6 Geldschöpfungsmultiplikator in:

Karl-Heinz Moritz

Geldtheorie und Geldpolitik, page 118 - 134

3. Edition 2012, ISBN print: 978-3-8006-4234-2, ISBN online: 978-3-8006-4235-9, https://doi.org/10.15358/9783800642359_118

Series: Vahlens Kurzlehrbücher

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Vahlens Kurzlehrbücher – Moritz – Geldtheorie und Geldpolitik, 3. Auflage Herstellung: Frau Hilgendorff Status: Druckdaten Stand: 19.04.12 Seite: 97 6 Geldschöpfungsmultiplikator 6.1 Einführung In diesem Kapitel werden die Zusammenhänge zwischen der monetären Basis, der Geldmenge und dem Kreditangebot hergeleitet, wobei insbesondere von Interesse ist, wie sich Geldmenge und Kreditangebot verändern, wenn die monetäre Basis ausgedehnt wird. Die Reaktion des Geldangebots bzw. des Kreditangebots auf eine Änderung der monetären Basis um eine Einheit bezeichnet man als Geldschöpfungs- bzw. Kreditschöpfungsmultiplikator. Für die Zentralbank ist der Wert des Multiplikators aus folgendem Grund von Interesse: Die Zentralbank kann, da auch die Geschäftsbanken an der Schaffung der Geldmenge beteiligt sind, die Geldmenge nicht direkt kontrollieren. Sie kann aber versuchen, über die Steuerung der monetären Basis auf die Geldmenge einzuwirken. Zur indirekten Beeinflussung der Geldmenge benötigt die Zentralbank daher Informationen darüber, wie stark sich die Geldmenge aufgrund einer Variation der monetären Basis verändert. Der Zusammenhang zwischen der volkswirtschaftlichen Geldmenge und der monetären Basis wird im anschließenden Abschnitt 6.2 mit Hilfe eines einfachen Modells erklärt. In diesem Modell laufen alle Zahlungen über Girokonten. Es existiert kein Bargeld. Des Weiteren wird unterstellt, dass die Geschäftsbanken ihre Refinanzierungsmöglichkeiten vollständig zur Kreditvergabe ausschöpfen. Im Abschnitt 6.3 wird die Annahme der ausschließlich bargeldlosen Zahlungen aufgehoben. 6.2 Bargeldloser Zahlungsverkehr 6.2.1 Annahmen Wie in der Einleitung angesprochen, steht die Herleitung des Geldschöpfungsmultiplikators im Zentrum der Geldangebotstheorie. Wir werden aus didaktischen Gründen zunächst mit einem relativ einfachen Modell beginnen, welches später erweitert wird. In dem in diesem Abschnitt vorgestellten Modell werden folgende Annahmen als erfüllt angesehen: • Verhalten der Nichtbanken: Zahlungen werden ausschließlich mittels Überweisungen getätigt. Es existiert also kein Bargeld. Ferner halten die Nichtbanken weder Termineinlagen, Sichteinlagen, Spareinlagen und marktfähige Instrumente noch Geldkapital. Somit muss nicht zwischen unterschiedlichen Geldmengendefinitionen differenziert werden. Daher sprechen wir im Folgenden immer von der Geldmenge M. 6 Geldschöpfungsmultiplikator 6.1 Einführung 6.2 Bargeldloser Zahlungsverkehr Vahlens Kurzlehrbücher – Moritz – Geldtheorie und Geldpolitik, 3. Auflage Herstellung: Frau Hilgendorff Status: Druckdaten Stand: 19.04.12 Seite: 98 Vahlens Kurzlehrbücher – Moritz – Geldtheorie und Geldpolitik, 3. Auflage Herstellung: Frau Hilgendorff Status: Druckdaten Stand: 19.04.12 Seite: 99 6 Geldschöpfungsmultiplikator98 • Verhalten der Geschäftsbanken: Die Kreditinstitute vergeben ausschließlich Kredite. Eine entsprechende Kreditnachfrage besteht. Die Kreditinstitute halten weder Wertpapiere noch Überschussreserven. Devisen werden nur dann angekauft, wenn sie an die Zentralbank weiterverkauft werden können. • Verhalten der Zentralbank: Die Zentralbank verlangt von den Kreditinstituten, dass diese eine Mindestreserve in Abhängigkeit der von den Nichtbanken bei den Kreditinstituten gehaltenen Sichteinlagen hinterlegen. Sie hält Devisen. • formale Vereinfachungen: Von der Existenz von Sachkapital und Reinvermögen wird im Folgenden abstrahiert. Der Sektor des öffentlichen Haushalts wird ebenfalls im Modell nicht berücksichtigt. Die monetären Finanzinstitute berechnen weder Gebühren noch Zinsen für ihre Dienstleistungen. Unter den getroffenen Annahmen resultiert für die Zentralbankbilanz: Aktiva Passiva A. Nettoauslandsforderungen (NAFZB) B. Refinanzierungskredite an inländische Kreditinstitute (RF) C. Mindestreserven (MR) Bilanz der Zentralbank Für die konsolidierte Bilanz resultiert unter den getroffenen Annahmen: Aktiva Passiva A. Kredite an Unternehmen und private Haushalte (KR) B. Nettoauslandsforderungen (NAF) C. Sichteinlagen inländischer Nichtbanken bei den Kreditinstituten (SE) Konsolidierte Bilanz der MFIs 6.2.2 Geld- und Kreditschöpfungsmultiplikatoren Wir wollen nun mit Hilfe des vorliegenden Modells den Geldschöpfungsmultiplikator herleiten. Wir benötigen dafür zunächst einmal einen funktionalen Zusammenhang zwischen der monetären Basis und der Geldmenge: (6-1) =M f(B;...) Die Funktion (6-1) gibt an, wie viele Zahlungsmittel in Abhängigkeit der monetären Basis entstehen. Die Punkte hinter der monetären Basis deuten dabei an, dass neben der monetären Basis noch weitere Faktoren das Geldangebot beeinflussen. Wird nun die Gleichung (6-1) nach der monetären Basis differenziert, (6-2) dM df = dB dB Vahlens Kurzlehrbücher – Moritz – Geldtheorie und Geldpolitik, 3. Auflage Herstellung: Frau Hilgendorff Status: