenkel (1991), S. 174. Vahlens Kurzlehrbücher – Moritz – Geldtheorie und Geldpolitik, 3. Auflage Herstellung: Frau Hilgendorff Status: Druckdaten Stand: 19.04.12 Seite: 250 Vahlens Kurzlehrbücher – Moritz – Geldtheorie und Geldpolitik, 3. Auflage Herstellung: Frau Hilgendorff Status: Druckdaten Stand: 19.04.12 Seite: 251 12 Diskretionäre versus regelgebundene Geldpolitik250 Wohlfahrtsverlusten und geringeren Inflationsraten als die diskretionäre Entscheidungsmöglichkeit. Die Schlagseite zur Inflation wird beseitigt. Die wirtschaftspolitischen Entscheidungsträger können somit durch eine strategische Selbstbindung ihren Zielerreichungsgrad verbessern. Eine freiwillige Einschränkung der Handlungsalternativen bringt den Wirtschaftspolitikern also den Vorteil, dass durch die Selbstbeschränkung die Erwartungen der privaten Wirtschaftssubjekte hinsichtlich der Glaubwürdigkeit einer preisstabilen Geldpolitik positiv beeinflusst werden. Dieses Ergebnis hat den Anhängern geldpolitischer Regelbindungen neben der Lag-Problematik zusätzliche Argumentationshilfen gegeben. Selbst dann, wenn Zentralbanken den Wirtschaftsprozess perfekt kontrollieren können und wenn ihre Wohlfahrtsfunktion mit der Wohlfahrtsfunktion der Gesellschaft übereinstimmt, ist eine verbindliche Regelbindung einer diskretionären Entscheidungsfindung vorzuziehen. Nur mittels einer geldpolitischen Regelbindung kann langfristig Preisstabilität erzielt werden. Als geldpolitische Steuerungsgröße einer Regelbindung können • Endziele wie Preisniveaustabilität269 oder das nominelle Bruttoinlandsprodukt, • Zwischenziele wie die Wachstumsrate der Geldmenge oder Wechselkurse270 sowie • operative Ziele wie der Geldmarktzins (Taylor-Regel)271 fungieren. Die Probleme einer regelgebundenen Lösung zeigen sich im Falle von Angebotsschocks. Darauf wird in Abschnitt 12.3.9.2 ausführlich eingegangen. 12.3.8.2 Delegationslösung Die auf Rogoff (1985) zurückgehende Delegationslösung fordert eine verfassungsmäßige Verankerung einer unabhängigen Zentralbank und die Besetzung der Zentralbank mit konservativen Mitgliedern. Konservative Zentralbankpolitiker sind durch eine höhere Präferenz für Preisniveaustabilität als der Durchschnitt der Bürger einer Volkswirtschaft gekennzeichnet. Der Parameter d wird bei einem konservativen Zentralbankpolitiker sehr groß ausfallen. Aus der Gleichung (12-27) folgt bei großem d eine relativ geringe Inflationsrate und aus der Gleichung (12-28) geringe Wohlfahrtsverluste. Die Delegationslösung schneidet somit in einem Ein-Perioden-Spiel besser als die diskretionäre Lösung ab. Im Extremfall könnten ultra-konservative Zentralbankpolitiker berufen werden, bei denen der Parameter d gegen unendlich strebt. Aus den Gleichungen (12-27) und (12-28) ist ersichtlich, dass in diesem Fall die gleichen Resultate wie bei einer glaubhaften Einhaltung der Ankündigung erreicht werden können. 269 Vgl. hierzu Abschnitt 13.4. 270 Vgl. hierzu Abschnitt 13.2 und 13.3. 