10 Wohlfahrtswirkungen der Inflation in:

Karl-Heinz Moritz

Geldtheorie und Geldpolitik, page 224 - 243

3. Edition 2012, ISBN print: 978-3-8006-4234-2, ISBN online: 978-3-8006-4235-9, https://doi.org/10.15358/9783800642359_224

Series: Vahlens Kurzlehrbücher

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Vahlens Kurzlehrbücher – Moritz – Geldtheorie und Geldpolitik, 3. Auflage Herstellung: Frau Hilgendorff Status: Druckdaten Stand: 19.04.12 Seite: 205 10 Wohlfahrtswirkungen der Inflation 10.1 Einführung Im vorausgegangenen Kapitel haben wir untersucht, ob Zielkonflikte zwischen dem Preisniveaustabilitätsziel und dem Beschäftigungsziel existieren. Dabei wurde festgestellt, dass der Versuch, die Arbeitslosigkeit langfristig unter ihr natürliches Niveau zu drücken, misslingt. Es verbleiben langfristig höhere Inflationsraten bei unveränderter Arbeitslosigkeit. In diesem Kapitel wird nun untersucht, warum Inflation zu negativen Wohlfahrtseffekten führt. Dabei ist es sinnvoll, zwischen einer antizipierten und einer nicht antizipierten Inflation zu unterscheiden. In Abschnitt 10.2 untersuchen wir die Wohlfahrtswirkungen einer korrekt und in Abschnitt 10.3 die Wohlfahrtswirkungen einer nicht korrekt antizipierten Inflation. Nicht alle Ökonomen vertreten allerdings die Ansicht, dass jede positive Inflationsrate mit Wohlfahrtseinbußen verbunden ist. Geringe Inflationsraten könnten zur Flexibilität der Reallöhne beitragen und den Spielraum für die Geldpolitik erhöhen. Diese Gedanken werden wir in Abschnitt 10.4 vorstellen. Dem Staat entstehen durch die Bereitstellung von Bargeld Einnahmen, die als Seigniorage definiert werden. Allerdings muss beachtet werden, dass durch die Finanzierung der Staatsausgaben mit Hilfe der Notenpresse die Inflation angeheizt wird. Die Zusammenhänge zwischen Seigniorage, Staatseinnahmen und Inflation beschreiben wir in Abschnitt 10.5. 10.2 Korrekt antizipierte Inflation 10.2.1 Begriff Eine antizipierte Inflation liegt vor, wenn die Marktteilnehmer • die zukünftige Inflationsrate korrekt voraussehen und • über die Fähigkeit verfügen, die Inflationserwartungen in die Verhandlungen über Preise, Zinsen und Löhne einfließen zu lassen. Es stellt sich die Frage, ob unter diesen Voraussetzungen Inflation volkswirtschaftliche Kosten verursacht. Dieser Frage gehen wir in den nächsten Abschnitten nach. Wir werden dabei feststellen, dass eine antizipierte Inflation • zu einer suboptimalen Geldhaltung führt sowie • Menükosten verursacht. 10 Wohlfahrtswirkungen der Inflation 10.1 Einführung 10.2 Korrekt antizipierte Inflation Vahlens Kurzlehrbücher – Moritz – Geldtheorie und Geldpolitik, 3. Auflage Herstellung: Frau Hilgendorff Status: Druckdaten Stand: 19.04.12 Seite: 206 Vahlens Kurzlehrbücher – Moritz – Geldtheorie und Geldpolitik, 3. Auflage Herstellung: Frau Hilgendorff Status: Druckdaten Stand: 19.04.12 Seite: 207 10 Wohlfahrtswirkungen der Inflation206 10.2.2 Suboptimale Geldhaltung Inflation beeinträchtigt die Funktionen des Geldes. Wie im Kapitel 3 beschrieben wurde, werden in einer Geldwirtschaft weniger Ressourcen zur Organisation des Güterhandels benötigt als in einer reinen Tauschwirtschaft. Die Vorteile der Verwendung eines Zwischentauschmittels sind in der Reduktion der Transaktionskosten zu sehen. Wie wir des Weiteren im Kapitel  3 im Rahmen des Baumol-Tobin-Modells gezeigt haben, entspricht die Nachfrage nach Transaktionskasse der Grenzersparnis der Geldhaltung. Eine Zunahme des Zinses führt dazu, dass die Grenzopportunitätskosten die Grenzersparnis übersteigen. Die Geldhaltung wird reduziert. Daher verläuft die Nachfrage nach Transaktionskasse mit einer negativen Steigung. (10-1) LT = LT(i) Eine Geldnachfragefunktion ist in der Abbildung 10.1 dargestellt, wobei zur Vereinfachung von einem linearen Verlauf ausgegangen wird.217 Wir nehmen einmal an, der Nominalzins betrage inA. Es bestehe keine Inflation, sodass der Realzins (ir) dem Nominalzins (inA) entspricht. Die Fläche unter der Geldnachfragefunktion misst die Ersparnis an Transaktionskosten durch die Geldhaltung. Bei einer Geldnachfrage in Höhe von TAL entspricht die Reduktion der Transaktionskosten durch die Geldhaltung A + B + C + D + E. Gleichzeitig entstehen dem Individuum bei der Geldhaltung TAL Opportunitätskosten in Höhe der Flächen C + E. Die Konsumentenrente der Geldhaltung entspricht somit der Fläche A + B + D. Um zu den gesamtwirtschaftlichen Vorteilen der Kassenhaltung zu gelangen, muss berücksichtigt werden, dass die Bereitstellung von Zentralbankgeld zu Zinseinnahmen bei der Notenbank führt. Private Wirtschaftssubjekte können nur Zentralbankgeld erhalten, indem sie Refinanzierungskredite bei der Zentralbank aufnehmen. Da die Grenzkosten der Geldproduktion, z. B. die 217 Die folgenden Überlegungen basieren auf Friedman (1968). B F LT in E D C A inA = ir inB T BL T CL T AL Abbildung 10.1: Suboptimale Geldhaltung Vahlens Kurzlehrbücher – Moritz – Geldtheorie und Geldpolitik, 3. Auflage Herstellung: Frau Hilgendorff Status: Druckdaten Stand: 19.04.12 Seite: 206 Vahlens Kurzlehrbücher – Moritz – Geldtheorie und Geldpolitik, 3. Auflage Herstellung: Frau Hilgendorff Status: Druckdaten Stand: 19.04.12 Seite: 207 10.2 Korrekt antizipierte Inflation 207 Produktion von Sichteinlagen, nahe bei null liegen, entsprechen die Zinseinnahmen der Zentralbank der Produzentenrente. Bei einem Zins von i0 entsteht somit eine Produzentenrente in Höhe von C + E. Der soziale Überschuss aus der Transaktionskasse beträgt daher A + B + C + D + E. Der soziale Überschuss ist, da keine Produktionskosten anfallen, mit der Fläche unterhalb der Nachfragefunktion identisch. Anhand der Abbildung  10.1 können die Verzerrungen der Geldhaltung bei einer antizipierten Inflation ermittelt werden. Dabei gehen wir von der Gültigkeit des im Kapitel  7 entwickelten Fisher-Theorems aus, wonach sich der Nominalzins (in) aus der Summe von Realzins (ir) und erwarteter Inflationsrate ( )*P̂ berechnet: (10-2) = + *n r ˆi i P Bei rationalen Erwartungen stimmen erwartete und tatsächliche Inflation überein, (10-3) =*ˆ ˆP P sodass der Nominalzins der Summe aus Realzins und Inflationsrate ( )P̂ entspricht: (10-4) = +n r ˆi i P In der Ausgangslage betrage die Inflationsrate null und der Realzins ir. Der Nominalzins inA stimmt mit dem Realzins ir überein. Der soziale Überschuss entspricht der Flächen A, B, C, D und E. Bei einer positiven Inflationsrate nimmt der Nominalzins proportional zu. Da in der Ausgangssituation keine Inflationsrate existiert, entspricht der Anstieg des Nominalzinses von inA auf inB der Inflationsrate. Dieser Zinsanstieg induziert einen Rückgang der Geldnachfrage von LA auf LB. Der soziale Überschuss verringert sich um B + C auf D + A + E. Diese Wohlfahrtsverluste werden als Schuhleder- bzw. Schuhsohlenkosten der Inflation bezeichnet. Dahinter verbirgt sich, dass aufgrund der gestiegenen Inflation die Kassenhaltung sinkt und mehr Wertpapiere gehalten werden. Die