Druckdaten Stand: 19.04.12 Seite: 98 Vahlens Kurzlehrbücher – Moritz – Geldtheorie und Geldpolitik, 3. Auflage Herstellung: Frau Hilgendorff Status: Druckdaten Stand: 19.04.12 Seite: 99 6.2 Bargeldloser Zahlungsverkehr 99 dann erhält man den Geldschöpfungsmultiplikator: Der Geldschöpfungsmultiplikator gibt an, wie sich die Geldmenge verändert, wenn die monetäre Basis um eine Einheit ausgedehnt wird. Zur Herleitung des Zusammenhangs zwischen Geldmenge und monetärer Basis stehen aufgrund der getroffenen Annahmen folgende Gleichungen zur Verfügung: (6-3) B = MR Definition monetäre Basis (6-4) M = SE Definition Geldmenge (6-5) MR = rMR ∙ SE Mindestreservevorschrift mit: 0 < rMR < 1 endogen: Geldmenge (M), Mindestreserve (MR), Sichteinlagen (SE) exogen: Mindestreservesatz (rMR), monetäre Basis (B) Bargeldloses Geldangebotsmodell Die Gleichung (6-3) ergibt sich aus der Definition der monetären Basis im Zusammenhang mit der Annahme, dass die Geschäftsbanken keine Überschussreserven halten. Gleichung (6-4) folgt aus der Definition der Geldmenge im Zusammenhang mit der Annahme des bargeldlosen Zahlungsverkehrs. Gleichung (6-5) gibt an, dass sich die Mindestreserven aus dem Produkt von Mindestreservesatz und Sichteinlagen der Nichtbanken bei den Kreditinstituten berechnen. Der Mindestreservesatz wird dabei als Dezimalzahl definiert und liegt stets zwischen null und eins. Bei einem Mindestreservesatz von null sind die Geschäftsbanken von der Mindestreservepflicht befreit. Bei einem Mindestreservesatz von eins müssen die Kreditinstitute Mindestreserven in Höhe der von ihnen geschaffenen Sichteinlagen halten. Da das Modell aus drei Gleichungen besteht, können drei Variablen erklärt werden. Dies sind die Geldmenge, die Sichteinlagen und die Mindestreserven. Exogen sind der Mindestreservesatz und die monetäre Basis. Beide Größen werden von der Zentralbank festgelegt. Zur Herleitung des Zusammenhangs zwischen der Geldmenge und der monetären Basis sowie des Mindestreservesatzes wird die Gleichung (6-5) in die Gleichung (6-3) eingesetzt: (6-6) B = rMR ∙ SE Nach Division der Gleichung (6-4) durch Gleichung (6-6) und anschließender Umformung gilt: (6-7) MR 1 M = B r ⋅ Der Gleichung (6-7) ist zu entnehmen, wie hoch die Geldmenge bei alternativer monetärer Basis und alternativem Mindestreservesatz ausfällt. Die Differenzierung nach der monetären Basis liefert den Geldschöpfungsmultiplikator: (6-8) MR dM 1 = dB r Vahlens Kurzlehrbücher – Moritz – Geldtheorie und Geldpolitik, 3. Auflage Herstellung: Frau Hilgendorff Status: Druckdaten Stand: 19.04.12 Seite: 100 Vahlens Kurzlehrbücher – Moritz – Geldtheorie und Geldpolitik, 3. Auflage Herstellung: Frau Hilgendorff Status: Druckdaten Stand: 19.04.12 Seite: 101 6 Geldschöpfungsmultiplikator100 Daraus folgt: • Der Geldschöpfungsmultiplikator entspricht dem Kehrwert des Mindestreservesatzes. Beträgt z. B. der Mindestreservesatz 0,1 (10 %), dann ist der Geldschöpfungsmultiplikator 10. Eine Erhöhung der monetären Basis um eine Einheit erhöht die Geldmenge um zehn Einheiten. • Der Geldschöpfungsmultiplikator ist – da der Mindestreservesatz kleiner als eins ausfällt – größer als eins. Dies bedeutet: Eine Ausdehnung der monetären Basis führt immer zu einer vielfachen Ausdehnung der Geldmenge. Bei einem Mindestreservesatz von eins ist der Multiplikator ebenfalls eins. • Der Geldschöpfungsmultiplikator ist umso größer, je kleiner der Mindestreservesatz ausfällt. Der Grund liegt darin, dass weniger liquide Mittel bei der Zentralbank gehalten werden müssen. • Der Geldschöpfungsmultiplikator ist unabhängig davon, ob die Ausweitung der monetären Basis über die außenwirtschaftliche Komponente oder über die Refinanzierungskomponente erfolgt. Als nächstes soll der Kreditschöpfungsmultiplikator hergeleitet werden. Der Kreditschöpfungsmultiplikator gibt an, wie stark das Kreditschöpfungspotenzial der Kreditinstitute ansteigt, wenn die monetäre Basis um eine Einheit erhöht wird. Zur Herleitung des Kreditschöpfungsmultiplikators benötigen wir folgende Gleichungen: (6-9) B = NAF + RF Entstehungsseite der monetären Basis (6-10) M = NAF + KR Entstehungsseite der Geldmenge (6-11) MR 1 M = B r ⋅ Geldschöpfungsmultiplikator Herleitung des Kreditschöpfungsmultiplikators In Gleichung (6-9) wird die monetäre Basis durch die Entstehungsseite, in Gleichung (6-10) wird die Geldmenge von der Entstehungsseite definiert. Die Substitution von Gleichung (6-11) in Gleichung (6-10) liefert: (6-12) MR 1 B NAF + KR r ⋅ = bzw. (6-13) B = rMR · (NAF + KR) Setzt man die Beziehungen (6-9) und (6-13) gleich, so folgt: (6-14) NAF + RF = rMR · (NAF + KR) Nach Umstellung resultiert: (6-15) MR MR MR 1 r 1 KR = NAF + RF r r − ⋅ ⋅ Aus einem gegebenen Refinanzierungsvolumen, gegebenen Nettoauslandsforderungen der Zentralbank und einem gegebenen Mindestreservesatz lässt sich das Kreditvolumen ermitteln. Aus der Gleichung (6-15) geht allerdings hervor, Vahlens Kurzlehrbücher – Moritz – Geldtheorie und Geldpolitik, 3. Auflage Herstellung: Frau Hilgendorff Status: Druckdaten Stand: 19.04.12 Seite: 100 Vahlens Kurzlehrbücher – Moritz – Geldtheorie und Geldpolitik, 3. Auflage