271 Vgl. hierzu Abschnitt 13.5. Vahlens Kurzlehrbücher – Moritz – Geldtheorie und Geldpolitik, 3. Auflage Herstellung: Frau Hilgendorff Status: Druckdaten Stand: 19.04.12 Seite: 250 Vahlens Kurzlehrbücher – Moritz – Geldtheorie und Geldpolitik, 3. Auflage Herstellung: Frau Hilgendorff Status: Druckdaten Stand: 19.04.12 Seite: 251 12.3 Problem der Zeitinkonsistenz 251 Die Glaubwürdigkeit der Geldmengenstrategie der Zentralbank setzt die Unabhängigkeit der Zentralbank von der Regierung voraus.272 Unabhängigkeit bedeutet, dass die berufenen Zentralbankpolitiker ihre Ziele frei festlegen und frei über den Einsatz der Instrumente entscheiden können. Empirische Untersuchungen untermauern die These, dass die politische Unabhängigkeit einer Zentralbank einen wichtigen Garant für Preisniveaustabilität darstellt.273 Rogoff liefert also eine theoretische Begründung für eine unabhängige Zentralbank. Die institutionellen Rahmenbedingungen der Deutschen Bundesbank kommen dem Ansatz von Rogoff sehr nahe.274 Gleiches gilt für die Europäische Zentralbank. Probleme der Delegationslösung ergeben sich wiederum im Falle von Angebotsschocks. Ein ultra-konservativer Zentralbankchef würde, im Vergleich zur sozial optimalen Lösung, eine zu schwache Stabilisierungspolitik betreiben.275 Die durchschnittliche Inflationsrate wird auf Kosten der Verringerung der Flexibilität bei Angebotsschocks erkauft. Hinzu treten noch weitere Probleme: Wie können der optimale Grad an Konservativität und die wahren Präferenzen der Geldpolitiker bestimmt werden?276 12.3.8.3 Kontraktlösung Die von Walsh (1995) vorgeschlagene Kontraktlösung basiert auf der Principal- Agent-Theorie. Eine Regierung (Principal) überträgt einer Zentralbank (Agent) die Aufgabe, eine preisniveauorientierte Geldpolitik zu lösen. Die entscheidende Frage ist: Wie kann die über die geldpolitischen Handlungsmöglichkeiten schlechter informierte Regierung sicherstellen, dass die besser informierte Zentralbank auch tatsächlich Maßnahmen zur Sicherstellung der Preisniveaustabilität erreicht? Walsh schlägt als Lösung vor, das Problem der Zeitinkonsistenz durch eine anreizkompatible Vertragsgestaltung der Zentralbankpolitiker zu umgehen. Die Verträge sollten so bemessen sein, dass der Zentralbankpolitiker bei einer Zielverfehlung eine Strafe in Form einer Einkommensreduktion erhält. Die Kontraktlösung betont die Bedeutung erfolgsabhängiger Entlohnung der Zentralbankpolitiker. Die Verträge sollten dabei so ausgestaltet sein, dass Abweichungen vom Ziel der Preisniveaustabilität dann erwünscht sind, wenn Schocks auftreten. Die Flexibilität beim Auftreten von Schocks soll erhalten bleiben und gleichzeitig soll der Inflationsbias beseitigt werden. Der optimale Zentralbankkontrakt enthält somit Anreize zur Output- und Preisstabilisierung. Eine tendenzielle Anwendung einer solchen Vertragsgestaltung findet man in Neuseeland.277 In Neuseeland wurde 1989 eine Reform des Zentralbankgesetzes beschlossen, welches 1990 in Kraft trat. Danach ist es die primäre Aufgabe der 272 Die Komponenten einer unabhängigen Zentralbank werden in Abschnitt 14.4 ausführlich erläutert. 273 Vgl. die von Bofinger/Reischle/Schächter (1996), S. 204 angeführten Literaturhinweise. 274 Vgl. Illing/Fecht (1998), S. 92. 275 Vgl. hierzu ausführlicher Illing/Fecht (1998), S. 89ff. 276 Vgl. Gischer/Herz/Menkhoff (2011), S. 315. 277 Vgl. Illing (1997), S. 131f. Vahlens Kurzlehrbücher – Moritz – Geldtheorie und Geldpolitik, 3. Auflage Herstellung: Frau Hilgendorff Status: Druckdaten Stand: 19.04.12 Seite: 252 Vahlens Kurzlehrbücher – Moritz – Geldtheorie und Geldpolitik, 3. Auflage Herstellung: Frau Hilgendorff Status: Druckdaten Stand: 19.04.12 Seite: 253 12 Diskretionäre versus regelgebundene Geldpolitik252 Zentralbank, Preisniveaustabilität zu realisieren, wobei Preisniveaustabilität dann als erreicht angesehen wird, wenn die Inflationsrate zwischen 0 % und 2 % liegt. In dem von Neuseeland verwendeten Preisindex wurden Preisniveausteigerungen