11 Transmission monetärer Impulse in:

Karl-Heinz Moritz

Geldtheorie und Geldpolitik, page 244 - 253

3. Edition 2012, ISBN print: 978-3-8006-4234-2, ISBN online: 978-3-8006-4235-9, https://doi.org/10.15358/9783800642359_244

Series: Vahlens Kurzlehrbücher

Bibliographic information
Vahlens Kurzlehrbücher – Moritz – Geldtheorie und Geldpolitik, 3. Auflage Herstellung: Frau Hilgendorff Status: Druckdaten Stand: 19.04.12 Seite: 224 Vahlens Kurzlehrbücher – Moritz – Geldtheorie und Geldpolitik, 3. Auflage Herstellung: Frau Hilgendorff Status: Druckdaten Stand: 19.04.12 Seite: 225 11 Transmission monetärer Impulse 11.1 Einführung Der geldpolitische Transmissionsmechanismus beschreibt, wie sich monetäre Impulse auf den realwirtschaftlichen Bereich einer Volkswirtschaft übertragen. Die einzelnen Verbindungen werden als Transmissionskanäle bezeichnet. Wie sich geldpolitische Impulse auf den realen Sektor übertragen, ist wissenschaftlich keineswegs eindeutig geklärt. Daher existiert eine Vielzahl von alternativen Transmissionskanälen. Der Transmissionsmechanismus kann in unterschiedliche Phasen zerlegt werden:245 • Phase 1: Auswirkungen einer Leitzinsänderung auf die Zinsen am Kapitalmarkt • Phase 2: Auswirkungen der Zinsänderung am Kapitalmarkt auf die Güternachfrage • Phase 3: Auswirkungen der Änderung der Güternachfrage auf Preisniveau und Beschäftigung Die genaue Erläuterung dieser Phasen wird in den folgenden Abschnitten vorgenommen. 11.2 Auswirkungen einer Leitzinsänderung auf die Zinsen am Kapitalmarkt Geschäftsbanken verfügen über alternative Möglichkeiten, sich Liquidität zu beschaffen. So können sie bei der Zentralbank, bei anderen Geschäftsbanken oder bei den privaten Haushalten Kredite aufnehmen. Zwischen diesen Finanzierungsmöglichkeiten bestehen substitutive Beziehungen. Daher übertragen sich Veränderungen der Refinanzierungszinsen der Zentralbank auf die Zinssätze am Interbankengeldmarkt und auf die Zinssätze für Einlagen privater Haushalte. Betrachten wir eine Erhöhung der Refinanzierungszinsen. Für die Kreditinstitute verteuert sich die Refinanzierung bei der Zentralbank. Sie weichen auf 245 In der Literatur existieren alternative Möglichkeiten, um Transmissionsmechanismen einzuteilen. Eine traditionelle Möglichkeit besteht in der Untergliederung nach Paradigmen. Diesbezüglich unterscheidet man den keynesianischen Transmissionsmechanismus und den monetaristischen Transmissionsmechanismus. Eine alternative Einteilung unterscheidet nach Schlüsselvariablen wie Zinsen, Wechselkursen, Erwartungen und Krediten. Vgl. hierzu Gerdesmeier (2011a), S. 91ff. und S. 211ff. 11 Transmission monetärer Impulse 11.1 Einführung 11.2 Auswirkungen einer Leitzinsänderung auf die Zinsen am Kapitalmarkt Vahlens Kurzlehrbücher – Moritz – Geldtheorie und Geldpolitik, 3. Auflage Herstellung: Frau Hilgendorff Status: Druckdaten Stand: 19.04.12 Seite: 226 Vahlens Kurzlehrbücher – Moritz – Geldtheorie und Geldpolitik, 3. Auflage Herstellung: Frau Hilgendorff Status: Druckdaten Stand: 19.04.12 Seite: 227 11 Transmission monetärer Impulse226 den Interbankengelmarkt aus. Durch die