9 Arbeitslosigkeit und Inflation – Die Phillipskurve in:

Karl-Heinz Moritz

Geldtheorie und Geldpolitik, page 193 - 223

3. Edition 2012, ISBN print: 978-3-8006-4234-2, ISBN online: 978-3-8006-4235-9, https://doi.org/10.15358/9783800642359_193

Series: Vahlens Kurzlehrbücher

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Vahlens Kurzlehrbücher – Moritz – Geldtheorie und Geldpolitik, 3. Auflage Herstellung: Frau Hilgendorff Status: Druckdaten Stand: 19.04.12 Seite: 172 Vahlens Kurzlehrbücher – Moritz – Geldtheorie und Geldpolitik, 3. Auflage Herstellung: Frau Hilgendorff Status: Druckdaten Stand: 19.04.12 Seite: 173 9 Arbeitslosigkeit und Inflation – Die Phillipskurve 9.1 Einführung Als im Jahr 1966 das Stabilitäts- und Wachstumsgesetz verabschiedet wurde, bezeichnete man die vier makroökonomischen Ziele hoher Beschäftigungsstand, Preisniveaustabilität, angemessenes sowie stetiges Wirtschaftswachstum und außenwirtschaftliches Gleichgewicht als magisches Viereck. Damit wollte man zum Ausdruck bringen, dass es kaum möglich ist, alle Ziele gleichzeitig zu realisieren. Insbesondere die beiden Ziele hoher Beschäftigungsstand und Preisstabilität wurden als schwer miteinander kompatibel angesehen. Vollbeschäftigung ließe sich nur bei Verletzung des Preisstabilitätsziels erreichen. Für die geldpolitische Strategie einer Zentralbank ist es wesentlich, ob ein derartiger Zielkonflikt besteht. Existiert kein Zielkonflikt, dann kann die Zentralbank das Ziel der Preisniveaustabilität verfolgen, ohne auf die Beschäftigungssituation Rücksicht nehmen zu müssen. Sie kann sich dann auf die Sicherung der Preisniveaustabilität konzentrieren. Schwieriger stellt sich hingegen die Ausrichtung der Geldpolitik bei Existenz eines Zielkonflikts dar. In diesem Fall muss die Zentralbank eine Gewichtung der beiden Ziele Preisniveaustabilität und Vollbeschäftigung vornehmen. Die Diskussion über einen Trade-off zwischen Preisniveaustabilität und Vollbeschäftigung wurde insbesondere durch eine empirische Untersuchung von Alban W. H. Phillips aus dem Jahr 1958 ausgelöst. Dieser betrachtete in einer empirischen Studie den Zusammenhang von Arbeitslosigkeit und Lohninflation in Großbritannien im Zeitraum von 1861 bis 1958. Phillips stellte zwischen der Entwicklung der Wachstumsrate der Löhne ˆ(w) und der Arbeitslosenquote (AQ) eine negative Beziehung fest: (9-1) ŵ f(AQ) mit f 0= ′ < originäre Phillipskurve Der Zusammenhang zwischen Löhnen und der Arbeitslosenquote wird dabei als originäre Phillipskurve bezeichnet. Der empirische Befund sagt jedoch 9 Arbeitslosigkeit und Inflation – Die Phillipskurve 9.1 Einführung )AQ(fŵ = PhillipskurveLohnver-änderung ŵ Arbeitslosenrate (AQ) AQf Abbildung 9.1: Originäre Phillipskurve Vahlens Kurzlehrbücher – Moritz – Geldtheorie und Geldpolitik, 3. Auflage Herstellung: Frau Hilgendorff Status: Druckdaten Stand: 19.04.12 Seite: 174 Vahlens Kurzlehrbücher – Moritz – Geldtheorie und Geldpolitik, 3. Auflage Herstellung: Frau Hilgendorff Status: Druckdaten Stand: 19.04.12 Seite: 175 9 Arbeitslosigkeit und Inflation – Die Phillipskurve174 noch nichts über die Kausalität aus, d. h. ob die eine Größe die andere Größe beeinflusst oder ob z. B. eine dritte (nicht berücksichtigte) Variable existiert, die beide Prozesse treibt. Zwei verschiedene Argumentationen sind mit dem empirischen Befund vereinbar: • Die Lohnforderungen sind umso größer, je geringer die Arbeitslosigkeit ausfällt. • Die Arbeitslosigkeit ist umso geringer, je höher das Lohnniveau ausfällt. 9.2 Überschussmodell von Lipsey Die erste Frage, die im Zusammenhang mit der Phillipskurve auftritt, lautet, warum überhaupt Löhne steigen, wenn doch gleichzeitig Arbeitslosigkeit vorliegt. Eine theoretische Begründung hierfür hat Lipsey (1960) geliefert. Sein Modell basiert auf der einfachen Überlegung, dass der Preis eines Gutes bei einem Nachfrageüberhang steigt und bei einem Angebotsüberhang sinkt. Auf dem Arbeitsmarkt setzt sich das Arbeitsangebot (AA) aus der Anzahl der Beschäftigten (BE) und der Anzahl der Arbeitslosen (AL) zusammen: (9-2) AA = BE + AL Arbeitsangebot Die Arbeitsnachfrage (AN) besteht aus der Anzahl der Beschäftigten (BE) sowie der Anzahl der offenen Stellen (O): (9-3) NA = BE + O Arbeitsnachfrage Die Überschussnachfrage am Arbeitsmarkt (ÜN) entspricht der Differenz zwischen Arbeitsnachfrage und Arbeitsangebot: (9-4) N N AÜ = A A = O AL− − Überschussnachfrage am Arbeitsmarkt Herrscht am Arbeitsmarkt eine positive Überschussnachfrage, dann ist die Anzahl der offenen Stellen größer als die Anzahl der Arbeitslosen. Übersteigt hingegen die Anzahl der Arbeitslosen die Anzahl der offenen Stellen, so herrscht ein Angebotsüberhang am Arbeitsmarkt vor. Ein Arbeitsmarktgleichgewicht liegt vor, wenn Arbeitsnachfrage und Arbeitsangebot übereinstimmen. Allerdings finden im Gleichgewicht nicht alle Arbeitnehmer eine Beschäftigung und nicht alle Arbeitgeber können ihre offenen Stellen besetzten. Vielmehr stimmen die Anzahl an offenen Stellen und die Anzahl der Arbeitslosen überein. Die in einem Arbeitsmarktgleichgewicht existierende Arbeitslosigkeit hat friktionelle oder strukturelle Ursachen. Strukturelle Arbeitslosigkeit liegt vor, wenn Arbeitsangebot und Arbeitsnachfrage aufgrund von Qualifikation, Geschlecht, Region, Alter und anderen Merkmalen nicht kompatibel sind. Ein Beispiel hierfür ist, wenn gering qualifizierte Arbeitskräfte arbeitslos sind und gleichzeitig Fachkräfte gesucht werden. Diese Art von Arbeitslosigkeit kann durch einen Strukturwandel entstehen, wenn in den expandierenden Bereichen einer Volkswirtschaft andere Qualitätsanforderungen gestellt werden als in den schrumpfenden Bereichen. Eine derartige Arbeitslosigkeit kann nicht durch konjunkturelle Maßnahmen bekämpft wer- 9.2 Überschussmodell von Lipsey Vahlens Kurzlehrbücher – Moritz – Geldtheorie und Geldpolitik, 3. Auflage Herstellung: Frau Hilgendorff Status: Druckdaten Stand: 19.04.12 Seite: 174 Vahlens Kurzlehrbücher – Moritz – Geldtheorie und Geldpolitik, 3. Auflage Herstellung: Frau Hilgendorff Status: Druckdaten Stand: 19.04.12 Seite: 175 9.3 Modifizierte Phillipskurve 175 den. Ein Ansatzpunkt zur Bekämpfung dieser Arbeitslosigkeit wären Umschulungsmaßnahmen oder eine stärkere Lohnspreizung zwischen den Sektoren. Als friktionell arbeitslos bezeichnet man diejenigen Personen, bei denen zwischen dem Ende ihrer vorangegangenen Erwerbstätigkeit und dem Beginn ihrer neuen Erwerbstätigkeit ein gewisser Zeitraum verstreicht, weil ein nahtloser Übergang von der alten zur neuen Beschäftigung nicht gelingt. Friktionelle Arbeitslosigkeit resultiert aus der Tatsache, dass der in einer dynamischen Volkswirtschaft unvermeidliche Wechsel von Arbeitsplätzen nicht ganz ohne Reibungen abläuft. Das Profil von Arbeitssuchenden und Arbeitsplatz ist kompatibel. Aufgrund mangelnder Markttransparenz des Arbeitsmarktes vergeht aber eine gewisse Zeit, bis die Arbeitssuchenden vermittelt werden können. Die Höhe der friktionellen Arbeitslosigkeit hängt im Wesentlichen von der Effizienz der Vermittlung der Arbeitsämter als auch von der Höhe des Arbeitslosengeldes ab. Stimmen nun die Anzahl der offenen Stellen mit der Anzahl der Arbeitssuchenden überein, dann stimmt auch die gesamte Arbeitsnachfrage mit dem gesamten Arbeitsangebot überein. Da der Arbeitsmarkt im Gleichgewicht ist, wird der Lohn sich nicht verändern. Dies ist bei AQf in der Abbildung 9.1 der Fall. Übersteigt die Anzahl der offenen Stellen die Anzahl der Arbeitssuchenden, dann ist die gesamte Arbeitsnachfrage größer als das gesamte Arbeitsangebot. Es liegt ein Nachfrageüberhang am Arbeitsmarkt vor. Trotz Arbeitslosigkeit steigt der Lohn. Dies ist dann der Fall, wenn die Arbeitslosigkeit in der Abbildung 9.1 kleiner als AQf ausfällt. Ist schließlich die Anzahl der Arbeitslosen größer als die Anzahl der offenen Stellen, dann liegt ein Angebotsüberhang am Arbeitsmarkt vor. Zur strukturellen und friktionellen Arbeitslosigkeit tritt konjunkturelle Arbeitslosigkeit hinzu. Der Lohn fällt. Dies ist dann der Fall, wenn die Arbeitslosigkeit in der Abbildung 9.1 größer als AQf ausfällt. Halten wir fest: Die originäre Phillipskurve verläuft mit negativer Steigung. Stimmt die tatsächliche Arbeitslosenquote mit der friktionellen und der strukturellen Arbeitslosenquote überein, dann liegt ein Gleichgewicht am Arbeitsmarkt vor. Die Löhne sind konstant. Wird die Arbeitslosigkeit AQf überschritten (unterschritten), dann fallen (steigen) die Löhne. 