Anzahl der Finanztransaktionen steigt. Die für die Durchführung dieser Finanztransaktionen benötigten Ressourcen stehen für die Güterproduktion nicht mehr zur Verfügung. Hyperinflationen, wie z. B. im Deutschen Reich in den Jahren 1922/1923, führen zu einer vollständigen Aufhebung der Zahlungsmittelfunktion des Geldes. Die Wirtschaftssubjekte weichen bei derartig hohen Inflationsraten auf andere Zahlungsmittel, wie Devisen oder Zigaretten, aus. Dadurch wird aufgrund der mangelhaften Teilbarkeit, der begrenzten Haltbarkeit, der unzureichenden Homogenität und der hohen Aufbewahrungskosten dieser Zahlungsmittel eine effiziente Abwicklung des Zahlungsverkehrs verhindert. Mit Hilfe des vorliegenden Modells können wir auch die gesellschaftlich optimale Inflationsrate ermitteln. Die Geldhaltung ist dann volkswirtschaftlich optimal, wenn der soziale Überschuss maximiert wird. Dieser wird stets maximiert, wenn der Grenznutzen mit den Grenzkosten übereinstimmt. Da die Grenzkosten der Geldproduktion null betragen, ist im Optimum der Grenznut- Vahlens Kurzlehrbücher – Moritz – Geldtheorie und Geldpolitik, 3. Auflage Herstellung: Frau Hilgendorff Status: Druckdaten Stand: 19.04.12 Seite: 208 Vahlens Kurzlehrbücher – Moritz – Geldtheorie und Geldpolitik, 3. Auflage Herstellung: Frau Hilgendorff Status: Druckdaten Stand: 19.04.12 Seite: 209 10 Wohlfahrtswirkungen der Inflation208 zen auch null. Dies ist bei einer Geldnachfrage von LC der Fall. Der Nominalzins ist dann null. Aus Gleichung (10-4) geht hervor, dass der Nominalzins bei positivem Realzins dann null wird, wenn die Inflationsrate dem Realzins mit umgekehrten Vorzeichen entspricht:218 (10-5) P̂ = – ir Da der gleichgewichtige Realzins stets positiv ist, setzt die gesellschaftlich optimale Inflationsrate eine Deflation voraus. Nur dann wirft die Geldhaltung den gleichen Ertrag wie alternative Finanzanlagen ab. Unterstellt man, dass der Realzins der Wachstumsrate des Bruttoinlandsprodukts entspricht, so folgt aus Gleichung (10-5) im Zusammenhang mit der Quantitätstheorie und einer korrekt antizipierten Inflationsrate (10-6) = + = +r rˆˆ ˆ ˆM P Y P i , dass sich zur Realisierung der optimalen Kassenhaltung die Geldmenge nicht verändern darf.219 Gegenüber der hier abgeleiteten optimalen Inflationsrate lassen sich folgende Kritikpunkte vortragen:220 • Der Sättigungspunkt (Abszissenwert) der Geldnachfrage lässt sich nur für bestimmte Funktionstypen, wie hier im unterstellten linearen Fall, bestimmen. Bei alternativen Nachfrageverläufen nähert sich die Geldnachfragefunktion asymptotisch der Abszisse an, sodass der Sättigungspunkt erst bei unendlich hoher Transaktionskasse erreicht wird. • Es wird lediglich die Zahlungsmittelfunktion des Geldes betrachtet. Unberücksichtigt bleibt in seinen Überlegungen, dass die Inflation einen Beitrag zur Finanzierung der Staatsausgaben leistet und somit die volkswirtschaftlichen Kosten anderer Finanzierungsformen wie der Steuerfinanzierung und der Kreditfinanzierung mildern kann.221 • Vernachlässigt werden ferner die mit einer Deflation verbundenen Probleme. 10.2.3 Menükosten Geld unterscheidet sich in einer Hinsicht wesentlich von anderen Maßangaben. „Während zum Beispiel ein Meter immer die gleiche Länge bezeichnet, ist der Wert einer Geldeinheit Veränderungen unterworfen. Würde sich die Länge eines Meters in jedem Jahr ändern, so wäre dies mit erheblichen Anpassungskosten verbunden. Aus demselben Grund führen auch Veränderungen des Geldwertes (Deflation oder Inflation) zu Anpassungskosten.“222 218 Dieses Ergebnis trägt auch den Namen Chicago-Regel. 219 Dieses Ergebnis basiert auf den Überlegungen von Friedman (1968). 220 Vgl. Illing (1997), S. 64f. 221 Vgl. hierzu Abschnitt 10.5. 222 Holtemöller (2008), S. 25f. Vahlens Kurzlehrbücher – Moritz – Geldtheorie und Geldpolitik, 3. Auflage Herstellung: Frau Hilgendorff Status: Druckdaten Stand: 19.04.12 Seite: 208 Vahlens Kurzlehrbücher – Moritz – Geldtheorie und Geldpolitik, 3. Auflage Herstellung: Frau Hilgendorff Status: Druckdaten Stand: 19.04.12 Seite: 209 10.3 Nicht antizipierte Inflation 209 Die mit der Veränderung des Geldwertes auftretenden Anpassungskosten werden als Menükosten bezeichnet. Sie entstehen, da die Wirtschaftssubjekte Ressourcen für die Bildung von Inflationserwartungen und für die Anpassungen an die Inflationsrate aufbringen müssen, um den negativen Konsequenzen der Inflation zu entgehen. Hierzu zählen alle Kosten, die durch inflationsbedingte Umstellungen der Preise erforderlich werden. Inflation führt dazu, dass Preise neu ausgezeichnet und kalkuliert, Verträge mit Kunden neu ausgehandelt, Kataloge sowie Prospekte neu gedruckt und Automaten umgestellt werden müssen. Je höher die Inflationsrate ausfällt, umso häufiger müssen Preisschilder ausgewechselt werden. Für die Auszeichnung der Preise werden Ressourcen verbraucht, die anderen Verwendungszwecken nicht zur Verfügung stehen. Des Weiteren müssen zukünftige Geldwerte deflationiert werden. Für die Preisgestaltung und Zukunftsplanung sind zusätzliche Ressourcen erforderlich. Erfolgt die Preisanpassung aufgrund divergierender Umstellungskosten zu unterschiedlichen Zeitpunkten, dann verändern sich Preisstrukturen. Da diese Preisverhältnisse nicht den Knappheitsverhältnissen entsprechen, entstehen Wohlfahrtsverluste. Preisänderungen sind in einer Volkswirtschaft niemals vollständig miteinander koordiniert. Ändern z. B. die Anbieter von Zeitschriften jährlich und die Anbieter von Getränken täglich ihre Preise, dann führt Inflation zu einer Variabilität der relativen Preise, die weder auf eine Veränderung der Präferenzen noch auf eine Veränderung der Produktionskosten zurückzuführen sind. Wie weiter unten in Abschnitt 10.3.3 geschildert wird, führt die kalte Steuerprogression zu einer Erhöhung der realen Belastung der Steuerzahler, ohne dass dies durch die Regierung beabsichtigt wird. Um dies zu verhindern, müssen die Steuertarife regelmäßig angepasst werden. Auch für diese Anpassungen werden Ressourcen benötigt. Inflation führt ferner dazu, dass zusätzliche Geldscheine gedruckt werden müssen. Hierfür müssen ebenfalls Ressourcen aufgewendet werden. Hohe Inflationsraten lösen unzweifelhaft hohe Menükosten aus. Bei niedrigen Inflationsraten dürften sich diese Kosten aber in Grenzen halten. Zudem haben sich die Menükosten durch den technischen Fortschritt teilweise verringert wie z. B. durch die elektronischen Preisanzeigen an den Tankstellen.223 10.3 Nicht antizipierte Inflation 10.3.1 Begriff Wir sprechen von einer nicht antizipierten Inflation, wenn Wirtschaftssubjekte entweder die Inflationsrate nicht korrekt vorhersehen bzw. nicht in der Lage sind, sich an eine veränderte Inflationsrate anzupassen. Dabei treten Allokationsprobleme und unerwünschte Verteilungseffekte auf. 223 Vgl. Krugman/Wells (2010), S. 1063. 