aufgrund indirekter Steuern, Zinseffekte, Naturkatastrophen, Schwankungen der Terms of Trade und Preisentwicklungen im Nahrungs- und Erntesektor ausgeklammert. Erreicht der Zentralbankchef die vorgegebene Inflationsrate nicht, so muss er mit finanziellen Sanktionen rechnen. Die Sanktionen können bis zu einer Entlassung des Zentralbankchefs gehen. Zusätzlich wurde das Budget der Zentralbank für fünf Jahre nominal im Voraus festgelegt, sodass die Inflation den realen Spielraum der Zentralbank verringert. Diese Maßnahmen zeigten dahingehend Wirkung, dass die Inflation im Jahre 1992 auf 1 % zurückgeführt werden konnte. Bereits 1995/1996 stieg die Inflationsrate allerdings über die vereinbarte Grenze von 2 %. Dies geschah, da die Zentralbank den 1993/1994 beginnenden Konjunkturaufschwung unterschätzte und daher eine zu lockere Geldpolitik praktiziert hat. Die Problematik der langen Zeitverzögerungen führte allerdings dazu, dass keine Sanktionen seitens der Regierung angewandt wurden, da diese kaum anreizkompatibel bezüglich des vorangegangenen Fehlverhaltens der Zentralbank gewesen wären.278 Seit Mitte der Neunziger Jahre gelang es der Notenbank zwar auch nicht durchgängig, die angestrebte Bandbreite einzuhalten, jedoch blieb die Inflation mit durchschnittlich 2,1 % (von September 1990 bis Juni 2010) sowie maximal 5,1 % (September 2008) immer noch deutlich hinter den Werten zurück, die Neuseeland vor der Reform des Zentralbankgesetztes aufweisen konnte.279 12.3.9 Modifikationen der Modellannahmen Die bisherigen Ergebnisse und wirtschaftspolitischen Schlussfolgerungen wurden unter zwei wesentlichen Vereinfachungen abgeleitet: • Es wurde eine statische Analyse vorgenommen. • Es wurde von stochastischen Schocks abstrahiert. Welche Auswirkungen die Aufhebung dieser Annahme auf die Modellergebnisse hervorbringt, wird im Folgenden skizziert. 12.3.9.1 Mehrperiodenansatz Bisher wurde von einer statischen Analyse ausgegangen. In der Realität trifft die Zentralbank geldpolitische Entscheidungen aber nicht einmal, sondern wiederholt. Dies bedeutet, dass die Zentralbank durch die Entscheidungen in einer Periode Einfluss auf die Inflationserwartungen der privaten Wirtschaftssubjekte in den folgenden Perioden nehmen kann. Mittels einer preisniveaustabilen Strategie kann die Zentralbank eine Reputation für die nächsten Perioden aufbauen. 278 Vgl. Illing (1997), S. 132. 279 Vgl. Reserve Bank of New Zealand (2011). Vahlens Kurzlehrbücher – Moritz – Geldtheorie und Geldpolitik, 3. Auflage Herstellung: Frau Hilgendorff Status: Druckdaten Stand: 19.04.12 Seite: 252 Vahlens Kurzlehrbücher – Moritz – Geldtheorie und Geldpolitik, 3. Auflage Herstellung: Frau Hilgendorff Status: Druckdaten Stand: 19.04.12 Seite: 253 12.3 Problem der Zeitinkonsistenz 253 Wir betrachten einen unendlichen Zeithorizont und gehen zunächst davon aus, die privaten Marktteilnehmer sehen die Ankündigungen der Zentralbank als glaubhaft an. Erfüllt die Zentralbank die Ankündigungen nicht, so werden die Marktteilnehmer ihre Inflationserwartungen korrigieren. Die kurzfristige Phillipskurve verschiebt sich nach oben. Die Erhöhung der erwarteten Inflationsrate erhöht die Wohlfahrtsverluste. Dies lässt sich durch Substitution der Gleichung (12-7) in (12-6) verdeutlichen: (12-32) = + − ⋅ −2 *N ˆ ˆ ˆV AQ dP c (P P ) Aus der Gleichung (12-32) ist ersichtlich, dass der Wohlfahrtsverlust durch eine Zunahme der Inflationserwartung steigt. Die Nichtbanken können die Zentralbank