gestiegene Nachfrage am Interbankengeldmarkt steigen die Geldmarktzinsen. Aufgrund der gestiegenen Zinsen am Interbankengeldmarkt werden die Kreditinstitute mehr Kredite bei den privaten Haushalten aufnehmen. Sie werden die Zinsen für Einlagen und Bankschuldverschreibungen erhöhen. Für die privaten Haushalte ist es daher attraktiver, finanzielle Mittel bei den Banken anzulegen. Sie reduzieren ihre Nachfrage nach Anleihen und Aktien, wodurch die Kurse am Kapitalmarkt sinken, und die Renditen steigen. Eine Zentralbank kann somit durch eine Veränderung der Leitzinsen Einfluss auf die Zinsen am Kapitalmarkt nehmen. Dieses Ergebnis ist allerdings in zweifacher Hinsicht zu modifizieren.246 Eine kontraktive Geldpolitik kann die Inflationserwartungen reduzieren. Ist dies der Fall, dann nimmt die Präferenz der Anleger zu, sich langfristig zu binden. Das zusätzliche Angebot am langen Ende des Kreditmarkts reduziert tendenziell den langfristigen Zins. Ist dieser Effekt sehr ausgeprägt, kann eine Erhöhung des kurzfristigen Zinses zu einer Reduktion des langfristigen Zinses führen und somit eine inverse Zinsstruktur herbeiführen. Darüber hinaus kann eine Erhöhung des Zinsniveaus am kurzen Ende zu einer Aufwertungserwartung führen. Löst diese Aufwertungserwartung einen Kapitalimport aus, dann sinkt der langfristige Zins, und es resultiert wiederum eine inverse Zinsstruktur. 11.3 Auswirkungen der Zinsänderung am Kapitalmarkt auf die Güternachfrage247 Es existiert eine Vielzahl von Transmissionskanälen, die die Auswirkungen der Kapitalmarktzinsen auf die Güternachfrage beschreiben. Die Abbildung 11.2 systematisiert die in den folgenden Abschnitten beschriebenen Kanäle. 246 Vgl. Görgens/Ruckriegel/Seitz (2008), S. 298ff. 247 Vgl. hierzu ausführlicher Görgens/Ruckriegel/Seitz (2008), S. 287ff. 11.3 Auswirkungen der Zinsänderung am Kapitalmarkt auf die Güternachfrage Finanzierungsmöglichkeiten der Kreditinstitute Zentralbank • Refinanzierungskredite • Spitzenfinanzierungsfazilität private Haushalte • Einlagen • Bankschuldverschreibungen Geschäftsbanken Interbankenkreditmarkt • Tagesgeld • Dreimonatsgeld • … Abbildung 11.1: Finanzierungsmöglichkeiten der Kreditinstitute Vahlens Kurzlehrbücher – Moritz – Geldtheorie und Geldpolitik, 3. Auflage Herstellung: Frau Hilgendorff Status: Druckdaten Stand: 19.04.12 Seite: 226 Vahlens Kurzlehrbücher – Moritz – Geldtheorie und Geldpolitik, 3. Auflage Herstellung: Frau Hilgendorff Status: Druckdaten Stand: 19.04.12 Seite: 227 11.3 Auswirkungen der Zinsänderung am Kapitalmarkt auf die Güternachfrage 227 11.3.1 Binnenwirtschaftliche Transmissionswege 11.3.1.1 Zinskanal Veränderungen der Kapitalmarktzinsen können sich direkt und indirekt auf die Güternachfrage auswirken. Höhere Kapitalmarktzinsen führen direkt zu einer Erhöhung der Finanzierungskosten für betriebliche Investitionen, für den Wohnungsbau und für langlebige Konsumgüter, wodurch sich die gesamtwirtschaftliche Nachfrage reduziert. Ferner kommt es zu einer Reduktion der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage, da die Konsumenten bei höheren Zinsen mehr sparen. Voraussetzung