9.3 Modifizierte Phillipskurve 9.3.1 Untersuchung von Samuelson und Solow Im Anschluss an die von Phillips durchgeführten Untersuchungen schätzten Solow und Samuelson (1960) den Zusammenhang zwischen der Inflationsrate (P̂) und der Arbeitslosenquote (AQ). Der Zusammenhang zwischen Inflationsrate und Arbeitslosenquote wird als modifizierte Phillipskurve bezeichnet: (9-5) = ′ t tˆ ˆM P 0 wirkt expansiv auf die Güternachfrage. Die Produktion wird ausgeweitet und die Arbeitslosigkeit sinkt. Zwischen Unterbeschäftigung und realem Geldmengenwachstum wird folgender Zusammenhang unterstellt: (9-12) ( )−= − ⋅ −t t 1 t tˆ ˆAQ AQ a M P Der Koeffizient a gibt die Reduktion der Arbeitslosigkeit bei einer Erhöhung der realen Geldmengenwachstumsrate um einen Prozentpunkt an. Ist z. B. a = 0,5, dann geht die Arbeitslosigkeit um 0,5 Prozentpunkte zurück, wenn die reale Geldmenge um einen Prozentpunkt wächst. 9.4.2.4 Preiserwartungshypothese Ein wesentliches Kennzeichen des monetaristischen Modells ist die adaptive Erwartungshypothese.189 Adaptive Erwartungen basieren auf Preisentwicklungen, welche in der Vergangenheit realisiert wurden (ex-post-Erwartungsbildung). Die Prognosebildung über die zukünftige Entwicklung einer ökonomischen Variable erfolgt durch systematische Auswertung von Beobachtungen über die vergangene Entwicklung derselben Variable, wobei die in der Vergangenheit beobachteten Werte der zu prognostizierenden Variable auf die Zukunft fort- 189 Das Konzept der adaptiven Erwartungen geht auf Cagan (1956) zurück. Vahlens Kurzlehrbücher – Moritz – Geldtheorie und Geldpolitik, 3. Auflage Herstellung: Frau Hilgendorff Status: Druckdaten Stand: 19.04.12 Seite: 184 Vahlens Kurzlehrbücher – Moritz – Geldtheorie und Geldpolitik, 3. Auflage Herstellung: Frau Hilgendorff Status: Druckdaten Stand: 19.04.12 Seite: 185 9 Arbeitslosigkeit und Inflation – Die Phillipskurve184 geschrieben werden.190 Adaptive Erwartungen sind durch folgende Gleichung gekennzeichnet: (9-13) ( )− − −= ⋅ − +* * *t t 1 t 1 t 1ˆ ˆ ˆ ˆP c P P P Wurde die Inflationsrate korrekt vorhergesehen, dann wird die gleiche Inflationsrate wie in der vorausgegangenen Periode erwartet. Lag dagegen ein Prognoseirrtum vor, dann wird die erwartete Inflationsrate korrigiert. Eine Fehleinschätzung der Preisentwicklung in der vorausgegangenen Periode ( )− −− ≠*t 1 t 1ˆ ˆP P 0 führt zu einer Korrektur der Preiserwartungen für die zukünftige Periode. Die Klammer gibt an, in wieweit sich die Marktteilnehmer in der Vergangenheit geirrt haben. Die Variable c gibt an, um wie viel Prozentpunkte die Erwartungen korrigiert werden, wenn die Inflationsrate um einen Prozentpunkt unterschätzt worden ist. Anhand des Parameters c können adaptive Erwartungen klassifiziert werden:191 • proportionale Inflationserwartungen c = 1 Die Inflationsrate der vergangenen Periode wird für die laufende Periode erwartet. • unelastische Inflationserwartung 0 < c < 1 Die Anpassung der Inflationserwartung ist kleiner als der Inflationsirrtum. • elastische Inflationserwartung c > 1 Die Anpassung der Inflationserwartung ist größer als der Inflationsirrtum. • konstante Inflationserwartung c = 0 Die erwartete Inflationsrate ist konstant und reagiert nicht auf Erwartungsirrtümer. Es wird immer die gleiche Inflationsrate erwartet. Das monetaristische Grundmodell besteht somit aus den Gleichungen: (9-9) = − ⋅ −*t t t Nˆŵ P b (AQ AQ ) (9-10) =ˆ ˆP w (9-11) = − ⋅ −*t t t Nˆ ˆP P b (AQ AQ ) (9-12) −= − ⋅ −t t 1 t tˆ ˆAQ AQ a (M P ) (9-13) − − −= ⋅ − + * * * t t 1 t 1 t 1 ˆ ˆ ˆ ˆP c (P P ) P Monetaristisches Grundmodell 190 Vgl. Vollmer (2005), S. 13. Adaptive Erwartungen bilden z. B. auch die Grundlage für die Chartanalyse zur Bestimmung von Wechselkursentwicklungen. 191 Vgl. Vollmer (2005), S. 14. Vahlens Kurzlehrbücher – Moritz – Geldtheorie und Geldpolitik, 3. Auflage Herstellung: Frau Hilgendorff Status: Druckdaten Stand: 19.04.12 Seite: 184 Vahlens Kurzlehrbücher – Moritz – Geldtheorie und Geldpolitik, 3. Auflage Herstellung: Frau Hilgendorff Status: Druckdaten Stand: 19.04.12 Seite: 185 9.4 Monetaristisches Phillipskurvenmodell 185 9.4.3 Veränderung der Geldmengenwachstumsrate Um den Einfluss von Geldmengenveränderungen im monetaristischen Phillipskurvenmodell einfach verdeutlichen zu können, nehmen wir für die Parameter und für die natürliche Arbeitslosenquote folgende Werte an:192 a = 1; b = 1; c = 0,25, AQN = 4,5 % Aus diesen Annahmen folgt: (9-9a) = − +*t t tˆŵ P AQ 4,5 Lohnbildungshypothese (9-11a) = − +*t t tˆ ˆP P AQ 4,5 Phillipskurve (9-12a) ( )−− = − −t t 1 t tˆ ˆAQ AQ M P Arbeitslosigkeit und reale Geldmenge193 (9-13a) − − −= ⋅ − + * * * t t 1 t 1 t 1 ˆ ˆ ˆ ˆP 0,25 (P P ) P Inflationserwartungen In der Ausgangssituation wachsen die Geldmenge und das Preisniveau um 5 %. Die Inflationserwartungen sind korrekt. Die Arbeitslosigkeit beträgt 4,5 %, sodass die Arbeitnehmer eine Erhöhung der Nominallöhne von 5 % anstreben: M̂ = P̂ = *P̂ = ŵ = 5 %, AQ = 4,5 % Aus diesen Annahmen resultiert die Phillipskurve: = −P̂ 9,5 AQ Phillipskurve für eine Inflationserwartung von 5 % In der Ausgangssituation wird somit der Punkt A in der Abbildung 9.5 realisiert. Das Geldmengenwachstum und die Inflation betragen 5 %. Die Arbeits- 192 Das Zahlenbeispiel stammt aus Duwendag/Ketterer/Kösters/Pohl/Simmert (1999), S. 239ff. 193 In der Ausgangssituation ist der Klammerausdruck null. AQ A B 4,5 5P̂* = 5 9,5 13,5 10,5 6P̂* = P̂ Z DC 1,5 9P̂* = Abbildung 9.5: Auswirkungen einer Erhöhung der Geldmengenwachstumsrate Vahlens Kurzlehrbücher – Moritz – Geldtheorie und Geldpolitik, 3. Auflage Herstellung: Frau Hilgendorff Status: Druckdaten Stand: 19.04.12 Seite: 186 Vahlens Kurzlehrbücher – Moritz – Geldtheorie und Geldpolitik, 3. Auflage Herstellung: Frau Hilgendorff Status: Druckdaten Stand: 19.04.12 Seite: 187 9 Arbeitslosigkeit und Inflation – Die Phillipskurve186 losigkeit beträgt 4,5 % und entspricht der natürlichen Arbeitslosigkeit. Entlang der durch Punkt A verlaufenden kurzfristigen Phillipskurve gilt eine Inflationserwartung von 5 %. Nun wird das Geldmengenwachstum ab der Periode t1 dauerhaft auf 9 % erhöht. Die folgende Tabelle stellt die Entwicklung der wichtigsten Daten dar: tM̂ tP̂ (alt) t t ˆ ˆM P− tAQ *tP̂ (9-13a) tw (9-9a) t tˆŵ P= (neu) t0 5 5 0 4,5 5 5 5 t1 9 5 4 0,5 5 9 9 t2 9 9 0 0,5 6 10 10 t3 9 10 – 1 1,5 7 10 10 t4 9 10 – 1 2,5 7,75 9,75 9,75 t5 9 9,75 – 0,75 3,25 8,25 9,5 9,5 … t∞ 9 9 0 4,5 9 9 9 Tabelle 9.1: Auswirkungen einer dauerhaften Geldmengenerhöhung Da die nominale Geldmenge um 4 Prozentpunkte stärker als die Inflationsrate wächst, erhöht sich die reale Geldmenge um eben diese 4 Prozentpunkte. Dies reduziert die Arbeitslosigkeit um 4  Prozentpunkte auf 0,5 % und verbessert die Verhandlungspositionen der Arbeitnehmer. Da sie von einer Inflation von 5 % ausgehen, fordern sie nun eine Erhöhung der Löhne um 9 %. Die höheren Lohnforderungen werden auf die Preise überwälzt. Am Ende der Periode ist die Inflation auf 9 % gestiegen. Wir landen somit in der Abbildung 9.5 im Punkt B mit einer Inflation von 9 % und einer Arbeitslosigkeit von 0,5 %.194 194 Für die Beschreibung des Anpassungsprozesses existieren zwei Alternativen: Nach der keynesianischen Variante führt die Erhöhung der Güternachfrage zu einer Erhöhung der Güterproduktion, welche die Arbeitsnachfrage und somit die Beschäftigung erhöht. Dadurch verbessert sich die Verhandlungsposition der Gewerkschaften. Die Lohnforderungen der Gewerkschaften nehmen zu. Die gestiegenen Löhne überwälzen die Unternehmen auf die Preise. Nach der keynesianischen Variante findet ein Vorlauf der Beschäftigung statt. Zuerst nimmt die Arbeitslosigkeit ab und dann treten Inflationseffekte auf. Die Erhöhung der Beschäftigung induziert die Inflationserhöhung. Von dieser Variante sind wir hier ausgegangen. Es ist aber auch ein alternativer Anpassungsprozess möglich. Nach der neoklassischen Variante führt die Erhöhung der Güternachfrage zu einer Erhöhung des Preisniveaus und reduziert somit den Reallohn. Die Unternehmen sind bereit, mehr Arbeitskräfte einzustellen. Der Nachfrageüberhang am Arbeitsmarkt führt zu steigenden Nominallöhnen. Da die Arbeitnehmer von einer unveränderten Inflationsrate ausgehen, nehmen sie an, der Reallohn sei gestiegen. Aufgrund der vollständigen Preisüberwälzung ist der Reallohn aber tatsächlich konstant geblieben. Nach der klassischen Variante findet ein Vorlauf der Inflationseffekte statt. Zuerst nimmt die Inflationsrate zu und dann Vahlens Kurzlehrbücher – Moritz – Geldtheorie