10.3 Nicht antizipierte Inflation Vahlens Kurzlehrbücher – Moritz – Geldtheorie und Geldpolitik, 3. Auflage Herstellung: Frau Hilgendorff Status: Druckdaten Stand: 19.04.12 Seite: 210 Vahlens Kurzlehrbücher – Moritz – Geldtheorie und Geldpolitik, 3. Auflage Herstellung: Frau Hilgendorff Status: Druckdaten Stand: 19.04.12 Seite: 211 10 Wohlfahrtswirkungen der Inflation210 10.3.2 Allokationsprobleme Individuen werden versuchen, sich gegen die finanziellen Risiken einer nicht antizipierten Inflation abzusichern. Mit dieser Absicherung sind Kosten verbunden. Diese Kosten steigen überproportional zur Inflationsrate, da höhere Preissteigerungsraten mit einer zunehmenden Variabilität der Inflationsrate einhergehen. Durch die Unsicherheit über die Entwicklung der Inflationsrate nimmt die Präferenz für kurzfristige Anlageformen der Kapitalgeber zu. Investoren, die längerfristige Investitionsprojekte planen, müssen längerfristige Kredite zu entsprechend höheren Zinsen aufnehmen, wodurch die Investitionstätigkeit beeinträchtigt wird. Zur Umgehung der höheren langfristigen Zinsen könnten die Kreditnehmer revolvierend kurzfristige Kreditverträge abschließen. Allerdings sind die Zinsen für den geplanten Investitionszeitraum dann ungewiss, sodass wiederum Beeinträchtigungen der Investitionstätigkeiten zu erwarten sind. Inflation kann zu einer Verzerrung der Preisrelationen führen. Preise haben in einer Volkswirtschaft u. a. die Aufgabe, Knappheitsrelationen anzuzeigen. Preise für Produkte, die stärker präferiert werden, sollten relativ teuer werden; Produkte, die relativ weniger präferiert werden, sollten relativ preisgünstiger werden. Preisstrukturänderungen sollen signalisieren, welche Güter mehr und welche weniger begehrt geworden sind, sodass die Ressourcen entsprechend den Wünschen der Konsumenten in die entsprechenden Produktionsrichtungen fließen. Während Preisstrukturänderungen somit volkswirtschaftlich erwünscht sind, sind Preisniveausteigerungen dagegen unerwünscht. Die Preise steigen an, obwohl die entsprechenden Güter nicht knapper geworden sind. Preisniveausteigerungen, die nicht korrekt antizipiert werden, verhindern, dass der Preis seine Signalfunktion ausüben kann. Bei nicht antizipierten Preisniveausteigerungen besteht die Gefahr, dass Unternehmen Preisniveauänderungen von Preisstrukturänderungen nicht mehr unterscheiden können. Gehen Unternehmen fälschlicherweise von einer Preisstrukturänderung zu Gunsten ihrer Produkte aus und erhöhen daraufhin ihre Kapazitäten, obwohl tatsächlich nur Preisniveauänderungen vorliegen, so kommt es zu Fehlinvestitionen. Haben die Unternehmen umgekehrt einen relativen Preisanstieg für einen absoluten Preisanstieg gehalten, so werden zu wenige Produktionskapazitäten aufgebaut. Preisniveauveränderungen verschleiern die Signalisierung von Preisstrukturänderungen und behindern somit optimale Allokationsentscheidungen. Häufig ist zu beobachten, dass ein Anstieg der Inflation zu einer erhöhten Nachfrage nach Gold oder Immobilien führt. Durch den Erwerb dieser Sachwerte versuchen Wirtschaftssubjekte sich vor Vermögensverlusten zu schützen. Es ist allerdings zu bezweifeln, ob der Erwerb von Sachvermögen wirklich vor inflationsbedingten Wertverlusten schützt. Die erhöhte Nachfrage lässt den Preis für die Sachwerte ansteigen. Geht die Inflationsrate später zurück und wandeln die Marktteilnehmer das Sachvermögen wieder in Geldvermögen um, dann führt das höhere Angebot zu Preisverlusten der Sachgüter. Vahlens Kurzlehrbücher – Moritz – Geldtheorie und Geldpolitik, 3. Auflage Herstellung: Frau Hilgendorff Status: Druckdaten Stand: 19.04.12 Seite: 210 Vahlens Kurzlehrbücher – Moritz – Geldtheorie und Geldpolitik, 3. Auflage Herstellung: Frau Hilgendorff Status: Druckdaten Stand: 19.04.12 Seite: 211 10.3 Nicht antizipierte Inflation 211 Ein Beispiel ist der inflationsinduzierte Boom der Bauindustrie in der Bundesrepublik Anfang der siebziger Jahre des letzten Jahrhunderts: „In der Bundesrepublik begann im Jahre 1970 das Preisniveau mit 3,4 % rd. doppelt so schnell zu steigen wie im Vorjahr; im Jahre 1971 stieg das Preisniveau abermals um 5,3 % an. Die Folge war eine bis dahin unbekannte Nachfrage nach Wohnbauten: die Zahl der Baugenehmigungen stieg von 1969 bis 1970 um 50.000 Einheiten und von 1970 bis 1971 um über 100.000 Einheiten (von rd. 600.000 im Jahre 1970 auf über 700.000 im Jahre 1971). Die Baupreise reagierten entsprechend: der Preisindex für Wohngebäude stieg um 15,9 v. H. im Jahre 1970 und im Jahre 1971 um 10,0 v. H. Als sich zeigte, dass die Deutsche Bundesbank und die Bundesregierung nicht gewillt waren dieser Entwicklung untätig zuzuschauen und das Kreditbereitstellungsvolumen (die „Kreditlinien“) kürzten, das Zinsniveau anhoben sowie die steuerlichen Bauvergünstigungen aussetzten, brach die Nachfrage nach Wohnbauten im Jahre 1972 abrupt ab. Ein Jahr danach – nachdem die vertraglich vereinbarten Bauleistungen abgewickelt waren – standen bereits Baukapazitäten leer. Die Folgejahre brachten (bis 1977) leer stehende (weil zu teure) Wohnbauten, unvollendete Gebäude („Investitionsruinen“) und zahlreiche Konkurse hauptsächlich unter den kleineren Bauunternehmen.“224 Die erworbenen Immobilien wurden zu teuer und am Bedarf vorbei produziert. Da Steuersysteme nicht indexiert sind, kommt es zu einer systematischen Verzerrung der Investitionsentscheidungen der Unternehmen. Der Erwerb kurzfristiger Investitionsgüter wird zu Ungunsten langfristiger Investitionsgüter erhöht. Dies verringert ebenfalls das langfristige Produktionspotenzial einer Volkswirtschaft.225 Die Unsicherheit über die Höhe der Inflation beeinträchtigt die Laufzeit von Verträgen. Das Aushandeln von Verträgen verursacht Transaktionskosten. Aus diesem Grunde sind Wirtschaftssubjekte normalerweise bestrebt, längerfristige Verträge abzuschließen. Diese Neigung wird jedoch durch die Unsicherheit über die Inflationshöhe beeinträchtigt. Während der Tariflaufzeit kann die Inflationsrate sich verändern. Insbesondere steigt die Variabilität der Inflationsrate mit steigender Inflation. Eine Unterschätzung der Inflation führt zu Einkommenseinschnitten bei den Arbeitnehmern. Eine Überschätzung der Inflation führt zu Konkursgefahr und Einkommenseinschnitten bei den Unternehmen. Da Verträge öfter neu verhandelt werden, nehmen die Transaktionskosten mit steigender Inflation zu. Steigt die Inflationsrate im Inland stärker als im Ausland, so gefährdet dies die internationale Wettbewerbsfähigkeit des Exportsektors und des Importsubstitutionssektors. Unternehmen könnten durch Inflation Wettbewerbsvorteile in Sektoren verlieren, in denen sie komparative Vorteile haben. Inflation verzerrt daher die internationale Allokation der Ressourcen. Ob eine Verzerrung der internationalen Faktorallokation tatsächlich eintritt, hängt von der Gültigkeit der Kaufkraftparitätentheorie ab. Kaufkraftparität liegt vor, wenn nach Umrechnung mit dem Wechselkurs die Preise von Gütern im In- und Ausland übereinstimmen. Bei festen Wechselkursen ergeben sich 224 Poser (2001), S. 80. 