Herstellung: Frau Hilgendorff Status: Druckdaten Stand: 19.04.12 Seite: 101 6.2 Bargeldloser Zahlungsverkehr 101 dass das Kreditpotenzial abhängig von der Entstehung der monetären Basis ist. Aus diesem Grunde gibt es zwei unterschiedliche Kreditschöpfungsmultiplikatoren. Erfolgt die Ausdehnung der monetären Basis über die außenwirtschaftliche Komponente, so beträgt der Kreditschöpfungsmultiplikator: (6-16) MR MR dKR 1 r = dNAF r − Bei einer Erhöhung der monetären Basis über die Refinanzierungskomponente beträgt der Kreditschöpfungsmultiplikator hingegen: (6-17) MR dKR 1 = dRF r Aus den Gleichungen (6-16) und (6-17) resultieren folgende Ergebnisse: • Beide Kreditschöpfungsmultiplikatoren hängen von dem Mindestreservesatz ab. Je geringer der Mindestreservesatz, umso größer fällt das Kreditschöpfungspotenzial der Kreditinstitute aus. • Der Kreditschöpfungsmultiplikator im Fall einer Erhöhung der monetären Basis über die Refinanzierungskomponente entspricht dem Geldschöpfungsmultiplikator. • Das Kreditschöpfungspotenzial nimmt bei einer Erhöhung der monetären Basis über die Refinanzierungskomponente stärker zu als über eine Ausdehnung der außenwirtschaftlichen Komponente. • Der Kreditschöpfungsmultiplikator ist bei einer Erhöhung der monetären Basis über die Refinanzierungskomponente größer als eins, wenn der Mindestreservesatz unter eins liegt. Der Kreditschöpfungsmultiplikator ist bei einer Erhöhung der monetären Basis über die außenwirtschaftliche Komponente größer als eins, wenn der Mindestreservesatz unter 0,5 liegt. Diese unterschiedlichen Ergebnisse kommen zu Stande, weil die Geschäftsbanken keine Devisen halten. Eine Erhöhung der monetären Basis über die außenwirtschaftliche Komponente setzt daher voraus, dass die Geschäftsbanken Devisen von den Nichtbanken ankaufen und anschließend an die Zentralbank verkaufen. 6.2.3 Dynamische Analyse des Geldangebotsprozesses Im vorausgegangenen Abschnitt wurden die Multiplikatoren aus den Bilanzzusammenhängen sowie den Definitionen von Geldmenge und monetärer Basis ermittelt. Um die Hintergründe der abgeleiteten Ergebnisse sichtbar zu machen, werden wir den Geldschöpfungsprozess nun dynamisieren. Zur Illustration betrachten wir folgendes Beispiel: • In der Periode 1 verkauft ein Unternehmen Y einer Geschäftsbank A Devisen in Höhe von 1.000 Geldeinheiten (GE) und erhält dafür Sichteinlagen in gleicher Höhe. • Die Geschäftsbank A verkauft die Devisen an die Zentralbank gegen Sichtguthaben. • Der Mindestreservesatz betrage 0,1 (10 %). Vahlens Kurzlehrbücher – Moritz – Geldtheorie und Geldpolitik, 3. Auflage Herstellung: Frau Hilgendorff Status: Druckdaten Stand: 19.04.12 Seite: 102 Vahlens Kurzlehrbücher – Moritz – Geldtheorie und Geldpolitik, 3. Auflage Herstellung: Frau Hilgendorff Status: Druckdaten Stand: 19.04.12 Seite: 103 6 Geldschöpfungsmultiplikator102 • Die Geschäftsbanken vergeben Kredite stets in Höhe ihrer Überschussreserven. Die Vorgänge schlagen sich zunächst wie folgt in den Bilanzen der Zentralbank und der Geschäftsbank A nieder: Aktiva Passiva Nettoauslandsforderungen (NAFZB) + 1.000 Überschussreserven Bank A Mindestreserven Bank A + 900 + 100 Bilanz der Zentralbank in Periode 1 Aktiva Passiva Überschussreserven Bank A Mindestreserven Bank A + 900 + 100 Sichteinlagen Unternehmen Y + 1.000 Bilanz der Geschäftsbank A in Periode 1 Durch diese Vorgänge nehmen die Sichteinlagen der Nichtbanken bei den Geschäftsbanken und somit die Geldmenge M um 1.000 Geldeinheiten zu. Bei einem Mindestreservesatz von 10 % muss die Geschäftsbank 100 GE Mindestreserve hinterlegen. Die Geschäftsbank verfügt also über eine Überschussreserve von 900 GE. Durch den Ankauf der Devisen durch die Zentralbank erhöht sich die monetäre Basis um 1.000 GE. Die Überschussreserven in Höhe von 900 Geldeinheiten kann die Geschäftsbank A in der Periode 2 als Kredit vergeben. Wir unterstellen: • Die Geschäftsbank A stellt dem Haushalt X einen Kredit in Höhe von 900 GE zur Verfügung. Der Haushalt X erhält in gleicher Höhe eine Gutschrift in Form von Sichteinlagen. • Haushalt X kauft bei der Unternehmung W Güter und zahlt mit seinen Sichteinlagen. Unternehmen W unterhält ein Girokonto bei der Geschäftsbank B. Da von Kreditgewährungen innerhalb des Geschäftsbankensektors abstrahiert wird, muss die Geschäftsbank A 900 Einheiten Zentralbankgeld auf das Konto der Geschäftsbank B bei der Zentralbank überweisen. Dies hat zur Folge, dass die Bank A ihre gesamte Überschussreserve verliert. Dies ist eine wichtige Erkenntnis: Eine Geschäftsbank verliert Überschussreserven, wenn ein Kunde eine Überweisung an eine andere Geschäftsbank tätigt. Am Ende der Periode 2 erhalten wir für die Bilanz der Geschäftsbank A: Aktiva Passiva Mindestreserven Bank A Kredit Haushalt X + 100 + 900 Sichteinlagen Unternehmen Y + 1.000 Bilanz der Geschäftsbank A in Periode 2 Vahlens Kurzlehrbücher – Moritz – Geldtheorie und Geldpolitik, 3. Auflage Herstellung: Frau Hilgendorff Status: Druckdaten Stand: 19.04.12 Seite: 102 Vahlens Kurzlehrbücher – Moritz – Geldtheorie und Geldpolitik, 3. Auflage Herstellung: Frau Hilgendorff Status: Druckdaten Stand: 19.04.12 