und Geldpolitik, 3. Auflage Herstellung: Frau Hilgendorff Status: Druckdaten Stand: 19.04.12 Seite: 186 Vahlens Kurzlehrbücher – Moritz – Geldtheorie und Geldpolitik, 3. Auflage Herstellung: Frau Hilgendorff Status: Druckdaten Stand: 19.04.12 Seite: 187 9.4 Monetaristisches Phillipskurvenmodell 187 In B gilt: • Die Reduktion der Arbeitslosigkeit geht einher mit einer Erhöhung der Inflationsrate. • Der Reallohn ist konstant geblieben. • Die Arbeitnehmer unterschätzen die Inflationsrate. Damit haben wir die Bewegung entlang einer kurzfristigen Phillipskurve nachvollzogen. Untersuchen wir einmal den Grund für die Reduzierung der Arbeitslosigkeit: In der Ausgangssituation entspricht die Arbeitslosigkeit der natürlichen Arbeitslosigkeit. Es besteht daher keine konjunkturelle Arbeitslosigkeit. Die strukturelle Arbeitslosigkeit kann die Geldpolitik nicht beeinflussen. Zurückgehen kann nur die friktionelle Arbeitslosigkeit. Die Erhöhung der Geldmenge führt zu einer gleichmäßigen Erhöhung von Inflationsrate und Nominallöhnen. Die Arbeitnehmer registrieren aber den Anstieg der Inflationsrate nicht. Sie gehen davon aus, dass die realen Löhne gestiegen sind. Dadurch werden sie bei ihrer Arbeitssuche die Angebote der Arbeitgeber als lukrativ einschätzen und schneller einen neuen Arbeitsplatz annehmen. Somit reduziert sich die friktionelle Arbeitslosigkeit. Die Arbeitnehmer haben sich also geirrt. Sie sind von steigenden Reallöhnen ausgegangen. Tatsächlich hat sich der Reallohn aber nicht geändert.195 Betrachten wir die Periode t2. Die nominale Geldmenge und das Preisniveau wachsen in der Periode 2 um den gleichen Prozentsatz. Die reale Geldmenge bleibt daher unverändert und somit auch die Arbeitslosenquote. Die Arbeitnehmer haben die Inflationsrate in Periode 1 um vier Prozentpunkte unterschätzt. Gemäß Gleichung (9-13a) korrigieren sie ihre Inflationserwartung um einen Prozentpunkt nach oben. Für die Phillipskurve gilt nun: = −P̂ 10,5 AQ Phillipskurve für eine Inflationserwartung von 6 % Die Lohnsteigerungen von 10 % setzen sich daher zusammen aus • der erwarteten Inflation von 6 % sowie • der erhöhten Marktmacht von 4 % (Abweichung der natürlichen von der tatsächlichen Arbeitslosigkeit). Die höheren Lohnforderungen werden wieder auf die Preise überwälzt, sodass am Ende der Periode die Inflation 10 % beträgt. Wir landen im Punkt C mit einer Inflationsrate von 10 % und einer Arbeitslosenquote von 0,5 %. In der Periode 3 wirken nun zwei entgegengesetzte Effekte auf die Lohnforderungen: • Die Inflation übersteigt das Geldmengenwachstum. Die reale Geldmenge sinkt, wodurch die Arbeitslosigkeit auf 1,5 % ansteigt. Dies führt tendenziell zu einem Rückgang der Lohnwachstumsrate. • Die Inflationsrate wird weiter unterschätzt. Dies führt zu einem Anstieg der Inflationserwartungen sowie der Lohnforderungen. treten Beschäftigungseffekte auf. Vgl.  Duwendag/Ketterer/Kösters/Pohl/Simmert (1999), S. 238f. 195 Friedman bezeichnet daher das Modell statischer Inflationserwartungen als Täuschungsmodell. Vahlens Kurzlehrbücher – Moritz – Geldtheorie und Geldpolitik, 3. Auflage Herstellung: Frau Hilgendorff Status: Druckdaten Stand: 19.04.12 Seite: 188 Vahlens Kurzlehrbücher – Moritz – Geldtheorie und Geldpolitik, 3. Auflage Herstellung: Frau Hilgendorff Status: Druckdaten Stand: 19.04.12 Seite: 189 9 Arbeitslosigkeit und Inflation – Die Phillipskurve188 Aufgrund der unterstellten Parameter gleichen sich diese Effekte in der dritten Periode aus. Die Wachstumsrate der Löhne und damit die Inflation bleiben unverändert bei 10 %. Die Erhöhung der Inflationserwartung verschiebt die Phillipskurve weiter nach oben.196 Wir landen im Punkt D mit einer Inflationsrate von 10 % und einer Arbeitslosigkeit von 1,5 %. Die im weiteren Anpassungsprozess abnehmende reale Geldmenge führt dazu, dass die Arbeitslosigkeit weiter ansteigt. Gleichzeitig werden die Inflationserwartungen nach oben korrigiert. Aufgrund der unterstellten Parameter wirkt sich der Rückgang der Beschäftigung stärker als die Unterschätzung der Inflationsrate auf die Lohnforderungen aus. Die Wachstumsrate der Lohnforderungen sinkt. Die Inflationsrate liegt zwar weiter oberhalb des nominalen Geldmengenwachstums, geht jedoch zurück. Wo endet der Prozess?197 Für ein Gleichgewicht müssen zwei Bedingungen erfüllt sein: • Die erwartete Inflationsrate stimmt mit der tatsächlichen Inflationsrate überein. Im stationären Gleichgewicht liegen keine Erwartungsirrtümer vor. Gemäß der Gleichung (9-11) entspricht die natürliche Arbeitslosigkeit der tatsächlichen Arbeitslosigkeit. • Die Güternachfrage darf sich nicht mehr verändern. Dies setzt eine konstante reale Geldmenge voraus. Geldmenge und Preisniveau wachsen mit der gleichen Rate. Fassen wir die Ergebnisse unserer Betrachtung zusammen: • Kurzfristig herrscht ein Trade-off zwischen Arbeitslosigkeit und Inflation, langfristig nicht. Geld ist langfristig neutral. Variationen der Geldmenge bewirken langfristig gleich große Variationen der Inflationsrate. Langfristig gilt die Quantitätstheorie. • Während des Anpassungsprozesses kommt es zu einem Überschießen der Inflationsrate. Da am Beginn des Anpassungsprozesses die reale Geldmenge zunimmt, muss im Verlauf, damit am Ende des Anpassungsprozesses die reale Geldmenge auf ihr ursprüngliches Niveau zurückgekehrt ist, die Inflationsrate das Geldmengenwachstum und somit auch das neue gleichgewichtige Inflationsniveau überschießen. • Die kurzfristigen Beschäftigungsgewinne basieren auf Fehleinschätzungen über die zukünftige Inflationsrate. Arbeitnehmer können kurzfristig nicht zwischen Nominal- und Reallöhnen unterscheiden. Kurzfristig herrscht Geldillusion. • Aufgrund der Mark-Up-Hypothese bleibt die reale Geldmenge während des gesamten Anpassungsprozesses konstant. 196 Um die Abbildung nicht zu überladen, werden die weiteren Verschiebungen der Phillipskurve nicht dargestellt. 197 Wie der Anpassungsprozess abläuft, hängt von den unterstellten Parametern ab. Der Anpassungsprozess muss nicht gradlinig verlaufen. Die Arbeitslosigkeit kann im Anpassungsprozess auch zeitweise die natürliche Arbeitslosigkeit überschreiten. Möglich ist auch der Fall, dass kein Gleichgewicht mehr erreicht wird. Vgl. Duwendag/Ketterer/Kösters/Pohl/Simmert (1999), S. 242. Vahlens Kurzlehrbücher – Moritz – Geldtheorie und Geldpolitik, 3. Auflage Herstellung: Frau Hilgendorff Status: Druckdaten Stand: 19.04.12 Seite: 188 Vahlens Kurzlehrbücher – Moritz – Geldtheorie und Geldpolitik, 3. Auflage Herstellung: Frau Hilgendorff Status: Druckdaten Stand: 19.04.12 Seite: 189 9.4 Monetaristisches Phillipskurvenmodell 189 • Die natürliche Arbeitslosenquote kann dauerhaft nur unterschritten werden, wenn die Arbeitnehmer sich ständig über die zukünftige Inflationsrate irren. Dies setzt eine kontinuierliche Ausweitung des Geldmengenwachstums und somit eine Ausdehnung der Inflationsrate voraus (Akzelerationshypothese). Eine dauerhafte Reduktion der Arbeitslosigkeit kann nur durch arbeitsmarktpolitische Maßnahmen wie Verbesserung der Markttransparenz, Abschaffung von Mindestlöhnen, Steuererleichterungen oder Verringerung der gewerkschaftlichen Macht erreicht werden. Der letzte Punkt führt zu der Frage, welcher Zusammenhang zwischen der Inflationsrate und der Arbeitslosigkeit besteht, wenn keine Erwartungsirrtümer auftreten. Zu jeder erwarteten Inflationsrate existiert eine kurzfristige Phillipskurve. Es existiert aber nur ein Punkt auf jeder kurzfristigen Phillipskurve, bei dem sich die Arbeitnehmer nicht irren. Die Verbindungslinie dieser Punkte bezeichnet man als langfristige Phillipskurve. Diese Kurve resultiert, wenn in der Gleichung (9-11) die erwartete Inflationsrate mit der tatsächlichen Inflationsrate übereinstimmt: (9-14) =t NAQ AQ langfristige Phillipskurve Die langfristige Phillipskurve verläuft vertikal, d. h. unabhängig von der Inflationsrate. Durch eine höhere Inflation kann man daher die Arbeitslosigkeit langfristig nicht reduzieren. Es besteht somit langfristig kein Zielkonflikt zwischen Preisniveaustabilität und Vollbeschäftigung. Jede Inflationsrate kann bei der gegebenen natürlichen Arbeitslosenquote erreicht werden. Wir wollen noch einmal einen Blick auf die für die Modellergebnisse relevanten Gleichungen werfen. Zu diesem Zweck modifizieren wir die Gleichungen (9-9) und (9-10) ein wenig: (9-15) ( )= α ⋅ − ⋅ −*t t t Nˆŵ P b AQ AQ (9-16) = β ⋅t tˆ ˆP w Die Gleichungen (9-9) und (9-10) erhält man, wenn die Parameter α und b in den Gleichungen (9-15) und (9-16) auf eins normiert werden.198 Die Substitution von (9-15) in (9-16) liefert: (9-17) ( )( )*t t t Nˆ ˆP P b AQ AQ= β⋅ α ⋅ − ⋅ − Im Steady State liegt kein Erwartungsfehler vor. Somit gilt für die langfristige Phillipskurve: (9-18) t t N b P̂ (AQ AQ ) 1 β = − − −αβ Die Steigung der langfristigen Phillipskurve hängt somit von der Konstellation der Parameter α und b ab. Die langfristige Phillipskurve verläuft nur dann mit einer Steigung von unendlich, wenn das Produkt aus α und b eins ist. Dies ist z. B. der Fall, wenn beide Parameter gleich eins sind. Sind die beiden Parameter verschieden von eins und das Produkt ist kleiner als eins, dann verläuft die 198 Die Frage nach der Konstellation der Parameter stand im Zentrum der Kontroverse zwischen Monetaristen und Keynesianern. Die Monetaristen gingen von Parametern von eins aus, während die Keynesianer Parameter von kleiner eins für sinnvoll hielten. Vgl. Kromphardt (1998), S. 162f. Vahlens Kurzlehrbücher – Moritz – Geldtheorie und Geldpolitik, 3. Auflage Herstellung: Frau Hilgendorff Status: Druckdaten Stand: 19.04.12 Seite: 190 Vahlens Kurzlehrbücher – Moritz – Geldtheorie und Geldpolitik, 3. Auflage Herstellung: Frau Hilgendorff Status: Druckdaten Stand: 19.04.12 Seite: 191 9 Arbeitslosigkeit und Inflation – Die Phillipskurve190 langfristige Phillipskurve mit einer negativen Steigung. Existiert also langfristig doch ein Trade-off? Dies hängt von der Plausibilität der Parameterwerte ab. Ist α kleiner als eins, dann fordern die Arbeitnehmer nur einen unterproportionalen Inflationsausgleich. Dies würde implizieren, dass die Arbeitnehmer entweder langfristig der Geldillusion unterliegen oder es ihnen aufgrund der Marktkonstellationen nicht gelingt, einen Inflationsausgleich in ihren Lohnforderungen durchzusetzen. Ein Parameterwert kleiner eins würde auch implizieren, dass die Lohnquote bei zunehmender Inflation fällt und die Arbeitnehmer langfristig geringere Reallöhne akzeptieren. Ist b kleiner als eins, dann gelingt es den Unternehmen nicht, Lohnerhöhungen in proportionale Preiserhöhungen weiterzugeben. Die Lohnquote würde bei Lohnsteigerungen zunehmen. Der Preisbildungsprozess hängt von der Marktmacht der Unternehmen und von deren Preiskalkulation ab. Bei vollständiger Konkurrenz mit freiem Marktzutritt entspricht der Preis dem Minimum der totalen Durchschnittskosten. Eine Erhöhung des Lohnsatzes verschiebt das Minimum der totalen Durchschnittskosten um den Betrag der Lohnerhöhungen nach oben, sodass eine vollständige Überwälzung der gestiegenen Lohnkosten auf die Preise stattfindet.199 9.4.4 Inflationsstabile Arbeitslosenquote Für arbeitsmarktpolitische Entscheidungen ist es von Bedeutung, ob eine existierende Arbeitslosigkeit konjunkturbedingt ist, oder ob es sich um eine natürliche Arbeitslosigkeit handelt. Mit Hilfe der Phillipskurve kann diese Frage beantwortet werden. Ausgangspunkt bildet die Gleichung: (9-19) = − ⋅ −*t t t Nˆ ˆP P b (AQ AQ ) Wird angenommen, dass die Marktteilnehmer stets die Inflationsrate der Vorperiode erwarten (9-20) *t t 1ˆ ˆP = P − gilt: (9-21) t t 1 t Nˆ ˆP P b (AQ AQ )−− = − ⋅ − Aus der Gleichung (9-21) erkennt man, dass bei konstanter natürlicher Arbeitslosigkeit die Arbeitslosigkeit die Veränderung der Inflationsrate beeinflusst. Im Einzelnen gilt: • Liegt die Arbeitslosenquote unterhalb der natürlichen Arbeitslosenquote, dann beschleunigt sich die Inflationsrate. 199 Bei freiem und offenem Marktzutritt werden keine überschüssigen Gewinne (G) erzielt: (1) G = P ∙ Y – w ∙ A = 0 Für das Preisniveau resultiert aus der Gleichung (1): (2) = ⋅ A P w Y Aus der Gleichung (2) ist ersichtlich, dass eine Erhöhung der Löhne zu einer proportionalen Erhöhung des Preisniveaus führt: (3) =ˆ ˆP w Vahlens Kurzlehrbücher – Moritz – Geldtheorie und Geldpolitik, 3. Auflage Herstellung: Frau Hilgendorff Status: Druckdaten Stand: 19.04.12 Seite: 190 Vahlens Kurzlehrbücher – Moritz – Geldtheorie und Geldpolitik, 3. Auflage Herstellung: Frau Hilgendorff Status: Druckdaten Stand: 19.04.12 Seite: 191 9.4 Monetaristisches Phillipskurvenmodell 191 • Liegt die Arbeitslosenquote oberhalb der natürlichen Arbeitslosenquote, dann verringert sich die Inflationsrate. • Entspricht die Arbeitslosenquote der natürlichen Arbeitslosenquote, dann bleibt die Inflationsrate unverändert. Die Arbeitslosenquote, bei der die Inflation sich nicht beschleunigt, wird als NAIRU (non accelerating inflation rate of unemployment) bezeichnet. In dem vorgestellten Modell sind natürliche Arbeitslosigkeit und NAIRU identisch. Stabilisierungspolitische Maßnahmen, die bestrebt sind, die Arbeitslosigkeit unter die NAIRU zu senken, führen zu einer Erhöhung der Inflationsrate. Die Arbeitslosenquote kann nur unter die natürliche Rate fallen, wenn sich die Inflationsrate beschleunigt. Einen Anhaltspunkt zur Feststellung, ob eine herrschende Arbeitslosigkeit als natürlich oder konjunkturell bedingt ist, bietet demnach die Entwicklung der Inflationsrate. Verringert sich die Inflation, so liegt eine konjunkturelle Arbeitslosigkeit vor. Ist dagegen die Inflationsrate stabil, dann liegt die Arbeitslosigkeit in der Nähe der natürlichen Arbeitslosigkeit. Gravierende strukturelle Probleme am Arbeitsmarkt erkennt man also daran, dass trotz hoher Arbeitslosigkeit die Inflation konstant ist. Die NAIRU kann auch als die Arbeitslosenquote interpretiert werden, bei der die Verteilungsansprüche der Arbeitnehmer und der Arbeitgeber zu einer konstanten Inflationsrate führen. Damit die Ansprüche auf das Gesamteinkommen vereinbar sind, keine beschleunigte Inflation entsteht, ist ein Mechanismus erforderlich, der ein Gleichgewicht garantiert. Diese Funktion übernimmt die Beschäftigungslage. Betrachten wir nun die empirischen Ergebnisse. In der Abbildung 9.6 wurde jeweils eine Regression für den Zusammenhang zwischen Änderung der Inflationsrate und Arbeitslosigkeit für Deutschland und für die USA für die Jahre 1990 bis 2008 geschätzt. Für Deutschland resultierten folgende Ergebnisse:200 (9-22) −− = −t t 1 Nˆ ˆP P 1% 0,12AQ Für eine konstante Inflationsrate ergibt sich aus der Gleichung (9-22) eine natürliche Arbeitslosenquote in Höhe von: (9-23) =NAQ 8,33% Eine Unterschreitung dieser Arbeitslosenquote löst eine Zunahme der Inflationsrate aus. Für die USA wurde ermittelt:201 (9-24) −− = −t t 1 Nˆ ˆP P 1,8% 0,33AQ Für eine konstante Inflationsrate ergibt sich aus der Gleichung (9-24) eine natürliche Arbeitslosenquote in Höhe von: (9-25) =NAQ 5,45% 200 Vgl. Blanchard/Illing (2009), S. 257. 201 Vgl. Blanchard/Illing (2009), S. 257. Vahlens Kurzlehrbücher – Moritz – Geldtheorie und Geldpolitik, 3. Auflage Herstellung: Frau Hilgendorff Status: Druckdaten Stand: 19.04.12 Seite: 192 Vahlens Kurzlehrbücher – Moritz – Geldtheorie und Geldpolitik, 3. Auflage Herstellung: Frau Hilgendorff Status: Druckdaten Stand: 19.04.12 Seite: 193 9 Arbeitslosigkeit und Inflation – Die Phillipskurve192 Die amerikanische natürliche Arbeitslosenquote liegt daher deutlich unter der natürlichen deutschen Arbeitslosenquote. Die ermittelten Ergebnisse sind allerdings vorsichtig zu interpretieren. In den Schätzungen wird eine konstante natürliche Arbeitslosenquote unterstellt. Die natürliche Arbeitslosenquote kann sich aber im Zeitverlauf ändern. Veränderungen der Marktmacht von Unternehmen und Gewerkschaften oder Veränderungen des Sozialsystems können die natürliche Arbeitslosigkeit beeinflussen.203 Je nachdem, für welchen Zeitraum man die entsprechende Schätzung vornimmt, erhält man eine andere Inflationsrate. Für eine Zentralbank stellt sich folgendes Problem: Wie sollte sie auf eine Unterschreitung der geschätzten natürlichen Arbeitslosigkeit reagieren? Zwei Szenarien sind denkbar: a) Die natürliche Arbeitslosigkeit ist gleichgeblieben. In diesem Fall droht ein Anstieg der Inflationsrate. Die Zentralbank muss eine restriktive Geldpolitik betreiben. b) Die natürliche Arbeitslosigkeit hat sich reduziert. Es besteht keine Inflationsgefahr. Die Zentralbank muss keine restriktive Geldpolitik betreiben. Wird im Fall a) keine restriktive Geldpolitik betrieben, so kommt es zu höheren Inflationsraten. Wird im Fall b) eine restriktive Geldpolitik betrieben, dann werden mögliche inflationsfreie Wachstumspotenziale nicht ausgeschöpft. 