für die Effektivität des direkten Zinskanals ist eine ausreichend hohe Zinselastizität der Investitionsnachfrage. Indirekt können sich höhere Kapitalmarktzinsen über Substitutions- und Einkommenseffekte auswirken. Substitutionseffekte basieren auf portfoliotheoretischen Vorstellungen. Dabei wird davon ausgegangen, dass Wirtschaftssubjekte in Abhängigkeit der Ertragsraten eine Vermögensstruktur wählen, die den erwarteten Ertrag ihres Gesamtvermögens maximiert. Eine geldpolitische Maßnahme verändert diese optimale Vermögensstruktur und löst dadurch Ketten von Anpassungen aus, die alle Märkte tangieren. Betrachten wir wieder eine kontraktive Geldpolitik, die zu einer Reduktion der Wertpapierkurse und einer gestiegenen Rendite führt. Die an den Wertpapiermärkten gestiegenen Renditen sowie fallende Kurse stören das Vermögensgleichgewicht der Nichtbanken. Bei unveränderten Preisen für Sachvermögen verlieren Sachinvestitionen gegenüber Finanzinvestitionen an Attraktivität. Die Nichtbanken reduzieren die Nachfrage nach Sachvermögen, wobei sich die Güternachfrage verringert. Veränderungen der Kapitalmarktzinsen können auch Einkommensumverteilungseffekte auslösen. Durch die Erhöhung des Zinsniveaus kommt es zu binnenwirtschaftlich Erhöhung der Kapitalmarktzinsen außenwirtschaftlich Zinskanal • direkt • indirekt • Substitutionseffekte • Einkommensumverteilungseffekte Wechselkurseffekt Vermögenskanal • Aktienmarktperformance • Lebenszeit- Einkommens- Hypothese Erwartungskanal Kreditkanal • Bankenkanal • Bilanzkanal Bilanzsaldeneffekt Abbildung 11.2: Auswirkungen der Zinsänderung am Kapitalmarkt auf die Güternachfrage Vahlens Kurzlehrbücher – Moritz – Geldtheorie und Geldpolitik, 3. Auflage Herstellung: Frau Hilgendorff Status: Druckdaten Stand: 19.04.12 Seite: 228 Vahlens Kurzlehrbücher – Moritz – Geldtheorie und Geldpolitik, 3. Auflage Herstellung: Frau Hilgendorff Status: Druckdaten Stand: 19.04.12 Seite: 229 11 Transmission monetärer Impulse228 einer Umverteilung der Einkommen. Die Einkommen der Gläubiger steigen, die Einkommen der Schuldner sinken. Wird berücksichtigt, dass die Schuldner i. d. R. eine höhere Konsumquote aufweisen als die Gläubiger, dann führt dieser Einkommenseffekt zu einer Reduktion der Konsumnachfrage. 11.3.1.2 Vermögenskanal Der Vermögenskanal beschreibt die Auswirkungen des durch die Geldpolitik veränderten Vermögens auf die Güternachfrage. Hier werden zwei Effekte unterschieden: Zum einen haben geldpolitische Maßnahmen Einfluss auf den Marktwert der Unternehmen und wirken daher auf die Investitionsnachfrage der Unternehmen (Aktienmarktperformance). Zum anderen ändert sich das Haushaltsvermögen, worauf die Güternachfrage reagiert (Lebenseinkommenshypothese). Betrachten wir zunächst den Einfluss der Geldpolitik auf die Investitionsnachfrage. Zu diesem Zweck greifen wir auf das Tobin’sche q zurück. Dieses wird durch das Verhältnis von Marktwert (MW) und Wiederbeschaffungskosten des Kapitals (WK) definiert: (11-1) q = MW/WK Der Marktwert entspricht dem Aktienkurs, der den zukünftigen erwarteten abgezinsten Dividendenausschüttungen entspricht. Liegt