für eine Überraschungsinflation mit höheren Inflationserwartungen in der Zukunft „bestrafen“. Umgekehrt kann sich die Zentralbank durch eine stabilisierungsorientierte Geldpolitik eine Reputation aufbauen, welche die Inflationserwartungen reduziert. Unter den getroffenen Annahmen kann die Zentralbank durch eine Überraschungsinflation einmalig die First-Best-Lösung realisieren, muss sich aber in den folgenden Perioden mit der Third-Best-Lösung zufrieden geben. Um die Geldwertstabilität und die Glaubwürdigkeit wieder herzustellen, muss sie in den nächsten Perioden die Inflationsrate unter die erwartete Inflationsrate drücken, was mit erheblichen Kosten verbunden ist. Die Zentralbank hat bei ihren Entscheidungen also abzuwägen zwischen den Vorteilen einer einmaligen Überraschungsinflation (Anreizeffekt) und den Nachteilen eines dauerhaften Reputationsverlustes (Abschreckungseffekt). Welche Strategie für die Zentralbank die optimale Strategie darstellt, ist nicht eindeutig. Die Anreize einer Überraschungsinflation sind dabei umso größer,280 • je geringer die Zeitpräferenzrate ausfällt. • je geringer die Präferenzen für die Beschäftigungsvorteile ausfallen.281 • je flacher die Phillipskurve verläuft, d. h. je mehr Beschäftigungserfolge kurzfristig durch eine Erhöhung der Inflationsrate möglich sind. • je kürzer der Sanktionszeitraum ausfällt. Die Regelbindung ist der diskretionären Lösung in einem dynamischen Modell also nicht mehr zwingend überlegen. Auch bei diskretionären Entscheidungsspielräumen der Zentralbank kann eine stabilitätsorientierte Geldpolitik aus Sicht der Zentralbank optimal sein. Die zeitliche Sanktion der Zentralbank kann somit als Ersatzlösung für eine Regelbindung angesehen werden. Voraussetzung hierfür ist allerdings, dass ein unendlicher Zeithorizont vorliegt. Bei einem begrenzten Zeithorizont ändern sich die hier skizzierten Ergebnisse drastisch. 280 Zur formalen Herleitung der Ergebnisse siehe Illing (1997), S. 177f., Bofinger/Reischle/ Schächter (1996), S. 155ff. sowie Jarchow (1998), S. 289ff. 281 Es erscheint eigentlich intuitiv plausibel, dass der Anreiz einer Überraschungsinflation positiv mit der Beschäftigungspräferenz korreliert. Dass eine große Präferenz für die Beschäftigung tendenziell gegen eine Überraschungsinflation spricht, hängt damit zusammen, dass durch den Reputationsverlust zukünftige Beschäftigungseinbußen auftreten. Vgl. hierzu insbesondere Jarchow (1998), S. 292. Vahlens Kurzlehrbücher – Moritz – Geldtheorie und Geldpolitik, 3. Auflage Herstellung: Frau Hilgendorff Status: Druckdaten Stand: 19.04.12 Seite: 254 Vahlens Kurzlehrbücher – Moritz – Geldtheorie und Geldpolitik, 3. Auflage Herstellung: Frau Hilgendorff Status: Druckdaten Stand: 19.04.12 Seite: 255 12 Diskretionäre versus regelgebundene Geldpolitik254 Zur Herleitung der Lösung bei begrenztem Zeithorizont bedienen wir uns der Rückwärtsinduktion. Ist die letzte Periode des Spiels erreicht, so entsteht durch eine Überraschungsinflation kein Reputationsverlust. Das Teilspiel in der letzten Periode eines endlichen Spiels ist identisch mit einem einmaligen Spiel. In der letzten Periode ist also die Ankündigung einer preisstabilen Strategie nicht glaubwürdig. Es wird sich die Third-Best-Lösung einstellen. Ist nun die vorletzte Periode erreicht, so wissen die Tarifparteien, dass in der letzten Periode die Third-Best-Lösung eintreten wird, sodass durch Einhaltung der Ankündigung keine Reputation aufgebaut werden