225 Vgl. Europäische Zentralbank (2008b), S. 79ff. Vahlens Kurzlehrbücher – Moritz – Geldtheorie und Geldpolitik, 3. Auflage Herstellung: Frau Hilgendorff Status: Druckdaten Stand: 19.04.12 Seite: 212 Vahlens Kurzlehrbücher – Moritz – Geldtheorie und Geldpolitik, 3. Auflage Herstellung: Frau Hilgendorff Status: Druckdaten Stand: 19.04.12 Seite: 213 10 Wohlfahrtswirkungen der Inflation212 bei Abweichung von der Kaufkraftparität Gewinnmöglichkeiten aus Arbitragegeschäften. Arbitrageure können Gewinne erzielen, indem sie im Ausland Produkte kaufen und im Inland verkaufen. Dies lässt die Preise im Ausland steigen und im Inland wieder fallen. Durch den vermehrten Güterimport entsteht ein Nachfrageüberhang nach Devisen, wodurch die heimische Währung unter Abwertungsdruck gerät. Zur Stützung der heimischen Währung muss die Zentralbank die heimische Währung nachfragen, wodurch sich die heimische Geldmenge reduziert. Kann der fixierte Wechselkurs nicht verteidigt werden, so wird die heimische Währung abgewertet, wodurch die Überbewertung der heimischen Währung und damit der Wettbewerbsnachteil beseitigt werden. Eine Gefährdung der internationalen Wettbewerbsfähigkeit tritt bei strenger Gültigkeit der Kaufkraftparitätentheorie nicht auf. Analoge Überlegungen gelten auch für flexible Wechselkurse. Die Wechselkursentwicklung folgt dann den Inflationsdifferenzen der beteiligten Länder. Die Kaufkraftparitätentheorie ist jedoch eine langfristige Theorie. Empirische Befunde zeigen, dass kurzfristig erhebliche Abweichungen von der Kaufkraftparität zu beobachten sind. Insbesondere die internationalen Kapitalbewegungen bestimmen den Wechselkurs und verhindern somit eine Angleichung an die Kaufkraftparität. Empirische Untersuchungen kommen zu dem Ergebnis, dass die Zeit, die erforderlich ist, damit eine Abweichung von der Kaufkraftparität halbiert wird (Halbwertzeit), zweieinhalb bis vier Jahre beträgt.226 Länder, die aufgrund chronisch hoher Inflationsraten unter Abwertungsdruck leiden, genießen an den internationalen Devisenmärkten wenig Vertrauen. Sie müssen den Anlegern als Bonus höhere Zinsen bieten. Höhere Zinsen verdrängen heimische Investitionen und gefährden somit das Wachstumspotenzial. Hinzu kommt, dass eine Abwertung in ausländischer Währung eingegangene Verbindlichkeiten erhöht, wenn sie in Inlandswährung gemessen werden. Die geschilderten Probleme treten aber nur dann auf, wenn die heimische Inflationsrate die ausländische Inflationsrate übersteigt. Die Probleme hängen also weniger mit der absoluten, sondern von der relativen Inflationshöhe ab. Die heimische Volkswirtschaft verliert sogar bei einer Deflation an internationaler Wettbewerbsfähigkeit, wenn die ausländische Deflation stärker als die heimische Deflation ausfällt. 10.3.3 Verteilungsprobleme Inflation zieht eine Umverteilung von Vermögen und Einkommen nach sich, die nicht mit der Marktleistung in Einklang steht. Nicht alle Menschen sind „gewitzt oder einflussreich genug, sich gegen die Entwertung des Geldes zu sichern. Es bleiben diejenigen auf der Strecke, die die Rate der Geldentwertung unterschätzen oder die die Instrumente nicht kennen, die das Hantieren mit der Inflation erleichtern“227. 226 Vgl. Maennig/Wilfling (1998), S. 376. 227 Jeske/Barbier (2000), S. 42. Vahlens Kurzlehrbücher – Moritz – Geldtheorie und Geldpolitik, 3. Auflage Herstellung: Frau Hilgendorff Status: Druckdaten Stand: 19.04.12 Seite: 212 Vahlens Kurzlehrbücher – Moritz – Geldtheorie und Geldpolitik, 3. Auflage Herstellung: Frau Hilgendorff Status: Druckdaten Stand: 19.04.12 Seite: 213 10.3 Nicht antizipierte Inflation 213 Die Gefahr unerwünschter Umverteilungswirkungen durch Inflation hängt vom Antizipationsgrad der Inflation ab. Kann die Inflation nicht korrekt antizipiert werden oder den Akteuren fehlt es an Marktmacht, korrekte Erwartungen umzusetzen, dann beeinflusst Inflation in ungewünschter Weise die Verteilung von Einkommen und Vermögen. Zu den Inflationsverlierern zählen Personen und Institutionen, die ihre Preise nicht oder nur verzögert an die Inflationsentwicklung anpassen können. Die Gefahr, dass es durch Inflation zu unerwünschten Umverteilungen kommt, wird durch die Höhe der Inflation verstärkt. Mit zunehmender Inflation nimmt im Normalfall auch die Volatilität der Inflation zu, sodass der reale Wert zukünftiger Einkommen aus Wertpapieren oder Renten immer schwerer berechenbar wird. Da die inflationsbedingten Einkommens- und Vermögensumverteilungen nicht auf einer entsprechenden Marktleistung basieren, sind sie volkswirtschaftlich unerwünscht. Sie widersprechen dem Prinzip einer leistungsgerechten Einkommensverteilung. Inflation kann zu folgenden Umverteilungen führen: • Einkommensumverteilung zwischen Unternehmen und Arbeitnehmern → Lohn-Lag-Hypothese • Einkommensumverteilung zwischen Transferzahlern und Transferempfängern → Transfer-Lag-Hypothese • Vermögensumverteilungen → Gläubiger-Schuldner-Hypothese • Umverteilung zwischen privatem und öffentlichem Sektor → sektorale Umverteilungshypothese Da Nominallöhne erst nach einer zeitlichen Verzögerung an die Erhöhung des Preisniveaus angepasst werden, verringern sich die Reallöhne bei einem unvorhergesehenen Inflationsanstieg. Dies führt zu einer Umverteilung der Einkommen zugunsten der Unternehmen (Lohn-Lag-Hypothese). Bezieher konstanter Einkommen erleiden durch Inflation reale Einkommenseinbußen. Zu den Kontrakteinkommensempfängern mit geringer Verhandlungsmacht zählen Rentner, Sozialhilfeempfänger, Empfänger von Unterhaltszahlungen und BAföG-Empfänger. Betroffen sind auch die Empfänger von Hartz IV (Transfer-Lag-Hypothese). Bei der Bildung von Schuldverhältnissen wird das sogenannte Nominalprinzip zugrunde gelegt. Inflation entwertet nominal fixierte Forderungstitel. Nicht korrekt antizipierte Inflationsraten verändern die Verteilung zwischen Gläubigern und Schuldnern. Wird die Inflationsrate unterschätzt, so führt dies zu einer Reduktion der realen Schuld der Kreditnehmer. Insbesondere während der Hyperinflation 1922/23 verloren die Gläubiger durch die Inflation nahezu ihr gesamtes Geldvermögen (Gläubiger-Schuldner-Hypothese). Wirtschaftssubjekte legen einen Teil ihrer Ersparnisse für die Altersvorsorge in Anleihen oder andere festverzinsliche Wertpapiere an. Durch Inflation wird diese Alterssicherung entwertet. Da Gläubiger i. d. R. private Haushalte, Schuld- Vahlens Kurzlehrbücher – Moritz – Geldtheorie und Geldpolitik, 3. Auflage Herstellung: Frau Hilgendorff Status: Druckdaten Stand: 19.04.12 Seite: 214 Vahlens Kurzlehrbücher – Moritz – Geldtheorie und Geldpolitik, 3. Auflage Herstellung: Frau Hilgendorff Status: Druckdaten Stand: 19.04.12 Seite: 215 10 Wohlfahrtswirkungen der Inflation214 ner i. d. R. Unternehmen sind, kommt es durch Inflation zu einer Umverteilung von Haushalten zu Unternehmen. Sparbücher werden meistens von Personen mit geringem Einkommen gehalten. Inflation entwertet diese Sparbücher und wird daher zum