der Marktwert oberhalb der Wiederbeschaffungskosten (q > 1), dann sind Neuinvestitionen rentabel. Im umgekehrten Fall (q < 1) unterbleiben Neuinvestitionen. Eine kontraktive Geldpolitik führt zu steigenden Zinsen, sodass zukünftige Dividendenausschüttungen stärker diskontiert werden. Der Marktwert der Investitionen und somit auch das Tobin‘sche q sinken. Daraufhin gehen die Investitionsnachfrage und somit auch die gesamtwirtschaftliche Nachfrage zurück. Änderungen der Refinanzierungszinsen wirken aber auch auf das Haushaltsvermögen und somit auf die Konsumgüternachfrage. Nach der Lebenszeit- Einkommenshypothese von Franco Modigliani streben die privaten Haus halte einen gleichmäßigen Konsum über den Lebenszyklus an. Da im späten Lebensalter mit geringen Einkommen gerechnet wird, sparen die privaten Haushalte in jüngeren Jahren Vermögenswerte an, um im späten Lebensalter ein gewünschtes Konsumniveau aufrechterhalten zu können. Sie investieren daher in Wertpapiere oder Immobilien. Eine kontraktive Geldpolitik verringert die Wertpapierkurse, wodurch das Vermögen für die Altersvorsorge schrumpft. Um das angestrebte Niveau der Altersvorsorge aufrecht zu halten, verringern die privaten Haushalte ihren Konsum. Vermögenseffekte spielten bei der Finanzmarktkrise eine erhebliche Rolle. Der Anstieg der Refinanzierungszinsen der amerikanischen Zentralbank in den Jahren 2004 bis 2006 führte einerseits zu einem Rückgang der Immobiliennachfrage. Andererseits konnten viele Schuldner die Hypothekenzinsen und -tilgungen nicht mehr bedienen, sodass es zu Zwangsversteigerungen kam. Beides drückte die Immobilienpreise. Folge dieser Vermögensverluste war ein Einbrechen des Konsums. Vahlens Kurzlehrbücher – Moritz – Geldtheorie und Geldpolitik, 3. Auflage Herstellung: Frau Hilgendorff Status: Druckdaten Stand: 19.04.12 Seite: 228 Vahlens Kurzlehrbücher – Moritz – Geldtheorie und Geldpolitik, 3. Auflage Herstellung: Frau Hilgendorff Status: Druckdaten Stand: 19.04.12 Seite: 229 11.3 Auswirkungen der Zinsänderung am Kapitalmarkt auf die Güternachfrage 229 11.3.1.3 Erwartungskanal Preise ändern sich als Reaktion auf Angebots- bzw. Nachfrageüberhänge. Sie können sich aber auch aufgrund von Erwartungen über zukünftige Entwicklungen verändern. Inflationserwartungen beeinflussen maßgeblich die tatsächliche Preisniveauentwicklung. Betrachten wir als Beispiel eine kontraktive Geldpolitik zur Bekämpfung einer hohen Inflationsrate. Die Gefahr einer kontraktiven Geldpolitik besteht darin, dass es temporär zu einem Beschäftigungseinbruch kommt. Wie in Abschnitt 9.4.1 dargestellt, werden Arbeitnehmer bei adaptiven Erwartungen zunächst von einer weiterhin hohen Inflationsrate ausgehen und entsprechende Lohnzuwächse fordern. Da diese Lohnforderungen auf die Preise überwälzt werden, bleibt die Inflation zunächst auf unverändertem Niveau. Die Kontraktion der nominalen Geldmenge durch die Zentralbank reduziert die reale Geldmenge sowie Produktion und Beschäftigung. Der Anstieg der Arbeitslosigkeit drückt die Lohnzuwächse und damit die Inflation. Die Rückführung der Inflation lässt die reale