kann. Somit wird sich auch in der vorletzten Periode die Third-Best-Lösung einstellen. Durch Rückwärtsinduktion gelangt man zur ersten Periode, in der ebenfalls die Third-Best-Lösung erreicht wird. Bei einem endlichen Zeithorizont wird in allen Perioden die Third-Best- Lösung realisiert. Der Aufbau einer Reputation setzt somit einen unendlichen Zeithorizont voraus. Aus diesen Überlegungen resultiert die Empfehlung, durch überlappende Amtszeiten der Mitglieder des Zentralbankrates einen quasi unendlichen Zeithorizont zu gewährleisten. Der aufmerksame Leser wird sich die Frage stellen, warum die Wirtschaftssubjekte den Ankündigungen der Zentralbank in der ersten Periode glauben, wenn doch rationale Erwartungen unterstellt werden. Setzt die Annahme der einmaligen Täuschungsmöglichkeit nicht adaptive Erwartungen voraus? In der Tat verhindern rationale Erwartungen bei vollständigen Informationen von vornherein die Täuschungsmöglichkeit. Die Zentralbank weiß auch, dass eine stabilitätsorientierte Geldpolitik in der ersten Periode aufgrund der Zeitinkonsistenz als unglaubwürdig empfunden wird und zur Fourth-Best-Lösung führt. Allerdings kann sie durch eine derartige Politik in der ersten Periode an Vertrauen gewinnen und somit die Inflationserwartungen zukünftiger Perioden nach unten korrigieren. Gelingt ihr dies, so wird die Second-Best-Lösung in den folgenden Perioden erreicht. Beschäftigungsverluste in der ersten Periode werden durch Wohlfahrtsgewinne in den folgenden Perioden erkauft. Als Alternative könnte die Zentralbank in jeder Periode die Third-Best-Lösung anstreben. Durch diese modifizierte Betrachtung verändern sich die oben abgeleiteten Ergebnisse qualitativ nicht. Ob die stabilitätsorientierte Strategie dominiert, hängt von den bereits genannten Einflussfaktoren ab. 12.3.9.2 Stochastische Schocks Die bisherigen Modellbetrachtungen haben von kurzfristigen exogenen Schocks abstrahiert. Dadurch wurde aber gleichzeitig der eigentliche Vorteil für die diskretionäre Geldpolitik aus der Analyse ausgeklammert. Gerade die Möglichkeit, auf kurzfristig auftretende Schocks kompensatorisch mit der Geldmenge reagieren zu können, bildet einen entscheidenden Vorteil der diskretionären Geldpolitik. Nicht die Möglichkeit, durch Inflationierung die Arbeitslosenquote temporär unter die natürliche Arbeitslosigkeit zu drücken, sondern vielmehr die Möglichkeit, auf konjunkturelle Schocks eingehen zu können, spricht, wie bereits mehrfach betont, für eine diskretionäre Geldpolitik. Schocks können auf der Güterangebots- und der Güternachfrageseite auftreten. Güternachfrageschocks führen zu keinen Zielkonflikten zwischen Preisni- Vahlens Kurzlehrbücher – Moritz – Geldtheorie und Geldpolitik, 3. Auflage Herstellung: Frau Hilgendorff Status: Druckdaten Stand: 19.04.12 Seite: 254 Vahlens Kurzlehrbücher – Moritz – Geldtheorie und Geldpolitik, 3. Auflage Herstellung: Frau Hilgendorff Status: Druckdaten Stand: 19.04.12 Seite: 255 12.3 Problem der Zeitinkonsistenz 255 veaustabilität und Beschäftigung. Ein plötzlicher Rückgang der Güternachfrage führt zu einem Anstieg der Arbeitslosigkeit und einem Rückgang des Preisniveaus, sodass expansive geldpolitische Maßnahmen die Beschäftigung ohne Gefährdung des Preisstabilitätsziels wieder erhöhen können, falls die Lag- und Dosierungsprobleme überwunden werden. Analoge Überlegungen können für Schwankungen der Umlaufgeschwindigkeit des Geldes angeführt werden. Außergewöhnliche Nachfrageschocks, wie