Seite: 103 6.2 Bargeldloser Zahlungsverkehr 103 Vergleichen wir die Bilanzen der Bank A in den beiden Perioden, so stellen wir fest, dass ein Aktivtausch stattgefunden hat. Die Überschussreserven sind durch die Kredite an Haushalt X substituiert worden. Bei der Geschäftsbank B hält das Unternehmen W Sichteinlagen in Höhe von 900 GE. Gleichzeitig erhält die Geschäftsbank B Einlagen in Höhe von 900 GE bei der Zentralbank. Da aufgrund der Sichteinlagen des Unternehmens W in Höhe von 900 GE Mindestreserven von 90 GE bei der Zentralbank hinterlegt werden müssen, betragen die Überschussreserven der Geschäftsbank B 810 GE. Diese Überlegungen zeigen, dass eine Geschäftsbank durch Überweisungen Liquidität in Form von Überschussreserven gewinnt. Die Bilanz der Geschäftsbank B und der Zentralbank entwickeln sich wie folgt: Aktiva Passiva Mindestreserven Bank B Überschussreserven Bank B + 90 + 810 Sichteinlagen Unternehmen W + 900 Bilanz der Geschäftsbank B in Periode 2 Aktiva Passiva Nettoauslandsforderungen (NAFZB) + 1.000 Mindestreserven Bank A Mindestreserven Bank B Überschussreserven Bank B + 100 + 90 + 810 Bilanz der Zentralbank in Periode 2 Die Überschussreserven in Höhe von 900 GE der Geschäftsbank A sind in der Bilanz der Zentralbank verschwunden. In gleicher Höhe hält die Geschäftsbank B nun Sichteinlagen bei der Zentralbank, von denen 90 GE gebunden sind und 810 GE zur freien Verfügung stehen. Durch die Einräumung von Sichteinlagen durch die Geschäftsbank B steigt die Geldmenge in der Periode 2 um 900 GE. Da der dadurch ausgelöste zusätzliche Bedarf an Mindestreserven durch einen Abbau der Überschussreserven der Kreditinstitute gedeckt wird, ändert sich die monetäre Basis nicht. Die Geschäftsbank B kann in der Periode 3 einen Kredit in Höhe der Überschussreserven von 810 GE einräumen, die ein Kunde zur Zahlung eines Güterkaufs bei einer Unternehmung verwendet. Die Konten der Unternehmung werden bei der Geschäftsbank C geführt. Dies hat zur Folge, dass die Geschäftsbank B ihre Überschussreserven verliert und die Geschäftsbank C in den Besitz von 810 GE bei der Zentralbank kommt, die sich aus 729 GE Überschussreserven und 81 GE Mindestreserven zusammensetzen. Die Geldmenge nimmt wie in der Periode 2 bei unveränderter monetärer Basis zu. Die dynamische Betrachtung wird an dieser Stelle abgebrochen. Der Anpassungsprozess kommt zum Stillstand, wenn die Geschäftsbanken über keine Vahlens Kurzlehrbücher – Moritz – Geldtheorie und Geldpolitik, 3. Auflage Herstellung: Frau Hilgendorff Status: Druckdaten Stand: 19.04.12 Seite: 104 Vahlens Kurzlehrbücher – Moritz – Geldtheorie und Geldpolitik, 3. Auflage Herstellung: Frau Hilgendorff Status: Druckdaten Stand: 19.04.12 Seite: 105 6 Geldschöpfungsmultiplikator104 Überschussreserven mehr verfügen. Der Anpassungsprozess ist in der folgenden Tabelle 6.1 dargestellt: Periode ∆KR ∆SE = ∆M ∆MR ÜR ∆B 1 – 1.000 100 900 (Bank A) 1.000 2 900 900 90 810 (Bank B) 0 3 810 810 81 729 (Bank C) 0 … … … … … 0 ∞ 0 0 0 0 0 ∑ 9.000 10.000 1.000 – 1.000 Tabelle 6.1: Entwicklung des Geldschöpfungsprozesses ohne Bargeldhaltung Der dynamische Prozess endet, wenn die Überschussreserven vollständig abgebaut sind. Die durch den Ankauf von Devisen seitens der Zentralbank geschaffene monetäre Basis in Höhe von 1.000 GE ist am Ende des Anpassungsprozesses vollständig in die Mindestreserven geflossen. Die neu geschaffene Geldmenge von 10.000 GE ergibt sich, wenn die Erhöhung der monetären Basis von 1.000 GE mit dem Geldschöpfungsmultiplikator multipliziert wird. Dieser nimmt bei einem Mindestreservesatz von 10 % den Wert 10 (= 1 ÷ 0,1) an. Das zusätzliche Kreditvolumen lässt sich über die Gleichung (6-16) bestimmen. Bei einem Mindestreservesatz von 0,1 beträgt der Kreditschöpfungsmultiplikator bei einer Erhöhung der monetären Basis über die außenwirtschaftliche Komponente 9, sodass bei einer Ausdehnung der monetären Basis von 1.000 GE das Kreditvolumen um 9.000 GE ansteigt. An dieser Stelle können wir auch die Frage klären, warum das Kreditvolumen bei einer Ausdehnung der monetären Basis über die Refinanzierungskomponente stärker ansteigt als bei einer Ausdehnung über die außenwirtschaftliche Komponente. Zu diesem Zweck führen wir eine kleine Modifikation des bisher analysierten Sachverhalts durch. Es wird unterstellt, dass die Zentralbank die monetäre Basis nicht über die außenwirtschaftliche Komponente, sondern über die Refinanzierungskomponente des Geldangebots erhöht. Die Zentralbank stellt den Geschäftsbanken in der ersten Periode zusätzliche Refinanzierungskredite zur Verfügung, welche durch die Geschäftsbanken auch ausgeschöpft werden. Dies bedeutet, dass die Geschäftsbanken am Ende der ersten Periode über 1.000 GE Überschussreserven verfügen, die für die Kreditvergabe eingesetzt werden können. Im ursprünglichen Beispiel, in dem die monetäre Basis über die außenwirtschaftliche Komponente erhöht wurde, standen hingegen am Ende der ersten Periode lediglich 900 GE als Überschussreserve zur Verfügung. Wie aus der Gleichung (6-8) hervorgeht, hängt der Wert des Multiplikators von der Höhe des Mindestreservesatzes ab. Diese