Taschendieb der kleinen Leute. Antiinflationspolitik ist daher auch immer Sozialpolitik.228 Die Lohn-Lag-Hypothese wie auch die Gläubiger-Schuldner-These geht davon aus, dass die tatsächliche Inflationsrate unterschätzt wird. Es ist aber genauso gut möglich, dass die Inflationsrate überschätzt wird. Die Inflationsrate induziert dann eine Änderung der Einkommens- und Vermögensverteilung in die umgekehrte Richtung. Inflation kann zu einer Einkommensumverteilung zwischen privatem und öffentlichem Haushalten führen (sektorale Umverteilungshypothese). Ein Grund hierfür liegt in der progressiven Ausgestaltung des Steuersystems. Personen mit höherem Einkommen werden steuerlich relativ stärker belastet. Inflationsbedingte Nominallohnsteigerungen können dazu führen, dass die reale Steuerbelastung ansteigt. Betrachten wir hierzu folgendes Beispiel: Periode Bruttoeinkommen (nominal) Preisniveau P Bruttoeinkommen (real) Steuersatz t nominale Steuerbelastung Tn reale Steuerbelastung Tr 1 100.000 1 100.000 10 % 10.000 10.000 2 200.000 2 100.000 20 % 40.000 20.000 Tabelle 10.1: Inflation und Steuern In der Ausgangssituation verdient ein Arbeitnehmer 100.000 Euro. Das Preisniveau betrage eins, sodass das Realeinkommen ebenfalls 100.000 Euro beträgt. Bei einem Steuersatz von 10 % beträgt sowohl die nominale als auch die reale Steuerbelastung 10.000 Euro. Wenn ein Liter Bier z. B. einen Euro kostet, dann überträgt der Steuerzahler 10.000 Liter Bier an den Staat. Nun verdoppelt sich inflationsbedingt das Bruttoeinkommen, aber auch der Bierpreis. Das Realeinkommen bleibt unverändert. Da aber das Nominaleinkommen gestiegen ist, gerät unser Arbeitnehmer in eine höhere Steuerprogressionsstufe. Er muss nominal 40.000 Euro Steuern zahlen. Bei einem Preisniveau von zwei beträgt die reale Belastung 20.000 Euro. Der Steuerzahler überträgt nun 20.000 Liter Bier an den Staat. Die reale Steuerbelastung ist also gestiegen, obwohl das Realeinkommen sich nicht verändert hat. Die durch eine Inflation ausgelöste höhere reale Besteuerung wird auch als kalte Progression bezeichnet.229 Inflationsbedingt gestiegene reale Steuerbelastungen treten auch im Unternehmenssektor auf. Bei der Berechnung der steuerlichen Abschreibungen werden 228 Vgl. Mussel/Pätzold (2008), S. 100. 229 Die Einteilung der Umverteilungen aufgrund der kalten Progression erfolgt in der Literatur nicht einheitlich. Die Umverteilungswirkungen durch die kalte Progression werden teilweise auch der antizipierten Inflation zugerechnet. Vahlens Kurzlehrbücher – Moritz – Geldtheorie und Geldpolitik, 3. Auflage Herstellung: Frau Hilgendorff Status: Druckdaten Stand: 19.04.12 Seite: 214 Vahlens Kurzlehrbücher – Moritz – Geldtheorie und Geldpolitik, 3. Auflage Herstellung: Frau Hilgendorff Status: Druckdaten Stand: 19.04.12 Seite: 215 10.3 Nicht antizipierte Inflation 215 die historischen Anschaffungskosten zugrunde gelegt und nicht die inflationsbedingt angestiegenen Wiederbeschaffungskosten. Eine weitere inflationsbedingte Umverteilung zwischen privaten und öffentlichen Sektor kann bei der Wertpapierhaltung auftreten. Betrachten wir auch hier ein einfaches Beispiel: Ein Anleger kauft ein Wertpapier zu einem Kurs von 100. In der Folgeperiode verkauft er das Wertpapier zu einem Kurs von 110. Allerdings ist auch das Preisniveau von 1,0 auf 1,1 angestiegen. Das reale Vermögen hat sich somit nicht verändert. Trotzdem muss der vermeintliche Kursgewinn von 10 Geldeinheiten versteuert werden. Da hier gar kein Vermögenszuwachs vorliegt, spricht man von einer Besteuerung eines Scheingewinns. Die oben angeführten Argumente sprechen dafür, dass der Staat zu den Inflationsgewinnern zählt. Bezüglich dieser These sind allerdings einige Einschränkungen vorzutragen: • Viele Sozialversicherungsleistungen wie Rentenzahlungen werden der Inflationsrate angepasst, sodass die durch Inflation möglichen Umverteilungen abgemildert werden. Dabei ist natürlich zu beachten, dass die Anpassung einer zeitlichen Verzögerung unterliegt. • Hinzu kommt, dass zwischen Steuererklärung und Steuerzahlung längere Zeiträume liegen können, sodass sich die Steuerschuld durch die Inflation real entwertet. Das reale Verhältnis von Steuereinnahmen zum Bruttoinlandsprodukt geht zurück (Olivera-Tanzi-Effekt). Die beschriebenen unerwünschten Umverteilungseffekte entstehen, weil bestimmte Individuen nicht über die Möglichkeiten verfügen, ihre Einkommensströme rechtzeitig anzupassen. Diese Probleme könnten prinzipiell durch Wertsicherungsklauseln (Indexklauseln) vermieden werden. So könnten z. B. Löhne, Zinsen und Mieten an die allgemeine Preisentwicklung gekoppelt werden. Wertsicherungsklauseln haben jedoch gravierende Schwächen. So wird es kaum möglich sein, alle Einkommensarten zu erfassen. Es wird daher immer Inflationsgewinner und Inflationsverlierer geben. Problematisch sind ferner die Wahl eines geeigneten Preisindexes und die Festlegung der Anpassungsintervalle. Auch wird befürchtet, dass durch eine Indexierung die Widerstände gegen die Inflation geringer werden.230 Indexklauseln können zum Schwungrad der Inflation werden. Dies lässt sich anhand einer Verteuerung des importierten Rohöls erläutern. Der Anstieg der Importpreise führt zu einer Preiserhöhung. Diese Preiserhöhung führt zu einem Anstieg der Löhne und führt wieder zu höheren Preisen und dies wieder zu höheren Löhnen. Es wird eine Inflations-Lohnspirale in Gang gesetzt. 230 Vgl. Pätzold/Baade (2008), S. 8. Vahlens Kurzlehrbücher – Moritz – Geldtheorie und Geldpolitik, 3. Auflage Herstellung: Frau Hilgendorff Status: Druckdaten Stand: 19.04.12 Seite: 216 Vahlens Kurzlehrbücher – Moritz – Geldtheorie und Geldpolitik, 3. Auflage Herstellung: Frau Hilgendorff Status: Druckdaten Stand: 19.04.12 Seite: 217 10 Wohlfahrtswirkungen der Inflation216 10.4 Inflation als Schmieröl für die Räder einer Volkswirtschaft? Bislang wurden ausschließlich die vielfältigen Kosten der Inflation diskutiert. Moderate Inflationsraten können aber auch nach Ansicht einiger Ökonomen den Spielraum für die Stabilitätspolitik erhöhen. Betrachten wir als erstes die Funktionsweise der Arbeitsmärkte. Volkswirtschaften unterliegen einem permanenten Strukturwandel. Die Nachfrage nach Gütern verändert sich ständig. Dies impliziert aber auch einen ständigen Wandel von Angebot und Nachfrage auf den Arbeitsmärkten. In einigen Wirtschaftszweigen nimmt die Arbeitsnachfrage zu, in anderen Wirtschaftszweigen nimmt die Nachfrage ab. In den schrumpfenden Wirtschaftszweigen muss daher, um die Arbeitsplätze zu halten, der Reallohn fallen. Eine Reduzierung des Reallohns kann durch eine Senkung des Nominallohns oder durch eine Erhöhung des Preisniveaus erfolgen. Bei starren Nominallöhnen kann eine Reallohnverminderung nur über Inflation erfolgen. Ohne Inflation würde der Reallohn oberhalb des Gleichgewichtsniveaus verharren. Dies führt zu Arbeitslosigkeit. Eine Inflation reduziert den Reallohn, ohne dass Nominallohnsenkungen auftreten