202 Blanchard/Illing (2009), S. 257. Die obere Kurve stellt die geschätzte Phillipskurve für Deutschland, die untere Kurve die geschätzte Phillipskurve für die USA, dar. Quadrate: Werte für Deutschland; Punkte: Werte der USA. 203 Vgl. hierzu Blanchard/Illing (2009), S. 200ff. Abbildung 9.6: Änderung der Inflationsrate und Arbeitslosenquote202 Vahlens Kurzlehrbücher – Moritz – Geldtheorie und Geldpolitik, 3. Auflage Herstellung: Frau Hilgendorff Status: Druckdaten Stand: 19.04.12 Seite: 192 Vahlens Kurzlehrbücher – Moritz – Geldtheorie und Geldpolitik, 3. Auflage Herstellung: Frau Hilgendorff Status: Druckdaten Stand: 19.04.12 Seite: 193 9.4 Monetaristisches Phillipskurvenmodell 193 9.4.5 Wirtschaftspolitische Schlussfolgerungen Das monetaristische Phillipskurven-Modell zeigt, dass es im Rahmen eines Gleichgewichtsmodells möglich ist, Outputschwankungen durch Geldmengenänderungen zu erklären. Da die Arbeitnehmer adaptive Preiserwartungen bilden, besteht grundsätzlich die Möglichkeit, durch eine adäquate Geldpolitik eine aktive Stabilitätspolitik durchzuführen. Zwischen Monetaristen und Keynesianern besteht insofern eine friedliche Koexistenz, als dass beide Theorien davon ausgehen, dass Änderungen der Geldmenge kurzfristig die Beschäftigungssituation einer Volkswirtschaft beeinflussen. Das Lager der Monetaristen spricht sich gegen einen aktiven Einsatz des stabilitätspolitischen Instrumentariums aus, da der private Sektor als grundsätzlich stabil angesehen wird. Außerdem ist die natürliche Arbeitslosigkeit nach Ansicht der Monetaristen freiwilliger Natur. Arbeitslosigkeit ermöglicht eine effiziente Suche nach Arbeitsplätzen. Die durch Geldmengenänderungen ausgelösten Anpassungsvorgänge sind nach Ansicht der Monetaristen ineffizient, weil sie auf keiner realen Grundlage, sondern auf einer Täuschung basieren. Die Arbeitssuchenden verwechseln Nominallohn- mit Reallohnsteigerungen. Sie gehen irrtümlich von Reallohnsteigerungen aus und reduzieren daher ihre Suchzeit. Korrigieren sie im Zeitverlauf ihre Inflationserwartungen nach oben, dann interpretieren sie dies als Reallohneinbuße und lösen ihre Beschäftigungsverhältnisse wieder auf. Die Monetaristen empfehlen daher, dass sich die Zentralbank ausschließlich auf das Ziel der Preisniveaustabilität konzentrieren sollte. Die natürliche Arbeitslosigkeit kann nur durch Deregulierung der Märkte und Flexibilisierung der Löhne und nicht durch eine aktive Geldmengenpolitik erreicht werden. 9.4.6 Kritische Anmerkungen Zum Schluss soll das monetaristische Modell ein wenig kritisch beleuchtet werden. Eine entscheidende Frage ist, warum die natürliche Arbeitslosenquote im Anpassungsprozess überhaupt unterschritten werden kann. Bei steigenden Nominallöhnen und unveränderten Inflationserwartungen gehen die Arbeitssuchenden von gestiegenen Reallöhnen aus und nehmen daher schneller Arbeitsangebote an. Die Suchzeit verkürzt sich. Dadurch sinkt die friktionelle Arbeitslosigkeit. Erkennen die Arbeitnehmer aber später, dass sie die Inflation in Wirklichkeit unterschätzt und somit den Reallohn überschätzt haben, dann kündigen die Arbeitnehmer ihren Job und begeben sich wieder auf die Suche nach einem Arbeitsplatz mit einem höheren Reallohn.204 Gegen diese Argumentation spricht, dass Arbeitnehmer bessere Bewerbungschancen haben, wenn sie sich aus einer Beschäftigungsposition als aus der Arbeitslosigkeit bewerben. Die Annahme der Suchtheorie, dass mit ihrem Lohn unzufriedene Personen ihren Arbeitsplatz verlassen, um effizienter suchen zu können, ist für europäische Verhältnisse untypisch. 204 Vgl. z. B. Frisch (1980), S. 50, Tichy (1999), S. 190, Schaper (2001), S. 161. Vahlens Kurzlehrbücher – Moritz – Geldtheorie und Geldpolitik, 3. Auflage Herstellung: Frau Hilgendorff Status: Druckdaten Stand: 19.04.12 Seite: 194 Vahlens Kurzlehrbücher – Moritz – Geldtheorie und Geldpolitik, 3. Auflage Herstellung: Frau Hilgendorff Status: Druckdaten Stand: 19.04.12 Seite: 195 9 Arbeitslosigkeit und Inflation – Die Phillipskurve194 Ein anderes Problem ist darin zusehen, dass kurzfristig die natürliche Arbeitslosigkeit durch eine Reduktion der Sucharbeitslosigkeit unterschritten werden kann. Nun zählt aber die Sucharbeitslosigkeit zur natürlichen Arbeitslosigkeit. Ein Rückgang der Sucharbeitslosigkeit führt daher gleichzeitig zu einem Rückgang der natürlichen Arbeitslosigkeit. Die natürliche Arbeitslosigkeit ist daher nicht mehr konstant. Dies impliziert ebenfalls, dass die tatsächliche Arbeitslosigkeit in dem Modell immer gleich der natürlichen Arbeitslosigkeit ist. Da die Marktmacht der Arbeitnehmer von der Differenz zwischen natürlicher und tatsächlicher Arbeitslosigkeit abhängt, kann sich die Marktmacht der Arbeitnehmer im Modell bei Abbau der Sucharbeitslosigkeit nicht verbessern. Die Arbeitnehmer werden dann aber auch nicht versuchen, ihre Reallöhne zu erhöhen. Die Diskussion im Rahmen des Phillipskurvenmodells zeigt, dass langfristig mittels einer Erhöhung der Inflationsrate die Arbeitslosenquote nicht unter das Niveau der natürlichen Arbeitslosenquote reduziert werden kann. Daraus folgt aber nicht zwingend, dass mit Hilfe der Geldpolitik keine Konjunkturpolitik betrieben werden sollte. Ausgangspunkt des monetaristischen Phillipskurvenmodells ist stets die Annahme, dass die natürliche Arbeitslosigkeit bereits erreicht ist. Der Selbstheilungsprozess, der eine konjunkturelle Arbeitslosigkeit beseitigt, wurde als abgeschlossen angesehen. Da das monetaristische Phillipskurvenmodell stets davon ausgeht, dass im Ausgangspunkt keine konjunkturelle Arbeitslosigkeit existiert, kann es auch nicht überraschen, dass geldpolitische Maßnahmen lediglich in höheren Inflationsraten verpuffen. Die natürliche Arbeitslosigkeit ist ja gerade dadurch gekennzeichnet, dass sie nicht durch eine aktive Nachfragepolitik beseitigt werden kann. In dieser Konjunktursituation ist aber auch nach Ansicht der Keynesianer keine Konjunkturpolitik erforderlich. Strittig ist dagegen, wie lange die Selbstheilungskräfte benötigen, um eine Volkswirtschaft, ausgehend von einer Ungleichgewichtssituation, zur natürlichen Arbeitslosigkeit zurückzuführen und in wieweit die Selbstheilungskräfte durch die Geldpolitik beschleunigt werden können. 9.5 Neue Klassische Makroökonomik Unter der Leitung von Lucas (1972) entwickelte eine Gruppe einflussreicher Ökonomen in den siebziger Jahren die Neue Klassische Makroökonomik. Sie basiert auf der Annahme flexibler Preise und Löhne sowie rationaler Erwartungen. Nach ihrer Ansicht sind Güter- und Faktormärkte ständig geräumt. Arbeitslosigkeit ist freiwilliger Natur. Des Weiteren stellt die Neue Klassische Makroökonomik in Frage, dass adaptive Erwartungen die Erwartungsbildung der Marktteilnehmer adäquat widerspiegeln. Damit bezweifeln sie gleichzeitig, dass die Geldpolitik temporäre Beschäftigungseffekte erzielen kann. Temporäre Beschäftigungseffekte der 9.5 Neue Klassische Makroökonomik Vahlens Kurzlehrbücher – Moritz – Geldtheorie und Geldpolitik, 3. Auflage Herstellung: Frau Hilgendorff Status: Druckdaten Stand: 19.04.12 Seite: 194 Vahlens Kurzlehrbücher – Moritz – Geldtheorie und Geldpolitik, 3. Auflage Herstellung: Frau Hilgendorff Status: Druckdaten Stand: 19.04.12 Seite: 195 9.5 Neue Klassische Makroökonomik 195 Geldpolitik treten, wie gezeigt worden ist, bei adaptiven Erwartungen aufgrund von Fehleinschätzungen der Arbeitnehmer auf. Gegenüber dieser Erwartungsbildung können jedoch eine Reihe von Kritikpunkten vorgetragen werden: Adaptive Erwartungen basieren auf vergangenheitsorientierten Entwicklungen, die Nominallöhne werden aber für die Zukunft abgeschlossen. Die zukünftige Entwicklung des Preisniveaus ist jedoch für die Entwicklung des Reallohns entscheidend. Hinzu kommt, dass der Erwartungsirrtum zunächst eingetreten sein muss, bevor die Marktteilnehmer ihre Erwartungen korrigieren. Adaptive Erwartungen implizieren, dass bei beschleunigter (abnehmender) Inflation die tatsächliche Inflationsrate systematisch unterschätzt (überschätzt) wird. Es ist daher fraglich, ob die Marktteilnehmer an ihrem Erwartungsbildungsprozess festhalten, wenn ihre Erwartungen permanent falsch sind. Sie werden aus den Erwartungsfehlern lernen und versuchen, den Erwartungsirrtum zu verhindern. Nach Auffassung der Anhänger der Neuen Klassischen Makroökonomik beziehen die Marktteilnehmer alle verfügbaren Informationen einschließlich solcher über die gegenwärtige und zukünftige Wirtschaftspolitik in ihre Prognosebildung ein. Erwartungsbildungen, die auf dem Verständnis struktureller Zusammenhänge innerhalb der Volkswirtschaft sowie der Prognose über die Entwicklung relevanter Daten basieren, werden als rationale Erwartungen definiert.205 