Geldmenge und damit die Beschäftigung im Zeitverlauf wieder ansteigen. Antizipieren die Tarifparteien hingegen, dass eine kontraktive Geldpolitik die zukünftige Inflationsrate reduziert, dann werden sie dies in neuen Tarifverträgen bei der Lohnbildung berücksichtigen. Sie reduzieren die Lohnzuwächse bevor es zu einem Anstieg der Arbeitslosigkeit gekommen ist. Die Reduktion der Löhne dämpft die Inflationsrate, sodass im Idealfall die Reduktion der nominalen Geldmenge der Zentralbank nicht zu einer Schrumpfung der realen Geldmenge und damit nicht zu einem Rückgang der Güternachfrage führt. Die Zeitspanne zwischen Verabschiedung einer geldpolitischen Maßnahme und der Auswirkung auf die Inflationsrate vermindert sich. Ebenso verringern sich die realen Auswirkungen geldpolitischer Maßnahmen. Für die Geldpolitik spielen somit Inflationserwartungen eine wichtige Rolle. Die Stabilisierung der Inflationserwartungen auf einem niedrigen Niveau ist eine wichtige Voraussetzung für die Preisniveaustabilität. 11.3.1.4 Kreditkanal Empirische Erfahrungen zeigen, dass reale Wirkungen, insbesondere restriktive geldpolitische Maßnahmen, stärker ausfallen als die traditionellen Wirkungskanäle. Eine Möglichkeit zur Erklärung dieser Beobachtung bietet der Kreditkanal. Der Kreditkanal teilt sich in zwei Kanäle, den Banken- und den Bilanzkanal. Zur Erklärung des Bankenkanals betrachten wir erneut eine Anhebung der Refinanzierungszinsen, wodurch sich die Kreditvergabe aus Sicht der Kreditinstitute verteuert. Die Kreditangebotsfunktion verschiebt sich nach oben. Beim ursprünglichen Gleichgewichtszins iA entsteht ein Nachfrageüberhang am Kreditmarkt. Der Gleichgewichtszins steigt auf iB. Die entscheidende Frage ist aber, ob die Kreditinstitute den Kreditmarktzins wirklich anheben sollten. Vahlens Kurzlehrbücher – Moritz – Geldtheorie und Geldpolitik, 3. Auflage Herstellung: Frau Hilgendorff Status: Druckdaten Stand: 19.04.12 Seite: 230 Vahlens Kurzlehrbücher – Moritz – Geldtheorie und Geldpolitik, 3. Auflage Herstellung: Frau Hilgendorff Status: Druckdaten Stand: 19.04.12 Seite: 231 11 Transmission monetärer Impulse230 Ausgangspunkt ist das Problem asymmetrischer Informationen . Dabei wird davon ausgegangen, dass die Kreditnehmer über die Risiken ihrer Investitionsentscheidungen besser informiert sind als die Kreditgeber. Die Kreditgeber können die Risiken der einzelnen Investitionsprojekte nur bedingt beurteilen. Daher fordern sie von allen Kreditnehmern einen Durchschnittszins, der einem mittleren Risiko entspricht. Tendenziell gilt, dass höhere Renditen nur erwirtschaftet werden können, wenn höhere Risiken eingegangen werden. Höhere Renditen bedingen in der Regel riskantere Projekte. Investoren, die in relativ sichere Projekte investieren, werden bei höheren Zinsen keine Kredite mehr nachfragen. Daher vergrößert sich das durchschnittliche Insolvenzrisiko, was wiederum die Zinsen nach oben treibt.248 Durch eine Zinssteigerung ändert sich somit die Zusammensetzung der Kreditnehmer. Die „guten“ Risiken werden durch die „schlechten“ Risiken verdrängt. Dieses Phänomen bezeichnet man als adverse