Abhängigkeit können wir mit Hilfe des oben beschriebenen Anpassungsprozesses wie folgt verdeutlichen: Beträgt der Mindestreservesatz statt 10 % nur 5 %, dann muss die Bank A in Vahlens Kurzlehrbücher – Moritz – Geldtheorie und Geldpolitik, 3. Auflage Herstellung: Frau Hilgendorff Status: Druckdaten Stand: 19.04.12 Seite: 104 Vahlens Kurzlehrbücher – Moritz – Geldtheorie und Geldpolitik, 3. Auflage Herstellung: Frau Hilgendorff Status: Druckdaten Stand: 19.04.12 Seite: 105 6.3 Zahlungsverkehr mit Bargeldhaltung 105 der Periode 1 nur 50 Einheiten als Mindestreserve hinterlegen. Die Überschussreserven und damit die neu geschaffenen Kredite in der nächsten Periode betragen 950 statt 900 Einheiten, wodurch der Spielraum für zusätzliche Kredite steigt. Die Sickerverluste in Form von Mindestreserven sind bei niedrigerem Mindestreservesatz kleiner. Bitte beachten Sie, dass der hier beschriebene Anpassungsprozess rein fiktiv und aus didaktischen Gründen so gewählt worden ist. Die Geschäftsbanken müssen natürlich nicht die Kredite immer in Höhe der gegenwärtigen Überschussreserven vergeben. Betrachten wir z. B. die Periode 3. Die Geschäftsbank C verfügt über Überschussreserven in Höhe von 729. Vergeben die Geschäftsbanken in der Periode 4 einen Kredit in Höhe von 7.290 Geldeinheiten, dann entsteht eine Mindestreservepflicht von 729 GE, welche die Geschäftsbank erfüllen kann. Die Geschäftsbank wäre daher auch in der Lage, einem Kunden einen Kredit in Höhe von 7.290 zu gewähren. 6.3 Zahlungsverkehr mit Bargeldhaltung 6.3.1 Annahmen Im vorausgegangenen Abschnitt wurde der Geldschöpfungsprozess in einem Modell ohne Bargeldhaltung untersucht, um die Grundstruktur des Geldschöpfungsprozesses möglichst einfach darstellen zu können. In diesem Abschnitt wird das Basismodell um die Bargeldhaltung erweitert. Wir gehen der Frage nach, welchen Einfluss die Bargeldhaltung auf den Geldschöpfungsprozess ausübt. Die Bargeldhaltung wird im Wesentlichen von den Zahlungsgewohnheiten einer Volkswirtschaft determiniert. Es wird unterstellt, dass die Nichtbanken einen konstanten Anteil der Geldmenge (M) als Bargeld (C) halten möchten. (6-18) = C C b = M C+SE bzw. (6-19) C = b ∙ M mit: 0 ≤ b ≤ 1 b: Bargeldquote Der Anteil der Bargeldhaltung an der gesamten Geldmenge wird als Bargeldquote (b) bezeichnet. Bei einer Bargeldquote von null wünschen die Nichtbanken kein Bargeld, bei einer Bargeldquote von eins wünschen die Nichtbanken ausschließlich Bargeld als Zahlungsmittel zu verwenden. Unter Beachtung der Bargeldhaltung resultiert für die Bilanz der Zentralbank und für die konsolidierte Bilanz: Aktiva Passiva A. Nettoauslandsforderungen (NAFZB) B. Refinanzierungskredite (RF) C. Bargeldumlauf (C) D. Mindestreserven (MR) Bilanz der Zentralbank 6.3 Zahlungsverkehr mit Bargeldhaltung Vahlens Kurzlehrbücher – Moritz – Geldtheorie und Geldpolitik, 3. Auflage Herstellung: Frau Hilgendorff Status: Druckdaten Stand: 19.04.12 Seite: 106 Vahlens Kurzlehrbücher – Moritz – Geldtheorie und Geldpolitik, 3. Auflage Herstellung: Frau Hilgendorff Status: Druckdaten Stand: 19.04.12 Seite: 107 6 Geldschöpfungsmultiplikator106 Aktiva Passiva A. Kredite an Unternehmen und private Haushalte (KR) B. Nettoauslandsforderungen (NAF) C. Sichteinlagen inländischer Nichtbanken bei den Kreditinstituten (SE) D. Bargeldumlauf (C) Konsolidierte Bilanz der MFIs 6.3.2 Geld- und Kreditschöpfungsmultiplikatoren Zur Herleitung des Geldschöpfungsmultiplikators werden nun folgende Gleichungen benötigt: (6-20) B = MR + C Definition monetäre Basis (6-21) M = SE + C Definition Geldmenge (6-22) MR = rMR · SE Mindestreservevorschrift mit: 0 < rMR < 1 (6-23) C = b ∙ M Nachfrage nach Bargeld mit: 0 < b < 1 endogen: Geldmenge (M), Mindestreserve (MR), Sichteinlagen (SE), Bargeldumlauf (C) exogen: Mindestreservesatz (rMR), monetäre Basis (B), Bargeldquote (b) Zahlungsverkehr mit Bargeldhaltung Exogen sind nun der Mindestreservesatz, die monetärere Basis sowie die Bargeldquote. Unser Ziel ist es, das Gleichungssystem (6-20) bis (6-23) so umzuformen, dass die Geldmenge eine Funktion der monetären Basis und des Mindestreservesatzes ist: (6-24) ( )= MRM f B,r ,b Um Gleichung (6-24) herzuleiten, werden die Gleichungen (6-22) und (6-23) in die Gleichungen (6-20) und (6-21) substituiert. Daraus resultiert: (6-25) B = rMR ∙ SE + b ∙ M (6-26) M = SE + b ∙ M Die Auflösung der Gleichung (6-26) nach SE liefert: (6-27) SE = M – b ∙ M = (1 – b) ∙ M Die Substitution von Gleichung (6-27) in Gleichung (6-25) ergibt: (6-28) B = rMR ∙ (1 – b) ∙ M + b ∙ M = (rMR – rMR ∙ b + b) ∙ M Die Auflösung nach M liefert schließlich: Vahlens Kurzlehrbücher – Moritz – Geldtheorie und Geldpolitik, 3. Auflage Herstellung: Frau Hilgendorff Status: Druckdaten Stand: 19.04.12 Seite: 106 Vahlens Kurzlehrbücher – Moritz – Geldtheorie und Geldpolitik, 3. Auflage Herstellung: Frau Hilgendorff Status: Druckdaten Stand: 19.04.12 Seite: 107 6.3 Zahlungsverkehr mit Bargeldhaltung 107 (6-29) MR MR MR 1 1 M B B r r b b 1 (1 r ) (1 b) = = − ⋅ + − − ⋅ − Aus der Gleichung (6-29) lässt sich für eine gegebene monetärer Basis, eine gegebene Bargeldquote sowie einen gegebenen