müssen. Die Nominallöhne können sogar steigen, während die Reallöhne gleichzeitig sinken. Eine geringe Inflation kann daher die Funktionsfähigkeit von Arbeitsmärkten verbessern. Empirische Untersuchungen bestätigen, dass Arbeitnehmer Reallohnsenkungen eher via Inflationen als via Nominallohnsenkungen akzeptieren.231 Daher vertreten einige Ökonomen die Ansicht, dass ein wenig Inflation „Schmierstoff“ für die Arbeitsmärkte ist.232 Eine geringe Inflation kann auch die Funktionsfähigkeit der Geldpolitik unterstützen. Betrachten wir zwei Volkswirtschaften A und B mit einem gleichgewichtigen Realzins von 2 %. Die Zentralbank in Land A strebt eine Inflationsrate von null, die Zentralbank B eine Inflationsrate von 4 % an. (10-7) = +n r ˆi i P Der Nominalzins im Land A wird dann gemäß Gleichung (10-7) 2 % und im Land B 6 % betragen. Tritt nun in beiden Ländern ein Konjunkturrückgang auf, dann kann die Zentralbank A ihren Nominalzins nur um zwei, die Zentralbank B ihren Nominalzins aber um sechs Prozentpunkte reduzieren. Der Spielraum für eine Nominalzinssenkung ist daher im Land B größer. Passen sich die Inflationserwartungen und damit die Inflationsraten nicht sofort an, dann könnte im Land B der Realzins kurzfristig von 2 % auf – 4 % reduziert werden. Negative Realzinsen kurbeln die Investitionen an und können daher in einer Rezession nachfragestimulierend wirken.233 Eine Volkswirtschaft mit einer höheren Inflation verfügt demnach über einen größeren Spielraum bei der Bekämpfung einer Rezession. Bei niedrigen Infla- 231 Vgl. Blinder/Choi (1990), S. 1003ff., sowie Blanchard/Illing (2009), S. 775. 232 Vgl. Mankiw (2011), S. 133. 233 Vgl. Blanchard/Illing (2009), S. 775. 10.4 Inflation als Schmieröl für die Räder einer Volkswirtschaft? Vahlens Kurzlehrbücher – Moritz – Geldtheorie und Geldpolitik, 3. Auflage Herstellung: Frau Hilgendorff Status: Druckdaten Stand: 19.04.12 Seite: 216 Vahlens Kurzlehrbücher – Moritz – Geldtheorie und Geldpolitik, 3. Auflage Herstellung: Frau Hilgendorff Status: Druckdaten Stand: 19.04.12 Seite: 217 10.4 Inflation als Schmieröl für die Räder einer Volkswirtschaft? 217 tionsraten läuft eine Zentralbank dagegen Gefahr, keine konjunkturellen Impulse setzen zu können. In einer solchen Situation befand sich z. B. die japanische Volkswirtschaft in den neunziger Jahren des letzten Jahrhunderts.234 Inflation kann das Wirtschaftswachstum positiv beeinflussen. Wie oben dargelegt kann Inflation zu negativen Realzinsen führen. Dies belebt die Investitionen, was das zukünftige Wirtschaftswachstum positiv beeinflusst. Neben der oben angeführten Möglichkeit negativer Realzinsen kann das Wirtschaftswachstum auch auf anderen Wegen positiv beeinflusst werden. Die Investitionsanreize erhöhen sich ebenfalls durch235 • einen Anstieg der Gewinne, wenn Lohn- hinter Preissteigerungen zurückbleiben, • die bessere Möglichkeit der Finanzierung der Investitionen über Kredite bei einem Zurückbleiben des Zinsanstieges hinter der Inflationsrate sowie • die Gläubiger-Schuldner-Hypothese, nach der sich durch die Inflation Gläubiger schlechter und Schuldner besser stellen. Inflation stellt sich anhand dieser Thesen stets vorteilig für Unternehmer dar, da inflationär bedingtes Wirtschaftswachstum Einkommen und Vermögen zugunsten dieser umverteilt. Oben wurde der Frage nachgegangen, ob Inflation das Wirtschaftswachstum positiv beeinflussen kann. Es ist aber auch eine umgekehrte Kausalität vorstellbar: Wirtschaftswachstum steigert die Inflationsraten. Zur Erklärung dieser auf Balassa (1964) und Samuelson (1964) zurück gehende These betrachten wir die Auswirkungen einer Produktivitätszunahme.236 Dabei ist zu beachten, dass Produktivitäten sich sektoral unterschiedlich entwickeln. Produktivitätsfortschritte werden eher im Industriesektor als im Dienstleistungssektor auftreten. Ein Produktivitätsfortschritt im Industriesektor lässt die Gewinne dort steigen. Die Industrieunternehmen werden daher ihre Produktion ausdehnen. Zur Ausdehnung der Produktion werden allerdings mehr Arbeitskräfte benötigt. Die Zunahme der Arbeitsnachfrage lässt die Löhne im Industriesektor steigen. Dieser Lohnanstieg wird durch die Produktivitätssteigerung gedeckt, sodass es nicht zu einem Preisschub bei den Industriegütern kommt. Von dieser Entwicklung wird aber auch der Dienstleistungssektor berührt. Die gestiegene Arbeitsnachfrage und die höheren Löhne im Industriesektor führen zu einer Abwanderung von Arbeitskräften vom nicht handelbaren in den handelbaren Sektor. Die Anspannung am Arbeitsmarkt löst daher auch im Sektor der nicht handelbaren Güter Lohnsteigerungen aus, die aber im Dienstleistungssektor nicht durch einen Produktivitätsfortschritt gedeckt sind. Diese Kostensteigerung wird in höhere Preise für nicht handelbare Güter überwälzt. 234 Vgl. Blanchard/Illing (2009), S. 698ff. 235 Vgl. Issing (2011), S. 234f. und Dorn/Fischbach (2010), S. 115f. 236 Vgl. Moritz/Stadtmann (2010), S. 138ff. Vahlens Kurzlehrbücher – Moritz – Geldtheorie und Geldpolitik, 3. Auflage Herstellung: Frau Hilgendorff Status: Druckdaten Stand: 19.04.12 Seite: 218 Vahlens Kurzlehrbücher – Moritz – Geldtheorie und Geldpolitik, 3. Auflage Herstellung: Frau Hilgendorff Status: Druckdaten Stand: 19.04.12 Seite: 219 10 Wohlfahrtswirkungen der Inflation218 Der Produktivitätsfortschritt lässt daher im handelbaren Sektor die Preise unverändert, jedoch steigen die Preise im nicht handelbaren Sektor. Somit kommt es insgesamt zu einem Preisniveauanstieg in dem betrachteten Land. 10.5 Inflation und Seigniorage 10.5.1 Einführung Jeder Staat hat neben der Erhebung von Steuern und der Emission von Wertpapieren die Möglichkeit, durch Geldschöpfung Einnahmen zu erzielen. Diese Einnahmen entstehen dadurch, dass die Wirtschaftssubjekte Zentralbankgeld benötigen und die Zentralbank der einzige Anbieter dieses Geldes ist. Die realen Erträge des Staates bzw. der Notenbank, die aufgrund des Monopols für gesetzliche Zahlungsmittel entstehen, bezeichnet man als Seigniorage.237 Der Staat kann allerdings seine realen Einnahmen nicht beliebig durch die Ausgabe von Banknoten erhöhen, da die Erhöhung der Geldmenge zur Inflation führt und sich dadurch die realen Einnahmen durch die Seigniorage reduzieren. Hinzu steigen die Opportunitätskosten der Geldhaltung, sodass die Bereitschaft der Geldhaltung sinkt. In den nachfolgenden Abschnitten wird der Zusammenhang zwischen Geldmengenwachstum bzw. Inflation und Seigniorage untersucht. Dabei werden insbesondere folgende Annahmen unterstellt: • Der Nominalzins entspricht der Summe aus Realzins und erwarteter Inflationsrate (Fisher-Zins-Theorem).238 • Die Marktteilnehmer bilden rationale Erwartungen.239 • Es wird von einem gegebenen Realeinkommen ausgegangen. Inflationsinduzierte Beschäftigungseffekte, auch kurzfristiger Natur, werden vernachlässigt. • Es gilt die Quantitätstheorie. • Die modellierte Geldnachfragefunktion ist keynesianischer Natur, d. h. sie ist zins- und einkommensabhängig. 