Rationale Erwartungen sind somit zukunftsorientiert. Rationale Erwartungen setzen voraus, dass die Marktteilnehmer206 • über ausreichende Kenntnisse hinsichtlich der Bestimmungsfaktoren der Inflationsrate verfügen. Sie kennen das relevante makroökonomische Modell. • über hinreichende Informationen, insbesondere bezüglich der Wahrscheinlichkeitsverteilung der exogenen Variablen verfügen. Die Annahme rationaler Erwartungen impliziert nicht, dass die Individuen keine Fehler begehen, sondern nur, dass sie keine systematischen Fehler bzw. nicht immer die gleichen Fehler machen. Treten nicht vorhersehbare Schocks auf, so kommt es auch bei rationalen Erwartungen zu Fehleinschätzungen der Inflationsrate. Ist den Marktteilnehmern der Zusammenhang zwischen Geldmengenwachstum und Inflationsrate bekannt und verfügen sie über hinreichende Informationen, dann werden sich die Marktteilnehmer mit ihren Inflationserwartungen nicht an den realisierten Daten, sondern an den aktuellen geldpolitischen Beschlüssen orientieren. Erhöht die Zentralbank die Wachstumsrate der Geldmenge, dann erwarten die Arbeitnehmer eine entsprechend der Geldmengenwachstumsrate höhere Inflationsrate und stellen entsprechende Lohnforderungen: (9-27) = =*ˆ ˆŵ P M Die gestiegenen Lohnforderungen werden die Unternehmen sofort in die Preiskalkulation einbeziehen. Die Preise steigen proportional, wodurch die reale Geldmenge unverändert bleibt und der Nachfrageimpuls ausbleibt. Die 205 Vgl. Stiglitz (1999), S. 923. 206 Vgl. Jarchow (1998), S. 256. Vahlens Kurzlehrbücher – Moritz – Geldtheorie und Geldpolitik, 3. Auflage Herstellung: Frau Hilgendorff Status: Druckdaten Stand: 19.04.12 Seite: 196 Vahlens Kurzlehrbücher – Moritz – Geldtheorie und Geldpolitik, 3. Auflage Herstellung: Frau Hilgendorff Status: Druckdaten Stand: 19.04.12 Seite: 197 9 Arbeitslosigkeit und Inflation – Die Phillipskurve196 Inflationserwartungen erfüllen sich von selbst. Daraus folgt: Bei rationalen Erwartungen besteht auch kurzfristig kein Trade-off zwischen Inflation und Arbeitslosigkeit. Die Neutralität des Geldes bezüglich realer Größen besteht nach Ansicht der Neuen Klassischen Makroökonomik auch kurzfristig. Nur stochastische Störungen können reale Effekte induzieren. Diese treten aber nicht systematisch auf. Bei rationalen Erwartungen wird jede systematische geldpolitische Maßnahme vollständig und rechtzeitig antizipiert, sodass lediglich monetäre und keine realen Effekte verbleiben (Politikineffektivitätshypothese). Die Geldpolitik ist ineffektiv. Nur wenn nicht voraussehbare Schocks auftreten, können sich kurzfristige Veränderungen der Beschäftigung und der Produktion ergeben.207 Eine Wirtschaftspolitik, die bestrebt ist, einen bestehenden Trade-off zu ihren Gunsten auszunutzen, zerstört die Stabilität dieses Zusammenhangs (Lucas-Kritik). Es treten gravierende Fehleinschätzungen auf, wenn angenommen wird, dass bisher beobachtbare empirische Zusammenhänge invariant auf politische Maßnahmen reagieren. Die These über die Politikineffektivität geldpolitischer Maßnahmen steht und fällt mit den Annahmen rationaler Erwartungen und flexibler Preise.208 Die Theorie der rationalen Erwartungen stellt hohe Ansprüche an die Marktteilnehmer. Die Marktteilnehmer benötigen genaue Kenntnisse über das richtige makroökonomische Modell und über die Zentralbankstrategie. Des Weiteren müssen sie die durch die Wirtschaftspolitik bereitgestellten Informationen verarbeiten können. Diese sind vielschichtig und zum Teil widersprüchlich. Politische Ankündigungen werden nicht selten revidiert. Es ist zu bezweifeln, ob die Marktteilnehmer die damit verbundenen Informations- und Verarbeitungsprobleme hinreichend lösen und auf neue Informationen hinreichend reagieren können. Dies lässt sich auch daran erkennen, dass die Prognosen der Wirtschaftsinstitute divergieren und die realisierten Werte von den prognostizierten Werten abweichen. Unterschiedliche Prognosen basieren auf unterschiedlichen gesamtwirtschaftlichen Modellen. Welches das „wahre“ Modell zur Beschreibung gesamtwirtschaftlicher Zusammenhänge abbildet, ist bis heute nicht geklärt. Zudem verursacht die Informationssuche Kosten, sodass die Marktteilnehmer kaum vollständig informiert sind. Bei relativ hohen Kosten der Informationsbeschaffung sind adaptive Erwartungen sinnvoll.209 9.6 Hysteresis Die Entwicklung der Arbeitslosigkeit in den westeuropäischen Industrieländern in der zweiten Hälfte der achtziger Jahre brachte sowohl die keynesianische als auch die neoklassische Wirtschaftstheorie in Erklärungsnöte. So wurde 207 Die Auswirkungen stochastischer Störungen bei rationalen Erwartungen werden z. B. von Jarchow (2010b), S. 211ff. analysiert. 208 Vgl. Jarchow (1998), S. 275f. 209 Vgl. Franz (1995), S. 138. 9.6 Hysteresis Vahlens Kurzlehrbücher – Moritz – Geldtheorie und Geldpolitik, 3. Auflage Herstellung: Frau Hilgendorff Status: Druckdaten Stand: 19.04.12 Seite: 196 Vahlens Kurzlehrbücher – Moritz – Geldtheorie und Geldpolitik, 3. Auflage Herstellung: Frau Hilgendorff Status: Druckdaten Stand: 19.04.12 Seite: 197 9.6 Hysteresis 197 der Anstieg der Arbeitslosigkeit bis dahin auf extreme Lohnkostenerhöhungen Anfang der siebziger Jahre, explodierende Rohölpreise vereint mit steigenden Dollarkursen und eine kontraktive Geld- und Fiskalpolitik zu Beginn der achtziger Jahre zurückgeführt. Mit Hilfe der traditionellen Theorien konnte jedoch nicht die Entwicklung der Arbeitslosigkeit in der zweiten Hälfte der achtziger Jahre erklärt werden. Trotz guter Fundamentaldaten, wie z. B. einer Reduktion des Dollarkurses und der Ölpreise, einer hohen Kapitalauslastung und gestiegener Kapitalrentabilität, stagnierten die Arbeitslosenquoten auf hohem Niveau. Aufgrund dessen wurde mit Hilfe des Hysterese-Ansatzes versucht, neue Erklärungsansätze für dieses empirische Phänomen zu entwickeln. Der zentrale Ansatzpunkt des Hysterese- Konzeptes besteht darin, die Gültigkeit der Natural-Rate-Hypothese in Frage zu stellen. Somit wird angezweifelt, ob die natürliche Arbeitslosigkeit unabhängig vom Konjunkturverlauf ist. Von Persistenz wird dann gesprochen, wenn sich der durch einen temporären Schock ausgelöste Anstieg der Arbeitslosigkeit nicht oder nur langsam wieder abbaut. Die gegenwärtige Arbeitslosigkeit hängt dann auch von der Arbeitslosigkeit der Vergangenheit ab. Bei einer vollkommenen Korrelation der zeitlichen Arbeitslosenquoten existiert auch langfristig kein gleichgewichtiger Wert für die NAIRU. Die Höhe der NAIRU wird nicht mehr durch die strukturellen und friktionellen Probleme des Arbeitsmarktes determiniert. Sie kann jeden beliebigen Wert annehmen. Man spricht dann von Hysteresis. Bei Hysteresis ist der Wert der NAIRU zeitpfadabhängig. Pfadabhängigkeit impliziert, dass die Höhe der Arbeitslosigkeit der vergangenen Periode verantwortlich für die heutige Höhe der NAIRU ist.210 Persistenz und Hysteresis können auf folgende Ursachen zurückgeführt werden: Während einer Rezession sinkt die Kapazitätsauslastung und es unterbleiben Erweiterungsinvestitionen. Dies führt zu einem geringeren Kapitalstock. Das Produktionspotenzial ist demnach abhängig von der Nachfrageentwicklung. Im Extremfall melden Unternehmen in der Rezession Konkurs an. Der Kapitalstock dieser Unternehmen wird entwertet. Die Beschäftigung sinkt. Fraglich ist, ob sich entsprechende Beschäftigungsmöglichkeiten unmittelbar nach Belebung der Konjunktur ergeben. Ist dies nicht der Fall, resultieren längerfristig anhaltende Arbeitsplatzverluste. Des Weiteren muss beachtet werden, dass der Rückgang des Kapitalstocks sich negativ auf die Arbeitsproduktivität auswirkt. Ein rezessionsbedingter Nach- 210 Der Begriff „Hysterese“ stammt ursprünglich aus der Physik. Der Physiker J. A. Ewing wendete 1881 diesen Begriff in Zusammenhang mit der Magnetisierung eines Eisenstäbchens durch die magnetisierende Feldstärke einer dieses Objekts umgebene Spule an. Wird ein ursprünglich nicht magnetisierter Körper einer magnetischen Feldstärke ausgesetzt, so wird dieser magnetisiert. Die Rücknahme der magnetisierenden Feldstärke führt aber nicht zu einem Verschwinden der Magnetisierung. Eine positive Restmagnetisierung verbleibt. Diese zurückbleibende Magnetisierung bezeichnet man als Remanenz und ist Ausdruck der hysterischen Komponente des Prozesses. Zur kompletten Rückführung der Magnetisierung ist eine Umkehrung der Feldstärke in den Negativbereich erforderlich. Vgl. Leonhardt/Collel (2008), S. 143, sowie Strehlow (1995), S. 