Selektion . Hinzu kommt, dass die Risikobereitschaft der Investoren durch die Zinserhöhung nach Vertragsabschluss zunehmen kann (Moral Hazard). Moral Hazard entsteht im Unterschied zu adverser Selektion nach Vertragsabschluss. Die Kreditnehmer können nach Kreditvergabe die finanziellen Mittel entgegen der Interessen der Kreditgeber für riskante Projekte verwenden. Diese Gefahr besteht insbesondere, wenn die Investoren über keine eigenen Finanzmittel verfügen. Bei erfolgreichen Projekten streichen sie die Gewinne ein. Bei fehlgeschlagenen Projekten müssen sie die Verluste aber nicht tragen.249 Eine Zinserhöhung kann also dazu führen, dass die Kreditnehmer höhere Risiken eingehen. 248 Dieses klassische Beispiel stammt von Stiglitz/Weiss (1981). 249 Adverse Selektion liegt vor, wenn durch eine Erhöhung des Kreditzinses der Anteil der risikobereiten Kreditnehmer steigt. Moral Hazard liegt vor, wenn aufgrund einer Erhöhung des Kreditzinses die Kreditnehmer ihre Risikobereitschaft erhöhen. Die Risikobereitschaft der Verwendung der Kreditmittel steigt. AC B KRC KR i KRB iB KRA iA = iC KRN A BKR A AKR Abbildung 11.3: Kreditrationierung Vahlens Kurzlehrbücher – Moritz – Geldtheorie und Geldpolitik, 3. Auflage Herstellung: Frau Hilgendorff Status: Druckdaten Stand: 19.04.12 Seite: 230 Vahlens Kurzlehrbücher – Moritz – Geldtheorie und Geldpolitik, 3. Auflage Herstellung: Frau Hilgendorff Status: Druckdaten Stand: 19.04.12 Seite: 231 11.3 Auswirkungen der Zinsänderung am Kapitalmarkt auf die Güternachfrage 231 Die Geschäftsbanken müssen bei einer Erhöhung der Refinanzierungszinsen zwei Effekte abwägen: • Eine Erhöhung der Refinanzierungszinsen führt – bei unveränderter Bonität der Kreditnehmer – zu einer Erhöhung des gewinnoptimalen Kreditmarktzinses. • Eine Erhöhung des Kreditmarktzinses erhöht das Kreditausfallrisiko und reduziert die Gewinnaussichten der Kreditinstitute. Für Kreditinstitute kann es sich, wenn der zweite Effekt dominiert, daher als sinnvoll erweisen, auf eine Erhöhung des Refinanzierungszinses mit Kreditrationierungen statt mit Zinserhöhungen zu reagieren. Sie stellen dann ein Kreditvolumen von KRC zum Zins iA zur Verfügung. Ein Nachfragevolumen am Kreditmarkt entsprechend der Länge der Strecke AC wird dann nicht bedient. Da die Kreditvergabe reduziert wird, sinkt die gesamtwirtschaftliche Güternachfrage. Die Kreditinstitute können auch mit der Forderung nach zusätzlichen Sicherheiten reagieren. Potenzielle Kreditnehmer mit geringen Eigenmitteln werden dann nicht mehr bedient. Das geschilderte Problem tritt nicht nur bei einer Erhöhung der Refinanzierungszinsen auf, sondern generell auch bei Nachfrageüberhängen am Kreditmarkt. Ein solcher kann dadurch entstehen, dass sich in einer Rezession die Bonität aller Kreditnehmer verschlechtert und sich daher die Kreditangebotsfunktion nach links verschiebt. Der Bilanzkanal beschreibt die Wirkungen einer restriktiven Geldpolitik auf den Bilanzwert von Unternehmen. Steigt aufgrund einer restriktiven Geldpolitik das allgemeine Zinsniveau in einer Volkswirtschaft, so nehmen die Aktienkurse und somit die