237 Der einfachste Fall der Seigniorage liegt vor, wenn der Staat Banknoten druckt und damit direkt Güter kauft. 238 Vgl. hierzu Abschnitt 10.5.3. 239 Rationale Erwartungen setzen voraus, dass Wirtschaftssubjekte über ausreichende Kenntnisse über die Bestimmungsfaktoren der Inflationsrate verfügen. Sie kennen das relevante makroökonomische Modell. Zusätzlich verfügen die Wirtschaftssubjekte über hinreichende Informationen, insbesondere über die Wahrscheinlichkeitsverteilung der exogenen Variablen. Vgl. hierzu auch die Ausführungen in Abschnitt 9.5. 10.5 Inflation und Seigniorage Vahlens Kurzlehrbücher – Moritz – Geldtheorie und Geldpolitik, 3. Auflage Herstellung: Frau Hilgendorff Status: Druckdaten Stand: 19.04.12 Seite: 218 Vahlens Kurzlehrbücher – Moritz – Geldtheorie und Geldpolitik, 3. Auflage Herstellung: Frau Hilgendorff Status: Druckdaten Stand: 19.04.12 Seite: 219 10.5 Inflation und Seigniorage 219 10.5.2 Seigniorage und Geldmengenwachstum Ob eine Geldschöpfung zu einer Erhöhung der realen Übertragung zusätzlicher Ressourcen vom privaten an den öffentlichen Sektor führt, hängt von der Entwicklung der Differenz des Gewinns der Geldschöpfung und der Inflationsrate ab. Aus diesem Grunde wird die Geldschöpfung als reale Größe definiert. Die Seigniorage (SG) für eine Periode ergibt sich aus dem Verhältnis der Veränderung der monetären Basis (DB) zum Preisniveau (P): (10-8) B SG = P ∆ Wird zur Vereinfachung der Geldschöpfungsmultiplikator auf eins gesetzt, so gilt: (10-9) M SG = P ∆ Eine Erweiterung der Gleichung (10-9) liefert: (10-10) n r M M M M ˆSG = = = M M P M M P ∆ ∆ ⋅ ⋅ ⋅ n M̂ : nominelles Geldmengenwachstum rM : reale Geldmenge Die Seigniorage entspricht somit dem Produkt aus Geldmengenwachstumsrate und realer Geldmenge. 10.5.3 Geldnachfrage Es wird eine keynesianische Geldnachfrage unterstellt. Die reale Geldnachfrage (Lr) hängt vom Nominalzins (in) und proportional vom realen Einkommen (Yr) ab: (10-11) = ⋅r n rL L(i ) Y Bezüglich der Bildung des Nominalzinses (in) wird von der Gültigkeit des Fisher-Theorems ausgegangen, nach dem sich der Nominalzins aus der Summe von Realzins (ir) und Inflationserwartung ( )*P̂ berechnet: (10-12) = + *n r ˆi i P Für die reale Geldnachfrage gilt somit: (10-13) ( )= + ⋅*r r rˆL L i P Y Unter Beachtung rationaler Erwartungen entspricht die erwartete Inflationsrate der tatsächlichen Inflationsrate. Daraus folgt: (10-14) ( )= + ⋅r r rˆL L i P Y Die Zentralbank sieht sich analog zu einem Angebotsmonopolisten auf dem Gütermarkt einer fallenden Nachfragefunktion gegenüber, die hier der Nachfragefunktion nach Zentralbankgeld ( )+ ⋅r rˆL i P Y entspricht. Die Nachfragefunktion nach Zentralbankgeld gibt an, wie groß die reale Geldnachfrage bei alternativen Inflationsraten ausfällt. Da eine Erhöhung der Inflationsrate den Nominalzins und somit die Opportunitätskosten der Geldhaltung erhöht, verläuft die Geldnachfragefunktion fallend. Vahlens Kurzlehrbücher – Moritz – Geldtheorie und Geldpolitik, 3. Auflage Herstellung: Frau Hilgendorff Status: Druckdaten Stand: 19.04.12 Seite: 220 Vahlens Kurzlehrbücher – Moritz – Geldtheorie und Geldpolitik, 3. Auflage Herstellung: Frau Hilgendorff Status: Druckdaten Stand: 19.04.12 Seite: 221 10 Wohlfahrtswirkungen der Inflation220 10.5.4 Geldmarktgleichgewicht Im Geldmarktgleichgewicht entspricht das reale Geldangebot (Mr) der realen Geldnachfrage (Lr): (10-15) =r rM L bzw. (10-16) ( )= + ⋅r r rˆM L i P Y Nach Substitution der Gleichung (10-16) in Gleichung (10-10) folgt: (10-17) ( )= ⋅ + ⋅n r rˆ ˆSG M L i P Y Schließlich folgt unter Beachtung der Gültigkeit der Quantitätstheorie ( )=nˆ ˆM P : (10-18) ( )= ⋅ + ⋅r rˆ ˆSG P L i P Y Die Multiplikation der realen Geldnachfrage mit der Inflationsrate ergibt die Seigniorage der Zentralbank. Aus der Gleichung (10-18) ist ersichtlich, dass die Höhe der Seigniorage von der Inflationsrate abhängig ist. Inflation hat die gleiche Auswirkung auf den Wert des Geldes wie eine Steuer auf die Geldhaltung. Aus diesem Grund wird die Seigniorage auch als Inflationssteuer bezeichnet. Die Ursache dieser Steuer liegt darin, dass sich durch Inflation der Wert der umlaufenden Geldmenge verringert. Wirtschaftssubjekte, die Zahlungsmittel halten, „zahlen“ diese Steuer. Die Inflationssteuer setzt sich zusammen aus • dem Steuersatz ( )P̂ und • der Steuerbasis ( )+ ⋅ =r r rˆL i P Y L . Aus der Gleichung (10-18) ist aber auch ersichtlich, dass eine Erhöhung der Inflationsrate nicht unbegrenzt zu einer Erhöhung der Seigniorage führt. Eine Erhöhung der Inflationsrate induziert zwei gegenläufige Effekte: • Erhöhung des Bedarfs an Zentralbankgeld Aufgrund der Erhöhung der Inflationsrate ( )P̂ müssen die privaten Wirtschaftssubjekte für Transaktionszwecke zusätzlich Zentralbankgeld halten. Die Einnahmen aus der Seigniorage steigen. 240 Die Geldnachfragefunktion ist für ein gegebenes Realeinkommen und einen gegebenen Realzins abgebildet. Lr Lr P̂ Abbildung 10.2: Nachfragefunktion nach Zentralbankgeld240 Vahlens Kurzlehrbücher – Moritz – Geldtheorie und Geldpolitik, 3. Auflage Herstellung: Frau Hilgendorff Status: Druckdaten Stand: 19.04.12 Seite: 220 Vahlens Kurzlehrbücher – Moritz – Geldtheorie und Geldpolitik, 3. Auflage Herstellung: Frau Hilgendorff Status: Druckdaten Stand: 19.04.12 Seite: 221 10.5 Inflation und Seigniorage 221 • Erhöhung der Opportunitätskosten Annahmegemäß steigen die Nominalzinsen in Höhe der Inflationsrate. Da die Geldhaltung nicht verzinst wird, nehmen die Opportunitätskosten der Geldhaltung zu, sodass die Geldhaltung reduziert wird. Die Bemessungsgrundlage der Seigniorage, die reale Geldnachfrage Lr, geht zurück. Die Einnahmen aus der Seigniorage werden reduziert. 10.5.5 Inflation und maximale Seigniorage 10.5.5.1 Konstantes Bruttoinlandsprodukt Informationen, wie sich die Seigniorage verändert, wenn die Inflationsrate ansteigt, erhält man durch partielles Ableiten der Gleichung (10-18) nach der Inflationsrate: (10-19) ( ) ( ) ∂ +∂ = + ⋅ + ⋅ ∂ ∂ r r r r ˆL i PSG ˆ ˆL i P Y Y Pˆ ˆP P Die Ableitung der Seigniorage nach der Inflation definieren wir als Grenzseigniorage. Der erste Term auf der rechten Seite der Gleichung (10-19) beschreibt die Erhöhung des Zentralbankgeldbedarfs aufgrund der gestiegenen Inflationsrate; der zweite Ausdruck die Reduktion der Geldhaltung aufgrund der gestiegenen Opportunitätskosten. Nach Ausklammerung der realen Geldnachfrage folgt für die Grenzseigniorage: (10-20) ( ) ( ) ( ) ∂ + ⋅∂ = + ⋅ + ∂ ∂ + ⋅ r r r r r ˆL i P Y ˆSG PˆL i P Y 1ˆ ˆ ˆP P L i P Y bzw. (10-21) ( ) ( )∂ = + ⋅ + ε ∂ r r SG ˆ ˆL i P Y 1 L,P P̂ ( )ε ˆL,P : reale Inflationselastizität der Geldnachfrage Gleichung (10-21) gibt die Veränderung der Seigniorage in Abhängigkeit der Inflationselastizität der Geldnachfrage an. Die Inflationselastizität der Geldnachfrage misst, um wie viel Prozent die Geldnachfrage bei einer Erhöhung der Inflationsrate um ein Prozent zunimmt. Gleichung (10-21) stellt einen