der Börsenkrach am 13. Februar 1987, könnten bei einer regelgebundenen Geldpolitik katastrophale Folgen nach sich ziehen. Dass derartige Folgen durch diesen Börsenkrach nicht entstanden sind, wird in erster Linie der amerikanischen Notenbank zugeschrieben, die ihre Geldpolitik lockerte und somit die Liquidität der Kreditinstitute sicherte. Auch auf die im Jahr 2008 ausgelöste Finanzmarktkrise reagierte die amerikanische Zentralbank mit einer expansiven Geldpolitik und verhinderte damit den Kollaps des Finanzsektors. Gleiches gilt für die Europäische Zentralbank. Güternachfrageschocks sprechen also gegen eine strenge Geldmengenregel. Angebotsschocks führen dagegen zu einem Zielkonflikt zwischen Inflation und Beschäftigung.282 So induziert ein Rückgang des Güterangebots eine Erhöhung des Preisniveaus und der Arbeitslosigkeit (Stagflation). Expansive geldpolitische Maßnahmen gefährden dann die Preisniveaustabilität, kontraktive Maßnahmen erhöhen die Arbeitslosigkeit. Zur Verdeutlichung wird das vorliegende Modell um das mögliche Auftreten von Güterangebotsschocks erweitert. Die Modellstruktur ist durch die folgenden Annahmen gekennzeichnet: • Die Zentralbank kündigt eine angestrebte Inflationsrate an. • Die Tarifpartner schließen Verträge über die Löhne auf der Basis ihrer Inflationserwartungen, die sich an den Ankündigungen der Zentralbank orientieren, mit einer Gültigkeit von mindestens einer Periode ab. Die Verträge können während der Laufzeit nicht modifiziert oder gekündigt werden. • Es tritt ein negativer Angebotsschock γ ein. Das Güterangebot geht zurück und die Inflationsrate steigt. • Die Zentralbank entscheidet über den Einsatz ihrer geldpolitischen Instrumente. Die Zentralbank kann also auf den Schock unmittelbar reagieren. • Geldpolitik, Lohnforderungen und Angebotsschocks bestimmen Inflation und Arbeitslosigkeit. Unter Beachtung von Angebotsschocks (γ) ergibt sich für die Phillipskurve: (12-33) *N ˆ ˆAQ = AQ c (P P )− ⋅ − + γ Ein negativer Angebotsschock führt also dazu, dass bei korrekten Erwartungen die Arbeitslosigkeit ihr natürliches Niveau überschreitet. Unterstellen wir, die Zentralbank konnte sich glaubhaft auf eine Regel festlegen, die eine Inflationsrate von null induziert. In diesem Fall werden zwar die Preisschwankungen stabilisiert, der Angebotsschock wirkt sich jedoch vollständig 282 Vgl. Abschnitt 13.3.2.4. Vahlens Kurzlehrbücher – Moritz – Geldtheorie und Geldpolitik, 3. Auflage Herstellung: Frau Hilgendorff Status: Druckdaten Stand: 19.04.12 Seite: 256 Vahlens Kurzlehrbücher – Moritz – Geldtheorie und Geldpolitik, 3. Auflage Herstellung: Frau Hilgendorff Status: Druckdaten Stand: 19.04.12 Seite: 257 12 Diskretionäre versus regelgebundene Geldpolitik256 auf die Beschäftigung aus. Die Preisniveaustabilität wird durch eine Fluktuation in der Arbeitslosenquote erkauft:283 (12-34) = + γNAQ AQ Der volkswirtschaftliche Verlust beträgt daher: (12-35) = + γNV AQ Bei Verfolgung einer diskretionären Geldpolitik kann die Zentralbank die Beschäftigungsschwankungen vermeiden. Indem sie die Arbeitslosigkeit durch geldpolitische Maßnahmen auf dem Niveau der natürlichen Arbeitslosigkeit hält, verfehlt sie jedoch das Inflationsziel. Durch Gleichsetzung von natürlicher und tatsächlicher Arbeitslosigkeit in Gleichung (12-33) folgt für die Inflationsrate:284 (12-36) * 1 1ˆ ˆP = P = c c + γ γ Dies führt zu einem volkswirtschaftlichen Verlust in Höhe von: (12-37) = + γ2N 2 d V AQ c Aus dem Vergleich der