Unternehmenswerte ab. Das Reinvermögen der Unternehmen und der Cashflow sinken. Dies führt einerseits dazu, dass die Unternehmen auf zusätzliche Kredite angewiesen sind und dadurch ein Nachfrageüberhang am Kreditmarkt entsteht. Andererseits nimmt die Basis der Kreditsicherung ab. Hinzu kommt, dass aufgrund der Reduktion des Eigenkapitals das Haftungspotenzial der Kreditnehmer bei einer Fehlinvestition abnimmt, wodurch die Bereitschaft der Verfolgung risikoreicherer Investitionen zunimmt. Dadurch bedingt sinkt die Bereitschaft der Banken, die zusätzlichen Kredite zu bedienen. Das Ergebnis ist wiederum eine Kreditrationierung und ein Rückgang der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage. 11.3.2 Außenwirtschaftliche Transmissionswege Schließlich können sich auch über Wechselkurseffekte Veränderungen der Kapitalmarktzinsen auf die Güternachfrage übertragen. Geldpolitische Maßnahmen wirken zum einen auf die Nettoexporte. Eine kontraktive Geldpolitik erhöht das inländische Zinsniveau. Bei gegebenem ausländischen Zinsniveau steigt das Zinsdifferential zwischen dem In- und dem Ausland, sodass eine Geldanlage im Inland attraktiver wird. Am Devisenmarkt steigt die Nachfrage nach der heimischen Währung, was in einem System flexibler Wechselkurse Vahlens Kurzlehrbücher – Moritz – Geldtheorie und Geldpolitik, 3. Auflage Herstellung: Frau Hilgendorff Status: Druckdaten Stand: 19.04.12 Seite: 232 Vahlens Kurzlehrbücher – Moritz – Geldtheorie und Geldpolitik, 3. Auflage Herstellung: Frau Hilgendorff Status: Druckdaten Stand: 19.04.12 Seite: 233 11 Transmission monetärer Impulse232 eine Aufwertung der Inlandswährung nach sich zieht. Durch die Aufwertung der Inlandswährung werden Konsum- sowie Produktionsgüter im Inland teurer, sodass über diesen Effekt die Nachfrage nach inländischen Produkten sinkt. Die Aufwertung wirkt aber auch auf die Bilanzsalden. Beim Vorliegen einer Nettogläubigerposition des Inlands schrumpft bei einer Aufwertung der heimischen Währung das Nettoauslandsvermögen, wodurch die gesamtwirtschaftliche Nachfrage im Inland wiederum gedämpft wird.250 11.4 Auswirkungen der Änderung der Güternachfrage auf Preisniveau und Beschäftigung 250 Es wird unterstellt, dass die Auslandsforderungen in ausländischen Währungseinheiten gehalten werden. Zu den außenwirtschaftlichen Transmissionswegen vgl. ausführlicher Belke/Bordon (2011), S. 554ff. 11.4 Auswirkungen der Änderung der Güternachfrage auf Preisniveau und … YA = YC Y C PA = PC P YC Y AS A C B PC PA P YA Y AS A YA PB = PC PA P AS B C A YC ADA ADC ADA ADC ADA ADC Abbildung 11.4: Wirkungen der Geldpolitik Vahlens Kurzlehrbücher – Moritz – Geldtheorie und Geldpolitik, 3. Auflage Herstellung: Frau Hilgendorff Status: Druckdaten Stand: 19.04.12 Seite: 232 Vahlens Kurzlehrbücher – Moritz – Geldtheorie und Geldpolitik, 3. Auflage Herstellung: Frau Hilgendorff Status: Druckdaten Stand: 19.04.12 Seite: 233 11.5 Aufgaben zu Kapitel 11 233 Im vorausgegangenen Abschnitt wurden die verschiedenen Kanäle beschrieben, über die sich ein von der Zentralbank ausgelöster monetärer Impuls auf die Güternachfrage auswirkt. Die Frage