Spezialfall der Amoroso-Robinson-Relation241 dar. Reagiert die Geldnachfrage elastisch, dann geht die Geldnachfrage bei einer Erhöhung der Inflationsrate überproportional zurück und die Seigniorage sinkt. Ist die Geldnachfrage hingegen unelastisch, dann führt eine Erhöhung der Inflationsrate zu einem unterproportionalen Rückgang der Geldnachfrage und die Seigniorage steigt. Daraus folgt als Ergebnis, dass die maximale Seigniorage bei einer Inflationselastizität der Geldnachfrage von eins erreicht wird.242 Diese Bedingung stellt also nichts anderes als einen Spezialfall für ein Erlösmaximum eines Monopolisten in Abhängigkeit des Verkaufspreises dar, bei dem im Erlösmaximum die 241 Die Amoroso-Robinson-Relation gibt die Reaktion des Erlöses bei einer Veränderung der Menge in Abhängigkeit der Nachfrageelastizität an. 242 Vgl. Friedman (1971), S. 846ff. Vahlens Kurzlehrbücher – Moritz – Geldtheorie und Geldpolitik, 3. Auflage Herstellung: Frau Hilgendorff Status: Druckdaten Stand: 19.04.12 Seite: 222 Vahlens Kurzlehrbücher – Moritz – Geldtheorie und Geldpolitik, 3. Auflage Herstellung: Frau Hilgendorff Status: Druckdaten Stand: 19.04.12 Seite: 223 10 Wohlfahrtswirkungen der Inflation222 Nachfrageelastizität eins beträgt. Zur Veranschaulichung betrachten wir die Abbildung 10.3: In der Abbildung 10.3 sind die reale Geldnachfragefunktion (10-13), die Grenzseigniorage (10-19) sowie die Seigniorage (10-18) abgetragen. Die Seigniorage erreicht ihr Maximum dort, wo die Grenzseigniorage null wird. Dies ist bei der Inflationsrate ( )AP̂ der Fall. 10.5.5.2 Wachsende Volkswirtschaft Wie ändert sich die Bedingung für die maximale Seigniorage in einer wachsenden Volkswirtschaft? Zur Vereinfachung gehen wir von einer gegebenen Wachstumsrate des realen Bruttoinlandsprodukts aus. Bei konstanter Umlaufgeschwindigkeit resultiert aus der Quantitätsgleichung: (10-22) = +n rˆˆ ˆM P Y Die Substitution der Gleichung (10-22) in die Gleichung (10-17) liefert: (10-23) ( ) ( )= + ⋅ + ⋅r r rˆˆ ˆSG P Y L i P Y Aus der Gleichung (10-23) können die Komponenten der Seigniorage identifiziert werden.243 Die Multiplikation der Inflationsrate mit der Geldnachfrage stellt die Inflationssteuer dar. Ob eine Erhöhung der Inflationsrate die Inflationssteuer erhöht oder nicht, hängt, wie im vorausgegangenen Abschnitt dargestellt wurde, von der Geldnachfrageelastizität ab. Die Wachstumsrate des Bruttoinlandsprodukts mit der Geldnachfrage entspricht der Wachstumskomponente. Bei steigendem Bruttoinlandsprodukt benötigen die Wirtschaftssubjekte zusätzliches Zentralbankgeld, was die Seigniorage erhöht. Aus der Gleichung (10-23) kann man erkennen, dass die Seigniorage nicht identisch mit der Inflationssteuer ist. Bei positivem Wirtschaftswachstum kann 243 Vgl. Issing (2011), S. 257ff. P̂ SG ∂ ∂ Lr LrA A P̂A P̂ P̂ SG ∂ ∂ Abbildung 10.3: Seigniorage und Inflation Vahlens Kurzlehrbücher – Moritz – Geldtheorie und Geldpolitik, 3. Auflage Herstellung: Frau Hilgendorff Status: Druckdaten Stand: 19.04.12 Seite: 222 Vahlens Kurzlehrbücher – Moritz – Geldtheorie und Geldpolitik, 3. Auflage Herstellung: Frau Hilgendorff Status: Druckdaten Stand: 19.04.12 Seite: 223 10.6 Aufgaben zu Kapitel 10 223 der Staat auch ohne inflationäre Prozesse Einnahmen durch Geldschöpfung erzielen. Für die Veränderung der Seigniorage bei einer Ausdehnung der Inflation ergibt sich nun: (10-24) ( ) ( ) ( ) ∂ + ⋅∂ = + ⋅ + + ∂ ∂ r r r r r ˆL i P YSG ˆˆ ˆL i P Y P Yˆ ˆP P Durch Nullsetzung der Gleichung (10-24) und Auflösung nach der Inflationsrate resultiert: (10-25) ( ) ( ) + = − − ∂ + ∂ r r r ˆL i P ˆP̂ Y ˆL i P P̂ Die Gleichung (10-25) liefert unter Beachtung eines gegebenen Wirtschaftswachstums jene Inflationsrate, welche die Seigniorage maximiert. Daraus ist ersichtlich, dass bei Zunahme des Wirtschaftswachstums die optimale Inflationsrate kleiner wird. Die Ursache ist an der Gleichung (10-24) ablesbar. Eine Erhöhung der Wachstumsrate des Bruttoinlandsprodukts vergrößert den zweiten Term auf der rechten Seite. Die Grenzopportunitätskosten der Geldhaltung nehmen bei höherem Bruttoinlandsprodukt zu. Aufgrund der höheren Grenzopportunitätskosten der Geldhaltung korreliert die optimale Inflationsrate negativ mit dem Wachstum des Bruttoinlandsprodukts. Weiterhin erkennt man aus der Gleichung (10-25), dass die maximale Seigniorage nicht zwingend eine positive Inflationsrate voraussetzt. Ist das reale Wachstum hinreichend groß, so kann jene Inflationsrate, welche die Seigniorage maximiert, sogar negativ werden. 10.6 Aufgaben zu Kapitel 10244 Aufgabe 10.1 Erläutern Sie den Unterschied zwischen einer antizipierten und einer nicht antizipierten Inflation! Aufgabe 10.2 a) Erläutern Sie anhand einer Grafik, warum eine antizipierte Inflation zu einer suboptimalen Geldhaltung führt! b) Warum werden die Schuhsohlenkosten minimiert, wenn die Inflation dem gleichgewichtigen Realzins mit umgekehrtem Vorzeichen entspricht? Aufgabe 10.3 Was verstehen Sie unter Menükosten? Nennen Sie zwei Beispiele für Menükosten! 244 Die Lösungen zu den Übungsaufgaben finden Sie unter http://www.vahlen.de/. 10.6 Aufgaben zu Kapitel 10 Vahlens Kurzlehrbücher – Moritz – Geldtheorie und Geldpolitik, 3. Auflage Herstellung: Frau Hilgendorff Status: Druckdaten Stand: 19.04.12 Seite: 224 Vahlens Kurzlehrbücher – Moritz – Geldtheorie und Geldpolitik, 3. Auflage Herstellung: Frau Hilgendorff Status: Druckdaten Stand: 19.04.12 Seite: 225 10 Wohlfahrtswirkungen der Inflation224 Aufgabe 10.4 Warum kann eine nicht korrekt antizipierte Inflation zu Fehlinvestitionen führen? Aufgabe 10.5 Individuen versuchen häufig, sich vor inflationsbedingten Vermögensverlusten durch Käufe von Immobilien zu schützen. Halten Sie dies für eine gute Strategie? Aufgabe 10.6 Diskutieren Sie folgende These: „Inflation ist der Taschendieb der kleinen Leute“! Aufgabe 10.7 Erläutern Sie den Zusammenhang zwischen Inflation und kalter Progression! Aufgabe 10.8 Was verstehen Sie unter dem Begriff „Seigniorage“? Aufgabe 10.9 Was sind die Ursachen der Seigniorage? Aufgabe 10.10 Warum kann der Staat durch Inflation die Einnahmen aus der Seigniorage nicht endlos erhöhen? Aufgabe 10.11 Erläutern Sie mögliche Verteilungswirkungen einer Inflation!

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References

Zusammenfassung

Die Zusammenhänge der Geldpolitik.

Moritz, Geldtheorie und Geldpolitik

3. Auflage. 2012.

ISBN 978-3-8006-4234-2

Geldpolitik komplett

Dieses Lehrbuch vermittelt die Grundkenntnisse der Geldtheorie und Geldpolitik anhand von konkreten Beispielen und den aktuellen geldpolitischen Entwicklungen. Die Übungsfragen am Kapitelende sorgen für einen höheren Lernerfolg.

Besonders aktuell: Geldpolitik

Die 3. Auflage berücksichtigt die aktuellen Entwicklungen der Europäischen Währungsunion und stellt die geld-politischen Zusammenhänge praktisch dar.

Besonders interessant

für Studenten der Wirtschaftswissenschaften an Universitäten, Fachhochschulen und Berufsakademien.