Mindestreservesatz die korrespondierende Geldmenge berechnen. Die Ableitung der Gleichung (6-29) nach der Geldmenge liefert den Geldschöpfungsmultiplikator: (6-30) MR MR MR dM 1 1 = = dB r r b b 1 (1 r ) (1 b)− ⋅ + − − ⋅ − Aus der Gleichung (6-30) geht hervor, dass der Geldschöpfungsmultiplikator umso größer ausfällt, • je geringer der Mindestreservesatz ausfällt. • je geringer die Bargeldquote ausfällt. Die Berücksichtigung der Bargeldquote führt demnach zu einer Verringerung des Geldschöpfungsmultiplikators. Erhebt die Zentralbank keine Mindestreserve (rMR = 0), dann ergibt sich für den Geldschöpfungsmultiplikator: (6-31) dM 1 = dB b In einem Geldsystem ohne Mindestreserve entspricht der Geldschöpfungsmultiplikator dem Kehrwert der Bargeldquote. Zur Herleitung des Kreditschöpfungsmultiplikators benötigen wir folgende Gleichungen: (6-32) B = NAF + RF Entstehungsseite der monetären Basis (6-33) M = NAF + KR Entstehungsseite der Geldmenge (6-34) M = m ∙ B Zusammenhang Geldmenge und monetäre Basis (6-35) ( ) ( )MR 1 m 1 1 r 1 b = − − ⋅ − Geldschöpfungsmultiplikator Herleitung des Kreditschöpfungsmultiplikators Das Ziel der folgenden Umformungen besteht darin, das Kreditvolumen in Abhängigkeit der Bargeldquote, des Mindestreservesatzes, der Nettoauslandsforderungen und der Refinanzierungskredite zu formulieren. Die Substitution von Gleichung (6-32) in Gleichung (6-34) liefert: (6-36) M = mNAF + mRF Gleichsetzung von (6-33) und (6-36) liefert: (6-37) NAF + KR = mNAF + mRF Nach Umstellung folgt: (6-38) KR = (m – 1)NAF + mRF Vahlens Kurzlehrbücher – Moritz – Geldtheorie und Geldpolitik, 3. Auflage Herstellung: Frau Hilgendorff Status: Druckdaten Stand: 19.04.12 Seite: 108 Vahlens Kurzlehrbücher – Moritz – Geldtheorie und Geldpolitik, 3. Auflage Herstellung: Frau Hilgendorff Status: Druckdaten Stand: 19.04.12 Seite: 109 6 Geldschöpfungsmultiplikator108 Unter Berücksichtigung von Gleichung (6-35) resultiert schließlich: (6-39) ( ) ( ) ( ) ( ) ( ) ( ) MR MR MR 1 b 1 r 1 KR = NAF RF 1 1 r 1 b 1 1 r 1 b − ⋅ − ⋅ + ⋅ − − ⋅ − − − ⋅ − Aus Gleichung (6-39) ergibt sich für den Kreditschöpfungsmultiplikator bei Ausdehnung der monetären Basis über die ausländische Komponente des Geldangebots: (6-40) ( ) ( ) ( ) ( ) MR MR 1 b 1 rdKR = dNAF 1 1 r 1 b − ⋅ − − − ⋅ − und bei einer Ausdehnung über die Refinanzierungskomponente: (6-41) ( ) ( )MR dKR 1 = dRF 1 1 r 1 b− − ⋅ − Es resultieren folgende Ergebnisse: • Beide Kreditschöpfungsmultiplikatoren sind umso größer, je geringer die Bargeldquote und je geringer der Mindestreservesatz ausfallen. • Der Kreditschöpfungsmultiplikator ist bei einer Erhöhung der monetären Basis über die Refinanzierungskomponente größer als bei einer Erhöhung über die außenwirtschaftliche Komponente. 6.3.3 Dynamische Betrachtung Zum besseren Verständnis der Multiplikatoren ergänzen wir unsere Ausführungen wiederum um eine dynamische Betrachtung. Zu diesem Zweck wird auf das Beispiel aus 6.2.3 zurückgegriffen. Dieses wird ergänzt um die Annahme, dass die Nichtbanken stets 25 % ihrer Zahlungsmittel in Form von Bargeld (b = 0,25) halten wollen. Betrachten wir die erste Periode. Die Modifikation bezüglich der Bargeldhaltung führt nun dazu, dass das Unternehmen Y 250 GE in Form von Bargeld halten möchte. Dieses Bargeld muss sich die Geschäftsbank A von der Zentralbank gegen Herausgabe von Überschussreserven besorgen. Auf den verbleibenden Sichteinlagen der Unternehmung Y von 750 GE muss die Geschäftsbank A 75 GE Mindestreserve hinterlegen. Die Überschussreserve der Geschäftsbank A am Ende der ersten Periode berechnet sich dann durch: 1.000 Sichtguthaben bei der Zentralbank durch Verkauf von Devisen – 250 Bargeldabhebung des Unternehmens Y – 75 Mindestreserven 675 Überschussreserven am Ende der 1. Periode Vahlens Kurzlehrbücher – Moritz – Geldtheorie und Geldpolitik, 3. Auflage Herstellung: Frau Hilgendorff Status: Druckdaten Stand: 19.04.12 Seite: 108 Vahlens Kurzlehrbücher – Moritz – Geldtheorie und Geldpolitik, 3. Auflage Herstellung: Frau Hilgendorff Status: Druckdaten Stand: 19.04.12 Seite: 109 6.3 Zahlungsverkehr mit Bargeldhaltung 109 Für die Entwicklung der Bilanzen gilt somit: Aktiva Passiva Nettoauslandsforderungen (NAFZB) + 1.000 Bargeldumlauf Überschussreserven Bank A Mindestreserven Bank A + 250 + 675 + 75 Bilanz der Zentralbank Aktiva Passiva Überschussreserven Bank A Mindestreserven Bank A + 675 + 75 Sichteinlagen Unternehmen Y + 750 Bilanz der Geschäftsbank A Die Geldmenge steigt in der ersten Periode um 1.000 GE. Die Ausdehnung der Geldmenge basiert auf der Erhöhung des Bargeldumlaufs um 250 GE und der Erhöhung des Sichtguthabens der Unternehmung Y bei der Geschäftsbank A um 750 GE. Die monetäre Basis nimmt ebenfalls um 1.000 GE zu. Der Geschäftsbank A verbleiben am Ende der ersten Periode Überschussreserven in Höhe von 675 GE, die sie zur Kreditvergabe an den Haushalt X verwenden kann. Der Haushalt X kauft bei der Unternehmung W Güter und bezahlt mit den im Zuge der Kreditvergabe eingeräumten Sichteinlagen. Die Unternehmung W unterhält ein Girokonto bei der Geschäftsbank B. Das Unternehmen W hebt 25 % (168,75 GE) der erhaltenen