Gleichungen (12-35) und (12-37) geht hervor, dass eine preisniveauorientierte Regelbindung nur dann besser abschneidet als eine Stabilisierung des Beschäftigungsniveaus, wenn gilt: (12-38) γ > γ22 1 d c bzw. (12-39) γ > 2c d Werden Schocks berücksichtigt, so ist eine regelgebundene Geldpolitik einer diskretionären Geldpolitik nicht mehr zwingend überlegen, da bei einer starren Regel die Glaubwürdigkeit auf Kosten der Flexibilität der Reaktion auf Schocks erreicht wird. Umgekehrt sichert die diskretionäre Geldpolitik die Flexibilität der Geldpolitik. Diese wird aber mit einem Verlust an Glaubwürdigkeit erkauft. Wir haben hier die Wirkungen einer strikten Regelbindung untersucht. Alternativ könnte eine flexible Regelbindung verfolgt werden. Eine flexible Regelbindung ist situationsabhängig. Im Unterschied zu einer starren Regelbindung werden bei einer strikten Regelbindung Angebotsschocks explizit in einer Reaktionsfunktion berücksichtigt. Eine einfache flexible Inflationsregel lautet: (12-40) = + ⋅P̂ a b AQ Im Unterschied zu einer festen Regel ist der Parameter b nicht null. Die optimalen Werte der Parameter a und b können für eine gegebene gesellschaftliche Verlustfunktion bestimmt werden. Es lässt sich zeigen, dass bei Anwendung dieser Regel die Inflation bei einem Angebotsschock niedriger als bei einer diskretionären Politik ausfällt und die Beschäftigung gleich hoch wie bei einer diskretionären Politik. Eine flexible Regelbindung führt somit zu niedrigeren volkswirtschaftlichen Kosten als eine diskretionäre Politik.285 283 Die Marktteilnehmer sehen das Inflationsziel als glaubwürdig an und gehen von einer Inflationsrate in Höhe von null aus. 284 Die Marktteilnehmer gehen wieder von einer Inflationsrate in Höhe von null aus. 285 Zur formalen Herleitung vgl. Jarchow (2010b), S. 261f. Vahlens Kurzlehrbücher – Moritz – Geldtheorie und Geldpolitik, 3. Auflage Herstellung: Frau Hilgendorff Status: Druckdaten Stand: 19.04.12 Seite: 256 Vahlens Kurzlehrbücher – Moritz – Geldtheorie und Geldpolitik, 3. Auflage Herstellung: Frau Hilgendorff Status: Druckdaten Stand: 19.04.12 Seite: 257 12.4 Aufgaben zu Kapitel 12 257 Die Umsetzung einer flexiblen Regel erweist sich allerdings aus folgenden Gründen für schwierig: Zum einen ist es nicht möglich, im Voraus alle möglichen Störungen zu spezifizieren. Zum anderen werden Regeln sehr kompliziert, wenn alle möglichen Störungen in die geldpolitische Reaktionsfunktion eingehen. Für die Marktteilnehmer wird es dann äußerst schwierig, die Einhaltung der Regel zu überprüfen.286 12.3.10 Modellkritik Abschließend sei auf einige Kritikpunkte des Modells hingewiesen. Im Rahmen dieses Ansatzes wird unterstellt, dass die Zentralbanken die Inflationsrate hinreichend schnell beeinflussen können. Die Inflationsrate ändert sich während der Tariflaufzeit. Nur unter diesen Voraussetzungen treten reale Effekte auf. Tatsächlich ist aber die Transmissionsdauer monetärer Impulse erheblich. Es ist daher zu bezweifeln, ob die Marktteilnehmer während der Transmissionszeit ihre Verträge nicht anpassen können. Die abgeleiteten Modellergebnisse sind unter diesem Vorbehalt zu würdigen. Ein zweiter Kritikpunkt betrifft die unterstellte Verlustfunktion. Die angestrebte Arbeitslosenquote liegt unter der natürlichen Arbeitslosenquote. Diese Annahme ist für die abgeleiteten Ergebnisse essentiell. Würde die angestrebte Arbeitslosenquote mit der natürlichen Arbeitslosenquote übereinstimmen, dann bestünden keine Anreize