ist nun, welche Auswirkung ein derartiger Impuls auf die Beschäftigung und auf das Preisniveau ausübt. Dies hängt von der konkreten Konjunktursituation ab, was anhand der Abbildung  11.4 verdeutlicht wird. Der obere Teil der Abbildung  11.4 zeigt eine Situation mit extrem unterausgelasteten Kapazitäten. Die Güterangebotsfunktion verläuft waagerecht. Die Unternehmen sind bereit jede zusätzliche Nachfrage zu konstanten Preisen zu bedienen. In diesem Fall löst ein expansiver geldpolitischer Impuls eine Erhöhung der Produktion bei unveränderten Preisen aus. Der untere Teil der Abbildung 11.4 zeigt die Situation einer Volkswirtschaft, in der die Kapazitäten voll ausgelastet sind. Die Güterangebotsfunktion verläuft senkrecht. Ein expansiver geldpolitischer Impuls erhöht das Preisniveau bei unveränderter Beschäftigung. Im mittleren Diagramm verläuft die Güterangebotsfunktion mit einer positiven Steigung. Ein expansiver geldpolitischer Impuls erhöht das Preisniveau und die Beschäftigung. 11.5 Aufgaben zu Kapitel 11251 Aufgabe 11.1 Was verstehen Sie unter einem Transmissionsmechanismus? Aufgabe 11.2 In welche Phasen kann der Transmissionsmechanismus eingeteilt werden? Aufgabe 11.3 Über welche Finanzierungsmöglichkeiten verfügen Kreditinstitute? Aufgabe 11.4 Wie wirken sich Leitzinsänderungen auf die Kapitalmarktzinsen aus? Aufgabe 11.5 Erläutern Sie, wie sich Zinsänderungen am Kapitalmarkt über a) den Zinskanal, b) den Vermögenskanal und c) den Erwartungskanal auf die Güternachfrage auswirken können! 251 Die Lösungen zu den Übungsaufgaben finden Sie unter http://www.vahlen.de/. 11.5 Aufgaben zu Kapitel 11 Vahlens Kurzlehrbücher – Moritz – Geldtheorie und Geldpolitik, 3. Auflage Herstellung: Frau Hilgendorff Status: Druckdaten Stand: 19.04.12 Seite: 234 Vahlens Kurzlehrbücher – Moritz – Geldtheorie und Geldpolitik, 3. Auflage Herstellung: Frau Hilgendorff Status: Druckdaten Stand: 19.04.12 Seite: 235 11 Transmission monetärer Impulse234 Aufgabe 11.6 Warum kann es für die Geschäftsbanken sinnvoll sein, auf einen Nachfrage- überhang am Kreditmarkt nicht mit einer Zinserhöhung, sondern mit einer Kreditrationierung zu reagieren? Aufgabe 11.7 Wie wirkt sich eine Erhöhung der Güternachfrage auf das Preisniveau und die Beschäftigung bei a) einem vollkommen preiselastischen Angebot, b) einem preiselastischen Angebot und c) einem vollkommen preisunelastischen Angebot aus?

Chapter Preview

References

Zusammenfassung

Die Zusammenhänge der Geldpolitik.

Moritz, Geldtheorie und Geldpolitik

3. Auflage. 2012.

ISBN 978-3-8006-4234-2

Geldpolitik komplett

Dieses Lehrbuch vermittelt die Grundkenntnisse der Geldtheorie und Geldpolitik anhand von konkreten Beispielen und den aktuellen geldpolitischen Entwicklungen. Die Übungsfragen am Kapitelende sorgen für einen höheren Lernerfolg.

Besonders aktuell: Geldpolitik

Die 3. Auflage berücksichtigt die aktuellen Entwicklungen der Europäischen Währungsunion und stellt die geld-politischen Zusammenhänge praktisch dar.

Besonders interessant

für Studenten der Wirtschaftswissenschaften an Universitäten, Fachhochschulen und Berufsakademien.