Sichteinlagen bar ab. Somit verbleibt ein Restguthaben in Höhe von 506,25 GE auf dem Girokonto bei der Bank B. Die Geschäftsbank A muss der Geschäftsbank B auf deren Konto bei der Zentralbank die 675 GE überweisen und verliert damit ihre gesamten Überschussreserven. Von den 675 GE Sichteinlagen bei der Zentralbank muss die Geschäftsbank B der Unternehmung Y 168,75 GE bar auszahlen und von den auf dem Girokonto verbleibenden Sichteinlagen in Höhe von 506,25 GE müssen 50,625 GE als Mindestreserve bei der Zentralbank hinterlegt werden. Der Geschäftsbank B verbleiben somit am Ende der zweiten Periode Überschussreserven in Höhe von 455,625 GE. Die Bilanzen am Ende der zweiten Periode sind nachstehend aufgelistet: Aktiva Passiva Mindestreserven Bank A Kredit (Haushalt X) + 75 + 675 Sichteinlagen Unternehmen Y + 750 Bilanz der Geschäftsbank A Vahlens Kurzlehrbücher – Moritz – Geldtheorie und Geldpolitik, 3. Auflage Herstellung: Frau Hilgendorff Status: Druckdaten Stand: 19.04.12 Seite: 110 Vahlens Kurzlehrbücher – Moritz – Geldtheorie und Geldpolitik, 3. Auflage Herstellung: Frau Hilgendorff Status: Druckdaten Stand: 19.04.12 Seite: 111 6 Geldschöpfungsmultiplikator110 Aktiva Passiva Mindestreserven Bank B Überschussreserven Bank B + 50,625 + 455,625 Sichteinlagen Unternehmen W + 506,25 Bilanz der Geschäftsbank B Aktiva Passiva Nettoauslandsforderungen (NAFZB) + 1.000 Mindestreserven Bank A Mindestreserven Bank B Überschussreserven Bank B Bargeldumlauf + 75 + 50,625 + 455,625 + 418,75 Bilanz der Zentralbank In der Periode 2 nehmen die Sichteinlagen um 506,25 GE und der Bargeldumlauf um 168,75 GE zu, sodass die Geldmenge um 675 GE ansteigt. Am Ende der Periode 2 verfügt die Geschäftsbank B über Überschussreserven von 455,625 GE, die in der dritten Periode als Kredit vergeben werden können. Die monetäre Basis bleibt von den Transaktionen in der Periode 2 unberührt. Wir brechen an dieser Stelle den Prozess ab. Die Entwicklung der monetären Größen ist in der folgenden Tabelle 6.2 dargestellt. Periode ∆Kredit ∆Bargeld ∆SE ∆M ∆MR ÜR 1 0 250 750 1.000 75 675 2 675 168,750 506,250 675 50,625 455,625 3 455,625 … … … … … … … … … … … … ∞ 0 0 0 0 0 0 ∑ 2.076,90 769,23 2.307,67 3.076,90 230,76 – Tabelle 6.2: Entwicklung des Geldschöpfungsprozesses mit Bargeldhaltung Der Geldschöpfungsprozess ist beendet, wenn die Erhöhung der Nettoauslandsforderungen vollständig in das Bargeld und die Mindestreserven geflossen ist. Es existieren keine Überschussreserven mehr. Die letzte Zeile der Tabelle 6.2 berechnet sich wie folgt: Bei einer Bargeldquote von 0,25 und einem Mindestreservesatz in Höhe von 0,1 resultiert gemäß Gleichung (6-30) ein Geldschöpfungsmultiplikator in Höhe von (6-42) ( ) ( )MR dM 1 1 1 = = = = 3,0769 dB 1 1 r 1 b 1 0,9 0,75 0,325− − ⋅ − − ⋅ Vahlens Kurzlehrbücher – Moritz – Geldtheorie und Geldpolitik, 3. Auflage Herstellung: Frau Hilgendorff Status: Druckdaten Stand: 19.04.12 Seite: 110 Vahlens Kurzlehrbücher – Moritz – Geldtheorie und Geldpolitik, 3. Auflage Herstellung: Frau Hilgendorff Status: Druckdaten Stand: 19.04.12 Seite: 111 6.3 Zahlungsverkehr mit Bargeldhaltung 111 Bei einer Erhöhung der monetären Basis um 1.000 GE resultiert daher eine Geldmengenerhöhung von 3.076,90 GE. Davon werden 75 % in Form von Sichteinlagen und 25 % in Form von Bargeld gehalten. Die Sichteinlagen erhöhen sich daher um 2.307,67 GE und der Bargeldumlauf um 769,23 GE. Auf die neu geschaffenen Sichteinlagen müssen 10 % Mindestreserven hinterlegt werden. Dies ergibt eine Erhöhung der Mindestreserven in Höhe von 230,76 GE. Der Kreditschöpfungsmultiplikator bei einer Erhöhung der monetären Basis über die außenwirtschaftliche Komponente lautet: (6-43) ( ) ( ) ( ) ( ) MR MR 1 b 1 rdKR 0,75 0,9 0,675 = = = = 2,0769 dNAF 1 1 r 1 b 1 0,75 0,9 0,325 − ⋅ − ⋅ − − ⋅ − − ⋅ Bei einem Kreditschöpfungsmultiplikator von 2,0769 und einer Erhöhung der monetären Basis von 1.000 resultiert eine Erhöhung der Kreditschöpfung in Höhe von 2.076,9 GE. Aus der dynamischen Betrachtung wird deutlich, warum die Multiplikatoren bei höherer Bargeldquote kleiner werden. Bei einer höheren Bargeldquote z. B. von 50 % werden in der ersten Periode 500 GE bar ausgezahlt. Da Bargeld ein Zahlungsmittel ist, welches die Geschäftsbanken nicht schaffen können, müssen sie entsprechend Überschussreserven in Bargeld umwandeln. Dadurch werden die Überschussreserven kleiner, sodass für die Kreditvergabe in den späteren Perioden weniger Mittel zur Verfügung stehen. 