163. Vahlens Kurzlehrbücher – Moritz – Geldtheorie und Geldpolitik, 3. Auflage Herstellung: Frau Hilgendorff Status: Druckdaten Stand: 19.04.12 Seite: 198 Vahlens Kurzlehrbücher – Moritz – Geldtheorie und Geldpolitik, 3. Auflage Herstellung: Frau Hilgendorff Status: Druckdaten Stand: 19.04.12 Seite: 199 9 Arbeitslosigkeit und Inflation – Die Phillipskurve198 frageausfall führt zu Desinvestitionen, sodass der Kapitalstock und damit auch die Arbeitsproduktivität zurückgehen. Es entsteht Arbeitslosigkeit in Folge von Kapitalmangel. Dies gilt allerdings nur bei limitationalen211 Produktionsfunktionen. Bei Substitutionalität (Ersetzbarkeit) der Produktionsfaktoren Arbeit und Kapital bildet der Kapitalstock keinen Engpassfaktor für die Beschäftigung. Eine Erhöhung der Beschäftigung kann mittels Lohnreduktionen erreicht werden. Erfolgen derartige Lohnreduktionen jedoch nicht, steigt die Arbeitslosigkeit an. Ein temporärer Nachfragerückgang induziert dann einen dauerhaften Anstieg der Arbeitslosigkeit, wenn die Lohnbildung auf den reduzierten Kapitalstock nicht reagiert. Arbeitslosigkeit ist dann auf die nach unten inflexiblen Löhne zurückzuführen. Starre Arbeitsregelungen können darüber hinaus die Funktionsfähigkeit des Arbeitsmarktes beeinträchtigen. Hinzu kommt, dass das Humankapital der Arbeitnehmer ebenfalls entwertet wird. Die Arbeitnehmer verlieren während ihrer Arbeitslosigkeit an Know-How (Dequalifikation). Unternehmen werden bei Einstellungen Langzeitarbeitslose kaum bevorzugen. Aus einer langen Arbeitslosigkeit wird häufig der Schluss einer geringen Qualifikation gezogen. Die Erfolgschancen der Arbeitsvermittlung sinken daher mit zunehmender Dauer der Arbeitslosigkeit. Arbeitsuchende können mit zunehmender Arbeitslosigkeitsdauer resignieren. Die Intensität der Arbeitsplatzsuche sinkt. Ein negativer Nachfrageschock bewirkt eine dauerhafte Zunahme der Langzeitarbeitslosen. Der Abbau der Langzeitarbeitslosen kann nur durch eine nachhaltige und permanente Erhöhung der Arbeitsnachfrage erfolgen. Auch hier könnte das Problem durch Lohnsenkungen reduziert werden. Insbesondere stellt sich die Frage, warum der Anteil der ungelernten Erwerbspersonen an den Arbeitslosen so hoch ausfällt, da diese nur unter einem relativ niedrigen Humankapitalverlust während der Arbeitslosigkeit leiden. Eine Erklärung bietet die Insider-Outsider-Theorie. In einer Rezession kommt es zu Entlassungen. Einige Insider werden zu Outsidern. Da im Konjunkturaufschwung die Gefahr der Arbeitslosigkeit für die Insider geringer wird, ist mit Lohnzurückhaltungen aufgrund der angestiegenen Arbeitslosigkeit kaum zu rechnen. Die Outsider finden bei diesem Lohnniveau aber keine Beschäftigung. Da die Beschäftigung von den Werten der Vergangenheit abhängt, entsteht Hysteresis. Stellen Persistenz und Hysteresis wirtschaftspolitisch relevante Probleme dar, dann führt dies zu einer Belebung des traditionellen Phillipskurven-Trade-offs, denn eine Rückführung der Inflationsrate muss mit dauerhaften und nicht nur temporären Beschäftigungseinbrüchen in Kauf genommen werden. Eine expansive Geldpolitik, die höhere Inflationsraten auslöst, trägt umgekehrt zu einer dauerhaften Reduzierung der NAIRU bei. Eine expansive Geldpolitik muss, da sie Beschäftigung und Produktion stimuliert, langfristig dann keine inflationären Tendenzen induzieren. 211 Limitationale Produktionsfaktoren können sich untereinander nicht ersetzen. Die Erhöhung der Menge eines Produktionsfaktors führt somit nicht zu einer Erhöhung des Outputs, solange die Faktoreinsatzmenge des bzw. der anderen Produktionsfaktoren konstant bleibt. Vahlens Kurzlehrbücher – Moritz – Geldtheorie und Geldpolitik, 3. Auflage Herstellung: Frau Hilgendorff Status: Druckdaten Stand: 19.04.12 Seite: 198 Vahlens Kurzlehrbücher – Moritz – Geldtheorie und Geldpolitik, 3. Auflage Herstellung: Frau Hilgendorff Status: Druckdaten Stand: 19.04.12 Seite: 199 9.7 Disinflationsprozess 199 9.7 Disinflationsprozess In diesem Abschnitt wollen wir der Frage nachgehen, welche Kosten bei einer Rückführung der Inflationsrate auftreten. Die Rückführung der Inflationsrate nennt man Disinflation. Die Kosten der Disinflation werden mit Hilfe der Opferrate gemessen. Die Opferrate gibt den kumulierten prozentualen Verlust des Bruttoinlandsprodukts an, der bei einer dauerhaften Rückführung der Inflationsrate um einen Prozentpunkt entsteht. Sie hängt zum einen von der unterstellten natürlichen Arbeitslosenquote und zum anderen vom Niveau des Outputrückgangs bei einer Zunahme der Arbeitslosigkeit ab. Wird z. B. die Inflationsrate innerhalb von fünf Jahren um zehn Prozentpunkte reduziert und während der Anpassungszeit ist das Bruttoinlandsprodukt vier Prozent geringer als das potenzielle Bruttoinlandsprodukt, dann ergibt sich eine Opferrate von 4 ∙ 5 ÷ 10 = 2. Die dauerhafte Rückführung der Inflationsrate um einen Prozentpunkt geht mit einem realen Verlust des Bruttoinlandsprodukts von zwei Prozent einher. Zur genauen Quantifizierung der Opferrate benötigt man die Höhe der natürlichen Arbeitslosenquote. Aus der Differenz von tatsächlicher und natürlicher Arbeitslosenquote lässt sich die rezessionsbedingte Arbeitslosigkeit bestimmen. Um auf den Outputverlust zu schließen, wird auf das Okun’sche Gesetz zurückgegriffen. Demnach wird bei einem Anstieg der Arbeitslosigkeit von einem Prozentpunkt oberhalb der natürlichen Arbeitslosigkeit mit einem Outputverlust von zwei bis drei Prozent gerechnet. Über die Höhe der Opferrate geben die theoretischen Ansätzen unterschiedliche Antworten. Wir betrachten als erstes den Disinflationsprozess aus Sicht der Monetaristen. Bei adaptiven Erwartungen passen sich die Marktteilnehmer nur allmählich an eine niedrigere Inflationsrate an. Die Löhne werden nur mit einem Time-Lag reduziert. Durch die Rückführung der Inflationsrate entsteht eine Rezession mit Beschäftigungs- und Produktionseinbußen. Wie groß die Rezession im Verhältnis zur Reduktion der Inflation ausfällt, hängt von der Geschwindigkeit der Korrektur der Inflationserwartungen und diese wiederum vom Vertrauen in eine stabilitätsorientierte Geldpolitik ab. Ist dieses Vertrauen aufgrund einer wenig stabilitätsorientierten Geldpolitik in der Vergangenheit gering, dann werden die Marktteilnehmer ihre Erwartungen nur geringfügig korrigieren. Die Rezession fällt entsprechend groß aus. Dies ist insbesondere dann der Fall, wenn die Marktteilnehmer davon ausgehen, dass in einer Rezession die Geldpolitik wieder expansiv zur Bekämpfung der Rezession eingesetzt wird. In der Abbildung 9.7 wurden zwei verschiedene Anpassungspfade dargestellt. Die Kosten der Bekämpfung der Rezession sind entlang des Pfades PF1 geringer als entlang des Pfades PF2. Die Kosten der Inflationsbekämpfung hängen ab von • der Geschwindigkeit der Anpassung der Inflationserwartungen und • der Steigung der kurzfristigen Phillipskurve. Geldpolitische Maßnahmen wirken nach Ansicht der Monetaristen kurzfristig auf reale Größen, mittel- bis längerfristig jedoch nur auf monetäre Größen. Die 9.7 Disinflationsprozess Vahlens Kurzlehrbücher – Moritz – Geldtheorie und Geldpolitik, 3. Auflage Herstellung: Frau Hilgendorff Status: Druckdaten Stand: 19.04.12 Seite: 200 Vahlens Kurzlehrbücher – Moritz – Geldtheorie und Geldpolitik, 3. Auflage Herstellung: Frau Hilgendorff Status: Druckdaten Stand: 19.04.12 Seite: 201 9 Arbeitslosigkeit und Inflation – Die Phillipskurve200 Bekämpfung der Inflation ist demnach nicht kostenlos. Bei der Bekämpfung der Inflationsrate sind die Vorteile einer langfristig niedrigen Inflationsrate den temporären Produktions- und Beschäftigungseinbußen gegenüberzustellen. Hinzu kommt, dass man über keine sicheren Informationen über die Länge und das Ausmaß der Rezession verfügt. Dies ist insbesondere für Regierungen die sich demokratischen Wahlen stellen müssen problematisch. Betrachten wir nun die Aussagen der Anhänger der Neuen Klassischen Makroökonomik. Nach ihren Vorstellungen werden sich die Inflationserwartungen der Marktteilnehmer relativ schnell anpassen. Der Inflationsprozess führt nur zu geringen Anpassungskosten. Es besteht kein kurzfristiger Trade-off zwischen Arbeitslosigkeit und Inflation. Die Rückführung der Inflationsrate auf null könnte fast ohne Beschäftigungseinbuße erfolgen. Damit die Rückführung ohne Kosten vollzogen werden kann, müssen folgende Voraussetzungen erfüllt sein: • Es müssen rationale Erwartungen vorliegen. • Preise und Löhne müssen unmittelbar anpassungsfähig sein. • Die