für eine Überraschungsinflation. Das Problem der Zeitinkonsistenz würde dann nicht auftreten.287 Schließlich ist die praktische Relevanz der kurzfristigen Ausnutzung eines Phillipskurven-Trade-offs durch die Zentralbank in Frage zu stellen. So erwähnt Blinder, dass er während seiner Amtszeit als Vizepräsident der Fed keinem Berufskollegen begegnet sei, der sich gegenüber der Versuchung der Überraschungsinflation anfällig gezeigt hätte.288 12.4 Aufgaben zu Kapitel 12289 Aufgabe 12.1 Erläutern Sie die Unterschiede zwischen einer diskretionären und einer regelgebundenen Geldpolitik! Aufgabe 12.2 a) Was verstehen Sie unter einem „Time-Lag“? b) Erläutern Sie mögliche Time-Lags! 286 Vgl. Jarchow (2010b), S. 262f. 287 Ob die gewählte Zielfunktion der Zentralbank mit der Zielfunktion der Marktteilnehmer kompatibel ist, soll hier nicht weiter problematisiert werden. Vgl. hierzu Bofinger/ Frenkel (1991), S. 174f. 288 Vgl. Blinder (1997), S. 13f. 289 Die Lösungen zu den Übungsaufgaben finden Sie unter http://www.vahlen.de/. 12.4 Aufgaben zu Kapitel 12 Vahlens Kurzlehrbücher – Moritz – Geldtheorie und Geldpolitik, 3. Auflage Herstellung: Frau Hilgendorff Status: Druckdaten Stand: 19.04.12 Seite: 258 Vahlens Kurzlehrbücher – Moritz – Geldtheorie und Geldpolitik, 3. Auflage Herstellung: Frau Hilgendorff Status: Druckdaten Stand: 19.04.12 Seite: 259 12 Diskretionäre versus regelgebundene Geldpolitik258 c) Welche Probleme entstehen aufgrund von Time-Lags bei einer antizyklischen Geldpolitik? Aufgabe 12.3 a) Wann ist eine geldpolitische Strategie nicht zeitkonsistent? b) Welche Probleme ergeben sich aus der Zeitinkonsistenz für eine diskretionäre Geldpolitik? c) Wie kann eine Zentralbank eine glaubwürdige Geldpolitik erreichen? Aufgabe 12.4 Gegeben sei die Verlustfunktion: (1) = +2 2ˆV P 2AQ Für den Zusammenhang zwischen Arbeitslosigkeit und Inflation gilt: (2) = − − *N ˆ ˆAQ AQ (P P ) Die natürliche Arbeitslosigkeit beträgt 6 %. a) Wie groß ist die optimale Inflationsrate vor Abschluss verbindlicher Verträge aus Sicht der Zentralbank, wenn die Marktteilnehmer rationale Erwartungen bilden? b) Warum ist die in a) berechnete Inflationsrate nicht zeitkonsistent? Vergleichen Sie hierzu die Steigungen der Phillipskurve und der Isoverlustfunktion! c) Wie groß ist die optimale Inflationsrate, wenn die Marktteilnehmer die in a) berechnete Inflationsrate erwarten und auf dieser Basis Tarifverträge geschlossen haben? Wie hoch fällt die Arbeitslosenquote aus? d) Bestimmen Sie die zeitkonsistente Inflationsrate! e) Die Inflationsrate betrage 5 %. Wie groß ist die Arbeitslosigkeit, wenn die Zentralbank die Inflationsrate auf 0 % reduziert, die Marktteilnehmer aber weiter von 5 % Inflation ausgehen?

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References

Zusammenfassung

Die Zusammenhänge der Geldpolitik.

Moritz, Geldtheorie und Geldpolitik

3. Auflage. 2012.

ISBN 978-3-8006-4234-2

Geldpolitik komplett

Dieses Lehrbuch vermittelt die Grundkenntnisse der Geldtheorie und Geldpolitik anhand von konkreten Beispielen und den aktuellen geldpolitischen Entwicklungen. Die Übungsfragen am Kapitelende sorgen für einen höheren Lernerfolg.

Besonders aktuell: Geldpolitik

Die 3. Auflage berücksichtigt die aktuellen Entwicklungen der Europäischen Währungsunion und stellt die geld-politischen Zusammenhänge praktisch dar.

Besonders interessant

für Studenten der Wirtschaftswissenschaften an Universitäten, Fachhochschulen und Berufsakademien.