6.3.4 Geldschöpfungsmultiplikator mit Kassenhaltungskoeffizient Die Wünsche des Publikums bezüglich der Bargeldhaltung wurden bisher mittels des Bargeldkoeffizienten ausgedrückt. Alternativ können auch mit Hilfe des Kassenhaltungskoeffizienten die Liquiditätswünsche des Publikums beschrieben werden. Der Kassenhaltungskoeffizient (k) misst das Verhältnis aus Bargeldhaltung und Sichteinlagen: (6-44) C k = SE Zwischen Bargeldquote und Kassenhaltungskoeffizient besteht folgender Zusammenhang:142 (6-45) C C kSEb = = = CSE+C 1+k1+ SE Für einen gegebenen Wert des Kassenhaltungskoeffizienten ist die Bargeldquote, und umgekehrt für eine gegebene Bargeldquote ist der Kassenhaltungskoeffizient determiniert. Da der Multiplikator als (6-46) M m = B definiert werden kann, folgt unter Beachtung der Gleichungen (6-20) und (6-21): 142 Bitte beachten Sie, dass sich der hier definierte Kassenhaltungskoeffizient von dem in Kapitel 3 definierten Kassenhaltungskoeffizienten unterscheidet. Vahlens Kurzlehrbücher – Moritz – Geldtheorie und Geldpolitik, 3. Auflage Herstellung: Frau Hilgendorff Status: Druckdaten Stand: 19.04.12 Seite: 112 Vahlens Kurzlehrbücher – Moritz – Geldtheorie und Geldpolitik, 3. Auflage Herstellung: Frau Hilgendorff Status: Druckdaten Stand: 19.04.12 Seite: 113 6 Geldschöpfungsmultiplikator112 (6-47) SE+ C m = MR + C Werden Zähler und Nenner durch SE dividiert, dann resultiert: (6-48) MR C 1 1 kSEm = = MR C r k SE SE + + ++ Die Gleichung (6-48) gibt den Multiplikator in Abhängigkeit des Kassenhaltungskoeffizienten und des Mindestreservesatzes an. 6.4 Ausblick Die Zusammenhänge zwischen monetärer Basis und Geldmenge wurden unter sehr starken Vereinfachungen hergeleitet. So wurde einerseits vernachlässigt, dass die privaten Haushalte auch Spar- und Termineinlagen sowie Geldmarktfonds halten. Um diesen Aspekt lässt sich das Modell unschwer erweitern. Man kann dann Multiplikatoren für die verschiedenen Geldmengenaggregate ermitteln. Diese Modifikationsrichtung wollen wir aber hier nicht weiter verfolgen.143 Andererseits wurden die Geld- und Kreditschöpfungsmultiplikatoren mechanisch ohne Berücksichtigung der Ziele der Geschäftsbanken abgeleitet. Es wurde stets eine vollständige Ausnutzung des durch die Zentralbank bereitgestellten Kreditspielraums unterstellt. Insbesondere wurden sowohl die Kosten der Inanspruchnahme der Refinanzierungskredite als auch die Erträge aus der Kreditvergabe nicht weiter betrachtet. Da Kreditinstitute nach Gewinnmaximierung streben, müssen Refinanzierungszinsen wie auch Kreditmarktzinsen explizit in die Betrachtung aufgenommen werden. Die bisher vorgestellten Modelle sind demnach geeignet, den maximal möglichen Geldschöpfungsspielraum der Banken anzugeben. Es ist allerdings nicht zwingend, dass die Geschäftsbanken diesen Spielraum auch ausnutzen. Auf diese Aspekte werden wir im anschließenden Kapitel eingehen. 6.5 Aufgaben zu Kapitel 6144 Aufgabe 6.1 Was verstehen Sie unter einem Geldschöpfungsmultiplikator? Aufgabe 6.2 Leiten Sie den Geldschöpfungsmultiplikator für eine bargeldlose Volkswirtschaft formal her! 143 Der interessierte Leser sei auf Issing (2011), S. 65ff. verwiesen. 144 Die Lösungen zu den Übungsaufgaben finden Sie unter http://www.vahlen.de/. 6.4 Ausblick 6.5 Aufgaben zu Kapitel 6 Vahlens Kurzlehrbücher – Moritz – Geldtheorie und Geldpolitik, 3. Auflage Herstellung: Frau Hilgendorff Status: Druckdaten Stand: 19.04.12 Seite: 112 Vahlens Kurzlehrbücher – Moritz – Geldtheorie und Geldpolitik, 3. Auflage Herstellung: Frau Hilgendorff Status: Druckdaten Stand: 19.04.12 Seite: 113 6.5 Aufgaben zu Kapitel 6 113 Aufgabe 6.3 Warum ist der Geldschöpfungsmultiplikator umso kleiner, je größer der Mindestreservesatz und je größer die Bargeldquote ausfallen? Aufgabe 6.4 Berechnen Sie den Geldschöpfungsmultiplikator für b = 0,2 und rMR = 0,1! Wie stark müsste die monetäre Basis ausgedehnt werden, wenn die Geldmenge um 1000 Einheiten erhöht werden soll? Aufgabe 6.5 Der Geschäftsbankensektor verfügt momentan über Überschussreserven in Höhe von 20.000 Euro. Die Bargeldquote beträgt 10 %, der Mindestreservesatz 5 %. a) Berechnen Sie das maximal mögliche Geldschöpfungspotenzial! b) Um wie viel wird maximal der Bargeldumlauf zunehmen? c) Um wie viel werden die Mindestreserven maximal zunehmen? Aufgabe 6.6 Eine Geschäftsbank erhält von der Zentralbank einen Refinanzierungskredit in Höhe von 100.000 €. Entwickeln Sie unter Beachtung einer Bargeldquote von 10 % und einem Mindestreservesatz von 10 % die Anpassungsprozesse für die ersten drei Perioden! Die Geschäftsbanken vergeben Kredite stets in voller Höhe ihrer Überschussreserven. Aufgabe 6.7 Warum nehmen Kreditinstitute Refinanzierungskredite bei der Europäischen Zentralbank auf? Aufgabe 6.8 Die Europäische Zentralbank erwartet ein Wachstum des realen Bruttoinlandsprodukts von 5 % und einen Rückgang der Umlaufgeschwindigkeit von 2 %. Die angestrebte Inflationsrate betrage 2 %. Um wie viel Prozent muss die monetäre Basis erhöht werden, wenn der Geldschöpfungsmultiplikator 4 beträgt?

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References

Zusammenfassung

Die Zusammenhänge der Geldpolitik.

Moritz, Geldtheorie und Geldpolitik

3. Auflage. 2012.

ISBN 978-3-8006-4234-2

Geldpolitik komplett

Dieses Lehrbuch vermittelt die Grundkenntnisse der Geldtheorie und Geldpolitik anhand von konkreten Beispielen und den aktuellen geldpolitischen Entwicklungen. Die Übungsfragen am Kapitelende sorgen für einen höheren Lernerfolg.

Besonders aktuell: Geldpolitik

Die 3. Auflage berücksichtigt die aktuellen Entwicklungen der Europäischen Währungsunion und stellt die geld-politischen Zusammenhänge praktisch dar.

Besonders interessant

für Studenten der Wirtschaftswissenschaften an Universitäten, Fachhochschulen und Berufsakademien.