Rückführung der Inflationsrate muss angekündigt werden. • Die Rückführung der Inflationsrate muss glaubwürdig sein. Vertrauen die Marktteilnehmer der Stabilitätspolitik der Zentralbank nicht, dann werden sie ihre Inflationsraten nicht nach unten korrigieren. Die erwartete Inflationsrate übersteigt die tatsächliche Inflationsrate und löst eine starke Rezession aus. Welche der vorgestellten Theorien bildet nun die Realität adäquater ab? Diese Frage ist theoretisch nicht einfach zu beantworten. Über das tatsächliche Ausmaß der Opferrate können nur empirische Arbeiten Auskunft geben. Ein anschauliches Beispiel liefert die Rückführung der amerikanischen Inflationsrate in den achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts. Die Inflationsrate nahm im Zeitraum 1978 bis 1980 zweistellige Werte an. Diese Inflationsrate bekämpfte die amerikanische Zentralbank durch eine kontraktive Geldpolitik. Die Zinssätze stiegen auf über 17 % an. Die Inflationsrate konnte von 9,7 % im Jahr 1981 auf 3,0 % im Jahr 1985 reduziert werden. Die Disinflationspolitik stürzte die amerikanische Volkswirtschaft allerdings in die bis dahin größte Rezession der Nachkriegsgeschichte. In den Jahren 1982 und 1983 betrug die Arbeitslo- AQ PF1 PF2 tLP̂P̂ Abbildung 9.7: Reduzierung der Inflationsrate Vahlens Kurzlehrbücher – Moritz – Geldtheorie und Geldpolitik, 3. Auflage Herstellung: Frau Hilgendorff Status: Druckdaten Stand: 19.04.12 Seite: 200 Vahlens Kurzlehrbücher – Moritz – Geldtheorie und Geldpolitik, 3. Auflage Herstellung: Frau Hilgendorff Status: Druckdaten Stand: 19.04.12 Seite: 201 9.7 Disinflationsprozess 201 senquote 9,5 %. Bildet man die Differenz zwischen der Arbeitslosenquote und der natürlichen Arbeitslosenquote, so resultiert die zyklische Arbeitslosenquote. Summiert man die zyklische Arbeitslosenquote für den Zeitraum von 1982 bis 1985 auf, so folgt eine aufsummierte zyklische Arbeitslosenquote von 9,5 %. Wird angenommen, dass eine Erhöhung der Arbeitslosigkeit um einen Prozentpunkt mit einem Verlust an realer Produktion von 2 % verbunden ist, so kommt man zu dem Resultat, dass während der Disinflationsperiode das amerikanische Bruttonationaleinkommen um 19 % geringer ausgefallen ist als ohne Disinflation. Dies entspricht pro Rückgang der Inflationsrate um einen Prozentpunkt ein Verzicht an 19 ÷ (9,7 – 3,0) ≈ 2,8 % des Bruttonationaleinkommens eines Jahres.212 Auch in Großbritannien wurde Anfang der achtziger Jahre des letzten Jahrhunderts die Inflationsrate drastisch reduziert. 1979 betrug die Inflationsrate 18 %. 1984 konnte die Inflationsrate unter 5 % gedrückt werden. Im gleichen Zeitraum stieg die Arbeitslosigkeit von 4,3 % auf 11,1 % an. Die Arbeitslosigkeit blieb zudem auch noch auf hohem Niveau, als die Inflationsrate in den folgenden Jahren auf geringerem Niveau stabilisiert wurde. Sie unterschritt erst 1988 wieder die 10 %-Grenze.213 Dies deutet darauf hin, dass sich die natürliche Arbeitslosigkeit zumindest temporär durch die Disinflation erhöht hat, was im Einklang mit der Persistenz-Hypothese steht. Der Abbau der Inflationsrate in den USA und Großbritannien hat sich offenbar nicht so kostenlos vollzogen, wie es die Anhänger der Theorie der rationalen Erwartungen vorausgesagt haben.214 Allerdings fiel die amerikanische Rezession geringer aus, als vor der Durchführung der Disinflation befürchtet wurde. Dies steht tendenziell im Einklang mit der Lucas-Kritik, wonach die Berechnung der Wirkungen einer politischen Maßnahme zu Verzerrungen führt, wenn ausschließlich vergangene Daten zur Abschätzung der Maßnahme herangezogen werden. Die Ankündigung der Maßnahme verändert die Verhaltensweise der Marktteilnehmer und damit auch die Implikationen der Maßnahme. Aus der Feststellung, dass die Rückführung der Inflationsrate Kosten verursacht, darf aber nicht zwingend gefolgert werden, dass eine Rückführung der Inflationsrate nicht sinnvoll ist. Zum einen fallen die Kosten der Inflationsrückführung einmalig während der Disinflationsperiode an und zum anderen werden die Vorteile der niedrigeren Inflationsrate auch in der Zukunft wirksam. So schätzt z. B. Feldstein für die USA, dass eine Rückführung der Inflation um zwei Prozentpunkte einer jährlichen Erhöhung des Bruttoinlandsprodukts von einem Prozent gegenübersteht.215 212 Vgl. Mankiw (1998), S. 390ff. 213 Vgl. Mankiw (1998), S. 393. 214 Vgl. Sachs/Larrain (1995), S. 596. 215 Vgl. Feldstein (1996), S. 10. Vahlens Kurzlehrbücher – Moritz – Geldtheorie und Geldpolitik, 3. Auflage Herstellung: Frau Hilgendorff Status: Druckdaten Stand: 19.04.12 Seite: 202 Vahlens Kurzlehrbücher – Moritz – Geldtheorie und Geldpolitik, 3. Auflage Herstellung: Frau Hilgendorff Status: Druckdaten Stand: 19.04.12 Seite: 203 9 Arbeitslosigkeit und Inflation – Die Phillipskurve202 9.8 Aufgaben zu Kapitel 9216 Aufgabe 9.1 Was verstehen Sie unter einer originären und was unter einer modifizierten Phillipskurve? Aufgabe 9.2 Warum können trotz Arbeitslosigkeit die Löhne steigen? Aufgabe 9.3 Was verstehen Sie unter dem Begriff „Mark-Up“? Aufgabe 9.4 Die Güternachfrage steigt. Welchen Einfluss hat diese Nachfrageänderung auf das Preisniveau bei konstanter Durchschnittsproduktivität, konstanten Löhnen und konstantem Gewinnaufschlag? (Die Unternehmen legen ihre Preise gemäß eines „Mark-Up“ fest.) Aufgabe 9.5 Die Arbeitnehmer erwarten eine Inflationsrate von 2 %. Die natürliche Arbeitslosenquote beträgt 5 %. Der Parameter b sei 0,5. a) Momentan liegt die Arbeitslosigkeit bei 6 %. Wie hoch fallen die Nominallohnsteigerungen aus? b) Bestimmen und skizzieren Sie den Verlauf der kurzfristigen Phillipskurve! c) Welche Auswirkung auf den Verlauf der kurzfristigen Phillipskurve hat eine Erhöhung der erwarteten Inflationsrate auf 3 %? Aufgabe 9.6 Was verstehen Sie unter „adaptiven Erwartungen“? Aufgabe 9.7 Für eine Volkswirtschaft gilt in der Ausgangssituation: * t t t t ˆ ˆ ˆ ˆM P = P w 2%= = = t NAQ AQ 5%= = a = 1 b = 1 c = 0,5 In der folgenden Periode erhöht die Zentralbank das Geldmengenwachstum dauerhaft auf 4 %. Die Marktteilnehmer bilden adaptive Erwartungen. a) Berechnen Sie die Inflationsrate und die Arbeitslosigkeit für die nächsten beiden Perioden! b) Bei welcher Inflationsrate und bei welcher Arbeitslosigkeit endet der Anpassungsprozess? 216 Die Lösungen zu den Übungsaufgaben finden Sie unter http://www.vahlen.de/. 9.8 Aufgaben zu Kapitel 9 Vahlens Kurzlehrbücher – Moritz – Geldtheorie und Geldpolitik, 3. Auflage Herstellung: Frau Hilgendorff Status: Druckdaten Stand: 19.04.12 Seite: 202 Vahlens Kurzlehrbücher – Moritz – Geldtheorie und Geldpolitik, 3. Auflage Herstellung: Frau Hilgendorff Status: Druckdaten Stand: 19.04.12 Seite: 203 9.8 Aufgaben zu Kapitel 9 203 Aufgabe 9.8 Ausgehend von einer Situation, in der die Arbeitslosigkeit der natürlichen Arbeitslosigkeit entspricht, erhöht die Zentralbank das Geldmengenwachstum. a) Warum kann kurzfristig die natürliche Arbeitslosenquote unterschritten werden? b) Erläutern Sie, warum langfristig eine expansive Geldpolitik in einer höheren Inflationsrate verpufft! Aufgabe 9.9 Welche geldpolitischen Empfehlungen leiten die Monetaristen aus der Phillipskurven-Diskussion ab? Aufgabe 9.10 a) Was verstehen Sie unter rationalen Erwartungen? b) Können auch bei rationalen Erwartungen Geldmengenerhöhungen kurzfristig expansive Effekte auslösen? Aufgabe 9.11 Erläutern Sie die Schwierigkeiten, die mit einer Reduktion der Inflationsrate auftreten können! Aufgabe 9.12 a) Was verstehen Sie unter Hysteresis? b) Auf welche Ursachen ist Hysteresis zurückzuführen? Aufgabe 9.13 Folgender Zusammenhang zwischen der Änderung der Inflationsrate und der Arbeitslosigkeit wurde empirisch ermittelt: t t 1 ˆ ˆP P = 2,8% 0,5AQ−− − Wie groß ist die NAIRU?

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References

Zusammenfassung

Die Zusammenhänge der Geldpolitik.

Moritz, Geldtheorie und Geldpolitik

3. Auflage. 2012.

ISBN 978-3-8006-4234-2

Geldpolitik komplett

Dieses Lehrbuch vermittelt die Grundkenntnisse der Geldtheorie und Geldpolitik anhand von konkreten Beispielen und den aktuellen geldpolitischen Entwicklungen. Die Übungsfragen am Kapitelende sorgen für einen höheren Lernerfolg.

Besonders aktuell: Geldpolitik

Die 3. Auflage berücksichtigt die aktuellen Entwicklungen der Europäischen Währungsunion und stellt die geld-politischen Zusammenhänge praktisch dar.

Besonders interessant

für Studenten der Wirtschaftswissenschaften an Universitäten, Fachhochschulen und Berufsakademien.